Cathérine de Montsalvy Juliette Benzoni Wie ein figurenreicher, kunstvoll gewebter, in satten Farben prunkender Gobelin breitet dieser Roman das höfische Leben in den Schlössern Karls VII. von Frankreich und das bewegte, reiche Schicksal einer schönen, wagemutigen Frau vor dem Leser aus. Cathérine de Montsalvy, junge Trägerin eines der ältesten Namen des Königreichs, Goldschmiedstochter, Fürstengeliebte und einstige Frau des hingerichteten burgundischen Finanzministers in einem erzwungenen, nie vollzogenen Ehebund, kennt nur ein Ziel: zum Sturz La Trémoilles, des königlichen Favoriten, beizutragen, der das Unglück des Mannes, den sie über alles liebt, verschuldet und den schwachen, vergnügungslüsternen König ins Netz seiner Ränke und Intrigen eingesponnen hat. Eine historische Kulissenkabale um Macht, Reichtum und pervertierte Lust wird zu erzählter Wirklichkeit. Ein weit gefaßter historischer Roman, der den Leser nicht aus seiner Spannung entläßt. Titel der Originalausgabe ›Cathérine des Grands Chemins‹ Erster Teil Der schwarze Diamant  Erstes Kapitel Der schwarze Diamant, den Cathérine in der Höhlung ihrer Hand hielt, glühte in seinem ganzen bösen Feuer und sprühte Funken über die Wände des großen Saals der Festung Carlat, in der Cathérine und die Ihren nach der Zerstörung von Montsalvy Zuflucht gefunden hatten. Einen Augenblick ließ sie ihn im Kerzenlicht des Lüsters schillern. Ein Geriesel von Sternen glitt über ihre Hand, untermischt mit blutroten Lichtern. Vor ihr, auf der samtenen Tischdecke, waren die anderen Juwelen aufgehäuft, die einst ihr täglicher Schmuck gewesen waren, als sie noch als allmächtige Mätresse und Angebetete Philippes von Burgund über Brügge und Dijon geherrscht hatte. Sie hatte sie kaum eines Blickes gewürdigt. Und doch lag da nun das außergewöhnliche Geschmeide aus Amethysten vom Ural, das Garin de Brazey, ihr erster Gatte, ihr zur Verlobung geschenkt hatte, lagen da die Rubine und Saphire, die Diamanten und Aquamarine, die Topase vom Roten Meer und die Karfunkel aus Sibirien, die Opale aus Ungarn und die Lapislazuli von Badaghschan und schließlich das bewundernswerte Kollier aus riesigen Smaragden, die vom Dschebel Sikait stammten, und dazu die indischen Diamanten, die Herzog Philippe ihr unter so vielen anderen Geschenken verehrt hatte. Doch einzig der schwarze Diamant, der einst das kostbarste Kleinod in der Sammlung des Finanzministers von Burgund gewesen war, hatte ihr Interesse erregt, als Pater Etienne Chariot dieses fabelhafte Kleinod aus seiner abgetragenen Kutte gezogen und es nachlässig vor sie hingeworfen hatte. Garin de Brazey hatte ihn einst von einem venetianischen Seemann gekauft, der ihn von einem indischen Götzenbild gestohlen hatte und nur zu glücklich gewesen war, sich seiner entledigen zu können: Der Diamant brachte Unglück. Anscheinend setzte er seine verruchte Laufbahn fort. Garin, zum Tode verurteilt, hatte sich im Gefängnis vergiftet, um der Schande zu entgehen, durch den Straßenschmutz zum Galgen geschleift zu werden; und hatte nicht über Cathérine, seiner Erbin, derselbe Bannfluch gelegen? Seitdem hatte das Unglück sie verfolgt, sie und diejenigen, die sie liebte. Arnaud de Montsalvy, ihr Gatte, zum Verräter und Treubrüchigen erklärt, weil er versucht hatte, Jehanne, »die Hexe«, zu befreien, war von dem allmächtigen Günstling Karls VII. Georges de La Trémoille, in einen fauligen Kerker geworfen worden. Er war zwar nicht umgekommen, hatte den Kerker aber nur verlassen, um sein Schloß Montsalvy auf Befehl des Königs niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht vorzufinden. Und dann war die Tragödie gekommen, das furchtbare Drama, vor acht Monaten, und wenn Cathérine daran dachte, überwältigte sie von neuem die Verzweiflung: der Aussatz, den er sich im Verlies La Trémoilles zugezogen hatte. Seit acht Monaten siechte Arnaud, auf ewig verdammt, in der Leprastation von Calves dahin, für die Seinen gestorben, tot für die Welt, am Leben nur, um zu leiden. Cathérines Finger schlossen sich um den Diamanten. Er war durch ihre Körperwärme jetzt warm, beinah lebendig geworden. Welche böse Macht barg er wohl in seiner schwarzen Pracht? In ihrer Hand verborgen, war er nichts weiter als ein harter Kiesel, von dem jedes mögliche Übel ausgehen konnte. Kein Zweifel, für ihn würden die Menschen sich schlagen, für ihn würde Blut fließen, wie viele Jahrhunderte noch? Sie fühlte sich versucht, ihn ins Feuer zu werfen, um ihn zu vernichten, zu zerstören. Wer aber würde diese Geste verstehen? Der treue Mönch, die alte Frau, ihre Schwiegermutter, die in ihrem hohen Sessel saß, stumme Bewunderung in den Augen? Der schwarze Diamant repräsentierte ein solches Vermögen … und Montsalvy, in Schutt und Asche, wartete darauf, wiederaufgebaut zu werden! Cathérine öffnete die Hand und ließ den Diamanten auf den Tisch rollen. »Welche Pracht!« seufzte Isabelle de Montsalvy. »In meinem ganzen Leben habe ich nichts Ähnliches gesehen! Das wird unser Familienschatz werden.« »Nein, Mutter«, widersprach Cathérine behutsam. »Ich werde den schwarzen Diamanten nicht behalten. Es liegt ein Fluch auf ihm. Er hat immer nur Unglück gebracht. Und außerdem bedeutet er viel Gold! Dieser schwarze Kiesel wird uns zu einem neuen Schloß, zu Bewaffneten, zu allem verhelfen, was wir brauchen, um aus Montsalvy wieder das zu machen, was es einstmals war, und meinem Sohn den Rang zu verschaffen, den nur Geld und Macht geben können. Jawohl … All dies birgt sich in diesem schwarzen Diamanten!« »Wie schade!« sagte Madame de Montsalvy. »Er ist so schön!« »Aber noch furchtbarer!« fiel Bruder Etienne ein. »Wißt Ihr, Madame Cathérine, daß Nicole Son, die Putzmacherin, die Euch in Rouen Asyl gewährte, ebenfalls tot ist?« »Tot? Wie ist das möglich?« »Ermordet! Sie war auf dem Weg, der Frau Herzogin von Bedford einen kostbaren Umhang aus Goldspitzen zu liefern. Man hat sie in der Seine wiedergefunden, mit durchgeschnittener Kehle …« Cathérine erwiderte nichts, aber der entsetzte Blick, den sie auf den Diamanten warf, war deutlich genug. Also tötete der verdammte Stein selbst die, die ihn nur aufbewahrten! Sie mußte sich von ihm trennen, je früher, desto besser. »Trotz allem«, fügte der Mönch mit leisem Lächeln hinzu, »sollten wir nichts übertreiben und uns vor Aberglauben hüten. Vielleicht handelt es sich nur um eine Reihe von Zufälligkeiten. Ihr werdet mir zugeben, daß ich ihn durch den größten Teil des Königreichs befördert habe, durch Gebiete, in denen Elend herrscht und es von Straßenräubern wimmelt … und daß mir nichts Böses zugestoßen ist!« Es war wirklich eine Art Wunder, daß es im tiefsten Winter, Anfang des Jahres 1433, dem Franziskaner von Mont Beuvray gelungen war, dieses von Elend heimgesuchte, von Mörderbanden und da und dort verstreuten englischen Garnisonen zum Weißbluten gebrachte Frankreich zu durchqueren, ohne daß jemand ahnte, daß er in einem groben Leinwandsäckchen unter seiner Kutte das Lösegeld eines Kaisers bei sich trug. Damals, als Cathérine und Arnaud de Montsalvy aus Rouen geflohen waren, noch in der Nacht der Hinrichtung der Jungfrau von Orléans, waren die Juwelen der jungen Frau in die Obhut ihres Freundes, des Maurermeisters Jean Son, gegeben worden, bis Bruder Etienne Chariot, der verläßlichste Geheimagent Yolandes, Herzogin von Anjou, Gräfin der Provence und Königin der vier Königreiche Aragon, Sizilien, Neapel und Jerusalem, Gelegenheit haben würde, sie ihrer rechtmäßigen Eigentümerin zurückzugeben. Seit Jahren trabten die großen, nackt in ihren Franziskanersandalen steckenden Füße Bruder Etiennes über die Landstraßen des Königreichs, trugen die Botschaften und übermittelten die Befehle der Königin Yolande, Schwiegermutter Karls VII., bis in die geheimsten Schlupfwinkel, in die tiefsten Verstecke des Volkes. Niemand mißtraute diesem kleinen, rundlichen Mönch, der immer lächelte und unter dessen freimütiger Liebenswürdigkeit sich wahre Intelligenz verbarg. Er war bei sinkendem Abend in Carlat eingetroffen. Seine beleibte Silhouette hatte sich vom Schnee abgezeichnet, als Hugh Kennedy, der schottische Gouverneur, eben die Ablösung der Wachen beaufsichtigte, und man hatte ihn unverzüglich zu Cathérine geführt. Den Mönch nach über achtzehn Monaten wiederzusehen war für die junge Gräfin eine wahre, durch ihr Herzeleid doppelt große Freude gewesen. Bruder Etienne war schon immer das vom Schicksal bestimmte Werkzeug gewesen, sie mit Arnaud zusammenzuführen. Seine Anwesenheit ließ die Erinnerung an kostbare Stunden in ihr aufleben, die ihr jetzt, wenn sie sie sich ins Gedächtnis zurückrief, nur das Herz zerrissen. Diesmal jedoch vermochte Bruder Etienne trotz all seines guten Willens nichts für ihre Vereinigung zu tun. Der Aussätzige und die, die auf dieser Welt um ihn trauerte, waren wie durch die Pforten eines Grabmals voneinander getrennt … Cathérine verließ den Tisch und trat zum Fenster. Jetzt war die Nacht völlig hereingebrochen, hatte sich jenseits des riesigen, kreisförmigen Hofs, auf den die Feuer aus der Küche einen roten Schein warfen, über das Land gesenkt. Aber seit langem brauchten die Augen der jungen Frau das Tageslicht nicht mehr, um die Richtung der Leprastation von Calves zu finden. Quer durch den Raum, durch Finsternis und Nacht, zogen sich die Bande, die sie an Arnaud de Montsalvy, ihren Gatten, ketteten, so stark und so schmerzhaft wie eh und je … Stundenlang konnte sie dort stehen, mit leerem Blick, und die Tränen, die abzuwischen sie sich nicht die Mühe nahm, rollten über ihr schönes Gesicht. Bruder Etienne hüstelte ein wenig und sagte dann mit leisem Vorwurf: »Madame … Ihr tut Euch großen Schaden an! Gibt es denn wirklich nichts, was Euren Schmerz lindern könnte?« »Nichts, Pater! Mein Gemahl war mein ganzes Leben. Ich hörte an dem Tage auf zu existieren, an dem …« Sie beendete den Satz nicht, schloß die Augen … Auf dem dunklen Grand ihrer Lider rief ihr mitleidsloses Gedächtnis ihr wieder das Bild eines kräftigen Mannes ins Bewußtsein, ganz in Schwarz gekleidet, der in die Sonne schritt, die Hände unter einer wogenden Haarflut vergraben, ihrem Haar, das sie geopfert hatte, um es wie einen fabelhaften Teppich unter die Füße des Mannes zu werfen, der von seinen Brüdern ausgestoßen worden war. Seitdem war das Haar nachgewachsen. Es lockte sich goldschimmernd um ihre Wangen, doch sie zog es erbarmungslos nach hinten, verbarg es unter ihrem schwarzen Witwenschleier oder unter der Haube aus weißem, gestärktem Linnen, die nur das reine Oval ihres Gesichts sehen ließ. Auch hatte sie sehnlichst gewünscht, diesem Gesicht den Glanz zu nehmen, wenn sie den bewundernden Blick Kennedys auffing oder den Ausdruck leidenschaftlicher Ergebenheit in den Augen ihres Knappen Gauthier bemerkte. Darum nahm sie auch nur selten ihren schwarzen Kopfschleier ab … Bruder Etienne musterte mit nachdenklichem Blick die schmale Gestalt, deren Grazie die strenge schwarze Kleidung nicht zu unterdrücken vermochte, das süße Gesicht mit den zärtlichen Lippen, die der Schmerz nur berührt hatte, um sie zu verfeinern und noch erregender zu machen, die großen veilchenblauen Augen, die im Leiden brannten, wie sie in der Leidenschaft gebrannt hatten. Und der gute Mönch ertappte sich beim Grübeln. Hatte Gott solche Schönheit wirklich geschaffen und gewollt, nur um sie verkümmern, ersticken zu lassen unter Trauerschleiern hinter den Mauern eines alten Schlosses in den Bergen der Auvergne? Hätte sie nicht einen zehn Monate alten Sohn gehabt, wäre Cathérine de Montsalvy ohne Zögern, das hatte sie ihm nicht verhohlen, Arnaud zu den Aussätzigen gefolgt und hätte sich freiwillig dem entsetzlichen Schicksal des langsamen Todes geweiht. Und nun suchte Bruder Etienne nach geeigneten Worten, die den Panzer des Kummers, den die junge Frau angelegt hatte, durchdringen konnten. Was sollte er ihr sagen? Von Gott zu sprechen war unnütz. Was bedeutete Gott einer so leidenschaftlich liebenden Frau, der Geliebten eines einzigen Mannes, die ihre Liebe zu einem Idol erhoben, auf einen geheimen Altar gestellt hatte? Für Arnaud, dem sie immer mit Leib und Seele angehören würde, hätte Cathérine freudig und ohne Zögern Satan und Hölle eingetauscht … Daher war er sehr erstaunt, sich sagen zu hören: »Man darf nie an der Vorsehung verzweifeln, Dame Cathérine. Sehr oft schlägt sie die, welche sie liebt, nur um sie desto höher zu belohnen …« Der schöne, traurige Mund verzog sich verächtlich. Cathérine hob überdrüssig die Schultern. »Was bedeutet schon Belohnung? Was gilt mir der Himmel, von dem Ihr mir zweifellos sprechen wollt, Bruder Etienne? Käme Gott, als ein Wunder, zu mir, würde ich zu ihm sagen: ›Seigneur, Ihr seid der allmächtige Gott. Gebt mir meinen Gatten wieder … und nehmt den Rest, selbst meine Unsterblichkeit, aber gebt ihn mir zurück!‹« Innerlich schalt der Mönch sich einen Idioten, trug aber dennoch eine verdrossene Miene zur Schau. »Madame, Ihr lästert! ›Nehmt den Rest‹, sagtet Ihr? Schließt Ihr in diesen Rest auch Euren Sohn ein?« Das schmale, von weißem Linnen umrahmte Gesicht wandte sich ihm mit Entsetzen zu. »Warum sagt Ihr das? Glaubt Ihr, ich sei noch nicht genügend heimgesucht worden? Seid versichert, ich habe nicht meinen Sohn gemeint, sondern nur so nutzlose Dinge wie Macht, Schönheit … oder das hier!« Sie deutete mit dem Finger auf den funkelnden Juwelenhaufen auf dem Tisch. Sie trat brüsk heran, nahm die Geschmeide in ihre Hände und hob sie ans Licht. »Das hier genügte, ganze Provinzen zu kaufen, und vor weniger als einem Jahr wäre ich glücklich gewesen, sie zurückzuerhalten, um sie ihm zu geben … ihm, meinem Gatten! In seinen Händen hätten sie sich in ein Leben des Glücks für uns und für unsere Leute verwandelt. Jetzt aber –«, langsam rollten die Steine in vielfarbigem Feuerregen aus ihren Fingern auf den Tisch, »– jetzt sind sie nicht mehr, als was sie sind, Juwelen, leblose Juwelen.« »Die Eurem Hause Leben und Macht geben werden. Dame Cathérine, beenden wir diese bittere Philosophie! Ich bin nicht einzig und allein hierhergekommen, um Euch einen Schatz zu bringen. Man hat mich zu Euch geschickt: Die Königin Yolande verlangt nach Euch.« »Nach mir? Ich glaubte nicht, daß sich die Königin meiner noch erinnert.« »Sie vergißt nie jemand, Madame … und am wenigsten diejenigen, die ihr treu gedient haben! Eins ist sicher: Sie wünscht Euch zu sehen. Fragt mich nicht, warum, die Königin hat sich nicht darüber ausgelassen … wenn ich auch nicht daran zweifeln kann.« Die dunklen Augen Cathérines musterten den Mönch. Sein unstetes Wanderleben schien ein erstaunlicher Jungbrunnen zu sein. Er hatte sich nicht verändert. Sein Gesicht war nach wie vor rund, frisch und offen. Doch Cathérine hatte so viel gelitten, daß sie sich angewöhnt hatte, allem zu mißtrauen. Die engelhafteste Gestalt schien ihr eine Drohung zu bergen, selbst die eines alten Freundes wie Bruder Etiennes. »Was hat die Königin Euch gesagt, als sie Euch zu mir schickte, Bruder Etienne? Könnt Ihr mir ihre Worte wiederholen?« Er neigte zustimmend den Kopf, doch sein Blick lag weiter auf der jungen Frau. »Gern. ›Es sind unstillbare Schmerzen‹, hat die Königin zu mir gesagt, ›aber selbst bei äußerstem Leid kann Rache zuweilen Linderung bringen. Geht und holt mir die Dame Cathérine de Montsalvy, und erinnert sie daran, daß sie nie aufgehört hat, dem Kreis meiner Hofdamen anzugehören. Ihr großes Leid sollte sie nicht von mir entfernen.‹« »Ich weiß ihr Dank, daß sie sich an mich erinnert, aber hat sie vergessen, daß alle Montsalvys verbannt sind, zu Verrätern und Treuebrüchigen erklärt wurden und vom königlichen Profos gesucht werden? Daß man tot oder aussätzig sein muß, um den Häschern zu entwischen? übrigens, die Königin hat mein Leid erwähnt. Weiß sie davon?« »Sie weiß stets alles. Messire Kennedy hat sie auf dem laufenden gehalten.« »Das heißt also, daß der gesamte Hof sich daran weidet!« bemerkte Cathérine bitter. »Was für ein Triumph für La Trémoille, den heldenmütigsten der Hauptleute des Königs im Siechenspital zu wissen!« »Niemand weiß davon außer der Königin! Und die Königin kann schweigen, Madame«, sagte der Mönch tadelnd. »Messire Kennedy hat sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit unterrichtet. Außerdem hat er den Leuten dieser Gegend wie seinen Soldaten angedroht, jedem, wer immer es sei, eigenhändig die Gurgel durchzuschneiden, der das wahre Schicksal Messire Arnauds verraten würde. Für die Welt ist Euer Gatte tot, Madame, selbst für den König! Mir scheint, Ihr wißt wenig davon, was unter Eurem eigenen Dach vorgeht.« Cathérine errötete. Es stimmte. Seit dem verwünschten Tag, an dem Arnaud zur Leprastation von Calves gebracht worden war, hatte sie sich in ihren Gemächern eingeschlossen, die sie nur bei Einbruch der Nacht verließ, um auf dem Wehrgang ein wenig Luft zu schöpfen. Dort verweilte sie einen langen Augenblick, unbeweglich zwischen zwei Stützbalken, immer in dieselbe Richtung starrend. Gauthier, der Normanne, den sie einst vor dem Galgen gerettet hatte, begleitete sie, hielt sich aber respektvoll zehn Schritte hinter ihr, wagte nicht, sie in ihren Gedanken zu stören. Nur Hugh Kennedy, der Gouverneur von Carlat, hatte den Mut, sich ihr zu nähern, wenn sie wieder hinunterstieg. Die Soldaten betrachteten diese Frau, die, schwarz gekleidet und verschleiert, stets aufrecht und stolz, außerhalb ihrer Gemächer nie ihr Gesicht zeigte, mit einer Mischung aus Mitleid und Besorgnis. Abends, am Feuer, sprachen sie von ihr, riefen sich die blendende Schönheit ins Gedächtnis zurück, die seit sechs Monaten keiner von ihnen wieder gesehen hatte. Die phantastischsten Geschichten machten die Runde. Man erzählte sich sogar, die schöne Gräfin habe sich das Haar abrasiert und sich entstellt, um nie wieder die Liebe eines Mannes erregen zu können. Die Leute im Dorf bekreuzigten sich, wenn sie ihr düsteres Musselintuch sanft im Abendwind gegen den roten Himmel flattern sahen. Und mählich wurde die schöne Gräfin de Montsalvy eine Legende … »Ihr habt recht«, erwiderte Cathérine nach einer kleinen Pause. »Ich weiß nicht, warum mich nichts mehr interessiert, ausgenommen vielleicht das Wort, das Ihr ausgesprochen habt: Rache … obgleich es im Munde eines Gottesmannes ziemlich seltsam klingt. Doch ich verstehe nicht, weshalb die Königin den Wunsch haben sollte, die Rache einer Geächteten zu unterstützen.« »Ihr werdet in dem Augenblick nicht mehr geächtet sein, Madame, in dem die Königin Euch zu sich ruft, dann seid Ihr in Sicherheit. Und was Eure Rache betrifft, so fügt es sich, daß sie mit den Wünschen Madame Yolandes übereinstimmt. Ihr überseht, daß die Unverschämtheit La Trémoilles keine Grenzen mehr kennt; daß die Truppen des Spaniers Villa-Andrado, der in seinem Sold steht, letzten Sommer Maine und Anjou, die persönlichen Ländereien der Königin, geplündert, gebrandschatzt und verwüstet haben. Die Stunde ist gekommen, mit dem Günstling Schluß zu machen, Madame. Reist Ihr ab? Ich darf hinzufügen, daß Messire Hugh Kennedy, der ebenfalls von der Königin zurückberufen wurde, Euch zusammen mit Eurem untertänigsten Diener das Geleit geben wird.« Zum erstenmal sah Bruder Etienne die Augen Cathérines blitzen, während ihr das Blut in die blassen Wangen stieg. »Wer wird dann Carlat bewachen? Und meinen Sohn und meine Mutter?« Der Mönch wandte sich zu Isabelle de Montsalvy, die immer noch reglos in ihrem Sessel saß. »Madame de Montsalvy soll sich mit dem Kind in die Abtei von Montsalvy begeben, wo der neue Abt, der jung und energisch ist, sie erwartet. Dort werden sie in Sicherheit sein, während sie darauf warten, daß Ihr beim König die Rehabilitierung Eures Gatten und die Freigabe seines Vermögens durchsetzt. Ein neuer, vom Grafen d'Armagnac entsandter Gouverneur wird von Carlat Besitz ergreifen. Überdies war Messire Kennedy nur vorübergehend hier. Werdet Ihr kommen?« Cathérine wandte sich ihrer Schwiegermutter zu, kniete mit einer Geste, die ihr inzwischen vertraut geworden war, vor ihr nieder und nahm die schönen, runzligen Hände in die ihren. Die Trennung von Arnaud hatte sie einander nähergebracht, wie Cathérine es nie für möglich gehalten hätte. Die anfänglich hochmütige Haltung der großen Dame gehörte der Vergangenheit an, war nur noch eine Erinnerung, und eine tiefe Zärtlichkeit, die keiner Worte bedurfte, um sich auszudrücken, vereinte die beiden Frauen. »Was soll ich tun, Mutter?« »Gehorchen, meine Tochter! Man sagt nicht nein, wenn die Königin Yolande ruft, und unser Haus kann durch Euren Aufenthalt da unten nur gewinnen.« »Ich weiß. Aber es fällt mir so schwer, Euch zu verlassen, Euch und Michel, und fern zu sein von …« Sie drehte sich von neuem zum Fenster, aber Isabelle zwang sie sanft, sich ihr wieder zuzuwenden. »Ihr liebt ihn zu sehr, als daß die Entfernung etwas bedeutete! Geht und habt keine Furcht. Ich werde doppelt über Michel wachen.« Cathérine küßte der alten Dame schnell die Finger und erhob sich. »Gut also, ich werde reisen.« Ihr Blick fiel plötzlich auf den Haufen kostbarer Steine auf dem Tisch. »Einen Teil davon nehme ich mit«, sagte sie, »denn ich werde Gold brauchen. Ihr hütet den Rest, Mutter, und macht nach Belieben davon Gebrauch. Ihr könnt leicht einige Steine gegen Taler tauschen.« Sie nahm den schwarzen Diamanten wieder in die Hand, preßte ihn zwischen den Fingern, als wollte sie ihn zermalmen. »Wo soll ich zur Königin stoßen?« »In Angers, Madame … Die Beziehungen zwischen dem König und seiner Schwiegermutter sind immer noch ziemlich gespannt. Die Königin Yolande ist auf ihren Ländereien sicherer als in Bourges oder in Chinon.« »Dann nach Angers. Wenn es Euch jedoch nichts ausmacht, reisen wir über Bourges. Ich möchte Maître Jacques Coeur bitten, mir einen Käufer für diesen verfluchten Stein zu finden.« Die Nachricht von der bevorstehenden Abreise erfüllte drei Personen mit großer Freude: Hugh Kennedy vor allem. Der Schotte fühlte sich in den Bergen der Auvergne nicht wohl, die ihn zwar an sein eigenes Land erinnerten, die er aber sehr schlecht kannte. Außerdem war ihm die Gefängnisluft der Festung, die von Cathérines Schmerz bis zum Ersticken geladene Atmosphäre unerträglich geworden. Er wurde zwischen der heftigen Neigung, die er für die junge Frau empfand, dem tiefen Wunsch, sie ihr Unglück vergessen zu machen, und dem Verlangen nach dem früheren guten Leben, den Schlachten, den Handstreichen, dem ungestümen Lagerleben und der herzhaften Männerkameradschaft von einst hin und her gerissen. Die reizenden, freundlichen Städte des Loiretals zu sehen und die Reise in Begleitung Cathérines zu machen, das war doppelte Freude! Er verlor keine Minute, um seine Vorbereitungen für die Abreise zu treffen. Auch für Gauthier war es eine gute Nachricht, aber aus einem anderen Grunde. Der riesige Normanne, der ehemalige Holzfäller, war von einer blinden, fanatischen, aber stummen Leidenschaft für die junge Frau durchdrungen. Er kniete im geistigen Sinne vor ihr wie der Gläubige vor einem Heiligenbild, und dieser Mann, der nicht an Gott glaubte, sondern seinen Glauben aus den uralten abergläubischen Bräuchen des Nordens nährte, aus antiken, mit den Drachenschiffen ins Land gebrachten Legenden, hatte aus seiner heidnischen Liebe für Cathérine eine Art Religion gemacht. Seit Arnaud de Montsalvy in die Leprastation gesperrt worden war und Cathérine ihn beweinte, hatte auch Gauthier aufgehört zu leben. Er fand keinen Geschmack an der Jagd und verließ die Festung überhaupt nicht mehr. Es war ihm unerträglich, sich auch nur einen Augenblick von Cathérine zu entfernen, und er hatte den seltsamen Eindruck, daß es um ihr Leben geschehen sei, wenn er aufhörte, über sie zu wachen. Aber wie lang einem die Zeit dabei wurde! Er sah mit an, wie sich die Tage aneinanderreihten, immer dasselbe, ohne daß man damit rechnen konnte, daß der Augenblick einträte, in dem Cathérine bereit wäre, ihren Kummer abzuschütteln. Und nun, wunderbarerweise, war dieser Augenblick gekommen! Man würde abreisen, dieses verfluchte Schloß verlassen, endlich etwas unternehmen! Und Gauthier in seiner simplen Seele war nicht weit davon entfernt, den kleinen Mönch vom Mont Beuvray für einen Wundermann zu halten. Die dritte Person war Sara, die treue, ins Abendland verschlagene Zigeunerin, die Cathérine aufgezogen hatte und ihr durch alle Stadien ihres bewegten Lebens gefolgt war. Mit mehr als fünfundvierzig Jahren hatte Sara, die Schwarze, sich ihre Jugend und Vitalität bewahrt. Ihr dichtes schwarzes Haar wies kaum graue Fäden auf. Ihre braune Haut, glatt und zart, zeigte kein einziges Fältchen. Nur eine behagliche Körperfülle hatte sie sich angegessen, die sie für lange Ritte untauglich machte; aber die ererbte Liebe für die Landstraßen überwand die Sorge um das eigene Wohlbefinden, und wie Gauthier litt sie Qualen, wenn sie sah, wie Cathérine sich lebendig in der Auvergne begrub und nur noch für den dünnen Faden existierte, der sie mit dem Klausner von Calves verband. Die Ankunft Bruder Etiennes war ein wahrer Segen. Der Ruf der Königin würde die junge Frau aus ihrem Schmerz reißen, würde sie nolens volens zwingen, sich wieder dieser Welt zuzuwenden, die sie ablehnte. Und Sara wünschte im Grunde ihres liebenden Herzens, daß Cathérine sich finge und das Leben wieder liebte. Dabei ging sie nicht so weit, ihr eine neue Liebschaft zu wünschen: Cathérine war eine Frau, die nur eine einzige Leidenschaft kannte. Trotzdem, das Leben renkt die Dinge ein! Oft, in der Stille der Nacht, hatte Sara, die Zigeunerin, das Feuer und das Wasser befragt, um ihnen das Geheimnis der Zukunft zu entlocken. Aber das Feuer verlosch, das Wasser blieb klar, und alle Visionen, die sie bisweilen hatte, bewahrheiteten sich nicht. Das Buch des Schicksals blieb für Sara seit dem Aufbruch Arnauds verschlossen. Ein einziger Umstand quälte sie: den kleinen Michel verlassen zu müssen, für den sie ein Gefühl empfand, das sehr nahe an Anbetung grenzte. Aber Sara ließ nicht zu, daß Cathérine sich allein in ein Abenteuer stürzte. Der Hof war ein gefährlicher Ort, und die Zigeunerin nahm sich vor, sich persönlich um die junge Frau zu kümmern. Seelisch verwundet und dadurch anfällig geworden, hatte Cathérine es nötig, daß man ein wachsames Auge auf sie hielt. Michel, das wußte Sara wohl, würde vollkommen sicher sein, und es würde ihm bei seiner Großmutter an nichts fehlen, die ihn vergötterte und mit jedem Tag mehr den verlorenen Sohn in ihm wiederfand. In einigen Wochen würde das Kind ein Jahr alt sein. Groß und kräftig für sein Alter, war es das prächtigste Baby, das Sara je gesehen hatte: Rund und rosig, hatte es hübsche, klare blaue Augen, und kräftige Locken, strahlend wie Goldspäne, bedeckten dicht seinen Kopf. Michel betrachtete alles mit ernster Miene; wenn er aber lachte, erstickte er fast. Er zeigte sich bereits sehr tapfer, und nur die Entzündung seiner Wangen kündigte das Zahnen an, denn das Baby weinte nicht. Wenn es zu sehr litt, liefen ihm große Tränen die Wangen hinunter, aber seinem kleinen, schmerzverzogenen Mund entrang sich kein Laut. Die Garnison wie die Bauern beteten es einhellig an, und Michel, sich seiner Macht schon bewußt, herrschte über seine Umwelt wie ein kleiner Tyrann, wobei seine bevorzugten Sklaven seine Mutter, seine Großmutter, Sara und die alte Donatienne, die als Kammerfrau bei Dame Isabelle dienende Bäuerin aus Montsalvy, waren. Gauthier gegenüber verhielt sich das Kerlchen abwartend. Der blonde Normanne beeindruckte es durch seine ungeheuren Kräfte, und das Kind behandelte ihn auf seine Weise. Anders ausgedrückt: Es ließ an ihm keine seiner Launen aus, die einzig und allein den vier Frauen vorbehalten waren. Bei Gauthier war man unter Männern, und Michel fand immer ein breites Lächeln für seinen riesenhaften Freund. Ihren Sohn zu verlassen bedeutete für Cathérine ein schweres Opfer. Die ganze Liebe, die sie dem Vater nicht mehr geben konnte, hatte sie auf ihn übertragen und umgab ihn mit einer unruhigen, stets wachsamen Zärtlichkeit. Sie ging mit ihm um wie der Geizhals mit seinen Schätzen. Er war die einzigartige, wunderbare Erinnerung an den Abwesenden, das Kind, das nie Brüder oder Schwestern haben würde. Er war der Letzte der Montsalvy. Ganz gleich um welchen Preis, mußte man ihm eine Zukunft bauen, die seiner Vorfahren und besonders seines Vaters würdig war. Und aus diesem Grunde überwachte die junge Frau, tapfer ihre Tränen unterdrückend, die Vorbereitungen der Trennung von ihrem Sohn und seiner Großmutter. Aber wie schwer war es, nicht zu weinen, während man die kleinen Kleidungsstücke, die zum größten Teil das Werk ihrer sorgsamen Hände waren, behutsam in einem Lederkoffer verstaute! »Mein Kummer ist selbstsüchtig, siehst du!« sagte sie zu Sara, die ihr mit harten Augen und zusammengepreßten Lippen half und sich bemühte, Haltung zu bewahren, »ich weiß, daß Mutter ebenso gut auf ihn aufpassen wird, wie ich es könnte. Ich weiß, daß ihm in der Abtei nichts zustoßen kann, daß er vor allem Bösen, allem Schmerz behütet und daß unsere Abwesenheit, wie ich hoffe, kurz sein wird. Trotzdem mache ich mir große Sorgen!« »Glaubst du, mir ist es nicht schmerzlich, ihn zu verlassen? Aber schließlich reisen wir für ihn da hinunter, und wenn es für sein Wohl ist, fällt mir nichts zu schwer!« Und um die Zuverlässigkeit ihrer Überzeugung zu demonstrieren, machte sich Sara mit Eifer daran, die kleinen Hemden des Kindes im Koffer zu verstauen. Trotz allem mußte Cathérine leise lächeln. Ihre alte Sara würde sich nie ändern! Selbst wenn sie vor Kummer erstickte, ließ sie sich lieber in Stücke hauen, als es einzugestehen. Im allgemeinen verwandelte sich bei ihr der Kummer in Wut, die sie an unschuldigen Objekten ausließ. Seitdem Sara wußte, daß sie sich für einige Zeit von ihrem geliebten Säugling trennen mußte, hatte sie bereits zwei Näpfe, eine Schüssel, einen Wasserkrug, einen Schemel und eine Holzstatue des heiligen Géraud zerbrochen, worauf sie in die Kapelle gestürzt war, um den Himmel um Vergebung für ihre unfreiwillige Freveltat anzuflehen. Während sie sich mit grimmiger Entschlossenheit weiter an die Füllung des Koffers machte, murmelte sie: »Im Grunde ist es eine gute Sache, daß Fortunat sich weigert, uns zu folgen. In ihm wird Michel einen tüchtigen Verteidiger haben, und dann …« Sie hielt unvermittelt inne, biß sich auf die Zunge, wie sie es immer tat, wenn sich ihre laut ausgesprochenen Gedanken Arnaud de Montsalvy zuwandten. Der kleine gaskognische Schildknappe zeigte in der Tat fast ebenso tiefen Schmerz wie Cathérine. Er hegte für seinen Herrn eine glühende und unbedingte Ehrerbietung, wie sie manche Männer bei ihren Gefolgsleuten zu wecken verstehen. Er bewunderte ihn ob seiner Tapferkeit und seines untrüglichen Ehrgefühls, ob seiner Befähigung als Kriegsmann und auch dessentwegen, was die Feldhauptleute Karls VII. ›den abscheulichen Montsalvy-Charakter‹ nannten: eine seltsame Mischung von Gewalttätigkeit, Humanität, von Schroffheit und unerschütterlicher Loyalität. Daß die furchtbare Lepra seinen Gott hatte befallen können, war zuerst ein Schock für Fortunat gewesen, dann hatte er sich zornig gegen das Schicksal aufgelehnt und war schließlich in Verzweiflung versunken, die abzuschütteln ihm noch nicht gelungen war. An dem Tag, an dem Arnaud die Seinen auf immer verlassen mußte, hatte Fortunat sich tief in einen Turm verkrochen und sich geweigert, dem entsetzlichen Abschied beizuwohnen. Hugh Kennedy hatte ihn auf dem nackten Boden liegend angetroffen, wie ein Kind schluchzend und beide Fäuste an die Ohren pressend, um das Läuten der Totenglocke nicht hören zu müssen. Seit diesem Tag schleppte sich Fortunat durch die Festung wie eine im Fegefeuer schmachtende Seele, fand keinen Geschmack am Leben mehr, außer einmal in der Woche, am Freitag, wenn er zum Spital von Calves ging und einen Korb mit Lebensmitteln am Turm des Gotteshauses abstellte. Bei diesen wöchentlichen Besuchen einer verschlossenen Pforte lehnte Fortunat jede Begleitung ab. Er wollte allein sein. Selbst Gauthier, der ihm inzwischen ans Herz gewachsen war, hatte nie die Erlaubnis erhalten, ihn zu begleiten. Und nie hatte der kleine Gaskogner sich ein Pferd für den Weg nach Calves geben lassen. Zu Fuß, wie auf einer Pilgerfahrt, legte er die anderthalb Wegstunden von Carlat zur Leprastation zurück, unter das schwere Gewicht des Korbes und auf dem Rückweg unter das seines tiefen Kummers gebeugt. Von Mitleid gerührt, hatte Cathérine ihn nötigen wollen, sich ein Reitpferd zu nehmen, doch Fortunat hatte sich geweigert. »Nein, Dame Cathérine, nicht einmal einen Esel! ›Er‹ hat nicht mehr das Recht, die Pferde zu besteigen, die er so sehr liebt; da werde ich, sein Knappe, auch nicht zu Pferde zu meinem geschlagenen Herrn gehen!« Der Adel und die Liebe, die aus diesen Worten sprachen, hatten Cathérine erschüttert. Sie hatte also nicht mehr darauf bestanden, sondern hatte den kleinen Mann mit feuchten Augen an den Schultern ergriffen und ihn schwesterlich auf beide Wangen geküßt. »Du bist tapferer als ich«, hatte sie zu ihm gesagt, »die ich nicht den Mut habe, dorthin zu gehen. Ich glaube, ich würde vor dieser Pforte, die sich niemals öffnet, sterben. Ich begnüge mich damit, von weitem den Rauch des Schornsteins zu betrachten … Ich bin nur eine Frau«, hatte sie demütig hinzugefügt. Doch an diesem Abend, an dem sie Fortunat hatte rufen lassen, um ihm die letzten Anweisungen vor dem Aufbruch nach Montsalvy zu geben, hatte sie sich nicht enthalten können, zu ihm zu sagen: »Von Montsalvy nach Calves sind es mehr als fünf Meilen, Fortunat! Du solltest dich endlich entschließen, ein Pferd oder zumindest ein Maultier zu nehmen. Du brauchst dein Reittier nur in einiger Entfernung von …« Das peinliche, den verworfenen Ort näher bezeichnende Wort kam nie über ihre Lippen. Doch Fortunat schüttelte den Kopf. »Ich werde zwei Tage hin und zurück brauchen, Dame Cathérine, das ist alles!« Auch diesmal erwiderte Cathérine nichts. Sie verstand im Grunde das Bedürfnis des kleinen Gaskogners, auf seine Weise zu leiden, wenn er zu dem ging, der nur noch Leid zu erdulden hatte. Aber zwischen den Zähnen, nur für sich, murmelte die junge Frau, die Hände aneinanderpressend: »Eines Tages … werde auch ich hinübergehen! Und werde nie zurückkehren …« Am Morgen beobachtete Cathérine, aufrecht auf dem Wall stehend, hinter ihr Sara und Gauthier, wie ihr Sohn und ihre Schwiegermutter Carlat verließen. Durch ihren schwarzen Schleier geschützt, sah sie die uralte Sänfte, ein schwerfälliges Möbel mit dicken Ledervorhängen, das man für diese Gelegenheit aus einem Winkel des Marstalls ausgegraben hatte, sich durch die Pforte der Umwallung bewegen. Ein eisiger Wind fegte durch das schneebedeckte Tal, doch in der Sänfte, in der man mit rotglühenden Kohlen gefüllte Behälter aufgestellt und Decken aufgehäuft hatte, würde Michel zwischen seiner Großmutter und Donatienne nicht frieren. Inmitten seiner bis an die Zähne bewaffneten Eskorte ging der kleine Knabe der Ruhe und Sicherheit entgegen, aber seine Mutter konnte die Tränen nicht zurückhalten. Da niemand hinter das zarte Bollwerk des Musselins blicken konnte, vergab sie sich nichts damit. Auf den Lippen spürte sie noch die frischen, samtenen Wangen des Kindes. Sie hatte es in einem plötzlichen Ausbruch von Leidenschaft geküßt, innerlich von der erzwungenen Trennung gepeinigt, bevor sie es seiner Großmutter wieder in die Arme gab. Dann hatten die beiden Frauen sich wortlos umarmt, doch als Isabelle de Montsalvy in die Sänfte stieg, hatte sie mit dem Daumen vor der Stirn der jungen Frau das Zeichen des Kreuzes gemacht. Dann hatte sie Michel fester in die Arme geschlossen, und die Ledervorhänge waren hinter ihnen zugefallen. Jetzt wand sich der Zug den steilen Abhang hinunter und erreichte die ersten Häuser des Dorfs. Von ihrem Beobachtungsposten aus konnte Cathérine die roten oder blauen Mützen einiger an der Kirche versammelter Bauern sehen. Frauen traten aus ihren Häusern, einige hatten Spinnrocken in der Hand und das Wollgarn in einem Weidenkorb dabei. Als die Sänfte vorbeizog, wurden die Kappen abgenommen. Absolute Stille breitete sich über das wie in ein Leichentuch gehüllte weiße Land. Der Rauch der Kamine zeichnete da und dort dünne graue Spiralen in die Luft, über den Bergen, wo die Kastanien, ihres sommerlichen Laubs beraubt, ihre schwarzen Gerippe zum Himmel reckten, drang eine mühselige Sonne durch die Wolken, beschien die rußfarbenen Lanzenspitzen der Soldaten der Eskorte, ließ sie düster glänzen und färbte die Reiherfedern der Helme gelb. Ian MacLaren, Hugh Kennedys Leutnant, befehligte das Detachement von Schotten, das beauftragt war, den kleinen Seigneur und seine Großmutter nach Montsalvy zu geleiten. Die Abteilung sollte tags darauf zurück sein. Die Abreise nach Norden würde am Mittwoch stattfinden. Als ein sich bis ins Tal hinunterziehendes Gehölz den kleinen Trupp verschluckt hatte und nur noch eine tiefe Doppelspur im Schnee zurückblieb, drehte Cathérine sich um. Sara, die Hände auf der Brust verschlungen, die Augen voller Tränen, blickte starr auf die Stelle, wo der Trupp verschwunden war. Cathérine sah, daß ihre Lippen zitterten. Dann suchte sie den Blick Gauthiers, aber er schenkte ihr keine Aufmerksamkeit. Nach Westen gewandt, schien er etwas zu hören. Der Ausdruck seines derben Gesichts war so gespannt, daß Cathérine, die sein Jagdhundgespür kannte, sofort unruhig wurde. »Was ist los? Hörst du etwas?« Ohne zu antworten, machte er ein bejahendes Zeichen und lief zur Treppe. Cathérine folgte ihm, blieb aber schnell hinter den weitausgreifenden Schritten des Normannen zurück. Sie sah ihn eiligst den Hof überqueren, unter dem Schutzdach verschwinden, wo der Hufschmied arbeitete, und gleich darauf mit Kennedy wieder zum Vorschein kommen. Gleichzeitig gellte der Ruf eines Wächters von der Turmspitze: »Bewaffneter Trupp in Sicht!« Das Kleid raffend, stieg sie die wenigen Stufen wieder empor, die sie heruntergekommen war, und lief, von Sara gefolgt, den langen Wehrgang entlang zum Schwarzen Turm. Die Ankündigung dieses Trupps verstärkte ihre Angst um ihren Sohn, obgleich er sich aus der entgegengesetzten Richtung zu nähern schien, als die Eskorte eingeschlagen hatte. Sie erreichte die vorspringende Turmwehr just in dem Augenblick, in dem Gauthier und der Gouverneur, rot und außer Atem vom schnellen Treppensteigen, oben erschienen. Sofort stürzten sie zu den Schießscharten. Tatsächlich war auf der Straße von Aurillac ein starker Trupp aufgetaucht. Er zeichnete sich auf dem Schnee als lange graue Spur ab, wie ein stumpf schimmernder Schlammstrom, der näher kam, näher kam, näher … Wenige Banner, deren Farben auf diese Entfernung übrigens nicht zu unterscheiden waren, aber an der Spitze flatterte etwas Langes, Rotes im Wind. Cathérine versuchte, mit zusammengekniffenen Augen das eingestickte Wappen zu erkennen, und gab es dann auf. Aber Gauthiers scharfe Augen hatten es schon entziffert. »Viergeteiltes Wappen!« sagte er kurz. »Halbmonde und Querstreifen, das habe ich doch schon irgendwo gesehen …!« Cathérine gestattete sich ein dünnes Lächeln. »Du wirst noch ein Gelehrter werden«, sagte sie. »Nächstens tust du es den königlichen Heraldikern gleich!« Aber Kennedy lächelte nicht. Sein ziegelsteinrotes Gesicht mit dem vorwurfsvollen Zug um die schmollenden Lippen sah unheilverkündend aus. Er wandte sich ab, brüllte etwas in seinem groben Dialekt und fügte hinzu: »Das Fallgatter herunter! Zugbrücke hoch! Die Bogenschützen auf die Mauern!« Sofort war die Festung von Betriebsamkeit erfüllt. Mit Bogen und Hellebarden bewaffnet, stiegen die Männer auf die Mauern, während andere die Zugbrücke und das Fallgatter bedienten. Gutturale Schreie, Rufe, Waffenklirren, emsiges Hin- und Herlaufen in jeder Richtung. Das noch vor einem Augenblick unter dem Schnee schlummernde Schloß war jäh erwacht. Schon stapelte man in den Wehrgängen Holzscheite auf und schleppte die großen Töpfe für das kochende Öl heran. Cathérine trat zu Kennedy. »Ihr setzt das Schloß in Verteidigungszustand? Warum?« fragte sie. »Wer nähert sich uns?« »Villa-Andrado, der Hund von Kastilien!« gab er kurz zurück. Und um zu zeigen, welche Achtung er für den Ankömmling empfand, spuckte der Schotte in großem Bogen aus und fügte hinzu: »Gestern nacht haben die Wachen einen Feuerschein von Aurillac her beobachtet. Ich hatte der Sache keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt, aber ich muß zugeben, daß ich unrecht hatte. Das war er!« Cathérine wandte sich ab und lehnte sich an einen der riesigen Pfeiler. Sie zupfte ihren Schleier zurecht, den der Wind aufflattern ließ, um die plötzliche Röte, die ihr in die Wangen gestiegen war, besser zu verbergen, dann schob sie die erstarrten Hände in ihre weiten Ärmel. Der Name des Spaniers rief so viele Erinnerungen wach! In der Tat hatten Gauthier und sie selbst das rotgoldene Banner schon gesehen: vor etwa einem Jahr auf den Wällen von Ventadour, aus dem Villa-Andrado die Vicomtes verjagt hatte. Und Arnaud hatte sich damals mit den Leuten des Kastiliers herumgeschlagen. Schnell schloß die junge Frau die Augen, versuchte vergebens, eine heiße Träne zurückzuhalten. Sie sah die Höhle wieder, auf der Sohle des schmalen, tief eingeschnittenen Tals, das Ventadour wie ein Burggraben umschloß, jene unsichere Zuflucht der Schäfer, in der sie während des Kampfes ihren Sohn zur Welt gebracht hatte. Sie sah das rötliche Flackern des Feuers und die hohe schwarze Silhouette Arnauds, die sich gleich einem Wall zwischen ihr und der Blutgier der Söldner erhob. Aber sie sah auch das kantige Gesicht des vor ihr knienden Villa-Andrado vor sich, die begehrlich-lüsterne Flamme im Hintergrund seiner Augen. Er hatte ihr ein Gedicht rezitiert, aber sie hatte die Worte vergessen, und außerdem hatte er als ritterlicher Feind Lebensmittel geschickt, damit Mutter und Kind wieder zu Kräften kämen. Sie hätte ihn in dankbarer Erinnerung bewahrt, wäre nicht die furchtbare Überraschung gewesen, die am Ziel ihrer Reise auf sie wartete: Montsalvy dem Erdboden gleichgemacht, niedergebrannt bis auf die Grundfesten von jenem Valette, dem Leutnant Villa-Andrados, der nach seinen Befehlen handelte. Bernard d'Armagnac hatte Valette aufhängen lassen; aber hatte sich dadurch das Verbrechen seines Herrn vermindert? Und jetzt ritt er auf Carlat zu, lebendes Symbol des Fluches, der auf den Montsalvys lag. Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, daß Bruder Etienne in ihrer Nähe stand. Die Hände in seinen Kuttenärmeln vergraben, beobachtete der kleine Mönch aufmerksam die sich nähernde Kolonne. Aufmerksam, doch ohne ersichtliche Unruhe. Cathérine glaubte sogar, ein leises Lächeln über seine Lippen huschen zu sehen. »Diese sich nähernde Truppe scheint Euch zu belustigen«, sagte sie ziemlich trocken. »Das wäre zuviel gesagt. Sie interessiert mich … und sie erstaunt mich. Merkwürdiger Mann, dieser Kastilier! Er scheint vom Himmel das Geschenk der Allgegenwart erhalten zu haben. Ich hätte geschworen, daß er in Albi sei, dessen Bevölkerung sich wohl kaum über seine Anwesenheit gefreut haben dürfte. Andererseits hat mir jemand in Angers erklärt, daß dieser stinkende Fuchs …« »Ist dieser Ausdruck Eurem Denken angemessen, Bruder Etienne?« fragte Cathérine, das Wort Bruder absichtlich betonend. Der kleine Mönch errötete wie ein Jüngferchen, lächelte die junge Frau aber ganz offen an. »Ihr habt tausendmal recht. Ich wollte sagen: Messire de Villa-Andrado verbrachte den Winter in Kastilien, am Hof des Königs Juan. Natürlich zeigt man sich in Angers diesem Herrn gegenüber nicht besonders nachsichtig. Ich wünschte, Ihr würdet einmal hören, wie die Königin Yolande von ihm spricht. Jedenfalls ist er hier! Was will er eigentlich?« »Ich glaube, wir werden es bald erfahren.« Tatsächlich war die Spitze der Kolonne vor dem ragenden Turm angelangt, und der Bannerträger ritt jetzt, sein Pferd mit einer Hand lenkend, bis zum Fuße des Felsens vor, auf dem sich das Schloß erhob. Ihm folgte ein zweiter in der phantastischen Kleidung der Herolde, einer Kleidung, deren Rotgold und deren Federn jedoch die Strapazen der schlechten Wege und des Winters erkennen ließen. Die übrige Truppe hatte haltgemacht. Vor den Palisaden angelangt, die den zyklopischen Felsen umgaben, hielten die beiden Reiter gleichzeitig an und hoben die Köpfe. »Wer befehligt hier?« fragte der Herold. Kennedy beugte sich vor, stellte ein in dickes Leder gehülltes Bein auf die Zinne und rief hinunter: »Ich, Hugh Allan Kennedy von Gleneagle, Feldhauptmann König Karls VII. Ich bin Statthalter dieses Schlosses für Monseigneur den Grafen d'Armagnac. Habt Ihr etwas dagegen?« Aus der Fassung gebracht, stotterte der Herold einige undeutliche Worte, hustete, um seine Stimme zu klären, hob wieder hochmütig den Kopf und schrie: »Ich, Fermoso, im Dienste von Messire Rodrigo de Villa-Andrado, Graf von Ribadeo, Seigneur von Puzignan, Talmont und …« »Zur Sache«, unterbrach der Schotte ihn ungeduldig. »Was will Messire Villa-Andrado von uns?« Offensichtlich in der Annahme, daß die Verhandlungen sich zu lange hinziehen würden, trieb der, um den es ging, sein Pferd an und manövrierte es zwischen seinen Bannerträger und seinen Herold. Unter dem hochgeschobenen Visier des goldverzierten Helms konnte die hinter dem Pfeiler versteckte Cathérine die scharfen, sehr weißen Zähne im kurzen schwarzen Bart blitzen sehen. »Euch einen Besuch abstatten«, antwortete er liebenswürdig, »und plaudern …« »Mit mir?« fragte Kennedy mit zweifelndem Unterton. »Aber nein! Bitte, zieht jedoch nicht den Schluß, daß ich Eure Gesellschaft verschmähe, mein lieber Kennedy, aber ich habe es nicht mit Euch zu tun, sondern mit der Gräfin de Montsalvy. Ich weiß, daß sie hier ist!« »Was wollt Ihr von ihr?« entgegnete der Schotte, immer noch ziemlich schroff. »Die Dame Cathérine empfängt niemand!« »Was ich zu sagen habe, werde ich ihr persönlich sagen, mit Eurer Erlaubnis. Und ich wage zu hoffen, daß sie gegenüber einem Reisenden, der von so weit herkommt, eine Ausnahme macht. Fügt bitte hinzu, daß ich nicht wieder gehe, bevor ich sie gesprochen habe!« Ohne sich zu zeigen, flüsterte Cathérine: »Wir wollen wissen, was er will! Sagt ihm, ich werde ihn empfangen … aber allein! Er möge ohne jede Eskorte erscheinen … Das wird meinem Sohn Zeit geben, zu seinem Bestimmungsort zu gelangen.« Kennedy machte ein Zeichen, daß er verstanden habe, und wandte sich wieder dem Spanier zu, während Cathérine, von Sara und Bruder Etienne begleitet, den Wehrgang verließ. Sie hatte ihren Entschluß ohne Zögern gefaßt, weil Villa-Andrado der Mann La Trémoilles war, weil sie der Gefahr schon immer hatte ins Gesicht blicken können. Wenn der Kastilier eine Gefahr darstellen sollte – und sie konnte sich schlecht vorstellen, daß es anders sein könnte –, dann war es um so besser, sie sofort kennenzulernen. Wenige Minuten später schritt Rodrigo de Villa-Andrado, von einem einzigen, seinen Helm tragenden Pagen gefolgt, in den großen Saal, wo Cathérine ihn erwartete. Die junge Frau, Sara und Bruder Etienne links und rechts neben sich, hatte in einem um zwei Stufen erhöhten Sessel mit hoher Rückenlehne Platz genommen. Sehr aufrecht, die hübschen Hände über den Knien verschlungen, sah sie dem Besucher entgegen. Der Anblick dieser Frau – oder vielmehr dieser schwarzverschleierten Statue – beeindruckte und überraschte den Spanier so, daß er auf der Schwelle des Saales innehielt und nur zögernden Schrittes näher trat, während das Siegerlächeln, das er bei seinem Eintritt aufgesetzt hatte, wie eine Kerzenflamme, die man ausbläst, von seinem Gesicht verschwand. Vor Cathérine angekommen, verneigte er sich fast bis zum Boden, ohne sich jedoch einen schnellen Blick auf die junge Frau von unten zu versagen. »Madame«, sagte er mit verhaltener Stimme, »ich danke Euch für die Augenblicke, die Ihr mir liebenswürdigerweise gewähren wollt. Aber ich möchte mit Euch gern unter vier Augen sprechen.« »Messire, Ihr versteht, daß ich Euch nicht willkommen heißen kann, ehe ich weiß, was Euch herführt. Außerdem habe ich vor Dame Sara, die mich aufgezogen hat, und vor Bruder Etienne Chariot, meinem Beichtvater, keine Geheimnisse.« Der Mönch unterdrückte ein Lächeln über diese offenkundige Lüge, schmunzelte aber doch, als er merkte, daß der Kastilier ihn mit Mißtrauen betrachtete. »Ich kenne Bruder Etienne«, murmelte Villa-Andrado. »Monseigneur würde für dieses dicke Fell und die paar grauen Haarsträhnen viel geben!« Cathérine sprang wie von der Tarantel gestochen auf. Sie spürte, daß ihr Zornesröte ins Gesicht stieg, und sagte grollend: »Was immer der Anlaß Eures Besuchs sein mag, Seigneur Villa-Andrado, in jedem Fall scheint es mir eine sehr schlechte Einführung zu sein, diejenigen, die ich verehre und die mir teuer sind, zu beleidigen. Wollt Ihr uns nun bitte ohne jede Ausflucht den Grund Eures Besuches nennen!« Rodrigo hatte sich seinerseits wieder erhoben, und trotz der beiden Thronstufen befand sich sein Gesicht fast auf gleicher Höhe mit dem Cathérines. Sein zornfunkelnder Blick versuchte unverschämterweise, das Bollwerk des schwarzen Schleiers zu durchdringen. Aber er zwang sich zu lächeln. »Tatsächlich eine sehr schlechte Einleitung, und ich bitte Euch vielmals um Vergebung. Daß ich mit den besten Absichten hierhergekommen bin, werdet Ihr sogleich selbst beurteilen können.« Langsam setzte sich die junge Frau wieder, unterließ es jedoch, dem Besucher, von dem sie noch nicht wußte, ob er als Freund oder Feind kam, einen Stuhl anzubieten. Er sprach von guten Absichten. Das war nach allem möglich, wenn man sich an den Lebensmittelkorb in der Höhle erinnerte, wohingegen die rauchenden Trümmer von Montsalvy Mißtrauen erregten. War dieses breite Lächeln nicht das des Wolfs? »Sprecht!« sagte sie nur. »Schöne Gräfin«, begann er, ein Knie bis zur ersten Stufe vorbeugend, »das Gerücht von Eurem Unglück ist bis zu mir gedrungen, und mein Herz ist gerührt. So jung … so schön und mit der Bürde eines Kindes beladen, könnt Ihr nicht ohne Schutz, ohne Verteidiger bleiben. Ihr braucht einen Arm, ein Herz …« »In diesem Schloß mangelt es nicht an Armen … auch nicht an treuen Herzen, die mich und meinen Sohn bewachen«, unterbrach ihn Cathérine. »Ich verstehe nicht recht, Seigneur. Drückt Euch klarer aus!« Flüchtige Röte überzog das olivfarbene Gesicht des Kastiliers. Er preßte die Lippen zusammen, doch es gelang ihm noch einmal, seinen aufsteigenden Zorn zu zähmen. »Sei es denn! Ich werde mich so klar ausdrücken, wie Ihr es wünscht. Dame Cathérine, ich bin gekommen, um Euch dies zu sagen: Durch die Gnade König Karls von Frankreich, dem ich treu diene …« »Hmmm!« hüstelte Bruder Etienne. »Treu diene!« donnerte der Spanier. »Durch die Gnade auch meines Lehnsherrn, Königs Juan II. von Kastilien, bin ich Seigneur von Talmont, Graf von Ribadeo in Kastilien …« »Bah!« unterbrach der Mönch liebenswürdig. »König Juan II. hat Euch nur gegeben, was Euch ohnehin zustand. Euer Großvater, der einst die Schwester des Stammlers von Villaines heiratete, war bereits Graf von Ribadeo, nicht wahr? Und was die Seigneurie von Talmont betrifft, so mache ich Euch mein Kompliment. Der Großkämmerer ist großzügig denen gegenüber, die ihm gut dienen … besonders mit dem, was ihm nicht gehört!« Durch eine ungeheure Anstrengung brachte Villa-Andrado es fertig, die Unterbrechung zu ignorieren, aber Cathérine sah, wie seine Schläfen anschwollen, und glaubte einen Augenblick, er würde bersten. Aber es geschah nichts. Der Kastilier begnügte sich, zwei- oder dreimal schnell und tief zu atmen. »Wie dem auch sei«, fuhr er mit zusammengepreßten Zähnen fort, »ich bin gekommen, um Euch diese Titel und Güter zu Füßen zu legen, Dame Cathérine. Die Trauerschleier passen nicht zu Eurer großen Schönheit. Ihr seid Witwe, ich bin frei, reich, mächtig … und ich liebe Euch. Heiratet mich!« So gewappnet sie gegen jede Überraschung war, zuckte Cathérine doch heftig zusammen. Ihr Blick war verstört, sie rang nervös die Hände. »Ihr bittet mich …« »Meine Frau zu werden! Ihr werdet in mir einen Gatten, einen unterwürfigen Sklaven haben, einen tapferen Arm zur Verteidigung Eurer Sache. Und Euer Sohn wird einen Vater finden …« Die Erwähnung ihres kleinen Michel brachte Cathérine in Wallung. Daß dieser Mann es wagte, Arnaud als Vater seines Kindes ersetzen zu wollen, und daß dieser Mann eben der war, welcher … Nein! Das war unerträglich! Bebend vor Zorn, hob sie mit einer brüsken Bewegung den Schleier, unter dem sie beinahe zu ersticken drohte, und bot den Blicken Villa-Andrados ihr schmales, blasses Gesicht dar, in dem die großen veilchenblauen Augen wie Amethyste in der Sonne blitzten. Sie packte fest die beiden Armlehnen ihres Sessels, unwillkürlich eine Stütze suchend. »Messire, Ihr beliebtet zu sagen, ich sei Witwe. Tatsächlich trage ich Witwenkleidung; aber nehmt Kenntnis davon, daß ich mich niemals als Witwe betrachten werde. Für mich lebt mein vielgeliebter Gatte und wird so lange leben, wie ich atmen werde. Aber Ihr wäret der letzte, jawohl, der letzte, den ich als seinen Nachfolger wählen würde!« »Und warum, wenn ich fragen darf?« »Holt Euch die Antwort aus den Ruinen von Montsalvy, Messire. Was mich betrifft, so habe ich Euch gesagt, was ich zu sagen hatte. Ich wünsche Euch einen guten Tag.« Sie stand auf, um anzudeuten, daß die Unterhaltung beendet sei, aber ein zweideutiges Lächeln stahl sich auf die roten Lippen des Kastiliers. »Anscheinend habt Ihr mich falsch verstanden, Madame. Ich habe Euch meine Hand angetragen … aus reiner Höflichkeit, aber tatsächlich müßt Ihr mich heiraten. Es ist ein Befehl.« »Ein Befehl? Was für ein seltsames Wort. Von wem, bitte?« »Was glaubt Ihr wohl, von wem? Von König Karl, Madame! Seine Majestät haben auf Grund der Vorstellungen des Großkämmerers La Trémoille geruht, den Schaden zu vergessen, den Ihr voll Feuereifer in Gemeinschaft mit Eurem Gatten der Krone zugefügt habt, unter der Bedingung, daß Ihr, indem Ihr meine Frau werdet, wieder in den Rang der unterwürfigen Ehefrauen eintretet … und in den Rahmen eines schicklichen Lebens!« Das blasse Gesicht Cathérines färbte sich rosa, dann rot, dann scharlachrot unter dem Druck eines solchen Zorns, daß Sara ihr erschrocken die Hand auf den Arm legte, um sie zu beruhigen. Doch Cathérine, wahnsinnig vor Wut, war jenseits jeder Beruhigung. Stand es denn im großen Buch des Schicksals geschrieben, daß ein Fürst stets und nach Belieben über sie verfügen konnte? Nach dem Herzog von Burgund der König von Frankreich! Mit geballten Fäusten und unter größter Anstrengung, ihre Stimme ruhig zu halten, rief sie aus: »Ich habe selten einen unverschämteren Schurken als Euch gehört, Messire! Wenn ich Euch trotz Eurer Freveltaten zum Dank für einige Lebensmittel bisher ein nachsichtiges Andenken bewahrte, dann habt Ihr es heute dazu gebracht, daß ich dies bitter bereue. Nicht zufrieden damit, meinen Gatten aus dem Wege zu schaffen, trachtet La Trémoille also danach, auch über mich zu verfügen? Ich möchte gern wissen, wie Ihr mich zwingen wollt, Seigneur? Denn natürlich habt Ihr diese Eventualität einkalkuliert?« »Die von mir geführte Armee«, erwiderte der Spanier mit beleidigender Herablassung, »zeigt Euch deutlich den Preis, den ich Eurer Hand beimesse. Ich habe tausend Mann unter den Mauern von Carlat, Madame … und wenn Ihr ablehnt, werde ich die Belagerung über diesen Maulwurfshügel verhängen, bis Ihr um Gnade fleht.« »Das kann lange dauern.« »Ich habe Zeit … und es würde mich sehr wundern, wenn Ihr für viele Monate verproviantiert wäret. Ihr werdet nicht umhin können, Madame, Euren Sohn Hungers sterben zu sehen, und zwar in nicht allzu langer Zeit.« Cathérine unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung. Er wußte nichts von der Abreise Michels, und es war wichtig, daß er noch lange nichts davon erfuhr. Aber sie verbarg ihre Gefühle unter einem Schulterzucken. »Das Schloß ist fest, seine Verteidiger sind tapfer. Ihr verschwendet Eure Zeit, Messire!« »Und Ihr würdet Euch dummerweise das beste Gut der Welt entgehen lassen. Ihr würdet besser fahren, Madame, meinen Antrag anzunehmen, da Ihr schließlich doch nachgeben müßt. Bedenkt, daß ich Eurer schönen Augen wegen einen sehr schmeichelhaften Antrag ausgeschlagen habe, nämlich die Hand Madame Marguerites, Tochter Monseigneurs, des Herzogs von Bourbon …« »Tochter … zur linken Hand!« warf Bruder Etienne überfreundlich ein. »Das Blut bleibt Fürstenblut! Andererseits ist Euer Gouverneur Schotte, Dame Cathérine. Die Schotten sind arm, Hungerleider und Geizhälse … und lieben das Gold über alles …« Es blieb ihm keine Zeit, den Satz zu vollenden. Ganz in ihren Wortwechsel vertieft, hatten weder er noch Cathérine bemerkt, daß Kennedy, von Gauthier gefolgt, in den Saal getreten war. Erst als der Schotte sich auf den Spanier stürzte, wurde man seiner Anwesenheit gewahr. Mit einem Wutschrei packte Kennedy Villa-Andrado am Kragen seiner Rüstung und am Hosenboden, hob ihn halb über den Boden und beförderte den Heulenden und Schimpfenden derart bis zur Tür. »Es gibt etwas, was die Schotten noch mehr lieben als das Gold, Meister Schacher, und das ist ihre Ehre! Richtet das Eurem Herrn aus!« schrie er wütend. Mit verdrießlicher Miene, weil man ihm ein so kümmerliches Wild übriggelassen hatte, nahm nun Gauthier den Pagen unter den Arm und tat genau das gleiche, was sein zorniger Gouverneur ihm vorgemacht hatte. Als beide verschwunden waren, wandte sich Bruder Etienne mit einem gütigen Lächeln an Cathérine, die immer noch zitterte: »Nun, Madame, das hat Euch eine Antwort erspart. Was haltet Ihr von der Sache?« Sie sagte nichts, blickte ihn nur an, schämte sich, sich einzugestehen, daß sie zum erstenmal seit langem Lust hatte zu lachen. Den Anblick des wie eine rote Spinne in den Fäusten des schottischen Feldhauptmanns zappelnden Villa-Andrado würde sie nie vergessen. Zweites Kapitel Als der Abend kam, war dieser erheiternde Zwischenfall schon vergessen. In dem hohen Raum des Schloßturms, in dem Kennedy kurz nach dem Tod des alten Jean de Cabanes vor drei Monaten sein Quartier eingerichtet hatte, waren Cathérine, Sara, Gauthier, Bruder Etienne, Hugh Kennedy und der Seneschall von Carlat, ein Gaskogner namens Cabriac, der diesen Posten seit zehn Jahren bekleidete, versammelt. Er war ein rundlicher Mann, einfach und gutmütig, der nichts mehr als seine Ruhe liebte. Ohne Ehrgeiz, hatte er nie nach dem Gouverneursposten der Festung getrachtet, fand es unendlich bequemer, diese Verantwortung auf kriegerischeren Schultern ruhen zu sehen als den seinen. Aber er kannte die Feste und ihre Umgebung wie kein zweiter. Sobald der kurze, winterliche Tag jäh zu Ende gegangen war wie eine Kerze, die man ausbläst, waren alle zum Verschlag des Ausgucks hinaufgestiegen, um die Stellungen des Feindes zu beobachten. Villa-Andrados Landsknechte richteten sich ein. Zelte aus dicker Sackleinwand wuchsen empor wie ebenso viele giftige Pilze, die durch den weißen Mantel des Schnees stachen. Eine Anzahl Soldaten nahm von den Häusern des Dorfs Besitz. Die entsetzten Bauern waren geflohen und hatten hinter den gewaltigen Mauern der Festung Zuflucht gesucht. Man hatte sie überall ein wenig verteilt, da und dort, wo Platz war, in der alten Komturei, in den geräumigen Scheunen und in den Ställen. Innerhalb der Umwallung des Schlosses gab das ein Tohuwabohu wie auf einem Wochenmarkt, denn die Tiere waren ihren Besitzern gefolgt. Und jetzt, nach Einbruch der Nacht, bildete das Lager der Angreifer um den riesigen Felsen einen Kranz, dessen Feuer leuchtenden Blumen glichen. Rote, rauchumwölkte Flammen tupften die tiefschwarze Nacht, erhellten flüchtig da und dort verzerrte, von der Kälte blau angelaufene Fratzen, die nichts Menschliches mehr hatten, über den Mauerkranz des Schloßturms gebeugt, schien es Cathérine, als blicke sie in einen höllischen, von Dämonen bevölkerten Abgrund hinab. Dieser Anblick hatte Kennedys Optimismus beträchtlich verringert. Er hatte die drohenden roten Zangen sich um Carlat schließen sehen. »Was sollen wir jetzt tun, Messire?« fragte Cathérine. Er wandte ihr sein stolzes Doggengesicht zu und zuckte die Schultern. »Zur Stunde, Madame, mache ich mir über uns weniger Sorgen als über MacLaren. Wir sind so gut wie eingeschlossen. Wie soll er morgen wieder zu uns stoßen, wenn er von Montsalvy zurückkommt? Er wird diesen Leuten direkt in die Arme laufen, und sie werden ihn gefangennehmen … oder schlimmer! Villa-Andrado schreckt vor nichts zurück, um Euch zur Kapitulation zu zwingen. Man wird ihm Fragen stellen … mit allen unangenehmen Nebenerscheinungen, die dieses Wort bei dem Kastilier einschließt. Unser Feind wird wissen wollen, wo er herkommt.« Cathérine spürte, daß sie blaß wurde. Wenn MacLaren, gefangengenommen, unter der Folter sprach, würde der Spanier wissen, wo er Michel finden konnte. Und welch sichereres Unterpfand gäbe es als das Baby, um die Mutter zur Räson zu bringen? Um ihren Sohn vor den Klauen Villa-Andrados zu retten, würde Cathérine, das wußte sie wohl, alles akzeptieren. »Also«, sagte sie mit müder Stimme, »ich wiederhole meine Frage. Messire Kennedy, was sollen wir tun?« »Zum Teufel, ich weiß es nicht!« »Ein Mann«, ließ Bruder Etienne sich ruhig vernehmen, »müßte heute nacht von Carlat ausgesandt werden und in Richtung Montsalvy marschieren, so daß er sie morgen träfe und sie warnen könnte. Das ganze Problem besteht darin, einen Mann durchzuschleusen. Mir scheint, daß die Einschließung der Feste noch nicht vollkommen ist. Dort drüben, jenseits der Nordmauer, gibt es eine breite Stelle, wo ich kein Feuer leuchten sehe.« Kennedy hob ungeduldig die schweren, lederbekleideten Schultern. »Habt Ihr Euch noch nie den Felsen an dieser Stelle angesehen? Ein glattes schwarzes Riff, das senkrecht zum Tal abfällt und durch den Wall darüber noch beträchtlich erhöht wird. Man müßte ein verdammt langes Seil und ungeheuren Mut haben, um da hinunterzusteigen, ohne sich den Hals zu brechen.« »Ich würde es gern wagen«, sagte Gauthier, in den vom Kaminfeuer erhellten Kreis vortretend. Cathérine öffnete schon den Mund, um zu protestieren, als der Seneschall ihr zuvorkam. »Ein Seil ist gar nicht nötig, weder für das Mauerwerk noch für den Felsen … Es gibt eine Treppe!« Sofort richteten sich alle Blicke auf ihn. Kennedy packte ihn an der Schulter, um ihn besser ins Auge fassen zu können. »Eine Treppe? Träumst du?« »O nein, Messire. Eine richtige, in den Felsen geschlagene Treppe, natürlich sehr schmal. Sie beginnt im Innern eines der Türme. Nur der alte Sire von Cabanes und ich kennen sie. Escorneboeuf ist auf diesem Wege geflohen, Dame Cathérine, damals, als …« Cathérine erinnerte sich mit Schaudern an den Tag, an dem in diesem selben Turm der gaskognische Haudegen versucht hatte, sie ins Verlies zu stürzen. Manchmal sah sie in ihren Alpträumen das rote, schwitzende Gesicht des groben Sergeanten wieder, in dessen Augen Mordlust funkelte. »Wieso kannte er das Geheimnis?« stieß sie hervor. Der kleine Seneschall senkte den Kopf und drehte die Kappe in den Händen. »Wir … wir stammten aus derselben Gegend der Gascogne«, stammelte er. »Ich wollte nicht, daß er aus diesem Grunde zu Tode käme.« Cathérine enthielt sich einer Antwort. Dies war nicht der Augenblick, von diesem Mann, der eine so wertvolle Auskunft gegeben hatte, Rechenschaft dafür zu fordern, daß er einen Mörder beschützt hatte. Kennedy, der in tiefes Sinnen versunken war, hätte es sowieso nicht geduldet. Mit gekreuzten Armen, den Kopf auf eine Schulter geneigt, starrte er völlig ausdruckslos ins Feuer. Mechanisch fragte er, ob die Treppe für Frauen benutzbar sei, und als dies bejaht wurde: »Gut, wir werden es noch besser machen. Man muß von der Tatsache profitieren, daß Villa-Andrado noch nicht die Möglichkeit gehabt hat, das Schloß ganz einzuschließen. Vermutlich hält er es in Anbetracht der Höhe der Nordwand auch nicht für so dringlich; aber er kann seine Meinung schon morgen ändern. Wir haben also keine bessere Chance als heute nacht. Dame Cathérine, bereitet Euch auf den Aufbruch vor.« Leichte Röte stieg der jungen Frau in die Wangen, und sie preßte die Hände gegeneinander. »Soll ich allein gehen?« fragte sie einfach. »Nein. Sara, Bruder Etienne und Gauthier werden Euch selbstverständlich begleiten. Gauthier wird Euch außerhalb Carlats vorübergehend verlassen und, während Ihr in Aurillac auf ihn wartet, Mac-Laren treffen. Er wird ihm den Befehl überbringen, sich mit seinen Leuten zu Euch zu begeben und Euch für den Rest Eurer Reise als Eskorte zu dienen.« »Und Ihr, was tut Ihr inzwischen?« Der Schotte hatte ein lustiges, schallendes Lachen an sich, das die gespannte Atmosphäre in dem hohen, gewölbten Raum wie durch ein Wunder vertrieb. Mit diesem Lachen entflohen alle Dämonen der Furcht und Angst. »Ich? Ich werde in aller Ruhe noch einige Tage hierbleiben, um Villa-Andrado zu amüsieren. Ich muß ja warten, bis der neue Gouverneur eintrifft, der jedoch nicht kommen kann, solange Carlat eingeschlossen ist. In einigen Tagen, just so lange, wie Ihr braucht, um Euch einen schönen Vorsprung im Falle einer eventuellen Verfolgung zu verschaffen, werde ich Villa-Andrado rufen lassen und ihm freundlichst klarmachen, daß Ihr das Weite gesucht habt. Worauf er, da er nichts mehr zu erhoffen hat, verschwinden wird. Mir bleibt dann nur noch übrig, meine Machtbefugnisse meinem Nachfolger zu übergeben und die Koffer zu packen.« Bruder Etienne näherte sich Cathérine und nahm die kalten Hände der jungen Frau in die seinen. »Was haltet Ihr davon, mein Kind? Ich finde, der Feldhauptmann hat sehr klug gesprochen.« Diesmal lächelte Cathérine wirklich ganz offen, ein schönes, warmes Lächeln, mit dem sie den kleinen Mönch und zum Schluß auch noch den großen Schotten bedachte, der vor Erregung plötzlich rot anlief. »Ich glaube«, sagte sie leise, »der Plan ist gut. Ich werde mich jetzt vorbereiten. Komm, Sara! Messire Kennedy, ich wäre Euch sehr verbunden, wenn Ihr mir Männerkleidung besorgen würdet, auch für Sara.« Diese stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie hatte einen Horror vor Männerkleidung, die ihre rundlichen Formen stets lästig einzwängte. Doch die Zeit der Abenteuer war offenbar noch nicht vorüber, und man mußte sich in Ermangelung eines Besseren eben ins Unvermeidliche schicken. Einige Minuten später betrachtete Cathérine in ihrem Zimmer einigermaßen erstaunt die Kleidungsstücke, die Kennedy ihr geschickt hatte. Der schottische Hauptmann hatte sie von seinem Pagen geliehen. Es war die übliche Männerkleidung seines Landes, allerdings mit einer kleinen Abweichung. Die rauhen Gebirgler der Hochebenen, an ein unfreundliches Klima gewöhnt, hatten eine zähe, lederartig gegerbte Haut. Ihre gewohnheitsmäßige Kleidung bestand aus einem in den Farben ihres Clans karierten großen Stück Wollstoff, in das sie sich hüllten, aus einer Flanelljacke und einem Panzerhemd. Eine verzierte Eisenbrosche hielt das Gewand an der Schulter fest. Als Kopfbedeckung dienten ihnen konische Helme oder flache, mit Reiherfedern geschmückte Mützen, und sie gingen mit nackten Beinen und manchmal sogar barfuß. Bei König Karl VII. unter dem sie von dem Konnetabel John Stuart Buchan aufgestellt wurde, trug die berühmte Schottische Garde Silberharnische und prunkvolle Reiherfederbüsche, doch im Feld griff sie gern auf ihre traditionelle Kleidung zurück, in der sie sich am wohlsten fühlte. Daher hatte Kennedy Cathérine einen Tartan in den Farben des Kennedy-Clans-Grün, Blau, Rot und Gelb-, einen enganliegenden roten Mannsrock und eine blaue Mütze, kurze, feste Lederstiefel und einen Ziegenfellbeutel geschickt. Als einzige Konzession an die Temperatur hatte er enganliegende Hosen aus demselben Blau wie die Mütze und einen großen schwarzen Reitermantel beigefügt. »Wenn Ihr Euch mit MacLaren trefft, werdet Ihr als sein Page gelten«, hatte der Hauptmann zu ihr gesagt, »und auf diese Weise werdet Ihr Euch nicht vom Rest der Truppe unterscheiden.« Er hatte noch einen zweiten Anzug derselben Art, aber beträchtlich größer und weniger elegant, für Sara mitgeschickt. Die Zigeunerin hatte sich anfangs kategorisch geweigert, sich derartig albern auszustaffieren. »Man kann auch fliehen, ohne sich lächerlich zu machen!« erklärte sie. »Wie sehe ich denn in diesem geschmacklosen Plunder aus?« »Wie sehe ich aus?« erwiderte Cathérine leise, die, kaum daß die Tür hinter dem Boten Kennedys zugefallen war, sich entkleidet und den seltsamen Anzug angelegt hatte. Dann hatte sie ihre zerzausten blonden Locken zurückgestrichen, die Mütze aufgesetzt und sich vor einem großen, polierten Zinnspiegel niedergelassen, die Faust in die Hüfte gestemmt und sich mit kritischen Augen betrachtet. Ein Glück, daß sie so dünn war, denn diese kräftigen Farben machten sie dicker, und sie hätte Schwarz hundertmal vorgezogen und wäre dabei noch ihrem Gelübde treu geblieben, nie mehr etwas anderes zu tragen als Schwarz oder Weiß. Diese Nacht jedoch war eine Ausnahme, ein Fall von höherer Gewalt, da es nicht möglich gewesen war, schwarze Männerkleidung aufzutreiben, die ihr paßte. Trotz allem empfand sie einen Schauer des Vergnügens. Dieses bizarre Kostüm verlieh ihr das Aussehen eines Tollkopfs, eines jungen Pagen mit zu hübschem Gesicht. Sie drehte sich eine Haarsträhne um den Finger. Das Haar schien um einen Ton dunkler nachzuwachsen. Sein glänzendes Gold bronzierte leicht und hatte eine weniger leuchtende, aber dafür wärmere Farbe, die ihren zarten Teint und ihre großen dunklen Augen noch mehr hervortreten ließ. Sara, die sie schweigend beobachtete, brummte bärbeißig: »Es ist einfach nicht statthaft, so schön zu sein! Ich fürchte, der Spiegel wird mir kein so gelungenes Bild zurückwerfen!« Tatsächlich bot Sara, abgesehen davon, daß sie ihr dichtes schwarzes Haar unter die Mütze stopfen mußte, in diesem Aufzug einen unwiderstehlich komischen Anblick. »Du mußt die Schärpe um die Brust drapieren«, riet Cathérine. »Man sieht zu deutlich, daß du eine Frau bist!« Sie hatte das gleiche bei sich getan, obwohl sie ihre Brüste vorsichtshalber umbunden hatte, bevor sie in das Wams geschlüpft war. Als sie eben dabei war, den schwarzen Diamanten und einen Teil des Geschmeides in ihrem Ziegenfellbeutel verschwinden zu lassen – den Rest würde Sara tragen –, klopfte jemand an die Tür. »Seid Ihr bereit?« fragte die Stimme Kennedys. »Müssen wir wohl!« brummte Sara, die Schultern hochziehend. »Tretet ein«, sagte Cathérine. Auf der Schwelle zeigte sich die Gestalt des Schotten. Er lächelte. »Was für einen schönen Pagen Ihr abgebt!« bemerkte er, sichtbar beeindruckt. Aber Cathérine lächelte nicht. »Diese Maskerade gefällt mir gar nicht. Ich habe ein Bündel aus meinen Kleidern gemacht und werde sie anlegen, sobald es möglich ist. Alsdann, gehen wir …« Bevor Cathérine das Zimmer verließ, in dem sie ihre letzten Glücksstunden und ihr Golgatha erlebt hatte, überflog sie es mit einem letzten Blick. Es schien ihr, als bewahrten die schmucklosen Wände den Reflex des Lächelns Arnauds und das Echo von Michels Lachen. Sie entdeckte, daß sie ihr teuer geworden waren, und sie fühlte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. Aber sie ließ sich von dieser Anwandlung nicht überwältigen. In diesem Augenblick brauchte sie ihren ganzen Mut und kaltes Blut. Entschlossen drehte sie dem so vertrauten Raum den Rücken zu und legte die Hand auf den langen Dolch, den sie sich in den Gürtel gesteckt hatte. Es war der Dolch mit dem Sperbergriff, mit dem Arnaud Marie de Comborn getötet hatte, und für Cathérine der kostbarste Gegenstand, den sie besaß. Im Vergleich zu seinem bläulich schimmernden Knauf, der so oft von der Hand ihres Gatten erwärmt worden war, war der schwarze Diamant nur ein wertloser Kiesel, und sie hätte ihn ohne Zögern dem anderen geopfert. Im Hof fand sie Kennedy vor, der sie, eine Blendlaterne in der Hand, erwartete. Gauthier und Bruder Etienne standen bei ihm. Ohne ein Wort zu sagen, nahm der Normanne Sara den Kleiderballen ab, den sie trug, dann machte sich der kleine Trupp auf den Weg. Einer hinter dem anderen gingen sie der Umfassungsmauer zu. Die Kälte hatte im Laufe der Nacht zugenommen und war grausam beißend geworden. Von Zeit zu Zeit fegte ein kurzer, heftiger Windstoß weiße Wirbel empor, so daß man in der Mitte des großen Hofs nur gebeugt vorwärts kam. Aber je mehr sie sich den Wällen näherten, desto mehr verloren die Wirbel an Wildheit. Dann und wann durchdrang das Brüllen eines Tiers die Stille oder auch das Schnarchen eines der Flüchtlinge, die, in ihre Decken gehüllt, auf dem nackten Boden nahe am Feuer schliefen. Trotz des schweren Reitermantels schlotterte Cathérine vor Kälte, als sie dem Turm zuschritt, den Cabriac bezeichnet hatte. Dieser erwartete sie im Innern, mit den Füßen stampfend und sich die Seiten schlagend, um gegen die Kälte anzugehen. Das niedrige, feuchte Gewölbe war wie mit einem Mantel aus schwärzlichem, glänzendem Eis überzogen, von dem Brocken auf ihre Schultern herabfielen. »Wir müssen uns beeilen«, sagte Cabriac. »Der Mond wird bald aufgehen, und Ihr werdet auf der Schneefläche unten wie am hellichten Tag zu sehen sein. Der Kastilier hat sicher überall Wächter aufgestellt.« »Aber«, wandte Cathérine ein, »wie sollen wir durch die Palisaden kommen, die am Felsen entlanglaufen?« »Das geht mich an«, sagte Gauthier. »Kommt, Dame Cathérine. Der Herr Seneschall hat recht. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.« Er nahm schon ihren Arm, um sie in das schwarze Loch der Treppe zu ziehen, das Cabriac, eine unter fauligem Stroh verborgene Falltür hebend, freigelegt hatte. Aber Cathérine sträubte sich, drehte sich zu Kennedy um und reichte ihm spontan die Hand. »Vielen, vielen Dank für alles, Messire Hugh. Dank für Eure Liebenswürdigkeit, für den Schutz, den ihr mir gegeben habt. Ich werde die hier verbrachten Tage nie vergessen. Dank Euch … haben sie ein wenig von ihrer Grausamkeit verloren. Und ich hoffe, Euch bald bei Königin Yolande wiederzusehen.« Im unsicheren Licht der Laterne sah sie das große Gesicht des Schotten aufleuchten und seine weißen Zähne blitzen. »Wenn's nur von mir abhängt, Dame Cathérine, wird's schon in kurzer Zeit sein. Aber niemand weiß, was morgen in seinem Leben sein wird. Wie es so oft in dieser Welt geht, sehe ich Euch vielleicht niemals wieder …« Seinen Satz in der Schwebe lassend, packte er die junge Frau an den Schultern, drückte sie an sich, küßte sie gierig, ehe sie, völlig verblüfft, sich verteidigen konnte, ließ sie ebenso rasch wieder los, lachte dann schallend wie ein Kind auf, das sich einen schönen Spaß gemacht hat, und beendete den angefangenen Satz: »… und werde nun wenigstens ohne Bedauern sterben! Verzeiht mir, Cathérine, es wird nicht mehr vorkommen … aber ich habe Euch so sehr begehrt!« Das wurde so freimütig eingestanden, daß Cathérine sich damit begnügte zu lächeln. Sie war, vielleicht mehr, als sie geahnt hatte, für die Wärme dieser ungeschlachten Zärtlichkeit empfänglich, aber Gauthier war erblaßt. Von neuem legte sich seine Hand auf den Arm der jungen Frau. »Kommt, Dame Cathérine«, sagte er barsch. Er hob die Laterne und stieg schon die schmale Treppe hinunter. Diesmal folgte ihm Cathérine. Sara kam hinter ihr, und Bruder Etienne bildete den Schluß, während die junge Frau ins Innere des Felsens vordrang, hörte sie ihn dem Schotten Lebewohl sagen und ihn ermahnen, sich ja nicht zu lange in der Auvergne aufzuhalten. Er fügte hinzu: »Die Zeit der Kämpfe kehrt wieder. Der Konnetabel wird Euch bald wieder brauchen.« »Keine Sorge! Ich werde ihn nicht warten lassen!« Dann hörte Cathérine nichts mehr. Die hohen, ungefügen Stufen, unbeholfen aus dem rohen Stein gehauen, fielen fast senkrecht in einen Felsschlund ab, und die junge Frau mußte genau auf jeden ihrer Schritte achten, um nicht zu straucheln und zu fallen. Dies war um so gefährlicher, als der Frost auch hier sein Unwesen getrieben hatte und jede Stufe gefährlich glitzerte. Als man schließlich das dichte Unterholz erreichte, das den Spalt verdeckte, in den die Treppe mündete, stieß Cathérine einen Seufzer der Erleichterung aus. Dank Gauthier, der die Sträucher für sie auseinanderschob, überwand sie auch dieses leichte Hindernis ohne großen Schaden, aber sie wurde plötzlich gewahr, daß die hohe Palisade aus mächtigen, zugespitzten Pfählen fast unmittelbar an der Felswand entlang verlief, Palisade und Fels bildeten eine Art schmalen und tiefen Schlauchs. Aus dem Augenwinkel maß Cathérine den schreckenerregenden Holzwall ab. »Wie kommen wir da hinüber? Am besten, wir klettern wieder nach oben. Die Pfähle sind zu spitz, um ohne Strickleiter hinüberzukommen.« »Klar«, erwiderte Gauthier ruhig. »Sie sind ja deshalb so gemacht worden.« Er trat aus dem Gebüsch, das der Treppe als Deckung diente, und begann, nach rechts gehend, die Pfähle zu zählen. Beim siebenten blieb er stehen. Die erstaunte Cathérine sah, wie er den riesigen Baumstamm packte und mit aller Kraft an ihm zerrte. Die Adern schwollen ihm auf der Stirn, während er den unteren Teil des offenbar kunstvoll in der Mitte durchgeschnittenen Stamms keuchend aus seiner Verklammerung riß. Durch die schmale Pforte, die sich damit öffnete, kamen der steile, zum Bach hinunterführende Hang und die zwei oder drei Häuschen des Weilers Cabanes auf dem Abhang gegenüber zum Vorschein. Genau in diesem Augenblick tauchte der Mond zwischen zwei dicken Wolken auf, warf sein bleiches Licht auf die Erde und erhellte die weite Schneefläche. Die Baumstämme und schneebedeckten Sträucher wurden sichtbar wie am hellen Tag. Hinter die Palisade geduckt, betrachteten die Flüchtlinge den reinen weißen Hang, der sich vor ihnen dehnte. »Wir werden wie Tintenflecke auf einer weißen Seite zu sehen sein«, murmelte Bruder Etienne. »Es braucht bloß einer der Wachtposten den Kopf nach unserer Seite zu wenden, um uns zu entdecken und Alarm zu schlagen.« Niemand antwortete. Der Mönch hatte sehr deutlich ausgedrückt, was jeder dachte, und Cathérine wurde von Nervosität gepackt. »Was sollen wir tun? Unsere einzige Chance besteht darin, daß wir in dieser Nacht fliehen, solange die Einschließung noch nicht vollkommen ist. Wenn man uns aber sieht, sind wir schon gefangen.« Gleichsam um ihr recht zu geben, ließen sich in diesem Moment Stimmen vernehmen, nahe genug, um die unmittelbare Gefahr deutlich zu machen. Gauthier schob vorsichtig den Kopf durch die Öffnung, zog ihn aber fast sofort wieder zurück. »Der erste Posten ist nur ein paar Klafter entfernt. Etwa zehn Mann … aber auch das wird uns nicht mattsetzen«, fügte er mit leisem Bedauern hinzu. »Das beste ist zu warten.« »Auf was?« fragte Cathérine nervös. »Auf den Tagesanbruch?« »Bis der Mond untergeht. Dem Himmel sei Dank, daß der Tag im Winter spät anbricht.« Sie mußten ausharren in Kälte und Schnee. Den Hals gereckt, das Auge auf die fahle Scheibe des Mondes gerichtet, hielten die vier Gefährten den Atem an. Es war wie verhext: Dicke Wolken zogen von einem Ende zum anderen über den Horizont, aber keiner gelang es, das verräterische Gestirn zu verdunkeln. Cathérines Füße und Hände waren eisig. Das zurückgezogene Leben, das sie in letzter Zeit geführt hatte, hatte sie verletzlicher gemacht, und sie litt mehr als die anderen darunter, so unbeweglich in diesem eisigen Gang verharren zu müssen. Von Zeit zu Zeit rieb Sara ihr kräftig den Rücken, aber das Wohlbefinden, das sie dabei empfand, hielt nicht lange an, ihre Nerven beruhigten sich nicht. »Ich kann nicht mehr«, flüsterte sie Gauthier zu. »Wir müssen etwas tun … Schlimmstenfalls setzen wir alles auf eine Karte! Man hört nichts mehr. Sind die Wachen vielleicht eingeschlafen?« Gauthier spähte von neuem hinaus. Genau in diesem Augenblick wirbelte ein heftiger Windstoß den pulvrigen Schnee zu einem dichten Gestöber auf. Gleichzeitig verschwand der Mond, von einer dicken Wolke verschluckt, vom Himmel. Das Licht wurde viel schwächer. Gauthier warf Cathérine einen raschen Blick zu. »Könnt Ihr laufen?« »Ich glaube ja.« »Also los … Jetzt!« Er schob sich als erster hinaus, ließ die drei anderen vorbei und brachte, während sie gemeinsam den Abhang durch den Schnee hinunterstapften, die Bohle wieder an ihren Platz. Cathérine lief, so schnell sie konnte, aber ihre eisigen Glieder schmerzten und waren ungelenk. Die Abschüssigkeit unter ihren Füßen war zu beschwerlich, und ihr Herz klopfte wie rasend. Durch ihren Elan fortgerissen, fiel sie über eine Staude, als Gauthier sie einholte und sie ohne Federlesens aufhob. »Wir müssen schneller laufen«, brummte er, trotz des vermehrten Gewichts den Schritt beschleunigend. Doch über seine Schulter blickend, sah Cathérine plötzlich die Spuren ihrer Schritte sehr deutlich. »Unsere Spuren … Sie werden sie sehen! Wir müssen sie beseitigen!« »Dazu haben wir keine Zeit. Hallo, ihr beiden, marschiert einen Augenblick im Wasser, dann tretet da unten bei dieser Baumgruppe wieder hinaus.« Auch er sprang nun in den nicht tiefen Bach. Die dünne Eisdecke krachte unter seinem Gewicht, und das eisige Wasser spritzte bis zu der vor Kälte erstarrten jungen Frau. Selbst während des kurzen Wegs durch das Bachbett warf Gauthier immer wieder einen Blick zum Mond hinauf. Er verbarg sich noch hinter den Wolken, würde aber nicht mehr lange auf sich warten lassen. Schon war das Licht stärker geworden. Sie kletterten aufs Ufer zurück, wo Gauthier es ihnen angezeigt hatte. Zufällig war ein Tannengehölz in der Nähe. Der Normanne setzte Cathérine auf die Erde und machte sich daran, einen Zweig abzuschneiden. »Geht hintereinander zum Wäldchen«, sagte er zu den drei anderen. »Ich werde die Spuren verwischen.« Cathérine, Sara und Bruder Etienne hasteten dem schwarzen Wäldchen zu, während Gauthier, den Zweig hinter sich herziehend, die Spuren verwischte. Die Flüchtlinge warfen sich im selben Augenblick in den dichten Schatten der Bäume, in dem der Mond aus den Wolken trat. Von den Anstrengungen erschöpft, ließen sie sich auf den Stamm eines umgestürzten Baumes sinken, um wieder zu Atem zu kommen. Von da unten zeigte sich ihnen Carlat in seiner ganzen Größe: der Fels wie ein Schiffsbug, von einem riesigen Schloß gekrönt, die befestigten Umwallungen, die Glocken- und Wehrtürme – und an seinem Fuße der drohende Ring der Angreifer. Cathérine dachte dankbar an Hugh Kennedy. Ihm hatte sie es zu verdanken, daß sie aus der Falle geschlüpft und auf dem Weg nach Angers war … Gauthiers Stimme unterbrach ihre Gedanken. »Es ist jetzt nicht der Augenblick, auszuruhen und zu träumen! Wir müssen uns vor Tagesanbruch auf den Weg machen. Und die Dämmerung wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.« Sie setzten sich durch den Wald wieder in Marsch. Zum erstenmal seit langer Zeit stürzte sich Cathérine wieder in die Natur, in die enge Verbindung mit der Erde, dem Wald, die sie so sehr geliebt hatte. Erstaunt entdeckte sie, fast wie eh und je, das Gefühl der Vertrautheit mit den großen Bäumen. Es war nicht das erstemal, daß sie Zuflucht bei ihnen gesucht hatte, und nie hatten sie sie enttäuscht. Das halb im Schnee versunkene Unterholz bot einen unwirklichen Anblick. Die Kälte war hier nicht so empfindlich, und die Tannen, die ihre langen, weißgeschmückten Äste fast bis auf den Boden hängen ließen, strahlten majestätische Ruhe aus. In den Lichtungen funkelten im Mondlicht Tausende winziger Kristalle, und die einfache und süße Stille war die einer schlafenden Landschaft. Die Bosheit der Menschen, der Krieg, die Leiden des Herzens machten hier halt wie auf der Schwelle eines Heiligtums, und Cathérine ertappte sich dabei, daß sie an die Einsiedler dachte, die allein in der Tiefe der großen Wälder leben. Sie entdeckte plötzlich, daß sie sie verstand. Soviel Schönheit konnte jeden Schmerz, jedes Leid mildern und besänftigen. Ihre Müdigkeit, die Kälte, all das war von ihr abgefallen. Vor ihr lief die große Gestalt Gauthiers mit gleichmäßigen Schritten wiegend dahin, und sie befleißigte sich, ihre Füße in die von ihm gemachten tiefen Spuren zu setzen. Die anderen taten dasselbe. Auch der Riese gehörte zum Wald, aus dem er stammte wie jeder seiner Bäume. Hier war er zu Hause, und Cathérine fand sich in dem Vertrauen bestärkt, das sie immer in ihn gesetzt hatte. Doch plötzlich blieb er stehen, spitzte die Ohren und gab den anderen ein Zeichen, sich nicht zu rühren. In der Ferne ließen sich die gellenden Töne einer Trompete vernehmen. »Wecken, jetzt schon?« fragte Cathérine. »Wird es denn schon Tag?« »Noch nicht. Und es ist auch nicht das Signal zum Wecken. Wartet einen Augenblick auf mich.« Im Nu hatte Gauthier den Stamm einer Eiche umklammert, war mit affenartiger Geschwindigkeit hinaufgeklettert und den Augen seiner Freunde entschwunden. Die Trompete klang noch immer gedämpft herüber und gab damit das genaue Maß des bereits zurückgelegten Weges an. »Kommt es vom Lager her oder vom Schloß?« flüsterte Bruder Etienne. »Im Schloß würde man keine Ursache haben, die Trompete zu blasen … außer bei einem Angriff«, begann Cathérine. Sie kam nicht weiter. Mit äußerster Schnelligkeit herunterkletternd, fiel Gauthier wie eine Kugel zwischen ihr und dem kleinen Mönch zur Erde. »Es kommt aus dem Lager! Soldaten rotten sich in der Nähe der Umwallung nördlich des Schlosses zusammen. Sie müssen bei diesem verdammten Mondlicht die Spuren gesehen haben. Ich sah Männer in den Sattel steigen.« »Was sollen wir tun?« jammerte Sara. »Wir können's an Schnelligkeit nicht mit den Pferden aufnehmen, wenn unsere Spuren hinter dem Bach entdeckt werden.« »Das ist möglich«, gab Gauthier zu. »Durchaus möglich. Wir müssen uns sofort trennen.« Cathérine wollte Einwände machen, aber er gebot ihr mit so fester Autorität Schweigen, daß sie nicht daran dachte zu protestieren. War es nicht normal, daß er bei diesem Abenteuer der Führer war? Schon fuhr er fort: »Bei Tagesanbruch müßten wir es ohnehin tun. Ihr müßt Aurillac erreichen, vergeßt das nicht, Dame Cathérine, während ich mich mit MacLaren treffen werde. Ich werde also gehen, allein … Sie werden meiner Spur folgen.« »Wenn sie nicht der unseren folgen«, bemerkte Sara. »Nein. Denn ihr werdet alle drei auf diesen Baum klettern und euch dort verborgen halten … bis unsere Verfolger verschwunden sind. Seid ohne Sorge, und überlaßt es nur mir, sie weit genug wegzulocken, so daß ihr euren Weg ungestört fortsetzen könnt.« Cathérine schien es, als sei die magische Schönheit des Waldes mit einem Schlag erloschen. Sich jetzt schon von ihrem Freund zu trennen war unerfreulich genug. Mußte sie ihn zudem noch in Gefahr wissen, sich in der Ungewißheit über sein Ergehen das Herz schwer machen? Geteilte Gefahr ist immer leichter. »Aber«, murmelte sie gequält, »wenn sie dich einholen, wenn sie dich …« Sie konnte das Wort nicht aussprechen. Zwei Tränen lösten sich aus ihren Augen und rollten ihr die Wangen hinunter. Das Mondlicht ließ sie glitzern. Tiefe Freude breitete sich über das große Gesicht des Riesen. »Mich töten?« fragte er leise. »Sie werden mir nichts mehr anhaben können, Dame Cathérine. Ihr habt um mich geweint … mir kann nichts mehr passieren. Tut, was ich sagte. Klettert hinauf!« Er nahm sie um die Taille und setzte sie, offenbar ohne Anstrengung, auf einen Ast. Danach packte er Sara und dann den kleinen Mönch. Wie sie so Seite an Seite auf dem Ast saßen, hatten sie das verstörte Aussehen dreier erstarrter Spatzen. Gauthier begann zu lachen. »Ihr seht aus wie eine drollige Nestbrut, wie ihr so dasitzt! Der Baum läßt sich leicht erklettern! Steigt so hoch hinauf, wie ihr könnt, und bemüht euch, kein Geräusch zu machen. Wenn ich richtig schätze, werden die Soldaten in einer Stunde unter euch vorbeiziehen. Steigt nicht herunter, bevor ihr euch nicht überzeugt habt, daß sie sich auch wirklich entfernt haben. Mut!« Starr vor instinktiver Furcht, sahen sie, wie er sorgsam die Spuren verwischte, die ihren Aufenthalt unter der Eiche hätten verraten können, und sodann in der Richtung, der er folgen wollte, einen deutlich erkennbaren Trampelpfad in den Schnee stampfte; dann verschwand er endlich mit einer großen Abschiedsgebärde eiligst zwischen den Bäumen. Jetzt erst blickten die drei Verlassenen sich an. »Nun«, sagte Bruder Etienne mit Humor, »ich glaube, wir müssen die uns gegebenen Befehle ausführen. Verzeiht, Dame Cathérine, aber ich werde diese Kutte ein wenig schürzen müssen. Zum Klettern ist sie nicht sehr praktisch.« Gesagt, getan. Der kleine Mönch nahm seine Kutte hoch und stopfte sie unter den seinen Bauch eng umschließenden Strick, hagere, sehnige Beine enthüllend, an deren Ende seine breiten, nackten Füße in ihren Sandalen riesig schienen. Galant half er Sara, die Äste des Baums hinaufzuklettern. Cathérine fand ihre einstige Behendigkeit plötzlich wieder und kletterte ohne Hilfe. Und bald befanden sie sich auf der Hauptgabelung des Baums. Das dichte Geflecht der Zweige, an denen noch einige rotgelbe, trockene Blätter hängengeblieben waren, verbarg beinah den Boden. Die drei Flüchtigen mußten vollkommen unsichtbar sein. »Jetzt brauchen wir bloß noch etwas Geduld«, meinte Bruder Etienne ruhig, an den knorrigen Stamm gelehnt. »Ich werde die Gelegenheit benutzen und für den tapferen Jungen den Rosenkranz beten. Ich habe so eine Ahnung, daß er Gebete brauchen kann, auch wenn er nicht daran glaubt.« Cathérine versuchte, es ihm nachzutun, doch ihr Herz war schwer vor Angst, und ihr Geist folgte Gauthier durch den Wald. Sie wagte nicht, sich auszudenken, welchen Prüfungen sie ausgesetzt wäre, wenn dem Normannen etwas zustoßen würde. Er war ihr jetzt teuer, nachdem er kraft seiner Hingabe und Treue einen Teil ihres Herzens erobert hatte. Wie Sara war er alles, was sie mit der Vergangenheit verband. Seine ruhige Kraft, sein klarer und heller Verstand waren beruhigende Bollwerke gegen das Leben und den Schmerz. Und die junge Frau fühlte sich seltsam entblößt und zerbrechlich, seitdem die hohe Gestalt zwischen den Stämmen verschwunden war. »Gib, mein Gott, daß ihm nichts geschieht!« betete sie still, den Himmel durch die Zweige suchend. »Wenn du mich meines letzten Freundes beraubst, was bleibt mir dann noch?« Der Lärm eines reitenden Trupps, klirrender Waffen, menschlicher Stimmen, untermischt mit Hundegebell, näherte sich. Anscheinend hatten die Leute Villa-Andrados den Trampelpfad entdeckt. Bruder Etienne und Sara bekreuzigten sich hastig. »Da sind sie«, flüsterte der kleine Mönch. »Sie sind da …« Cathérines Blick glitt wieder zum Himmel. Kein Zweifel: Die Nacht verblaßte schon leicht. Der Tag würde anbrechen. Der Wald regte sich mit unmerklichen Geräuschen, Rascheln und anderen Lauten, die ankündigten, daß er bald erwachen würde. »Vorausgesetzt, daß …«, begann sie. Aber sie hielt inne, den Arm Bruder Etiennes packend und drückend. Unter den Bäumen sah sie den Helm eines Bewaffneten schimmern. Die dicke Schneedecke dämpfte die Schritte der Männer, aber die Zweige knackten, wenn sie vorübergingen. Mit großen Degenhieben machten sie sich den Weg frei. Die Soldaten gingen langsam, sehr langsam weiter, die Nase auf dem Boden: zwanzig Bogenschützen zu Fuß, die Waffe über der Schulter, hinter ihnen zehn Reiter. Es waren Kastilier, und Cathérine verstand ihre Sprache nicht. Aber es wurde allmählich immer heller, und sie konnte schon die olivfarbenen, denkbar beunruhigenden Gesichter mit den lang ausgezogenen schwarzen Schnurrbärten unterscheiden. Mit Entsetzen sah sie, daß einer der Reiter am Sattelbogen einen Rosenkranz aus menschlichen Ohren trug, und unterdrückte einen Schrei. Als fühlte er ihre Anwesenheit, hielt der Mann genau unter der großen Eiche an und stieß einen heiseren Ruf aus. Ein Soldat eilte herbei. Der Reiter sagte etwas zu ihm, und Cathérines Herzschläge setzten aus. Aber der Mann mit der abscheulichen Trophäe wollte nur, daß man den Sattelgurt seines Pferdes fester schnallte, und ritt, nachdem dies geschehen war, weiter. Einige Augenblicke später war niemand mehr unter dem Baum. Ein dreifacher Seufzer entrang sich den Flüchtigen. Bruder Etienne wischte sich über die trotz der Kälte schweißtriefende Stirn und schob seine Kapuze zurück. »Mein Gott, was habe ich Angst gehabt!« seufzte er. »Bewegen wir uns noch nicht!« Sie warteten eine Weile, gemäß den Instruktionen, die Gauthier ihnen gegeben hatte. Als sich im Wald nichts mehr hören ließ als der ferne Schrei eines verspäteten Auerhahns, streckte der Mönch seine erstarrten Glieder, gähnte, um die Kinnlade zu lockern, und warf seinen Gefährtinnen ein ermutigendes Lächeln zu. »Ich glaube, wir können jetzt hinuntersteigen. Diese guten Leute haben den Wald so schön zertrampelt, als sie ringsherum das Unterholz niederhackten, daß unsere Spuren uns wohl kaum verraten werden.« »Es sieht ganz so aus«, sagte Cathérine und begann, sich von Ast zu Ast hinunterzulassen. »Aber werden wir unsere Richtung finden?« »Vertraut mir. Zufällig kenne ich dieses Land gut. In meiner Jugend habe ich einige Monate in der Abtei Saint-Géraud d'Aurillac verbracht. Wenn wir direkt auf die Sonne zugehen, müssen wir auf die Priorei Vezac stoßen, wo wir ein wenig Rast machen werden. Die Nacht setzt gegenwärtig früh ein. Sobald sie angebrochen ist, machen wir uns wieder auf den Weg …« Die ersten Strahlen der fahlen Wintersonne gaben den beiden Frauen neuen Mut. Diese Sonne wärmte zwar nicht, aber ihr Licht war wenigstens tröstlich. Als sie sich wieder am Fuß der Eiche befanden, die ihnen als Zuflucht gedient hatte, mußte Cathérine sogar lachen, wenn sie den seltsamen Anblick bedachte, den ihre ungewöhnliche Kleidung ihnen verlieh. »Weißt du, wem wir ähnlich sehen?« sagte sie zu Sara. »Gédéon, dem Papagei, den Herzog Philippe mir in Dijon geschenkt hat.« »Das kann schon sein«, brummte Sara, sich so gut wie möglich in ihr buntfarbiges Plaid hüllend. »Aber es wäre mir hundertmal lieber, wenn ich Gédéon selbst wäre, schön in der Wärme der Kaminecke deines Onkels Mathieu!« Man setzte sich wieder in Marsch, und bald bewahrheiteten sich die Voraussagen Bruder Etiennes aufs genaueste. Der kurze Kirchturm der Priorei Vezac tauchte auf, als man den Waldrand erreichte, beruhigend und friedlich in den ihn umwogenden dichten Nebel gehüllt. Im dämmernden Morgen des folgenden Tages langten Cathérine, Bruder Etienne und Sara genau in dem Augenblick vor den Pforten Aurillacs an, in dem sie geöffnet wurden. Ein Horn erklang auf der Umwallung, und schon erfüllte das Getöse der Kupferschmiedehämmer die klare, scharfe Luft, die trotz ihrer Schärfe den widerlichen Geruch der Gerbereien nicht zu verdrängen vermochte. Trotz der Kälte konnte man am Ufer der Jordanne und im Schatten des bemoosten Daches von Notre-Dame des Neiges Männer über merkwürdige, schief geneigte Platten gebeugt sehen, über die das eisige Wasser lief. »Das Wasser dieses Flusses ist dafür berühmt, daß es Gold mitführt«, erklärte Bruder Etienne. »Diese Männer dort lassen es durch Siebe aus dichtgewebten Tüchern laufen, um die winzigen Körnchen aufzufangen. Seht übrigens, wie man sie bewacht.« Tatsächlich ließen bewaffnete Posten keine Bewegung der Goldwäscher aus den Augen. Von der Böschung aus, ein paar Schritte von den im reißenden Wasser watenden Arbeitern entfernt, unbeweglich auf ihre Piken gestützt, hielten sie ihre Blicke fest auf die Wäscher gerichtet: magere Gestalten in Lumpen gehüllt, durch deren Löcher die frostblaue Haut zu sehen war. Neben den kräftigen, gut genährten und ausgerüsteten Soldaten boten sie einen trübseligen Anblick, der Cathérines Mitleid weckte. Vor allem einer der Männer im Fluß schien sich nur mit Mühe auf den Beinen zu halten. Er war alt, von den Jahren gebeugt, und seine von der Gicht knotigen Hände hielten das Sieb unter Schmerzen gepackt. Er zitterte vor Kälte und Erschöpfung, was einen der Landsknechte höchlichst zu belustigen schien. Als der Alte versuchte, wieder auf die Böschung zu steigen, gab er ihm mit dem Schaft seiner Lanze einen Schlag, der ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Mit einem Schrei rollte der Unglückliche in das reißende Wasser und tauchte unter. Einer seiner Kameraden, ein junger, noch kräftiger Bursche, sprang ihm nach, aber die Strömung war so reißend, daß er seinerseits unter dem schallenden Gelächter des Haufens das Gleichgewicht verlor. Eine Zorneswelle schwoll in Cathérines Herzen. Sie war unfähig, sich so etwas wortlos mit anzusehen. Ihre nervöse Hand griff nach dem Dolch Arnauds in ihrem Gürtel. Ehe Bruder Etienne dazwischentreten konnte, hatte sie ihn gezogen und sprang mit hoch erhobener Klinge auf den Mann mit der Lanze zu. Sie erwog nicht ihre geringen Kräfte, dachte nicht einmal an die Zahl der Bewaffneten. Sie war einfach ihrem Impuls gefolgt, weil sie nicht anders konnte … vielleicht, weil sie nicht mehr mit anzusehen vermochte, daß die Schwachen immer brutal behandelt und unterdrückt wurden. Im Augenblick hatte sie den Vorteil der Überraschung auf ihrer Seite. Der Dolch bohrte sich in die Schulter des Soldaten, der aufschrie und, das Gleichgewicht verlierend, zu Boden stürzte; an ihn geklammert wie eine wutfauchende Katze, fiel Cathérine über ihn. »Du Schweinehund! Dir wird nicht mehr genug Zeit zum Leben bleiben, um noch mehr Greise zu töten!« Wie der Stachel einer Wespe fuhr ihr Dolch immer wieder aufs Geratewohl auf den Mann nieder, der wie ein abgestochenes Schwein schrie, ohne sich wirkungsvoll verteidigen zu können. Die Wut verlieh der jungen Frau unüberwindliche Kräfte. Doch die anderen Bewaffneten hatten sich bald gefaßt und fielen jetzt gleich einem Fliegenschwarm über sie her. »Auf den Schotten!« rief einer von ihnen. »Tötet ihn! Tötet ihn!« Dieser Ruf rettete Cathérine, denn vom anderen Ufer antwortete ihm ein anderer: »Vorwärts, im Namen Saint-Andrés!« Die Goldwäscher hatten eben noch Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, über das schäumende Wasser stürmte ein Reitertrupp und fiel mit erhobenen Degen über die Wachen her. Cathérine, bereits von einem Dutzend Fäuste gepackt, kam unversehens frei und sprang auf die Füße. Ihre Hände waren mit Blut verschmiert, und der Mann unter ihr, den sie so heftig angegriffen hatte, atmete nicht mehr. Regungslos, mit weit aufgerissenen Augen gegen den niedrigen Himmel starrend, lag er ausgestreckt auf dem mit Schmutz und Blut besudelten Schnee. Cathérine begriff, daß sie ihn getötet hatte, doch seltsam, sie empfand keine Abscheu, keine Gewissensbisse. Die Wut kochte noch in ihr. Kalt tauchte sie ihren Dolch in die Jordanne und schob ihn wieder in den Gürtel zurück. Dann warf sie einen Blick um sich. Der Kampf zwischen den Wachen von Aurillac und der unerwartet eingetroffenen Hilfe war noch in vollem Gange, näherte sich aber seinem Ende. Im Handgemenge erkannte sie Gauthier, der neben einem großen blonden Schotten kämpfte. Um sie herum fochten etwa zehn Soldaten der Hochebenen energisch: MacLaren und seine Männer. Das Herz ging der jungen Frau vor Freude auf: »Gott sei gepriesen! Er hat sie wiedergefunden!« Am Flußufer entlanglaufend, wo die bis zu den Oberschenkeln im Wasser stehenden Goldwäscher bestürzt und entsetzt zusahen, stieß sie wieder zu Bruder Etienne und Sara, die sich, so gut sie konnten, an einer zerfallenen Mauer in Sicherheit gebracht hatten. Sara stürzte sich auf die junge Frau wie eine Tigerin, die ihr Junges wiedergefunden hat, umarmte sie, bis sie fast erstickte, schluchzte unaufhörlich, dann gab sie ihr mit aller Gewalt eine schallende Ohrfeige. »Du Wahnsinnige! Willst du, daß ich vor Kummer noch sterbe?« Cathérine wankte unter dem Schlag und griff sich an die Wange. Sie kochte vor Wut, aber schon warf Sara sich ihr zu Füßen und bat um Verzeihung, Tränenströme vergießend, die das Maß ihrer ausgestandenen Furcht ahnen ließen. Cathérine hob sie auf, drückte sie fest an sich und streichelte den Kopf der armen Frau. Aber ihr Blick kreuzte sich stolz mit dem Bruder Etiennes. »Ich habe einen Menschen getötet, Pater … und ich bereue es nicht!« »Wer würde es bereuen?« seufzte der Mönch. »Ich werde meine nächste Messe für die Seele dieses Unglücklichen lesen, wenn eine Messe für einen so schwarzen Geist überhaupt etwas auszurichten vermag. Was Euch betrifft, so erteile ich Euch Absolution.« Das Gefecht näherte sich seinem Ende. Die Wächter des Flusses lagen jetzt alle auf dem Schnee, verwundet oder tot, und MacLaren sammelte seine Leute. Gauthier sprang vom Pferd und näherte sich mit freudestrahlenden Augen Cathérine. »Ihr habt nichts abbekommen, Dame Cathérine? Bei Odin, ich glaubte zu träumen, als ich einen kleinen Schotten diesem großen schwarzen Tier an die Kehle springen sah. Aber Ihr seid am Leben, voll und ganz am Leben!« In seiner Freude hatte er sie an den Schultern gepackt und schüttelte sie nun, ohne sich allzusehr um seine Körperkräfte zu kümmern, rang mit dem furchtbaren Verlangen, das ihn überkam, sie an sich zu drücken und zu küssen. Doch plötzlich wurde Cathérine unter seinen Händen schlaff. Ein brennendes Gefühl in der Schulter war das einzige, was sie noch von ihrem seltsam haltlos gewordenen Körper wahrnahm. Ihr Kopf drehte sich, während ein schwarzer Schleier den Tag verdunkelte. Die Ohren summten, und sie hörte nur noch eine Stimme, die schalt: »Dummkopf! Sieh das Blut unter deiner linken Hand! Du siehst doch, daß sie verwundet ist!« Cathérine spürte, daß man sie jäh losließ, dann fühlte sie gar nichts mehr. Im Eifer des vor kurzem beendeten Kampfes hatte sie nicht einmal bemerkt, daß ihr eine Klinge in die Schulter gedrungen war! Diese glückliche Ohnmacht ersparte ihr zusätzliche Angst. Während Gauthier sie auf die Arme nahm und vorsichtig über den Hals seines Pferdes legte, richtete sich MacLaren in seinen Steigbügeln auf. »Es ist besser, keine Zeit mehr zu vergeuden«, sagte er. »Ich sehe einen größeren Trupp aus der Abtei herauskommen. In Kürze werden wir sämtliche Soldaten des Abtes auf dem Hals haben. Verschwinden wir!« »Aber sie braucht Pflege!« rief Sara. »Sie wird sie später bekommen. Zunächst müssen wir das Weite suchen. Steigt bei zweien meiner Männer hinten auf, Ihr, die Dienerin, und Ihr, der Mönch. Und nun vorwärts!« Zwei kräftige Schotten beluden sich mit Sara und Bruder Etienne, dann entfernte sich Ian McLarens Trupp, Bogen und Armbrüste über den Rücken, von Aurillac, von den Verwünschungen der herausströmenden Bewaffneten verfolgt. Einige Pfeile und Bolzen umschwirrten sie, trafen aber niemand. Das Lachen des schottischen Leutnants schallte wie ein Donnerschlag. »Mönchssoldaten, das taugt nicht mehr als Nonnen mit Helmen! Die können besser das Paternoster herunterleiern und die Mädchen aufs Kreuz legen als einen Bogen spannen!« Cathérines Verwundung war nicht ernst. Eine dünne Klinge war ihr einen Zoll tief in die Schulter gedrungen. Sie hatte ziemlich kräftig geblutet, aber die Wunde schmerzte nicht sehr. Ihre Schulter und ihr Arm waren steif und schwer wie Blei, doch hatte sie im Wind des schnellen Rittes das Bewußtsein rasch wiedererlangt. Sobald MacLaren schätzte, daß sie weit genug entfernt waren, hatte er Halt befohlen. Während seine Leute einen Becher tranken und ein paar Bissen aßen, hatte Sara die junge Frau zur Seite genommen, um sich um ihre Verwundung zu kümmern. Ihre geschickten Hände hatten schnell einen Verband aus einem zerrissenen Hemd aus dem Kleiderballen und ein wenig Balsam aus Hammelfett und Wacholder gemacht, der einem der Schotten gehörte. Dann hatten sie, auch Cathérine, etwas Brot und Käse gegessen und ein paar Schluck Wein getrunken, bis MacLaren wieder das Signal zum Aufbruch gab. Cathérine fühlte sich matt. Die Anstrengungen des nächtlichen Marsches zwischen Vezac und Aurillac zusammen mit dem Schock des kürzlichen Kampfes hatten sie erschöpft. Eine unbändige Schläfrigkeit überfiel sie, und sie hatte unendliche Mühe, die Augen offenzuhalten. Diesmal stieg sie hinter dem Führer der Eskorte auf. Trotz der wütenden Einwände Gauthiers hatte Ian MacLaren entschieden, daß er sich persönlich um sie kümmern werde. »Dein Pferd hat an dir schon genug zu tragen«, erklärte er ihm trocken. »Es braucht nicht noch überlastet zu werden!« »Sie wird sich nicht hinter Euch halten können«, gab der Normanne zurück. »Seht Ihr nicht, daß ihr die Augen zufallen?« »Ich werde sie festbinden. Im übrigen führe ich hier das Kommando!« Wohl oder übel mußte Gauthier nachgeben, aber Cathérine hatte flüchtig den zorngeladenen Blick aufgefangen, den er dem jungen Schotten zuwarf und den dieser gar nicht zu bemerken schien. MacLaren gehörte anscheinend zu der Sorte Menschen, denen nie Zweifel über den einzuschlagenden Weg kommen, die sich mit Entschlossenheit für etwas einsetzen und niemals wieder von vorn anfangen, was auch immer die Konsequenzen sein mögen. Nachdem er sie mittels eines Sattelgurtes fest an sich gebunden hatte, ritt er an die Spitze des Zuges. Die Schotten und die vier Flüchtlinge drangen in das wilde und furchtbare Gebirgsmassiv des Cantal ein. An MacLarens Rücken gelehnt, überließ sich Cathérine den Schritten des Pferdes. Das einsame Gebirge, seine erloschenen, von Wäldern bedeckten Vulkane und tiefen Felstäler hüllten sie bald mit ihrer Stille ein, die der Winter noch tiefer machte. Die Häuser der seltenen Weiler, die einsamen Sennhütten, die sie sichteten, blieben hermetisch geschlossen, um die Wärme von Mensch und Tier zu bewahren. Allein die dünnen grauen Rauchfahnen, deren flüchtige Arabesken sich gegen das Weiß des Schnees abzeichneten, deuteten an, daß hier Leben war. In den Häuschen aus schwarzer Lava drängten sich die Bauern um ihre kleinen rötlichen, struppigen Kühe, die, wenn der Sommer kam, auf das dichte grüne Gras der Wiesen die roten Farbkleckse ihres Fells setzen würden … Cathérine dachte, daß dieses rauhe Land schön sei, selbst unter dem Schnee, der seine harten Akzente unterstrich. Ein seltsames Wohlbefinden befiel sie trotz des dumpfen Schmerzes in ihrer Schulter, trotz des Fieberanflugs, der in ihren Adern aufstieg. Der Mann, an den sie gebunden war, teilte ihr seine Wärme mit. Sein kräftiger Körper bot einen festen Schutz gegen den schneidenden Wind. Sie ließ den Kopf gegen seinen Rücken sinken und schloß die Augen. Der seltsame Eindruck überkam sie, als binde sie etwas viel Engeres als der Sattelgurt an diesen Unbekannten … und doch hatte sie MacLaren noch nie wirklich angesehen. Vergraben in ihren hochmütigen Schmerz, in ihre schwarzen Schleier fester eingeschlossen als in ein Kloster, verschwammen die Männer, die Carlat bewachten, und besonders diese von weit her gekommenen Fremden vor ihren Augen, die nur noch das Unsichtbare sahen. Paradoxerweise fand sie unter ihrem Aufputz als junger Bursche zu ihrer wahren weiblichen Natur zurück. Und trotz der verzweifelten, unwiederbringlichen Liebe, die in ihrem Herzen wohnte, hatte sie nicht umhingekonnt, die fremdartige Schönheit MacLarens zu bemerken. Von hohem Wuchs, grenzte seine Schlankheit an Magerkeit, aber dieser lange Körper hatte die nervöse Biegsamkeit einer Degenklinge. Das hagere Gesicht bot das arrogante Profil eines Raubvogels, ein schmaler Mund und die eckigen Kiefer ließen auf ungeheuren Starrsinn schließen. Die gletscherblauen Augen blickten spöttisch, ohne Zärtlichkeit, waren tief unter den dichten hellen Brauen eingesunken. Das ziemlich lange Haar war von matter Blondheit, fast silbrig, und wenn MacLaren lächelte, hoben sich seine Lippen nur auf einer Seite, ein drolliges Lächeln im Mundwinkel, unverschämt und kurz, das nicht bis zu den Augen vordrang. Als er eben Cathérine um die Taille gefaßt hatte, um sie auf sein Pferd zu setzen, hatte er sie tief angeblickt. Ein Blick, der sie wie ein Dolch durchbohrte. Und dann hatte er gelächelt, ohne ein Wort zu sagen. Aber vor diesem Unbekannten und seinem kaum merklichen Spott hatte sie sich seltsam entwaffnet gefühlt. Der Blick schien zu bedeuten, daß die Dame Cathérine ohne ihre Trauerschleier eben auch nur eine Frau wie andere Frauen war, eine Frau, die man schließlich erobern konnte. Und Cathérine konnte sich nicht schlüssig werden, ob dieser Eindruck angenehm war oder nicht. Als man, nachdem es Abend geworden war, in der Scheune eines verschreckten Bauern Rast machte, der das Schwarzbrot und das Stück Ziegenkäse nicht zu verweigern wagte, überkam die junge Frau dasselbe Gefühl. Sara hatte sich so weit wie möglich von den Männern niedergelassen, aber um von dem zwischen drei Steinen angezündeten Feuer Vorteil ziehen zu können, war dieser Abstand nicht sehr groß. Cathérine war erstarrt, todmüde, und die durch den Ritt gereizte Wunde machte ihr zu schaffen. Das Blut klopfte schwer in ihrem Arm und in den Schläfen, doch trotz allem wollte sie versuchen zu schlafen, als MacLaren zu ihr trat. »Ihr seid krank«, sagte er, ihr seinen hellen, unerträglichen Blick zuwerfend. »Diese Wunde muß anders behandelt werden, als es geschehen ist. Zeigt sie mir.« »Ich habe alles getan, was zu tun war«, bockte Sara. »Man kann nichts anderes mehr versuchen. Man kann nur auf die Heilung warten.« »Man sieht, daß Ihr noch nie Verwundungen behandelt habt, die von Bärentatzen herrühren«, entgegnete der Schotte mit seinem kurzen, dünnlippigen Lächeln. »Ich sagte, zeigt mir das!« »Laßt sie in Ruhe«, sagte hinter ihm die dunkle Stimme Gauthiers. »Ihr werdet Dame Cathérine nicht gegen ihren Wunsch berühren.« Zwischen dem Feuer und MacLaren erhob sich die hohe Gestalt des Normannen, und Cathérine dachte, wie sehr er einem der Bären ähnelte, von denen der Leutnant eben gesprochen hatte. Sein Gesicht trug einen drohenden Ausdruck, und seine große Hand griff nach der in seinem Gürtel steckenden Streitaxt. Cathérine merkte voll Angst, daß die beiden Männer, im Begriff waren, aufeinander loszugehen. In der Tat antwortete MacLaren verächtlich: »Du fängst an, mich in Wut zu bringen, Freundchen! Bist du der Schildknappe Dame Cathérines oder ihre Amme? Reg dich nicht auf … Ich will sie nur heilen, sofern du nicht vorziehst, daß ihre Schulter brandig wird.« »Es geht mir sehr schlecht, Gauthier«, warf Cathérine beschwichtigend ein. »Wenn er etwas tun kann, um mir Linderung zu verschaffen, wäre ich ihm dankbar. Hilf mir, Sara …« Gauthier antwortete nichts. Er wandte sich auf dem Absatz um und hockte sich mit gebeugtem Rücken in die entlegenste Ecke. Sein Gesicht wirkte wie aus Stein. Inzwischen hatte Cathérine, von Sara gestützt, sich erhoben und wickelte das riesige Stück Wollstoff ab, mit dem sie gleichzeitig bekleidet und drapiert war. »Dreht euch um!« befahl Sara einigen Soldaten, die noch nicht schliefen. Sie half ihr aus dem enganliegenden flanellenen Männerrock und dem Panzerhemd, und als Cathérine nur noch die straffen Beinkleider und das rauhe safranfarbene Hemd trug, hieß sie sie, sich wieder zu setzen, und öffnete selbst das Hemd, um die verwundete Schulter frei zu machen. Ein Knie auf dem Boden, wartete MacLaren, aber sein Blick lag unausgesetzt auf Cathérine, die darüber errötete. Die fremden Augen waren frech der Linie ihrer langen Beine, der Kurve ihrer Hüften gefolgt und wanderten hinauf zu ihrer Brust, deren Formen sich trotz des Linnenverbandes, der sie zusammenpreßte, unter dem groben Stoff abzeichneten. Aber sie sagte nichts, ließ sich den Verband abnehmen, während Sara einen angezündeten Strohwisch vom Kohlenfeuer heranbrachte. MacLaren ließ einen kleinen Pfiff hören und runzelte die Stirn. Die Verletzung sah nicht schön aus. Die Wunde war geschwollen und nahm eine fahle Färbung an, die nichts Gutes verhieß. »Die Infektion ist nicht mehr fern«, brummte er, »aber ich werde das schon hinkriegen. Ich sage Euch gleich, daß es einen Augenblick weh tun wird, aber ich hoffe, daß Ihr tapfer seid.« Er entfernte sich und kehrte mit einer mit Ziegenhaut umwickelten Kürbisflasche und einem Beutel zurück, dem er etwas Mull entnahm. Dann kniete er von neuem nieder, nahm seinen Dolch und schnitt blitzschnell die Wunde wieder auf. Es geschah so rasch, daß Cathérine nicht einmal Zeit hatte zu schreien. Ein dünnes Blutgerinnsel rann heraus. Darauf feuchtete der Schotte einen Tampon mit der Flüssigkeit aus der Flasche an und machte sich ohne sonderliche Zartheit daran, die Wunde zu säubern. »Ich mache Euch aufmerksam«, sagte er, bevor er anfing, »es wird brennen!« Tatsächlich brannte es wie die Hölle. Trotz seiner Warnung preßte Cathérine mit aller Kraft die Zähne zusammen. Sie unterdrückte den Schmerzensschrei, der ihr auf die Lippen drang, ebenso heftig wie die Tränen, die ihr in die Augen stiegen, aber sie sagte kein Wort. Eine ihrer Tränen fiel auf MacLarens Hand. Er hob die Augen, sah sie mit unerwarteter Zartheit an und lächelte. »Ihr seid tapfer, das habe ich gleich gesehen. Wir sind fertig.« »Was habt Ihr da verwendet?« wollte Sara wissen. »Eine Flüssigkeit, die die Mauren Weingeist nennen und derer sie sich bedienen, um die Kranken zu beleben. Man hat beobachtet, daß sie Entzündungen verhütet, wenn man die Wunden damit wäscht.« Während er sprach, tat er etwas Salbe auf die Wunde und verband sie dann richtig. Seine Hände waren jetzt von erstaunlicher Sanftheit, und Cathérine vergaß plötzlich ihren Schmerz und hielt den Atem an. Eine Hand glitt von ihrer Schulter in die Höhlung ihres Rückens und verharrte dort in einer Liebkosung, unter der die junge Frau verwirrt fröstelte. Zorn und Scham trieben ihr das Blut in die Wangen. Die Unruhe, die die Berührung dieser Männerhand in ihr auslöste, ließ sie um so mehr schaudern, als sie das Bewußtsein ihrer unterdrückten Jugend in ihr wachrief. Sie hatte geglaubt, ihr Körper sei für immer zum Schweigen gebracht worden, weil ihr Herz keiner Hoffnung mehr fähig war, und in dieser flüchtigen Minute hatte er sie brutal Lügen gestraft. Sie wandte den Kopf ab, um seinem Blick auszuweichen, der forschend auf ihr lag, und zog ihr Hemd mit einer kalten Bewegung wieder empor. »Vielen Dank, Messire! Jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Ich werde versuchen zu schlafen.« Ian MacLaren zog seine Hände zurück, neigte den Kopf, ohne zu antworten, und entfernte sich, während Cathérine, rot bis an die Ohren, unter dem argwöhnischen Blick Saras hastig ihre Kleider wieder anzog und dann aufs Stroh sank. Sie wollte gerade die Augen schließen, als Sara sich zu ihr hinunterbeugte. Der Widerschein des niederbrennenden Feuers ließ die Zähne der Zigeunerin blitzen. Ihre Augen glänzten schadenfroh: »Meine Kleine«, flüsterte die Zigeunerin, »es genügt nicht, daß man zu leben aufhören will, um alles in einem zu töten. Du wirst noch deine Überraschungen erleben.« Cathérine zog es vor, nichts darauf zu erwidern. Sie schloß fest die Augen, wünschte sich, alsbald einschlafen zu können und nicht mehr denken zu müssen. Um sie herum erhoben sich die kräftigen Schnarchlaute der Schotten und die zarten, fast melodiösen Bruder Etiennes. Ihnen gesellte sich sehr bald der kräftige und lebhafte Atem Saras hinzu. Dieses seltsame Konzert hinderte Cathérine lange, im Schlaf ihre peinlichen Gedanken zu vergessen. Das Feuer erstarb, warf noch einen schwachen roten Schein und ging dann aus. Die junge Frau lag mit weit geöffneten Augen in der Dunkelheit. Am anderen Ende der Scheune suchte Gauthier ebenfalls den Schlaf und konnte ihn nicht finden. Draußen war die tiefe, kalte Winternacht, aber der Instinkt des Waldmenschen flüsterte ihm ein, daß der Frühling nicht mehr fern sei. Drittes Kapitel Als der Morgen angebrochen war, traf man Vorbereitungen zum Aufbruch. Cathérine fühlte sich besser. Das Fieber schien gefallen zu sein. Sie zog aus ihrem Zustand Nutzen, indem sie MacLaren fragte, ob man ihr nicht ein Reitpferd geben könne. Sie fürchtete jetzt die körperliche Nähe des jungen Schotten während eines langen Rittes. Der Leutnant nahm ihre Bitte mit eisiger Miene auf. »Wo soll ich ein Reitpferd hernehmen? Ich habe Eurem Normannen das Pferd gegeben, das Eurem Knappen Fortunat diente, nach Montsalvy zu gelangen. Der Mönch und Sara reiten auf der Kruppe der Pferde zweier meiner Männer. Ich kann nicht noch einem anderen das Pferd wegnehmen und einem weiteren Streitroß doppelte Last auferlegen, nur um Euch zu gestatten, Euch nach Belieben im Sattel zu tummeln. Ist es Euch denn so unangenehm, mit mir zu reiten?« »Nein«, erwiderte sie etwas zu schnell. »Nein … bestimmt nicht … aber ich dachte …« Er beugte sich ein wenig vor, um zu verhindern, daß jemand hörte, was er sagen würde: »Ihr habt einfach Angst, weil Ihr wißt, daß Ihr für mich keine mit Schleiern drapierte Statue seid, die man nur aus der Ferne betrachtet, ohne zu wagen, sich ihr zu nähern, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, die man begehren und der man es sogar ohne Furcht gestehen kann!« Die schönen Lippen der jungen Frau bogen sich zu einem verächtlichen Lächeln herab, doch ihre Wangen waren merkwürdig gerötet. »Schmeichelt Euch nicht, Messire, daß ich Eurer Gnade ausgeliefert sei, weil ich schwach und verwundet und fast schutzlos bin. Wenn Ihr damit andeuten wollt, daß Eure Berührung mir etwas ausmachte, dann muß ich Euch enttäuschen, wie Ihr's verdient. In den Sattel also, wenn's beliebt!« Mit einem Schulterzucken und einem spöttischen Blick schwang er sich aufs Pferd und streckte dann Cathérine die Hand hin, um ihr hinaufzuhelfen. Nachdem sie ihren Platz hinter ihm eingenommen hatte, wollte er den Sattelgurt wieder anschnallen, aber sie weigerte sich. »Ich bin jetzt viel kräftiger. Ich werde mich aufrecht halten können. Es ist nicht das erstemal, daß ich reite, Messire Ian!« Er bestand nicht darauf und gab das Zeichen zum Aufbruch. Den ganzen langen Tag verlief der Ritt ohne Zwischenfall. Es war stets die gleiche Einöde, die gleiche gequälte Landschaft. Beim Anblick Bewaffneter flohen die wenigen Bauern, die man traf. Der Krieg hatte diese armen Menschen so schwer getroffen, sie waren so oft gebrandschatzt und ausgeplündert worden, hatten so viel Tränen und Blut vergossen, daß sie sich nicht einmal mehr die Mühe machten herauszufinden, welcher Partei die angehörten, die hier unvermutet auftauchten. Freunde und Feinde waren gleichermaßen unheilvoll, gleich grausam. Der Anblick einer in der Sonne blitzenden Lanze genügte, sie sofort die Türen schließen und die wenigen Fenster verbarrikadieren zu lassen. Man ahnte hinter den stummen Wänden den angehaltenen Atem, das wie rasend klopfende Herz, den Angstschweiß, und Cathérine konnte sich eines Gefühls der Verlegenheit, eines fast körperlich spürbaren Unbehagens nicht erwehren. Das Pferd, das sie und MacLaren trug, war ein kräftiger Rotschimmel, ein richtiges Schlachtroß, für harte Schläge und den Kampf geschaffen, nicht für Schnelligkeit, nicht für die Flucht durch Wälder oder den langen Galopp über kahle Hochebenen, von Zweigen und Ästen gepeitscht oder vom wirbelnden Wind getrieben. Es war nicht Morgane! Als sie die kleine Stute in ihrer Erinnerung wachrief, zog sich ihr Herz zusammen. Sie wischte sich sogar zornig eine Träne ab. Albern war sie, sich derart an ein Tier zu binden! Morgane hatte ihretwegen die Ställe Gilles de Rais' verlassen und würde sie ebenso ungeniert für andere Herren verlassen … Trotzdem war diese Vorstellung Cathérine gräßlich. Als sie von Carlat aufgebrochen war, hatte sie Kennedy anbefohlen, auf Morgane aufzupassen; aber würde der schottische Feldhauptmann nichts Besseres zu tun haben, als sich um eine Stute zu kümmern, und sei sie noch so rassig? Von Morgane schweiften Cathérines Gedanken wieder zu Michel, dann zu Arnaud, und der Gram überfiel sie von neuem. Sie hatte sich nie mehr aus Carlat wegrühren wollen, hatte die immer gleichen Jahre an sich vorüberfließen lassen wollen, bis der Tod käme, doch offenbar hatte das Schicksal es anders bestimmt. Für ihren Sohn mußte sie den Daseinskampf wiederaufnehmen, mußte sie sich wieder in den Strom eines Lebens stürzen, das ihr nicht gefiel … Während Cathérine so ihren Gedanken nachhing, lief der Weg unter den Hufen der Pferde dahin. Auf dem ganzen Ritt wechselte sie kein Wort mit MacLaren. Als der Abend herniedersank, hielt man in Mauriac an. Schwarze Häuser aus zermalmter Lava am Fuße der viereckigen Türme einer romanischen Basilika, ein sehr ärmliches Gotteshaus, Rastort der Pilger von San Jago auf ihrem Weg nach Compostela in Galicien: Cathérine sah nicht viel mehr. Aber sie war glücklich, daß dieses von drei Minoriten unterhaltene fromme Asyl ihr das Zusammensein mit den Soldaten und ganz besonders mit ihrem rätselhaften Führer ersparte. Als er ihr vor dem Gotteshaus aus dem Sattel half, hatte er ihre Taille kräftiger als nötig umfaßt. Die Gebärde war vielsagend, doch kaum hatte die junge Frau den Fuß auf den Boden gesetzt, ließ er sie los, drehte sich wortlos um und ging davon, um das Quartier seiner Soldaten zu inspizieren. Inzwischen hatte Sara sich Cathérine genähert. »Wie findest du ihn?« fragte sie geradeheraus. »Und du?« »Ich weiß nicht. In diesem Mann steckt eine außerordentliche Lebenskraft, ein ungeheures Feuer … und doch möchte ich schwören, daß der Tod hinter ihm auf dem Pferd sitzt.« Cathérine schauderte. »Vergißt du, daß ich sein Pferd mit ihm teile?« »Nein«, erwiderte Sara langsam, »ich vergesse es nicht. Aber es kann sein, daß du etwas mit dem Tod dieses Mannes zu tun hast.« Um ihre Unruhe zu beschwichtigen, trat Cathérine durch die niedrige Pforte des Gotteshauses. In dem mit runden schwarzen Kieselsteinen gepflasterten Vorraum kam ihr ein Mönch, eine Fackel in der Faust, entgegen. »Was sucht ihr hier?« fragte er, von der Kleidung der beiden Frauen getäuscht. »Das Quartier der schottischen Soldaten liegt im Hinterhof und …« »Wir sind Frauen«, unterbrach Cathérine. »Wir reisen in dieser Kleidung, um unerkannt zu bleiben.« Der Mönch runzelte die Stirn. Sein Gesicht von der gelblichen Farbe alten Pergaments legte sich in tiefe Falten. »Eine so dreiste Kleidung paßt nicht in das Haus des Herrn. Die Kirche mißbilligt solche Aufmachung. Wenn ihr hier eintreten wollt, so zieht euch die anständige Kleidung an, die eurem Geschlecht zukommt! Wenn nicht, dann geht wieder zu euren Reisegefährten zurück!« Cathérine zögerte nur wenig. Ohnehin fühlte sie sich in diesem fremden Kostüm nicht wohl. Es verteidigte sie schlecht gegen die Zeit und die Menschen, vielleicht weil sie sich seiner nicht bedienen konnte. Sie riß sich die federgeschmückte Mütze vom Kopf und schüttelte die goldenen Locken. »Laßt uns eintreten. Sobald wir in einem verschlossenen Zimmer sind, werden wir die Kleidung wieder anziehen, die uns zukommt! Ich bin die Gräfin de Montsalvy und bitte um Asyl für die Nacht.« Die Falten auf der Stirn des Mönches glätteten sich. Er verneigte sich sogar mit einer gewissen Ehrerbietung. »Ich werde Euch führen. Seid willkommen, meine Tochter!« Er führte sie in eines der für Gäste von Rang reservierten Zimmer. Vier Wände, eine große Pritsche mit einer sehr dünnen Matratze, einige schlechte Decken, ein Schemel, eine Öllampe – dies war die ganze Möblierung; doch an der Wand hing ein großes steinernes Kruzifix, mit naiver Kunst gehauen, und im Kamin lag ein Armvoll Holz für die Flamme bereit. Wenigstens würden die beiden Frauen allein sein. Kaum eingetreten, zündete Sara das Feuer an, während Cathérine sich mit verräterischer Eile der Kleider entledigte, die ihr von Kennedy geliehen worden waren. »Hast du es denn so eilig?« bemerkte Sara. »Du hättest wenigstens warten können, bis das Zimmer warm ist!« »Nein. Ich habe Eile, wieder mein Selbst zu sein. Niemand wird es mehr an Achtung fehlen lassen, wenn ich wieder aussehe wie sonst. Und diese verrückte Kleidung mißfällt mir.« »Hmmm!« sagte Sara ungerührt. »Ich habe das Gefühl, daß du es nötiger hast, dich zu beruhigen, als die anderen zu beeindrucken! übrigens stimme ich dir ganz zu! Du liebst dieses Kostüm nicht, ich aber finde es entsetzlich. In meinem alten Kleid komme ich mir wenigstens nicht grotesk vor.« Und dem Wort die Tat folgen lassend, begann auch Sara, sich auszuziehen. Bei Tagesanbruch hörte Cathérine die Messe in der eiskalten Basilika in Begleitung Saras, kniete vor dem ältesten der Gastgebermönche nieder, um seinen Segen zu empfangen, und ging dann wieder zu ihren Reisegefährten. Als MacLaren die schwarzgekleidete Dame von Carlat unter dem Portal der Basilika im Glanz der roten Strahlen der aufgehenden Sonne erblickte, zuckte er heftig zusammen. Eine ärgerliche Furche grub sich zwischen seine hellen Brauen, während dumpfe Freude in Gauthiers grauen Augen glomm. Seit zwei Tagen hatte der Normanne den Mund nicht aufgetan. Er ritt abseits, als letzter des ganzen Trupps, mit gesenkter Stirn und verschlossenem Gesicht, obwohl Cathérine sich bemühte, ihn in ihre Nähe zu rufen. Die junge Frau hatte es aufgegeben, sich etwas vorzumachen. Der Haß, der zwischen dem Waldmenschen und dem Mann der Hochebene gärte, war fast greifbar. Aber bevor der Leutnant reagiert hatte, war Gauthier zu Cathérine geeilt. »Ich bin glücklich, Euch wiederzusehen, Dame Cathérine«, sagte er, als habe er sie schon viel länger als nur eine Nacht nicht gesehen. Dann hatte er ihr mit dem Stolz eines Königs seine geschlossene Faust angeboten, damit sie ihre Hand darauf legte. Seite an Seite waren sie zum Detachement zurückgekehrt. MacLaren sah sie kommen, die Fäuste in den Hüften, eine nichts Gutes verheißende Falte im Mundwinkel. Als sie nahe herangekommen war, maß er Cathérine von Kopf bis Fuß. »Wollt Ihr in diesem Aufzug zu Pferd steigen?« »Warum nicht? Reisen die Frauen vielleicht in einem anderen Kostüm? Ich bat um Männerkleidung, weil mir dies praktischer erschien, aber ich habe eingesehen, daß es ein Irrtum war.« »Irrtum – das ist Euer Schleier! Ein so reizendes Gesicht verbirgt man nicht!« Nonchalant hob er mit einem Finger das zarte Bollwerk aus Musselin, aber Gauthiers Hand legte sich auf sein Handgelenk und umschloß es wie eine eiserne Klammer. »Laßt das, Messire«, sagte der Normanne ruhig, »wenn Ihr nicht wollt, daß ich Euch den Arm breche.« MacLaren ließ nicht los und begann zu lachen. »Du fängst an, lästig zu werden, Halunke! Hallo! Ihr da …« Doch ehe die Soldaten sich auf Gauthier stürzen konnten, warf sich Bruder Etienne, der gerade aus dem Gotteshaus trat, zwischen MacLaren und den Normannen. Eine seiner Hände legte sich auf Gauthiers Gelenk, die andere auf die Hand des Schotten, die, welche den Schleier hielt. »Laßt los, beide! Im Namen des Herrn … und im Namen des Königs!« So groß war die Autorität, die in der ruhigen Stimme des Mönches schwang, daß die beiden Männer, gebändigt, ihm mechanisch gehorchten. »Dank, Pater«, sagte Cathérine mit einem Seufzer der Erleichterung. »Brechen wir endlich auf, denn wir haben schon zuviel Zeit verloren. Und was Euch betrifft, Sire MacLaren, so hoffe ich, daß Ihr Euch in Zukunft anständig betragt, wie es einem Chevalier einer Dame gegenüber geziemt.« Statt einer Antwort beugte sich der Schotte hinunter und bot der jungen Frau seine beiden verschränkten Hände, damit sie ihren Fuß auf sie setze. Dies war das stillschweigende Eingeständnis seiner Niederlage und gleichzeitig eine chevalereske Geste der Unterwerfung. Cathérine lächelte triumphierend, und mit einer Bewegung, deren unbewußte Koketterie sie nicht erwog, warf sie den Schleier über ihre hohe Haube zurück. Ihr Blick tauchte für einen Moment in die hellblauen Augen des jungen Mannes. Was sie in ihnen las, ließ ein schwaches Rot in ihre Wangen steigen. Dann setzte sie ihre Stiefelspitze leicht auf seine verschränkten Hände und schwang sich auf die Kruppe des Pferdes. Der Friede war wiederhergestellt. Jeder tat es ihr nach, und man verließ Mauriac, ohne daß jemand bemerkte, daß Gauthier sich wieder in sich selbst zurückgezogen hatte. Dieser Vorfall übrigens sollte zum Vorspiel einer wesentlich ernsteren Angelegenheit werden. Gegen Ende des Vormittags erreichte der Reitertrupp Jaleyrac. Der dichte Waldbestand hörte hier mit einem Schlag auf; mitten zwischen gut gehaltenen Feldern, auf denen Roggen und Buchweizen wachsen würden, lagen eine große Abtei und ein bescheidenes Dorf, ein Bild, das den Eindruck außerordentlichen Friedens hervorrief. Vielleicht lag es an der freundlichen Sonne, die den Schnee vergoldete, vielleicht auch am zarten Läuten einer Glocke, jedenfalls war an diesem einfachen, kleinen Nest, an diesem ländlichen Kloster etwas ganz Besonderes. Seltsamer noch: Die Menschen verkrochen sich nicht wie in den anderen Dörfern. Es herrschte viel Leben auf der einzigen Dorf Straße, die zu der gedrungenen Kirche hinaufführte. Angesichts des Ortes zügelte MacLaren sein Pferd und lenkte es neben den Gaul, der Bruder Etienne trug. Rittlings hinter einem mageren Schotten sitzend, den er an Gewicht leicht doppelt übertraf, schien der kleine Mönch den Ritt bis zu diesem Augenblick mit vollen Zügen genossen zu haben. »Was tun diese Leute da alle?« fragte MacLaren kurz. »Sie gehen in die Kirche«, antwortete Bruder Etienne. »In Jaleyrac verehrt man die sterblichen Überreste Saint-Méens, eines Mönchs, der einstmals aus dem Land Wales übers Meer kam und dessen bretonische Abtei von den Normannen geplündert und niedergebrannt wurde. Die Mönche sind damals vor ihnen geflohen. Und wenn so viele Menschen zu sehen sind, dann deshalb, weil Saint-Méen im Rufe steht, sich besonders der Leprakranken anzunehmen.« Das Wort traf Cathérine mitten ins Herz. Sie wurde weiß bis zu den Lippen und mußte sich an MacLarens Schultern klammern, um nicht zu fallen. »Die Leprakranken …«, sagte sie tonlos. Mehr brachte sie nicht hervor, die Stimme blieb ihr in der Kehle stecken. Auch weil die Menge, die sich in der einzigen Gasse zusammendrängte, etwas Furchtbares an sich hatte. Wesen, von denen man nicht mehr wußte, ob sie Mann oder Frau waren, schleppten sich durch den Schnee, auf T-förmige Krücken oder Stöcke gestützt, schwärzliche Glieder zeigend, wenn es nicht überhaupt nur noch Stümpfe waren, schreckliche Geschwüre, die die Gesichter zerfraßen, Geschwülste, Flechten, Tumoren, eine abscheuliche Menschheit, offenbar von der Hölle selbst ausgespien, die heulend und Psalmen absingend der geweihten Stätte zueilte. Graugekleidete Mönche, ein T aus blauem Email auf der Schulter, neigten ihre rasierten Köpfe zu ihnen hinunter und halfen ihnen, den Weg hinaufzusteigen. »Leprakranke«, sagte MacLaren angewidert. »Nein«, berichtigte Bruder Etienne, »alles, nur keine Leprakranken … Krätzekranke, Rotlaufkranke, Opfer verfaulter Wurzeln und verdorbenen Mehls, die sie in ihrem Elend gegessen haben und dank denen sie jetzt von Milzbrand und Räude bei lebendigem Leibe zerfressen werden. Die dort sind die Leprakranken!« Tatsächlich quoll jetzt aus dem Tor einer rohen Umwallung, die einige abseits des Dorfs errichtete Hütten umgab, eine andere Prozession: Männer, einheitlich in graue Röcke mit aufgenähten scharlachroten Herzen und eng das Gesicht umschließende rote Kapuzen unter großen Hüten gekleidet. Jeder schüttelte auf seinem Weg zum Dorf eine Klapper, die in der reinen Höhenluft unheimlich widerhallte. Und vor ihnen ergriff selbst die erbärmliche Menge der anderen Kranken entsetzt die Flucht. Diese menschlichen Wracks, die selbst nur aus Unreinheit bestanden, liefen, so schnell sie konnten, zum Kloster oder preßten sich an die Hauswände, um jeden unreinen Kontakt zu vermeiden. Die Augen von Tränen verschleiert, nahm Cathérine diesen Anblick in ihre Seele auf. Alles, was sie sah, weckte ihren Schmerz von neuem, beschwor wieder die kopflose Verzweiflung der ersten Tage herauf. Diese Elenden, das war von nun an die Welt des Mannes, den zu lieben sie nicht aufhören konnte, den sie bis zum letzten Atemzug anbeten würde. Sara verfolgte unruhig auf dem Gesicht der jungen Frau die Anzeichen des Schmerzes, den sie empfand. Tränen rollten schnell über die blassen Wangen hinunter. Sie sah, daß Cathérines traurige Augen mit verdächtiger Beharrlichkeit auf einem Mönch in brauner Kutte verharrten. Und plötzlich begriff die Zigeunerin, warum. Es war der Aufsehermönch der Leprastation von Calves. Zweifellos hatte er einige Kranke in der Hoffnung hierhergeführt, ihnen in Saint-Méen Heilung zu verschaffen. Doch Saras Gedankenfluß wurde durch das, was sie seit einem Augenblick unbewußt erwartete, unterbrochen: durch den verzweifelten Angstschrei Cathérines. »Arnaud!« Die Leprakranken hatten die Anhöhe umgangen, auf der die Reiter hielten, und entfernten sich, aber der Mann, der neben dem braunen Mönch schritt, dieser große, magere Mann, dessen breite Schultern die Uniform des Elends mit soviel instinktiver Eleganz trugen, dies war, dies konnte nur Arnaud de Montsalvy sein! Cathérines Liebe hatte ihn noch vor ihrem Blick erkannt. Bevor der sprachlose MacLaren auch nur daran denken konnte, sie zurückzuhalten, war sie schon zu Boden geglitten und eilte, mit beiden Händen ihren langen Rock raffend, durch den Schnee. Mit derselben Hurtigkeit, geboren aus ihrer gemeinsamen zärtlichen Liebe, hatten Sara, Gauthier und Bruder Etienne es ihr nachgetan. Die langen Beine des Normannen ermöglichten es ihm bald, die anderen weit hinter sich zu lassen. Doch von ihrer Leidenschaft angetrieben, lief Cathérine so schnell, daß er sie anscheinend nicht einholen konnte. Weder der Schnee noch der unebene Weg konnten sie aufhalten. Sie flog förmlich dahin, der schwarze Schleier flatterte hinter ihr wie eine Fahne in der Schlacht. Ein einziger erregender, überspannter Gedanke beherrschte sie: Sie würde ›ihn‹ wiedersehen, würde mit ihm sprechen. Ein ungeheures Glücksgefühl hatte ihre Seele wie ein Sturm, der jedes Hindernis niederreißt, überfallen. Ihre Augen, trocken und funkelnd jetzt, waren auf diesen Mann geheftet, der da neben dem Mönch schritt. Dieser Überschwang, den Gauthier in Cathérine ahnte, erfüllte ihn mit Entsetzen, denn er konnte nicht andauern. Was würde sie finden, wenn der Mann sich zu ihr umdrehte? Hatte sich Arnaud de Montsalvy in den Monaten, die er in der Leprastation war, nicht verändert? Würde es nicht ein schon zerfressenes Gesicht sein, das Cathérine zu sehen bekäme? Er beschleunigte seinen Lauf, rief: »Dame Cathérine … ich flehe Euch an, wartet! Wartet auf mich!« Seine mächtige Stimme trug so weit, daß sie über Cathérine hinaus bis zum Zug der Leprakranken drang. Der Mönch drehte sich um und sein Gefährte mit ihm. O ja, es war Arnaud! Die Freude sprengte ihr fast die Brust vor Hoffnung, und der Atem begann ihr auszugehen. Ob ein Wunder geschehen würde? Ob sie wieder vereint sein würden? … Hatte Gott endlich Mitleid mit ihr gehabt? Hatte er die flehentlichen Gebete ihrer schlaflosen Nächte erhört? Jetzt konnte sie schon das teure, von der roten Mütze eng umschlossene Gesicht erkennen, das immer noch schön, immer noch edel aussah. Die schreckliche Krankheit hatte es noch nicht verwüstet. Nur noch ein wenig Anstrengung, nur noch einen kurzen Augenblick, und sie würde es erreichen. Mit ausgestreckten Armen zwang sie sich, noch schneller zu laufen, taub für die Rufe Gauthiers, die immer noch hinter ihr her hallten. Aber auch Arnaud hatte sie erkannt. Cathérine sah, wie er erblaßte, und hörte ihn rufen: »Nein, nein!« Schon aus der Entfernung wehrte er sie mit einer heftigen Bewegung seiner behandschuhten Hände ab. Er murmelte dem Klosterbruder etwas zu, und dieser stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die junge Frau, ihr den Weg versperrend. Sie warf sich blindlings gegen ihn, prallte hart gegen einen kräftigen, in braunen, groben Wollstoff gekleideten Körper, klammerte sich an die ausgebreiteten Arme wie an eine Barriere. »Laßt mich durch!« rief sie flehentlich. »Laßt mich durch! … Es ist mein Mann! … Ich will ihn sehen!« »Nein, meine Tochter, nähert Euch nicht! Ihr habt nicht das Recht dazu … und er wünscht es nicht.« »Ihr lügt!« heulte Cathérine außer sich. »Arnaud! Arnaud! Sag ihm, er soll mich durchlassen!« Nach einigen Schritten war Arnaud wie erstarrt stehengeblieben. Sein schmerzverzerrtes Gesicht war eine wahre Maske des Leidens. Dennoch zitterte seine Stimme nicht. »Nein, Cathérine, nein, meine Liebste! … Geh! Du darfst nicht näher kommen! Denk an unseren Sohn!« »Ich liebe dich«, wimmerte Cathérine verzweifelt. »Ich kann nicht aufhören, dich zu lieben. Laß mich zu dir!« »Nein! … Gott sei mein Zeuge, daß auch ich dich liebe und daß ich mir diese Liebe aus dem Herzen reißen möchte, weil sie mich erstickt. Aber du mußt dich entfernen!« »Der heilige Méen kann ein Wunder tun!« »Daran glaube ich nicht!« »Mein Sohn«, tadelte der Mönch, der Cathérine immer noch festhielt, »Ihr lästert Gott!« »Nein. Wenn ich zugestimmt habe, mit Euch hierherzukommen, dann mehr für meine Gefährten als für mich. Wer hat je von einer Wunderheilung an diesem Ort gehört? … Es gibt keine Hoffnung.« Er drehte sich um und ging mit plötzlich schweren Schritten seinen Gefährten im Elend nach, die, eine Litanei singend, unten weiterzogen, nichts ahnend von dem sich hinter ihnen abspielenden Drama. Cathérine brach in Schluchzen aus. »Arnaud«,schluchzte sie, »Arnaud … Ich flehe dich an! … Warte auf mich! … Hör mich an!« Aber er wollte nicht hören. Auf seinen Wanderstab gestützt, ging er seines Weges, ohne sich umzuwenden. Gauthier hatte Cathérine inzwischen erreicht, nahm sie sanft aus den Armen des Mönchs, barg sie, die von verzweifeltem Schluchzen geschüttelt wurde, an seiner Brust. »Geht, Pater, geht schnell! … Und sagt Messire Arnaud, er solle sich keine Sorgen machen …« Der Mönch entfernte sich seinerseits, während Sara und Bruder Etienne, völlig außer Atem, ihre Freunde einholten. Ihnen folgten die Schotten, ebenfalls im Trab. Ein letztes Aufbäumen riß Cathérine aus der Umklammerung Gauthiers, aber die Tränen machten sie so blind, daß sie nicht mehr als eine graurote, durch den Schnee wankende Reihe bemerkte. Der Normanne hatte keine Mühe, sie wieder an sich zu ziehen. Die kalte Stimme Ian MacLarens drang vom hohen Pferd des Schotten zu ihnen herunter. »Reicht sie mir, und dann weiter! Diese Szene hat lange genug gedauert.« Aber mit einem Schulterzucken hob Gauthier Cathérine empor und setzte sie auf sein eigenes Pferd, das einer der Soldaten am Zügel hielt. »Ob es Euch paßt oder nicht, und selbst wenn dieses Tier daran krepieren sollte – ich werde mich um Dame Cathérine kümmern! Ihr scheint mir nicht viel von einem Schmerz wie dem ihren zu verstehen. Bei Euch ist sie im Exil.« MacLaren legte die Hand auf seinen Degenknauf, zog den Degen halb heraus und knurrte: »Bauernlümmel, ich habe große Lust, dir deine Unverschämtheit heimzuzahlen!« »An Eurer Stelle, Messire, würde ich's nicht versuchen«, erwiderte der Normanne mit drohendem Lächeln. Gleichzeitig glitt seine Hand wie zufällig zu der Streitaxt in seinem Gürtel. MacLaren ließ es dabei bewenden und wendete sein Pferd. Von der in einer Windung der Dordogne eingebetteten Herberge, vor der sie für die Nacht anhielten, sah Cathérine nichts. Sie hatte so viel geweint, daß eine Art Unempfindlichkeit über sie gekommen war. Ihre roten, geschwollenen Augen öffneten sich nur mit Schmerzen, und das, was sie sah, war zu verwirrend, um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Im übrigen interessierte sie nichts mehr. Sie fühlte sich so elend wie noch nie, den schrecklichen Tag mit einbezogen, an dem Arnaud aus der Welt der Lebenden geschieden war. Die für einen Augenblick wieder angefachte Hoffnung, die unvermutete Begegnung waren ihr wie Zeichen des Schicksals erschienen, eine Antwort des Herrn auf ihre unaufhörlichen Fragen. All diese Monate des Leidens waren wie mit einem Schlag ihrem Gedächtnis entschwunden, und die Liebeswunde, die sich vielleicht wieder ein wenig schloß, war von neuem aufgebrochen und blutete mehr als je. Den ganzen Tag über hatte sie sich, an Gauthiers Brust gekauert wie ein krankes Kind, vom harten Trab des Pferdes durchrütteln lassen, ohne die Augen zu öffnen. Dann hatte man sie über eine wacklige Stiege in die Kammer der Herberge getragen. Kammer? Wohl kaum! Ein Verschlag, in den man einen eisernen Kohlenofen gestellt hatte und in dem ein schmales Holzbett fast den ganzen Raum einnahm. Aber was kümmerte das Cathérine? Sara hatte sie schlafen gelegt, wie sie Michel schlafen gelegt hätte, und sie hatte sich in der Höhlung des Strohsacks wie eine Kugel zusammengerollt, in Laken, die so abgenutzt und fadenscheinig waren, daß man durch sie hindurchsehen konnte. Sich so klein wie möglich machen, mit dem feindlichen, jammervollen Universum verschmelzen, verschwinden … Der plötzliche Energieausbruch, der sie aus ihrem vegetierenden Leben in Carlat herausgerissen hatte, klang ab. Sie hatte es satt, zu kämpfen, satt, zu leben … Michel brauchte sie nicht allzusehr. Er hatte seine Großmutter, und Bruder Etienne würde beim König mit Hilfe Königin Yolandes die Sache der Montsalvys verfechten. Wonach Cathérine verzweifelt verlangte, war, Arnaud wiederzufinden! Sie konnte die abscheuliche Leere nicht mehr ertragen, die er in ihrem Herzen, in ihrem Leben zurückgelassen, diesen Riß, der sich heute wieder erweitert hatte. Sie schlug mühsam die Augen auf. Die Kammer war fast dunkel und still wie ein Grab. Cathérine hatte Sara angefleht, sie allein zu lassen. Sie war wie ein wundes Tier, das nicht die leiseste Berührung vertrug. Aber im roten Dämmer der fast heruntergebrannten Kohlen konnte sie den Stapel ihrer Kleider unterscheiden. Der lange Dolch Arnauds lag obenauf. Cathérine mühte sich aufzustehen, die Hand nach der Waffe auszustrecken. Eine einzige Bewegung würde genügen, und alles wäre beendet: der Schmerz, die Verzweiflung, der ewige Jammer. Eine Bewegung, eine einfache Bewegung … Doch die unaufhörlichen Tränen, die sie vergossen hatte, die Heftigkeit der Schocks, die ihre Nerven hatten ertragen müssen, hatten sie an die Grenze der Erschöpfung gebracht. Sie sank wieder schwer auf ihr Lager zurück, von Schauder gepackt. Von unten drangen Geräusche herauf: der Lärm im Gastraum einer Herberge zur Zeit des Abendessens. Die Soldaten setzten sich wahrscheinlich zu Tisch. Aber diese Lebensäußerungen waren Cathérine so fremd und fern, als ob sie in der Tiefe des mächtigsten Berges eingemauert worden wäre. Sie schloß wieder die Augen und stieß einen schmerzlichen Seufzer aus … Füßescharren und lautes Stimmengewirr von unten verhinderten, daß sie hörte, wie die Tür ganz leise geöffnet wurde. Sie gewahrte nicht, daß eine hohe, schattenhafte Gestalt ihrem Bett zuglitt, zuckte jedoch zusammen, als eine Hand sich auf ihre Schulter legte, während das Holz des Bettes unter dem Druck eines Knies ächzte. Als sie die Augen aufschlug, sah sie, daß ein Mann sich über sie beugte und daß dieser Mann kein anderer als Ian MacLaren war. Aber sie war nicht besonders überrascht darüber. Im Grunde konnte sie in ihrem jetzigen Zustand äußerster Entkräftung nichts mehr erstaunen, nichts mehr treffen. »Ihr schlaft nicht, nicht wahr?« fragte der Schotte. »Ihr gefallt Euch darin zu leiden, Euch dummerweise zu quälen …« In der Stimme des jungen Mannes schwang zunehmender Zorn mit. Cathérine bemerkte seine Verbitterung, versuchte aber nicht, sie sich zu erklären. »Was kann Euch das ausmachen?« fragte sie. »Was mir das ausmacht? Ich habe jetzt schon viele Monate beobachtet, wie Ihr lebt. Oh, ganz von weitem! Habt Ihr jemals auch nur im geringsten einem von uns Beachtung geschenkt, ausgenommen vielleicht unserem Hauptmann Kennedy, weil Ihr ihn braucht? Wir wissen, was Ihr alles gelitten habt, aber in unserem Land im Norden hält man sich nicht bei unfruchtbarem Jammern auf. Das Leben bei uns ist zu beschwerlich, als daß man es mit Tränen und Seufzern vergeudete.« »Was soll das alles? Sagt, was Ihr zu sagen habt, aber sagt es klar und deutlich. Ich bin todmüde …« »Todmüde? Wer ist das nicht in diesen Zeiten, in denen wir leben? Warum seid Ihr nicht wie irgendeine andere Frau? Glaubt Ihr, Ihr seid die einzige, die auf dieser Erde leidet, oder ist es wahrhaftig das einzige, wozu Ihr fähig seid: Euch wie ein furchtsames Tier in eine Ecke zu verkriechen und zu weinen, bis zur Verdummung zu weinen, bis Ihr vergeßt, wer Ihr seid, ja sogar vergeßt, daß Ihr ein lebendes Wesen seid?« Die harte Stimme, verächtlich und doch warmherzig, durchstieß den dichten, schmerzhaften, aber schützenden Nebel, in den Cathérine sich hüllte. Sie konnte nicht übergehen, was er sagte, weil sie im Grunde ihres Wesens dunkel fühlte, daß er recht hatte. »Auch bei uns sterben die Menschen, schnell oder langsam, die Frauen leiden in ihrem Herzen und in ihrem Fleisch, aber keine hat Zeit, ihre Leiden des langen und breiten auszukosten. Das Land ist zu rauh, das Leben, das einfache Leben ist ein täglicher Kampf, und man kann sich den Luxus von Tränen und Seufzern nicht leisten.« Jähe Empörung ließ Cathérine emporfahren. Sie setzte sich auf, hielt sich Laken und Decke vor die Brust. »Und? Worauf wollt Ihr letzten Endes hinaus? Warum kommt Ihr hierher, um mich zu quälen? Könnt Ihr mich nicht in Frieden lassen?« Über das scharfe Gesicht MacLarens huschte sein spöttisches Lächeln. »Endlich reagiert Ihr! Das wollte ich … und noch etwas anderes.« »Was?« »Das …« Ehe sie sich's versah, hatte er sie in die Arme genommen. Sie konnte sich nicht rühren, während eine Hand ihr sanft über die Haare strich und ihren Kopf zurückbog. Als Ian sich anschickte, sie zu küssen, wollte sie sich instinktiv wehren, wollte sie ihn zurückstoßen. Vergebliches Bemühen: Er hielt sie fest. Und dann hatte sie keine Kraft mehr. Und schließlich schlich sich wider ihren Willen ein heimtückisches Gefühl des Vergnügens bei ihr ein, gleich dem, das sie empfunden, als er ihre Wunde verbunden hatte. Die Lippen des jungen Mannes waren zart, und die Umklammerung seiner Arme hatte etwas Beruhigendes. Cathérine hörte plötzlich auf zu denken, um sich ganz dem weiblichen Instinkt, so alt wie die Welt, hinzugeben, der sie die Berührung mit diesem Jungen angenehm empfinden ließ. Manche Leute trinken, um zu vergessen, aber die Liebkosungen eines Mannes, die Liebe eines Mannes können eine Trunkenheit anderer, ebenso mächtiger Art auslösen, und genau diese Erfahrung war Cathérine im Begriff zu machen … Als er sie auf die schäbigen Kissen zurückbettete, hob er einen Augenblick den Kopf und warf der jungen Frau einen Blick zu, der von Leidenschaft und Stolz brannte. »Laß mich dich lieben. Ich weiß, wie ich dich sogar deine Tränen vergessen machen kann. Ich werde dir so viel Liebe geben, daß …« Er beendete seinen Satz nicht. Diesmal war es Cathérine, die, von jähem Verlangen gepackt, ihre Lippen auf die des jungen Mannes preßte und ihn an sich zog. Er war mit einem Schlag die einzige Wirklichkeit ihres Universums auf dem Höhepunkt ihrer Euphorie geworden, eine warme Wirklichkeit, an die sie sich mit aller Kraft klammern wollte. Beide rollten, eng ineinander verschlungen, auf die durchgelegene, abgenutzte alte Matratze, vergaßen den miserablen Hintergrund, dachten nur an die nahende Lust. Cathérines überanstrengte Nerven ließen sie eine totale, absolute Selbstzerstörung, eine Unterwerfung unter einen stärkeren Willen wünschen. Sie schloß mit einem leisen Stöhnen die Augen. Was nun folgte, stürzte sie wieder brutal in die Welt der Schreckgespenste, des Wahnsinns zurück, der sie MacLaren einen Augenblick entrissen hatte. Da waren dieser schreckliche, ungeheuerliche Schrei, der, wie es Cathérine schien, in ihrem eigenen Kopf explodierte, dann das krampfartige Aufbäumen seines ganzen Körpers, der den ihren umschlang, die aufgerissenen Augen des Schotten und das Blut, das aus seinem Mund schoß. Mit einem Schreckensruf warf sich die junge Frau zur Seite, die Decke mitreißend, in die sie sich instinktiv wickelte. Und da war Gauthier, aufrecht neben dem Bett, der sie mit den Augen eines Verrückten anstarrte. Seine Hände hingen bewegungslos an seinem riesigen Körper herab. Seine Axt steckte zwischen den Schultern MacLarens … Einen Augenblick maßen Cathérine und der Normanne sich schweigend, als sähen sie sich zum erstenmal. Ein wahnsinniger Schreck lähmte die junge Frau vollständig. Noch nie hatte sie an Gauthier diesen Ausdruck der Gewalttätigkeit und unerbittlichen Grausamkeit gesehen. Er war außer sich, und als sie sah, daß der Riese die mächtigen Fäuste hob, glaubte sie, er wolle sie töten, rührte sich aber nicht, weil sie dazu absolut unfähig war. Ihr Verstand arbeitete, aber ihre Glieder, aus Stein wie ihr ganzer Körper, verweigerten ihr jeden Dienst. Zum erstenmal in ihrem Leben durchlebte Cathérine in der Wirklichkeit das furchtbare Gefühl, von dem man in Schreckträumen heimgesucht wird, wenn man, von tödlicher Gefahr verfolgt, vergebens zu fliehen sucht und die Füße nicht vom Boden heben kann, wenn man zu schreien versucht und kein Ton über die Lippen kommt … Aber die Hände Gauthiers fielen kraftlos wieder an seinem Körper herab, und der lähmende Bann, der Cathérine gefangenhielt, löste sich. Sie wandte sogar die Augen ab, richtete sie auf die Leiche MacLarens mit einer Furcht, die der Verwunderung nahekam. Wie war er doch schnell und leicht, der Tod! Ein Schrei, und es gab keinen Geist mehr, keine Leidenschaft, nichts als reglose Materie. Dieser Mann, in dessen Armen sie noch einen Augenblick zuvor gelegen hatte, war plötzlich verschwunden! Er hatte gesagt: »ich werde dich vergessen lassen«, aber er hatte nicht einmal Zeit gehabt, sie seinem Willen zu unterwerfen! Sie schluckte mühsam ihren Speichel und fragte dann tonlos: »Warum hast du das getan?« »Das wagt Ihr zu fragen?« gab er brutal zurück. »Ist das alles, was von Eurer Liebe für Messire Arnaud übrigbleibt? Mußtet Ihr am Abend desselben Tages, an dem Ihr ihn wiedersaht, einen Geliebten haben? Ich habe Euch in meiner Achtung so hoch gestellt … höher als jede Frau, wahrhaftig! Und dann muß ich Euch wie eine läufige Katze schnurren hören!« Eine ungestüme Zorneswelle fegte hinweg, was an Furcht noch in Cathérine war. Dieser Mann hatte getötet und maßte sich noch das Recht an, sich als ihr Richter aufzuspielen? »Mit welchem Recht mischst du dich in mein Privatleben? Habe ich dir je das Recht gegeben, dich mit meinen Angelegenheiten zu befassen?« Er machte einen Schritt auf sie zu, mit geballten Fäusten, bösen Augen und bitterem Mund. »Ihr habt Euch mir anvertraut, habt Euch unter meinen Schutz begeben, und, bei Odin, ich hätte mein ganzes Blut und meinen letzten Atemzug für Euch hingegeben. Ich habe die Liebe, die ich für Euch empfand, zum Schweigen gebracht, das wahnwitzige Verlangen, das Ihr in mir erregtet, weil die Liebe, die Euch mit Eurem Gatten verband, mir eine zu schöne, zu reine Sache zu sein schien. Die anderen hatten nicht das Recht, daran zu rühren, nicht das Recht, sich einzumischen. Alles mußte dem Schutz einer Liebe wie dieser geopfert werden …« »Und was bleibt mir?« rief Cathérine, plötzlich außer sich. »Ich bin allein, immer und ewig allein, ich habe keine Liebe mehr, keinen Gatten mehr … Vor kurzem erst hat er mich noch zurückgestoßen.« »Obwohl er sich danach sehnte, Euch die Arme entgegenzustrecken! Er liebt nur Euch, genügend jedenfalls, um sich zu weigern, Euch bei lebendigem Leibe verfaulen zu sehen, wie es ihm beschieden ist. Ihr mit Eurem armen, kleinen Frauenverstand habt nur die Bewegung gesehen: Er hat Euch zurückgestoßen! Was habt Ihr also getan? Ihr habt Euch in die Arme des Erstbesten geworfen, und nur aus einem einzigen Grund: Der Frühling kommt, die Tiere werden läufig, und Ihr seid wie sie. Aber wenn Ihr schon einen Mann brauchtet, nichts als einen Mann, warum habt Ihr diesen Fremden mit den eisigen Augen gewählt? Warum nicht mich?« Unter der Faust des Normannen, die auf sie einhämmerte, hallte seine Brust gleich einer Trommel wider, und seine Stimme grollte wie Donnerrollen. Cathérine war jetzt ernüchtert, ihre Gelassenheit war zurückgekehrt, und sie mußte sich offen eingestehen, daß sie nicht begriff, was sie soeben in die Arme des Schotten getrieben hatte. Im tiefsten Innern gab sie Gauthier recht. Sie schämte sich wie noch nie, verstand aber nur zu gut den trüben Glanz, der in den grauen Augen des Normannen aufgeflammt war. Gleich würde er, ohne sich um den Mann zu kümmern, den er eben getötet hatte, sich auf sie werfen. Nach allem, was er gesehen hatte, würde nichts ihn mehr zurückhalten. In seinem »Warum nicht mich?« lag eine Welt von Zorn, von Rachsucht, von enttäuschter Liebe und Verachtung. Cathérine war ihm nicht mehr heilig. Sie war nichts weiter als eine Frau, die man zu lange begehrt hatte. Das konvulsivische Zittern, das sich ihrer bemächtigte, unterdrückend, richtete die junge Frau ihre veilchenfarbenen Augen fest auf den Riesen. »Geh«, sagte sie kalt. »Ich werfe dich hinaus!« Gauthier brach in ein wildes Gelächter aus, das seine kräftigen weißen Zähne entblößte. »Ihr werft mich hinaus? Vielleicht! Das ist Euer gutes Recht nach allem! Aber vorher …« Cathérine schob sich bis zur Wand zurück, um dem Ansturm, der kommen würde, besser widerstehen zu können, aber genau in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Sara trat herein. Mit einem schnellen Blick umfing sie die ganze Szene, sah Cathérine an die Wand gedrückt, Gauthier sprungbereit und zwischen beiden die blutende Leiche MacLarens, das Bett gleich einem tragischen menschlichen Kreuz versperrend. »Herr des Himmels!« rief sie aus. »Was ging hier vor?« Cathérines bedrückter Brust entrang sich ein tiefer Seufzer. Die dralle Gestalt der Zigeunerin hatte die unheilvolle Atmosphäre aus dem Zimmer verjagt. Die Dämonen entflohen und gaben der kalten, nüchternen Wirklichkeit den Weg frei … Mit ruhiger Stimme, ohne jeden Versuch zu bemänteln, was an ihrem Benehmen tadelnswert gewesen sein könnte, erzählte Cathérine, wie Gauthier den Schotten getötet hatte. Währenddessen hatte sich der Normanne, dessen Wut nun auch abgeklungen war, auf das untere Ende des Bettes sinken lassen, den Rücken seinem Opfer zugewandt. Den Kopf in die Hände vergraben, schien er an allem, was folgen mochte, uninteressiert. In schweigender und unbewußter Übereinstimmung überließen er und Cathérine es Sara, die notwendigen Entscheidungen zu treffen. »Was für eine Patsche!« brummte die Zigeunerin, als die junge Frau ihren Bericht beendet hatte. »Wollt ihr mir vielleicht verraten, wie wir hier herauskommen sollen? Was werden die Schotten sagen, wenn sie den Tod ihres Leutnants entdecken?« Wie um ihr recht zu geben, erhob sich ein gemeinschaftliches Gebrüll aus dem Erdgeschoß: »Ian! He, Ian MacLaren! Komm runter, trinken! Zufällig ist der Wein mal nicht zu schlecht! Komm runter!« »Sie werden heraufkommen«, flüsterte Sara. »Wir müssen die Leiche verschwinden lassen. Wenn sie die Wahrheit erfahren, wird es noch mehr Blutvergießen geben …« Gauthier rührte sich immer noch nicht, aber Cathérine hatte klar verstanden, was Sara sagen wollte. Die Schotten würden den Kopf Gauthiers fordern. Sie kannten nur das Gesetz der Wiedervergeltung: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Ihr Anführer war tot, der Mörder mußte mit seinem Leben bezahlen, und Cathérine wurde sich bewußt, daß sie diese Vorstellung nicht ertragen konnte. Was bedeutete ihr schon MacLaren? Sie liebte ihn nicht. Sie hatte noch nicht einmal eine jener Kapricen für ihn empfunden, die als Entschuldigung herhalten können. Nichts als ein simpler Anflug rasch verfliegender Narretei! Daß Gauthier dafür als Sühneopfer unter den Hieben der Schotten fallen sollte, nein, das ließ sie nicht zu! Ein plötzlicher Impuls ließ sie neben dem Normannen niederknien und seine Hände umklammern, die sein Gesicht verdeckten. »Fliehe!« flehte sie. »Ich beschwöre dich, fliehe! Rette dich, bevor sie die Leiche entdecken!« Er nahm die Hände vom Gesicht, das verfallen wirkte und in dem die Augen trübe brannten. »Was kann's mir schon ausmachen, wenn sie entdecken, daß ich ihn getötet habe? Sie werden mich ihrerseits töten! Na und?« »Ich will nicht, daß du stirbst!« brauste Cathérine leidenschaftlich auf. »Ihr habt mich davongejagt … Der Tod wird Euch noch sicherer von mir befreien!« »Ich wußte nicht, was ich sagte. Ich war wahnsinnig! Du hattest mich beleidigt, zutiefst getroffen … aber du hattest recht. Siehst du, ich bitte dich jetzt um Verzeihung.« »Was für Geschichten!« brummte Sara in ihrer Ecke. »Hört euch lieber den Krach an, den sie da unten machen!« In der Tat verlangten die Schotten jetzt mit aller Kraft nach ihrem Anführer, indem sie mit Löffeln und Näpfen auf die Tischplatten schlugen. Man hörte das Gepolter einer umstürzenden Bank, dann plötzlich Schritte auf der Treppe, sich nähernde Stimmen. Entsetzt rüttelte Cathérine Gauthier auf. »Aus Mitleid mit mir, wenn ich dir jemals ein wenig Zärtlichkeit eingeflößt habe, fliehe, rette dich!« »Wohin sollte ich schon gehen? Wo ich Euch nie mehr wiedersehen könnte?« »Reite nach Montsalvy zurück, zu Michel, und warte auf meine Rückkehr. Aber schnell, schnell … ich höre sie bereits!« Schon öffnete Sara das schmale Fenster, das glücklicherweise auf das Dach eines angebauten Schuppens hinausging. Der Winterwind drang mit Wucht in das kleine Gelaß, scharf, schneidend, und Cathérine wickelte sich fröstelnd die Decken um den kalten Leib. Die Schritte kamen näher. Die Männer mußten schon getrunken haben … »Ich werde mit ihnen sprechen«, raunte Sara, »Zeit gewinnen. Aber er muß sich schnell aus dem Staub machen … Die Pferde sind im Schuppen. Wenn wir ihm ein oder zwei Stunden Vorsprung verschaffen können, wird er nichts mehr zu fürchten haben. Beeilt euch, ich werde dafür sorgen, daß sie wieder hinuntergehen!« Sie öffnete die Tür und glitt flink hinaus. Es war höchste Zeit. Das Licht einer Kerze flackerte einen kurzen Augenblick auf, und die Stimme eines der Männer erklang ganz nahe hinter der Tür. »Was ist das für ein Krach?« brummte Sara. »Wißt ihr nicht, daß Dame Cathérine entsetzlich müde ist? Sie hat soviel Mühe gehabt einzuschlafen, und da kommt ihr und brüllt vor ihrer Tür herum! Was wollt ihr?« »Verzeiht!« antwortete die Stimme des Schotten verlegen. »Aber wir suchen den Leutnant.« »Und ausgerechnet hier sucht ihr ihn? Was für eine merkwürdige Idee!« »Ist ja nur, weil …« Der Mann hielt plötzlich inne, brach in schallendes Gelächter aus und fügte hinzu: »Er hat uns nämlich gesagt, er wolle der anmutigen Dame einen kleinen Besuch abstatten … um zu sehen, wie's ihr geht!« »Nun, er ist nicht hier! Sucht woanders. Ich hab' ihn vorhin aus dem Haus gehen sehen. Er ging in Richtung des Schafstalls da hinten … und ich glaube, er stellte einem Mädchen nach.« Cathérine hörte mit klopfendem Herzen zu. Ihre Hand umklammerte krampfhaft die Gauthiers. Sie fühlte, wie er zitterte; trotzdem wußte sie wohl, daß es nicht aus Furcht war. Hinter der Tür lachten die Männer laut auf, aber die Stimmen entfernten sich bereits, von Saras Geschimpfe begleitet. Kein Zweifel, die Zigeunerin würde mit ihnen hinuntergehen, um sich zu vergewissern, daß sie in der Richtung suchten, die sie ihnen angegeben hatte, und Gauthier nicht zufällig durchs Fenster steigen sahen. »Sie sind fort!« flüsterte Cathérine schließlich. »Flieh jetzt!« Diesmal gehorchte er, ging zum Fenster, schwang ein Bein über den Sims, wandte sich jedoch noch einmal zurück, bevor er den Oberkörper nachzog. »Ich werde Euch wiedersehen? Schwört Ihr's mir?« »Wenn wir noch am Leben sind, dann schwör' ich's! Schnell …« »Und … Ihr werdet mir verzeihen?« »Wenn du in einer Sekunde nicht verschwunden bist, werde ich dir in meinem Leben nicht verzeihen!« Ein kurzes Lächeln ließ seine Zähne aufblitzen, dann schwang er sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze, die bei einem Mann dieser Größe erstaunlich anmutete, hinaus. Cathérine sah, wie er sich am Dach des Schuppens hinunterließ und auf die Erde sprang. Er war ihren Blicken entschwunden, aber einige Augenblicke später konnte sie undeutlich die Silhouette eines Pferdes und seines Reiters im Galopp davonpreschen sehen. Glücklicherweise dämpfte der Schnee das schnelle Klappern der Hufe. Cathérine atmete erleichtert auf und schloß eiligst das Fenster. Sie zitterte vor Kälte und begann, das heruntergebrannte Feuer zu schüren, um es wieder anzufachen. Ihre Müdigkeit, ihre Niedergeschlagenheit von vorhin waren verschwunden, und wenn sie es auch vermied, den reglosen Körper quer über ihrem Bett anzusehen, erfüllte sie seine Nähe wenigstens nicht mehr mit Entsetzen. Sie fühlte sich außerordentlich klar und wach und überlegte bedächtig, was ihr jetzt zu tun blieb. Vor allem mußte die Leiche aus der Kammer entfernt werden. Hier durfte sie nicht bleiben. Mit Saras Hilfe würde sie sie durchs Fenster schieben und irgendwo in der Nähe der Herberge verschwinden lassen, am Rand des Wassers zum Beispiel. Die Schotten würden sie nicht vor dem Morgen finden, und dies gäbe Gauthier eine Nacht Vorsprung. Denn sie machte sich keinerlei Illusionen darüber, was folgen würde: Die Schotten würden sich auf die Spuren des Mörders ihres Anführers setzen … und der Axthieb bewies den Mord. Die Männer aus dem Hochland würden sich in der Identität dessen, der zugeschlagen hatte, sicher nicht täuschen. Als Sara zurückkam, traf sie Cathérine vollständig angezogen und neben dem Ofen sitzend an. Die junge Frau hob den Kopf. »Nun?« »Sie sind überzeugt, daß MacLaren mit einem Mädchen der Herberge im Schafstall scharmutziert. Sie haben sich wieder zu Tisch gesetzt. Und wir, was machen wir jetzt?« Cathérine erklärte ihr, was sie zu tun beabsichtigte. Sara riß die Augen weit auf. »Du willst diesen großen Körper durchs Fenster schieben? Aber das werden wir nie schaffen, oder wir werden uns den Hals dabei brechen.« »Man muß nur den Willen haben, übrigens, geh und such Bruder Etienne. Er muß eingeweiht und gewarnt werden. Wir werden seiner bedürfen.« Sara wagte keine Widerrede. Wenn Cathérine einen gewissen Ton anschlug, war es vergebene Liebesmüh, das wußte sie. Sie verschwand wieder nach draußen und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem Franziskaner zurück, den sie mit einigen Worten ins Bild gesetzt hatte. Bruder Etienne hatte in seinem abenteuerlichen Leben zuviel gesehen, um sich noch zu wundern, und er konnte sich in gewissen Fällen als bemerkenswert tüchtig erweisen. Er billigte Cathérines Plan voll und ganz und sah es als seine Pflicht an, bei der Ausführung behilflich zu sein. »Ich spreche nur ein Gebet, dann bin ich bereit.« Schnell murmelte er auf den Knien vor dem leblosen Körper ein Totengebet, machte hastig das Zeichen des Kreuzes über ihm und krempelte sich dann die Ärmel hoch. »Das beste ist, ich gehe aufs Dach hinaus. Ihr reicht mir die Leiche, und ich lade sie mir auf und steige hinunter.« »Aber er ist groß und schwer trotz seiner Magerkeit«, wandte Cathérine ein. »Ich habe mehr Kraft, als Ihr glaubt, meine Tochter. Genug der Worte, ans Werk!« Er half Cathérine und Sara, die Leiche ans Fenster zu tragen, und schwang sich hinaus. Die Kälte schien schärfer geworden zu sein, und die Nacht war still. In der Gaststube unten schliefen die Schotten sicherlich, zweifellos gebührend gesättigt und voll des süßen Weines, denn man hörte kein Geräusch mehr. Die Leiche des unglücklichen MacLaren war bereits steif und schwer zu handhaben. Cathérine und Sara mußten alle ihre Kräfte anspannen, um ihn zum Fenster hinaufzuheben. Trotz der Kälte spürten sie, wie der Schweiß an ihnen herunterrann, und sie mußten die Zähne zusammenbeißen, um ihre Angst nicht zu verraten. Wenn sie jemand überraschte, dann wußte nur Gott allein, was ihnen passierte! Zweifellos würden die rasenden Schotten sie ohne viel Federlesens zum nächstbesten Baum schleppen … Aber nein, niemand zeigte sich, kein Geräusch war zu hören. Auf dem Dach packte Bruder Etienne fest die Leiche und ließ sie bis zum Rand hinuntergleiten. »Wenn eine von Euch bis hierher käme, um ihn zu halten, während ich hinunterklettere«, flüsterte er. Ohne Zögern sprang Cathérine durchs Fenster und stieg vorsichtig zu dem Mönch hinunter. Das vom Schnee schlüpfrige Schindeldach war schwierig zu begehen, aber die junge Frau gelangte ungefährdet an den Rand der Schräge und hielt die Leiche, während Bruder Etienne sich mit unerwarteter Gelenkigkeit zu Boden gleiten ließ. »Da bin ich! Laßt ihn jetzt herunter, vorsichtig, sehr vorsichtig! Da, ich halte ihn! Kehrt in Eure Kammer zurück, das übrige erledige ich.« »Wie kommt Ihr zurück?« »Durch die Tür, ganz einfach. Das Kleid, das ich trage, gestattet mir, zu kommen und zu gehen, wie ich will, ohne Verdacht zu erregen. Es ist nicht das erstemal, daß ich diese Erfahrung gemacht habe. Manchmal frage ich mich sogar, ob das nicht der Grund ist, weshalb ich ins Kloster eingetreten bin.« Cathérine erriet sein Lächeln, erwiderte aber nichts. Nachdem die Leiche ihr nun aus den Augen entschwunden war, spürte sie die Nachwirkung der Nervenanspannung, die sie auszuhalten gehabt hatte. Einen Augenblick verharrte sie noch am Dachrand, schloß die Augen, um gegen einen plötzlichen Schwindelanfall anzukämpfen, versuchte, das Gleichgewicht wiederzugewinnen, das sie verließ. Der Himmel und das Dach führten einen wirren Rundtanz um sie auf … »Geht's nicht?« flüsterte Saras besorgte Stimme. »Willst du, daß ich dich hereinhole?« »Nein … nein, das hat keinen Zweck … Und außerdem kämst du nicht durchs Fenster!« Langsam kroch Cathérine auf Händen und Füßen hinauf. Das Schwindelgefühl schwand. Saras Hände griffen nach ihr, zogen sie ins Zimmer, wo inzwischen eine Hundekälte herrschte. Mit Saras Hilfe setzte sich die junge Frau auf eine Ecke des Bettes und fuhr sich mit zitternder Hand über die feuchte Stirn. Ihre Zähne klapperten. »Ich suche jetzt etwas, womit wir das Feuer wieder anzünden können«, sagte Sara, »und ich werde dir ein wenig Suppe bringen.« Während sie noch sprach, zündete sie die Kerze wieder an und betrachtete dann angewidert die blutbefleckten Bettlaken. »Die müssen verbrannt werden. Ich werde das diskret mit der Wirtin regeln.« Cathérine antwortete nicht. Ihre Gedanken folgten Gauthier, wie er durch die Nacht galoppierte, zu Michel und nach Montsalvy zurück, und ein stechender Schmerz durchfuhr ihr Herz. Des festen Bollwerks beraubt, das er repräsentierte, schienen ihr die kommenden Tage äußerst dunkel und weit bedrohlicher als bisher. Sollte sie denn mit ansehen, wie sich einer nach dem anderen von ihr trennte, alle die, die sie am meisten liebte? Sie fand sich von neuem allein mit ihrer alten Sara, um sich ein neues Leben aufzubauen, aber so traurig ihre Gedanken auch waren, weigerte sie sich, sich zu beklagen. Was geschehen war, war ihre eigene Schuld, ganz allein ihre Schuld! Wenn sie MacLaren fortgejagt hätte, als er sich über sie geneigt hatte, wäre nichts dergleichen passiert. Der junge Schotte würde noch leben, und Gauthier wäre nicht wieder auf die gefährlichen Wege des Abenteuers verwiesen worden. Als Sara wieder erschien, gleichzeitig Holzscheite und eine Schale mit Suppe tragend, spiegelte ihr würdevolles braunes Gesicht große Zufriedenheit wider. »Alles schläft da unten. Die Schotten schnarchen auf Tischen und Bänken. Gauthier wird die ganze Nacht zur Verfügung haben, um Vorsprung zu gewinnen. Alles geht gut.« »Du bist nicht gerade anspruchsvoll! Sag lieber, daß alles so gut geht, wie es nur gehen kann, wenn man mitten im Unglück schwimmt.« Die Dinge entwickelten sich genauso, wie Cathérine und Sara es vorausgesehen hatten. Einer der Schotten entdeckte im Morgengrauen den Leichnam MacLarens im Schnee neben dem Schafstall, und sofort befanden sich Cathérine, Sara und Bruder Etienne mitten in einem wahren Aufstand. Der Älteste der Bewaffneten, ein Soldat in den Fünfzigern, der sich Alan Scott nannte, hatte ganz natürlicherweise das Kommando über seine Kameraden übernommen, und er war es, der, ihre Wut zum Schweigen bringend, den drei Reisenden den Willen des Trupps zur Kenntnis brachte. »Ich bin aufs tiefste betrübt, meine Dame«, sagte er zu Cathérine. »Aber den Tod unseres Anführers – den wollen wir rächen.« »An wem, auf Grund von was? Wie könnt ihr sicher sein, daß der Mörder …« »… Euer Knappe ist? Der Axthieb ist bezeichnend.« »Die Männer hier benutzen auch Äxte«, erwiderte Cathérine nervös. »Sara hat euch gesagt, sie habe MacLaren mit einem Mädchen der Herberge zum Schafstall gehen sehen.« »Dazu müßte man erst einmal wissen, wer dieses Mädchen von der Herberge war. Nein, meine Dame, unnütz, darüber zu diskutieren. Wir sind entschlossen, uns an die Verfolgung dieses Mannes zu machen. Die Spuren sind sauber im Schnee zu erkennen. Im übrigen, wäre er nicht schuldig, wäre er ja hiergeblieben.« »Hättet ihr ihm eine Möglichkeit gegeben, sich zu verteidigen?« »Selbstverständlich nicht! Er hat im Grunde recht gehabt zu fliehen. Aber wir, wir müssen ihn wiederfinden. Setzt Eure Reise allein fort.« »Ist das Eure Art«, sagte Cathérine hoheitsvoll, »die Befehle Hauptmann Kennedys auszuführen?« »Wenn er wüßte, was sich hier zugetragen hat, würde Kennedy uns recht geben. Und außerdem scheint es, daß Ihr kein Glück bringt, edle Dame … und meine Männer wollen Euch nicht mehr dienen.« Cathérine fühlte, wie der Zorn in ihr aufstieg. Es war nutzlos, mit diesen beschränkten Flegeln zu streiten. Aber im Innern schauderte ihr vor dem Weg, den sie allein, oder fast allein, zurücklegen sollte. Doch ließ sie sich nicht anmerken, was sie bewegte. »Gut«, sagte sie schroff. »Geht. Ich halte Euch nicht zurück!« »Einen Augenblick!« warf Scott ein. »Ich brauche noch Euren Mönch. Die Hälfte meiner Leute bricht sofort auf, die anderen werden mit mir hierbleiben, um sich mit Messire MacLaren zu beschäftigen. Er braucht Leichengebete, und hier gibt es keinen Priester.« Daß er seinem Leutnant ein christliches Begräbnis geben wollte, war nur zu natürlich, und Cathérine versuchte nicht, sich dem zu widersetzen. Ein Grab würde schnell ausgehoben und die Totenmesse schnell gelesen sein. Das würde sie kaum lange aufhalten. Ohnehin erhob sich in einiger Entfernung am Ufer des Flusses eine kleine Kapelle, um die sich einige Kreuze gruppierten. »Euer Wunsch ist ganz natürlich«, erwiderte sie. »Wir werden also warten, bis Eure Beerdigungsfeier vorüber ist.« »Vielleicht wird das länger dauern, als Ihr glaubt!« In der Tat dauerte es unendlich viel länger, und Cathérine, krank vor Verdruß, erlebte den endlosesten Tag ihres ganzen Daseins. Als sie bemerkte, daß Scott sich in Richtung der wenigen Häuser des Weilers entfernte, dachte sie, er gehe einen Schreiner suchen, um einen Sarg anfertigen zu lassen, aber sie sah ihn einige Minuten später zurückkommen, vier seiner Leute im Gefolge, die einen riesigen Kochkessel schleppten, wie man ihn zur Kräuterkäsezubereitung benutzt. Diesen Kessel stellten sie am Ufer des Flusses auf, stützten ihn mit Steinen ab, füllten ihn halb mit Wasser und gingen daran, eine große Menge Holz heranzuschaffen. Einige Bauern sahen halb beunruhigt, halb neugierig ihrem Tun zu. Aufrecht unter einem Kastanienbaum zwischen Sara und Bruder Etienne stehend, tat Cathérine dasselbe und versuchte vergebens zu begreifen, was vor sich ging. »Was soll denn das bedeuten?« fragte sie den Mönch. »Wollen sie vor der Beerdigung eine Art Leichenschmaus vorbereiten? Offenbar ein riesiges Mahl.« Doch Bruder Etienne schüttelte den Kopf. Er verfolgte die Vorbereitungen, ohne sonderlich überrascht zu sein. »Das soll bedeuten, mein liebes Kind, daß dieser Scott nicht die Absicht hat, die Gebeine seines Leutnants der Erde der Auvergne zu überlassen.« »Ich verstehe noch immer nicht.« »Oh, das ist ganz einfach! Dieser große Kessel wird die Leiche des Leutnants aufnehmen. Man wird sie darin so lange kochen, bis sich die Gebeine ablösen lassen, die unser Schotte dann in einem Kasten oder einer Truhe leicht in sein Land transportieren kann. Das Fleisch wird hier an Ort und Stelle christlich beerdigt.« In schöner Einmütigkeit wurden Cathérine und Sara grün im Gesicht. Die junge Frau fuhr sich mit der zitternden Hand an die Kehle, die ihr jeden Dienst zu verweigern schien, doch schließlich gelang es ihr zu stammeln: »Das ist ja ekelhaft! Kennen diese Leute denn nicht weniger barbarische Bräuche? Warum verbrennen sie die Leiche nicht?« »Es ist ein durchaus ehrenhafter Brauch«, erwiderte Bruder Etienne friedlich. »Man wendet ihn an, wenn die Einbalsamierung unmöglich ist oder wenn die Leiche über eine zu weite Strecke transportiert werden muß. Und ich bedauere, Euch belehren zu müssen, daß dieser Brauch keineswegs nur auf Schottland beschränkt ist. Der Großkonnetabel Du Guesclin erlitt das gleiche Schicksal, als er vor Châteauneuf-de-Randon fiel. Man hatte ihn zwar einbalsamiert, doch als der Sarg in Puy eintraf, entdeckte man, daß die Einbalsamierung ungenügend war. Man ließ ihn also kochen, wie Scott es heute tun wird. Es ist eine große Ehre, die er seinem Leutnant erweist … aber an Eurer Stelle würde ich nicht hierbleiben.« In der Tat loderte das Feuer unter dem Kessel, und zwei der Männer waren fortgegangen, um die Leiche zu holen, die sie nun auf einer aus quer übereinandergelegten Ästen gefertigten Bahre feierlich anbrachten. Entsetzt über das, was folgen würde, nahm Cathérine Sara bei der Hand und zog sie eilends zur Herberge zurück, während Bruder Etienne, die Hände in die Ärmel schiebend, sich ruhig dem Kessel näherte. Während der ganzen Dauer dieser scheußlichen Verrichtung sprach er, am Ufer der Dordogne kniend, das Totengebet. Die schreckliche Kocherei dauerte den ganzen Tag, und diesen Tag verbrachte Cathérine, vor dem Kamin in der Gaststube der Herberge kauernd, zu, abwesenden Blicks ins Feuer starrend, unfähig, etwas zu essen. Tiefe Stille lag über dem Weiler. Die verschreckten Bauern hatten sich in ihren Häusern verbarrikadiert, klapperten mit den Zähnen und flehten zweifellos den Himmel an, er möge sie vor dem Furor dieser Wilden verschonen. Die Gastwirtin wagte nicht, das Haus zu verlassen. Cathérine hatte ihr die Worte Bruder Etiennes berichtet, und sie wußte nun, daß es sich bei dem Treiben am Flußufer nicht um irgendein höllisches Hexenwerk handelte, und doch hatte sie viel zuviel Angst, um die Nase nach draußen zu stecken. Alles, was man hörte, waren dann und wann ein Befehl Scotts oder die Hammerschläge des Schreiners, der, in seinem Haus eingeschlossen, einen kleinen Kasten für die Gebeine zimmerte. Sara, die sich ebenso fürchtete wie Cathérine, murmelte mit tiefer Stimme Gebete, doch die junge Frau konnte nicht beten. Der Eindruck, einen Alptraum zu durchleben, war schärfer denn je. Es war dunkle Nacht, als schließlich alles vorbei war. Bei Fackelschein legte man die sterblichen Überreste MacLarens neben der kleinen Kapelle zu Grabe. Cathérine überwand sich, daran teilzunehmen, ebenso wie die Bauern, die aus sicherer Entfernung zusahen. Es lag so viel Furcht in ihren Augen, daß die junge Frau fröstelte. Wenn der Mönch nicht gewesen wäre, hätten sie Scott dieses fremdartige Ritual zweifellos nicht praktizieren lassen, und die fünf Schotten wären mit Mistgabeln und Beilen bedroht worden. Nachdem die letzte Schaufel Erde auf das zurückgefallen war, was in keiner Sprache mehr einen Namen hatte, aber vor kurzem noch ein junger, lebenslustiger Mann gewesen war, stiegen die Schotten zu Pferde, die hölzernen Gesichter zu drohender Undurchdringlichkeit erstarrt, und machten sich, ohne Cathérine und die Ihren zu grüßen, von neuem auf den Weg ins Gebirge, über den Sattelbogen Scotts war ein roh gezimmerter Kasten geschnallt. Die Nacht war kalt, und als die Männer verschwunden waren, blieben Cathérine, Sara und Bruder Etienne allein inmitten der Dunkelheit neben der kleinen Kapelle. Den Fluß konnte man nicht sehen, hörte aber sein brausendes Wasser. Etwas weiter entfernt erweckten die erleuchteten Fenster der Herberge den Eindruck zweier ins Dunkel geöffneter gelber Augen. Bruder Etienne hob die im Winde Funken sprühende Fackel, die ihm einer der Schotten dagelassen hatte. »Gehen wir zurück«, sagte er. »Ich möchte lieber sofort aufbrechen«, bat Cathérine. »Dieser Ort flößt mir Entsetzen ein.« »Zweifellos, aber wir müssen dennoch warten, bis es Tag ist. Wir müssen über den Fluß setzen. Er ist angeschwollen und gefährlich. Wenn wir versuchen würden, ihn in der Dunkelheit zu durchwaten, würden wir in den Tod gehen … denn ich bin nicht sicher, ob sich die Leute hier die Mühe nähmen, uns zu Hilfe zu kommen und aus dem Wasser zu ziehen.« »Gut, erwarten wir den Anbruch des Tages im Gastzimmer der Herberge, und trennen wir uns nicht. Ich könnte in dieses schreckliche Gelaß nicht mehr zurückkehren …« Viertes Kapitel Die Herberge zum Schwarzen Sarazenen in Aubusson hatte schon bessere Tage gesehen – damals, als die Gegend noch reich gewesen war, während der großen Messen, zu der Zeit schließlich, als Hungersnot und die Engländer das Land noch nicht zugrunde gerichtet hatten. In dieser gesegneten Zeit strömten die Reisenden nach Limoges, wo die wunderbare Kunst der Emaillierarbeiter ganze Scharen von Kaufleuten anzog. Andere kamen, um am Umschlagplatz für Wolle Schafe von der Hochebene zu kaufen. Die Feuer knisterten unentwegt, und die Bratenwender waren praktisch den ganzen Tag in Betrieb. Das Gelächter und die Rufe der Zecher mischten sich mit dem lustigen Klappern der Holzschuhe der hübschen Serviererinnen, Geräusche, die sich bei Einbruch der Nacht noch verstärkten. Als jedoch Cathérine, Sara und Bruder Etienne dort eintrafen, am Abend eines langen, anstrengenden Tages, den sie in den verödeten, wilden Bereichen des Plateaus von Millevaches verbracht hatten, war das einzige vernehmbare Geräusch das Knarren des Wirtshausschildes, ehemals mit lustigen Farben bemalt und jetzt rostig und verblaßt, das windschief an seinem Träger hing. Die Nachtwächter stießen ins Horn und mahnten die Leute, die Türen zu schließen, und die kleine Stadt schien sich fröstelnd mit ihren engen schwarzen Gassen in die Schlucht zu ducken, die ihr Schutz bot. Oben auf einem Felsen breitete das alte Grafenschloß seine baufälligen Fassaden aus und ähnelte einer dicken, melancholischen Katze, die, zu einer Kugel zusammengerollt, eben im Begriff ist einzuschlafen. Die Straßen waren kaum belebt. Die wenigen, hastig vorübergehenden Leute warfen den drei Reisenden unruhige Blicke zu, die alsbald gleichgültig wurden, wenn sie feststellten, daß es sich nur um zwei Frauen und einen Mönch handelte. Dennoch erregte das Hufeklappern der Pferde die Aufmerksamkeit eines im Tor des Schwarzen Sarazenen lehnenden Mannes in weißer Schürze, dessen dicker Bauch in traurigem Gegensatz zu seinem gelben Teint und seinen dünnen Beinen stand. Er hatte die schlaffen Wangen von Leuten, die zu schnell abgenommen haben, und der Seufzer, den er beim Anblick der Reisenden ausstieß, ließ erkennen, daß bei ihm seit langem Schmalhans Küchenmeister war. Doch zog er seine Mütze und ging den Ankömmlingen entgegen, die schon aus dem Sattel stiegen. »Edle Damen«, sagte er höflich, »und Ihr, hochehrwürdiger Vater, womit kann der Schwarze Sarazene Euch dienen?« »Indem du uns ein Nachtlager gibst und das Gedeck servierst, mein Sohn«, antwortete Bruder Etienne gut gelaunt. »Wir haben eine lange Reise hinter uns. Unsere Pferde sind müde … und wir auch. Können wir hier wohnen und etwas zu essen haben? Wir können bezahlen.« »Ach, Euer Ehrwürden, Ihr könntet vor mir alles Gold der Welt ausbreiten und würdet trotzdem nichts anderes als eine Kräutersuppe und ein Stück Schwarzbrot vorgesetzt bekommen. Der Schwarze Sarazene ist leider nur noch ein Schatten dessen, was er einmal war, ach ja, und Euer Aufenthalt wird daran auch nicht viel ändern …« Ein enormer Seufzer unterstrich seine betrübliche Erklärung, und das neuerliche Hufgeklapper eines Pferdes in der Gasse ließ diesem ersten alsbald einen zweiten folgen. »Um Himmels willen!« stieß der Wirt hervor. »Hoffentlich ist das nicht noch ein Gast!« Unglücklicherweise für Meister Amable war es sehr wohl ein Reisender, wie der weite, staubbedeckte Mantel, in den er gehüllt war, und die schmutzigen Beine seines Pferdes bewiesen. Cathérine, die sich für die Probleme des Wirts nicht interessierte und vor allem begierig war, sich aufzuwärmen, trat bereits in den Gasthof, als die Stimme des Ankömmlings, der fragte, ob er für sich und sein Pferd Unterkunft bekommen könne, sie wieder zurückrief. Sie versuchte, das Gesicht des Reisenden im Schatten der großen grauen Kappe zu erkennen, die ihn bedeckte, aber der Wirt befreite sie schon durch seine Antwort aus ihrer Ungewißheit. »Ach, Maître Coeur! Ihr wißt doch ganz genau, daß mein Haus, ob arm oder reich, für Euch immer geöffnet ist. Nur gebe der Himmel, daß der Tag wiederkehre, an dem der Schwarze Sarazene Euch willkommen heißen kann, wie es seiner Vergangenheit würdig ist!« »Amen!« sagte Jacques Coeur mit gutem Humor. Er stieg aus dem Sattel, doch kaum hatten seine Stiefel den Boden berührt, als er auch schon Cathérine in den Armen hielt, die ihm vor Freude entgegengeeilt war. »Jacques! Jacques! Ihr seid's? … Was für ein Glück!« »Cathérine! Endlich … ich wollte sagen: Madame de Montsalvy! Was macht Ihr hier?« »Sagt Cathérine zu mir, mein Freund! Ihr habt Euch das Recht dazu schon lange erworben. Wenn Ihr wüßtet, wie ich mich über dieses Wiedersehen freue! Wie geht es Macée und den Kindern?« »Bestens, aber treten wir ein! Drinnen können wir uns besser unterhalten. Wenn du noch etwas hast, ein Feuer anzumachen, Meister Wirt, können wir soupieren. Du auch. Ich habe zwei Schinken in den Leinenbeuteln auf dem Sattel hinten. Auch Speck habe ich, Käse und Nüsse …« Während sich Meister Amable, den Himmel mit Lobsprüchen überschüttend, auf die Lebensmittel stürzte, schob Jacques Coeur seinen Arm unter den Cathérines und ging mit ihr in die Herberge, Sara im Vorbeigehen mit einem freundlichen guten Tag grüßend. In dem niedrigen Saal, an dessen riesigen, geschwärzten Balken nur noch melancholische Zwiebelkränze statt des Pökelfleischs von einstmals hingen, trafen sie Bruder Etienne an, der sich, den Rücken dem Kamin zugekehrt und die Kutte bequem hochgehoben, wärmte. Cathérine wollte die beiden Männer einander vorstellen, bemerkte aber, daß sie sich schon kannten, und zwar sehr gut. »Ich wußte nicht, daß Ihr aus dem Orient zurückgekehrt seid, Maître Coeur«, sagte der Mönch. »Die Kunde ist noch nicht bis zu meinen Ohren gedrungen.« »Weil ich sozusagen auf Zehenspitzen zurückgekehrt bin. Ich hatte große Hoffnungen auf diese Reise gesetzt, und wenn ich auch hochinteressante Dinge und Menschen gesehen habe, so habe ich bei diesem Abenteuer doch alles verloren …« Während Meister Amable und die einzige ihm noch verbliebene Bedienstete sich damit beschäftigten, das Mahl zu bereiten und den Tisch zu decken, setzten die Reisenden sich auf die Ofenbank, um sich aufzuwärmen. Cathérine, die glücklich war, einen so treuen Freund wiedergetroffen zu haben, konnte sich nicht genugtun, ihn zu betrachten. Und sehr häufig traf ihr Blick den Jacques'. Die braunen Augen des Pelzhändlers aus Bourges sprühten Funken, die nicht gänzlich auf den Widerschein des Feuers zurückzuführen waren, und seine schmalen Lippen öffneten sich halb zu einem glücklichen Lächeln. Er erzählte, wie er im Frühjahr von Narbonne mit der Galeasse ›Notre-Dame et Saint-Paul‹, die dem Bürger Jean Vidal gehörte, aufgebrochen war und in Gesellschaft anderer Kaufleute aus Montpellier und Narbonne die östlichen Länder des Mittelmeers bereist habe, um dort die Richtlinien für zukünftige Wirtschaftsunternehmungen abzustecken. Er hatte Damaskus besucht, Beirut und Tripolis, Zypern und die griechischen Inseln, um seine Reise schließlich in Alexandrien und Kairo zu beenden. Er brachte Erinnerungen mit, deren Zauber in der Tiefe seines Blicks zu lesen war. »Ihr müßtet in Damaskus leben«, sagte er zu Cathérine. »Die Stadt ist vor genau dreißig Jahren von den Mongolen Tamerlans geplündert und gebrandschatzt worden, aber hol' mich der Teufel, wenn man das heute noch sieht! Alles wird dort für die Schönheit der Frauen getan. Sie finden schimmernde Abendgewänder, durchsichtige Schleier, mit Gold oder Silber durchwirkt, unvergleichliche Duftwasser, wunderbare Kleinode und für ihre Naschhaftigkeit eine Menge Konfekt und Süßigkeiten, deren exquisiteste ohne Zweifel ein erstaunliches schwarzes Nougat und eine Art köstlicher kandierter Pflaumen sind, die man Myrobalane nennt.« »Ich hoffe doch«, unterbrach Bruder Etienne, »daß Ihr von allem etwas mitgebracht habt. Der König schätzt solche Dinge sehr, von den Hofdamen ganz zu schweigen.« Jacques Coeurs Seufzer fand ein Echo bei Meister Amable, als der Wirt den Pelzhändler solche köstlichen kulinarischen Genüsse beschwören hörte. »Leider habe ich gar nichts mitgebracht. Meine Ladung Pelze, Tuche aus Berry und Korallen aus Marseille hatte sich gut verkauft, und ich hatte viele schöne und kostbare Dinge kaufen können. Unglücklicherweise befand sich die ›Notre-Dame et Saint-Paul‹ auf ihrer letzten Reise, mit anderen Worten, sie war nicht mehr die Jüngste. Auf der Höhe der Küsten Korsikas hatten wir einen heftigen Sturm zu bestehen, der uns auf einen Felsen warf, wo die Galeasse auseinanderbrach. Wir wurden ins Meer geworfen. Die Küste war nahe. Trotz des Orkans konnten wir das Land erreichen … und ein neues Unglück. Die Menschen von Korsika sind Halbwilde, und ihnen ist alles recht. Wenn das Meer ihnen nicht das Strandgut liefert, das sie sich sehnlichst wünschen, zünden sie Feuer am Ufer an, um die Schiffe auf verborgene Klippen zu locken. Das erklärt wohl zur Genüge, warum wir mit ihnen keine Verständigung über unsere Schiffsladung erzielen konnten. Die Räuber bargen zwar unser ganzes Hab und Gut, weigerten sich aber, es uns zurückzugeben. Darauf zu bestehen wäre gefährlich gewesen: Sie hätten uns mitleidslos getötet. Wir ließen sie also machen, was sie wollten, worauf sie sich freundlich und sogar gastfreundlich zeigten. Man geleitete uns sehr höflich zum Hafen Ajaccio zurück, wo wir ein Schiff fanden, dessen Kapitän bereit war, uns auf Grund unseres Versprechens, bei der Ankunft zu bezahlen, nach Marseille zu bringen. Ich bin völlig ruiniert und bettelarm nach Bourges zurückgekehrt«, schloß Jacques Coeur lachend. »Völlig ruiniert?« fragte Cathérine erstaunt, die der Erzählung ihres Freundes mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit gefolgt war. »Aber Ihr scheint mir die Sache mit Humor zu nehmen!« »Was würde das Klagen nützen? Ich bin schon einmal ruiniert gewesen, durch jene unangenehme Geschichte mit der Münzherstellung für den König, die ich mit Ravand, dem Dänen, zusammen übernommen hatte. Auch damals habe ich wieder von vorn angefangen, wie ich heute von vorn beginnen werde, ich komme aus Limoges, wo ich Handelsabschlüsse in Emailwaren getätigt habe, und ich hoffe, hier ein oder zwei dieser Gobelins zu finden, deren Herstellungsgeheimnis die Sarazenen, wie es heißt, einst in diese Stadt gebracht haben sollen. Ich habe mir etwas Geld von meinem Schwiegervater leihen können, leider zu wenig, aber es wird mir trotzdem ermöglichen, eine kleine Schiffsladung für die nächste Reise zusammenzustellen.« »Ihr wollt wieder reisen?« »Natürlich. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, Cathérine, welche Aussichten und geschäftlichen Möglichkeiten der Orient bietet! Zum Beispiel der Sultan von Kairo. Er besitzt Gold in fabelhaften Mengen, aber er hat kein Silber oder zuwenig. Ich kenne nun alte Bergwerke, die früher von den Römern abgebaut und seither aufgegeben wurden. Aufgegeben, aber nicht erschöpft. Könnte ich die Förderung wiederaufnehmen und das Silber nach Kairo transportieren, würde es mich in die Lage versetzen, Gold zu kaufen, unendlich viel billiger als in Europa, und phantastische Gewinne zu erzielen. Ah, wenn mir jetzt große Kapitalien zur Verfügung ständen!« Während Jacques Coeur sprach, wanderte Cathérines Phantasie. Dieser Mann, dessen wache Intelligenz, dessen Mut und Kühnheit sie kannte, war fähig, die Welt umzukrempeln, um ihr das Glück zu entreißen. Was Ideen betraf, quoll Jacques geradezu von ihnen über. Sie zögerte keinen Augenblick. »Dieses Kapital, mein Freund, glaube ich Euch beschaffen zu können.« »Ihr?« Das ehrliche Erstaunen des Pelzhändlers war offenkundig. Während des langen Aufenthalts in Carlat hatte Cathérine Macée in einem Brief die Katastrophe von Montsalvy berichtet, und wie jedermann in der königlichen Umgebung wußte er, daß Arnaud und die Seinen geächtet waren und daß nach ihnen gefahndet wurde. Auch die ganze Aufmachung Cathérines sah ihm nicht gerade nach Reichtum aus. Die junge Frau lächelte leise, wühlte in ihren Taschen. »Allein dieser Stein, glaube ich, verbürgt die Ladung einer ganzen Galeasse.« Drei erstaunte Rufe wurden gleichzeitig neben ihr ausgestoßen. Auf ihrer Hand funkelte Garins Diamant wie eine kleine schwarze Sonne. Vor lauter Aufregung hatte Meister Amable mit kugelrunden Augen einen Topf fallen lassen, während seine Küchenhilfe instinktiv die Hände faltete. Die plötzlich zusammengekniffenen Augen Jacques' wanderten von dem wundervollen Juwel zu dem gleichmütigen Gesicht Cathérines. »Da ist er also«, sagte er langsam, »der berühmte Diamant des Finanzministers von Burgund! Welcher Glanz! Noch nie habe ich einen Stein gesehen, der diesem zu vergleichen wäre.« Er streckte die Hand aus, nahm den fabelhaften Stein vorsichtig zwischen zwei Finger und ließ sein Feuer im Licht spielen. Ein Flammengefunkel entzündete sich zwischen seinen Fingerspitzen. Leichte Röte stieg in Cathérines Wangen. »Nehmt ihn, Jacques, verkauft ihn und holt aus ihm heraus, was Ihr könnt.« »Ihr wollt ein solches Wunder nicht behalten? Wißt Ihr, daß in diesem kleinen Stein das Lösegeld eines Königs steckt?« »Ich weiß es. Ich weiß aber auch, daß es ein verwünschter Stein ist. Er verbreitet überall Unglück, wohin er kommt, und die, die ihn besitzen, haben nie Glück. Man muß ihn verkaufen, Jacques … Vielleicht wird mich dann das Unglück verschonen«, fügte sie tonlos hinzu. Der leise Unterton ihrer Stimme entging dem Pelzhändler nicht. Seine freie Hand legte sich sanft auf die zitternden Hände der jungen Frau. »Ich glaube nicht an solche Geschichten, Cathérine. Die Schönheit kann nicht unheilvoll sein, und dieser Diamant repräsentiert die reine Schönheit. Wenn Ihr mir ihn anvertraut, werde ich den Wohlstand des gesamten Königreichs daraus ziehen. Ich werde Karavellen über See schicken, werde Kontore errichten, werde diesem verwüsteten Boden seine Reichtümer entreißen und sie ihm in Hülle und Fülle wiedergeben. Ich werde Euch, mir und dem König obendrein ein Vermögen schaffen.« Er reichte ihn Cathérine von neuem hin, aber sie schob ihn mit einer gleichermaßen sanften und entschlossenen Bewegung zurück. »Nein, Jacques, behaltet ihn! Er gehört Euch! Ich hoffe, Ihr könnt ihm wirklich seinen bösen Zauber entreißen und ihn dem Wohl aller dienstbar machen. Wenn Ihr keinen Erfolg mit ihm habt, dann bedauert es nicht. Ich gebe ihn Euch.« »Ich nehme ihn nur in Kommission, Cathérine, oder als Darlehen, wenn Euch das lieber ist. Ich werde Euch das Hundertfache zurückzahlen. Ihr werdet Montsalvy wiederaufbauen, und Euer Sohn wird zu den Größten dieser Welt zählen, deren klangvolle Namen zwangsläufig mit einem großen Vermögen verbunden sind. Aber … dieser Wirt läßt uns ja Hungers sterben! Hallo, Meister Amable, wie steht's mit dem Abendessen?« Aus seinen Träumen gerissen, lief der würdige Gastwirt eilig in seine Küche, um die zuvor angekündigte Kräutersuppe zu holen. Jacques Coeur erhob sich und bot Cathérine die Hand. »Kommt zum Souper, meine liebe Teilhaberin, und Gott sei gesegnet, daß er Euch mir über den Weg geführt hat. Wir werden es weit bringen, Ihr und ich, oder ich müßte nicht Jacques Coeur heißen.« Er half ihr, am Tisch Platz zu nehmen, und nachdem er sich vergewissert hatte, daß Amable und seine Bedienstete sich entfernt hatten, flüsterte er: »Es war leichtsinnig von Euch, diesen Stein in einer Herberge vorzuzeigen. Amable ist ein anständiger Mann, aber zweifellos überseht Ihr, daß La Trémoille diesen schwarzen Diamanten haben will. Sein Vetter Gilles de Rais war so unvorsichtig, ihm davon zu erzählen, und er träumt nur davon, ihn sich anzueignen. Ihr werdet sehr vorsichtig sein müssen, meine Teure, wenn Ihr an den Hof kommt.« »Gut, gut, aber das ist ja ausgezeichnet! Verkauft ihm den Diamanten.« Jacques Coeur lachte trocken auf und hob die Schultern. »Seid Ihr noch immer so naiv? Wenn der Kämmerer erführe, daß ich diesen Stein besitze, würde ich nicht mehr viel für meinen Kopf geben. Warum soll er ihn bezahlen, wenn er ihn sich so leicht nehmen … und mich notfalls umbringen lassen kann?« »Das ist also der Grund, weshalb der Kastilier Villa-Andrado mich mit dem Segen La Trémoilles heiraten will. Die Liegenschaften von Montsalvy würden zweifellos dem Spanier übergeben werden, während der Diamant La Trémoille für seine Hilfe belohnte.« »Ihr macht Euch zu klein, meine Teure. Der Kastilier ist wirklich in Euch verliebt, glaube ich. Euch will er haben, aber natürlich verschmäht er auch Eure Ländereien nicht. Der König hat sie konfisziert und würde sie ihm ohne Zweifel übereignen.« »Auf jeden Fall«, mischte Bruder Etienne sich ein, »nehme ich an, daß der Diamant sich schon morgen mit Euch von Dame Cathérine trennen wird.« »Nachdem der Handel hier abgeschlossen ist, reise ich nach Beaucaire weiter. Die jüdische Gemeinde da unten ist reich und mächtig. Ich kenne einen Rabbiner, Isaac Abrabanel, dessen Bruder einer der Judenältesten von Toledo ist, und die Familie ist ungeheuer reich. Ich werde bei ihm jeden Goldbetrag auf diesen Diamanten bekommen, den ich haben möchte …« Um ihn zu warnen, daß der Wirt zurückkam, hüstelte Bruder Etienne, kreuzte die Finger, steckte die Nase in seinen Napf und begann dann fromm das Tischgebet, dem jeder andächtig lauschte, worauf man sich daranmachte, die von der Reise so schwer mitgenommenen Kräfte wieder aufzufrischen. Cathérine fühlte sich außerordentlich erleichtert, seitdem sie den schwarzen Diamanten in Jacques Coeurs Geldkatze hatte verschwinden sehen. Es war ein guter Einfall von ihr gewesen, denn dies war ein wichtiger, auf die Zukunft gezogener Wechsel. Auf jeden Fall würde Michel eines Tages reich sein, und selbst wenn seinen Eltern die königliche Begnadigung nie gewährt würde, könnte er außerhalb der Grenzen Frankreichs frei und im Überfluß leben. Aber Cathérine wollte mehr, Cathérine wollte etwas Besseres. Das Vermögen war nur ein Teil ihres Plans. Was sie dem Schicksal abtrotzen wollte, war das Ende des Großkämmerers und ihre und Arnauds Amnestierung durch den König. Der Name Montsalvy mußte wieder in seinem alten Glanz erstrahlen, oder ihr Leben hätte keinen Sinn mehr. Das Diner, das Meister Amable mit allen Anzeichen tiefen Respekts servierte, verging ganz damit, daß sich die Tafelnden die Zukunftspläne Jacques Coeurs anhörten. Aus Diskretion hatte er Cathérine weder Fragen über ihren Gatten noch über ihr Reiseziel gestellt. Ihrem Entschluß getreu, Arnauds Namen davor zu bewahren, nur mit Entsetzen genannt zu werden, hatte Cathérine Macée seinen Tod mitgeteilt. Zweifellos wollte der Pelzhändler vermeiden, durch eine ungeschickte Frage ihren Schmerz wieder zu wecken, der vielleicht nachgelassen hatte. Und Cathérine war ihm dankbar für seinen Takt. Doch häufig kreuzte sich ihr Blick mit dem des Pelzhändlers, und sie glaubte, eine Art Frage gemischt mit Verwirrung in ihm zu lesen. Er mußte sich fragen, welche Worte er wählen sollte, um sich zu erkundigen, was sie in Zukunft vorhatte, was sie aus ihrem Leben machen wollte, ohne indiskret oder verletzend zu sein. Schließlich hatte er einen guten Einfall: »Ich habe vorhin gesagt, daß der Orient Euch gut bekommen würde, Cathérine. Warum wagt Ihr das Abenteuer nicht mit mir?« Sie gab ihm sein Lächeln zurück, hob aber ein wenig überdrüssig die Schultern. »Weil diese Art Abenteuer nichts für mich ist, Jacques. Ich habe für eine Anzahl Menschen zu sorgen und noch viel auf dieser unglücklichen Erde zu tun. Seid gewiß, daß ich den Kampf, der mich erwartet, gern gegen alle Stürme des Mittelmeers tauschen würde, wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, bis zum Ende durchzuhalten.« Eine Bewegung Jacques', gleichermaßen diskret und entschieden, schnitt ihr das Wort ab. Sie schwieg sofort, sah den Pelzhändler an. Die scharfen Augen Jacques Coeurs durchforschten die Schatten im Hintergrund des Saals mit seltsamer Intensität, und zwar speziell dort, wo Meister Amable verschwunden war. Und als er sich Cathérine wieder zuwandte, sprach er nur noch von nebensächlichen Dingen, ließ jedes Thema, das gefährlich sein konnte, fallen. Und sobald die Mahlzeit beendet war, stand er auf, reichte Cathérine die Faust, so um die Ehre bittend, sie auf ihr Zimmer geleiten zu dürfen. Wie durch Zauberei erschien Meister Amable wieder, eine Kerze in der erhobenen Hand, und schritt ihnen zum oberen Stock voraus. Sara und Bruder Etienne bildeten den Schluß des Zuges. Die zum Umfallen müde Zigeunerin hatte die größte Mühe, die Augen offenzuhalten. Doch Cathérines Augen waren noch nicht vom Schlaf befallen. Die junge Frau hielt sie im Gegenteil weit offen, erstaunt, die hohen schwarzen Schatten, die der Widerschein der Wachskerze auf die gelbe Wand warf, beunruhigend zu finden. Warum eigentlich war das Gefühl der Erleichterung, das sie noch vor kurzem empfunden hatte, auf einmal geschwunden? Warum hatte sich eine unerklärliche Furcht in ihr Herz geschlichen? Der verwünschte Diamant hatte den Besitzer gewechselt, ihr Glück hatte mit dieser Geste begonnen, und sie hatte absolutes Vertrauen in ihr Glück. Was war es also? Vor dem Zimmer, das Cathérine mit Sara teilen mußte, trennte man sich steif! Die beiden Frauen schlossen sich in ihr Zimmer ein, während der Pelzhändler und der Mönch zum nächsten Stock hinaufstiegen. Die Stille der Nacht hüllte bald den Schwarzen Sarazenen ein. Sara hatte sich voll angezogen in ihren Kleidern aufs Bett geworfen und schlief sofort ein. Cathérine begnügte sich, Kleid und Stiefel auszuziehen, und legte sich dann neben sie. Leises Klopfen an der Tür riß sie aus tiefem Schlaf, in den auch sie gesunken war. Eigentlich eher ein Kratzen, ein Scharren, so daß sie sich einen Augenblick zögernd fragte, ob es nicht eine Maus war. Doch nein, es stimmte schon; jemand klopfte an die Tür … Es war stockdunkel im Zimmer, die Kerze war bis auf den Stumpf heruntergebrannt, und Cathérine tastete sich zum Türrahmen, wo das Klopfen von neuem zu hören war, besorgt, nicht an ein Möbelstück zu stoßen und womöglich das ganze Haus aufzuwecken. Die Person, die sich so leise und diskret durch Klopfen ankündigte, konnte kein Interesse daran haben, Aufmerksamkeit zu erregen … Die Tür öffnete sich schließlich, und Cathérine sah Jacques Coeur mit einer Kerze bewaffnet auf der Schwelle stehen. Er war völlig angezogen, die Kappe auf dem Kopf und im Mantel. Den Finger eindringlich auf die Lippen legend, gebot er Cathérine Schweigen, schob sie dann sanft zurück, trat eigenmächtig über die Schwelle und schloß die Tür hinter sich. Sein Gesicht trug einen beunruhigend ernsten Ausdruck. »Verzeiht die Störung, Cathérine, aber wenn Ihr keinen großen Wert darauf legt, bei Tagesanbruch mit dem Gefängnis der Grafschaft Bekanntschaft zu machen, dann rate ich Euch, Euch anzuziehen, Sara zu wecken und mir zu folgen. Bruder Etienne dürfte schon im Stall sein.« »Aber … warum so früh? Wieviel Uhr ist es denn?« »Eine Stunde nach Mitternacht. Ich gebe zu, daß es ein wenig früh ist, aber die Zeit drängt.« »Warum?« »Weil der Anblick eines gewissen Diamanten den Verstand eines bislang ehrlichen Mannes getrübt hat. Damit will ich sagen, daß Meister Amable soeben, nachdem er seine Herberge abschloß, zum Profos geeilt ist, um uns als gefährliche Missetäter anzuzeigen, nach denen von Monseigneur dem Großkämmerer gefahndet wird. Das exotische Aussehen Saras und die Tatsache, daß ich den Juden Abrabanel erwähnte, haben seiner Denunziation den leichten Ruch von Hexerei, von Zauberkunst hinzugefügt. Kurz, um einen Anteil an dem fabelhaften Kleinod zu bekommen, ist Meister Amable bereit, uns auf den Scheiterhaufen zu schicken.« »Woher wißt Ihr das alles?« fragte Cathérine, zu verdutzt, um wirklich erschreckt zu sein. »Erstens, weil ich unserem würdigen Gastgeber gefolgt bin, als er aus dem Haus ging. Sein Verhalten während des Abendessens kam mir verdächtig vor. Er wurde abwechselnd rot und blaß, seine Hände zitterten wie Blätter im Wind, und sein Blick blieb hartnäckig auf meine Geldkatze gerichtet. Ich kenne ihn schon geraume Zeit, aber ich habe gelernt, Menschen zu mißtrauen, wenn Gold im Spiel ist. Die Kammer, die ich mit Bruder Etienne teile, liegt glücklicherweise über der Herbergstür. Ich habe mich auf die Lauer gelegt, weil mich eine Vorahnung trieb, und habe unseren Gastwirt tatsächlich heimlich sich fortstehlen sehen, als er annehmen konnte, daß jedermann schliefe. Da mir die Geduld fehlte, die Treppe zu benutzen, ließ ich mich schleunigst am Fachwerk des Hauses zu Boden gleiten und machte mich auf Amables Spur. Als ich ihn die Auffahrt zum Schloß hinaufgehen sah, war mir klar, daß ich recht gehabt hatte, ihn zu überwachen.« »Und dann?« fragte Cathérine, vor Kälte zitternd, und beeilte sich, ihr Kleid wieder überzuziehen. »Was ist dann passiert? Seid Ihr sicher, daß er uns denunziert hat?« »Das ist eine Frage, die Ihr nicht stellen würdet, wenn Ihr ihn händereibend hättet fortgehen sehen. Außerdem konnte ich mich vergewissern, daß ich mich nicht täuschte. Bei Tagesanbruch soll eine Abteilung des Profosen uns verhaften, und zwar noch vor Öffnung der Stadttore.« »Wer hat Euch das gesagt?« Jacques Coeur lächelte, und Cathérine sagte sich, daß er für einen von Gefängnishaft bedrohten Mann sehr ruhig und gelassen schien. »Zufällig habe ich zwei oder drei Freunde in dieser Stadt, was Meister Amable nicht weiß. Der Zweitälteste Sohn einer der beiden Inhaber des Fabrikationsgeheimnisses der Gobelins ist Sergeant in der Garnison. Ich bin einfach frech zum Schloß gegangen, habe mich auf der Wachstube gemeldet, ohne natürlich meinen Namen zu nennen, und habe ihn zu sprechen verlangt.« »Ohne Schwierigkeiten?« »Ein Goldstück vermag viel. Cathérine, und zufällig hat der junge Esperat einen gesunden Sinn fürs Kommerzielle. In dem Wunsch, seinem Vater einen guten Kunden zu erhalten, hat er gar keine Schwierigkeiten gemacht, mich über die Befehle, die er für den Tagesanbruch erhalten hat, ins Bild zu setzen.« Cathérine hatte ihr Kleid nun geschnürt und schüttelte jetzt Sara, die sich schwer wecken ließ. »Es ist sehr hübsch, so gut unterrichtet zu sein«, murrte sie. »Aber da wir keine Vogelflügel haben, sehe ich nicht, wie wir aus einer mit hohen Mauern umgebenen und mit schweren, wohlverschlossenen und bewachten Toren versehenen Stadt hinauskommen sollen. Wir sitzen in einer Mausefalle, denn die Stadt scheint mir zu klein, als daß man sich in ihr verstecken könnte.« »Trotzdem werden wir hinauskommen … jedenfalls hoffe ich's. Beeilt Euch, Cathérine. Bruder Etienne muß schon bei den Pferden sein.« Cathérine schlug die großen Augen auf und sah Jacques an, als wäre er plötzlich verrückt geworden. »Wollt Ihr etwa zu Pferde fort? Ihr fürchtet Euch wahrhaftig vor nichts. Ein Pferd macht doch Geräusche. Und nun erst vier Pferde!« Ein flüchtiges Lächeln erhellte das ernste Gesicht des Pelzhändlers. Seine Hand legte sich einen kurzen Augenblick auf Cathérines Schulter und drückte sie. »Wollt Ihr nicht versuchen, mir Vertrauen entgegenzubringen, meine Freundin? Ich kann natürlich keinen Eid leisten, daß der Schritt, zu dem ich Euch überrede, richtig ist. Ich sage nur, daß ich mein Bestes tun werde. Aber genug der Worte! Kommt!« Im Nu machten die beiden Frauen sich fertig. Die Gefahr witternd, beeilte sich Sara, ohne unnütze Fragen zu stellen. Vorsichtig Jacques Coeur folgend, mühten sie sich mit der abgetretenen Treppe ab, setzten die Füße so nahe wie möglich am Geländer auf, um zu vermeiden, daß ihre Schritte zu hören waren. Die Stille war so tief, daß schon das Geräusch ihres Atems sie in Schrecken versetzte. Sie erreichten unbehindert das Erdgeschoß. Jacques Coeur, der Cathérine an der Hand hielt, zog sie schnell quer durch die Gaststube zur Hintertür der Herberge. Dort genügte es, darauf zu achten, nicht an die Bank oder den Tisch zu stoßen, denn die steinernen Fliesen des Bodens ächzten nicht. Als der Pelzhändler aber die Hand auf die Klinke legte, hielt ein trockenes Knacken ihn zurück und veranlaßte ihn und seine Begleiterinnen, sich mit klopfenden Herzen an die Wand zu pressen. Es war nur eine Lächerlichkeit. Die Dienstmagd hatte die Glut mit Asche bedeckt, um das Feuer am Morgen nicht erst wieder anzünden zu müssen, und ein glimmendes Holzscheit mußte geborsten sein. Jacques atmete erleichtert auf, während Cathérine einen Seufzer ausstieß. Sie tauschten einen Blick und ein ziemlich zitterndes Lächeln. Langsam, Zoll um Zoll, öffnete sich die Kastanienholztür. Jacques blies seine Kerze aus, stellte sie auf den Boden, zog Cathérine hinter sich her, und Sara schloß die Tür wieder. Unter dem Wetterdach ihnen gegenüber drang ein Lichtschimmer aus der Stalltür, dem sie zustrebten. »Wir sind's, Pater!« flüsterte Jacques. Bruder Etienne war tatsächlich im Stall an der Arbeit. Mit Hilfe von Lappen, die er in der Küche des Gastwirts hatte entwenden können, umwickelte er sorgfältig die Hufe der Pferde, und das mit solcher Ruhe, als läse er sein Brevier. Jacques und Sara halfen ihm dabei. Nach einigen Augenblicken war alles für den Aufbruch fertig, und während Cathérine eiligst den Torweg öffnete, führten die drei anderen, den Pferden die Nüstern zuhaltend, eins nach dem anderen so lautlos wie möglich auf die Straße. Diese verlief auf die Kirche Sainte-Croix zu. Von dort zog sich eine Art Marktplatz zum Bergfried und zum Schloß hinauf, dessen vierschrötige Umrisse sich vom dunklen Himmel abhoben. Cathérine raffte ihren Mantel um den Hals zusammen. Der Wind, der von der Ebene her blies, war scharf, trocken und schneidend. Kein Licht durchdrang die Nacht, ausgenommen bei der Zugbrücke des Schlosses oben, wo ein Feuer in einer Eisenpfanne wie ein roter Stern glänzte. Der steinerne Wasserfall der Häuser schien der kunstlosen Festung zu entspringen, deren zackige Krone die spitzgiebligen Dächer beherrschte, die sich eins aufs andere stützten. Weiter unten, vor der Kirche, erhob sich eine Art Turm aus fensterlosen Mauern. »Das Gefängnis!« sagte Jacques Coeur nur, als ob er den Mut Cathérines stärken wollte. »Folgt mir. Wir müssen zum Schloß hinauf.« »Zum Schloß?« fragte Cathérine wie ein Echo. »Natürlich. Justin Espérât erwartet uns dort an der Umfassungsmauer. Da oben, dem Plateau zu, geht nämlich die Mauer des Kastells in die Stadtmauer über.« »Und dann? Ich begreife immer noch nichts.« »Ihr werdet schon begreifen. Der Himmel ist offenbar mit uns. Der Frost war in diesem Winter so stark, daß Steine gesprungen sind und in der Mauer sich eine Bresche geöffnet hat. Natürlich wird diese Bresche bewacht, bis das Ende der Frostperiode die Ausbesserung gestattet. Und es trifft sich gut, daß Espérât von der ersten Morgenstunde an dort Wache hat.« Diesmal schwieg Cathérine. Sie hatte nichts mehr einzuwenden. Und dann war der Aufstieg mühsam, und je länger man stieg, desto mehr erschwerte die Kälte das Atmen. Zudem mußten sie die Tiere fest am Zügel halten, damit sie nicht ausglitten. Bald wurden die Schatten dichter. Sie folgten der Fassade des Schlosses. Die große Zugbrücke war hochgezogen, doch die des Ausfalltors war an Ort und Stelle. Ein Soldat stand Wache, schwer auf seine Lanze gestützt. Dort brannte auch die Feuerpfanne. Jacques Coeur hob die Hand, um Halt zu gebieten, und näherte sich Cathérine. »Wir müssen fast direkt vor der Nase des Postens vorbei. Dafür gibt es nur ein Mittel: ihn beschäftigen!« flüsterte er. »Aber wie?« »Ich glaube, das geht Bruder Etienne an. Unglaublich, was man mit einer Franziskanerkutte alles anstellen kann!« Ohne Zweifel wollte Cathérine um weitere Erklärungen bitten, doch der Mönch reichte Jacques Coeur bereits die Zügel seines Pferdes. »Laßt mich machen! Paßt nur den richtigen Augenblick ab, und macht sowenig Lärm wie möglich.« Der Mönch streifte seine Kapuze wieder über den Kopf, schob die Hände in seine Ärmel und machte sich beherzt auf den Weg, dem Lichtklecks entgegen, in dem der auf seine Lanze gestützte Soldat friedlich döste. Gedeckt hinter ihrer Strebemauer, hielten die anderen den Atem an. Das Geräusch der Schritte des Mönchs hatte den Soldaten aufgeschreckt. Hastig richtete er sich auf. »Wer ist da?« fragte er mit vor Müdigkeit heiserer Stimme. »Was wollt Ihr, Pater?« »Ich bin Pater Ambrosius vom Kloster Saint-Jean«, log der Kapuziner mit prächtiger Sicherheit. »Ich komme, um dem im Sterben liegenden Mann die Sakramente zu geben.« »Jemand liegt im Sterben?« fragte der Soldat erstaunt. »Wer soll denn das sein?« »Wie kann ich das wissen? Einer von euch kam und bat um einen Priester, der die Beichte abnehmen soll. Mehr hat man mir nicht gesagt!« Der Posten schob seinen Helm zurück und kratzte sich den Kopf. Offensichtlich wußte er nicht, wozu er sich entschließen sollte. Schließlich schulterte er seine Waffe. »Ich hab' diesbezüglich keine Befehle, Pater. Folglich kann ich's auch nicht auf mich nehmen, Euch Einlaß zu gewähren. Geduldet Euch einen Augenblick!« »Beeilt Euch, mein Sohn!« sagte Bruder Etienne mürrisch. »Der Wind ist schneidend!« Der Mann verschwand unter dem niedrigen Spitzbogen des Ausfalltors. Er ging zur Wachstube, um Instruktionen einzuholen. »Jetzt!« flüsterte Jacques Coeur. Sie verließen ihre Deckung und überquerten schnell das erleuchtete Gelände. Die mit Tüchern umwickelten Hufe der Pferde verursachten kein Geräusch. Drei Herzschläge, und schon waren sie wieder ins Dunkel getaucht, aber Cathérines Atem ging so heftig, als hätte sie einen langen Lauf hinter sich. Der Winkel eines Turmvorsprungs bot den Flüchtigen neue Zuflucht. Inzwischen erschien der Soldat von neuem. »Entschuldigt, Pater, aber man hat Euch schlecht informiert! In dieser Nacht liegt niemand im Sterben.« »Aber ich bin sicher …« Der Mann schüttelte mißbilligend und ehrlich betrübt den Kopf. »Es kann nur ein Irrtum sein. Oder vielleicht hat jemand einen Schabernack mit Euch getrieben …« »Einen Schabernack? Und das einem Diener des Herrn? Oh, mein Sohn!« entrüstete sich der Mönch mit vollkommener Unbefangenheit. »Verflixt! In den unglücklichen Zeiten, in denen wir leben, Pater, darf man über rein gar nichts erstaunt sein. An Eurer Stelle würd' ich mich tummeln und schleunigst zu Eurem Ofen zurückkehren!« Bruder Etienne hob die Schultern und zog seine Kapuze tiefer über sein Gesicht. »Da ich nun schon mal draußen bin, werd' ich zum Clermonttor gehen und die alte Marie besuchen, der es sehr schlecht geht! Die Nächte sind lang, wenn der Tod sich nähert, und in den ersten Morgenstunden ist die Todesangst meist am schlimmsten! Gott behüte Euch, mein Sohn!« Bruder Etienne erteilte flüchtig seinen Segen und verließ dann den Lichtkreis, während der Soldat sich neuerlich auf seine Waffe stützte und seine trübsinnige Wache wiederaufnahm. Einige Augenblicke später war der Franziskaner wieder bei den drei anderen angelangt. Je weiter die Nacht fortschritt, desto schärfer wurde die Kälte, und hinter der dicken, rauhen Mauer der Stadt, in deren Schutz sich ein paar baufällige, dem Untergang geweihte Häuser duckten, hörte man den Wind pfeifen und ungehindert über das Hochplateau fegen. Wortlos hatte Jacques Coeur sich wieder an die Spitze des kleinen Trupps gesetzt. Man wand sich jetzt durch einen engen Schlauch, der sich zwischen der Stadtmauer und der des Schlosses hinzog und in einer Sackgasse endete. Vom Boden stiegen unerträgliche Gerüche auf, so stark, daß selbst die Kälte sie nicht zu mildern vermochte. Cathérine, die mutig gegen den Brechreiz ankämpfte, hatte das Gefühl, in eine klebrige, feuchte Welt einzudringen, in der die Luft sich in ekelhaften Gestank verwandelte. Die mit Tüchern umwickelten Hufe der Pferde glitten auf unzähligen Abfällen aus. Der Fluß war weit, die Menschen dieses Viertels hatten da einen bequemen Schuttabladeplatz gefunden. Plötzlich schien die Mauer sich zu teilen, der Himmel tauchte wieder auf, und eine dunkle Silhouette hob sich vom Schatten ab. »Seid Ihr es, Maître Coeur?« »Ja, wir sind's, Justin. Haben wir uns verspätet?« »Sehr verspätet. Ihr müßt vor Tagesanbruch noch viel einholen. Beeilt Euch!« Cathérines Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Sie konnte die schmale Gestalt eines jungen Bogenschützen erkennen, konnte deutlicher den Fleck eines Gesichts unter dem Eisenhut ausmachen. Ein Jagdhorn hing am Riemen an der Seite des jungen Mannes. Einen kurzen Augenblick sah sie zwei lebhafte Augen blitzen. »Bist du sicher, daß du keine Scherereien bekommen wirst, Justin?« »Keine Sorge. Der Profos wird denken, Meister Amable habe zuviel getrunken, und niemand wird auf den Gedanken kommen, hier nachzuforschen, übrigens werden die mit Tüchern umwickelten Hufe eurer Pferde keinerlei erkennbare Spuren in diesem Dreck hinterlassen …« »Du bist ein tapferer Bursche, Justin. Ich werde mich erkenntlich zeigen.« Das leise Lachen des jungen Mannes klang in die Nacht, sorglos, tröstlich. »Dankt meinem Vater, Maître Jacques, indem Ihr ihm ein schönes Stück in Auftrag gebt, wenn Ihr reich und mächtig geworden seid. Er träumt davon, den schönsten Gobelin der Welt zu weben, und hört nicht auf, schöne Damen und phantastische Tiere zu entwerfen.« »Dein Vater ist ein großer Künstler, Justin, das weiß ich seit langem. Ich werde ihn bestimmt nicht vergessen. Auf Wiedersehen, mein Kind, und nochmals vielen Dank! Denn ich weiß, daß du einiges riskierst, trotz allem, was du sagst!« »Wenn es kein Risiko gäbe, Messire, wo bliebe da die Freundschaft? Geht mit Gott, und macht Euch um mich keine Sorgen, aber beeilt Euch, um Himmels willen!« Ohne noch ein Wort hinzuzufügen, drückte Jacques dem jungen Mann die Hand und half dann Cathérine, über die von der Verbindungsmauer heruntergefallenen Steine zu klettern. Dahinter lag die Freiheit. Ein kleines Plateau breitete sich vor ihnen, über das heftiger Wind blies, und weiter entfernt stieg der Hügel wieder an. Während einiger Augenblicke schritten die Flüchtlinge wortlos voran, die Pferde noch immer am Zügel führend. Die Nacht schien jetzt weniger schwarz zu sein, oder aber die Augen hatten sich völlig an die Dunkelheit gewöhnt. Cathérine konnte die Formen der Bäume unterscheiden, deren nackte Äste sich unter den plötzlichen Windstößen bogen. An einer durch ein Kruzifix markierten Wegkreuzung hielt Jacques an. »Hier trennen wir uns, Cathérine. Dieser Weg«, sagte er, auf den rechten Weg deutend, der den Hügel hinanstieg, »ist der meine. Er führt nach Clermont, von wo ich in die Provence hinuntersteigen werde. Eurer ist der linke. In kurzer Entfernung findet Ihr die Priorei Saint-Alpinien, wo Ihr, wenn Euch danach ist, den Tagesanbruch erwarten und Euch ein wenig ausruhen könnt.« »Das kommt nicht in Frage, Jacques! Ich möchte so viele Wegmeilen wie möglich zwischen uns und das Gefängnis von Aubusson bringen. Aber es tut mir leid, Euch verlassen zu müssen …« Instinktiv, um noch einen Augenblick allein sein zu können, entfernten sich der Pelzhändler und die junge Frau über das Kreuz hinaus und überließen es Sara und Bruder Etienne, den Pferden die Tücher von den Hufen zu wickeln. Cathérine empfand tiefes Bedauern bei dem Gedanken an die bevorstehende Trennung. Jacques stellte die Solidität, die ermutigende männliche Kraft dar, deren Gauthiers Flucht sie beraubt hatte und die sie jetzt so grausam vermißte. Die schwarzen, dem Morgen vorangehenden Stunden lasteten mit all ihrer Verzweiflung schwer auf ihr, und Todesangst überfiel sie angesichts all der unbekannten Wege, die sie noch einzuschlagen hatte. Noch nie vielleicht war ihr das Fehlen eines wahren Heims, eines normalen Lebens so herzzerreißend zum Bewußtsein gekommen wie hier, am Fuße dieses Steinkreuzes. Spontan ergriff sie Jacques' Hand und klammerte sich an sie, während ihr die Tränen in die Au gen stiegen. »Jacques«, murmelte sie, »bin ich denn zur ewigen Heimatlosigkeit verdammt, zur Einsamkeit ohne Ende?« In den gespannten Zügen des Pelzhändlers rührte sich etw s. Cathérine hatte das Gesicht zu ihm erhoben, und so stark war der Zauber, der von ihrer Schönheit ausging, selbst im Herzen einer dunklen Nacht, daß ihm schwarz vor den Augen wurde und ein verrückter Gedanke in seinem sonst so besonnenen Gehirn aufblitzte. Er begriff nicht, daß Cathérine einer vorübergehenden Depression unterlag, geboren aus der Nacht, der Kälte und ihrer Erschöpfung viel eher als aus der Vernunft. Er drückte die ihm gereichten Hände und legte sie sich auf die Brust. »Catherine«, rief er, und seine Stimme war, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, von Leidenschaft erfüllt, »trennen wir uns nicht! Kommt mit mir! Wir fahren in den Orient, nach Damaskus, wo ich Euch zur Königin machen, wo ich Euch alle Schätze, die die Karawanen aus dem Herzen Asiens bringen, zu Füßen legen werde! Mit Euch, für Euch wird mir nichts unmöglich sein!« Eine solche Glut war in ihm aufgestiegen, daß sein Atem heiß über Cathérines Stirn strich. Doch war die Minute ihrer Schwäche schon vorüber. Sie war glücklich gewesen, Jacques wiederzusehen, und es bereitete ihr Kummer, sich von neuem von ihm zu trennen; aber was hatte er denn gedacht? Sanft zog sie ihre Hände zurück und lächelte. »Wir sind müde und haben so große Angst ausgestanden, daß wir auch ein wenig verrückt sind, nicht wahr, Jacques? Was würdet Ihr mit mir auf Euren abenteuerlichen Reisen anfangen? Und was würde aus Eurem großartigen Plan werden, der dem Königreich Reichtum und Prosperität geben soll?« »Alles unwichtig! ihr seid mir mehr wert als ein Königreich! Vom ersten Augenblick an, als ich Euch unter den Hofdamen der Königin Marie sah, wußte ich, daß ich für Euch alles aufgeben, auf alles verzichten könnte …« »Selbst auf Macée und die Kinder?« Ein Schweigen folgte. Jacques bot dem von Cathérine so sanft heraufbeschworenen Bilde Trotz. Sie hörte, daß er schwerer atmete. Dann drang seine Stimme an ihr Ohr, wie von fern, gedämpft, aber fest. »Selbst auf sie, ja, Cathérine!« Sie ließ ihm keine Zeit, noch mehr zu sagen; die Gefahr war zu groß. Seit langem hatte sie geahnt, daß Jacques zärtliche Gefühle für sie hegte, hatte sich aber nie vorgestellt, daß seine Liebe so stark sein könne. Er war nicht der Mann, der sich derartig verrannte. Wenn sie ihn beim Wort nähme, würde er alles für sie opfern, Zukunft, Familie, Vermögen! Langsam schüttelte sie den Kopf. »Nein, Jacques, wir werden diese Narrheit nicht begehen, die wir nur bedauern würden. Ich habe aus Müdigkeit, vielleicht sogar aus Feigheit gesprochen und Ihr aus übergroßer Spontaneität. Einer wie der andere haben wir eine Aufgabe in diesem Land zu erfüllen. Zudem liebt Ihr Macée viel zu sehr, wenn Ihr es auch im Augenblick nicht glaubt, um ihr diesen Kummer zu bereiten. Was mich betrifft … oh, ich, mein Herz ist zur selben Zeit gestorben, als mein Mann starb.« »Hört auf! Ihr seid zu jung, zu schön für solchen Verzicht!« »Und trotzdem ist es so, mein Freund«, sagte Cathérine fest, mit Nachdruck das Wort Freund aussprechend. »Ich habe stets nur für und durch Arnaud de Montsalvy gelebt, geatmet, gelitten. Das Leben, die Liebe, der einzige Lebenssinn ruhten immer nur in ihm. Seitdem er nicht mehr da ist, bin ich ein Leib ohne Seele, und das ist zweifellos ein Glück, denn so wird es mir möglich sein, die Aufgabe, die ich mir gesetzt habe, ohne schwach zu werden, zu erfüllen.« »Und was ist diese Aufgabe?« »Was spielt es für eine Rolle? Aber sie kann mich mein Leben kosten. In diesem Fall erinnert Euch, Jacques Coeur, daß Euch das Vermögen Michel de Montsalvys, meines Sohnes, anvertraut ist, und betet für mich. Lebt wohl, mein Freund!« Die Falten ihres Mantels, die der Wind aufbauschte, um sich raffend, wandte Cathérine sich ab, um zu Sara und Bruder Etienne zurückzukehren. Der schmerzliche Einspruch Jacques' erreichte sie wie ein Atemhauch: »Nein, Cathérine, nicht Lebewohl … Auf Wiedersehen!« Im Schatten ihrer Kapuze verbarg sie eine gequälte Grimasse. Es waren dieselben Worte oder fast dieselben, die sie im Hohlweg von Carlat geschrien hatte, halb wahnsinnig vor Schmerz, doch an eine Hoffnung geklammert, die nicht sterben wollte. Dieselben Worte, o ja … aber die Qual war nicht da. Das Schicksal, das ihren tumultuösen Lebenslauf bestimmte, würde ihr Jacques wieder nehmen, sobald die Biegung des Weges sie endgültig trennte. Und das war nur gut so! Sie beugte sich zu Sara hinunter, die sich auf einen Stein gesetzt und zusammengekauert hatte, um sich gegen die Kälte zu schützen, und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen, während sie Bruder Etienne zulächelte. »Ich habe euch warten lassen, verzeiht! Maître Coeur hat mir aufgetragen, euch Lebewohl zu sagen. Und nun auf den Weg!« Ohne ein Wort zu sagen, setzten sie sich in Marsch. Der Weg schwenkte nach links, fiel zuerst ab und führte an einem Weiher entlang. Die Mondsichel zeigte sich plötzlich am schwarzen Himmel, überzog ihn mit einem leichten Glanz und ließ die Konturen deutlicher hervortreten. Wieder zu Pferd gestiegen, wandte Cathérine sich um. Das schwache Licht gestattete ihr, noch einmal die Silhouette Jacques' zu sehen, dessen Mantel im Wind flatterte. Ohne sich umzuwenden, ritt er den Hügel hinauf. Die junge Frau stieß einen Seufzer aus und richtete sich im Sattel auf. Diese sentimentale Schwäche, die sie für einen Moment fast überwältigt hatte, sollte die letzte vor dem Sturz La Trémoilles sein. In der gefährlichen Landschaft des Hofes, wo sie sich betätigen wollte, gab es keinen Platz für derlei Dinge.  Zweiter Teil  Die Rache  Fünftes Kapitel In der tiefen Nische eines Fensters des Schlosses von Angers stehend, blickte Cathérine zerstreut hinaus. Sie war nach den Reisetagen so müde, daß sie kaum mehr fähig war, sich für ihre Umgebung zu interessieren. Als sie vor kurzem mit Sara und Bruder Etienne die Loire erreicht hatte, wäre sie um ein Haar vor Erschöpfung in Ohnmacht gefallen, von den überstandenen Schrecken gar nicht zu reden. Zwölf Tage lang durch das von Elend und Hungersnot verwüstete Limousin, durch die Mark und Poitou, wo die blutigen Zeichen der englischen Unterdrückung überall frisch und unheilverkündend zu sehen waren, hatten die drei Reisenden um ihr Leben gerungen, gegen die Kälte, gegen die Menschen, selbst gegen die Wölfe, die bis zu den Toren der Scheunen vordrangen, welche sehr oft die einzige Zuflucht bildeten. Essen war ein Problem geworden, und jede Mahlzeit, von Tag zu Tag seltener, war ein schwieriges Abenteuer. Ohne die Abteien, die sich ihnen dank der Kutte des Franziskaners oder dem Geleitbrief der Königin Yolande öffneten, wären Cathérine und ihre Gefährten ohne Zweifel elendiglich Hungers gestorben und hätten den königlichen Strom nie erreicht. Naiverweise hatte sich die junge Frau vorgestellt, wenn sie erst einmal das Herzogtum Anjou, Yolandes Lieblingsland, erreiche, werde sich der ganze Alptraum in Rauch auflösen. Aber es war eher noch schlimmer gekommen! Unter dem sintflutartigen Regen, der sie an den Grenzen des Herzogtums empfangen hatte, waren Cathérine und ihre Freunde durch die im vergangenen Herbst von den Landsknechten Villa-Andrados verwüsteten Ländereien geritten. Sie hatten derart heimgesuchte Dörfer gesehen, daß keine Seele mehr in ihnen übriggeblieben war, um die Leichen zu bestatten; erst der Winter hatte die Geschäfte des Totengräbers besorgt. Sie hatten herausgerissene Rebstöcke gesehen, Felder, auf denen in diesem Frühjahr nicht einmal mehr Gras wachsen würde, aufgebrochene Kirchen, niedergebrannte Abteien und Burgen, schwarze Einöden, da und dort von krummen Pfählen, die einstmals Bäume gewesen waren, durchsetzt; sie hatten die Reste der verbrannten Wälder und die Skelette der am Wegrand verendeten Tiere gesehen, so, wie die Wölfe sie zurückgelassen hatten. Sie hatten, in Höhlen geflüchtet, wohin Angst und bittere Not sie trieben, Männer, Frauen, Kinder gesehen, die viel eher wilden Tieren als menschlichen Wesen ähnelten und vor denen sie hatten fliehen müssen. Für diese Elenden war jeder Reisende eine mögliche Beute. Eines Abends waren sie aus den Klauen einer dieser Horden mit knapper Not durch die Polizisten der Herzogin-Königin gerettet worden, die ein mit Proviant beladenes Fuhrwerk eskortierten, das der schwer geprüften Bevölkerung Hilfe brachte. Als endlich die wie geschlossene Schanzen befestigte Ponts-de-Ce mit ihren vier Brücken, die drei Inseln und die Burgfeste verbanden, sich vor ihnen erhoben hatten, konnte sich Bruder Etienne trotz seines Muts und seiner Selbstbeherrschung nicht enthalten zu murmeln: »Endlich am Ziel!« Auf Grund seines Geleitbriefs konnten sie ohne die geringste Schwierigkeit passieren, und bald hatten sich die mächtigen Mauertore von Angers zu ihrer großen Erleichterung hinter ihnen geschlossen. Doch wenn die herzogliche Residenz auch die Verheerungen des Kastiliers nicht zu erdulden gehabt hatte, wenn das Elend des Landes in dieser reichen und gut verteidigten Stadt auch nicht so grausam empfunden worden war, waren deren Auswirkungen doch von den ernsten Gesichtern und der mißtrauischen Haltung der Bevölkerung abzulesen. Man sah nur verschlossene Mienen, Trauerkleidung, und die normale Geschäftigkeit einer blühenden Stadt herrschte nicht in den stillen Straßen, in denen man nur leise wie in einer Kirche sprach. Indessen machte alles den Eindruck von Energie und Ordnung. Keine Bettler, keine betrunkenen Soldaten, keine mannstollen Mädchen! Diese zur Lebenslust wie geschaffene Stadt mit ihren Gärten, ihren blauen Dächern und weißen Häusern hatte sich in eine stets wachsame Festung verwandelt. Selbst die Flüchtlinge, die sie wie eine Henne, die ihre junge Brut unter ihrem Gefieder versammelt, aufgenommen hatte, waren so in der Stadt untergebracht worden, daß sie die Ordnung und Verteidigung nicht störten. Alles zeigte hier deutlich, daß Yolande von Anjou zu regieren, zu helfen und sich zu schlagen verstand. Das riesige Schloß, das seine schwarzgrauen Türme aus Granit und Schiefer, um seinen kolossalen Wehrturm gruppiert, in der Maine spiegelte, verstärkte diesen Eindruck. Ein Wald von blauen, wie Stahl glänzenden Spitztürmchen, eine Unzahl von Glockentürmen, Wehrgänge und vergoldete Wetterfahnen krönten es. Überall auf den Zinnen zeigten sich Bewaffnete mit Speeren, Armbrüsten oder Sicheln, und ganz oben auf dem Burgturm knatterte eine riesige Standarte in dem mit Regen geladenen, vom Meer her wehenden Wind. Blau, purpur, weiß und gold, trug diese Fahne die Kreuze Jerusalems, das Wappen von Sizilien, die Lilien Anjous und die Streifen Aragons: die Wappen der Herzogin-Königin, die man goldbekränzt und in den Händen eines Engels über dem Stadttor wiederfand. In Angers konnte Bruder Etienne in der Stadt und im Schloß herumgehen, wie es ihm gefiel, und es fehlte nur noch, daß ihm die Wachen Ehrenbezeigungen erwiesen. Cathérine konnte den riesigen Hof nur durch einen Regenvorhang sehen, nachdem sie die tiefen Gräben überquert hatte, und außerdem schwamm ihr unter der von Wasser triefenden Kapuze vor Müdigkeit alles vor den Augen. Im Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher als ein Bett, ein richtiges Bett mit Laken, um ihren Körper ausstrecken zu können, der von den Nächten auf Felsen und der nackten Erde zerschunden war. Aber zuerst mußte sie sich Madame Yolande präsentieren. Bruder Etienne ließ seine beiden Gefährtinnen in einem großen Saal des herzoglichen Quartiers zurück, dessen hohe Fenster auf die mit schweren Ketten gesperrte Maine und die Unterstadt hinausblickten. Sara ließ sich sofort auf eine Bank vor dem Kamin fallen und schlief im Nu ein. Cathérine blieb stehen. Alle ihre Muskeln schmerzten so sehr, daß sie fürchtete, nicht mehr aufstehen zu können, wenn sie sich setzte … Sie brauchte übrigens nicht lange zu warten. Nach einigen Minuten erschien der Mönch wieder. »Kommt, mein Kind, die Königin erwartet Euch!« Einen letzten Blick auf Sara werfend, die sich nicht gerührt hatte, folgte Cathérine Bruder Etienne. Er führte sie durch eine niedrige Pforte, vor der zwei mit Hellebarden bewaffnete Posten unbeweglich wie Statuen auf gespreizten Beinen standen. Dahinter öffnete sich ein großer Raum, dessen Wände völlig mit Tapisserien bespannt waren. Ein riesiger, aus Stein gehauener Kamin, in dem ein ganzer Baumstamm brannte, erhellte ihn zusammen mit einer Anzahl großer gelber Kerzen, die in einem bronzenen Dreifuß staken. Ein kolossales Bett, die zurückgeschlagenen Vorhänge aus purpurnem Samt mit den Lilien Frankreichs bestickt, nahm ein gutes Viertel des an sich schon respektablen Raumes ein. In der Ecke gegenüber saß eine Ehrendame und strickte, ohne beim Eintritt Cathérines den Kopf zu heben. Auch diese hatte keinen Blick für sie übrig. Vom Augenblick ihres Eintritts an sah sie nur die Königin! In einem großen Ebenholzsessel sitzend, von wärmenden Kissen umgeben, die schmalen Füße fest auf einen Heizschemel gesetzt, sah Yolande ihr entgegen, und Cathérines Herz krampfte sich zusammen, als sie die Verwüstungen bemerkte, mit denen die letzten drei Jahre das feine und edle Gesicht der Herzogin-Königin gezeichnet hatten. Die schwarzen Haare, die unter der strengen Witwenhaube zum Vorschein kamen, waren grau geworden, ihre Züge waren eingefallen, der matte Teint war gelblich wie Pergament. Die Monate des unaufhörlichen Kampfes gegen den bösen Geist Frankreichs und gegen die englischen und burgundischen Feinde lasteten schwer auf den Schultern Yolandes. Die Gefangenschaft ihres Sohns, des Herzogs René de Bar, der in der Schlacht von Bugnéville in die Hände Philippes von Burgund gefallen war, war für die Mutter ein schrecklicher Schlag gewesen. Mit vierundfünfzig Jahren war die Königin der vier Königreiche eine alte Frau. Nur ihre herrlichen schwarzen Augen, gebieterisch und lebhaft, hüteten die Flamme der Jugend. Der abgezehrte Körper verlor sich in den Wogen des schwarzen Kleides und in den Kissen, in die er sich drückte. Doch als Cathérine vor ihr niederkniete, lächelte Yolande ihr zu und gewann mit einem Schlag ihren Charme wieder. Sie reichte der jungen Frau die weiße Hand, die noch immer vollkommen war. »Mein Kind«, sagte sie sanft, »da seid Ihr endlich! Ich wünsche Euch schon so lange wiederzusehen!« Tiefe Ergriffenheit bemächtigte sich Cathérines. Sie hatte sich so sehr danach gesehnt, an diesem Ort zu sein, zu Füßen der einzigen Frau in der Umgebung des Königs, zu der sie Vertrauen hatte, hatte sich gesehnt, der Königin von Sizilien ihre flehenden Hände entgegenzustrecken und Hilfe und Beistand von ihr zu erwarten, daß die endliche Erfüllung sie unfähig machte zu antworten. Das Gesicht in den zitternden Händen vergrabend, brach sie in Schluchzen aus. Einen Augenblick betrachtete Yolande die vor ihr kauernde schmale Gestalt in ihrer abgetragenen Kleidung. Auch sie hatte die Müdigkeit in dem entzückenden Gesicht, die Verzweiflung in den großen veilchenblauen Augen, den ganzen Schmerz, den jeder Zug Cathérines, jede ihrer Bewegungen verrieten, wohl bemerkt. Dann stand sie mit einem Ausruf des Mitleids auf, nahm die junge Frau in die Arme, und wie es auch die bescheidene Sara getan hätte, barg sie das süße, in Tränen gebadete Gesicht mütterlich an ihrer Schulter. »Weint, meine Kleine«, murmelte sie, »weint nur! Die Tränen lindern den Schmerz.« Ohne Cathérine loszulassen, wandte sie leicht den Kopf und hob die Stimme: »Laßt uns einen Augenblick allein, Madame de Chaumont! Kommt etwas später wieder. Laßt inzwischen ein Zimmer für Madame de Montsalvy vorbereiten.« Die Ehrendame sank schweigend in einen tiefen Hofknicks und verschwand geräuschlos. Inzwischen führte die Königin Cathérine sanft zu einer mit Samt bezogenen Bank und hieß sie sich setzen. Dort wartete sie geduldig, bis die junge Frau aufhörte zu schluchzen. Als sie sah, daß sie ruhiger geworden war, zog sie aus ihrem Almosenbeutel ein Fläschchen Duftwasser, goß ein paar Tropfen davon auf ein Taschentuch und betupfte Cathérines Gesicht damit. Der süße, prickelnde Duft belebte sie sofort wieder, und voller Scham löste sie sich von Yolande und wollte sich ihr von neuem zu Füßen werfen, doch die feste Hand der Königin hielt sie zurück. »Unterhalten wir uns unter Frauen, wenn es Euch recht ist, Cathérine! Wenn ich Bruder Etienne zu Euch geschickt habe, so nicht, um Euch wie irgendeine Ehrendame zu behandeln und mit Euch zu weinen! Es naht die Stunde, in der wir uns von dem Mann befreien werden, dem Ihr Euer Unglück verdankt, von diesem traurigen Herrn, der mit dem einzigen gemeinen Ziel, sich zu bereichern, das Königreich dem Meistbietenden verkauft und das elende Werk der Königin Isabeau zu vollenden sucht. Ihr habt zu viel gelitten, um nicht hierzusein.« »Wir sind wie Verbrecher gehetzt, verfolgt, geächtet, ruiniert und all unserer Güter beraubt worden. Wir wären zu dieser Stunde tot, wenn Graf Pardiac uns nicht zu Hilfe gekommen wäre. Mein Sohn hat keinen Namen mehr, kein Land … und mein Mann ist leprakrank!« sagte Cathérine düster. »Was könnte uns Schlimmeres widerfahren?« »Es kann immer noch Schlimmeres geben«, berichtigte die Königin sanft. »Als Wichtigstes bleibt uns jetzt jedoch, dem Namen Montsalvy seine alte Geltung wiederzugeben und Eurem Sohn die Zukunft vorzubereiten, die ihm zusteht. Seht … ich liebte Euren Gatten sehr. Unter einer rauhen Schale war er ein vollkommener Edelmann und der Tapfersten einer in diesem Land. Die Opfer La Trémoilles sind zu wertvoll, um sie nicht zu rächen, wie es sich gehört. Wollt Ihr uns dabei helfen?« »Ich bin nur dazu hergekommen!« entgegnete Cathérine leidenschaftlich. »Aber ich erwarte von Eurer Majestät, daß sie mich gnädigst führe und leite.« Yolande wollte antworten, als ein schmetterndes Trompetensignal vor dem Schloß ertönte und sofort aufgeregtes Hin und Her in dem riesigen Gebäude auslöste. Die Herzogin-Königin hatte sich erhoben und schritt flink dem Fenster zu, das auf die Kapelle und den großen Innenhof hinausblickte. Draußen stürzten Soldaten aus den Wachstuben und liefen zum Tor, unterwegs noch in aller Hast Helme und Harnische befestigend. Aus dem herzoglichen Quartier quoll eine ganze Flut von Pagen, Knappen und Hofherren. Cathérine kam es in den Sinn, daß sie im Halbdämmer des endenden Tages ganz so aussahen, als seien sie eben geradewegs aus den großen Gobelins an den Wänden herabgestiegen. Indessen klopfte Yolande von Aragon ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. »Warum soviel Lärm? Was bedeutet diese Aufregung? Wer mag da kommen?« Wie als Antwort auf ihre Fragen öffnete sich die Tür, und Madame de Chaumont erschien wieder. Lächelnd verneigte sie sich: »Madame! Es ist der Herr Konnetabel, der von seinem Besitz Parthenay kommt. Euer Majestät …« Der Freudenausruf der Königin schnitt ihr das Wort ab: »Richemont! Der Himmel schickt ihn uns! Ich werde ihn sofort empfangen!« Sie wandte sich mit einer Bewegung an Cathérine, wollte sie einladen, ihr zu folgen, besann sich aber eines anderen, als sie die niedergeschlagene Miene der jungen Frau bemerkte. »Ruht Euch erst aus, meine Liebe«, sagte sie gütig. »Madame de Chaumont wird Euch führen. Morgen werde ich Euch zu mir befehlen, und wir werden unsere Pläne machen.« Schweigend verneigte sich Cathérine und folgte der Ehrendame, während Yolande durch eine andere Tür hinausging. Cathérine fühlte eine scheußliche Leere im Kopf und bewegte sich mechanisch wie durch Wolkenschleier. Folgsam ließ sie sich, ohne ein Wort zu sagen, in ein Zimmer führen, das im oberen Stock lag und dessen zwei Fenster auf den großen Hof hinausgingen. Sie hatte keine Lust zu sprechen, und Madame de Chaumont respektierte ihr Schweigen. Sie war eine reizende blonde junge Frau mit rundem Gesicht und braunen, lebhaften und lustigen Augen, die die größte Mühe zu haben schien, ihre außerordentliche Vitalität zu bändigen. Sehr jung, noch nicht einmal zwanzig, war Anne de Bueil trotzdem seit fünf Jahren mit Pierre d'Amboise, Herrn von Chaumont, verheiratet und hatte zwei Kinder, was man ihr nicht ansah. Ohne Zweifel strengte sie sich unablässig an, ihre überschwengliche Natur dem einigermaßen zeremoniös-abgezirkelten Leben eines königlichen Hofes anzupassen. Auch jetzt hatte sie ganz offensichtlich große Lust zu schwatzen, aber nicht weniger offensichtlich brauchte Cathérine vor allem Schlaf und Ruhe. Die kleine Madame de Chaumont gab sich daher damit zufrieden, ihr ein strahlendes Lächeln zuzuwerfen. »Hier seid Ihr nun, Madame de Montsalvy. Ich werde Euch zuerst Eure Zofe und dann zwei Kammerfrauen schicken, die Euch behilflich sein werden, Euch einzurichten. Würdet Ihr gern ein Bad nehmen?« Cathérines Augen blitzten bei der Erwähnung dieser vergessenen Köstlichkeit auf. Ein Bad! Seit Monaten hatte sie keins genommen! Seit dem Herbst war es in den primitiven Schwitzbädern von Carlat zu kalt gewesen, und seitdem sie die Auvergne verlassen hatte, hatte ihre Reise ihr einen solchen Komfort nie geboten. »Oh, wie gern!« sagte sie, die junge Frau anlächelnd. »Mir scheint, daß ich den ganzen Schmutz des Königreichs an mir habe!« »Es ist nur eine Frage von wenigen Minuten!« Und Anne de Chaumont verschwand in einem raschelnden Wirbel von rotem Samt und grauer Seide. Allein geblieben, hätte Cathérine sich am liebsten aufs Bett fallen lassen, aber der Lärm, der vom Hof heraufdrang, zog sie ans Fenster. So viele Fackeln, so viele Feuertöpfe brannten in ihren Drahtgittern in der Tiefe, daß man wie am hellichten Tage sehen konnte und der tanzende Widerschein all dieser Flammen an der Decke von Cathérines Zimmer den Sieg über die Kerzen und das Geflacker des kegelförmigen Kamins davontrug, die dem Zimmer Licht und Wärme gaben. Unten umdrängte ein wahres Heer von livrierten Dienern, von Pagen und Knappen, von Soldaten, Damen und Edelleuten eine Gruppe eisengepanzerter Reiter, eine eindrucksvolle graue Mauer, die von den weißen Wappenröcken der Bretagne kaum aufgehellt wurde. Diese Ritter scharten sich um eine große weiße Fahne, die ein Wildschwein vor einer kleinen grünen Eiche und, auf ein rotes Spruchband gestickt, die Devise ›Que qui le veuille!‹ zeigte. Einige Schritte vor dieser Gruppe stieg ein Mann, dessen Helm als Schmuck einen gekrönten goldenen Löwen trug, mit Hilfe eines Knappen aus dem Sattel. Das spitze Visier des Helms war hochgeklappt, und Cathérine erkannte das narbige Gesicht des Konnetabels. Außerdem schlug das große, mit Lilien gezierte Schwert Frankreichs an die linke Seite des furchtbaren Bretonen. Cathérine sah die Königin Yolande flink die Stufen der Freitreppe hinuntersteigen und, beide Hände ausgestreckt und ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, dem Ankömmling entgegeneilen. Sie sah, wie Richemonts hartes Gesicht sich glättete, während er niederkniete, um die ihm dargebotene schöne Hand zu küssen. Von ihrem Platz aus konnte Cathérine nicht hören, was gesprochen wurde, bemerkte jedoch, daß zwischen der Herzogin-Königin und dem Oberkommandierenden des Krieges völliges und absolutes Einvernehmen zu herrschen schien, woraus sie einen tiefen Trost zog. Sie erinnerte sich an die Sympathie, die Richemont Arnaud stets bezeigt hatte, und an die Zähigkeit, mit der dieser Mann aus Eisen seine Angelegenheiten verfolgte. Yolande, Richemont – das waren die beiden unzerstörbaren Pfeiler, auf die sie die Zukunft ihres kleinen Michel bauen wollte. Eine halbe Stunde später hatte sie, in einer Wanne voll heißen, parfümierten Wassers liegend, sowohl das Elend der letzten Tage als auch ihre Müdigkeit fast vergessen. Die Augen geschlossen, den Nacken auf den mit Tüchern belegten Rand der Wanne gestützt, ließ Cathérine sich gehen, entspannte Körper, Muskeln und Nerven. Das heiße Wasser drang durch jede Fiber ihres Wesens und bewirkte eine wohltuende Erschlaffung. Sie hatte das tröstliche Gefühl, auf dem Grunde dieses von balsamischen Kräutern duftenden Bades mit dem Schmutz auch alles andere hinter sich zu lassen, die Angst, ihre Leiden und selbst zehn Jahre ihres Lebens. Ihr Kopf war wieder klar, ihr Blut zirkulierte besser. Von neuem wußte sie, daß sie jung und stark war und daß ihre weiblichen Waffen intakt geblieben waren. Dies hatte sie in den bewundernden Augen der beiden Dienerinnen gelesen, die ihr beim Einsteigen ins Bad geholfen hatten und jetzt damit beschäftigt waren, Truhen und Laden zu öffnen, Linnen und Tücher herauszunehmen und ihr Nachtlager zu bereiten, während sie ausruhte. Jawohl, sie war immer noch schön, und es war gut, es zu wissen! Sara schlief in dem Verschlag, in den man sie mehr getragen als geführt hatte. Sie hatte auf dem Weg dorthin kaum einmal die Augen geöffnet, aber dies eine Mal konnte Cathérine auf sie verzichten. Jetzt war das Bett gemacht, das Badewasser war mit gräulichen Lachen bedeckt, die deutlich machten, wieviel Schmutz Cathérine aus der Auvergne mitgebracht hatte, und eine der Kammerfrauen hielt schon ein am Feuer gewärmtes Badetuch bereit, um die Badende einzuhüllen. Diese erhob sich, blieb einen Augenblick aufrecht in der Wanne stehen und streifte mit beiden Handflächen die über ihre Schenkel rollenden Tröpfchen ab. Im selben Augenblick hallten die Fliesen des schmalen Ganges draußen von dem schnellen Schritt von Eisenschuhen wider, die Tür öffnete sich unter dem Druck einer herrischen Hand, und ein Mann trat ins Zimmer. Sein Ausruf der Verblüffung mischte sich mit dem Schreckensschrei Cathérines. Von dem so plötzlich erschienenen Mann konnten ihre aufgerissenen Augen keine Einzelheiten sehen. Sie sahen nur, daß er fast ein Riese und blond war. Mit schroffer Bewegung riß sie der Dienerin das Badetuch aus den Händen und wickelte sich darin ein, ohne sich darum zu kümmern, daß es halb ins Wasser tauchte. »Wie könnt Ihr es wagen? Hinaus! Sofort hinaus!« rief sie. Das Bild, das sich ihm geboten hatte, und die wütende Anrede Cathérines hatten den Eindringling in völlige Verblüffung gestürzt. Er machte große Augen und öffnete den Mund, ohne ein Wort herauszubringen, während Cathérine aufgebracht schrie: »Nun, worauf wartet Ihr noch? Ich habe Euch gesagt, Ihr sollt gehen! Seid Ihr noch nicht draußen?« Offenbar hatte er sich in Stein verwandelt, und als er endlich Worte fand, reichte es nur zu einem verdatterten Gestammel: »Wer … wer seid Ihr?« »Das geht Euch nichts an! Und was Euch betrifft, kann ich Euch sagen, was Ihr seid: ein Flegel! Verschwindet!« »Aber …«, begann der Unglückliche. »Nichts ›aber‹! Seid Ihr immer noch da?« Wahnsinnig vor Wut, packte Cathérine in der Wanne einen großen Schwamm und schleuderte ihn, vollgesogen mit Wasser, nach dem Feind. Sie hatte gut gezielt. Der Schwamm landete mitten im Gesicht des Eindringlings, und das Waffenhemd aus blauer Seide, das er über seinem Panzer trug, wurde klatschnaß. Diesmal ergriff er die Flucht. Vage Entschuldigungen stotternd, entfloh der Chevalier eiligst mit klirrendem Panzer. Cathérine stieg nun mit der Würde einer beleidigten Königin aus dem Bad, aber die beiden sprachlosen Dienerinnen rührten keinen Finger, um ihr dabei behilflich zu sein. »Nun?« fragte sie trocken. »Weiß die edle Dame, wen sie soeben derart behandelt hat?« brachte die eine von ihnen schließlich heraus. »Das war Monseigneur Pierre de Brézé, ein treuer Anhänger der Königin, bei der er viel zu sagen hat. Außerdem …« »Das genügt!« unterbrach Cathérine. »Wenn es der König in Person gewesen wäre, hätte ich nicht anders gehandelt. Trocknet mich ab, ich friere!« Cathérine hatte mit einigem Humor jeden Gedanken an den indiskreten Besucher verjagt und wünschte vor allem, ihm nicht mehr zu begegnen, denn die lächerliche Lage, in die er sie gebracht hatte, war ihr durchaus bewußt. Trotzdem war er es, den sie zuerst bemerkte, als sie am anderen Morgen in den großen Schloßsaal trat, in den die Herzogin-Königin sie hatte rufen lassen; doch machte es ihr seltsamerweise weit weniger aus, als sie ursprünglich geglaubt hatte. Eine gute Nacht, ein reichhaltiges Frühstück und gepflegte Kleidung hatten Wunder bei ihr gewirkt. Sie fühlte sich als eine ganz andere Frau, bereit zu jedem Kampf. Yolande hatte ihr wegen ihrer offensichtlichen Bedürftigkeit einige Kleider zur Auswahl geschickt. Was Cathérine schließlich angezogen hatte, war eine Robe aus schwerem schwarzem Brokat unter einem Umhang aus Silberstoff mit Zobelrand. Die hohe, spitze Haube bestand aus dem gleichen Material. Eine Woge schwarzen, silberdurchwirkten Musselins flutete von ihr herab und vervollständigte den Eindruck einer Art Trauerkleidung, die die Schönheit Cathérines gebührend unterstrich. Wenn ihr Spiegel ihr im übrigen Zweifel gelassen hätte, wäre das bewundernde Murmeln, das sie beim Eintritt in den Saal empfing, geeignet gewesen, ihr auch den letzten zu nehmen. In tiefer Stille schritt sie sodann dem Throne zu, auf dem Königin Yolande Platz genommen hatte. Außer der Königin und ihr war nur eine kleine Anzahl von Männern anwesend, etwa sieben oder acht, deren größter Pierre de Brézé und deren imposantester der Konnetabel de Richemont waren, die aufrecht auf den Stufen des Thrones standen. Seitlich des hohen Sessels Yolandes, doch tiefer, saß in einem Kirchenstuhl ein sehr alter Mann im Priestergewand, gerade aufgerichtet trotz seiner sechsundachtzig Jahre, dessen schwache Augen eine Brille zierte: Hardouin de Bueil, Bischof von Angers. Der Saal war riesig, und Cathérine mußte ein jäh aufwallendes Gefühl der Furcht niederkämpfen, um ihn ruhigen Schritts durchmessen zu können. Vielfarbige Banner bauschten sich sanft gegen die Steingewölbe, und die Wände verschwanden unter kolossalen, prunkvollen Gobelins, deren beherrschende Farbtöne Blau und Rot waren und die die phantastischen Szenen der Offenbarung des heiligen Johannes schilderten. Die Stille war so tief, daß das seidene Rauschen ihres Kleides Cathérine wie ein Gewittersturm in den Ohren klang, doch als sie ungefähr die Hälfte des Saals hinter sich gebracht hatte, hallte ein schneller Schritt auf den Fliesen wider: Der Konnetabel kam ihr entgegen. Als er sie erreichte, verbeugte sich Arthur de Richemont vor ihr, bot ihrer Hand die geschlossene Faust und sagte liebenswürdig: »Willkommen unter uns, Madame de Montsalvy! Mehr als jeder andere sind wir glücklich, Euch zu sehen, Euch, die Ihr soviel für eine Sache gelitten habt, die die unsrige ist! Euer Gemahl war noch sehr jung, als er bei Azincourt an meiner Seite kämpfte, aber sein Heldenmut zeichnete ihn bereits aus. Ich liebte ihn innig, und sein Tod hat mir das Herz zerrissen!« Ohne Helm bot sich das Gesicht des bretonischen Grafen, von alten Narben verwüstet, doch von einem Paar klarer blauer Augen erhellt, nun im vollen Licht dar. Cathérine fand den Eindruck absoluten Vertrauens bestätigt, den er bei ihrer ersten Begegnung gelegentlich seiner Verlobung mit der Schwester Philippes von Burgund und Witwe des Dauphins von Frankreich, Louis de Guyenne, auf sie gemacht hatte. Dieser Mann hatte die Festigkeit eines Bollwerks, die Schärfe einer Degenklinge, den Wert reinen Goldes. Gegen die Tränen ankämpfend, die in ihr aufstiegen, lächelte sie ihm zu und vollführte einen tiefen Knicks, während sie die Hand auf die ihr dargebotene legte. »Monseigneur, Euer Empfang erregt und bewegt mich, wie ich es gar nicht sagen kann. Und ich bitte Euch, über mich zu verfügen, wie Ihr über meinen vielgeliebten Gemahl verfügt hättet, wenn es Gott gefallen hätte, ihn mir zu lassen. Ich habe hier keinen anderen Wunsch, als ihn zu rächen und meinem Sohn zu geben, was ihm zusteht!« »Es soll nach Eurem Wunsche geschehen. Kommt!« Seite an Seite schritten sie dem Thron zu, wo Yolande sie erwartete. Sie lächelte der jungen Frau entgegen. »Begrüßt Seine Ehrwürden, den Bischof unserer guten Stadt, dann setzt Euch hier hin«, sagte sie und wies auf ein Samtkissen auf den Thronstufen. Nachdem Cathérine darauf Platz genommen hatte, stellte man ihr die anwesenden Herren vor. Da waren außer Pierre de Brézé, der sie unverwandt anstarrte, der Seigneur de Chaumont, Gemahl der schönen Anne, deren Bruder Jean de Bueil, Gouverneur von Sablé, Ambroise de Loré, Prégent de Coétivy, der intime Freund des Konnetabels, und schließlich, ein wenig abseits, ein Mann von bescheidenem Aussehen und verschlossener Miene, der Stallmeister Richemonts war und Tristan l'Hermite hieß … Alle waren jung, der älteste war der Konnetabel, ein guter Vierziger, und alle küßten der jungen Frau respektvoll die Hand. Nur Brézé konnte sich eines Lächelns und eines vielsagenden Blicks nicht enthalten, der Cathérine bis zu den Ohren erröten ließ. Sie verjagte diese Verlegenheit ungeduldig. Was hatte sie mit diesem Mann in dieser Minute zu schaffen, da doch so viele ernste Dinge besprochen werden sollten? Um Rache ging es hier und nicht darum, sich von dem ersten hergelaufenen Stutzer zum Flirten verleiten zu lassen! Sie warf ihm einen strengen Blick zu und wandte den Kopf ab. Doch schon ergriff die Königin das Wort: »Messeigneurs, wir sind jetzt vollzählig versammelt, da wir mit der Anwesenheit der Feldhauptleute La Hire und Xaintrailles, die in der Picardie Krieg führen, nicht rechnen können. Seit Eurer vorigen Versammlung letzten September in Vannes bei der Beerdigung der Herzogin der Bretagne, Madame Jeanne de Valois, habt Ihr einen Pakt zum Verderben Georges de La Trémoilles beschworen. Ich glaube, es ist unnötig, Euch an seine Missetaten zu erinnern. Nicht zufrieden damit, Jehanne von Orléans ausgeliefert zu haben, den Terror im Königreich regieren zu lassen, den König ins Elend zu stürzen, während er sich skandalös bereichert, die Besten unter uns ins Gefängnis zu werfen und zu ruinieren, wie zum Beispiel Louis d'Amboise, der mit Euch allen verwandt ist, sowie Arnaud de Montsalvy, den Engländern die Stadt Montargis, die Madame de Richemont gehört, auszuliefern, den Krieg auf unsere eigenen Ländereien zu tragen und durch seinen Henkersknecht Villa-Andrado die Auvergne, das Limousin und Languedoc verwüsten und ausplündern zu lassen, wagt es dieser Mann noch, sich den Annäherungsversuchen, die wir seit Monaten geduldig dem Herzog von Burgund gegenüber unternommen haben, zu widersetzen. Seit fast einem Jahr hält der Legat des Papstes, der Kardinal des Heiligen Kreuzes Nicolas Albergati, Konferenz um Konferenz mit den Abgesandten Burgunds, um zu einem Friedensschluß zu kommen. Und was tut La Trémoille inzwischen? Letzten Oktober versucht er, Dijon zu belagern, und organisiert zur selben Zeit einen ungeschickten Versuch zur Ermordung des Herzogs Philippe, und das genau in dem Augenblick, in dem der Tod der Herzogin von Bedford, der Schwester Philippes, ihn von der englischen Allianz abwendet. So kann das nicht weitergehen! Nie werden wir es erreichen, den Engländer zu verjagen und diesem Königreich Frieden zu geben, solange der Großkämmerer den König in den Klauen hat. Ihr habt geschworen, Messeigneurs, Frankreich von ihm zu säubern. Ich erwarte Eure Vorschläge.« Stille folgte der Rede der Königin. Cathérine hielt den Atem an, dachte über die Neuigkeiten nach, die sie soeben gehört hatte. Sie entdeckte, wie fern sie diesen Ereignissen gestanden hatte, und auch, nicht ohne Erstaunen, daß ein Mordversuch gegen ihren einstigen Geliebten Philippe von Burgund sie gleichgültig ließ. Die Bande, die sie mit ihm verbunden hatten, waren geschwunden, ohne mehr zurückzulassen als vage Erinnerungen. Fast schien es ihr, als müsse es eine andere gewesen sein, die die leidenschaftlichen Stunden in den Armen des schönen Herzogs durchlebt hatte, als sei es für sie nur eine Geschichte, die ihr vor langer Zeit jemand abends vor dem Kaminfeuer erzählt habe … Mittlerweile richteten sich alle Blicke, auch der Cathérines, auf den Konnetabel. Den Kopf gesenkt, die Arme über der Brust gekreuzt, schien er in tiefes Nachdenken versunken. Schließlich war es der mehr als achtzigjährige Bischof, der das Schweigen brach. Seine Stimme zitterte wie ein gesprungenes Glöckchen. »Zweimal, Sire Konnetabel, habt Ihr den König trotz seines Widerstrebens von seinen unwürdigen Favoriten befreit. Werdet Ihr beim drittenmal Furcht haben? Ist der Sire de La Trémoille mehr als Pierre de Giac oder der Camus de Beaulieu? Den ersten habt Ihr in einen Sack stecken und in den Auron werfen, den zweiten habt Ihr erwürgen lassen. Warum also lebt La Trémoille noch?« »Weil er besser als die anderen auf der Hut ist. Giac glaubte sich vom Teufel beschützt, dem er seine rechte Hand verkauft hatte. Beaulieus Kopf war nur eine leere Klapper. Trémoilles Kopf ist voll Verschlagenheit und gefährlicher Tücke. Er weiß, daß er verhaßt ist, und handelt entsprechend. Wir haben seinen Untergang beschworen, aber es scheint, daß es keine leichte Sache ist, es zu verwirklichen.« Der Bischof lachte trocken auf. »Es handelt sich nur darum zuzuschlagen. Ich sehe nicht, was Euch abhält. Ihr habt Euch vom Hof ferngehalten. Gut! Aber Ihr habt genügend zuverlässige Männer …« »Und was soll so ein zuverlässiger Mann tun?« warf Richemont barsch ein. »Wer sein Vertrauen nicht hat, kann sich La Trémoille überhaupt nicht nähern. Aus dem König, von dessen Seite er nie weicht, hat er seinen ersten Wächter gemacht. Seit dem Sommer hat er sich mit ihm in die Festung Amboise eingeschlossen und hat sie nur ein einziges Mal, mit dem König natürlich, zu einem kurzen Aufenthalt in seinem eigenen Schloß Sully verlassen. Uns fehlt nicht der Wunsch zu töten, sondern das Mittel dazu!« Der trübsinnige Ton des Konnetabels ließ Cathérines Blut gerinnen. Sie sah, daß sich die Hand Yolandes um die Armlehne des Thronsessels krampfte, spürte die Gereiztheit der Königin in ihrem eigenen Fleisch. Wozu diese Ausflüchte, diese Fragen, die anscheinend ohne Antwort bleiben mußten? Wem nützte diese Zusammenkunft, wenn man nur die Ohnmacht der Verschworenen feststellen konnte? Doch da die Königin schwieg, wagte auch sie nicht zu sprechen. Zudem erhob sich der Bischof jetzt erregt. »Ein geschickter Bogenschütze kann jedes Ziel, ganz gleich, wo, treffen. Wenn La Trémoille ausreitet …« »Er reitet eben nie aus! … Er ist so dick und schwer geworden, daß ihn kein Pferd mehr tragen könnte. Er reist in einer geschlossenen Sänfte, von Wachen umgeben, und trägt ein Panzerhemd unter seinen Seidenkleidern.« »Er trägt kein Panzerhemd, wenn er schläft, möchte ich annehmen. Benutzt die Nacht …« »Er teilt nicht einmal mehr das Quartier des Königs, das er für zu unsicher hält. Im Schloßturm, bewacht von fünfzig Bewaffneten, überläßt sich La Trémoille nachts dem Schlaf.« »Dann mit Gift, während der Mahlzeiten …« Richemont lächelte müde. Diesmal antwortete sein Freund Prégent de Coétivy mit ernster Stimme: »Seine Gerichte und Weine werden von drei Offizieren des Königs vorgekostet.« Monseigneur de Bueil stieß einen Zornesruf aus, riß sich die Brille herunter und warf sie auf den Boden. »Ist das alles, was Ihr uns zu sagen habt, Sire Konnetabel? Ihr beteuert hier Eure Ohnmacht, oder ist La Trémoille vielleicht der verkörperte Teufel? Bei Gottes Tod, Monseigneur, es handelt sich um einen Menschen aus Fleisch und Blut, von anderen schwachen und habgierigen Menschen umgeben, die man kaufen können muß und die ihre Treue gewiß gegen eine gewichtige Summe Goldes verkaufen würden.« »Ich mißtraue einer Treue, die käuflich ist, Seigneur Bischof. Was wir brauchten, ist ein fähiger Mann, der nicht nur bereit ist, sich ganz der Sache hinzugeben, sondern auch dazu, sein Leben zu opfern, denn der Mörder müßte unter den Augen des Königs selbst zuschlagen und käme nicht lebend davon. Wer unter Euch, Messires, ist bereit, La Trémoille den Dolch in die Kehle zu stoßen und danach unter den Hieben der Wachen zu fallen?« Eine drückende Stille folgte der sarkastischen Frage des Konnetabels. Die Ritter sahen sich verlegen an, und eine Welle von Wut stieg in Cathérine empor. Diese Männer hatten ihren Ruf als Helden nicht mehr zu begründen. Unter den Tapfersten waren sie die Besten, und doch wagte keiner vorzutreten, wagte keiner, sein eigenes Leben gegen das ihres Feindes aufs Spiel zu setzen. Sie wollten gern bei hellichtem Tag, unter den funkelnden Strahlen der Sonne des Ruhmes kämpfen, bei Waffengeklirr und dem seidenweichen Knattern des Lilienbanners, aber im Schatten töten, überraschend zuschlagen und darauf unter den Hieben der Diener fallen, das wiesen ihr Stolz und ihr Hochmut mit aller Macht zurück. Vielleicht hielten sie sich auch für zu wichtig für das Königreich, zu nötig für den Glanz der Waffen Frankreichs, um sich zum Scharfrichter herabwürdigen zu lassen? … Oder hatten sie vielleicht noch nicht genug unter den Händen La Trémoilles gelitten? Müßten sie sonst nichts sehnlicher wünschen als seinen Tod, sein Blut … mit allen Mitteln? Sie verfolgten ihn mit einem Haß ohne Glut, und ihr Kampf war ein politischer Kampf, mit dem edlen, aber kalten Ziel, die Macht und die Person des Königs seinen unwürdigen Händen zu entreißen. Aber dieser Haß glich nicht dem Haß in ihr, der aus dem tiefsten Innern einer verzweifelten Frau geborenen Wut, die um alles, was ihr einziger Lebenssinn gewesen, betrogen worden war. Diese Männer waren lediglich bei Hofe unerwünscht, und einige hatten mit ansehen müssen, wie eine ihrer Städte durch La Trémoille verwüstet worden war, aber ihre Schlösser hatten sie nicht in Flammen stehen sehen, ihren Namen beschmutzt, ihr Leben bedroht und das ihnen teuerste Wesen für immer aus der Reihe der Lebenden ausgelöscht. Ein bitterer Geschmack füllte Cathérines Mund, während grimmiger Zorn sich ihrer bemächtigte. Und als die ernste Stimme der Königin in einem Anflug von Mißvergnügen sagte: »Trotzdem, Messires, müssen wir uns für einen Plan entscheiden!«, verließ sie ihren Platz und sank vor dem Thron auf die Knie. »Wenn es Eurer Majestät gefällt, bin ich bereit, den Schritt zu tun, vor dem sich diese Ritter scheuen! Ich habe nichts mehr zu verlieren außer dem Leben … und das achte ich gering, wenn ich meinen vielgeliebten Gemahl rächen kann. Geruht nur, Madame, Euch zu erinnern, daß ich einen Sohn habe, und haltet Eure schützende Hand über ihn.« Ein zorniges Grollen begrüßte diese Worte. Wie ein Mann waren die Herren den Thronstufen zugeeilt, auf denen Cathérine kniete, und alle hatten die Hand um ihren Degenknauf gelegt. »Gott verzeihe mir!« rief Pierre de Brézé erregt aus. »Ich glaube gar, Madame de Montsalvy hält uns für Feiglinge! Wollen wir, Messeigneurs, ihr diese Überzeugung lassen?« Von allen Seiten erklangen empörte Proteste, die jäh durch eine eiskalte Stimme abgeschnitten wurden. »Mit Erlaubnis der Königin und des Herrn Konnetabels möchte ich zu sagen wagen, daß uns das alles zu nichts führt, daß Ihr Eure Zeit und Eure Worte vergeudet! Es handelt sich hier nicht darum, darüber zu streiten, wer den größten Heldenmut zeigen wird, sondern nüchtern über den Tod eines Mannes und die Mittel, ihn herbeizuführen, zu diskutieren. Nun denn, keins von denen, die bisher vorgeschlagen wurden, scheint mir gut zu sein.« Die ruhige Autorität dieser Stimme zwang Cathérine, sich umzuwenden. Der Kreis der Ritter öffnete sich und ließ den Mann durch, den man Tristan l'Hermite genannt hatte und der den ziemlich bescheidenen Posten eines Stallmeisters des Konnetabels bekleidete. Die junge Frau beobachtete ihn aufmerksamer, während er langsam vortrat. Es war ein Flame von etwa dreißig Jahren, blond mit blaßblauen Augen und dem kältesten, undurchdringlichsten Gesicht, das Cathérine je gesehen hatte. Kein Muskel bewegte sich in ihm. Es wirkte schwer und grob geschnitten, aber seine vollkommene Ausdruckslosigkeit verlieh ihm etwas Majestätisches. Er beugte das Knie vor der Königin und wartete auf die Erlaubnis fortzufahren. Richemont warf Yolande einen fragenden Blick zu, dann: »Die Königin erlaubt dir zu sprechen! Was hast du zu sagen?« »Dies! Der Großkämmerer ist draußen unerreichbar, weil er sich nicht hinauswagt. Also muß man ihn drinnen treffen, und zwar innerhalb einer der königlichen Residenzen, da er sie zu den seinen gemacht hat und sich hinter ihren Garnisonen verschanzt.« »Das ist genau das, was wir eben schon sagten«, bemerkte Jean de Bueil mit einer Grimasse. »Anders ausgedrückt, es ist unmöglich!« »Es ist unmöglich in Amboise«, erwiderte Tristan l'Hermite, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, »weil der Gouverneur auf seiner Seite ist, aber es wäre möglich in einem Schloß, dessen Gouverneur auf unserer Seite steht. In Chinon zum Beispiel, dessen Gouverneur, Messire Raoul de Gaucourt, sich insgeheim dem Herrn Konnetabel angeschlossen hat und ihm sehr ergeben ist.« Ein eisiges Frösteln glitt Cathérine den Rücken hinunter. Raoul de Gaucourt! Der ehemalige Gouverneur von Orléans, der Mann, der sie einst der Folter unterworfen und zum Galgen verurteilt hatte! Er haßte die Jungfrau von Orléans und hatte sie unerbittlich bekämpft. Was mochte La Trémoille ihm angetan haben, daß er so radikal ins andere Lager übergeschwenkt war? Aber Richemont antwortete seinem Stallmeister unwirsch: »Wir hätten tatsächlich eine Möglichkeit, wenn man La Trémoille – und den König selbstverständlich – nach Chinon locken könnte. Aber der Großkämmerer mag Chinon nicht. Der Schatten der Jungfrau ist dort noch zu gegenwärtig, und die kleinen Leute der Stadt haben ihr ihre Liebe bewahrt. Der König ist zu leicht beeinflußbar. La Trémoille fürchtet, daß er im Großen Saal noch das Echo der Stimme Johannes hören könnte. Er weiß nicht, daß Gaucourt sich zu uns geschlagen hat, aber er wäre nie einverstanden, den König nach Chinon zu bringen!« »Trotzdem«, rief Cathérine, »muß er ihn hinbringen! Gibt es denn niemand, der Einfluß auf ihn hat? Es handelt sich doch nur um eine gefühlsmäßige Abneigung, die man überwinden könnte. Jeder Mensch, mich inbegriffen, hat seinen schwachen Punkt, den man nur geschickt auszunutzen braucht. Welches ist der schwache Punkt des Großkämmerers?« Diesmal kam die Antwort von Ambroise de Lore, einem rothaarigen Mann aus Anjou, der niemals lächelte. »Er hat zwei: das Gold und die Frauen!« stieß er hervor. »Seinem Durst nach Gold kommt nur noch sein unersättliches Verlangen nach den letzteren gleich. Wenn sich ein schönes Mädchen fände, das sein Blut in Wallung brächte, würde er vielleicht eine Dummheit begehen!« Während Lore sprach, musterte er Cathérine mit brüsker Unverschämtheit von oben bis unten, so daß ihr das Blut in die Wangen stieg. Sein Vorhaben war so klar, daß plötzliche Empörung der jungen Frau den Atem benahm. Für wen hielt er sie eigentlich, dieser zynische Grandseigneur? Dachte er daran, die Frau Arnaud de Montsalvys La Trémoille ins Bett zu legen? Doch sie enthielt sich der Erwiderung, die ihr schon auf der Zunge lag … Vielleicht war da nach allem doch eine brauchbare Idee? Es war noch immer ein Unterschied, ob man einen Mann betörte oder ob man sich ihm hingab, und wer konnte wissen, ob … Mit einem wütenden Ausruf schnitt Pierre de Brézé ihr plötzlich den Gedankenfaden ab. Auch er, wie übrigens alle anderen, hatte den Sinn von Lores Worten wohl begriffen und fuhr ihn nun, weiß vor Zorn, an. »Bist du wahnsinnig? Woran denkst du? Das Unglück einer edlen Dame, so schön sie auch sei, müßte sie gegen gewisse Gedanken in Schutz nehmen. Du verdientest es, daß ich dir deine Unverschämtheit heimzahlte, obgleich du mein Freund bist, denn ich werde nie zulassen …« »Ruhe, Messire de Brézé!« unterbrach die Königin. »Schließlich hat unser Freund Lore nichts gesagt, worüber Madame de Montsalvy sich gekränkt fühlen könnte. Nur sein Blick war wenig taktvoll. Vergessen wir ihn!« »Auf jeden Fall«, brummte Richemont, »mißtraut La Trémoille den großen Damen. Sie haben zu flinke Augen, eine zu scharfe Zunge, und außerdem bietet ihr gesellschaftlicher Rang ihnen Vergleichsmöglichkeiten, die nicht zu seinem Vorteil ausfallen. Was er liebt, sind die unzüchtigen Frauen, die mannstollen Mädchen, die vielerlei Liebesspiele gewohnt sind, oder auch schöne Bäuerinnen, die er ganz nach Belieben erniedrigen und quälen kann!« »Ihr vergeßt die jungen Pagen, Monseigneur«, warf Tristan l'Hermite spöttisch ein, »und noch einiges andere, woran unser Kämmerer sich delektiert. Seit etwa einem Monat hat sich ein Trupp Ägypter oder Zigeuner in den Gräben von Amboise eingerichtet, vom Winter und von der Verwüstung des Landes genötigt, die Nähe der Städte zu suchen. Die Bürger haben Angst vor ihnen, weil sie stehlen, die Zukunft weissagen und die Leute behexen können, aber aus diesem Grunde zeigen sie sich auch großzügig. Die Männer sind Schmiede oder Musiker. Die Mädchen tanzen. Einige sind schön, und La Trémoille hat Geschmack an ihrer dunkelbraunen Haut gefunden. Es kommt nicht selten vor, daß er sie aufs Schloß holt, um sich mit ihnen zu vergnügen, und ich glaube, es ist eher sein Wille als die Hungersnot, die den Stamm in Amboise zurückhält.« Cathérine folgte der kleinen Rede des Flamen mit tiefem Interesse, um so mehr, als er sich besonders an sie zu wenden schien. Sie spürte eine gewisse Absicht dabei, war sich aber noch nicht ganz klar, welche. Er schien sie einzuladen, ihm zu folgen. Jedenfalls verbarg sich hinter seiner Erwähnung der Zigeuner ein ernsthafter Grund. »Wollt Ihr etwa vorschlagen«, warf Jean de Bueil hochmütig ein, »daß wir uns an eins dieser wilden Weiber hängen sollen? Das wäre ein schöner Reinfall! Wir würden für ein paar Huren an La Trémoille verkauft werden!« »Keineswegs, Monseigneur«, erwiderte Tristan, die Augen auf Cathérine gerichtet. »Vielmehr dachte ich an eine intelligente Frau, schlau und couragiert und geschickt verkleidet …« »Worauf genau wollt Ihr hinaus?« fragte Brézé mit argwöhnischem Unterton. Tristan schien mit der Antwort zu zögern, aber Cathérine hatte verstanden. Dieser Gedanke, den der Stallmeister nicht näher ausführen wollte, zweifellos, weil er die heftigen Reaktionen gewisser Ritter fürchtete, hatte sie in Wahrheit, ohne daß es ihr sofort bewußt wurde, im gleichen Augenblick gepackt, in dem er von den Zigeunern gesprochen hatte. Und nun wollte sie ihn sich zu eigen machen. Sie lächelte den Flamen an, um ihn zu ermutigen, und legte die Hand beschwichtigend auf Brézés Arm. »Ich glaube, ich verstehe den Gedanken Messire l'Hermites«, sagte sie ruhig. »Er möchte sagen, wenn ich zu allem bereit wäre, um an La Trémoille Rache zu nehmen, wäre ich voll und ganz geeignet, diese Rolle zu spielen.« Es gab einen Heidenlärm. Alle Edelleute brüllten gleichzeitig aufeinander ein, aber die Fistelstimme des Bischofs übertönte alle. Nur Ambroise de Lore sagte nichts, doch einer seiner Mundwinkel verzog sich auf eine Art, die man, strenggenommen, für den Anflug eines Lächelns halten konnte. Die Herzogin-Königin mußte die Stimme erheben, um die Ruhe wiederherzustellen. »Beruhigt Euch, Messeigneurs!« sagte sie kalt. »Ich verstehe Eure Aufregung angesichts eines so kühnen Vorschlags, aber es nützt nichts, deswegen zu schreien. Außerdem sehen wir uns einer so schwierigen Lage gegenüber, daß die geringsten Erfolgschancen – wie auch die verrücktesten – kaltblütig geprüft werden müssen! Was Euch betrifft, Cathérine, habt Ihr die Tragweite Eurer Worte und die Gefahren gut erwogen, denen ein solches Abenteuer Euch aussetzen würde?« »Ich habe sie erwogen, Madame, und ich habe sie durchaus nicht für unüberwindlich gefunden. Wenn ich Euch und dem König dienen könnte, indem ich die Meinen räche, würde ich mich glücklich schätzen!« Die blauen Augen des Konnetabels suchten die der jungen Frau und hielten sie fest. »Ihr werdet Euer Leben in jedem Augenblick aufs Spiel setzen. Wenn La Trémoille Euch wiedererkennt, werdet Ihr den nächsten Tag nicht mehr erleben. Wißt Ihr das?« »Ich weiß es, Monseigneur«, entgegnete sie mit einer kurzen Reverenz, »und ich nehme das Risiko auf mich. Außerdem – macht dieses Risiko nicht größer, als es ist. Der Großkämmerer kennt mich nur flüchtig. Ich war eine der Hofdamen der Königin Marie, alle fromm und ernst, die sehr selten in der Umgebung des Königs erschienen. La Trémoille hat mich zwei- oder dreimal gesehen, immer mit anderen Damen zusammen, zu selten, um mich wiederzuerkennen, besonders nicht in einer Verkleidung.« »Für diesen Fall trifft sich das ausgezeichnet! Ihr habt auf alles eine Antwort, und ich bewundere Euren Mut.« Er wandte sich ab, um mit Tristan l'Hermite zu sprechen, doch Jean de Bueil mischte sich ein. »Angenommen, wir akzeptieren den Vorschlag Madame de Montsalvys und ließen sie diese gefährliche und zum allermindesten unangenehme Rolle spielen, dann ist noch lange nicht gesagt, daß sie sie auf überzeugende Weise spielen könnte. Diese Ägypter haben ein fremdländisches Benehmen und vor allem fremde Kleidung …« »Eine Kleidung, die ich kenne«, unterbrach Cathérine freundlich. »Messire, meine treue Amme Sara ist Ägypterin. Sie wurde einst als Sklavin nach Venedig verkauft.« Der nächste Einwand kam von Pierre de Chaumont. »Werden diese Leute einverstanden sein, unsere Komplicen zu werden? Es sind Wilde, sie sind unabhängig, unbegreifbar.« Ein kaltes Lächeln kerbte die schmalen Lippen des Flamen, ein Lächeln, das eine Drohung enthielt. »Auch sie lieben das Gold … und fürchten den Henker! Die Drohung mit dem Strick in Verbindung mit dem Versprechen einer schönen Summe wird sie sehr einsichtig machen. Außerdem wird diese Sara, da sie eine der Ihren ist, zweifellos sehr gut aufgenommen werden … und wenn es Monseigneur dem Konnetabel genehm ist, werde ich Dame Cathérine persönlich zu den Zigeunern geleiten. Ich werde die Verbindung mit Euch, Messeigneurs, sicherstellen!« »Es ist mir recht so«, sagte Richemont billigend, »und ich halte diesen Plan für gut. Hat jemand noch einen Einwand vorzubringen?« »Keinen«, sagte der Bischof, »außer der Furcht angesichts der Tatsache, daß wir eine anständige und edle Dame ihre Seele … und ihren Körper in einem gefährlichen Abenteuer aufs Spiel setzen lassen. Die Tugend Madame de Montsalvys …« »Hat nichts zu befürchten, Euer Ehrwürden«, entgegnete Cathérine ruhig. »Ich werde auf mich achtzugeben wissen.« »Aber da ist noch ein Punkt, den ich gern klären möchte«, sagte der Prälat beharrlich. »Wenn Ihr bei La Trémoille vorgelassen werdet, wie wollt Ihr ihm dann einreden, Amboise zu verlassen und nach Chinon zu reiten? Er liebt die Zigeunerinnen, gut, aber ich glaube nicht, daß er sie nach Belieben handeln oder sich von ihnen Ratschläge geben läßt. Denn Ihr werdet in seinen Augen nichts anderes als eine der Ihren sein …« Diesmal lächelte Cathérine, und dieses leise, süße Lächeln hellte wie durch Zauberei die harten Gesichter der Ritter auf. »Ich habe da so meine Idee, Monseigneur, aber ich bitte um Eure Erlaubnis, sie für mich behalten zu dürfen. Zunächst nur soviel: Ich werde mich der stärksten Leidenschaft des Kämmerers bedienen, nämlich der für das Gold!« »Dann segne und behüte Euch Gott, meine Tochter! Wir werden für Euch beten!« Er reichte den Lippen der jungen Frau, die vor ihm niederkniete, seine mit einem riesigen Saphir geschmückte Linke, während seine rechte Hand über die schöne, dem priesterlichen Segen dargebotene Stirn strich. Cathérines Herz klopfte wie ein Tambour, der zum Angriff trommelt. Nun würde sie sich also schlagen, sich persönlich schlagen, dem Feind die Stirn bieten, ihm in seiner Höhle gegenübertreten. In ihrem Leben hatte sie schon viele Abenteuer durchgemacht, aber diese Abenteuer waren ihr vom Schicksal auferlegt worden. Außer damals, als sie Burgund verlassen hatte, um Arnaud im belagerten Orléans zu treffen, hatte sie sich mit dem, was das Schicksal ihr brachte, abfinden müssen, indem sie das Beste daraus machte. Heute jedoch, aus wohlerwogenem, eigenem Entschluß, obwohl nichts sie dazu zwang, einfach zur Beruhigung ihres Gewissens und aus Liebe zu dem auf immer verlorenen Mann, stürzte sie sich in einen wahnwitzigen, verrückten Streich, bei dem nichts, nicht einmal ihr Name, ihr von Nutzen sein würde. Wenn man sie ergriffe, würde man sie hängen wie irgendeins der ägyptischen Mädchen, dessen Aussehen sie annehmen würde, und ihr Körper würde weit von dem Lande verfaulen, in dem Arnaud langsam dahinsiechte. Doch dieser Gedanke konnte sie in ihrem Entschluß nicht wankend machen. In ihre Träumerei versunken, fuhr sie auf, als die Stimme der Königin plötzlich verkündete: »Ehe wir uns trennen, schwört von neuem, Messeigneurs, wie Ihr es in Vannes getan habt, unser Geheimnis getreulich zu bewahren und nicht zu ruhen und zu rasten, bis der Mann, dessen Untergang wir uns geschworen haben, zu Boden geworfen ist. Schwört bei der Heiligen Jungfrau und dem Herrn Jesus Christus!« In einer einzigen Bewegung streckten die Ritter die rechte Hand aus und legten sie auf das Kreuz aus Saphiren, das sich der Bischof vom Hals genommen hatte und ihnen nun hinhielt. »Wir schwören es!« riefen sie einstimmig. »La Trémoille muß fallen, oder wir werden untergehen!« Dann kamen sie, einer nach dem anderen, und beugten das Knie vor Yolande, die allen die Hand zum Kusse bot, und verließen darauf den Saal der Gobelins. Als einzige blieben Richemont und Tristan l'Hermite zurück, um die Einzelheiten des Vorhabens zu besprechen. Während die Königin und der Konnetabel sich unterhielten, ging Cathérine auf den Flamen zu. »Ich möchte Euch danken«, sagte sie. »Eure Idee hat uns alle gerettet, und ich kann nicht umhin, in ihr ein Zeichen des Schicksals zu sehen. Ihr konntet nicht wissen, daß meine Amme …« »Dennoch wußte ich es, Madame«, erwiderte Tristan mit einem dünnen Lächeln. »Dankt mir nicht mehr, als recht und billig ist. Denn nicht ich habe Euch eine Idee eingegeben, Dame Cathérine, sondern Ihr mir!« »Ihr wußtet es? Wieso?« »Ich weiß stets alles, was ich wissen will! Aber seid ohne Sorge, ich werde Euch ebenso treu dienen, wie ich dem Konnetabel diene.« »Warum? Ihr kennt mich doch nicht.« »Nein. Aber ich brauche einen Menschen, Mann oder Frau, nicht zweimal anzusehen, um seinen Wert zu kennen. Ich werde Euch aus dem besten und einfachsten Grunde dienen: weil ich's gern tue!« Der rätselhafte Flame grüßte und trat wieder zu seinem Herrn, Cathérine nachdenklich zurücklassend. Wer war dieser merkwürdige Mann, der als einfacher Stallmeister wie ein Herr sprach und anscheinend durch Mittel, die nur ihm bekannt waren, alles wußte, was die Leute, mit denen er zusammenkam, betreffen konnte? Daß er etwas Beunruhigendes an sich hatte, leugnete Cathérine nicht, und trotzdem empfand sie keine Furcht bei dem Gedanken, daß er bei dem bevorstehenden Abenteuer ihr Partner sein würde. Vielleicht der Solidität wegen, die von ihm ausstrahlte, einer anderen zwar als der, wie sie Gauthier gegeben war, doch auf ihre Art ebenso beruhigend! Sie hatte Eile, zu Sara zurückzukehren, um sie ins Bild zu setzen, und bat, sich zurückziehen zu dürfen, was ihr sogleich gestattet wurde. Die Königin und der Konnetabel hatten noch ernste Dinge zu besprechen, die nicht für uneingeweihte, wenn auch treue Ohren bestimmt waren. Doch als sie den Saal verließ, stieß Cathérine auf Pierre de Brézé. Der junge Mann wanderte in der Galerie am Wasserrand auf und ab und kam, als er sie auftauchen sah, auf sie zu. Er schien sehr erregt und bewegt. »Holde Dame«, sagte er mit besorgter Stimme, »haltet mich nicht für einen Narren, doch gewährt mir gnädigst einige Augenblicke des Gesprächs. Ich habe Euch vieles zu sagen.« »So viel?« entgegnete Cathérine schnippisch, halb ernst, halb scherzhaft. »Ich dachte, wir hätten uns gestern abend alles gesagt, was zu sagen war.« Die Erwähnung ihres vorangegangenen Renkontres trieb Brézé die Schamröte ins Gesicht, und Cathérine konnte trotz des Grolls, den sie noch gegen ihn empfand, nicht umhin, an diesem Koloß, der wie ein junges Mädchen errötete, einen gewissen Charme zu finden. Zudem sah er gut aus, hatte regelmäßige und reine Züge, die an die der Montsalvys erinnerten, besonders an die Michels, des hellen Haars und der blauen Augen wegen, und als Cathérine dies feststellte, spürte sie, wie das instinktive Ressentiment, das er ihr anfangs eingeflößt hatte, schwand. Sie blickte ihn etwas weniger streng an und ließ sich sogar von ihm zu einer der Fensternischen führen. Dort setzte sie sich auf die Steinbank und hob die Augen zu ihm auf. »Nun, ich höre! Was habt Ihr mir zu sagen?« »Zuerst, Vergebung für gestern. Ich kam geradewegs von einem Auftrag aus dem Haut-Maine zurück und ging direkt in dieses Zimmer, das in normalen Zeiten das meine ist. Ich wußte nicht, daß es besetzt war.« »Wenn es so ist, so sei Euch verziehen. Seid Ihr nun zufrieden?« Er antwortete nicht sofort. Seine nervösen Finger zerrten an den langen, mit grauer Seide unterfütterten Einschnitten seines Wamses aus blauem Tuch, dessen einziger Schmuck aus dem gestickten Kreuz von Jerusalem auf seiner Brust bestand. »Ich habe noch etwas zu sagen!« meinte er schließlich gedämpft, ohne zu wagen, das zarte, so rührende Gesicht in der Einrahmung seiner schwarzen Schleier anzusehen. Pierre de Brézé war noch nie einer so schönen Frau begegnet, und die Vollkommenheit, die er, ohne zu wollen, entdeckt hatte, das Licht, das aus diesen wunderbaren blauen Augen strahlte, dies alles erregte ihn derart, daß er bebte. Er, der Ritter der Königin, der Mann, vor dem Lord Scales und Thomas Hampton geflohen waren, er, kraftlos und entwaffnet, wünschte jetzt nichts sehnlicher, als das Knie zu beugen und anzubeten. Cathérine war viel zu sehr Frau, zu feinfühlig, um die Verwirrung dieses großen Jungen nicht wahrzunehmen, aber sie war entschlossen, der Versuchung nicht nachzugeben, so charmant sie auch sein mochte. »Sprecht!« sagte sie ruhig. Er ballte die Fäuste, holte tief Atem wie ein Schwimmer, der ins Wasser springt, und sagte dann: »Gebt diesen wahnsinnigen Plan auf, geht nicht da hinunter! Wollt Ihr, daß La Trémoille stirbt? Nun, ich schwöre, daß ich ihn vor dem gesamten Hof, ja vor dem König persönlich in Eurem Namen niederstrecken werde …« »Ihr würdet nur in Euer Verderben rennen. Der König würde Euch verhaften, ins Gefängnis werfen und ohne Zweifel hinrichten lassen.« »Was spielt das für eine Rolle?! Lieber renne ich in mein Verderben, als Euch ins Verderben rennen zu sehen! Allein der Gedanke an das, was Ihr tun wollt, macht mich wahnsinnig! Seid barmherzig … gebt es auf!« »Barmherzig zu wem?« fragte Cathérine leise. »Zum einen zu Euch selbst … und auch zu mir! Was nützen die Ausflüchte, die großen Worte und das Gerede? Für solche Sachen eigne ich mich nicht, bin vor allem Soldat. Aber ihr wißt bereits, daß ich Euch liebe, ich brauche es Euch nicht noch zu sagen!« »Und … da Ihr mich liebt, wollt Ihr für mich sterben?« Er fiel auf die Knie, hob der jungen Frau sein von Leidenschaft gezeichnetes Gesicht entgegen, das sie erschreckte. Dieser Junge war aus schönem und reinem Metall gemacht, er verdiente, geliebt zu werden, und sie wollte nicht, daß er sich in die Sackgasse ihres Schicksals verrannte. Indessen murmelte er: »Ich wünsche nichts anderes.« »Und ich will, daß Ihr lebt. Ihr liebt mich, sagt Ihr? Und diese Liebe treibt Euch, für mich sterben zu wollen? Dann müßt Ihr verstehen, was mich bewegt, müßt den Wunsch verstehen, der mich treibt, für das Andenken des Mannes, dessen Namen ich trage, alles zu riskieren … des einzigen Mannes, den ich je geliebt habe und immer lieben werde!« Er senkte den Kopf, dachte über das Endgültige ihrer Worte nach. »Ich gebe mich nicht der Illusion hin, eines Tages von Euch geliebt zu werden«, murmelte er. »Ich habe Arnaud de Montsalvy oft gesehen, der damals schon Feldhauptmann war, während ich nur Page oder Knappe war, und niemals, glaube ich, habe ich einen Mann mehr bewundert als ihn. Ich habe ihn auch beneidet. Er war alles, was ich sein wollte: tapfer, stark, selbstsicher! Welche Frau, die die Liebe eines solchen Mannes besitzt, könnte einen anderen lieben? Ihr seht … ich mache mir keine Illusionen.« »Dennoch«, entgegnete Cathérine, bewegter, als sie sich zeigen wollte, »gehört Ihr zu denen, die eine Frau sehr wohl lieben kann.« »Aber neben ihm, nicht wahr, werde ich niemals bestehen können? Das wolltet Ihr mir doch zu verstehen geben, Dame Cathérine? So sehr habt Ihr ihn geliebt?« Ein scharfer Schmerz durchbohrte Cathérines Herz bei der Erinnerung an das, was sie verloren hatte. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, Tränen traten ihr in die Augen, und sie ließ sie ohne Scham fließen. »Ich liebe ihn immer noch mehr als alles in der Welt! Ich würde mein Leben hingeben, Messire, und meine ewige Seligkeit, um ihn wiederzufinden … und sei es auch nur für eine Stunde! Ihr seht, ich verschweige Euch nichts. Soeben spracht Ihr mir von den Gefahren, in die ich mich begeben würde. Aber hätte ich keinen Sohn, hätte ich den Tod schon lange gesucht, um wenigstens das Recht zu haben, mich mit ihm zu vereinen.« »Also Ihr seht, Ihr müßt leben! Oh, laßt mich Euch helfen, laßt mich Euer Freund sein, Euer Verteidiger! Ihr seid zu zart, um in dieser gnadenlosen Zeit ohne Hilfe zu existieren! Ich schwöre, ich werde Euch mit meiner Liebe nicht behelligen, werde nichts anderes verlangen als das Recht, Euer Ritter zu sein. Heiratet mich! Ich habe einen guten Namen, ein Vermögen … und großen Ehrgeiz.« Verdutzt trocknete Cathérine sich die Tränen und wußte nicht sofort, was sie darauf antworten sollte. Sie erhob sich, während er seine kniende Stellung nicht aufgab. »Ihr habt's aber eilig!« sagte sie artig. »Wie alt seid Ihr eigentlich?« »Dreiundzwanzig Jahre.« »Ich bin fast zehn Jahre älter!« »Was macht das schon! Ihr seht wie ein junges Mädchen aus und seid die schönste Dame, die je den Fuß auf die Erde setzte! Ob Ihr wollt oder nicht, Ihr werdet meine Dame sein, und ich werde nur Eure Farben tragen!« »Meine Farben, Messire, sind die der Trauer, Schwarz und Silber. Hattet Ihr denn keine Dame, ehe Ihr mich kennenlerntet?« Zum großen Erstaunen Cathérines schnitt Pierre de Brézé eine fürchterliche Grimasse und gestand höchst ungern: »Eine Dame, nein! Ich habe eine Verlobte, Jeanne du Bec-Crespin … aber sie ist von einer Häßlichkeit, an die ich mich nie gewöhnen werde!« Plötzlich brach Cathérine in Gelächter aus, und die Atmosphäre entspannte sich merklich. Ihr Lachen klang so hell, so jung, daß Pierre, gegen seinen Willen davon fortgerissen, einstimmen mußte. Mit einer spontanen Bewegung streckte sie ihm beide Hände entgegen, und er vergrub sein Gesicht darin. »Behaltet Eure Verlobte, Messire Pierre!« sagte sie wieder in ernstem Ton. »Und was mich betrifft, so schenkt mir nur Eure Freundschaft. Ihrer bedarf ich nämlich am allermeisten.« Er warf ihr einen hoffnungsvollen Blick zu. »Ich dürfte über Euch wachen, Eure Farben tragen, Euch verteidigen?« »Aber ja! Doch immer unter der Bedingung, daß Ihr nichts tut, was der Ausführung meiner Pläne hinderlich wäre. Versprecht Ihr das?« »Ich verspreche es«, erwiderte er ohne Begeisterung. »Aber ich werde während der ganzen Zeit, die Ihr in Amboise seid, auch dort sein, Dame Cathérine, und wenn Euch etwas zustoßen sollte …« Das Gesicht Cathérines wurde plötzlich ernst. Sie zog ihre Hände zurück, die der junge Mann festgehalten hatte, und schob sie in ihre weiten Ärmel. Ein Schatten verdüsterte ihre Augen, und ihre Lippen wurden entschlossen und hart. »Wenn ich bei dieser Aufgabe ums Leben kommen sollte, Messire, und Ihr mich wirklich liebt, gut, dann würde ich akzeptieren, was Ihr mir eben törichterweise angeboten habt. Wenn ich sterbe, tötet zu meinem Gedächtnis den Großkämmerer! Werdet Ihr das tun?« Pierre de Brézé zog seinen Degen, pflanzte ihn vor ihr auf und legte die Hand auf den Knauf. »Bei den heiligen Reliquien, die dieser Degen umschließt, schwöre ich's.« Cathérine lächelte und entfernte sich im seidenen Rauschen ihrer langen schwarzen Schleppe mit einer letzten Handbewegung des Abschieds. Immer noch auf den Knien, sah Pierre de Brézé ihr nach, bis sie verschwunden war. Sechstes Kapitel Als sie ihr Zimmer betrat, traf Cathérine zu ihrer Überraschung Sara in heftigem Wortwechsel mit Tristan l'Hermite an. Die laute Stimme der Zigeunerin war bis auf die Treppe hinaus zu hören, während der Flame sich bemühte, ihr in viel gemäßigterem Ton zu antworten. Erst der Eintritt der jungen Frau beruhigte die Streithähne, über Saras zornrotem Gesicht war die Haube verrutscht, und Tristan lehnte mit verschränkten Armen und einem aufreizenden halben Lächeln um die Lippen am Kamin. »Darf ich erfahren, was hier vorgeht?« erkundigte sich Cathérine ruhig. »Man hört euch bis zur Galerie brüllen!« »Man hört Madame brüllen!« berichtigte Tristan friedfertig. »Was mich betrifft, dürfte ich die Stimme kaum gehoben haben.« »Das erklärt mir noch nicht, weshalb ihr euch streitet, übrigens, ich wußte gar nicht, daß ihr euch kennt.« »Wir haben soeben Bekanntschaft geschlossen«, entgegnete der Flame säuerlich. »Um es Euch gleich zu sagen, gnädige Dame, Eure treue Dienerin billigt unsere Pläne nicht.« Die wenigen Worte genügten, um Saras Zorn von neuem anzufachen, der sich diesmal allerdings gegen Cathérine richtete. »Bist du wahnsinnig? Du willst dich als Zigeunerin verkleiden und dich so diesem miserablen Kämmerer nähern? Wozu, wenn ich fragen darf? Um vor ihm zu tanzen wie Salome vor König Herodes?« »Sehr richtig!« gab die junge Frau trocken zurück. »Nur mit dem Unterschied, daß ich nicht den Kopf eines anderen verlangen werde, sondern seinen eigenen! Außerdem erstaunst du mich, Sara. Ich dachte, du wärest glücklich, ein Weilchen unter deinen eigenen Leuten leben zu können!« »Fragt sich noch, ob es meine eigenen Leute sind. Ich bin nicht mit allen Wanderstämmen verwandt. Ich gehöre zum mächtigen Stamm der Kaldéras, der einst den Horden Dschingis-Khans gefolgt ist, und nichts beweist, daß die unter den Mauern von Amboise kampierenden Leute von demselben Stamm sind wie ich. Vielleicht sind es nur gewöhnliche Djâts und …« »Die beste Methode, es festzustellen, ist, hinzugehen und sich selbst zu überzeugen!« unterbrach Tristan. »Ihr wißt nicht, was Ihr da sagt. Die Djâts würden mich nicht gut aufnehmen. Augenblicklich herrscht Rivalität zwischen den beiden Stämmen. Ich möchte nicht riskieren …« Diesmal schnitt Cathérine ihr ungeduldig das Wort ab. »Genug! Ich werde mit Messire l'Hermite zu diesen Zigeunern gehen. Es bleibt dir überlassen, mitzukommen oder nicht. Welcher Stamm es immer sei, er wird mich aufnehmen. Wann brechen wir auf, Messire?« »Morgen, in der Nacht.« »Warum nicht heute nacht?« »Weil wir heute nacht anderes zu tun haben werden. Dürfte ich Euch bitten, Euer Haar herunterzulassen?« »Und warum nicht ihr Kleid?« brummte Sara verärgert, weil sie von Cathérine heruntergeputzt worden war. »Mit den Toilettenangelegenheiten einer Dame hat ein Mann nichts zu scharfen!« »Ich habe nicht die Absicht, in Eure Rechte einzugreifen, holde Dame«, erwiderte der Flame mit spöttischem Lächeln. »Ich möchte mir nur über etwas klarwerden.« Gehorsam hatte Cathérine schon die Nadeln herausgezogen, die ihre Haube festhielten. Das befreite Haar fiel in rotgoldenen Wellen bis zum Ansatz ihrer Schultern herab. »Eure Haare sind nicht länger?« fragte Tristan erstaunt. »Das wird merkwürdig aussehen. Diese höllischen Zigeunerinnen haben alle Strähnen schwarzen Haars, die bis zur Taille herunterreichen.« Cathérine konnte Sara gerade noch zur rechten Zeit zurückhalten, die sich auf Tristan stürzen wollte und ihn anschrie, auch sie sei eine ›höllische Zigeunerin‹ und sie werde ihm zeigen, wozu sie fähig sei! »Beruhige dich schon! Messire l'Hermite wollte dich nicht beleidigen. Er hat unüberlegt gesprochen. Nicht wahr, Messire?« »Na ja!« brummte Tristan in wenig überzeugendem Ton. »Es war mir so herausgerutscht, das ist alles! Aber nun zurück zu Eurem Haar, Dame Cathérine.« »Ich habe es mir fast genau vor einem Jahr schneiden lassen müssen. Ist das ein großes Hindernis?« »N … ein! Aber es wird uns nicht mehr viel Zeit bleiben. Dürfte ich Euch bitten, mich heute abend nach Sonnenuntergang auf einen Gang in die Stadt zu begleiten, Dame Cathérine?« »Wo sie hingeht, gehe auch ich hin!« versicherte Sara. »Und den möchte ich sehen, der mich daran hindert!« Der Flame ließ einen elegischen Seufzer hören und warf Sara einen schiefen Blick zu. »Wenn Ihr wollt? Ich hab' nichts dagegen, da Ihr anscheinend Eure Zunge im Zaum halten könnt. Werdet Ihr mitkommen, Dame Cathérine?« »Selbstverständlich. Holt uns ab, wann Ihr es für richtig haltet. Wir erwarten Euch. Aber wo gehen wir hin?« »Ich bitte Euch, mir keine Fragen zu stellen. Versucht, mir Vertrauen zu schenken!« Das hinterhältige Kompliment Tristans schien Sara beruhigt zu haben, die, immer noch schimpfend, sich daranmachte, ihre Herrin neu zu frisieren. Einen Augenblick betrachtete der Flame sinnend die geschickten Hände der Zigeunerin, die hurtig mit dem zarten Silberstoff und dem schwarzen Musselin umgingen. Als spräche er mit sich selbst, murmelte er: »Wirklich sehr hübsch! Aber heute abend müssen wir etwas weniger Auffallendes auf die Beine stellen! Und morgen werden Männerkleider die beste Lösung sein, um ans Ziel zu kommen.« Sofort ließ Sara Kamm und Haarnadeln fallen und pflanzte sich vor dem Flamen auf, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Die Nase so weit vorschiebend, daß sie fast die ihres Feindes berührte, sagte sie scharf: »Aber nicht mit mir, mein Junge! Beschafft Männerkleidung für Dame Cathérine, wenn's ihr gefällt (übrigens bin ich überzeugt, daß sie es gern hat), aber mich wird keine Macht der Welt mehr in diese lächerlichen Röhren zwingen, die ihr Hosen nennt, und auch nicht in diese ebenso lächerlichen kurzen Röcke, die ihr als Wams oder Überhang bezeichnet. Wenn Ihr wollt, daß ich mich wie ein Mann anziehe, dann bringt mir eine Mönchskutte. Da drin habe ich wenigstens Platz!« Tristan öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, besann sich aber eines Besseren, warf der majestätischen Dame Sara einen anerkennenden Blick zu und lächelte schließlich sein gedehntes Lächeln, das die Zähne nicht sehen ließ. Dann seufzte er und hob die Schultern. »Im Grunde wäre das gar keine so schlechte Idee. Auf heute abend, Dame Cathérine. Erwartet mich etwa zur Stunde der Abendandacht!« Das Abendläuten war schon lange vorüber, als Cathérine, Tristan und Sara das Schloß durch das Ausfalltor des großen Portals verließen und den Weg ins Viertel der Händler einschlugen, das die Kathedrale Saint-Maurice umgab. Der vorgeschrittenen Stunde wegen waren vor allen Geschäften schon die dicken, mit Eisen beschlagenen Läden angebracht worden, aber durch die Ritzen konnte man den Widerschein der brennenden Kerzen und Öllampen sehen. Die von den schlanken Türmen ihrer Kathedrale beherrschte Stadt würde sich bald zur Ruhe begeben. Hinter den stummen Fassaden konnte man sich die Hausfrauen mit dem Geschirr oder den letzten Aufräumungsarbeiten beschäftigt vorstellen, während der Gatte den Reinverdienst des Tages zählte oder mit einem Nachbarn die neuesten Nachrichten aus der Provinz besprach. Die drei Spaziergänger hasteten eilig durch die schmalen Gassen. Die dicken dunklen Mäntel der Frauen, die ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen hatten, so daß sie zwei flüchtigen Schatten glichen, hoben sich kaum von den schwärzlichen Mauern ab. Was Tristan betraf, so hatte er die Klappen seiner großen Kappe über die Augen heruntergeschlagen, denn ein feiner Regen, einer jener Nieselregen, die gut in die Erde dringen und die Saat zum Wachsen bringen, hatte gleichzeitig mit dem Einfall der Dunkelheit eingesetzt. Das Wasser des Himmels machte die großen, runden Kieselsteine schlüpfrig, mit denen die Gasse gepflastert war, durch die Cathérine und ihre Gefährten gingen, eine Gasse, in deren Mitte eine Abflußrinne verlief, der ein scharfer Geruch nach Fisch entstieg, und das so aufdringlich, daß Cathérine ihr mit Lilienparfüm betupftes Taschentuch herauszog und an die Nase hielt. Sara schimpfte lediglich: »Ist es noch weit? Hier stinkt es wie die Pest!« »Wir sind in der Fischhändlergasse. Da könnt Ihr nicht erwarten, daß es nach Ambra und Jasmin duftet«, gab Tristan zurück. »Außerdem sind wir bald da. Die Gasse der Pergamentmacher, wo wir hinwollen, ist die nächste.« Statt einer Antwort begnügte sich Sara damit, sich bei Cathérine einzuhängen und ihre Schritte zu beschleunigen. Bald bogen sie in die Gasse der Pergamentmacher ein, in der es nicht mehr nach Fisch, doch sonderbar nach Tusche und Stärkemehlkleister duftete. Der schwache Wind ließ die Handwerkszeichen knarren, und die Beleuchtung war noch schlechter als in der Nachbargasse. In der ganzen Gasse war nur ein einziges Fenster erhellt, und dieses Fenster, schmal und dreiteilig, schien eine Feuersbrunst widerzuspiegeln. Vor dem Fenster – oder eigentlich vor der direkt darunterliegenden Tür – blieb Tristan l'Hermite stehen. Cathérines Augen hatten sich nun genügend an die Dunkelheit gewöhnt, so daß sie ein kleines, ziemlich seltsames Haus wahrzunehmen vermochte, dessen schiefer Giebel ihm das Aussehen einer leicht betrunkenen Alten mit Haube gab. Aber im Gegensatz zu seinen Nachbarhäusern, die aus Fachwerk und Verputz bestanden, war dieses Haus, wie Cathérine feststellte, aus soliden Steinen errichtet. Und wenn die Tür auch niedrig war, so war sie mit blumenverzierten Eisenbändern versehen, und ein großes Zunftschild in Form eines Pergaments hing darüber. Ein großer, feingearbeiteter Ring hing an der Tür, der zum Anklopfen diente. »Wo sind wir?« flüsterte Cathérine, von der Stille leicht beeindruckt. »Bei dem Mann, der uns am meisten nützlich sein kann, holde Dame. Beunruhigt Euch nicht.« »Ich jedenfalls beunruhige mich nicht, ich friere. Meine Füße sind vollkommen naß!« murrte Sara. »Ihr hättet festere Stiefel anziehen sollen! Ah, es kommt jemand!« Tatsächlich hörte man hinter der Tür leises Getrippel. Die Tür öffnete sich, drehte sich geräuschlos in ihren wohlgeölten Angeln, und eine kleine Alte in grauem Kleid, in Schürze und Häubchen aus weißem Leinen erschien und verneigte sich, so tief es ihr vom Rheumatismus geplagter Rücken erlaubte. »Meister Guillaume erwartet Euch, Messire, und Euch auch, edle Damen!« »Gut, gehen wir hinauf!« Am Ende eines schmalen Ganges, von dem eine einzige, halbgeöffnete Tür abging, die zweifellos in eine Küche führte, strebte eine steile, von einem brennenden Docht kläglich beleuchtete Treppe nach oben. Vom Kopf der Treppe klang eine sonore Stimme: »Kommt herauf, Messire. Es ist alles bereit!« Der Umfang dieser Stimme ließ Cathérine zusammenzucken. Sie erinnerte sie an die Gauthiers, aber der Mann, dem sie eignete, war das genaue Gegenstück des Normannen. Er war klein, verwachsen, bucklig, und über das runzlige Gesicht liefen unablässig nervöse Zuckungen. Er schien weder Haare noch einen Bart, nicht einmal Augenbrauen zu haben, und rote, leuchtende Flecken zeichneten Wangen, Kinn und Stirn. Eine bis zu den Augen heruntergezogene schwarze Mütze verbarg seinen Schädel und hob die rotgeränderten, müden Augen hervor. Cathérine unterdrückte eine Bewegung des Widerwillens angesichts dieses zwitterhaften, abstoßenden Wesens, das sie beharrlich betrachtete, sich dabei mechanisch die Hände rieb und unaufhörlich über die Lippen leckte. Die furchterregende Stimme dröhnte wieder: »Das ist also die Dame, die wir bräunen müssen! Zuerst werden wir ihr ein Bad bereiten, und dann werden wir uns mit dem Haar beschäftigen!« Cathérine trat einen Schritt zurück, und Sara runzelte die Stirn. »Ein Bad?« fragte die junge Frau mit matter Stimme. »Aber ich …« »Das ist unbedingt nötig«, sagte Meister Guillaume salbungsvoll. »Eure Haut muß ganz farbecht werden.« Tristan, der bis jetzt nichts gesagt hatte, begriff den Widerwillen Cathérines und war sich der schroffen Ablehnung Saras bewußt. Er griff vermittelnd ein. »Es ist ein Kräuterbad, Dame Cathérine, das Euch keinen Schaden zufügen kann. Sara wird Euch dabei assistieren. Aber ich glaube, ich muß Euch zuerst Meister Guillaume vorstellen. Von Beruf ist er Maler, und einer der besten Frankreichs. Vor allem ist er aber lange eines der hervorragendsten Mitglieder der Brüderschaft der Passion gewesen, die in Paris so schöne Mysterienspiele aufführte. Die Kunst des Schminkens und der Veränderung des Aussehens hat für ihn keine Geheimnisse. Und mehr als eine Edeldame aus Angers hat sich, als sie entdeckte, daß ihr Haar weiß wurde, diskret seiner Fertigkeiten bedient.« Der Biedermann rieb sich weiter die Hände und schnurrte wie eine Katze mit halb zugekniffenen Augen, als er die kleine Lobeshymne des Flamen hörte. Wieder etwas beruhigt, weil sie einen Augenblick gefürchtet hatte, in die Höhle eines Zauberers geraten zu sein, atmete Cathérine auf und wollte sich liebenswürdig zeigen. »Spielt Ihr keine Mysterien mehr?« fragte sie. »Der Krieg, edle Dame, und das große Elend, das in Paris herrscht, haben unsere Compagnie zerstreut. Außerdem kann ich in meinem Zustand nicht mehr auf einer Bühne auftreten.« »Hattet Ihr einen Unfall?« Guillaume stieß ein kleines, meckerndes Lachen aus, das in seltsamem Gegensatz zu seiner normalen Stimme stand: »Oje! Eines Tages, als ich die Ehre hatte, den Herrn Teufel zu spielen, und mich zwischen den Harzfackeln bewegte, die die Hölle darstellen sollten, fing mein Kostüm Feuer. Ich glaubte, sterben zu müssen, aber ich habe es überlebt … in dem Zustand, in dem Ihr mich hier seht! Es bleiben mir meine Malkunst und die Ratschläge, die ich geben kann, wenn man, selten genug in unseren Tagen, ein Schauspiel aufführt. Aber wenn Ihr mir folgen wollt … Das Bad ist bereit, wir dürfen es nicht kalt werden lassen.« Sara folgte Cathérine auf dem Fuß, während diese, von Guillaume geführt, den großen Raum durchschritt, in dem der Maler gewöhnlich arbeitete, übrigens ein sehr freundlicher Raum, voll von Pergamentrollen, kleinen Töpfen mit verschiedenen Farben und zahlreichen Pinseln aus Dachshaar oder Schweinsborsten. Auf einem Pult lag eine große Seite aus dem Evangelium, auf die Guillaume vollendet schön auf Goldgrund eine bewundernswerte Miniatur malte, die die Kreuzigung darstellte. Im Vorbeigehen blieb Cathérines Blick auf dem begonnenen Werk haften. »Ihr seid ein großer Künstler«, sagte sie mit instinktiver Achtung. Die müden Augen Guillaumes blitzten stolz auf, und er schnitt eine Grimasse, die als Lächeln gelten konnte. »Ein ehrliches Lob macht immer Vergnügen, edle Dame. Hier entlang, wenn ich bitten darf.« Das kleine Gemach, in das er Cathérine geleitete, nachdem er einen Vorhang aus geblümtem Stoff zurückgeschlagen hatte, ähnelte diesmal haargenau der Höhle eines Zauberers. Eine unendliche Zahl von Porzellangefäßen, Retorten, Schmelztiegeln und ausgestopften Tieren füllte ihn, alles um einen Ziegelofen und einen großen Waschbottich auf dem Boden gruppiert, der mit dampfendem dunklem Wasser gefüllt war. Cathérine betrachtete mit Widerwillen die dunkelbraune Flüssigkeit, in die man sie stecken wollte. Was Sara betraf, so hatte sie schon zu lange mit ihrer Meinung zurückgehalten! »Was ist da drin?« fragte sie in mißtrauischem Ton. »Einzig und allein Kräuter und Pflanzen«, erwiderte der Maler gelassen. »Ihr werdet mir gestatten, das Geheimnis ihrer Zusammenstellung für mich zu behalten. Ich bin nur bereit zu verraten, daß unter anderem auch Nußschalen darin sind. Diese schöne Dame muß vollständig in den Bottich tauchen, Gesicht und Hals inbegriffen. Eine Viertelstunde, mit so oftmaligem Untertauchen des Gesichtes, wie Ihr könnt, dürfte genügen.« »Und wie werde ich dann aussehen?« fragte Cathérine. »Ihr werdet einen ebenso braunen Teint haben wie diese stattliche Person Eurer Begleitung.« »Und … werde ich so bleiben?« fragte die junge Frau weiter, über den Gedanken beunruhigt, was wohl ihr kleiner Michel und seine Großmutter sagen würden, wenn sie sie zur Zigeunerin verwandelt wiederfänden. »Nein. Es wird zunehmend verblassen. Zwei Monate sind, denke ich, alles, womit Ihr rechnen müßt. Darauf müßt Ihr ein neues Bad nehmen, wofern Ihr Euch nicht lange der Sonne aussetzt. Beeilt Euch, das Bad wird kalt!« Er ging zögernd hinaus, als bedauerte er, nicht dabeibleiben zu können, von Sara begleitet, die sorgfältig den Vorhang wieder hinter sich schloß und mit ihrem breiten Rücken einen immer möglichen Spalt verdeckte. Währenddessen zog Cathérine sich schnell aus und stieg, ohne Atem zu holen, ins Wasser. Ein süßlicher, leicht pfeffriger Geruch stieg ihr sofort in die Nase. Das Wasser war nicht übertrieben warm, und einmal drinnen, verflog Cathérines Widerstreben. Den Atem anhaltend und die Augen schließend, tauchte sie mit dem Kopf einmal, zweimal, zehnmal unter. Als die neben dem Bottich aufgestellte Sanduhr um eine Viertelstunde gefallen war, stand Cathérine auf und ließ die dunklen Tropfen an ihrer Haut herunterrinnen, die einen warmen, goldenen Braunton angenommen hatte. »Wie bin ich jetzt?« fragte sie ängstlich Sara, die ein auf einem Schemel bereitgelegtes Tuch nahm, um sie abzutrocknen. »Der Hautfarbe nach könntest du meine Tochter sein, und mit deinem blonden Haar ergibt das einen seltsamen Effekt, obgleich es auch leicht gebräunt ist.« Die Stimme Guillaumes drang herein. »Seid Ihr fertig? Zieht Euch vor allem noch nicht an. Ihr würdet Gefahr laufen, Eure Kleider zu beschmutzen.« In ihr Badetuch gehüllt, trat Cathérine wieder zu den beiden Männern in den großen Raum hinaus. Guillaume hatte eine mit einem roten Kissen belegte Fußbank neben einen Dreifuß gestellt, auf dem eine mit einer dicken schwarzen Paste gefüllte Schale stand. Gehorsam setzte sich Cathérine und ließ den Maler ihren Haaransatz mit der Paste bestreichen, die einen starken und unangenehmen Geruch ausströmte. Tristan schnitt eine Grimasse und hielt sich die Nase zu. »Schrecklich! Kann ein Frau mit solchem Geruch denn verführerisch sein?« »In einer Stunde, wenn die Paste ihre Wirkung getan hat, waschen wir das Haar.« »Und was ist drin?« »Gallapfel, Eisenrost, Vitriol, durch den Wolf gedrehtes Hammelfleisch, mit Schweinefett gemischt.« »Vitriol« begehrte Sara auf. »Unglücklicher, Ihr werdet sie töten!« »Beruhigt Euch, Weib! In allem kommt es auf das Maßhalten an. Ein solches Gift ist in bestimmten Mengen tödlich, es heilt aber, wenn man es in winzigen Dosen verwendet.« Die langen, geschmeidigen Hände des Malers waren erstaunlich zart, leicht und anschmiegsam. Während er andächtig Cathérines Haar knetete, sprach er wie zu sich selbst: »Ein wahres Verbrechen, so schönes und helles Haar zu schwärzen, aber die Schönheit dieser holden Dame wird dadurch nicht vermindert. Ich glaube, sie wird nur noch gefährlicher werden.« »Und es wird mit der Zeit auch wieder verblassen?« wollte Cathérine wissen. »Oje, nein! Ihr müßt Euer Haar wachsen lassen, dann kann man die noch schwarz gebliebenen Locken abschneiden.« »Ich werde mich darum kümmern«, erklärte Sara. Cathérine unterdrückte einen Seufzer. Nicht, daß sie dieses neue Opfer etwa bedauerte, das man ihr abverlangte, aber der Gedanke, ihr Haar wieder schneiden lassen zu müssen, behagte ihr gar nicht. Eine Stunde lang hielt sie die Paste aus, die ihr leicht auf der Kopfhaut brannte und so drückend schwer wie die Erde schien. Um sie abzulenken, hatte Guillaume eine Viola von einem Tischchen genommen und sang nun mit halber Stimme, sich dabei begleitend: »Wenn der Baum von Blättern sich leert, wenn sie zur Erde gefallen sind und Armut den Krieg mir erklärt, mir keine Ruh' mehr gewährt im Winterwald …« Das Lied war traurig, die Musik süß, und der seltsame Mann trug es wie ein echter Künstler vor. Ergriffen und bezaubert, vergaß Cathérine darüber ihre merkwürdige Lage. Sara und Tristan taten es ihr nach, sie hörten zu. Und die junge Frau bedauerte fast, daß die Wartezeit zu Ende ging, mit so großem Vergnügen hatte sie Guillaume zugehört. Sie sagte es ihm auch. Der Maler verzog die Lippen zu seinem bizarren Lächeln. »Manchmal, wenn unsere Königin sehr niedergeschlagen ist, läßt sie mich rufen, daß ich für sie singe. Ich kenne so viele Balladen und Lieder … auch solche aus ihrem Lande Aragon! Und ich singe gern für sie, weil sie eine hochgestellte und edle Dame ist und ein großmütiges Herz hat.« Während er sprach, hatte er Cathérine flink von ihrer übelriechenden Paste befreit. Das Haar der jungen Frau, jetzt schön schwarz geworden, wurde gewaschen und mit unendlich vielen Tüchern kräftig getrocknet, worauf Guillaume einer Truhe ein in Seide gewickeltes Bündel entnahm. Es enthielt lange schwarze Haarsträhnen, die er zuerst ihrer Wirkung nach miteinander verglich. Sodann machte er sich zufrieden daran, sie mit Nadeln im Haar Cathérines zu befestigen, wobei er Sara genau zeigte, wie man es machen mußte. »Manche schöne Dame, deren Haar sich im Laufe der Jahre gelichtet hat, nimmt zu dieser kleinen Kriegslist Zuflucht und behilft sich mit meinen guten Diensten.« Mit peinlicher Sorgfalt zeichnete er Cathérines Augenbrauen mit einer Paste nach, die er einer kleinen Silberdose entnahm, und strich leicht über die Wimpern der jungen Frau. »Sie sind sehr dicht und schon dunkler«, sagte er, »aber man muß sie noch schwärzer machen. Wißt Ihr, daß Ihr so sehr schön ausseht?« Mit offenem Mund betrachteten Sara und Tristan das Ergebnis, ohne Worte zu finden. Von einem in einer Ecke stehenden Tisch holte Guillaume einen runden Spiegel, den er Cathérine wortlos reichte. Die junge Frau stieß einen erstaunten Ruf aus. Das war sie, und doch war es wieder jemand ganz anders. Die schwarzen Brauen und Wimpern machten ihre blauen Augen noch dunkler, schwarze Locken umrahmten ihre Stirn, ihre Lippen wirkten röter, und in ihrem dunkleren Gesicht blitzten ihre Zähne weiß. Sie war nicht schöner als vorher, aber sie war anders, von einer mehr perversen Schönheit, gefährlicher auch, was Tristan mit unverhohlener Befriedigung feststellte. »Es wird schwer sein, ihr zu widerstehen!« sagte er ruhig. »Ihr habt gut gearbeitet, Meister Guillaume. Nehmt dies … und schweigt.« Er zog eine dicke, runde Börse aus der Tasche, doch zu seiner großen Überraschung wies der Maler das Dargebotene mit sanfter Hand zurück. »Nein«, sagte er nur. »Wie? Ihr wollt für Eure Mühe keine Bezahlung annehmen?« »Doch … aber nicht so!« Er wandte sich zu Cathérine, die sich noch immer im Spiegel betrachtete. »Ich brauche kein Gold, aber wenn diese schöne Dame mir die Gunst gewährte, ihre Hand küssen zu dürfen, werde ich hundertfach bezahlt sein.« Spontan vergaß Cathérine den Widerwillen, den sie ursprünglich empfunden hatte, und streckte ihm beide Hände entgegen. »Dank, Meister Guillaume. Ihr habt mir einen Dienst erwiesen, den ich nicht vergessen werde.« »Ein kleiner Platz in Eurer Erinnerung wird aus mir den glücklichsten aller Männer machen. Und gedenkt meiner auch in Euren Gebeten … denn die habe ich sehr nötig!« Ehe er die junge Frau zum Ankleiden in die Kammer zurückkehren ließ, machte er ihr die kleine Silberdose mit der schwarzen Paste, eine andere, sehr ähnliche, die eine Art dicker Creme von schönem, leuchtendem Rot enthielt, und einen kleinen Flakon zum Geschenk. »Das Rot ist zum Auffrischen Eurer Lippen. Die Zigeunerinnen sehen aus, als hätten sie Feuer unter der Haut, und Eure Lippen sind von einem zu zarten Rosa. Was das Fläschchen betrifft, so enthält es ein stark nach Moschus duftendes Parfüm. Verwendet es in bescheidenden Mengen, denn man braucht davon sehr wenig, um das Blut eines Mannes zu entflammen!« Es war kurz vor Mitternacht, als Cathérine und ihre beiden Gefährten wieder vor dem Ausfalltor des Schlosses anlangten. Sie hatten keine Seele in den Gassen getroffen, nichts als eine große schwarze Katze, die sich bei ihrer Annäherung miauend auf und davon machte, was Sara bewog, sich hastig zu bekreuzigen. »Schlechtes Vorzeichen!« murmelte sie. Aber Cathérine hatte beschlossen, ihre Ohren jeder pessimistischen Äußerung zu verschließen. Seit sie das Haus des Malers Guillaume verlassen hatte, fühlte sie sich wie eine andere Frau. Mit diesem neuen Aussehen würde sie nicht mehr den Namen Montsalvy tragen, sondern irgendeinen Namen, den sie auf den dunklen Pfaden, die sie einzuschlagen beabsichtigte, weder kompromittieren noch beschmutzen könnte. Sie würde erst wieder Cathérine de Montsalvy werden, wenn ihre Rache vollendet wäre. Dann würde sie die letzten Spuren ihrer Maske mit Weingeist entfernen, wie Guillaume es sie gelehrt hatte, würde ihre schwarzen Haare abschneiden, die ihr jetzt ebenso falsch vorkamen wie die angesteckten, und würde sich in stolzer Trauer wieder in die Auvergne aufmachen, um dort ihrem Vielgeliebten so nahe wie möglich zu leben. Doch nachdem sie ihr Zimmer erreicht hatte, riß sie sich alle Kleider herunter und stellte sich vor einen großen, polierten Silberspiegel, in dem sie sich fast ganz sehen konnte. Ihre Haut war so dunkel wie die Saras, aber ein klein wenig goldener. Sie war glatt und schimmerte im Licht der Öllampe wie gebräunter Atlas. So getönt, wirkte ihr Körper noch schlanker und nerviger. Die langen schwarzen Locken wanden sich wie Schlangen und glitten ihr bis auf die Hüften herab. Ihre purpurnen Lippen strotzten wie eine wollüstige Blume, und ihre großen Augen funkelten, dunkle Sterne, eingebettet unter den stolzen Bogen ihrer Brauen. »Du siehst aus wie eine Teufelin!« murmelte Sara dumpf. »Das werde ich auch sein, eine Teufelin. Hauptsache, der Mann, den ich hasse, fällt!« »Hast du an die Männer gedacht, die du anlocken wirst und die alles wagen werden, jetzt, da dein Name und dein Rang dich nicht mehr schützen? Du wirst nichts als eine Zigeunerin sein, die man verletzen oder nach Belieben nehmen kann, wenn man sie nicht als gefährliches und verfluchtes Geschöpf für den Scheiterhaufen bestimmt.« »Ich weiß. Und ich werde mich mit den Waffen meiner Rolle wehren. Mir wird jedes Mittel recht sein, das zum Erfolg führt.« »Würdest du dich einem Mann hingeben, wenn es sein müßte?« fragte Sara ernst. »Sogar dem Henker selbst, wenn nötig, ich bin nicht mehr Cathérine de Montsalvy, ich bin eine Tochter deiner Rasse. Und ich werde heißen … ja, wahrhaftig, wie wirst du mich nennen?« Sara überlegte einen Augenblick, kniff die Augen zusammen und knabberte an dem goldenen Kreuz, das sie um den Hals trug. Nach einer kurzen Weile entschied sie: »Ich nenne dich Tchalaï … das bedeutet Stern in unserer Sprache. Aber solange wir noch nicht da sind, wirst du Cathérine bleiben wie zuvor! Nein, das muß ich entschieden sagen: Dieses Abenteuer gefällt mir nicht!« Cathérine fuhr herum und rief zornig: »Und ich? Glaubst du vielleicht, mir gefällt's? Aber ich weiß genau, wenn ich meine Aufgabe nicht zu einem guten Ende führen könnte, hätte ich keine Ruhe mehr, weder in dieser noch in der anderen Welt! Ich muß Arnaud rächen, das niedergebrannte Montsalvy, meinen beraubten Sohn rächen! Sonst – was wäre das Leben dann noch wert?« Am Morgen saß Cathérine gelassen auf einem Schemel, ließ sich von Sara die falschen schwarzen Haare wieder anknüpfen und zu langen Zöpfen flechten, als an die Tür geklopft wurde. Sara ging öffnen. Auf der Schwelle stand Tristan l'Hermite. Er näherte sich, trat in den schwachen Sonnenstrahl, der durch das hohe Fenster hereindrang, und plötzlich fiel den beiden Frauen seine tragische Blässe auf. Sie starrten ihn an. »Ihr seid ja leichenblaß!« stammelte Cathérine. »Was habt Ihr?« »Ich habe nichts. Aber der Maler Guillaume ist heute nacht in seinem Haus erwürgt worden. Seine Dienerin hat die Leiche, nachdem sie aufgestanden war, gefunden, und … er ist, bevor er starb, gefoltert worden!« Eine entsetzte Stille folgte diesen furchtbaren Worten. Cathérine spürte, wie ihr das Blut aus Gesicht und Gliedern wich, um zum Herzen zurückzufließen, fand aber noch die Kraft zu fragen: »Glaubt Ihr, daß es … wegen uns geschah?« Tristan hob die Schultern und ließ sich ohne viel Umstände auf eine Fußbank fallen. Der Kummer zeichnete sein sonst so undurchdringliches Gesicht derart, daß er um zehn Jahre gealtert schien. Wortlos holte Sara eine Flasche Malvasierwein, die auf einem Anrichtetisch stand, schenkte einen Becher damit voll und reichte ihn dem Flamen. »Trinkt das! Ihr habt es dringend nötig!« Er nahm den Becher dankend an und stürzte den Wein in einem Zug hinunter. Cathérine hatte die Hände fest um die Knie geschlungen, damit sie nicht zitterten, und kämpfte gegen das Entsetzen an, das sie ergriffen hatte. »Antwortet mir offen und ehrlich«, sagte sie mit einer Stimme, die dank ihrer Willenskraft ruhig klang. »Ist es der Arbeit wegen geschehen, die wir von ihm verlangt haben?« Tristan l'Hermite breitete die Arme in einer Geste völliger Ahnungslosigkeit aus. »Wer kann das wissen? Sicher hatte Guillaume Feinde, denn seine Tätigkeiten waren nicht immer ganz sauber. Manch ein schwangeres Mädchen ist durch die gewandten Hände, die Ihr gestern bewundert habt, von den Folgen ihres Leichtsinns befreit worden. Es kann sein, daß es sich nur um ein zufälliges Zusammentreffen handelt.« »Aber Ihr glaubt es nicht!« »Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich glauben soll, ich wollte Euch nur ins Bild setzen und warnen, um zu erfahren, wofür Ihr Euch entscheidet. Ihr könnt Eure Meinung ändern, und in diesem Fall würde ich den Rat von neuem einberufen.« Er erhob sich schon, aber Cathérine hielt ihn mit einer flinken Bewegung zurück. »Nein, bleibt! Ich hatte eben einen Augenblick Angst, das gebe ich zu. Ihr wart so bleich! Jetzt aber geht's schon wieder besser. Ich habe keine Lust, die Sache aufzuschieben. Dafür ist es zu spät. Der Plan ist gut, ich werde ihn bis zum Ziel verfolgen. Es steht Euch frei, ihn aufzugeben …« Das massige Gesicht des Flamen verzog sich zu einer scheußlichen Grimasse. »Haltet Ihr mich für einen Feigling, Dame Cathérine? Wenn ich etwas unternehme, dann halte ich durch, gehe bis zum Ende, ganz gleich, welcher Art die Konsequenzen sein mögen. Und ich halte nicht das geringste davon, auf Befehl Monseigneurs des Konnetabels in ein Burgverlies geworfen zu werden. Wenn Ihr einverstanden seid, brechen wir heute nacht auf. Ein Geleitbrief, den ich bereits habe, wird uns die Stadttore öffnen. Es wäre besser, wenn man uns bei unserem Aufbruch nicht sähe. Ebenfalls wäre anzuraten, daß Ihr heute Euer Zimmer nicht verlaßt. Ruht Euch aus, Ihr werdet es nötig haben. Die Königin wird heute abend nach der Vesper kommen, um Euch hier zu sehen …« »Einverstanden. Ich hatte ohnehin nicht die Absicht, anders zu handeln.« »In diesem Fall … kann ich Messire de Brézé sagen, Ihr seid kränklich und wolltet niemand sehen?« Der umgedrehte Daumen Tristans wies auf die Tür. Er fügte hinzu: »Er ist da, spaziert im Wandelgang auf und ab.« »Sagt, was Ihr wollt … zum Beispiel, daß ich ihn morgen empfangen werde.« Das dünne Lächeln des Flamen war wie ein Echo dessen, das sie ihm zuwarf, und wie durch ein Wunder entspannte sich die Atmosphäre. Nur Sara behielt ihre düstere Miene bei. »Wir werden in ein scheußliches Wespennest stechen, Cathérine«, sagte sie. »Ich hoffe, du bist dir darüber klar.« Aber die junge Frau zuckte ungeduldig die Schultern und nahm wieder den Spiegel, den sie hingelegt hatte. »Na und?« entgegnete sie schroff. Siebentes Kapitel »Das ist die Höhle, aus der wir das Raubtier aufstöbern müssen!« sagte Tristan l'Hermite, mit seiner Reitpeitsche auf das auf der anderen Seite des Flusses aufragende Schloß deutend. Am rechten Ufer der Loire hatten die drei Reiter angehalten, neben der alten römischen Brücke, und prüften nun den Ort ihrer künftigen Tätigkeit. In einen Knabenanzug aus braunem Tuch gekleidet, dessen an die Pelerine angeschnittene Kappe nur ihr gebräuntes Gesicht sehen ließ, maß Cathérine das felsige Außenwerk, das sich wie ein schlafender Löwe ans Flußufer schmiegte, und die Festung, die es krönte, mit den Augen: die abweisenden schwärzlichen Mauern, an die zehn massive Türme, die einen dicken Schloßturm umgaben, vorspringende Wehrgänge und Pecherker, denen man ansah, daß sie häufig gebraucht wurden. All dies stand in krassem Gegensatz zu der Anmut dieser Flußlandschaft, die der Frühling in zärtliches Grün hüllte. Einzig ein Wald von auf den Wällen flatternden, vom königlichen Emblem beherrschten Fahnen gab dem rohen Bauwerk einen freundlicheren Akzent. Sara schob die Kapuze ihrer Mönchskutte zurück und betrachtete das Schloß mit Mißtrauen. »Wenn wir da einmal hineingehen, kommen wir lebend nicht mehr heraus.« »Wir sind schon aus viel gefährlicheren Schlössern entwichen. Erinnere dich an Champtocé und Gilles de Rais!« »Danke, ich habe nicht vergessen, daß der Herr Blaubart mich lebendig rösten wollte«, antwortete die Zigeunerin schaudernd. »Während der ganzen Zeit in Angers dachte ich, daß wir verdammt nahe daran waren! Aber da wir nun an unserem Bestimmungsort angelangt sind, was machen wir jetzt?« Tristan wandte sich im Sattel um und wies mit seiner Peitsche auf eine kleine Herberge, die auf der anderen Seite der Straße, der Brücke zugekehrt, stand und deren grün-gelb-rotes Schild verkündete, daß man im ›Königlichen Kelterhaus‹ den besten Wein von Vouvray zu trinken bekomme. »Dort geht Ihr hinein und wartet auf mich. Ich muß den Anführer des Stammes sprechen. Macht's Euch bequem, ruht Euch aus, trinkt aber nicht zuviel! Der Wein von Vouvray schmeckt gut, aber er steigt zu Kopf.« »Haltet Ihr uns für Trunkenbolde?« begehrte Sara auf. »Mitnichten … Hochwürden! Aber Mönche haben einen so schlechten Ruf! Vor allem rührt Euch nicht von der Stelle, bis ich wieder zurück bin!« Während der falsche Mönch und der falsche Knappe ihre Pferde vor dem ›Königlichen Kelterhaus‹ anbanden, ritt Tristan entschlossen der Brücke zu und entschwand bald den Augen seiner Gefährten. Die kleine Herberge war leer, und der Wirt bemühte sich, seine unerwarteten Gäste bestens zu bedienen. Er hatte noch ein gepökeltes Schwein im Keller und konnte ihnen eine kräftige Kohlsuppe servieren, die, zusammen mit dem berühmten Wein, eine sehr angenehme Mahlzeit ergab. Es war Mittag, und die beiden Frauen, die sich mehr als drei Tage unterwegs befunden hatten, waren förmlich ausgehungert. Angenehm gestärkt, fühlten sie sich wohler, und selbst Sara sah die Dinge jetzt optimistischer an. Tristan kehrte zurück, als der Tag sich zum Abend neigte. Er schien müde und sorgenvoll, aber in seinen blauen Augen funkelte ein ermutigendes Licht. Er weigerte sich zu sprechen, bevor er einen Krug Wein hinuntergestürzt hatte, weil, wie er sagte, seine Kehle so trocken wie Werg sei und der kleinste Funken genüge, sie zu entzünden. Von Ungeduld verzehrt, sah Cathérine zu, wie er seinen Wein schlürfte, aber allzulange hielt sie es nicht aus. »Also?« fragte sie nervös. Tristan stellte seinen Krug zurück, wischte sich die Lippen am Ärmel ab und warf ihr einen spöttischen Blick zu. »Habt Ihr es so eilig, Euch dem Wolf zum Fraß vorzuwerfen?« »Sehr eilig!« antwortete die junge Frau trocken. »Und ich möchte eine Antwort.« »Also seid beruhigt, alles ist abgemacht. In gewisser Hinsicht habt Ihr Glück … aber nur in gewisser Hinsicht, denn das wenigste, was man sagen kann, ist, daß die Beziehungen zwischen dem Schloß und dem Zigeunerlager ziemlich gespannt sind.« »Zunächst einmal«, mischte Sara sich ein, »diese Zigeuner, was sind es für welche? Habt Ihr daran gedacht, das festzustellen?« »Ihr werdet zufrieden sein, und auch hier habt Ihr Glück. Es sind Kaldéras. Sie nennen sich Christen und behaupten, ein Breve Papst Martins V. zu besitzen, der vor genau zwei Jahren gestorben ist. Was ihren Anführer Fero nicht hindert, sich Herzog von Ägypten zu nennen.« Während er sprach, begann Saras Gesicht zu strahlen. Als er geendet hatte, klatschte sie voll Freude in die Hände. »Sie sind von meiner Rasse! Jetzt bin ich gewiß, von ihnen freundlich empfangen zu werden.« »Jawohl, Ihr werdet gut empfangen werden. Nur der Anführer kennt die Wahrheit, was Dame Cathérine betrifft. Für alle anderen gilt sie als Eure Nichte, Dame Sara, die ebenfalls im Kindesalter als Sklavin verkauft worden ist.« »Und«, fragte Cathérine, »was hält der Anführer von meinen Plänen?« Tristan l'Hermite runzelte die Stirn. »Er wird uns mit aller Macht unterstützen. Der Haß verzehrt ihn. La Trémoille hat ihm aus einer Laune heraus verboten, den Wallgraben des Schlosses zu verlassen, weil der Kämmerer die Tänze seiner Stammestöchter liebt. Andererseits ist einer seiner Männer gestern beim Einbrechen ertappt und heute morgen gehängt worden. Wenn er nicht fürchtete, die Seinen auf der Landstraße umkommen sehen zu müssen, würde Fero fliehen! Deswegen sagte ich, daß Ihr in gewissem Maße Glück habt, daß Ihr andererseits aber Euren Fuß in einen wahren Hexenkessel setzt.« »Was macht das? Ich muß hingehen!« »Es ist noch kalt, Ihr müßtet barfuß gehen, müßtet unter freiem Himmel oder in einem schlechten Fuhrwerk schlafen, sehr primitiv leben und …« Cathérine lachte ihm so schallend ins Gesicht, daß sie ihm das Wort abschnitt. »Seid nicht albern, Messire Tristan. Wenn Ihr mein Leben genauer kennen würdet, wüßtet ihr, daß ich solcherlei Dinge nicht fürchte. Genug der Ausflüchte. Machen wir uns fertig!« Nachdem der Wirt bezahlt war, brachen die drei Komplicen auf und ritten auf die Brücke zu. Seit zwei Tagen war das Wetter milder geworden, und die Nacht war zwar feucht, aber nicht kalt. Cathérine schob die Pelerinenkappe auf die Schultern zurück, ihre Zöpfe frei machend, die sie schüttelte, ihr Kampfgeist war wiedergekehrt. Die Stille wurde nur durch das leise, seidige Geräusch des Wassers in den hohen Gräsern und die Schritte der Pferde gestört. Ein guter Geruch nach feuchter Erde stieg in die Nase Cathérines, die zwei- oder dreimal tief den Atem einzog. Die Brücke führte zunächst zu einer langen, bewaldeten Insel, auf der ein schwaches Licht glänzte. Bei Tag hatte die junge Frau die kleine Kapelle Saint-Jean und die sich ihr anschließende Einsiedelei bemerken können. Das mußte die Kapelle des Eremiten sein. Nachdem sie die Insel überquert hatten, stießen sie auf eine weitere Brücke, die nun direkt zum Schloß führte, und diesmal konnte Cathérine auf dem Felsen den Widerschein der Feuer im Wallgraben sehen: Dis Zigeunerlager war noch in voller Tätigkeit. Auf den Türmen und Rundgängen huschte hin und wieder eine Fackel, die von einem Wachsoldaten auf seinem Streifengang getragen wurde, wie eine Sternschnuppe vorüber, und je mehr man sich näherte, desto deutlicher konnte man die Rufe der Wächter hören, die sich von Turm zu Turm antworteten. Von der kleinen Stadt Amboise, die im Schatten des Außenwerks in ihren Wällen eingeschlossen lag, konnte Cathérine nur die sich nach Süden erstreckenden Ausläufer erkennen. Der Himmel über ihnen war wolkenbedeckt, und seine Fahlheit kündigte den aufgehenden Mond an. Am Rande des Wallgrabens hielten die drei Reiter an, und Cathérine riß die Augen auf. Einen Augenblick glaubte sie, sich am Eingang zur Hölle zu befinden. Ein Feuer loderte inmitten des Lagers, und um dieses Feuer saß der ganze Stamm auf der Erde, seltsam unbeweglich, aber allen geschlossenen Lippen entrang sich eine Art Klagelied, monoton und düster, auf das ab und zu das dumpfe Geräusch der Eselhauttrommeln unter den hageren Fingern der Männer antwortete. Die rotgoldenen Flammen tanzten auf ihrer kupferroten Haut, die bei einigen Tätowierungen trug. Die Frauen, in der Mehrzahl in Lumpen gekleidet, hatten dichtes, fettglänzendes Haar, fleischige Lippen, schmale Hakennasen, schwarzgekohlte Augen, selbst die Alten, deren Haut ausgemergelter war als altes Pergament. Einige trugen unförmige Turbane, barbarischen Schmuck … einige waren schön, wie die rauhen, lose sitzenden Hemden, die sie trugen, freizügig zeigten. Die Männer waren schrecklich: zerlumpt, schmutzig, mit wolligem Kraushaar und langen Bärten, unter denen sehr weiße Zähne blitzten. Ihre Köpfe waren mit Lumpen oder verbeulten Helmen bedeckt, die sie zufällig am Wege aufgelesen oder herumliegenden Leichen abgenommen hatten. Alle trugen große Silberringe in den Ohren. Mit unbeweglichen Gesichtern, die Augen gefährlich funkelnd auf das lodernde Feuer gerichtet, die nie endende Totenklage murmelnd – all dies ließ Cathérine erschauern. Sie suchte Saras Blick, und als sie sprechen wollte, legte die Zigeunerin schnell den Finger auf den Mund. »Nicht sprechen«, flüsterte sie so leise, daß die junge Frau sie kaum hören konnte, »nicht jetzt! Rühr dich nicht!« »Warum?« fragte Tristan ebenso leise. »Es ist ein Trauerritus. Sie warten zweifellos auf die Leiche des Mannes, der heute morgen gehängt worden ist.« Tatsächlich bewegte sich vom Schloß herunter eine kleine Prozession dem Lager zu. Ein großer, magerer Mann ging mit einer Fackel an der Spitze, um seinen vier Gefährten voranzuleuchten, die auf den Schultern einen leblosen Körper trugen. Der Mann, auf den das Licht fiel, war in enganliegende scharlachfarbene Hosen und ein schmutziges, zerlumptes Wams gekleidet, das aber immer noch Spuren von Goldstickerei aufwies. Die gerissenen Schlingen des Wamses öffneten sich weit und ließen eine braune Brust bis zur Taille sehen, deren ausgeprägte Muskulatur ungewöhnliche Kraft verriet. Der Mann war jung und seine Miene arrogant. Was den langen und dünnen schwarzen Schnurrbart betraf, der seine starken roten Lippen rahmte, unterstrich er noch ihren grausamen Ausdruck, während die dunklen Augen sich schräg zu den Schläfen zogen, damit die asiatische Herkunft bekundend. Das dichte Haar, unter dem man die silbernen Ohrringe blitzen sehen konnte, fiel ihm bis auf die Schultern. »Das ist Fero, der Anführer!« flüsterte Tristan l'Hermite. Der Sprechgesang der Trauerversammlung verstummte, als die Träger die Leiche vor dem Feuer absetzten. Die Zigeuner hatten sich erhoben, und einige Frauen hockten sich auf Knien um den Toten herum. Eine von ihnen, so alt und so runzlig, daß ihre Haut auf ihre Knochen geklebt schien, begann mit entsetzlich verbrauchter Stimme eine Art Klagelied zu singen, dessen Melodie dauernd abbrach. Eine andere, junge und kräftige Frau nahm die Melodie wieder auf, wenn die Alte verstummte. »Mutter und Frau des Toten«, flüsterte Sara. »Sie besingen seine Tugenden …« Der Rest der Zeremonie war kurz. Der Anführer beugte sich hinunter und schob ein Geldstück zwischen die Zähne des Toten, dann nahmen die vier Männer ihre Last wieder auf und stiegen damit zum Flußufer hinunter. Im nächsten Augenblick tauchte der Leichnam in der Strömung des schwarzen Wassers unter. »Aus«, sagte Sara. »Auf dem Weg des Wassers kehrt der Mann ins Land seiner Väter heim.« »Jetzt können wir uns nähern«, sagte Tristan, »denn …« Aber er unterbrach sich. Sara hatte nämlich plötzlich mit voller Stimme zu singen begonnen, so daß Cathérine erschrocken auffuhr. Es war lange her, daß die junge Frau Sara hatte singen hören, jedenfalls in dieser Weise. Gewiß, sie hatte oft alte Balladen geträllert, um Klein Michel in den Schlaf zu wiegen, aber diesen fremden, aus uralten Zeiten stammenden Sprechgesang, rauh, wild und unverständlich, hatte Cathérine nur zweimal von ihr gehört: einmal in der Taverne Jacquot de la Mers in Dijon und dann am Feuer der Zigeuner, die Sara für eine kurze Weile begleitet hatte. Irgend etwas zog ihr die Kehle zusammen, während sie zuhörte. Saras Stimme, voll und kräftig, schien die Nacht zu durchdringen und in ihren Schwingungen den Widerhall des fernen Landes mit sich zu tragen, aus dem die fremde Frau stammte … Der ganze Stamm hatte sich zu ihr umgewandt und lauschte ihr fasziniert. Langsam, ohne ihren Gesang zu unterbrechen, setzte Sara sich in Bewegung, stieg die Böschung des Wallgrabens hinab. Cathérine und Tristan folgten ihr, letzterer hielt die Pferde am Zügel, und die Zigeuner öffneten vor ihnen ihre Reihen. Erst als Sara vor dem Anführer stand, schwieg sie. »Ich bin Sara, die Schwarze«, sagte sie einfach, »und mein Blut ist mit dir verwandt. Dies sind meine Nichte Tchalaï und der Mann, der uns durch viele Gefahren und Nöte zu dir geführt hat. Nimmst du uns auf?« Langsam hob Fero die große Hand und legte sie Sara auf die Schulter: »Sei willkommen, Schwester! Der Mann, der dich begleitet, hatte nicht gelogen. Du bist eine der Unsrigen, und dein Blut ist rein, denn du kennst die alten Ritualgesänge, die nur die Besten unter uns kennen. Und was sie betrifft –«, sein dunkler Blick musterte Cathérine, der es plötzlich schien, als hüllten Flammen sie ein, »– so wird ihre Schönheit das Juwel unseres Stammes sein. Kommt, die Frauen werden sich um euch kümmern!« Er verbeugte sich vor Sara wie vor einer Königin, führte dann Tristan ans Feuer, während ein tratschender Kreis von Weibern sich um die beiden Frauen schloß. Verdutzt ließ sich Cathérine zu den am Fuße eines der Türme aufgestellten Fuhrwerken geleiten. Eine Stunde später zwischen Sara und der alten Orka, der Mutter des Hingerichteten, ausgestreckt, versuchte sie, sich aufzuwärmen und gleichzeitig Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Tristan war zur Herberge des ›Königlichen Kelterhauses‹ zurückgeritten, wo er sich zur Verfügung seiner Gefährtinnen halten wollte, bereit zum Eingreifen und dennoch abseits des Zigeunerlagers, wo seine Anwesenheit nur unnötiges Aufsehen erregt hätte. Er hatte Cathérines und Saras Kleider mitgenommen, denn es war die erste Sorge der Frauen des Stammes gewesen, die beiden mit dem zu versorgen, was man in den Truhen hatte finden können. Und jetzt, lediglich in ein langes Leinenhemd gekleidet, das so rauh war, daß es ihre Haut reizte, dazu in eine Art bunten und ziemlich ausgefransten, aber einigermaßen anständigen Überhang, der oben wie eine römische Toga zusammengehalten wurde, kuschelte Cathérine sich an Sara, die nackten Beine unter sich gezogen, und versuchte, sich ein wenig zu wärmen. Sie hätte sonst etwas für ein Bündel Stroh gegeben, aber in diesem mit einer durchlöcherten Plane bedeckten Karren gab es so etwas nicht. Die Bodenplanken waren notdürftig mit ein paar Tuchfetzen ausgestopft, was ein wenig vor der Zugluft schützte und die Härte des Holzes milderte … Ein Seufzer entrang sich ihr, und Sara, die spürte, daß sie sich rührte, flüsterte: »Bist du ganz sicher, daß du nichts bedauerst?« Die leise Ironie, die in der Frage lag, entging Cathérine nicht. Sie biß die Zähne zusammen. »Ich bedauere nichts … ich friere nur!« »Du wirst nicht lange zu frieren brauchen. Erstens gewöhnt man sich an alles, und dann werden auch bald wärmere Tage kommen.« Die junge Frau antwortete nicht. Sie spürte, daß Sara, vielleicht weil sie sich alsbald dem schweren Leben der Ihren angepaßt hatte, kein Mitleid für sie empfand. Es lag in ihrer Stimme eine Art ruhiger Zufriedenheit: Zufriedenheit darüber, daß sie zu den tiefen Quellen ihres Ursprungs zurückgekehrt war. Und Cathérine schwor sich, sich der Rolle gewachsen zu zeigen, die zu spielen sie sich vorgenommen hatte, denn sie wollte vor Sara nicht das Gesicht verlieren. Sie begnügte sich also, sich noch fester in ihren Überhang zu wickeln und auch ihre eisigen Beine drunterzuziehen, und murmelte ein undeutliches »Gute Nacht«. An ihrer Seite schlief die alte Orka ohne Geräusch und ohne sich zu rühren wie eine Tote. Der Tagesanbruch brachte für Cathérine die Begegnung mit den Leuten des Stammes, und bei dieser Gelegenheit vermochte sie das ganze Elend abzuschätzen. Die Feuer der Nacht hatten eine Art Schminke über die Baufälligkeit der Karren, den Schmutz der Körper und Kleider gelegt. Das Tageslicht aber zeigte unbarmherzig die fast nackten Kinder, die übrigens nicht darunter zu leiden schienen, zeigte die mageren Tiere, Hunde, Katzen und Pferde, die auf der Suche nach Nahrung durchs Lager strichen, und zeigte auch das wahre Gesicht der Zigeuner. Einige flochten für ihren Lebensunterhalt Körbe aus den Binsen des Flusses, aber die meisten waren Kupferschmiede. Ihre Schmiede war indessen höchst primitiv: drei Steine als Feuerherd, ein Blasebalg aus Ziegenhaut, mit den Zehen betrieben, und ein weiterer Stein als Amboß. Was ihre Gefährtinnen betraf, so lasen sie aus der Hand, kochten und stellten überall ihren lässigen Gang zur Schau, wiegten sich auf provozierende Weise in den Hüften. Auch ihre Art, sich zu kleiden, erstaunte Cathérine: Nicht selten konnte man eine Frau mit entblößten Brüsten bei ihrer jeweiligen Tätigkeit antreffen, doch verbargen sie ihre Schenkel und Beine bis zu den Knöcheln. »Bei uns hängt die Scham mit den Schenkeln zusammen«, erklärte Sara mit Würde. »Die Brust hat keine andere Bedeutung als eben ihre Funktion, das Nähren der Kinder!« Wie dem auch sei, dachte Cathérine, die Männer mit ihren wilden Augen und blitzenden Zähnen sahen wie Teufel aus, die Frauen, wenn sie jung waren, wie freche Teufelinnen, und wenn sie alt waren, wie unheimliche Hexen. Und insgeheim gestand die junge Frau sich ein, daß diese Leute ihr Furcht einflößten. Mehr als alle vielleicht der große Fero. Das grobgeschnittene Gesicht des Anführers schien noch grausamer zu wirken, wenn er sie ansah. Sein dunkler Blick funkelte wie der einer Katze, während er sich nervös über die Lippen leckte. Aber er sprach sie nie an, ging langsam seines Weges und drehte sich manchmal um, um sie noch einmal zu betrachten. Völlig entwurzelt, schloß Cathérine sich verzweifelt an Sara an, die sich unter ihren Rassegenossen mit souveräner Ungezwungenheit bewegte. Alle bezeigten ihr Ehrerbietung, von der Cathérine profitierte, übrigens sehr wohl begreifend, daß man sie ohne Sara zweifellos mißachtet hätte, sie, die Zufallszigeunerin, die nicht einmal das gemeinsame Idiom sprach. Um neugierigen Fragen zu entgehen, gab Sara sie aus Vorsicht als geistig beschränkt aus … Zwar war das ganz bequem, aber Cathérine konnte sich trotzdem nicht daran gewöhnen, daß die Zigeuner mitten in der Unterhaltung schwiegen, wenn sie sich näherte, und ihr nachstarrten, wenn sie sich entfernte. Sie war von Blicken umgeben, in denen sie gewisse Dinge sehr gut lesen konnte: neidischen Spott bei den Frauen, heimtückische Lüsternheit bei der Mehrzahl der Männer. »Diese Leute mögen mich nicht«, sagte sie zu Sara nach den ersten drei Tagen. »Ohne dich hätten sie mich niemals aufgenommen!« »Sie spüren in dir etwas Fremdes«, erwiderte die Zigeunerin. »Sie wundern sich darüber, und es mißfällt ihnen. Sie glauben, bei dir sei etwas übernatürliches im Spiel, wissen aber nicht, wie oder was. Einige meinen, du seist eine Keshalyi, eine gute Fee, die ihnen Glück bringen wird (Fero versucht, sie davon zu überzeugen), andere wieder sagen, du hättest den bösen Blick. Meistens sind es Frauen, hauptsächlich, weil sie in den Augen ihrer Männer lesen können und du ihnen Furcht einflößt.« »Was soll man also tun?« Sara hob die Schultern und wies mit einer Kopfbewegung auf das Schloß, das wuchtig und schwarz über ihnen emporragte. »Warten! Vielleicht kommt bald der Augenblick, in dem der Seigneur La Trémoille nach weiteren Tänzerinnen verlangt. Zwei Stammestöchter sind schon seit acht Tagen oben, und es ist ungewöhnlich, sagt Fero, daß man sie so lange behält. Er glaubt, man habe sie getötet!« »Und … das nimmt er einfach so hin?« rief Cathérine mit plötzlich trockenem Munde aus. »Was soll er machen? Er hat Angst wie alle hier. Er kann nur gehorchen und seine Frauen liefern, selbst mit der größten Wut im Herzen. Er weiß sehr gut, daß der Kämmerer, wenn es ihm gefiele, eine Kompanie Bogenschützen auf den Zinnen aufmarschieren und auf das Lager schießen lassen könnte, und niemand würde ihn daran hindern, am allerwenigsten die Leute von der Stadt, die die Umherziehenden wie den Teufel fürchten!« Ein bitterer Unterton schwang in Saras Stimme. Cathérine verstand, daß sie die Wut Feros teilte, weil die dem Vergnügen La Trémoilles geopferten Frauen ihrer Rasse angehörten. Sie verspürte plötzlich das Verlangen, sie zu trösten. »Es wird nun nicht mehr lange dauern! Bitten wir den Himmel, daß er mich bald da hinaufsteigen läßt!« »Den Himmel bitten, daß er dich in Gefahr bringt?« sagte Sara traurig. »Du mußt verrückt sein!« Doch Cathérine dachte nur an den Augenblick, in dem die Laune des Großkämmerers sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstellen würde. Jeden Abend, am Feuer, nach dem gemeinsam eingenommenen Mahl, beobachtete sie sorgfältig die Mädchen, die Fero tanzen ließ, um sie nachahmen zu können, wenn die Zeit gekommen wäre. Der Anführer sprach sie niemals an, aber sie wußte, daß er für sie jeden Abend diese Tänze aufführen ließ, und oft traf sie auf seinen düsteren, rätselhaften und schwülen Blick. Immerhin hatte Cathérine sich unter den Frauen zwei Freundinnen gewonnen: Die eine war die alte Orka, die nie den Mund auftat, sie aber stundenlang kopfschüttelnd anstarren konnte. Es hieß, sie habe durch den Tod ihres Sohns den Verstand verloren, aber Cathérine fand Trost darin, diesem alten, freundschaftlichen Gesicht zu begegnen. Die andere, die sich nicht feindlich zeigte, war Feros eigene Schwester. Tereina mußte etwa zwanzig Jahre alt sein. Unglücklicherweise war sie infolge eines Sturzes als Kind verkrüppelt und verunstaltet geblieben und schien jetzt nicht viel älter als zwölf. Man vergaß die Unansehnlichkeit ihres Gesichts, wenn man ihre Augen sah, zwei riesige schwarze, leuchtende Seen, die immer den Eindruck erweckten, als sähen sie weiter und tiefer als die anderen. Tereina war gleich am nächsten Tag nach Cathérines Ankunft zu ihr gekommen. Ohne ein Wort zu sagen, hatte sie ihr mit schüchternem Lächeln eine Ente hingehalten, der sie kunstgerecht den Hals umgedreht hatte. Cathérine hatte die Geste als Willkommensgruß verstanden und dem jungen Mädchen gedankt, aber sie hatte nicht umhin gekonnt hinzuzufügen: »Wo hast du sie her?« »Von da unten«, antwortete das junge Mädchen, »nahe dem Klosterteich!« »Es ist sehr hochherzig von dir, sie mir zu bringen, aber du weißt, daß du dich eigentlich an fremdem Gut vergreifst?« Da hatte Tereina ihre großen Augen erstaunt aufgerissen. »Fremdes Gut? Das gibt's nicht. Der Schöpfer hat die Tiere geschaffen, um die Menschen zu ernähren. Warum behalten dann einige sie ganz für sich allein?« Auf diese Logik hatte Cathérine keine Antwort gefunden. Sie hatte die Ente, die sie zuvor gebraten hatte, mit Tereina geteilt. Seitdem hatte das junge Mädchen sich ihr angeschlossen und half ihr, sich an ihr neues Leben zu gewöhnen, im Stamm genoß die Schwester des Anführers außerdem einen besonderen Rang. Sie kannte die Heilkräuter und galt dank dieser Kenntnis als Arzneifrau, die Krankheiten heilen, das Sterben mildern oder Liebe entfachen konnte. Das trug ihr die etwas ängstliche Achtung aller ein. Am vierten Tag, als die Abenddämmerung einbrach, ließ Fero die beiden Frauen nicht wie an den anderen Abenden an sein Feuer rufen, um am Mahl teilzunehmen. Sie blieben um den Kochtopf der alten Orka versammelt und aßen schweigend das Gericht aus Buchweizen und Speck, stark mit Knoblauch gewürzt, das sie bereitet hatte. Das Lager war still und trübsinnig, denn man hatte immer noch keine Nachricht von den beiden ins Schloß hinaufgegangenen Mädchen. Andererseits hatten sich etwa zehn Männer aufgemacht, um in der Loire zu angeln, immer auf der Hut, den königlichen Förstern nicht in die hart zupackenden Hände zu fallen. Sie würden erst nach zwei oder drei Tagen zurückkehren. In seinem Karren verschanzt, blieb Fero unsichtbar, und es gab an diesem Abend weder Gesänge noch Tänze. Der Himmel war den ganzen Tag über mit dicken schwarzen Wolken verhangen gewesen. Eine für die Jahreszeit ungewöhnliche Wärme hatte eingesetzt. Es sah nach Gewitter aus, und die bedrückte Cathérine fand es schwierig, die feuchte, schwere Luft zu atmen. Sie hatte die zu fette Suppe, deren starker Geruch ihr Übelkeit verursachte, kaum angerührt und wollte wieder in den Karren zurück, um sich schlafen zu legen, als Tereina am Feuer erschienen war. Ein Stück dunkelrotes Tuch umhüllte ihren mißgestalteten Körper, und ihr blasses Gesicht, das sich aus dem Dunkel abhob, ähnelte dem eines Gespenstes. Sara wies schon mit der Hand auf einen Platz neben sich, aber das junge Mädchen hatte nur Cathérine angesehen. »Mein Bruder möchte dich sprechen, Tchalaï! Ich werde dich zu ihm führen!« »Was will er von ihr?« fragte Sara schnell. »Wer bin ich, ihn danach zu fragen? Der Anführer befiehlt, man muß ihm gehorchen!« »Ich komme mit!« »Fero hat gesagt, Tchalaï allein. Er hat nicht gesagt, Tchalaï und Sara! Komm, meine Schwester. Er wartet nicht gern.« Das junge Mädchen trat einen Schritt zurück und tauchte wieder in den Schatten. Worauf Cathérine wortlos dem kleinen roten Gespenst folgte. Eine hinter der anderen, durchquerten sie gut die Hälfte des stillen Lagers. Die Feuer verloschen schon langsam, und die Zigeuner zogen sich zur Ruhe zurück. Die Nacht war dunkel, und man konnte nicht viel sehen. Plötzlich, als der im Innern von einer Öllampe erleuchtete Karren mit Scheibenrädern, der dem Anführer als Unterkunft diente, nur noch ein paar Schritte entfernt war, blieb Tereina stehen und drehte sich zu Cathérine um, die im Schatten die großen Augen der Zigeunerin blitzen sah. »Tchalaï, meine Schwester, du weißt, daß ich dich liebe«, sagte sie ernst. »Ich glaube es wenigstens! Du bist immer gut zu mir gewesen.« »Weil ich dich liebe. Aber heute abend möchte ich's dir beweisen. Da … nimm das und trinke!« Sie hatte aus ihrem Kleid ein Fläschchen gezogen und gab es, das noch ganz warm von ihrer eigenen Körperwärme war, Cathérine in die Hand. »Was ist's?« fragte die junge Frau, plötzlich mißtrauisch. »Etwas, was du dringend brauchst. Ich habe in dir gelesen, Tchalaï. Dein Herz ist kalt wie das Herz einer Toten, und ich will, daß dein Herz wieder aufwacht. Mit dem, was ich dir hier gebe, wird dein Herz wieder leben. Trinke ohne Zögern … es sei denn, du mißtraust mir …«, fügte sie mit so viel Trauer in der Stimme hinzu, daß Cathérine ihr Mißtrauen schwinden fühlte. »Ich mißtraue dir nicht, Tereina, aber warum heute abend?« »Weil du es heute abend brauchen wirst. Trinke ohne Furcht. Es sind wohltuende Kräuter. Du wirst weder Müdigkeit noch Mutlosigkeit empfinden. Ich habe diese Mischung für dich zusammengestellt … weil ich dich liebe.« Etwas Starkes trieb Cathérine, das Fläschchen an die Lippen zu setzen. Es entströmte ihm ein Duft nach Kräutern, kräftig, aber angenehm. Sie empfand keine Furcht mehr. Man bietet kein Gift mit so zärtlicher Stimme an … In einem Zug trank sie den Inhalt aus, dann mußte sie husten. Es war wie eine parfümierte Flamme, was sie da geschluckt hatte, und sofort fühlte sie sich stärker und mutiger. Sie lächelte in das zärtliche Gesicht des jungen Mädchens. »So! Bist du nun zufrieden?« Liebevoll drückte Tereina ihr die Hand und lächelte auch: »Ja … geh jetzt! Er erwartet dich!« Tatsächlich hob sich unter der hochgeschlagenen Plane des Karrens die Silhouette Feros schwarz gegen den hellen Hintergrund ab. Tereina verschwand wie durch Zauberei, während Cathérine, von neuem Mut erfüllt, auf den Wohnkarren des Anführers zuging. Er nahm wortlos ihre Hand, half ihr, in das Fahrzeug zu steigen, und ließ die Plane wieder herunter. Im selben Augenblick erhellte ein fahler Blitz den Himmel, während am Horizont der Donner grollte. Cathérine zuckte überrascht zusammen. Die weißen Zähne Feros blitzten zwischen seinen roten Lippen. »Hast du Angst vor Gewittern?« »Nein. Ich war nur überrascht. Warum sollte ich Angst haben?« Ein neuer Donnerschlag, stärker als der erste, schnitt ihr das Wort ab. Und sogleich fing es an zu regnen, heftig, in schweren Tropfen, die auf die schäbige Plane des Wagens trommelten. Fero streckte sich auf den zusammengefalteten Decken aus, die ihm als Bett dienten. Er hatte sein Wams ausgezogen und trug nur seine scharlachroten Beinkleider. Der trübe Schein der an einer Eisenstrebe des Wagens hängenden Ölfunzel ließ seine braune Haut und seine langen schwarzen, nach hinten zurückgeworfenen Haare aufglänzen. Sein Blick lag unverwandt auf Cathérine, die am Eingang stehengeblieben war. Er hatte ein neues Lächeln an sich, träge, ein wenig spöttisch. »Ich glaube wirklich, du fürchtest dich nicht vor vielem, da du ja hier bist … Weißt du, warum ich dich kommen ließ?« »Ich denke, du wirst mich unterrichten.« »Das stimmt. Ich wollte dir sagen, daß fünf meiner Männer dich schon zur Frau begehrt haben! Sie sind bereit, sich für dich zu schlagen. Du wirst dann den auswählen müssen, mit dem du das Brot brichst, das Salz nimmst und den Krug der Neuvermählten teilst.« Cathérine zuckte zusammen und gab sofort das ›Du‹ ihrer Rolle auf. »Mir scheint, Ihr verliert den Kopf. Vergeßt Ihr, wer ich bin und weshalb ich hier bin? Ich will ins Schloß hinauf, und damit Punktum!« Eine grausame Flamme blitzte in den Augen des Zigeunerführers auf, und er hob die Schultern. »Ich vergesse nichts. Du bist eine große Dame, ich weiß! Aber du hast unter uns leben wollen, und ob du willst oder nicht, wirst du dich unseren Bräuchen unterwerfen müssen. Wenn mehrere Männer eine freie Frau begehren, muß sie unter ihnen wählen, wenn sie nicht den Kampf vorzieht, den sie sich liefern werden und der über ihren Besitz entscheidet. Alle meine Männer sind tapfer, und du bist schön: Der Kampf wird heiß sein.« Zornesröte stieg in Cathérines Gesicht. Dieser unverschämte Bursche, halbnackt vor ihr ausgestreckt, verfügte mit empörendem Zynismus über ihre Person. »Ihr könnt mich nicht zu dieser Wahl nötigen! Messire l'Hermite …« »Dein Gefährte? Er wird nicht wagen, sich in die Bräuche meines Volkes einzumischen. Wenn du hierbleiben willst, mußt du wie eine echte Zigeunerin leben oder es zumindest vorgeben. Keiner der Meinen würde es verstehen, wenn eine meiner Untertaninnen gegen das Gesetz verstieße.« »Aber ich will nicht!« stöhnte Cathérine mit erstickter Stimme, während sich ein Schluchzen ihrer Kehle entrang. »Könnt Ihr mir's nicht ersparen? Ich werde Euch Gold geben … soviel Ihr wollt! Ich kann keinem dieser Männer angehören, ich will nicht, daß sie sich meinetwegen schlagen, ich will nicht!« Unbewußt hatte sie ihre Hände in einer bittenden Geste gefaltet, und ihre großen, tränenerfüllten Augen flehten ihn an. Etwas milderte sich in der harten Miene des Anführers. »Komm her!« sagte er sanft. Sie rührte sich nicht, starrte ihn weiter verständnislos an. Er wiederholte fester: »Komm her!« Und als sie wie erstarrt stehenblieb, richtete er sich halb auf, packte Cathérine am Arm und zwang sie vor sich auf die Knie. Sie stieß einen Schmerzensschrei aus, aber er lachte: »Für jemand, der sich nie fürchtet, benimmst du dich höchst seltsam! Aber ich will dir nichts antun. Hör mir nur zu, schöne Dame, edle Dame … ich bin auch edel! Ich bin Herzog von Ägypten und trage in mir das Blut des Herrn der Welt, des Eroberers, der selbst die Könige unterworfen hat.« Seine Hand fuhr langsam den nackten Arm Cathérines hinauf, suchte die Rundung ihrer Schulter. Die junge Frau sah ihn jetzt ganz nahe und war über die Zartheit dieser braunen Haut, über das Blitzen dieser funkelnden Augen, die sie faszinierten, erstaunt. Die Hand auf ihrer Haut war warm und schien schlagartig ihr Blut zu erregen … Ein Nebel verschleierte Cathérines Augen, während Hitzewellen durch ihren Körper strömten. Plötzlich wünschte sie, daß die Hand, die ihre Schulter liebkoste, sich weiterwagte … Vor diesem Liebesverlangen, das herrisch und primitiv in ihr aufstieg, zuckte sie zusammen und versuchte, der Hand zu entschlüpfen, die sie festhielt, doch vergeblich. »Was wollt Ihr?« murmelte sie mit kurzem Atem. Von neuem glitt die Hand über ihren Arm, preßte ihn, um sie näher heranzuziehen. Der heiße Atem des Anführers strich über Cathérines Lippen. »Es gibt für dich ein Mittel, meinen Männern zu entgehen, ein einziges! Man begehrt nicht das Eigentum des Anführers …« Sie versuchte, verächtlich zu lachen, stellte aber zornig fest, daß ihr Lachen falsch klang. »Darauf wollt Ihr also hinaus?« »Warum nicht? Aber die Forderung meiner Männer bleibt bestehen. Ich darf hinzufügen, daß ich mich, wenn du auf dem Kampf bestehst, ebenfalls schlagen werde, um dich zu besitzen.« Der Griff des Zigeuners hielt sie weiter am Boden, drückte sie fast an seine Brust. Er beugte sich noch vor, und sein Mund berührte leicht ihr gespanntes Gesicht. »Sieh mich genau an, schöne Dame! Sag mir, was mich von diesen großen Herren unterscheidet, denen du vorbehalten bist? Der Großkämmerer, dem du dich vielleicht anbieten willst, ist dick und abstoßend. Er ist schon alt, und die Liebe ist für ihn ein schweres Spiel. Ich dagegen bin jung, mein Körper ist kräftig. Ich kann dich nächte- und nächtelang, ohne müde zu werden, lieben. Warum also würdest du mich nicht wählen?« Seine rauhe Stimme hatte eine verzaubernde Gewalt, und in dem bebenden Körper Cathérines kochte das entflammte Blut. Mit Schrecken entdeckte sie, daß sie gar keine Lust zum Widerstand hatte, daß sie noch mehr hören wollte, daß sie nach Liebe dürstete … Der so nahe Impuls, sich diesem Mann an den Hals zu werfen, war so heftig und gleichzeitig so animalisch, daß Cathérine das Grauen in ihrem Blut fühlte. Und blitzartig begriff sie, was Tereina ihr zu trinken gegeben hatte. Ein Aphrodisiakum, einen Liebestrank! irgendeine höllische Mixtur, die sie dem Anführer der Zigeuner fügsam und willfährig ausliefern sollte! Ein Aufwallen ihres Stolzes kam ihr zu Hilfe. Wild riß sie sich aus den Armen, die sie noch hielten, schleppte sich auf den Knien über den Boden des Karrens, klammerte sich an die Stützen und stand auf. Im Rücken fühlte sie die Unebenheit des Holzes, die Feuchtigkeit der nassen Plane. Sie zitterte an allen Gliedern und mußte die Zähne zusammenbeißen, damit sie nicht klapperten. Vom Grunde ihres verzweifelten Herzens stieg ein Gebet zum Himmel empor, der mehr als je unerreichbar war, während ihre Hand mechanisch in den Gürtel fuhr, nach dem Dolch, nach Arnauds Dolch, den sie gewohnheitsmäßig immer bei sich trug. Aber Tchalaï, die Zigeunerin, hatte keinen Dolch, und die Hand griff nur in den rauhen Stoff des Kleides. Immer noch im Schatten kauernd wie eine große Katze, beobachtete Fero sie mit rot unterlaufenen Augen. »Antworte!« knurrte er. »Warum würdest du mich nicht wählen?« »Weil ich Euch nicht liebe! Weil Ihr mir Entsetzen einflößt …« »Lügnerin! Du begehrst mich genauso wie ich dich! Du siehst nicht deine schon trüben Augen, hörst nicht dein ersticktes Keuchen …« Cathérine stieß einen Zornesschrei aus. »Das ist nicht wahr! Tereina hat mir irgendeine teuflische Mixtur zu trinken gegeben, und das wißt Ihr und rechnet damit! Aber Ihr werdet mich nicht bekommen, weil ich's nicht will!« »Meinst du?« Eine geschmeidige Bewegung, und er stand vor ihr, sie zwischen seiner Brust und den Holzstreben einklemmend. Sie versuchte, zur Seite zu gleiten, aber sie konnte kaum atmen … und sie empfand noch immer das Brennen in ihrem Körper, primitiv und erniedrigend, aber bei der Berührung mit diesem Mann wurde es gebieterisch … Cathérine preßte die Zähne zusammen, stemmte beide Hände gegen Feros Brust, versuchte vergeblich, ihn zurückzustoßen. »Laßt mich!« keuchte sie. »Ich befehle Euch, mich loszulassen!« Er lachte leise, fast Mund an Mund mit ihr, obgleich Cathérine sich bemühte, ihren Kopf abzuwenden. »Dein Herz schlägt wie eine Trommel. Aber wenn du ›befiehlst‹, daß ich dich lasse, kann ich gehorchen … Ich kann auch diese Männer rufen, die sich deinetwegen schlagen wollen, und da ich keine Lust habe, einen von ihnen deiner schönen Augen wegen zu verlieren, werde ich dich in diesem Karren festbinden und dich ihnen ausliefern. Nachdem jeder dich besessen hat, werden sie zumindest wissen, ob sie immer noch Lust haben, sich zu schlagen. Ich werde als letzter kommen … ›Befiehlst‹ du mir noch immer, dich zu lassen?« Eine rote Wolke erhob sich vor Cathérines Augen, aus einem jähen Wutanfall geboren. Dieser Mann wagte, von ihr wie von einer unwichtigen Sache zu sprechen, die man mißachtete, nachdem man sie genommen hatte? In ihrer Eigenliebe verletzt und durch die Drohung in Feros Augen erschreckt, fühlte sich Cathérine dem Ruf ihres aufgewühlten Fleisches gegenüber nachgiebiger. Gleichzeitig empfand sie ein unbändiges Verlangen, diesen unverschämten Wilden zu unterwerfen, ihn in die Sklaverei der Leidenschaft zu zwingen, in der sie schon so viele andere Männer gesehen hatte. Und da dies das einzige Mittel war, Schlimmerem zu entgehen … Plötzlich gab sie es auf, sich ihm zu entziehen, überrascht, die Lippen unter seinem Mund nicht mehr verschlossen zu finden, bemächtigte er sich ihrer gierig. Seine Lippen auf den ihren waren süß und dufteten nach Thymian. Schon triumphierend, fühlte Cathérine, daß sie leicht zitterten, hatte aber keine Zeit, sich daran zu ergötzen. Das verfluchte Aphrodisiakum hatte inzwischen alle Mächte der Hölle in ihr entfesselt. Sie konnte nicht mehr gegen sich ankämpfen. Ihr verrücktes Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Die Heftigkeit ihres Bluts erstickte sie, und unter den Händen des Zigeuners bebten schon ihre Hüften … Es war auch nicht mehr möglich, die Liebesraserei Feros aufzuhalten, der sie, taub und blind für alles, was nicht dieser Frauenleib war, an sich preßte. Cathérine schloß die Augen und überließ sich dem Sturm. Doch mit beiden Händen die schweißnassen Schultern des Zigeuners packend, murmelte sie: »Liebe mich, Fero, liebe mich mit aller Kraft … aber wisse, daß ich dir nur verzeihen werde, wenn es dir gelingt, mich selbst meinen Namen vergessen zu lassen!« Als Antwort ließ er sich zu Boden fallen und zog sie mit sich. Beide rollten, ineinander verschlungen, auf die schmutzigen Planken. Die ganze Nacht wütete der Sturm, rüttelte an den Karren, entwurzelte Bäume, riß die Schiefer der Dächer herunter, zwang die Bogenschützen der Wache auf den Zinnen des Schlosses, sich hinter die riesigen Pfeiler zu ducken. Aber in dem Karren auf dem Grunde des Wallgrabens hörten weder Cathérine noch Fero etwas. Dem unaufhörlichen, immer wiederkehrenden Verlangen des Mannes antwortete der seltsame Wahnsinn, der aus der jungen Frau eine schamlose Bacchantin gemacht hatte, die unter der Heftigkeit der Lust leidenschaftlich aufschrie. Als das erste Licht des Tages zaghaft auf den Fluß fiel und sein fahler, nebliger Schein über die verwüsteten Uferböschungen glitt, drang die feuchte Frische des Tagesanbruchs durch die durchnäßte Plane und legte sich auf die in Schweiß gebadeten Körper der beiden Liebenden. Cathérine erwachte fröstelnd aus tiefem Schlaf, in den sie kurz zuvor mit Fero gesunken war. Sie fühlte sich todmüde, ihr Kopf war leer, und ein bitterer, übler Geschmack war in ihrem Mund, als hätte sie zuviel getrunken. Nicht ohne Mühe schob sie den reglosen Körper ihres Geliebten von sich, ohne ihn zu wecken, und raffte sich auf. Alles begann sich um sie zu drehen, und sie mußte sich an die Streben klammern, um nicht zu fallen. Ihre Beine zitterten, Übelkeit stieg in ihr auf. Kalter Schweiß perlte an ihren Schläfen, und einen Augenblick schloß sie die Augen. Die Übelkeit ging vorüber, und statt ihrer kehrte der Drang nach Schlaf wieder, unüberwindlich … Tastend suchte sie ihr Hemd, streifte es sich mühsam über, hob ihren Umhang auf und verließ den Karren. Draußen hatte es aufgehört zu regnen, aber lange gelbliche Nebelfetzen zogen über den Fluß. Die Erde war völlig aufgeweicht, Äste der vom Gewitter mitgenommenen Bäume hingen gebrochen herunter. Die nackten Füße Cathérines stapften im dicken, weichen Schlamm. Sie machte drei Schritte und bemerkte trotz ihrer schweren Augenlider eine rötliche, geduckte Gestalt unter einem der Karren, die sich bei ihrer Annäherung rührte. Erstaunt erkannte sie Tereina. Das junge Mädchen sah ihr entgegen, und der Ausdruck ihres Gesichts verriet ihren Triumph. Da erinnerte sich Cathérine, was dieses Mädchen ihr eingebrockt hatte … Der Zorn weckte sie vollends. Sie warf sich auf die Zigeunerin, packte sie an ihrem roten Schal: »Was hast du mir da zu trinken gegeben?« fuhr sie sie an. »Ich befehle dir, mir zu antworten! Was habe ich getrunken?« Das verzückte Lächeln Tereinas enthielt keine Spur von Furcht. »Du hast die Liebe getrunken … Ich habe dir meinen kräftigsten Liebestrank gegeben, damit dein Herz sich am Feuer, das in dem meines Bruders brannte, erwärme, jetzt bist du sein … und ihr werdet zusammen glücklich sein! jetzt bist du wirklich meine Schwester.« Mit einem Seufzer ließ Cathérine den Schal los. Sie unterdrückte die Vorwürfe, die ihr auf den Lippen lagen. Was hätten sie genützt? Tereina wußte nichts von ihrer wahren Persönlichkeit. Sie hatte in ihr nur eine Tochter ihrer Rasse gesehen, eine Vertriebene, die ihr Bruder begehrte, und sie hatte geglaubt, beiden Glück zu bringen, indem sie sie in Feros Arme warf. Sie wußte nicht, daß Liebe und Verlangen verfeindete Brüder sein können … Die kleine Zigeunerin hatte ihre Hand ergriffen und legte sie mit einer liebevollen Geste an ihre Wange. »Ich weiß, wie glücklich ihr beide wart!« flüsterte sie in vertraulichem Ton. »Die ganze Nacht habe ich zugehört … und auch ich war glücklich!« Cathérine fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß. In der Erinnerung an das, was sich in dieser teuflischen Nacht zugetragen hatte, überflutete sie eine Welle der Scham. Sie sah sich wieder, sie, Cathérine de Montsalvy, wie sie sich verzückt unter den Küssen eines Vagabunden wand, und dafür haßte sie sich jetzt. Natürlich hatte der Trank seine aufputschende Rolle gespielt, aber Cathérine war sich trotzdem einer Art unbekannter Spaltung ihres Wesens bewußt. Existierte das hemmungslose Geschöpf, das durch das Aphrodisiakum geweckt worden war, nicht irgendwie doch im Untergrund ihrer Seele? Das war sie, die gleiche, die schon in den Armen Philippes von Burgund Entzücken empfunden hatte; sie, die sich ohne die Einmischung Gauthiers dem Schotten MacLaren ausgeliefert hätte, die im Kontakt mit gewissen Männern vage Erregung in sich aufsteigen fühlte, die schließlich um der herrischen Forderungen ihres Körpers, um ihres Bedürfnisses nach physischer Liebe willen die Rufe ihres ganz dem Gatten gehörenden Herzens zum Schweigen brachte … Der Schmutz, in dem ihre Beine so tief staken, war nicht weniger dick, nicht weniger widerlich als der, aus dem sich die elende menschliche Natur bildete. Sanft legte sie die Hand auf Tereinas Kopf, die immer noch demütig vor ihr stand. »Geh schlafen«, sagte sie freundlich zu ihr. »Du bist durchnäßt und frierst.« »Aber du bist glücklich, nicht wahr, Tchalaï? Du bist wirklich glücklich?« Noch eine Anstrengung, die letzte, um das Herz dieser Unschuldigen nicht zu brechen! »Ja …«, murmelte Cathérine, »… sehr glücklich!« Die Tränen zurückdrängend, ging Cathérine schweren Herzens ihres Weges, in den Nebel tauchend, als wollte sie ihre Schande darin verbergen. Sie ging zum Fluß hinunter, und blieb erst stehen, als das Wasser ihre nackten Beine umspülte. Die Loire war grau und verschmolz mit dem trüben Himmel, doch beinah unmerkliche Spuren goldenen Lichts huschten hier und dort über die Oberfläche. Das Wasser schäumte, angeschwollen durch den großen nächtlichen Regen, von neuer Kraft strotzend. Cathérine bekam plötzlich Lust, sich hineinzustürzen. Der königliche Strom war schon immer ihr Freund gewesen, und in dieser traurigen Morgendämmerung fand sie ganz natürlich zu ihm zurück, um von ihm ihr wundes Herz besänftigen zu lassen. Mit mechanischen Bewegungen ließ sie ihre Kleider hinuntergleiten und trat in die Strömung hinaus. Sie war stark, und es machte Mühe, auf dem mit losen Steinen bedeckten Grund zu gehen. Das Wasser war frisch, und als es ihr bis zum Bauch reichte, fror Cathérine. Eine Gänsehaut überlief sie, aber sie ging trotzdem weiter. Bald reichte ihr das Wasser bis zu den Schultern, und sie schloß die Augen. Die Strömung massierte ihren Körper. Nur ihre in den Schlamm gebohrten Beine hielten sie noch. Plötzlich überkam sie eine große innere Ruhe. Wäre es nicht besser, wenn jetzt alles zu Ende ginge? Wenn sie endgültig mit ihrem hoffnungslosen Leben Schluß machte? Solange sie sich hatte rein halten können, war der Kampf noch leicht, und der Sieg konnte seine Reize haben. Jetzt aber? Sie hatte sich einem Unbekannten wie eine Bauerndirne hingegeben, und damit hatte sich zwischen ihr und der Erinnerung an ihren Gatten eine tiefe, unüberbrückbare Kluft aufgetan. Wenn Gott wollte, daß sie ihn noch einmal wiedersah, und sei es auch nur ein einziges Mal, würde sie es wagen, ihm ins Gesicht zu sehen, ohne vor Scham zu sterben? Ein tiefes Schluchzen stieg ihr in die Kehle, und zwei Tränen glitten unter ihren geschlossenen Lidern hervor. »Arnaud!« murmelte sie. »Könntest du mir verzeihen, wenn du wüßtest … wenn du wüßtest …« Nein, er könnte es nicht! Dessen war sie sicher. Allzu gut kannte sie seine heftige Eifersucht, seine starke Leidenschaft, um auch nur den geringsten Zweifel zu hegen. Er, der sich hatte foltern lassen, um ihr nicht untreu zu werden, wie könnte er verstehen, wie könnte er vergeben? … Was hatte es also noch für einen Sinn zu kämpfen? Selbst ihr kleiner Michel brauchte sie nicht mehr so dringend. Er hatte die Liebe seiner Großmutter und könnte, einmal zum Mann herangewachsen, Montsalvy sehr wohl wieder aufbauen. Und für Cathérine wäre es so wohltuend, sich endlich diesem großen, gebieterischen Fluß zu überlassen, für immer in ihm unterzutauchen! So gut … und so leicht! Es genügte, ihre Beine gleiten zu lassen … o ja, es war leicht … es war … Schon gaben ihre Beine nach. Die Strömung würde ihre leichte Gestalt schnell davontragen bis zu dem geheimnisvollen dunklen Tor, hinter dem es nichts mehr gab als Vergessen und Tod. Aber eine angsterfüllte Stimme gellte vom Ufer herüber: »Cathérine! Cathérine! Wo bist du? … Cathérine!« Es war Saras Stimme, von Entsetzen halb erstickt. Sie drang durch den Nebel, ein verzweifelter Anruf dieses Lebens, das Cathérine aufgeben wollte, und mit so vielen Erinnerungen geladen, daß die junge Frau sich ganz instinktiv mit den Zehen im Grund festklammerte. Die Spanne eines Augenblicks lang sah sie ihre alte Sara vor sich, wie sie auf dem feuchten Sand kniete und den Körper, den der Fluß ihr übergeben würde, in ein Leichentuch hüllte. Sie glaubte, sie weinen zu hören … und plötzlich packte sie der Selbsterhaltungstrieb. Sie riß sich zusammen, kämpfte gegen die Strömung, die sie davontragen wollte, fand die Energie wieder, die sie verloren geglaubt hatte, und schwamm halb, schritt halb der Uferböschung zu. Wieder ins Leben zurückkehrend, konnte sie in den ziehenden Nebelschwaden schließlich die Umrisse Saras erkennen, die am Ufer stand und immer wieder rief. Bleich vor Unruhe und Besorgnis, fest in ihren grauen Umhang gehüllt, drückte die Zigeunerin Cathérines Kleider an sich, und große Tränen rollten ihr über die Wangen. Als die triefende Gestalt der jungen Frau vor ihr aus dem Nebel auftauchte, stieß sie einen rauhen Schrei aus, und als sie sie straucheln sah, warf sie sich ihr entgegen, um sie zu stützen, doch Cathérine sprang zur Seite und wich ihren Händen aus. »Rühr mich nicht an!« sagte sie überdrüssig. »Du weißt nicht, wie sehr mir vor mir selbst schaudert. Ich bin schmutzig … Ich ekle mich!« Das breite Gesicht Saras verriet ihr Mitleid. Obgleich Cathérine sich wehrte, schlossen sich ihre Arme um ihre frierenden Schultern, und nachdem sie sie mit ihrem eigenen Umhang kräftig abgetrocknet hatte, half sie ihr beim Anziehen und führte sie ins Lager zurück. »Und deswegen wolltest du sterben, armes Ding? Weil ein Mann in dieser Nacht deinen Körper besessen hat? Nur wegen einer mit Fero verbrachten Nacht bist du so außer Fassung? Muß ich dich daran erinnern, daß das nur ein Anfang ist … daß du übersiehst, was dich auf dem Schloß erwartet? Warst du nicht, um ans Ziel dieses verrückten Abenteuers zu gelangen, zu allem bereit?« »Aber ich war doch mit allem einverstanden diese Nacht … Ich hatte ich weiß nicht was für ein verfluchtes Gebräu getrunken, das Tereina mir gegeben hatte«, rief Cathérine eigensinnig. »Und ich hab' Vergnügen in Feros Armen empfunden. Verstehst du? Vergnügen!« »Na und?« meinte Sara kalt. »Das ist nicht deine Schuld. Du hast's nicht gewollt. Was dir in dieser Nacht passiert ist, ist nicht wichtiger als eine vorübergehende Verrücktheit … oder ein einfacher Katarrh.« Aber Cathérine wollte sich nicht trösten lassen. Sie warf sich auf das harte Lager, das sie mit Sara teilte, und schluchzte bis zur Erschöpfung. Es erwies sich als heilsam. Die Tränen verscheuchten den letzten Dunst, den die Droge in ihrem Hirn zurückgelassen hatte, gleichzeitig mit der sie niederdrückenden widerlichen Scham. Schließlich war sie so müde, daß sie in friedlichen Schlaf sank, der bis zum Mittag anhielt. Sie erwachte mit klarem Kopf und ausgeruhtem Körper. Doch nur, um von der alten Orka zu hören, daß sie noch am selben Abend nach den sonderbaren Riten der Zigeuner mit Fero vereint werden sollte. Glücklicherweise verschwand die alte Orka alsbald, nachdem sie ›die große Neuigkeit‹, wie sie es nannte, verkündet hatte, denn die junge Frau bekam einen regelrechten Wutanfall. Daß Fero, nicht zufrieden, sie zu seiner Geliebten gemacht zu haben, sie heiraten wollte, weigerte sie sich heftig zu akzeptieren, und sie erging sich in so beleidigenden Ausdrücken ihm gegenüber, daß Sara sie mit Gewalt zum Schweigen bringen mußte. Ihre Schreie wurden gefährlich. Sie verschloß ihr mit der Hand den Mund und herrschte sie an: »Sei nicht dumm, Cathérine! Daß Fero dich heiraten will, ist für dich überhaupt nicht wichtig. Wenn er dich nicht an sich bindet, werden die anderen das Recht haben zu verlangen, daß du einem von ihnen zugewiesen wirst. Wenn du dich weigerst, müssen wir fliehen, und zwar sofort. Aber wohin? Nun?« Von der rauhen Hand Saras halb erstickt, hatte Cathérine sich inzwischen einigermaßen beruhigt. Sie machte sich frei und fragte: »Warum sagst du, es sei für mich nicht wichtig?« »Weil es sich nicht um eine richtige Heirat handelt, zumindest nicht, wie du's verstehst. Die Zigeuner denken nicht daran, Gott mit einer so einfachen Angelegenheit wie der Paarung zweier Wesen zu verbinden, überdies ist es nicht Cathérine de Montsalvy, die Fero zur Frau nehmen wird, sondern eine Truggestalt, ein Phantom, das eines Tages verschwinden wird, eine Tochter Ägyptens namens Tchalaï …« Cathérine schüttelte den Kopf und betrachtete Sara mit bangem Blick. Daß sie so gleichmütig blieb, kam ihr einfach ungeheuerlich vor! Sie schien das alles ziemlich natürlich zu finden, während ihr der Gedanke an diese Heirat Übelkeit und Entsetzen verursachte! »Es ist stärker als ich«, sagte sie. »Mir ist, als beginge ich einen Vertrauensbruch … als verriete ich Arnaud zum zweitenmal!« »In keinem Fall, da du ja nicht mehr du selbst bist! Andererseits wird dir diese Heirat eine gesicherte Position im Stamm einbringen. Niemand wird dir mehr mißtrauen!« Trotz ihrer Aufmunterungen hatte Cathérine das Gefühl, eine Freveltat zu begehen, wenn sie an diesem Abend wieder zu Feros Feuer ging, um das sich der ganze Stamm zu der großen Festivität versammeln würde. Das Gewitter der Nacht hatte die Luft gereinigt und einen weiten dunkelblauen, samtweichen Himmel beschert. Die Männer waren mit vollen Netzen vom Fischfang zurückgekehrt, und das ganze Lager roch nach Fisch, den man überall briet. Die Tamburine und Klappern rasselten in den Händen der Männer. Die Kinder führten Freudentänze um die Kochkessel auf, und selbst die Säuglinge kreischten in ihren Körbchen. All diese Vorbereitungen und stürmischen Äußerungen der Freude, die sich rings um sie erhoben, verstärkten nur noch Cathérines Widerwillen. Von ganzem Herzen lehnte sie diesen Scheinakt ab, zu dem man sie schleppte, um so mehr, als sie billigerweise fürchtete, daß auf die Heirat ein gemeinsames Leben, zahlreiche gemeinsam verbrachte Nächte folgen würden. Sie konnte sich schlecht in Feros Karren vorstellen, ihn bedienend, wie es die anderen Frauen taten, ihm mit Leib und Seele gehörend … wenn Gott selbst nicht eingriff! Sie verspürte die verrückte Lust, ein für allemal dieser unmöglichen Lage zu entfliehen, zumal sie Fero nun mißtraute. Sie kannte seinen Wert und hatte ihn für ihren Verbündeten gehalten. Jetzt aber schien er die Situation ausnützen zu wollen. Wer konnte sagen, ob er sie gehen ließe, wenn man von ihr verlangte, im Schloß zu tanzen? … Angesichts der Befürchtungen, die sie quälten, war es paradoxerweise gerade der Gedanke an ihre Aufgabe, der Cathérine letzten Endes zurückhielt. Für den Augenblick war sie nicht in Todesgefahr und mußte das Abenteuer bis zum Ende durchstehen. Dies hinderte sie jedoch nicht, verzweifelt nach einem Mittel zu suchen, um dieser empörenden Zeremonie zu entgehen. Die Frauen hatten Cathérine in den schreiendsten Plunder gekleidet, den man im Stamm hatte auftreiben können. Ein Stück grüne Seide, ein wenig zerfetzt, aber mit Silber besetzt, wurde ihr mehrere Male um den Leib gewickelt, den man zu dieser Gelegenheit von dem rauhen Hemd befreit hatte. An die Ohren hatte man ihr Silberreifen gehängt, während Halsbänder aus dicken, ziselierten Platten aus demselben Metall und andere aus kleinen, aufgefädelten Münzen ihr schwer bis zu den Schultern reichten, deren eine nackt blieb. Andere Ketten aus Silbermünzen bildeten eine Art Krone in ihrem Haar, und die Augen der Frauen hatten ihr deutlich gesagt, wie schön sie in diesem wilden Aufputz aussah. Die Bestätigung ihrer Schönheit las Cathérine auch in dem strahlenden Gesicht Feros, in seinem stolzen Blick, als er zu ihr trat und sie bei der Hand nahm, um sie zu der Phuri Daï zu führen. Dies war die älteste Frau des Stammes; weil sie die Weiseste und Hüterin der uralten Traditionen war, hatte sie eine fast ebenso große Macht wie der Chef. Noch nie hatte Cathérine eine Frau gesehen, die so sehr einer Schleiereule glich, aber die runden Äuglein der Phuri Daï waren grün wie Gras im Frühling. Schwarze Tätowierungen bedeckten ihre hohlen, runzligen Wangen und verloren sich unter den langen grauen Haarsträhnen, die unter einem roten Tuchfetzen, der nach Art eines Turbans um den Kopf drapiert war, herausquollen. Wider ihren Willen betrachtete Cathérine sie mit Entsetzen, weil diese Frau für sie die Heirat verkörperte, zu der das Schicksal sie zwang. Die Alte hielt sich aufrecht inmitten der Alten des Stammes, von den lodernden Flammen beleuchtet, die die scharfen Züge ihres Gesichts noch stärker hervortreten ließen. Die Tamburine und Ratschen verursachten einen wilden Lärm, in den sich die Schreie der Frauen und der Gesang der Männer mischten. Der Krach war ohrenbetäubend. Als das Paar vor ihr stehenblieb, streckte die Phuri Daï zwei zerbrechliche, wie Vogelklauen aussehende Hände aus ihren Lumpen und ergriff ein Stück Schwarzbrot, das ein großer, bärtiger Zigeuner ihr reichte. Plötzlich trat Stille ein, und Cathérine begriff, daß der entscheidende Augenblick gekommen war. Sie mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu schreien, um sich gegen die aufquellende Panik zu wehren. Sollte denn wirklich nichts diese makabre Farce verhindern? Die pergamentenen Hände brachen das Brot in zwei Stücke. Dann nahm die Alte etwas Salz, das man ihr in einer kleinen Silberschale reichte, denn Salz war etwas Seltenes und außerordentlich Kostbares. Sie streute etwas davon auf jedes der beiden Brotstücke, reichte eines Cathérine und das andere Fero. »Wie ihr dieses Brots und dieses Salzes überdrüssig werdet«, sagte sie, »so werdet ihr auch einander überdrüssig werden. Jetzt tauscht eure Brotstücke.« Trotz allem durch den feierlichen Ton der Alten beeindruckt, nahm Cathérine mechanisch das Brot, das Fero ihr reichte, und bot ihm das ihre. Beide bissen gleichzeitig in die harte Kruste. Die Augen des Anführers ruhten unverwandt in denen der jungen Frau, und sie mußte die ihren für einen Moment schließen, unfähig, die brutale, primitive Leidenschaft zu ertragen, die die seinen offenbarten … Gleich würde sie ihm wieder angehören, doch diesmal ohne die geringste Lust dazu. Nicht nur, daß sie Fero nicht begehrte, sondern ihr Körper lehnte sich schon im voraus gegen das auf, was folgen würde. »Jetzt den Krug«, sagte die Alte. Man reichte ihr einen irdenen Krug, den sie mit Hilfe eines Steins über den Köpfen der beiden jungen Leute zerschlug. Einige Weizenkörner fielen heraus. Und alsbald kauerte sich die Alte nieder und zählte die Scherben. »Es sind sieben Stück«, sagte sie, die Augen zu Cathérine erhebend. »Sieben Jahre, Tchalaï, wirst du Fero angehören!« Mit einem Triumphgeschrei packte der Zigeunerführer Cathérine an den Schultern und zog sie an sich, um sie zu umarmen. Wie betäubt lehnte sie sich an seine Brust, während der Stamm in Freudenrufe ausbrach. Doch bevor Feros Lippen die der jungen Frau berührten, stürzte ein Mädchen mit nachtschwarzem Haar aus dem Dunkel und riß Cathérine mit brutaler Kraft aus den Armen, die sie umfingen. »Einen Augenblick, Fero! Ich bin auch noch da, und du hast mir geschworen, daß ich deine einzige Frau sein würde!« Um ein Haar hätte Cathérine vor Erleichterung aufgeschrien. Sie stand jetzt vier Schritte von Fero entfernt, durch dieses Mädchen von ihm getrennt, das sie wie eine Wundererscheinung anstarrte. Die Neue hatte ein kühnes Gesicht – kupferfarbenen Teint, kleine Adlernase, mandelförmige, leicht geschlitzte Augen, glatte Zöpfe – und trug ein rotes Seidenkleid, das seltsam elegant unter all diesen Lumpen wirkte. Eine Goldkette blitzte an ihrem Hals. Aber Feros Verblüffung war nicht gespielt. »Dunicha! Du warst schon so viele Tage verschwunden! Ich glaubte dich tot!« »Und das hat dich sicherlich tief bekümmert, nicht wahr? Wer ist die da?« Sie deutete mit einer rachsüchtigen Bewegung, die nichts Gutes verhieß, auf Cathérine. Zweifellos war es eins der beiden Mädchen, die La Trémoille sich vor vierzehn Tagen aufs Schloß geholt hatte. Warum mußte die Zigeunerin sie auf Anhieb wie eine Feindin mustern, dachte Cathérine, jetzt, da sie darauf brannte, ihr eine Menge Fragen über die Gewohnheiten des Schlosses zu stellen? Während sie darüber nachsann, nahm der Streit zwischen Dunicha und Fero an Schärfe zu. Der Zigeunerführer verteidigte sich barsch gegen den Vorwurf, ihr untreu gewesen zu sein. Da seine künftige Frau nicht auf dem Schloß getötet worden sei, hätte sie ihn wissen lassen müssen, daß sie noch lebte. Was ihn betreffe, so sei er jetzt regulär mit Tchalaï vereint, und er lasse nicht von ihr ab. »Sag lieber, daß es dir ausgezeichnet in den Kram gepaßt hat, mich für tot zu halten!« rief das Mädchen. »Aber du bist trotzdem eidbrüchig, und ich, Dunicha, fechte die Gültigkeit deiner Heirat an. Du hattest nicht das Recht, das zu tun!« »Aber ich hab's getan!« brüllte der Anführer. »Und daran läßt sich jetzt nichts mehr ändern!« »Meinst du?« Die schrägen Augen Dunichas huschten von Cathérine zu Fero und kehrten wieder zu der jungen Frau zurück. »Ich nehme an, du kennst unsere Gebräuche. Wenn zwei Frauen sich um denselben Mann streiten und alle beide ein Anrecht auf ihn haben, dann kämpfen sie um ihn bis zum Tod der einen oder anderen. Diesen Brauch nehme ich für mich in Anspruch. Morgen bei Sonnenuntergang werden wir kämpfen, du und ich.« Und ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, wandte Dunicha sich auf den Fersen um. Mit erhobenem Haupt durchbrach sie den Kreis der Zigeuner und tauchte wieder in der Dunkelheit unter, alsbald von vier Frauen gefolgt. Die alte Phuri Daï, die Fero und Cathérine vereint hatte, näherte sich der jungen Frau und trennte sie von Fero, der wieder ihre Hand ergriffen hatte. »Ihr müßt euch trennen. Bis zum Kampf gehört Tchalaï dem Schicksal. Nach unseren Gesetzen werden vier Frauen unseres Stammes sie bewachen, während vier andere bei Dunicha bleiben werden. Ich habe gesprochen!« Es herrschte Totenstille. Wie durch Zauberei war Sara neben Cathérine aufgetaucht, die Fero jetzt verzweifelt anblickte. Doch er hatte nicht einmal mehr das Recht, das Wort an sie zu richten … Das Fest wurde jäh abgebrochen. Die Trommeln schwiegen, und man hörte nichts mehr als das Knistern der Flammen unter den Kochkesseln. Es war, als wäre der Tod plötzlich über das Lager geflogen, und trotz ihres Mutes konnte Cathérine kaum ein Frösteln unterdrücken. Saras Hand legte sich auf ihren nackten Arm. »Tchalaï ist meine Nichte«, sagte die Zigeunerin in gemessenem Ton. »Ich werde sie mit Orka bewachen. Du kannst noch zwei andere Frauen benennen …« »Nein, nur eine!« rief Tereina, neben ihre Freundin springend. »Wenn sie die Nichte Saras der Schwarzen ist, dann ist sie für mich meine Schwester!« Die Phuri Daï stimmte mit einem Kopfnicken zu. Ihr hagerer Finger wies befehlend auf eine andere, weißhaarige Frau neben ihr, die ihre Schwester war. Und so, eingekreist wie eine Gefangene, kehrte Cathérine in den Karren Orkas zurück, in dem sie mit ihren Wächterinnen bis zum Kampf bleiben sollte. Die Erleichterung, die sie empfunden hatte, als Dunicha sie aus den Händen Feros riß, war völlig geschwunden. Eben hatte ihr lediglich eine Scheinheirat gedroht, jetzt jedoch war sie eine Art Todgeweihte mit Aufschub! Und die Bräuche dieser Leute waren wahrhaftig die wahnsinnigsten, barbarischsten, die sie je kennengelernt hatte! Man verfügte über sie, ohne sie überhaupt nach ihrer Meinung zu fragen. Die Zigeuner hatten beschlossen, daß sie Fero heiraten müsse, und nun beschlossen sie, daß sie sich mit dieser jungen Tigerin zu schlagen habe, und das um einen Mann, den sie nicht liebte! »Ich sage dir gleich«, flüsterte sie Sara ins Ohr, »ich werde mich nicht schlagen! Ich weiß noch nicht einmal, was das ist. Ich habe noch nie in meinem Leben auf diese Weise gekämpft, und ich werd's auch jetzt nicht versuchen …« Sara packte ihre Hand und drückte sie fest. »Sei still! Um Himmels willen, schweig!« »Warum soll ich schweigen? Wegen dieser Frauen? Nein, im Gegenteil, ich werde es ihnen sagen, ich werde es hinausschreien, daß …« »Sei still!« wiederholte Sara, doch so befehlend, daß die junge Frau widerwillig gehorchte. »Begreif doch, daß du dein Leben riskierst, wenn sie merken, daß du dich weigerst zu kämpfen!« »Und werde ich's morgen nicht riskieren?« murmelte Cathérine. »Du weißt genau, daß ich nicht fähig bin zu tun, was man von mir verlangt. Sie wird mich töten, ganz gewiß …« »Das weiß ich auch, aber, um der Liebe Gottes willen, beruhige dich! Wenn die andern schlafen, schleiche ich mich aus dem Lager und laufe zur Herberge, um Messire Tristan zu benachrichtigen. Er wird schon wissen, wie er dich aus der Klemme herausholt. Aber ich flehe dich an, zeige nicht, daß du Angst hast! Meine Brüder verzeihen Feigheit nicht. Du würdest mit Peitschenhieben aus dem Lager gejagt werden, verdammt, Hungers zu sterben …« Cathérines Augen weiteten sich vor Entsetzen. Sie hatte das Gefühl, eine furchtbare Falle habe sich um sie geschlossen, aus der sie sich mit eigener Kraft niemals würde befreien können. Sara fühlte ihre Angst und drückte sie an sich. »Mut, meine Kleine. Maître Tristan und ich, wir werden dich schon hier herauskriegen!« »Es wird langsam Zeit, daß der Herr sich zeigt«, sagte Cathérine grollend. »Er sollte doch aus der Nähe über mich wachen!« »… aber nur im Fall der Gefahr einschreiten, wenn du dich erinnerst.« Sara blickte sich vorsichtig um. Die beiden Alten schliefen, nur Tereina war noch wach. Neben der Öllampe sitzend, in ihren roten Umhang gehüllt, starrte sie mit den irren Augen einer Somnambulen in die Flamme und rührte sich nicht. »Jetzt ist der Augenblick da«, flüsterte Sara. »Ich gehe!« Sie schlängelte sich hinaus, ohne mehr Geräusch als eine Natter zu machen, und Cathérine streckte sich mit schwerem Herzen, aber ihrer alten Freundin vertrauend auf dem Boden aus, um zu versuchen, ein wenig zu schlafen. Doch der Schlaf floh sie. Ihre Augen starrten weit geöffnet auf die schmutzige, filzige Plane des Karrens, während sie versuchte, die ungebärdigen Schläge ihres Herzens zu beruhigen … Die Stille erdrückte sie, und als sie es nicht mehr aushielt, rief sie leise: »Tereina!« Die kleine Zigeunerin wandte langsam den Kopf zu ihr hin und kuschelte sich dann neben sie. »Was willst du, Schwester?« »Ich muß etwas wissen! Meine Rivalin, Dunicha – ist sie an diese Art Zweikampf gewöhnt? Womit müssen wir gegeneinander kämpfen?« »Mit dem Messer! Und leider ist es für Dunicha nicht das erstemal. Sie ist wie eine Tigerkatze, wenn sie kämpft. Schon zwei Frauen, die Fero gefielen, hat sie getötet!« Diese Enthüllung ließ Cathérine einen eiskalten Schauer über den Rücken hinunterrieseln. Sie war wütend, daß sie sich in diese Sackgasse hatte manövrieren lassen. Wenn Tristan nicht eingriff, würde sie von der Zigeunerin regelrecht ermordet werden, ohne daß jemand auch nur eine Hand zu ihrer Verteidigung rührte. Fero selbst, der so heftig in sie verliebt zu sein schien, hatte keinen Finger gehoben, um diese Narrheit zu verhindern. Er hatte sich dem Gesetz der Seinen respektvoll gebeugt. Und zweifellos, dachte Cathérine empört, würde er sich noch am selben Abend mit der siegreichen Dunicha über den Tod der unglücklichen Tchalaï hinwegtrösten. »Nur eins könnte ich für dich tun«, fuhr Tereina niedergeschlagen fort. »Ich könnte dir einen Trank geben, der deinen Mut und deine Kraft verzehnfachte! Jetzt mußt du aber ruhen!« Cathérine schnitt im Dunkel eine Grimasse. Sie war des Arzneibuchs der Zigeuner reichlich überdrüssig und hatte außerdem nicht die geringste Lust zu schlafen. Das einzige, wozu sie Lust hatte, war zu fliehen, so schnell wie möglich zu fliehen, Hals über Kopf davonzurennen, fort von diesen blutdürstigen Leuten, mit denen sie sich so unvorsichtigerweise eingelassen hatte. Sie steckte bis zum Hals in einem Korb voll Vipern und wußte nicht, wie sie da wieder herauskommen sollte. Sie erstickte noch in diesem verfluchten Karren, und die regelmäßigen, friedlichen Atemzüge der schlafenden Frauen weckten in ihr das Verlangen, laut loszuschreien. Dann dachte sie, daß ihr Leben den Verschworenen von Angers zu kostbar sei, folglich auch Tristan L'Hermite, als daß dieser sie einfach so dumm hinmorden lassen würde! Auf ihn mußte sie ihre feste Hoffnung setzen. Obwohl sie sich nach Kräften um beruhigende Gedanken bemühte, schloß Cathérine in dieser Nacht kein Auge. Mit trockener Kehle und pochenden Schläfen hörte sie jede einzelne Stunde der Nacht verrinnen, angezeigt durch die Rufe der Wächter auf den Schloßtürmen. Es war zwar recht gut und schön zu wissen, daß Sara sich um sie kümmerte, aber ihre Abwesenheit war einfach unerträglich. Sie fühlte sich entsetzlich einsam und schien das Gefühl, in einem absurden Traum zu leben, nicht abwehren zu können. Die Morgendämmerung verringerte ihre Bangigkeit nicht. Warum kam Sara denn nicht zurück? Was konnte sie so lange bei Tristan zurückhalten? War sie beim Verlassen des Lagers oder bei der Rückkehr überrascht worden? Als ein Hahn irgendwo in der Nähe krähte, hielt es Cathérine nicht mehr auf ihrem Lager. Die anderen schliefen tief. Sie schlich sich zur Öffnung des Karrens, aber genau in diesem Augenblick tauchte Sara auf. Mit einem Seufzer der Erleichterung machte die junge Frau ihrem bedrängten Herzen Luft. »Endlich!« flüsterte sie. »Ich konnte nicht schlafen.« »Ich dachte mir gleich, daß du dich beunruhigen würdest, deswegen bin ich zurückgekommen. Aber ich muß wieder fort!« »Warum?« »Weil Tristan L'Hermite verschwunden ist!« Cathérine war wie vom Schlag gerührt. Einen Augenblick mußte sie nach Atem ringen, und ihre Stimme war nur ein Flüstern, als sie fragte: »Verschwunden? Aber wann? Wie?« »Vor zwei Tagen. Er hat die Herberge verlassen und ist nicht zurückgekehrt. Ich bin schon drüben im Städtchen gewesen, weil ich hoffte, dort etwas zu erfahren. Ich muß ihn unbedingt noch vor Sonnenuntergang finden.« »Und«, fragte Cathérine, »wenn du ihn nicht findest …« »Daran will ich lieber gar nicht denken. Vielleicht müßte man deine wahre Identität zugeben, aber das hieße mit deinem Leben spielen und natürlich auch mit dem Feros, der schuldig befunden würde, eine Fremde, eine Gadji, in den Stamm eingeführt zu haben«, erwiderte Sara. »Was interessiert mich Fero? Ich will nicht für ihn sterben. Wär's nicht viel einfacher, Dunicha zu sagen, daß ich nicht die geringste Lust habe, ihr ihren Platz streitig zu machen, und daß ich gern auf Fero verzichte?« »Damit würdest du Fero tödlich beleidigen, der sich's nicht erlauben kann, mißachtet zu werden. Dein Los wäre alles andere als beneidenswert, denn du dürftest kaum lange genug leben, um dich daran zu erinnern. Und außerdem würden es die anderen nicht verstehen. Man würde dich der Feigheit bezichtigen. Das hieße die Peitsche … und die Folgen!« Ein Zornesschrei entrang sich den Lippen Cathérines. Wohin immer sie sich wandte, stieß sie auf Mauern. Alles wies sie auf diesen Tod zurück, den sie nicht mehr wünschte. Ihr war völlig entfallen, daß sie vor gar nicht langer Zeit noch hatte sterben wollen. Jetzt wollte sie leben, mit aller Kraft, mit aller Gier ihrer Jugend. Dieses Leben war ihr kostbar geworden, da man es ihr rauben wollte … »Laß mich jetzt gehen«, bat Sara. »Ich muß Tristan um jeden Preis finden. Sei ruhig, ich werde dasein, wenn …« Sie fügte nichts hinzu. Cathérine leicht auf die Stirn küssend, verschwand Sara von neuem im Dunst des Morgens und ließ die junge Frau mit schwererem Herzen als je zurück. Sie war versucht, ihrer alten Freundin zu folgen, hielt sich jedoch mit aller Kraft zurück. Wenn sie fliehen würde, wäre ihr ganzer Plan verraten, sie müßte nach Angers zurückkehren und eingestehen, daß sie kurz vor ihrem Ziel gescheitert war. Überdies war ihr, als sie ihre Rolle übernommen hatte, durchaus klar gewesen, daß sie damit ihr Leben mehr als einmal aufs Spie! setzen würde … Sie hatte jetzt also ins Auge zu fassen, daß die Zeit gekommen war, es zum erstenmal zu riskieren. Ihr Stolz ließ Cathérine wieder zu ihrer Haltung finden. Wenn sie Dunicha mit dem Messer in der Hand entgegentreten mußte, würde sie es gegen jede Gewinnchance tun, weil es ihr nicht gegeben war zurückzuweichen. Sie schämte sich jetzt sogar dieser verächtlichen Furcht, die ihr einen Augenblick durch die Eingeweide gefahren war. Um jeden Preis mußte sie nur vermeiden, an ihren kleinen Michel zu denken, auf daß ihr Herz nicht schwach würde bei dem Gedanken, ihn niemals wiederzusehen. Arnauds wollte sie sich erinnern, um dessentwillen La Trémoille sterben mußte, damit der Tod wenigstens seinen bitteren Beigeschmack verlöre. Als Cathérine jedoch am Ende eines endlos scheinenden Tages sah, daß die Sonne sich nach Westen neigte, ohne daß Sara zurückgekehrt war, mußte sie sich zusammennehmen, um sich nicht von Panik überwältigen zu lassen. Die anderen Frauen, die sie bewachten, schienen sich über das Verschwinden Saras keine besonderen Gedanken gemacht zu haben. Tereina war wieder in ihre Träumereien versunken und murmelte, Tränen in den Augen: »Schlechtes Zeichen! Sara die Schwarze hat ihre Nichte nicht sterben sehen wollen!« Und Cathérine fragte sich beklommen, ob daran nicht etwas Wahres sei! Trotzdem biß sie die Zähne zusammen, als die verhängnisvolle Stunde kam und die drei Frauen sie hinausführten, und blickte hocherhobenen Hauptes dem ins Antlitz, was sie erwartete. Ihre ganze Hoffnung, ihr ganzes Vertrauen lagen in ihr selbst; seltsamerweise schöpfte sie aus dieser Gewißheit eine Art fatalistische Ruhe. Und dann hatte sie dem Tod zu oft ins Auge gesehen, um ihm diesmal den Rücken zu kehren! Beim Verlassen des Karrens hatte Tereina ihr erneut einen Becher gereicht, den sie ohne Zögern sofort ausgetrunken hatte. Sogar ein leises Lächeln hatte um ihre Lippen gespielt. Wenn diese Flüssigkeit, die dazu bestimmt war, ihr Mut einzuflößen, sich als ebenso wirksam erweisen sollte wie das Gebräu jener anderen Nacht, dann würde sie wie eine Löwin kämpfen! Draußen sah sie, daß ein weiter Platz in der Mitte des Lagers frei gemacht worden war, indem man den sonst von den Schmieden beanspruchten Bereich geräumt und abgesperrt hatte. Der schweigend ringsherum versammelte Stamm glich in den roten Strahlen der untergehenden Sonne einem Volk von Kupferstatuen. Fero und die alte Phuri Daï saßen innerhalb dieses Kreises auf einem gefällten Baumstamm, der mit einer Tierhaut bedeckt war. Als Cathérine durch den Ring der Zuschauer schritt, kam Dunicha ebenfalls von der anderen Seite, immer noch von ihren vier Gefährtinnen begleitet. Ein alter Zigeuner namens Takalï, der der Hauptratgeber des Anführers zu sein schien, stand in der Mitte des frei gemachten Platzes. Er trug eine Art weiten Talar, aus einer Unzahl bunter Stoffreste zusammengesetzt, der ihm bis auf die Füße fiel und ihm den vagen Anstrich eines Priesters verlieh. Auf seinem Kopf, der wie aus altem Eichenholz geschnitzt schien, trug eine von Motten zerfressene Pelzkappe eine lange schwarze Feder, und in jeder Hand hielt er einen Dolch. Als die beiden Kämpferinnen bei ihm angelangt waren, schälten ihre Begleiterinnen sie aus ihrem Plunder und beließen ihnen nur die Hemden, die sie mit Lederschlingen um ihre Taillen befestigten. Dann reichte Takali wortlos jeder von ihnen ein Messer und zog sich darauf in den Kreis zurück. Cathérine stand jetzt allein Dunicha gegenüber. Sie sah mit einer Art Abscheu auf das Messer in ihrer Hand. Wie ging man damit um? War es nicht besser, sich eher töten zu lassen, als diese Klinge in den Körper des Mädchens zu stoßen? Die bloße Vorstellung, Blut vergießen zu müssen, drehte ihr den Magen um. Die Augen der Zigeunerin glühten wie Kohlen in ihrem gebräunten Gesicht, doch zur großen Überraschung Cathérines lag keinerlei Haß in ihrem Ausdruck, nichts als eine Art wilder Freude, als ob Dunicha schon in vollen Zügen genösse, was kommen würde. Mit Bitterkeit dachte die junge Frau, daß ihre Nebenbuhlerin ihren Sieg schon für sicher hielt und sich im voraus an ihrem Ende ergötzte. Sie ihrerseits warf einen raschen Rundblick auf das lautlos verharrende Publikum, noch immer in der Hoffnung, wenn nicht Tristan, so doch mindestens Sara, deren Abwesenheit sie sich nicht erklären konnte, auftauchen zu sehen. Denn daß sie in diesem verhängnisvollen Augenblick ganz allein war, konnte nur darauf zurückzuführen sein, daß ihrer treuen Gefährtin etwas zugestoßen war … etwas Ernstes! Nichts anderes könnte sie hindern, dem Zweikampf beizuwohnen. Die Augen fest auf die ihrer Gegnerin gerichtet, murmelte Cathérine noch ein schnelles Gebet und beugte sich dann mit dem Mut der Verzweiflung leicht vor, den Angriff erwartend. Fero auf seinem Baumstamm drüben hob die Hand, und Dunicha setzte sich in Bewegung. Langsam, sehr langsam schob sie sich seitwärts, umkreiste Schritt für Schritt Cathérine. Sie lächelte … Cathérine spürte einen Augenblick, wie ihre Beine zitterten, dann ließ ihre Angst etwas nach. Ein heißer Strom lief durch ihre straffen Muskeln, und sie begriff, daß Tereinas Trank seine Wirkung tat. Aber sie verlor keine einzige Bewegung Dunichas aus den Augen. Und plötzlich kam der Stoß. Mit hoch geschwungenem Dolch schnellte sich die Zigeunerin jäh auf ihre abwartend lauernde Gegnerin. Cathérine duckte sich und wich der tödlichen Klinge aus, die nur einen Fetzen aus ihrem Hemd riß. Aus dem Gleichgewicht gebracht, rollte Dunicha über den Boden, und ohne eine Sekunde zu verlieren, warf sich Cathérine über sie, ihren eigenen Dolch, mit dem sie nichts anzufangen wußte, weit von sich schleudernd. In diesem Nahkampf waren zwei Klingen gefährlicher als eine; es kam nun darauf an, ihre Gegnerin zu entwaffnen. Mit Glück erwischte sie Dunichas Handgelenk und drückte es mit aller Kraft zu Boden. Das beifällige Gemurmel der Menge drang wie von fern an ihr Ohr. Doch die größere und stärkere Zigeunerin war schwer niederzuhalten. Ganz nahe sah Cathérine ihr braunes, von der Anstrengung verzerrtes Gesicht. Sie fletschte die Zähne, und ihre Nasenflügel blähten sich wie die eines wilden Tiers, das Blut riecht. Mit einer blitzartigen Bewegung stieß sie Cathérine zurück. Ein Schmerzensschrei gellte auf. Dunicha hatte sie in den Arm gebissen und so gezwungen, ihren Griff zu lockern. Sie fand sich auf der Erde liegend wieder, über sich die Zigeunerin. Unwillkürlich packte sie von neuem den bewaffneten Arm, der im Begriff war zuzustoßen, aber sie wußte nur allzu gut, daß die andere ihr überlegen war, daß sie umsonst kämpfte, daß der Tod in weniger als einer Minute kommen würde. Sie konnte ihn klar in dem schon triumphierenden Blick der anderen lesen. Langsam, lachend machte sich die Zigeunerin daran, ihr den Arm umzudrehen, indem sie ihre bewaffnete Hand verlagerte, während sie mit der anderen Cathérine an der Kehle packte und schon die Stelle suchte, wo sie zustoßen würde … Todespein erfüllte das verwirrte Herz der Unglücklichen. Alles war für sie zu Ende; ihre Kraft war erschöpft, sie konnte nicht mehr. Aus diesem gleichgültigen Kreis der Zuschauer, das wußte sie, würde keine Hilfe kommen. Keine Stimme würde sich erheben, um die Hand Dunichas zurückzuhalten. Sie schloß die Augen. »Arnaud …«, murmelte sie, »… mein Liebster!« Ihr Arm krümmte sich schon unter dem Schmerz, als eine herrische Stimme an ihr Ohr drang: »Trennt diese Frauen! Sofort!« Cathérine glaubte, die Osterglocken zur Auferstehung läuten zu hören. Ihrer Brust entrang sich ein Seufzer des Dankes, dem gewissermaßen als Echo ein Wutschrei Dunichas folgte, die von zwei Bogenschützen grob von ihrer Gegnerin weggerissen wurde. Zwei andere stellten nicht viel sanfter Cathérine auf die Füße, die kaum an ihr Glück zu glauben vermochte. Die beiden Frauen standen sich nun von Angesicht zu Angesicht gegenüber, diesmal jedoch von den kräftigen Fäusten der Bewaffneten gehalten. Zwischen ihnen, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen, stand ein großer, schlanker Mann, prächtig in grünen Samt und schwarzen Brokat gekleidet. Und die Freude erlosch in Cathérines Herzen, während die Sonne, so schien es ihr jedenfalls, sich verdunkelte. Kaltes Grauen lähmte sie, denn die Rettung war noch schlimmer als die Gefahr! Der Mann, der sie gerettet hatte, war Gilles de Rais! In einer blitzschnellen Vision beschwor ihre Erinnerung die Türme von Champtocé herauf, die düsteren Schrecknisse dieses verfluchten Schlosses, die furchtbare Menschenjagd, der Gauthier um ein Haar zum Opfer gefallen war, den riesigen Scheiterhaufen, den Sara auf Geheiß Gilles de Rais' hatte besteigen sollen, und endlich das in stummer Verzweiflung erstarrte Gesicht des alten Jean de Craon, die herzzerreißende Klage seines Stolzes, seines gedemütigten Herzens, als es offenkundig wurde, was für ein Ungeheuer sein Enkel war … Cathérine glaubte sich in ihrer miserablen Verkleidung unkenntlich, doch als die schwarzen Augen des Marschalls sich frech und ironisch auf ihr vom Staub beschmutztes Gesicht hefteten, senkte sie den Kopf, als schämte sie sich ihrer halben Nacktheit. Tatsächlich hatte das grobe Hemd bei dem Zweikampf stark gelitten … Indessen wand sich Dunicha unter den Händen der Bogenschützen, und Gilles' Stimme rief: »Laßt die da gehen, und jagt das Zigeunergesindel mit Peitschenhieben in seine Höhlen zurück!« »Und diese Frau, Monseigneur?« fragte einer der Männer, die Cathérine hielten. Ihr Herzschlag setzte aus, als die verächtliche Stimme befahl: »Nehmt sie mit!« Achtes Kapitel Die Nacht hatte sich wie ein schwarzer Schleier über das Land gesenkt, als Cathérine sich halb betäubt in einem Gemach des Schloßturms wiederfand, in das die Bogenschützen sie ohne viel Federlesens gestoßen hatten. Sie war von Schrecken übermannt worden, als ihre Wächter sie zu dem in der Mitte des Schlosses aufragenden riesigen Turm geschleppt hatten, der so hoch war, daß man von seiner Spitze aus die Dächer von Tours sehen konnte, denn sie hatte gefürchtet, in eins der abscheulichen Burgverliese geworfen zu werden, die sie in Rouen kennengelernt hatte. Aber nein, der Raum, in dem sie sich befand, war groß und gut eingerichtet. Seine Wände verschwanden unter bestickten Leinenbehängen und orientalischen Seidenteppichen in Dunkelrot und Silber, während überall blaue Kissen verstreut lagen, die sich reizvoll von dem rotgoldenen Wappen der Familie Amboise abhoben, deren Güter vor kurzem durch königliches Dekret enteignet worden waren. Cathérine widerstand der Versuchung des großen, quadratischen Bettes in einer Ecke, das ihr hinter den zurückgeschlagenen Vorhängen die Zartheit seiner weißen Leinenlaken und weichen Decken anbot. Schlafen! Ihren von Prellungen und Quetschungen wunden Körper ausstrecken! Aber der lange Degen auf einem Tisch, die in einer Ecke lehnende Ritterrüstung, die männlichen Kleidungsstücke, die auf den Armstühlen und mit kostbaren Toilettengegenständen gefüllten, von Seidenstoffen und Pelzen überquellenden Truhen lagen – all dies sagte ihr nur zu deutlich, daß sie sich im Privatraum Gilles de Rais' befand. Sie wußte nicht mehr recht, woran sie war, aber die Angst war immer noch da, zäh und drückend. Die Erinnerungen, die sie an ihren Aufenthalt bei Gilles de Rais bewahrte, erwiesen sich als zu schmerzhaft, als daß es hätte anders sein können. Im Grunde hatte sie, als sie dem Messer Dunichas entwischt war, nur das Schreckgespenst gewechselt, und dies hier war schlimmer als das andere. Was sie marterte, war der Gedanke, was Gilles mit ihr vorhatte. Warum hatte er sie hierherbringen lassen? Er konnte sie nicht wiedererkannt haben. Also? Wenn sie entlarvt würde, wäre ihr Tod eine sichere, nur fürs erste aufgeschobene Sache. Wenn aber nicht? Sie kannte seinen Blutdurst gut genug, um zu wissen, daß er nicht zögern würde, eine Zigeunerin zu töten, wenn er Lust dazu hätte. Er könnte sie auch vergewaltigen und dann töten … in jedem Fall käme es auf dasselbe heraus, den Tod! Welchen anderen Grund, als sich zu amüsieren, könnte Gilles de Rais haben, eine Zigeunerin zu sich zu holen? Auf nackten Sohlen ging sie zum Kamin, in dem ein großes Feuer prasselte, und ließ sich auf eine mit Kissen belegte Bank sinken. Die Wärme tat ihr gut. Sie streckte ihre zerschundenen Hände dankbar dem Feuer entgegen. Unter dem rauhen, zerrissenen Hemd, das sie als einziges Kleidungsstück trug, zitterte ihr Körper vor Kälte, aber das Feuer bekämpfte siegreich die Feuchtigkeit des Flusses und die Frische der Nacht. Ohne daß die junge Frau es sich versah, hatten sich ihre Augen mit Tränen gefüllt. Eine nach der anderen rollten sie auf das grobe Linnen hinunter. Cathérine hatte Hunger! … Seit ihrer Ankunft im Zigeunerlager hatte sie immer Hunger gehabt! überall spürte sie Schmerzen, aber vor allen Dingen war sie müde, psychisch mehr noch als körperlich. Die Bilanz der letzten Ereignisse war noch viel erdrückender: Sie war in die Hände ihres Feindes Gilles de Rais gefallen. Sara war auf geheimnisvolle Weise verschwunden, ohne mit Tristan l'Hermite zu sprechen, für dessen Verhalten sie lieber erst gar keine Erklärung zu finden versuchte. Jedenfalls sah es ganz nach im-Stich-Lassen aus … In ihrem Kummer übersah sie völlig die Tatsache, daß sie sich schließlich immerhin in dem Schloß befand, das zu betreten sie sich so sehnlich gewünscht hatte. Es waren die Geräusche von außen, die es ihr seltsamerweise zum Bewußtsein brachten. Zwar wurden sie durch die kolossalen Mauern des Schloßturms gedämpft, aber durch das geöffnete schmale Fenster drang das Echo eines Liedes. Dort, in den königlichen Gemächern auf der anderen Seite des Hofs, sang ein Mann zur Begleitung einer Harfe: »Schönste, woran denkt Ihr? was seht Ihr in mir? Ihr dürft's nicht verhehlen …« Cathérine hob den Kopf, warf die schwarzen Locken zurück, die ihr in die Stirn hingen. Dieses Lied war das Lieblingslied Xaintrailles', und hinter der geübten Stimme des Sängers schien sie eine zweite zu hören, unbekümmert und ziemlich falsch, die Stimme ihres alten Freundes. Das war es, was Xaintrailles auf dem Turnierplatz von Arras gesungen hatte, und der Anruf dieser so teuren Erinnerungen riß Cathérine mit. Ihre Gedanken wurden klarer. Ihr Blut rann lebhafter durch ihre Adern, und langsam gewann sie die Herrschaft über sich. Einige Worte des Konnetabels de Richemont kamen ihr wieder in den Sinn: »La Trémoille teilt nicht einmal das Quartier mit dem König. Im Schloßturm, bewacht von fünfzig Bewaffneten, verbringt er die Nacht …« Im Schloßturm? Aber da war sie ja! … Unwillkürlich hob sie den Blick zum Steingewölbe, dessen Bogen sich im Schatten verloren. Dieses Zimmer lag im ersten Stock. Der Mann, den sie suchte, mußte dort wohnen, über ihrem Kopf … in Reichweite ihrer Hand, und bei dieser Vorstellung pulste ihr das Blut schneller durch die Adern. Sie war derart in Gedanken versunken, daß sie nicht hörte, wie die Tür sich öffnete. Lautlos näherte sich Gilles de Rais dem Kamin. Erst als er vor ihr stand, wurde sich Cathérine seiner Anwesenheit bewußt. Um ihrer Maske treu zu bleiben, erhob sie sich sofort mit erschrockener Miene, die sie, nebenbei bemerkt, gar nicht zu heucheln brauchte. Allein die Gegenwart dieses Mannes genügte, um sie in Schrecken zu versetzen. »Seigneur«, stammelte sie, »ich …« Ihr bestürztes Herz schlug in einem erschrockenen Rhythmus, aber sie hatte nicht einmal mehr Zeit, ein Wort hinzuzufügen. Mit einer brüsken Bewegung hatte er sie an den Schultern gepackt und sie auf den Mund geküßt. Doch sofort ließ er sie wieder los. »Puh! Du stinkst, meine Schöne. Außerdem – so schmutzig wie du ist man nicht!« Alles hatte sie erwartet, nur das nicht! Und seltsam, sie fühlte sich tief gekränkt. Sie wußte wohl, daß sie schmutzig war, aber es ihn sagen zu hören war unerträglich. Indessen trat er zurück und klatschte in die Hände. Ein Posten erschien, bis an die Zähne bewaffnet. Er bekam den herrischen Befehl, zwei Kammerfrauen zu holen. Als der Mann mit den Zofen wiederkehrte, wies Gilles de Rais auf Cathérine, die mißtrauisch auf ihrer Bank kauerte. »Führt diese liebenswürdige Person ins Schwitzbad! Und gebt gut acht. Du, Bogenschütze, wirst darüber wachen, daß meine Gefangene uns nicht entwischt!« Nolens volens mußte Cathérine, wütend und unendlich verärgerter, als sie sich eingestehen wollte, ihren Wächtern folgen. Leise Belustigung schlich sich in ihre üble Laune, denn sie hatte gesehen, wie eine der Kammerfrauen mit zwei Fingern das Hörnerzeichen hinter ihr hergemacht hatte. Die beiden Mädchen schienen eine Heidenangst vor dieser Zigeunerin zu haben, mit der sie sich abgeben mußten. Das machte ihrer Verkleidung zwar alle Ehre, andererseits aber wurde sie von Unruhe ergriffen, die ihre Freude, bald von ihrem Schmutz befreit zu werden, unerfreulich trübte: Würde die Färbung des Malers Guillaume diesem Bad widerstehen? Ihr Haar war nach wie vor sehr schön schwarz, um so mehr, als eine gute Dosis Staub darin steckte, und in einem Täschchen, das Sara ihr in die Innenseite ihres Hemds genäht hatte, trug sie stets die beiden Schächtelchen bei sich, die der alte Künstler ihr gegeben hatte. Aber ihre Haut? Sie wurde schnell beruhigt. Die Farbe hielt gut. Das Badewasser färbte sich allenfalls ein wenig gelblich, und Cathérine überließ sich mit vollem Genuß dem heißen Wasser und den parfümierten Ölen. Ihren mißhandelten Körper durchdrang ein köstliches Wohlbefinden, während ihr Geist sich ebenfalls entspannte. Sie schloß die Augen, versuchte, ein wenig Ordnung in ihre Gedanken zu bringen, die tief sitzende Bangigkeit, die ihr die Kehle zuschnürte, zu beruhigen. Dieses Bad war eine unerwartete, wohltuende Atempause vor Konsequenzen, die sie sich gar nicht vorzustellen wagte, in ihrer ganzen Länge ausgestreckt, bemühte sie sich, ihren Geist auszulüften. Dieser Augenblick des Aufschubs würde vielleicht der letzte sein. Danach … Cathérine wäre am liebsten stundenlang in diesem warmen, linden Wasser geblieben, in dem ihre Schmerzen vergingen und die wunden Stellen ihrer Haut heilten. Aber zweifellos hatte Gilles de Rais nicht die Absicht, allzulange von ihr vergessen zu werden. Die Kammerfrauen holten sie endlich aus dem Wasser, kleideten sie in ein feines Seidenhemd, dann in einen dalmatinischen Überhang mit weiten Ärmeln aus schwerer weißer, grüngestreifter Seide. Doch als die beiden Frauen sich mit ihrem Haar beschäftigen wollten, stieß sie sie zurück und wies ihnen mit so wilder Gebärde die Tür, daß die eingeschüchterten Dienerinnen, fraglos irgendeine Hexerei befürchtend, nicht darauf bestanden und sich beeilten, ihr zu gehorchen. Tatsächlich war Cathérine nicht darauf erpicht, sie feststellen zu lassen, daß ihr üppiges schwarzes Haar nicht völlig ihr eigenes war. Allein geblieben, löste sie ihre Zöpfe, bürstete und kämmte lange ihr Haar, um es vom Staub zu befreien, und legte dann wieder bedächtig ihre Frisur, die sie befestigte, indem sie weiße Bänder in ihre sowohl echten wie falschen Haare flocht. Darauf zog sie ihre Augenbrauen nach, glättete sie sorgfältig mit dem Finger und frischte ihr Lippenrot auf. Für den bevorstehenden, wenn auch noch so verzweifelten Kampf kam es sehr darauf an, sich gut zu wappnen, und Cathérine wollte weithin sichtbar im Besitz aller ihrer weiblichen Reize sein. Anständig und gut angezogen, ihrer Schönheit gewiß trotz ihrer fremdländischen Erscheinung, fand sie sich als Cathérine de Montsalvy wie vorher wieder. Außerdem gestand sie sich gern ein, daß es ihr schwerfiel, der Persönlichkeit, die sie sich ausgeborgt hatte, zu gleichen. Aber nachdem sie sich nun einmal ins Wasser gestürzt hatte, mußte sie eben schwimmen! Wenn sie bloß die Krämpfe ihres hungrigen Magens beruhigen könnte! … Entschlossen öffnete sie die Tür des Baderaums und stand den beiden Kammerfrauen und den Wachen gegenüber. Ihre Erscheinung ließ die Augen der Soldaten aufleuchten, aber das kümmerte sie wenig. »Ich bin fertig«, sagte sie nur und setzte sich mit festem Schritt in Bewegung, als ginge sie in die Schlacht. Einige Augenblicke später betrat sie wieder das Zimmer Gilles de Rais'. Dabei stellte sie aufatmend fest, daß ein reichgedeckter Tisch schon vor ihr hereingebracht worden war. Mit Befriedigung machte sie sich klar, daß man jemand, den man zu töten beabsichtigte, im allgemeinen nicht vorher beköstigte! Wie nicht anders zu erwarten, war auch der große Herr selbst da, lässig in einen hohen, geschnitzten Ebenholzsessel gelehnt; aber Cathérine vergaß ihre Angst und hatte nur Augen für das goldbraune, appetitliche Huhn, das auf einer Silberplatte dampfte und köstlichen Duft verbreitete. Pasten, Schalen mit Eingemachtem und Flakons umgaben es. Die Nasenflügel der jungen Frau begannen zu beben … Indessen betrachtete Gilles de Rais seine Gefangene. Eine herrische Bewegung seiner blassen Hand rief sie zu sich. »Hast du Hunger?« Ohne zu antworten, nickte sie zustimmend. »Dann setz dich … und iß!« Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie zog sich einen Hocker heran, setzte sich an den Tisch, bemächtigte sich einer Pastete und schnitt sich ein großes Stück ab, das sie gierig verschlang. Noch nie hatte sie etwas so Gutes gegessen. Nach den ekelhaften dünnen Suppen der Zigeuner war diese Pastete eine wahre Delikatesse. Sie schnitt sich ein weiteres Stück ab, dann ging die Hälfte des Hühnchens denselben Weg, während Gilles ihr einen Becher mit hellrötlichem, dickflüssigem Wein füllte. Cathérine nahm den Wein an wie alles andere und leerte den Becher mit einem Zug. Sie fühlte sich danach um so viel besser, daß sie den scharfen Blick nicht bemerkte, mit dem ihr Gastgeber sie musterte: den Blick der Katze, die die Maus belauert. Mit einem Schlage fühlte sie sich fähig, es mit dem Teufel selbst aufzunehmen. Zweifellos das Feuer des Weins! Gilles stützte sich mit den Ellbogen auf das Tischtuch aus besticktem Linnen, um besser zusehen zu können, wie sie eingelegte Pflaumen naschte. Nachdem ihr Hunger gestillt war, warf Cathérine ihm einen schnellen Blick zu, darauf wartend, daß er spräche. Doch offenbar hielt er den Moment dafür noch nicht gekommen, und das Schweigen wurde allmählich unerträglich. Also würde sie beginnen. Mund und Hände mit einer Seidenserviette abwischend, stieß sie einen befriedigten Seufzer aus, und es gelang ihr, ihrem beunruhigenden Gegenüber ein Lächeln zuzuwerfen. Sie wußte, wenn sie Furcht zeigte, würde sie das ganz sicher verraten. »Vielen Dank für die Mahlzeit, edler Herr! Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie solche guten Sachen gegessen!« »Nie? … Wirklich?« »Wirklich! Unsere Feuer unter freiem Himmel bringen solche Wunder nicht zustande! Wir sind arme Leute, Herr, und …« »Ich sprach nicht von den miserablen Kochkesseln der Zigeuner«, unterbrach Gilles de Rais kalt, »sondern von den Küchen Philippes von Burgund, der sich Großherzog des Abendlandes nennen läßt. Ich hätte sie für noch raffinierter gehalten!« Und als Cathérine, die wie versteinert dasaß, nichts zu erwidern fand, stand er auf und trat zu der jungen Frau, beugte sich über sie. »Ihr spieltet die Komödie wie eine große Künstlerin, meine liebe Cathérine, und ich habe als Kenner Eure … Kreation genossen, besonders in dieser Zweikampfszene! Ich hätte nie geglaubt, daß die Dame de Brazey wie ein Mädchen von der Straße raufen könnte! Aber glaubt Ihr nicht, daß es besser wäre, bei mir mit offenen Karten zu spielen?« Ein bitteres Lächeln verzog Cathérines Lippen. »Ihr habt mich also erkannt?« »Das war gar nicht so schwierig! Ich wußte, daß Ihr hier wart, in der Verkleidung einer Zigeunerin!« »Wie habt Ihr das herausgebracht?« »Ich habe meine Spione überall, und es ist mir nützlich, sie zu haben. Unter anderem habe ich welche im Schloß von Angers. Einer von ihnen erkannte Euch wieder, nachdem er Euch in Champtocé gesehen hatte. Er ist Euch gefolgt, als Ihr zu Guillaume, dem Maler, gegangen seid. Ich muß sagen, daß dieser scheußliche Biedermann uns allerlei Schwierigkeiten machte, bevor er von Euch und Eurer Maskierung erzählte, obgleich wir alle möglichen Überredungskünste anwandten …« »Ihr habt ihn also gefoltert … getötet?« rief die junge Frau entsetzt. »Ich hätte Eure Hand gleich erkennen sollen!« »Ich war's in der Tat. Leider hat er uns den Grund für diese Maskerade nicht anvertraut, trotz unserer Bemühungen.« »Aus dem einfachen Grunde, weil er ihn nicht kannte!« »Diesen Schluß hatte auch ich schon gezogen. Ich rechne also damit, daß Ihr ihn mir mitteilt. Nehmt inzwischen davon Kenntnis, daß ich eine Vermutung habe …« Die über sie gebeugte dunkle Gestalt flößte ihr unerträgliches Unbehagen ein. Um sich davon zu befreien, stand sie auf, ging auf das geöffnete Fenster zu und lehnte sich daran. Ihr Blick kreuzte den Gilles' und hielt ihn fest. »Und wozu bin ich Eurer Meinung nach hierhergekommen?« »Um Euer Vermögen zurückzugewinnen! Das ist ganz legitim und ein Unternehmen, das ich verstehen kann.« »Mein Vermögen?« Gilles de Rais blieb keine Zeit zu antworten. Man hatte an die Tür geklopft, die sich sofort öffnete, ohne daß der Besucher auf die Eintrittserlaubnis wartete. Zwei mit Hellebarden bewaffnete Wachen traten ein und nahmen zu beiden Seiten des niedrigen Spitzbogens Aufstellung. Auf der Schwelle erschien sodann eine Persönlichkeit, so dick wie lang, eine wahre Masse von Fett, mit Ellen goldeingefaßten Samts behängt, mit rotem, gedunsenem und arrogantem Gesicht, das ein kurzer brauner Bart zierte. »Mein Vetter«, rief der Besucher. »Ich komme, mit dir zu Abend zu speisen! Beim König stirbt man geradezu vor Langeweile!« Unwillkürlich war Cathérine zurückgezuckt, als sie Georges de La Trémoille erkannte! Eine Blutwelle stieg ihr ins Gesicht, freudige Genugtuung, Zorn und Haß zugleich. Sie hatte nicht erwartet, dem Mann, den zu finden sie unter so vielen Beschwerlichkeiten gekommen war, so schnell zu begegnen. Mit wilder Freude stellte sie fest, daß er dicker war als je, daß seine Haut, von ungesundem Fett aufgeschwemmt, gelblich war und daß sein kurzer Atem genügend über seine von Exzessen zerrüttete Gesundheit aussagte. Doch bei weiterer Musterung ihres Feindes sperrte sie, vor Verblüffung stumm, Mund und Nase auf, als sie den bizarren Kopfputz gewahrte, den der Großkämmerer trug. Es war eine Art Goldturban, der seine Allüren eines orientalischen Satrapen noch unterstrich, und in den Falten des Turbans funkelte ein schwarzer Diamant in seinem ganzen Feuer … einzigartig, unnachahmlich und sofort zu erkennen: der schwarze Diamant Garin de Brazeys! Boden und Wände begannen, sich um Cathérine zu drehen. Sie glaubte, wahnsinnig zu werden. In der dunklen Ecke, in die sie sich zurückgezogen hatte, als sie La Trémoille eintreten sah, suchte sie aufs Geratewohl nach einem Schemel und ließ sich auf ihn sinken, ohne auf einige Sätze zu achten, die die beiden Männer austauschten. Sie fragte sich verzweifelt, wie der fabelhafte Diamant in die Hände des Kämmerers gelangt sein konnte. Sie sah sich noch, wie sie den einzigartigen Stein in der Herberge von Aubusson Jacques Coeur übergab. Was hatte er ihr damals gesagt? Daß er ihn bei einem Juden in Beaucaire verpfänden werde, dessen Namen sie sogar noch behalten hatte: Isaac Abrabanel! Wie konnte dann der Diamant am Turban La Trémoilles funkeln? War Jacques auf dem Weg von Aubusson nach Clermont abgefangen worden? War er in eine Falle geraten? Und wenn er … Sie wagte nicht einmal, den Gedanken, das verhängnisvolle Wort zu formulieren, aber ein plötzliches Verlangen zu weinen drückte ihr das Herz zusammen. Kein Zweifel – damit der Großkämmerer sich mit dem Juwel schmücken konnte, hatte Jacques Coeur sein Leben opfern müssen. Niemals hätte er aus freien Stücken das ihm von Cathérine anvertraute Gut preisgegeben. Besonders nicht diesem Mann, den er ebenso haßte wie sie … Einen Augenblick schloß sie die Augen und bemerkte daher nicht, daß La Trémoille, nachdem er sie einen Moment prüfend betrachtet hatte, auf sie zuging. Erschrocken fuhr sie auf, als ein dicker, weicher, mit Ringen überladener Finger ihr Kinn hob. »Gott! Was für ein schönes Mädchen! Wo hast du dieses Wunder gefunden, Vetter?« »Im Zigeunerlager!« antwortete Gilles, wenig zuvorkommend. »Sie schlug sich mit einer anderen schwarzen Ziege. Ich habe sie auseinandergerissen und die da behalten, weil sie schön ist.« La Trémoille geruhte zu lächeln, was seine ungesunden Zähne entblößte, deren Färbung zwischen Schwarz und Grün schwankte. Seine Hand hatte sich in einer besitzergreifenden Geste, die sie vor Ekel zittern ließ, auf Cathérines Kopf gelegt. »Das hast du wirklich gut gemacht, Vetter! Es war ein vernünftiger Einfall von dir, diese wilde Hindin zu behalten! Steh auf, Kleine, daß ich dich besser sehen kann.« Cathérine gehorchte, beunruhigt, was noch folgen würde. Wenn Gilles de Rais ihre wahre Identität preisgab, war sie verloren. La Trémoille und er waren nicht nur Vettern, sondern auch durch einen echten, gebührend unterzeichneten Vertrag vereinte Verbündete … Gilles selbst hatte ihr in Champtocé von diesem Vertrag erzählt. Trotzdem ging sie einige Schritte im Raum umher, von dem genießerischen Blick des dicken Kämmerers verfolgt, der seinen Kommentar abgab, als wäre sie ein lebloser Kunstgegenstand. »Sehr schön, wirklich! Ein wahres Juwel, würdig des Bettes eines Fürsten! Der Hals ist rund und fest, die Schultern sind herrlich … Die Beine scheinen lang … und das Gesicht ist exquisit! Diese großen dunklen Augen … diese schönen Lippen!« La Trémoilles asthmatisches Schnaufen verkürzte sich noch mehr, und er fuhr sich unablässig mit der Zunge über die trockenen Lippen. In dem Gefühl, daß sie alles auf eine Karte setzen mußte und daß allzu zurückhaltendes Benehmen sich nicht mit ihrer Rolle als Zigeunerin vereinbaren ließ, zwang sie sich, wenngleich es sie heftige Überwindung kostete, ihren Feind kokett anzulächeln. Sie wiegte sich in den Hüften und warf ihm sogar einen zärtlichen Blick zu, der das Gesicht des Kämmerers dunkelrot anlaufen ließ. »Vorzüglich!« schnaufte er. »Wie kommt es, daß ich sie nie bemerkt habe?« »Sie ist ein Flüchtling«, brummte Gilles de Rais. »Sie ist erst vor ein paar Tagen bei Fero angekommen, zusammen mit ihrer Tante. Es sind entlaufene Sklavinnen …« Unwillkürlich stieß Cathérine einen Seufzer der Erleichterung aus. Gilles schien also nicht geneigt, ihre wahre Identität zu enthüllen! … Mit einem Schlage fühlte sie sich in ihrer Maske wohler! Indessen gebot La Trémoille seinem Vetter Schweigen. »Laß sie doch selbst antworten, damit ich wenigstens ihre Stimme höre! Wie heißt du, Kleine?« »Tchalaï, Seigneur! Das heißt Stern in meiner Sprache …« »Und das paßt wunderbar zu dir! Komm mit, schöner Stern, ich habe Eile, dich besser kennenzulernen!« Schon ergriff er die Hand Cathérines, und sich zu Rais umwendend: »Hab Dank für das Geschenk, Vetter! Du weißt immer, wie du mir Vergnügen bereiten kannst!« Aber Gilles de Rais schob sich zwischen das Paar und die Tür. Die tief eingekerbten Furchen um seinen Mund ließen nichts Gutes ahnen, und seine dunklen Augen funkelten in einem gefährlichen Feuer. »Einen Augenblick, Vetter! Allerdings habe ich dieses Mädchen für dich entführt, aber es lag nicht in meiner Absicht, es dir schon heute abend zu überlassen!« Unwillkürlich warf Cathérine Gilles einen erstaunten Blick zu. Sie hatte geglaubt, er sei seinem unangenehmen Vetter völlig ergeben, und nun mußte sie entdecken, daß die beiden nicht so einig waren, wie sie dachte. Weit mehr! Gilles' Stolz machte aus ihm, um die Wahrheit zu sagen, einen kümmerlichen Vasallen. Man konnte es sich schlecht vorstellen, daß es so war, doch in dieser Minute, ja … jetzt loderte eine mörderische Flamme in seinem Blick auf. Wie würde dieses Duell zwischen Tiger und Schakal enden? Die kleinen Augen La Trémoilles verengten sich in ihren Speckfalten, während ein böser Flunsch seine dicken Lippen verzog. Aber er ließ Cathérine nicht los. Die junge Frau merkte nur, daß die dicke Hand auf ihrem Gelenk feucht wurde. La Trémoille mußte vor seinem gefährlichen Vetter Angst haben. Doch seine Stimme verriet keinerlei Zorn, als er fragte: »Und warum nicht heute abend?« »Weil sie heute abend mir gehört! Ich habe sie gefunden, ich habe sie aus den Krallen der anderen Zigeunerin gerettet, die sie töten wollte, und schließlich war ich es auch, der sie, von ihrem Dreck befreit, hierhergebracht hat. Morgen werde ich sie dir geben, aber diese Nacht ist es wohl nur recht und billig, daß ich sie behalte!« »Hier gehorcht jeder mir«, entgegnete La Trémoille mit beunruhigender Sanftmut. »Eine einzige Bewegung meiner Hand würde genügen, und zwanzig Mann …« »Aber diese Bewegung wirst du nicht machen, mein schöner Vetter, weil du dieses Mädchen dann überhaupt nicht bekämst! Eher würde ich sie vorher töten. Und dann weiß ich zuviel, als daß du dich mit mir anlegen würdest. Was würde zum Beispiel deine Gemahlin, meine schöne Kusine Cathérine, sagen, wenn sie erführe, daß das prächtige Halsband aus Gold und Schmelzglas, das sie sich wünschte, von dir der sehr hübschen Frau eines Schöffen dieser Stadt für eine Liebesnacht geschenkt wurde?« Diesmal ließ La Trémoille Cathérine los, und die junge Frau, deren funkelnde Augen mit Leidenschaft dieses Turnier verfolgten, dessen Einsatz sie war, schloß daraus, daß der allmächtige La Trémoille, die Geißel des Königreichs, seine Frau wie das Feuer fürchtete. Gut, daß sie es wußte. Und für diesen Abend wenigstens hatte Rais gewonnen. Aber sie war sich nicht ganz sicher, ob sie sich darüber freuen sollte. Der dicke Kämmerer wandte sich zur Tür, nicht ohne der jungen Frau einen bedauernden Blick zuzuwerfen. »Es ist gut«, murmelte er, die Schultern hebend. »Behalte sie heute abend, aber morgen hole ich sie mir. Und paß gut auf, daß du sie nicht zugrunde richtest, Vetter, sonst könnte ich mein zärtliches Wohlwollen für dich … äh … leicht vergessen!« Ein letzter Blick, eine Grimasse, die als ein Cathérine zugedachtes Lächeln gelten konnte, und er war verschwunden. Die Soldaten schlossen im Hinausgehen gleichmütig die Tür hinter sich. Cathérine und Gilles de Rais waren wieder allein. Cathérine fühlte erneut, wie sich ihre Kehle zusammenzog, ihre Lage war furchtbar, und sie entdeckte, daß sie sich in ihrem Wunsch, La Trémoille aus diesem Schloß herauszulocken, wo er zu gut bewacht wurde, zwischen Hammer und Amboß begeben hatte. Sie hatte gehofft, zur Unterhaltung des dicken Kämmerers zum Tanzen gerufen zu werden und ihn bei dieser Gelegenheit zu einem Aufenthalt in Chinon überreden zu können, einem Köder zuliebe, an den sie gedacht hatte. Nun aber, zwischen dem fürchterlichen Gilles de Rais und dem dicken Kämmerer gefangen, gab sie nicht mehr viel für ihr Leben. Gilles wollte sich mit ihr amüsieren, danach würde er sie ohne weitere Umstände La Trémoille ins Bett werfen. Was würde aus ihr werden, wenn sie nicht mehr gefiele? Hätte sie dann noch Zeit, ihren Plan auszuführen? Gilles war nicht der Mann, seiner Gefangenen die Freiheit zu schenken! Mit schnellen Schritten hatte sich der Herr Blaubart zur Tür begeben und die starken Riegel vorgeschoben. Dann ging er zum Fenster und atmete, sich leicht hinauslehnend, zwei- oder dreimal tief die kühle Nachtluft ein, ohne Zweifel, um seinen Zorn zu besänftigen. Gedämpfte Klänge von Lauten und Violen stiegen in die Nacht, zart und melancholisch. »Man konzertiert im Zimmer des Königs«, murmelte er mit einer Stimme, der keine Spur von Zorn mehr innewohnte und die Cathérine völlig verändert schien. »Wie schön diese Musik ist! Es gibt nichts Göttlicheres als die Musik … besonders, wenn sie von Kinderstimmen vorgetragen wird! Aber der König liebt Kinderstimmen nicht …« Er sprach zu sich, hatte Cathérine vielleicht vergessen, doch die junge Frau überlief ein Schauder bei der Erinnerung an die schrecklichen Nächte von Champtocé, an das erschütterte Vertrauen des alten Jean de Craon. Sie verschränkte die Hände und drückte sie mit aller Kraft. Sie durfte ihren Kerkermeister nicht sehen lassen, welche Furcht er ihr einjagte. Wenn sie die gefährliche Partie, in die sie sich eingelassen hatte, gewinnen wollte, mußte sie unbedingt kaltes Blut bewahren und die Schreckbilder energisch verjagen. Sie näherte sich um einen Schritt der schwarzen, noch immer am Fenster lehnenden Gestalt. »Warum habt Ihr Eurem Vetter meine wahre Identität nicht enthüllt?« fragte sie behutsam. Er antwortete, ohne sie anzusehen: »Weil mir nichts daran gelegen ist, daß Dame Cathérine de Brazey in der Tiefe eines Kerkers verfault! Andererseits besitzt die Zigeunerin Tchalaï viel Wert in meinen Augen!« Cathérine beschloß, Gilles klaren Wein einzuschenken, und sei es auch nur, um zu sehen, wie er darauf reagierte. »Ich heiße nicht mehr Cathérine de Brazey«, sagte sie. »Vor Gott und den Menschen bin ich die Frau Arnaud de Montsalvys.« Gilles de Rais fuhr bei der Erwähnung dieses Namens wie von der Tarantel gestochen auf. Er drehte sich zu Cathérine um und sah sie verblüfft an. »Wie habt Ihr das gemacht? Montsalvy ist in den Gefängnissen von Sully-sur-Loire vor beinahe zwei Jahren gestorben! La Trémoille ist ein guter Kerkermeister, seine Gefängnisse von Sully-sur-Loire lassen ihre Häftlinge niemals frei.« »Gut, dann muß ich annehmen, daß Ihr schlecht informiert seid, denn ich habe Arnaud de Montsalvy in Bourges in der Kirche Saint-Pierre-le-Guillard in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1431 geheiratet. Pater Jean Pasquerel hat uns getraut. Erinnert Ihr Euch an ihn, Messire de Rais? Er war der Kaplan von …« Mit einer entsetzten Bewegung gebot Gilles ihr Schweigen. »Sprecht diesen Namen nicht aus!« fauchte er, sich bestürzt bekreuzigend. »Nicht vor mir! Niemals vor mir! … Wenn sie Euch hörte!« »Sie ist tot!« sagte Cathérine verächtlich angesichts der gemeinen Furcht, die er plötzlich verriet. »Was habt Ihr zu fürchten?« »Sie ist tot, aber ihre Seele lebt, und die Seele der Hexen ist fürchterlich. Um sie zu beschwören, genügt es schon, ihren Namen auszusprechen. Diesen Namen will ich nie mehr hören!« »Wie Ihr wollt!« entgegnete Cathérine, die Schultern zuckend. »Aber das ändert nichts daran, daß ich Dame de Montsalvy bin und daß ich sogar einen Sohn habe!« In dem Augenblick, als Cathérine darauf verzichtete, die Jungfrau von Orléans zu beschwören, beruhigte sich Gilles. Sein leichenblaß gewordenes Gesicht bekam wieder etwas Farbe. »Wie kommt es dann, daß Ihr allein hier seid? Wo ist Montsalvy?« Das Gesicht Cathérines versteinerte. Sie senkte die Lider, damit er den Schmerz nicht sähe, der sie jedesmal heimsuchte, wenn sie diese grausamen Worte aussprechen mußte. »Mein Gemahl ist tot. Deswegen bin ich allein.« Es folgte eine Stille, die schnell unerträglich wurde. Um ihn abzulenken und um die gespannte Atmosphäre etwas aufzulockern, fragte Cathérine fast in gesellschaftlich-plauderndem Ton: »Darf ich fragen, wie es Messire de Craon, Eurem Großvater, und der Dame Anne, seiner Gemahlin, geht, die gut zu mir war, als ich mich bei Euch aufhielt?« Sofort bereute sie ihre Worte. Ein schrecklicher Zorn verzerrte das dämonische Gesicht Gilles'. Er starrte sie wie ein Irrer an. »Mein Großvater ist im vergangenen Herbst gestorben … mich verfluchend! Meinem Bruder, dieser bleichen Mißgeburt René, hat er seinen Degen vermacht! Und Ihr wagt es, mich nach ihm zu fragen! Ich hoffe, daß seine verdammte Seele zu dieser Stunde in der Hölle brennt! Ich hoffe, daß …« Ein Aufschrei Cathérines brachte ihn zum Schweigen. Sie konnte die Angst, die sie vor ihm empfand, nicht mehr ertragen. »Hören wir damit auf, Monseigneur!« sagte sie fest. »Vergeßt die Euren und die Klagen, die Ihr gegen sie zu haben glaubt, und … sagt mir lieber, warum Ihr die Zigeunerin Tchalaï braucht?« »Weil ich den Gegenstand haben will, den zu finden Ihr hierher, ins Schloß, gekommen seid: Ich will den schwarzen Diamanten! Eine Zigeunerin, das bedeutet betrügen, das bedeutet stehlen, das bedeutet behexen!« »Ich bin keine echte Zigeunerin …« Unversehens gab Gilles den höflichen Ton auf, zu dem er sich ihr gegenüber gezwungen hatte. Ein habsüchtiges Funkeln glomm in seinem Blick auf. Er ging auf Cathérine zu und packte sie so heftig an den Schultern, daß sie wimmerte. »Nein, aber du kannst es schon ebenso gut wie diese schwarzen Ziegen! Du bist keine Zigeunerin, aber du bist eine Teufelin! Auch du bist eine Hexe! Du verzauberst die Männer, Adlige oder Leibeigene, sie fressen dir aus der Hand wie furchtsame Vögel. Du entwischst den schlimmsten Gefahren, und jedesmal kommst du stärker und schöner wieder heraus! Du bist besser als eine Zigeunerin! Bist du nicht von diesem Weibsteufel aufgezogen worden, den ich verbrennen wollte?« Sara! Cathérine machte sich sofort die heftigsten Vorwürfe. Wie hatte sie während dieser ganzen Zeit Sara vergessen können? … Und dieser Mann hatte vor kurzem gesagt, daß sie mit ihrer Tante bei den Zigeunern angekommen sei. »Ich habe meine alte Sara verloren! Ich weiß nicht, wo sie ist. Seit heute morgen ist sie verschwunden.« »Ich weiß es. Einer meiner Männer hat sie sofort erkannt, als sie auf der Suche nach diesem Tristan l'Hermite durch die Stadt lief. Sie befindet sich jetzt in guter Hut … Aber beruhige dich, sie hat nichts zu befürchten! Jedenfalls nicht im Augenblick. Ihr Schicksal wird von deiner Fügsamkeit abhängen.« »Ich wäre Euch verbunden, wenn Ihr mich nicht duzen würdet!« sagte Cathérine scharf. »Und wenn Ihr mir außerdem sagen wolltet, was aus Maître Tristan geworden ist.« »Das weiß ich nicht«, entgegnete Gilles und fuhr fort, ohne im geringsten auf ihr Ersuchen einzugehen: »Als meine Leute deinen Komplicen in der Herberge ›Zum königlichen Kelterhaus‹ verhaften wollten, ist es ihm gelungen – ich weiß nicht, durch welche Hexerei –, ihnen durch ein Fenster zu entwischen. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen!« Cathérine bemühte sich energisch, sich dem Zugriff der nervösen Hände, die ihre Schultern umspannten, zu entziehen, aber vergebens. Er hielt sie fest und näherte sein Gesicht dem der jungen Frau so weit, daß er es fast berührte. Der Weindunst, mit dem sein Atem geladen war, ließ sie angeekelt das Gesicht verziehen. »Laßt mich los, Messire!« sagte sie mit zusammengepreßten Zähnen. »Und bemühen wir uns, uns klar auszudrücken, denn zwischen uns herrscht ohne Zweifel ein Mißverständnis. Ich bin nicht, wie Ihr glaubt, wegen des schwarzen Diamanten hierhergekommen. Tatsächlich wußte ich nicht einmal, daß er sich in den Händen Eures Vetters befindet.« Von der Klarheit ihres Tons beeindruckt, ließ Gilles de Rais die junge Frau los, die sich ruhig in den großen Ebenholzsessel setzte, den er vor kurzem noch eingenommen hatte. Er betrachtete sie mit einer Art Verblüffung, als verstünde er nicht so recht, was sie ihm nun sagen wollte, und verharrte noch einen Augenblick in Schweigen. Dann schüttelte er den Kopf. »Ihr sucht den Diamanten nicht?« murmelte er ungläubig. »Was sucht Ihr dann?« »Denkt nach, Monseigneur. Ich bin Witwe, und ich habe einen Sohn. Andererseits sind wir, die Montsalvys, geächtet, ruiniert, in Todesgefahr, wenn man unserer habhaft wird. Und von wem hängt unser Schicksal ab? Von Eurem Vetter La Trémoille. Aus diesem Grunde wollte ich hier eindringen: um mich ihm zu nähern, ihn zu verfuhren, wenn ich kann, und es schließlich zu erreichen, daß ich und die Meinen begnadigt und die Ländereien freigegeben werden, die meinem Sohn ein Leibgedinge abgeben sollen. Scheint Euch das nicht ein ausreichender Grund?« »Warum dann diese Verkleidung?« Cathérine hob die Schultern. »Hätte ich auch nur den ersten Wallgraben des Schlosses überschreiten können, ohne verhaftet zu werden, wenn ich mich in meinem normalen Aussehen gezeigt hätte?« Und als Gilles, ohne zu antworten, nickte, fuhr sie fort: »Der Zufall hat es gefügt, daß ich von dem Geschmack Eures Vetters für die Lieder und Tänze der Zigeuner erfuhr. Mit Saras Hilfe war es mir leicht, mich unter sie zu mischen. Das folgende kennt ihr … Jetzt möchte ich meinerseits gern wissen, was ihr mit mir zu tun gedenkt.« Gilles antwortete nicht sofort. Mit düsterer Miene spielte er nervös mit einem Dolch mit Goldgriff, den er von einer der Truhen genommen hatte. Die junge Frau wagte kaum zu atmen, fürchtete sich, die von Bedrohungen geladene Stille zu brechen. Doch plötzlich fuhr sie auf. Gilles stieß den Dolch in das kostbare Holz der Truhe und sagte, ohne Cathérine anzusehen, klipp und klar: »Ich will, daß Ihr den schwarzen Diamanten stehlt und ihn mir dann sofort übergebt …« »Ihr vergeßt, daß er mir gehört! In der Tat würde ich gern wissen, wie er in die Hände Eures Vetters gelangte!« »Ein Schankwirt aus was weiß ich welcher Stadt soll den Mann, dem Ihr ihn anvertraut hattet, einen gewissen Pelzhändler aus Bourges, haben sagen hören, daß er den Diamanten bei dem Juden Abrabanel in Beaucaire verpfänden würde. In der Hoffnung auf eine gute Belohnung ist der Schankwirt zum Großkämmerer gegangen und hat ihm davon berichtet. Von da an war die Sache leicht …« »Er hat Maître Coeur töten lassen?« rief Cathérine schmerzerfüllt aus. »Aber nein! Euer Mann hatte sein Geld schon erhalten und das Weite gesucht. Der Jude besaß den Diamanten. Er wollte ihn den Sendboten meines Vetters nicht aushändigen … und ist dabei gestorben!« Cathérine stieß einen entsetzten Schrei aus, der in ein Gelächter überging, das gleichermaßen schmerzlich und ironisch war. »Der Tod! … Wieder der Tod! Und Ihr wollt diesen verfluchten Stein! Denn er ist verflucht! Er bringt Unglück und Blut über die, die ihn besitzen, oder sie sterben ganz einfach daran! Und ich hoffe, daß es mit Eurem schönen Vetter ebenso gehen wird. Wenn Ihr diesen Diamanten haben wollt, der direkt aus der Hölle kommt, braucht Ihr ihn nur zu nehmen!« Im höchsten Grade erbittert, erhob sich ihre Stimme zum Kreischen, aber schon hatte Gilles sie brutal gepackt und preßte erbarmungslos ihre Schultern, während das von Zorn und Furcht verzerrte Gesicht sich dem ihren näherte. »Ich habe weniger Angst vor Satan als vor deiner Zauberei, verfluchte Hexe! Und du hast keine Wahl. Morgen wirst du La Trémoille ausgeliefert. Entweder stiehlst du mir den Diamanten, oder du wirst in der Folter sterben und deine Zigeunerin mit dir! Hier bist du nichts als eine Vagabundin ohne Bedeutung, die man nach Belieben verschwinden lassen kann. Die guten Bürger der Stadt sind nie so glücklich, als wenn sie die Leiche eines deiner Brüder am Galgen baumeln sehen!« »Dann wird man mir die Zunge herausschneiden müssen!« erwiderte Cathérine eiskalt. »Denn in der Folter werde ich sprechen, werde sagen, wer ich bin und warum Ihr mich hierhergeschleppt habt. Auf jeden Fall«, schloß sie bitter, »werde ich umkommen. Ihr werdet mich hier nicht lebend herauslassen. Ich habe also kein Interesse, für Euch diesen Stein zu stehlen!« »Doch! Gegen den Stein ist dein Leben gerettet! Nachts mußt du zu Werke gehen. La Trémoille bewohnt diesen Turm hier. Wenn du den Diamanten hast, brauchst du ihn mir nur zu bringen, und ich werde dich ungesehen hinausschaffen. Es bleibt dir überlassen, dafür zu sorgen, daß dein Stamm so schnell wie möglich das Lager abbricht, denn euer Wohl wird von der Geschwindigkeit eurer Beine abhängen. Der Rest der Nacht wird Euch zur Flucht bleiben … denn, wohlverstanden, du wirst angeklagt werden und die Deinen mit dir!« »Die Soldaten werden uns schnell eingeholt haben!« entgegnete Cathérine. »Euer ›gerettetes Leben‹ ist nichts als ein schlecht bemäntelter Aufschub. Danach wird das Blut einer Menge wackerer Leute in Strömen fließen.« »Das geht mich nichts mehr an! An dir liegt's, dich nicht erwischen zu lassen. Wenn sie dich erwischen, würde es dir übrigens nicht das mindeste nützen, wenn du die Wahrheit sagtest. Zwischen dem Wort einer Zigeunerin und dem eines Marschalls des Königs wird niemand zögern. Man würde dich nur auslachen!« »Und … wenn ich mich weigere?« »Deine Sara würde sofort in die Folterkammer geführt werden. Du könntest dem Schauspiel beiwohnen, bevor du selbst an ihm teilnähmst!« Cathérine wandte angewidert den Kopf ab! Gilles Gesicht hatte sich zu einer diabolischen, abstoßenden Maske verzerrt. Sie hob die Schultern und seufzte: »Gut, ich werde gehorchen! … Ich fürchte, ich habe keine andere Wahl!« »Du wirst den Diamanten stehlen und mir übergeben?« »Ja …«, sagte sie überdrüssig. »Ich werde ihn Euch geben und hoffe, daß er Euch dasselbe Unglück bringt wie den anderen. Ich habe wahrhaftig keine Lust, ihn zu behalten.« Die Ohrfeige, die Gilles ihr versetzte, entriß ihr einen Schmerzensschrei. Sie war so heftig gewesen, daß sie taumelte. »Ich will deine Verwünschungen nicht hören, du Luder! Du hast, nur zu gehorchen, wenn du nicht willst, daß man dich verbrennt! Gehorchen, verstehst du?! Und zwar demütig!« Vor Schmerz kamen ihr Tränen. Tapfer unterdrückte sie ihre Wehleidigkeit, aber der Kopf dröhnte ihr noch wie eine Glocke. Haßerfüllt sah sie den Mann an, der nun befahl: »Hilf mir beim Ausziehen!« Er hatte sich gesetzt und streckte ihr ein Bein hin, von dem sie den Schuh herunterziehen sollte. Einen Augenblick zögerte sie, aber sie kannte ihn zu gut, um sich zu weigern. Was nützte es? Sollte sie einen Dolchstoß riskieren? In seiner Wut war er zu allem fähig. Offensichtlich hatte er die Absicht, sie zu demütigen … Mit einem Seufzer kniete sie nieder. Während Cathérine ihm beim Ablegen seiner Kleidungsstücke half, hatte Gilles einen Humpen Wein auf dem Tisch ergriffen und trank aus ihm mit vollen Zügen. Als der Humpen leer war, warf er ihn beiseite und griff zu einem anderen, dessen Inhalt er mit derselben Gier hinuntergoß. Ein dritter folgte. Entsetzt beobachtete Cathérine, wie sein Gesicht allmählich aufquoll, sich purpurrot färbte und seine Augen rot unterliefen. Als er nichts mehr auf dem Leibe hatte, nahm er von einem Armstuhl eine lange schwarze Samtrobe, zog sie sich über, knüpfte die Kordel um seine Taille und warf der jungen Frau einen bösen Blick zu, während er zu einem Anrichtetisch trat, auf dem Flaschen standen. »Jetzt zieh du dich aus!« befahl er. Langsam stieg Röte in Cathérines Wangen, und sie ballte die Fäuste. Ihre Augen funkelten vor Zorn, während ihr Mund sich halsstarrig verkniff. »Nein«, sagte sie nur. Sie machte sich auf einen Wutausbruch gefaßt. Nichts dergleichen geschah. Gilles ließ einen Seufzer hören, wandte sich lässigen Schritts zum Hintergrund des Zimmers und nahm von einem Möbelstück eine lange Jagdpeitsche. »Gut«, sagte er nur. »Dann werde ich selbst es besorgen … damit!« Im nächsten Augenblick pfiff die lange, schmiegsame Gerte durch die Luft und fetzte einen der weiten Ärmel herunter, nicht ohne den Arm Cathérines sengend zu streifen, die nur mit Mühe ein Wimmern unterdrückte. Sie begriff, daß sie unterlegen war, daß sie gehorchen mußte, wenn sie von diesem brutalen Tier nicht zusammengeschlagen werden sollte. »Aufhören!« sagte sie mit matter Stimme, »ich gehorche.« Im nächsten Augenblick fielen der dalmatinische Umhang und das feine Hemd zu ihren Füßen nieder … Als es wieder Tag wurde, hatte Cathérine keine Tränen mehr. Von Entsetzen und Leiden erfüllt, war sie an der Grenze der Erschöpfung angelangt. Von dieser Nacht in den Händen des Sire de Rais sollte sie eine schreckliche, unauslöschliche Erinnerung zurückbehalten … Der Mann war geisteskrank, es gab keine andere Erklärung. Er war manisch Blut und Laster verfallen, und stundenlang hatte die Unglückliche sich den widerlichen Phantasien unterwerfen müssen, die Gilles' verschrobener Geist und seine abnehmende Männlichkeit ihr auferlegten. Ihr zerkratzter, mißhandelter Körper verwehrte ihr den Schlaf, und das Blut gerann auf ihrer Schulter, in die der Rasende seine Zähne gegraben hatte. Während dieser ganzen schrecklichen Nacht hatte er nicht aufgehört zu trinken, zu trinken bis zum Delirium, und Cathérine hatte mehr als einmal geglaubt, ihre letzte Stunde sei gekommen; aber Gilles hatte sich damit zufriedengegeben, sie windelweich zu schlagen und in den gemeinsten Ausdrücken zu beschimpfen. Das Quantum Wein, das ihr Peiniger in sich hineingeschüttet hatte, hatte Cathérine hoffen lassen, daß er endlich einschlafen würde, doch als die Morgenröte anbrach und die Hörner der Wächter die Öffnung der Stadttore verkündeten, hatte Gilles noch nicht die Augen geschlossen. Er hatte nur die Decke zurückgeschlagen und war aufgestanden, seinen nackten Körper in der Morgenfrische reckend. Dann hatte er sich angezogen und war hinausgegangen, ohne einen Blick auf die junge Frau zu werfen, die reglos auf dem zerwühlten Bett lag. Wie jeden Morgen rief ihn die Jagd. Hinter dem Bettvorhang, wo sie versuchte, eine bequemere Lage zu finden, hatte Cathérine die Signale der Jagdhörner, das Gebell der ungeduldigen Hunde und dann das Knarren der sich senkenden Zugbrücke gehört. Draußen mußte sich ein schöner Frühlingstag ankündigen, doch durch die mit Blei eingefaßten Scheiben der schmalen Fenster in den dicken Mauern des Schloßturms drang mit Mühe nur ein grauer, matter Schein. Das Feuer war ausgegangen, aber die Kerzen, wenn auch weit heruntergebrannt, flackerten noch. Cathérines Schulter schmerzte so, daß sie sich trotz ihrer Müdigkeit aufraffte, um in einer der Kannen nach Wasser zu suchen. Doch kaum hatte sie den Fuß auf den Boden gesetzt, als das Zimmer sich um sie drehte, während in ihrem Kopf alles durcheinanderwirbelte. Stöhnend ließ sie sich wieder aufs Bett fallen. Sie fühlte sich entsetzlich schwach und elend. Von Kälteschauern geschüttelt, wickelte sie die Decken um ihren erschöpften Körper. Wenn sie riefe? Vielleicht käme eine Dienerin, die sich um sie kümmerte … In diesem Augenblick öffnete sich ganz leise die Tür. Zuerst erschien der bärtige Kopf, dann der kolossale Körper La Trémoilles. Nachdem der dicke Kämmerer sich durch einen raschen Rundblick vergewissert hatte, daß Gilles nicht da war, schloß er sorgfältig und vorsichtig die Tür und näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Mit großen, ängstlichen Augen sah Cathérine ihm entgegen. La Trémoille trug einen weiten Morgenmantel aus apfelgrüner Seide, nach seiner Gewohnheit reichlich mit Gold verziert, dazu eine Nachtmütze, die seinen schon etwas glatzköpfigen Schädel bedeckte. Diese Aufmachung erschreckte Cathérine: Hatte der dicke Kämmerer etwa die Absicht, sofort Gilles' leeren Platz neben ihr einzunehmen? Ein Schrei wollte ihr über die Lippen, und die junge Frau biß in die Decke, um ihn zu unterdrücken. Indessen beugte sich La Trémoille mit einem breiten Lächeln auf den Lippen zu ihr hinunter und sagte, als er bemerkte, daß sie die Augen geöffnet hatte: »Ich habe meinen Vetter wegreiten hören und gedachte, dir einen kleinen Besuch abzustatten, mein hübscher Engel. Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, weil ich immer an dich denken mußte! Glücklicherweise ist diese verdammte Nacht jetzt vorbei, und von dieser Stunde an gehörst du mir.« Seine feiste Hand streckte sich nach der unter der Decke sich abzeichnenden Rundung einer Schulter aus und schob ungeduldig die Decke beiseite, um ihre zarte Haut zu suchen. Es war die Schulter mit der Bißwunde, und Cathérine wimmerte vor Schmerz, worauf La Trémoille bestürzt die Hand zurückzog und sie verblüfft betrachtete: Sie war blutbefleckt. »Erbarmen, Messire«, stöhnte Cathérine, »rührt mich nicht an! Es geht mir so schlecht!« Statt einer Antwort packte La Trémoille die Decke und riß sie bis zum Fuß des Bettes herunter. Der mit blauen Flecken übersäte, mit Spuren getrockneten oder noch frischen Bluts gezeichnete Körper lag entblößt vor ihm. Der dicke Kämmerer wurde rot vor Zorn. »Dieser unverschämte Hund! Wie konnte er's wagen, dich so zuzurichten, obwohl du für mich bestimmt warst? Das wird er mir bezahlen! O ja, er wird's mir bezahlen!« Trotz ihres Zustands betrachtete Cathérine diese vor Zorn wie Gelee wabbelnde Fettmasse mit Verblüffung, doch La Trémoille hielt ihr Erstaunen für Entsetzen. Mit unerwarteter Zartheit legte er die seidene Decke wieder über den zerschundenen Körper. »Hab keine Angst, Kleine! Ich werde dir nichts tun! … Ich bin kein brutales Tier und verehre viel zu sehr die Schönheit, um mich zu solcher Barbarei verleiten zu lassen! Du gehörtest mir, und er hat es gewagt, dich zu schlagen, zu verletzen, obwohl du heute morgen zu mir kommen solltest …« Offenbar, sinnierte Cathérine, verzieh er am allerwenigsten, daß Gilles es gewagt hatte, etwas zugrunde zu richten, was ihm gehörte. Seine Wut wäre zweifellos eines Hundes, eines Pferdes oder eines goldgeschmiedeten Objekts wegen ebenso heftig gewesen … Aber sie beschloß, trotzdem daraus Nutzen zu ziehen. »Seigneur«, bat sie, »könntet Ihr nicht eine Dienerin schicken, die meine Schulter pflegen würde? Sie schmerzt ganz abscheulich und …« »Ich werde nicht nur Kammerfrauen, sondern auch Diener schicken. Man wird dich noch in dieser Stunde zu mir bringen, schöne Tchalaï … so heißt du doch, nicht wahr? Du wirst gepflegt und wieder gestärkt werden, und ich werde bis zu deiner völligen Wiederherstellung über dich wachen.« »Und … Monseigneur de Rais?« Eine bösartige Furche bildete sich im Winkel der dicken, feuchten Lippen. »Von ihm wirst du nichts mehr hören! Bei mir wagt keiner, ohne meine Erlaubnis einzutreten, er ebensowenig wie die anderen! Er weiß zu gut, daß ich ihn auf schnellstem Wege in sein Schloß nach Anjou zurückschicken würde, wenn er sich das herausnähme. Warte auf mich … ich bin gleich wieder da!« Er wandte sich zum Gehen, doch von einer Begehrlichkeit getrieben, die er nicht ganz unterdrücken konnte, legte er seine Hand auf die Decke über Cathérines Schenkel und liebkoste ihn. »Je schneller du wieder gesund wirst, meine Kleine, desto eher werde ich glücklich sein! Dann wirst du sehr zärtlich zu mir sein, nicht wahr?« »Ich bin Eure Dienerin, Seigneur …«, stammelte Cathérine, beunruhigt über seinen kürzer werdenden Atem, »aber zur Stunde fühle ich mich so schlecht, so schlecht …« Schweren Herzens zog er seine Hand zurück und begann dann, ihr die Wange zu tätscheln. »Ganz recht, wir müssen vernünftig sein! Dafür wird es später um so schöner werden!« Diesmal verschwand er wirklich, und zwar mit einer Flinkheit, die Cathérine bei einer solchen Fleischmasse für unmöglich gehalten hätte. Krachend schlug die Tür hinter ihm zu. Unfähig, noch länger zu denken, schloß die junge Frau die Augen und wartete darauf, daß jemand sich um sie kümmern würde. Der Gedanke, zu La Trémoille zu gehen, jagte ihr keine Furcht ein. Nichts konnte schlimmer sein als die entsetzliche Nacht, die sie soeben durchgemacht hatte … und dann, war sie nicht genau aus diesem Grunde hierhergekommen: um bei ihrem Feinde einzudringen? Einige Augenblicke später kamen zwei alte Dienerinnen herein, so häßlich und verhutzelt, daß sie Cathérine an die alte Phuri Daï erinnerten. Ihre Wunden wurden gewaschen, mit Heilsalbe bestrichen und verbunden, ohne daß die beiden Alten ein Wort geäußert hätten. Sie sahen sich außerordentlich ähnlich und gemahnten in ihren schwarzen Kleidern an Grabstatuen, aber ihre Hände erwiesen sich als ungemein gewandt und geschmeidig. Als sie fertig waren, fühlte Cathérine sich schon besser. Sie dankte ihnen, worauf sich beide wortlos verneigten und sich reglos wie Baumstümpfe am Fußende des Bettes niederließen. Gleich darauf klatschte eine der beiden in die Hände. Diener erschienen mit einer Art Trage, auf die Cathérine von den beiden Alten gebettet wurde, nachdem sie ihr das Hemd und ihren dalmatinischen Umhang übergestreift hatten. Der Zug wand sich die schmale Treppe des Schloßturms zum oberen Stockwerk hinauf, an dessen Eingang zwei Fackelträger warteten. Der eine von ihnen beugte sich vor, als die Trage an ihm vorüberkam, und Cathérine unterdrückte einen Ausruf der Überraschung. In der Livree mit den kleinen azurnen Adlern La Trémoilles erkannte sie, bärtig und langhaarig, Tristan l'Hermite in Person! Sie versuchte sich nicht einmal zu erklären, wie er da hingekommen war. Eine wahre Flut der Erleichterung überspülte sie, und sie ließ sich mit geschlossenen Augen in ihr neues Gefängnis tragen. Neuntes Kapitel Die Art, wie man sie unterbrachte, gab Cathérine eine ungefähre Vorstellung von dem Wert, den der Großkämmerer ihrer Person beimaß. In eins der Türmchen gebracht, die den großen Schloßturm flankierten, sah sie zunächst nur ein riesiges, mit Vorhängen aus roter Serge versehenes Bett, das den größten Teil des kleinen Raums einnahm, der durch ein schmales Fenster Licht bekam. Cathérine wurde äußerst vorsichtig auf die weichen Matratzen gelegt und sodann in der Obhut der beiden Alten gelassen, was ihr keineswegs Vergnügen bereitete. Immer war eine von ihnen im Zimmer, zu Füßen des Bettes kauernd, unbeweglich und stumm wie ein Stein. Bald entdeckte die junge Frau auch den Grund ihrer Schweigsamkeit. Die beiden Frauen, offensichtlich Zwillinge, waren stumm. Man hatte ihnen vor langer Zeit die Zunge herausgeschnitten, um sie ein für allemal ihrer Verschwiegenheit zu versichern. Sie waren griechischer Herkunft, wie La Trémoille Cathérine berichtete, ohne sich jedoch darüber auszulassen, auf welchen dunklen Wegen diese Frauen vom Sklavenmarkt Alexandriens an den Hof Karls VII. gekommen waren. Der Großkämmerer hatte sie beim Schachspiel vor vielen Jahren vom Prinzen von Oranien gewonnen. Seitdem dienten Chryssoula und Nitsa ihm treu und folgten ihm selbst auf den verwickeltsten Pfaden seines Lebens. Sie waren immer die Wächterinnen der Frauen, die La Trémoille zu sich nahm oder sich reservierte. Sie ähnelten sich derart, daß Cathérine sie nach fünf Tagen immer noch nicht auseinanderzuhalten vermochte. Die unablässige Anwesenheit dieser Frauen wurde ihr lästig. Sie hätte diesen schweigenden Schatten mit ihren verschlossenen Gesichtern, in denen nur die Augen Leben zeigten, hundertmal völlige Einsamkeit vorgezogen. Außerdem fühlte sich Cathérine unbehaglich, wenn sich der Blick ihrer jeweiligen Wächterin auf sie richtete, und die Freude, die sie beim Anblick Tristans im Plunderstaat eines Lakaien empfunden hatte, war längst gewichen. Sie hatte gehofft, daß er in den folgenden Stunden zu ihr kommen würde, aber abgesehen von La Trémoille hatte kein Mann die Schwelle ihrer winzigen Kammer überschritten. Einzig die beiden alten Griechinnen schienen die Erlaubnis dazu zu haben. Die zweimal täglichen Besuche des Großkämmerers waren für die junge Frau ebenso lästig. Er war zu ihr von einer Liebenswürdigkeit, die sie um so mehr anekelte, als sie gezwungen war, mit gleicher Liebenswürdigkeit zu antworten, höchstens noch demütiger, wie es einem armen Vagabundenmädchen zustand. Sie zwang sich, im Bett liegenzubleiben und sich viel schwächer und kränker zu geben, als sie in Wirklichkeit war, weil sie Angst hatte, daß er sie daran erinnern könnte, »zärtlich« zu ihm zu sein. Die bloße Vorstellung eines intimen Kontakts mit diesem Fettkloß verursachte ihr Übelkeit. Sie wollte sein Verderben, sie wollte mit aller Macht ihres Hasses Arnaud, die ihren und sich selbst an diesem Tyrannen ohne Größe rächen, der sie ins Elend gebracht hatte und das Königreich nach seinem Gefallen lenkte. Die Überwindung, zu der sie sich jeden Tag zwingen mußte, um nichts von ihren wahren Gefühlen zu zeigen und zu lächeln, war übermenschlich. Um es zuwege zu bringen, mußte sie den Augenblick beschwören, für den sie diese vielen Monate gelebt hatte, den Moment, in dem ihr Feind ihr endlich ausgeliefert wäre. Und so kam es, daß sie in sich neue Energiequellen entdeckte. Aber eins hatte sie sich am Morgen nach jener höllischen Nacht mit Gilles de Rais geschworen: Selbst um ihren Auftrag zum guten Ende zu führen, selbst um La Trémoille nach Chinon zu locken, würde sie sich nicht so weit erniedrigen, sich diesem zutiefst korrupten Wesen hinzugeben, dessen Körperlichkeit sie abstieß. Wenn es ihr nicht gelänge, ihn sich fernzuhalten, bevor sie ihn überredet hätte, Amboise zu verlassen und nach Chinon zu gehen, hatte Cathérine beschlossen, La Trémoille zu töten, auch auf die Gefahr hin, dafür hingerichtet zu werden. Zumindest würde man sie nicht dem Henker übergeben, ohne sie zuvor anzuhören. Doch um zu töten, brauchte man eine Waffe, und Waffen besaß sie nicht. Insgeheim hoffte sie darauf, daß Tristan ihr eine zustecken würde, aber dazu müßte er die Möglichkeit finden, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Alle diese Gedanken plagten die junge Frau in den langen Stunden der Unbeweglichkeit hinter den roten Bettvorhängen. Die Geräusche des Schlosses – die Rufe der Posten, die Ablösung der Wachen, die Stimmen der Dienerinnen, militärische Befehle, galoppierende Pferde, Widerhall von Musik – waren die einzigen Ablenkungen Cathérines, die sich zu Tode langweilte. Die ganze übrige Zeit starrte sie auf eine Statue des Erzengels Michael, die auf einem kleinen Tisch gegenüber ihrem Bett stand, und wunderte sich, eine so fromme Statue in dem Zimmer vorzufinden, das La Trémoille seinen kurzlebigen Liebschaften vorbehielt. Doch dieses reduzierte Leben hatte auch sein Gutes. Es gestattete Cathérine, ihre Kräfte wiederzugewinnen. Einer erzwungenen Ruhe unterworfen, gut genährt und sorgsam gepflegt, fand sie sehr schnell ihre alte Vitalität wieder. Als der sechste Tag anbrach, entschied sie, daß es jetzt Zeit sei zu handeln. Ein kleiner Vorfall erinnerte sie daran, daß es endlich galt, die Dinge beim Schopf zu packen. Wie sie es an jedem Morgen um die Stunde zu tun pflegte, in der die Schloßbewohner ihr erstes Mahl einnahmen, das heißt also nach der Morgenmesse, brachte die alte Chryssoula (oder war es vielleicht Nitsa?) Cathérine etwas zur Erfrischung: ein Gericht gebratener Täubchen, einen Krug Wein und ein Brot, in welchem Cathérine einen winzigen Streifen zusammengerollten Pergaments fand. Schnell ließ sie das Röllchen verschwinden, um es vor den scharfen Augen der Alten zu bewahren, und zog es erst hervor, als ihre Wächterin mit dem leeren Geschirr wieder hinausgegangen war. Das Billett enthielt nur drei Worte, aber so drohend in ihrer Prägnanz, daß Cathérine zusammenfuhr. »Vergiß Sara nicht!« stand da geschrieben, und sie begriff, daß es von Gilles de Rais kam, daß der Herr Blaubart die Geduld verlor und in seiner Gier, den fabelhaften Diamanten zu besitzen, gefährlich werden konnte. Was war zu tun, um Sara seinen Klauen zu entreißen? Den Diamanten stehlen? Cathérine hätte es gern getan, wenn es sich lediglich darum gehandelt hätte, Sara zu retten. Aber sie mußte im Schloß bleiben, und außerdem hatte sie keine Ahnung, wo La Trémoille das Juwel aufbewahrte. La Trémoille um die Freilassung Saras bitten? Gewiß, das wäre ohne Zweifel leicht, denn der dicke Kämmerer schien sehr bereit, ihr zu Gefallen zu sein. Hatte er ihr nicht am Abend zuvor eine schöne Goldkette gebracht und ihr zu verstehen gegeben, daß die Zahl und Schönheit der Geschenke, die sie erhalten werde, von ihrem Entgegenkommen abhängen würde? Aber würde Gilles de Rais, wenn man ihm Sara mit Gewalt entrisse, sich nicht rächen, indem er die wahre Identität Cathérines verriete, die von diesem Augenblick an nichts mehr retten könnte? Ihre Turmkammer und das Eingesperrtsein wurden ihr plötzlich unerträglich. Sie hielt es nicht mehr länger im Bett aus, und als die Alte zurückkam, fand sie sie aufgestanden vor. »Zieh mich an!« befahl Cathérine. »Ich will hinausgehen!« Die Alte starrte sie ungläubig an, schüttelte dann den Kopf und deutete auf die einzige Tür der Kammer, die direkt in das riesige, runde Gemach führte, das La Trémoille bewohnte. Cathérine begriff, daß ihre Wächterin nichts ohne Befehl tun würde. »Dann geh und hole den Herrn!« sagte sie trocken. »Sag ihm, daß ich ihn sprechen möchte.« Die Bestürzung der Frau erweckte nicht das geringste Mitleid in Cathérine, die nun auf sie zutrat. »Ich bin stärker als du«, sagte sie in drohendem Ton zu ihr. »Wenn du den Herrn nicht holst, schwöre ich dir, daß ich hinausgehen werde, ob du's willst oder nicht. Und zwar im Hemd, wenn's sein muß!« Cathérines entschlossene Miene gab den Ausschlag bei der Alten. Sie machte der jungen Frau ein Zeichen zu warten und verschwand eiligst durch die Tür, die sie vorsorglich hinter sich abschloß. Währenddessen trat Cathérine an das kleine Fenster, stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte hinaus. Von ihrem Bett aus, über das sich nun ein schmaler Streifen Sonnenlichts zog, hatte sie nur eine Ecke des Himmels sehen können, wunderbar, tiefblau, und die Luft, die durch den kleinen Spitzbogen hereindrang, war süß und mild. Von ihrem neuen Beobachtungsposten aus konnte sie einen glitzernden Zipfel des Flusses, ein wenig grünes Gras und einige Bäume der Insel Saint-Jean erhaschen. Ein Vogel flitzte in schnellem Flug über den Himmel, und Cathérine befiel eine wahnwitzige Lust, der düsteren Festung zu entkommen und sich diesem herrlichen Frühling ans Herz zu werfen, ihre plötzlich wiedererwachte Jugend verlangte gebieterisch ihr Recht und fegte für einen einzigen kleinen Augenblick alle Gedanken an Rache, an ihre Aufgabe und an die Sorgen der kommenden Tage hinweg. Oh, nur ein Häuschen am Ufer eines großen Flusses besitzen, mit einem blühenden Garten davor, und dort mit ihrem Söhnchen und dem Vielgeliebten ruhig leben! Warum war dieses einfache Los, das so vielen Frauen beschieden war, ihr für immer verwehrt? Die Rückkehr der Alten schnitt Cathérines tristen Gedankenfluß ab. Sie trug Kleider auf den Armen. Ein Diener begleitete sie, und Cathérine zuckte vor Freude zusammen, als sie Tristan erkannte. »Der Herr kann nicht kommen«, sagte er in sachlichem Ton, ohne die junge Frau überhaupt anzusehen. »Er erlaubt, daß du dich anziehst und hinuntergehst, um ein paar Schritte im Hof spazierenzugehen. Aber Chryssoula muß dich begleiten. Du mußt unter ihrer Bewachung bleiben und wieder hineingehen, sobald sie es dir befiehlt.« in die träge Stimme des Flamen schlich sich eine Drohung: »Gib wohl acht zu gehorchen, Zigeunerin, denn es bekommt einem schlecht, wenn man dem Herrn ungehorsam ist!« Cathérine legte alle wünschenswerte Demut in ihre Haltung und erwiderte bescheiden. »Ich werde gehorchen, Messire. Der Herr ist gut zu mir. Hat er sonst nichts gesagt?« Ihre bittenden blauen Augen kreuzten den grauen, unbeweglichen Blick Tristans und gewahrten in ihm ein schnelles Aufleuchten. »Doch. Er hat große Freude über deinen Wunsch bekundet, wieder ein normales Leben zu führen. Er läßt dir sagen, daß heute abend ein Fest beim König stattfindet, daß du aber zweifellos noch zu schwach seist, um vor dem Hof zu tanzen. Dafür wird der Herr heute nacht nach dem Fest kommen, um sich selbst von deiner glücklichen Gesundung zu überzeugen!« Ein unangenehmer Schauder glitt über Cathérines Haut. Sie hatte verstanden. Heute abend würde La Trémoille kommen, um die Rechte zu fordern, die er auf sie zu haben glaubte. Und da er nach einer langen, lustigen Abendgesellschaft käme, würde er betrunken sein, das war mehr als sicher, und infolgedessen für Verhandlungsversuche nicht ansprechbar. Die Aussicht hatte nichts Verführerisches an sich, und Cathérine spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. Inzwischen schritt Tristan, steif und hochmütig, wie es sich für den Bediensteten eines großen Hauses gehörte, der gezwungen war, sich mit niederem Volk abzugeben, zur Tür. Im Augenblick des Hinausgehens wandte er sich um und sagte, die Hand am Türflügel, lässig: »Ach, ich vergaß! Man hat deine persönlichen Sachen in den Almosenbeutel der Robe getan. Monseigneur ist zu gütig zu einem Mädchen deiner Sorte. Er hat darauf bestanden, daß man dir alles zurückgibt, was dir gehört!« Die Anwesenheit Chryssoulas hinderte Cathérine daran, sich sofort über die Kleider herzumachen und den Almosenbeutel zu durchsuchen. Alles, was ihr gehörte? Aber sie hatte doch nichts gehabt außer einem zerrissenen Hemd, als sie zu Gilles de Rais gekommen war? Abgesehen von den beiden Fläschchen Guillaumes des Malers natürlich, die sie in einer Tasche auf der Innenseite besagten Hemdes trug und die sie nach ihrem Bad in den weiß-grünen dalmatinischen Umhang gesteckt hatte, den man ihr gegeben hatte und den sie immer noch besaß. Wovon sprach Tristan also? Nach einem behutsamen Reinigungsprozeß, denn sie hatte den Eindruck, daß ihr Teint seit einigen Tagen etwas heller wurde und helle Stellen sich an ihren Haarwurzeln zeigten, schlüpfte sie in die Kleider, die Chryssoula ihr reichte und die einfach und proper, aber nicht unelegant waren. Eine Robe aus grauem Barchent, ein Hemd aus feinem Linnen, ein plissierter Brustschleier und eine Haube aus weißem Linnen, ein Gürtel und ein ziemlich großer Almosenbeutel aus Leder, der Cathérine seltsam prall vorkam. Offenbar wollte La Trémoille nicht, daß sie auffiel. Sie sollte sich unter die Dienerinnen mischen und in nichts die Aufmerksamkeit der Schloßbewohner erregen. Als sie den Almosenbeutel an den um ihre Hüften geschnallten Gürtel hängte, zitterten Cathérines Finger ein wenig. Sie verging fast vor Neugier, um so mehr, als die Dicke des Leders es ihr unmöglich machte zu erspüren, was drin war. Aber eine kleine Willensanstrengung genügte, um sich vorzeitige Nachforschungen zu versagen. Sie nahm statt dessen den weiten, ärmellosen Mantel aus feiner schwarzer Wolle, der als letztes ihrer Ausstattung hinzugefügt worden war, legte ihn sich um die Schultern und gab Chryssoula ein Zeichen, daß sie fertig sei. Die Alte öffnete die Tür und ging vor ihr her durch das riesige, prächtige Gemach des Großkämmerers, einen wahren Tempel aus Gold, in dem selbst die Bettvorhänge und die Kissen der Sessel im Widerschein des magischen Metalls glänzten. Dann traten sie auf die schmale Treppe des Schloßturms hinaus. Dort war es düster, und im Schutze ihres Mantels durchsuchte Cathérine hastig den Almosenbeutel. Er enthielt ein Taschentuch, einen Rosenkranz, einige Geldstücke; dann entdeckten ihre Finger eine kleine Pergamentrolle und schließlich einen Gegenstand, der sie vor Freude erbeben ließ, so daß sie zwei-, dreimal darüber hinstrich, um sich zu vergewissern, daß sie sich nicht irrte: ein Dolch! Der Sperberdolch der Montsalvys! Arnauds Dolch, den sie bei ihren Männerkleidern hatte lassen müssen! Inbrünstiger Dank stieg in Cathérines Herz für Tristan auf. Er hatte an alles gedacht! Er wachte wirklich gut über sie und hatte erraten, daß sie lieber zustoßen würde, als sich dem Großkämmerer hinzugeben! Mit beschwingten Schritten stieg sie die letzten Stufen der dunklen Treppe hinter Chryssoula hinab, die wie eine Maus vor ihr her trippelte. Sie war frei! Frei, zu leben oder zu sterben, frei, zu töten oder Gnade walten zu lassen! Als sie auf den Hof hinaustrat, sandte sie einen triumphierenden, frohen Blick zum weiten, heiteren Himmel empor, jetzt hatte sie das Mittel, ihren Feind zu schlagen, ihre Rache zu kühlen! Was spielte es für eine Rolle, was danach mit ihr geschah? Aber sie schwebte noch nicht hoch genug in den Wolken, um nicht brennend gern wissen zu wollen, was in diesem Pergamentröllchen stand. Zweifellos hatte Tristan ihr etwas Wichtiges mitzuteilen. Wie fing man es an, die Botschaft in Ruhe lesen zu können? Erklären, man sei müde und wolle wieder hinaufgehen? Jetzt schon? Das würde vielleicht Verdacht erwecken. Besser, sie wartete noch ein wenig. Eine halbe Stunde mehr oder weniger spielte zweifellos keine Rolle … Im riesigen Hof des Schlosses wimmelte es von Menschen, die geschäftig durcheinanderquirlten. Eine Kompanie Bogenschützen begab sich zu den Zinnen hinauf, und die Sonnenstrahlen ließen ihre Helme funkeln. Aus dem steil ansteigenden Torgewölbe, das durch ein jetzt hochgezogenes Fallgatter geschlossen werden konnte, tauchten knarrend mit Holz beladene Karren auf, um im Hof entladen zu werden. An ihnen vorbei stiegen Wäscherinnen zum Fluß hinunter, die mit Wäsche gefüllten Körbe kunstgerecht auf den Köpfen balancierend. Neben dem imposanten, aber strengen königlichen Logis erwarteten Jäger, bereits zu Pferd, Falken auf den mit dickem Leder behandschuhten Fäusten, offenbar einen anderen Jäger, zweifellos von hohem Rang, während eine Gruppe plappernder Hofdamen mit spitzen, schleierumwogten Hauben dem Obstgarten zustrebte. Cathérine, die alte Chryssoula auf den Fersen, irrte einen Augenblick inmitten dieses Gewimmels herum und genoß das einfache Vergnügen der Sonne auf ihren Schultern. Der Monat Mai breitete jetzt seine ganze blühende Seligkeit in Gestalt frischer Blumen aus, die den Obstgarten auf der langen, von Mauern umschlossenen Terrasse über der Loire schmückten. Es war, als würfe die Natur endlich den Alpdruck des Winters und des verspäteten Frühlings von sich, als versuche die geschundene Erde des Königreichs, Rache zu nehmen für all die Verwüstungen, die vielen Tränen und das vergossene Blut. Und Cathérine entdeckte mit Erstaunen, daß im Schatten dieser Festung die Rosen noch Knospen trieben. Es war so lange her, daß sie eine Rose gesehen hatte! Vom durch die niedrige Pforte leuchtenden frischen Grün des Obstgartens angezogen, ging sie sachte darauf zu, als einige von Pagen begleitete Damen herauskamen, in der Mehrzahl junge Mädchen, die Blumenkränze auf ihrem langen, gelösten Haar und gleichartige hellblaue Kleider trugen. Sie umgaben eine große, stolze und prächtige Frau, deren hochmütige Schönheit durch eine prunkvolle Robe aus orange- und goldfarbenem Brokat noch erhöht wurde. Der schwere Stoff schien aus demselben Material gewoben zu sein wie ihr üppiges rötliches Haar. Saphire blitzten an ihrer tiefdekolletierten Brust und der riesigen Haube, die das Haupt königlich krönte. Jedermann machte ihr auf ihrem Wege Platz und grüßte respektvoll. Cathérine hätte diese Frau zweifellos für die Königin persönlich gehalten, wenn sie sie nicht wiedererkannt hätte und ihr Herz nicht sofort vor Bitterkeit angeschwollen wäre. Wie festgenagelt im Staub des Hofes stehend, sah sie mit vor Haß funkelnden Augen der holden, blaugekleideten Schar der die Dame La Trémoille umschwärmenden Ehrendamen entgegen, jene Frau, die es gewagt hatte, Arnaud zu lieben und ihn foltern zu lassen, weil er sie abgewiesen hatte, sie, der Cathérine den Tod geschworen hatte! Sie merkte, wie Chryssoula unruhig an ihrem Überhang zupfte, aber sie war unfähig, sich von der Stelle zu rühren. Noch nie war Cathérine von einem so rohen, so brutalen Verlangen, zu töten, durchdrungen gewesen. So starr war ihre Unbeweglichkeit, daß die große, rothaarige Frau auf sie aufmerksam wurde. Sie runzelte die Stirn und rief ihr mit einer herrischen Bewegung zu: »He! Das Mädchen da! Komm mal her!« Weder für Gold noch für Silber hätte Cathérine auch nur einen Schritt tun können. Sie war wie versteinert. Nur ihre zornsprühenden Augen lebten noch, doch hinter ihrer Schulter spürte sie, wie Chryssoula zitterte. Eine der jungen Damen des Gefolges mußte die alte Griechin erkannt haben, denn sie murmelte einige Worte ins Ohr ihrer Herrin, deren schöne Lippen sich zu einem verächtlichen Lächeln schürzten, während sie gleichzeitig die Schultern hob. »Ah, ich verstehe! Wieder eins der Freudenmädchen, mit denen mein Gemahl sich vergnügt! Meinen Segen hat er, wenn er sich in solch schlechter Gesellschaft herumtreibt!« Und die prächtige Gruppe verschwand im königlichen Logis, ohne sich weiter um Cathérine zu kümmern. Die Alte zerrte so heftig an ihr, daß sie sich schließlich in Bewegung setzte und sich widerstandslos zum Schloßturm führen ließ. Dabei dachte sie, daß sie an dem Tag, an dem sie La Trémoille töten würde, auch noch Zeit finden müsse, sich um seine Frau zu kümmern. Sie war gerade im Begriff, mit ihrer Bewacherin die niedrige Tür zu durchschreiten, als sie sich plötzlich von zwei kräftigen Händen gepackt fühlte, so daß sie sich einmal um sich selbst drehte. Trotz seiner beschmutzten und abgetragenen bäuerlichen Kleidung erkannte sie Fero und unterdrückte einen Schreckensruf, so verklärt war das Gesicht des Zigeuneranführers. »Seit Tagen irrte ich um dieses Schloß herum, sinnierte, wie ich in diesen Hof eindringen könnte, weil ich hoffte, dich wiederzusehen, von dir zu hören. Und jetzt sehe ich dich!« »Geh, Fero«, rief sie. »Du darfst nicht hierbleiben! Die Zigeuner haben hier keinen Zutritt ohne besondere Erlaubnis. Wenn man dich erwischt …« »Das ist mir gleich! Ich konnte nicht mehr leben, ohne dich wiederzusehen! Das Gift der Liebe ist in mir, Tchalaï, es brennt in meiner Seele und in meinem Blut … und du hast es mir eingeflößt!« Man konnte sich unmöglich über die Leidenschaft täuschen, die im Blick des jungen Zigeuners loderte. Cathérine war von Entsetzen erfüllt, um so mehr als die alte Chryssoula sich vergeblich bemühte, Feros Hände wegzureißen, und unartikulierte Schreie ausstieß. »Um Himmels willen, geh! Wenn die Wachen …« Sie hatte das Wort kaum ausgesprochen, als eine Rotte Bogenschützen herausstürmte, von den Schreien der Alten angezogen. Chryssoula mußte ihnen bekannt sein, denn sie gehorchten ohne Widerrede dem Befehl, den sie ihnen mit zwei Gesten gab. Die eine wies auf Fero, die andere auf das Schloßportal. Von vier stämmigen Kerlen gepackt, wurde der Zigeuneranführer gewaltsam zum Ausgang gezogen. »Ich liebe dich! Du bist meine Frau! Ich komme wieder!« rief er über die Schulter zurück. Im nächsten Augenblick war er verschwunden, und Cathérine, trotz allem erleichtert, folgte gehorsam Chryssoula, die Anzeichen großer Erregung von sich gab. Der kurze Spaziergang, den der Herr erlaubt hatte, war für ihren Geschmack allzu ergiebig an beunruhigenden Ereignissen gewesen. Einige Minuten später fand Cathérine sich in ihrer Kammer wieder, doppelt eingeschlossen … aber allein, glücklicherweise allein! Im Nu vergaß sie Fero und nahm die Gelegenheit wahr, den Inhalt ihres Almosenbeutels aufs Bett zu leeren. Sodann griff sie nach der kleinen Pergamentrolle und las, was Tristan geschrieben hatte: »Habt keine Sorge um Sara. Ich weiß, wo sie ist, und wache über sie, wie ich über Euch wache!« Cathérine stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Diese wenigen Zeilen löschten die Drohung Gilles de Rais' kategorisch aus. Keinen Augenblick hegte die junge Frau Zweifel an Tristans Versicherung. Es steckten in dem seltsamen Stallmeister des Konnetabels de Richemont eine Willenskraft, eine ruhige Stärke, denen sie sich vertrauensvoll unterwarf. Sie hielt den Mann, der, von den Leuten Gilles de Rais' gehetzt, Mittel und Wege gefunden hatte, ihnen nicht nur zu entwischen, sondern sich sogar als Lakai in den Haushalt des Großkämmerers einzuschmuggeln, zu allem fähig. Wenn Tristan L'Hermite Sara unter seinen Schutz nahm, brauchte sie sich keine Sorgen zu machen … Mit freierem Kopf ließ sie die langweiligen Stunden des Tages an sich vorüberfließen. Ihre Tür öffnete sich nicht mehr, bis die Abendschatten in ihre Kammer gedrungen waren. Dann kam Chryssoula, um die Kerzen anzuzünden und das Abendessen zu bringen, das diesmal jedoch keine Botschaft enthielt. Doch als Cathérine ihr Mahl beendet hatte und die alte Sklavin sich zurückziehen wollte, kam ihre Schwester herein. Beide machten sich an Cathérines Toilette. Sie wurde gewaschen, parfümiert, mit einer Nachtrobe aus feinem weißem Musselin bekleidet, die ihren Körper nur wie in eine leichte Wolke hüllte, und dann sorgsam ins Bett gebracht, dessen Linnenlaken abgezogen und durch purpurrote Seidenlaken ersetzt worden waren. Alle diese Vorbereitungen ließen die junge Frau erzittern. Sie waren nur zu bedeutungsvoll. Man machte sie zurecht, wie es dem orientalischen Geschmack ihres neuen Herrn am angenehmsten war. Bald würde sich die Pforte, durch die die beiden Frauen jetzt verschwanden, wieder öffnen, um die korpulente, prächtig aufgeputzte Gestalt des Großkämmerers einzulassen. Als sie an den grobschlächtigen, widerlich fetten Körper dachte, der sich über sie wälzen würde, wurde Cathérine übel, und sie schloß die Augen. Sie vergegenwärtigte sich den schlaffen Mund, die verdorbenen Zähne, den übertrieben parfümierten Bart. Schnell sprang sie aus dem Bett, lief zu ihrem Almosenbeutel, zog den Dolch heraus und schob ihn in Reichweite ihrer Hand unters Kopfkissen. Und schon fühlte sie sich beruhigt. Was hatte sie von nun an noch zu fürchten? Wenn La Trémoille sich über sie würfe, würde der Dolch Arnauds zustoßen, und alles wäre vorbei. Zweifellos käme sie hier nicht lebend heraus … es sei denn, Tristan, der ihr die Waffe in einer bestimmten Absicht übermittelt hatte, hätte für ihre Flucht vorgesorgt. Wenn sie ihn nur einen Augenblick hätte sprechen können! Vielleicht hielt er sich ganz in der Nähe auf, darauf wartend, daß sich in dieser Kammer etwas zutrüge … Die Stunden verrannen, ohne daß sich etwas ereignete. Regungslos auf ihrem Bett ausgestreckt, nahm Cathérine undeutlich den fernen Trubel des königlichen Festes wahr. Rufe, Gelächter, Trinklieder. Die fromme Königin Marie, Gemahlin Karls VII., wurde in Kürze aus Bourges erwartet. Der König machte sich ihre Abwesenheit offenbar zunutze, indem er sich vor ihrer Ankunft mit seinen Kumpanen noch einmal den üblichen Vergnügungen hingab … Cathérine hörte, wie Mitternacht ausgerufen wurde, dann folgte die Ablösung der Bogenschützenwache. Wie lange mußte sie wohl noch warten? Die Kerzen brannten schon herunter, bald würden sie ausgehen … Vielleicht war La Trémoille zu betrunken, um sich seiner Verabredung mit ihr zu erinnern? Schon wiegte sich die junge Frau in dieser angenehmen Illusion, als sie plötzlich auffuhr, einen Schrei unterdrückend. Die Tür ihrer Kammer öffnete sich sacht … Instinktiv stieg ein stummes Gebet in ihr auf, kam aber schnell zu Ende. Es war nicht der Großkämmerer, sondern ein junges, mit Blumen bekränztes und in blaue Seide gekleidetes Mädchen, eins aus dem Gefolge der Dame de La Trémoille. In der Hand hielt es einen brennenden Leuchter, den es auf die Truhe stellte. Einen Augenblick musterten sie sich, das schöne junge Mädchen am Fuß des Bettes und Cathérine, die sich aufgerichtet hatte. Die eine mit verächtlicher Neugier, die andere mit unverhohlener Überraschung. Endlich öffnete das Mädchen den Mund. »Steh auf«, befahl sie. »Meine Gebieterin möchte dich sprechen!« »Mich? Aber ich muß hier warten …« »Auf Monseigneur? Ich weiß. Aber nimm davon Kenntnis, Zigeunerin, wenn meine Herrin befiehlt, fügt sich sogar der Großkämmerer. Zieh dich an und folge mir! Ich erwarte dich draußen! Aber beeile dich, wenn dir dein Rücken lieb ist! Die Herrin ist nicht geduldig!« fügte sie anmaßend hinzu. Das junge Mädchen ging hinaus, ließ Cathérine sprachlos und unschlüssig zurück. Was wollte die Dame de La Trémoille von ihr? Was bedeutete dieser Befehl, mitten in der Nacht überbracht, der alle ihre Pläne über den Haufen zu werfen drohte? Sollte sie gehorchen? Doch wenn sie nicht gehorchte, mit welcher Begründung konnte sie sich weigern? Cathérine entschied, daß sie keine Wahl hatte und daß sie vermutlich nicht allzuviel dabei riskierte, wenn sie zu erfahren suchte, was man von ihr wollte. Für die hochmütige Gräfin war sie alles in allem nur eine Zigeunerin, für die Vergnügungen ihres Gemahls bestimmt, weniger als ein Hund, eine Sache, ein Wesen, auf das sie bestimmt nicht eifersüchtig war. Die zahlreichen Geliebten Cathérine de La Trémoilles hätten sie eigentlich dieser Art von Gefühlen gegenüber unempfindlich machen müssen. Konnte man denn auf einen Berg von Fett eifersüchtig sein? Wie es hieß, wurde ihre Ehe nur durch ihre gemeinsame Gier nach Gold, Macht und Ausschweifungen zusammengehalten. Aber am meisten schätzte die Dame das Gold. Cathérine erinnerte sich an etwas, was man ihr einmal erzählt hatte. Als man ihren zweiten Mann, den diabolischen Pfarrer de Giac, mitten in der Nacht und in seinem eigenen Bett verhaftete, habe die einzige Sorge der schönen Gräfin dem kostbaren Tafelgeschirr gegolten, über das die mit der Verhaftung beauftragten Soldaten hergefallen seien. Während man ihren Mann seinem tragischen Schicksal entgegenführte, sei die damalige Dame de Giac aus dem Bett gesprungen, splitternackt wie Mutter Eva, und habe die Diebe in diesem dürftigen Zustand durch die Gänge und Korridore des Schlosses von Issoudun verfolgt … In wenigen Augenblicken war Cathérine fertig. Sie hängte den Almosenbeutel an ihren Gürtel, doch den Dolch schob sie in ihr Mieder. Es verging noch kurze Zeit, bis Tristans Zettel im Kamin verbrannte. Den Überhang über die Schultern werfend, öffnete sie schließlich entschlossen die Tür. »Ich bin bereit«, sagte sie. Wortlos erhob sich das wartende junge Mädchen, das lässig auf einer mit Kissen belegten Bank gesessen hatte, nahm den Leuchter wieder auf und wandte sich der Treppe zu, wo die Wachen standen. Hinter ihr überquerte Cathérine den vom Lichtschein aus den Fenstern der königlichen Gemächer erhellten Hof. Beim überschreiten der Schwelle des Königslogis, die von zwei Eisenstatuen bewacht wurde, hatte Cathérine den Eindruck, in ein riesiges, hohles Schneckengehäuse zu treten, so sehr hallten die Geräusche des Festes in ihm wider. Trotz der Dicke der Mauern tobten die Violen, Hörner und Lauten, übertönten den Tumult der Stimmen, das lärmende Gelächter, die freudigen Rufe, überall waren Fackeln, riesige Kerzen, die ein warmes, goldenes Licht verströmten. Cathérine beruhigte sich. Wollte man sie mitten in die Festlichkeiten hineinwerfen wie einen Nachtvogel, den man plötzlich aus dem Dunkel riß und in die Sonne schleuderte? Nein … ihre Führerin ging am königlichen Stockwerk vorüber, das beinahe ganz von dem riesigen Festsaal eingenommen wurde, und hieß sie höher steigen, fast bis zum Dachstuhl des Schlosses hinauf. Dort stieß das junge Mädchen eine niedrige Tür auf, die sich plötzlich ins Dunkel eines Ganges öffnete, und Cathérine fand sich mitten in einem Zimmer von ziemlich beschränktem Ausmaß, das jedoch wie ein Reliquienschrein wirkte, so sehr verhüllte der samtene grüne Tapetenstoff die Wände, von denen nicht ein Stück mehr zu sehen war. Dicke, schillernde Teppiche bedeckten den Boden. Trotz der sehr milden Außentemperatur brannte ein riesiges Feuer im Kamin und schien sich seltsamerweise auf die Wandbehänge zu übertragen, auf die lange goldene Flammenzungen gestickt waren. Inmitten dieses merkwürdigen, prunkvollen Raums, der mit Kostbarkeiten vollgestopft war, stand aufrecht Cathérine de La Trémoille im Kreis ihrer Damen, von denen einige lässig auf dem Boden saßen, Laute spielend oder Süßigkeiten knabbernd. Diesmal war die schöne Gräfin nur in blaue, sehr durchscheinende Seide gekleidet, über der sich die Masse ihres fahlroten Haares türmte. Der wolkige Stoff verbarg die üppigen Formen ihres Körpers nicht allzusehr, aber das schien sie nicht zu stören. Cathérine wurde sich beim ersten Blick bewußt, wie erregt sie war, denn sie biß sich auf die Lippen und schlang nervös die Finger ineinander, während sie auf und ab schritt. »Hier ist das Mädchen, holde Dame!« sagte Cathérines Führerin von der Schwelle. Die Dame de La Trémoille stieß einen Ruf der Befriedigung aus und deutete dann mit einer herrischen Bewegung auf die Tür. »Alle hinaus! Geht schlafen! Und stört mich unter keinen Umständen!« »Auch ich nicht?« fragte gekränkt das junge Mädchen, das Cathérine hergeführt hatte und das die Favoritin sein mußte. »Auch du nicht, Violaine! Ich möchte mit diesem Mädchen allein sein. Wache draußen, daß niemand überraschend eintritt. Ich werde dich rufen, wenn ich dich brauche.« Violaine ging widerwillig hinaus und schloß die Tür hinter sich. Die anderen hatten sich bereits verzogen. Die beiden Gegnerinnen, die große Dame und die falsche Zigeunerin, blieben in schweigendem Gegenüber allein zurück. Sie musterten sich … Mit wilder aber sehr femininer Freude entdeckte Cathérine, daß die Schönheit ihrer Rivalin schon verwelkte. Winzige Fältchen in Augen- und Mundwinkeln verrieten es, die Haut war sehr weiß und zart wie Samt, aber blaue Ringe umgaben die graugrünen Augen. Fett hatte sich an den Hüften und den langen Schenkeln angesetzt und machte die Brüste schwer, die ein wenig hingen. Die schöne Rothaarige lebte zu verweichlicht, zu luxuriös, zu ausschweifend. Ausschweifung und Wollust drückten ihr ein unauslöschliches Siegel auf … Aber Cathérine hütete sich wohl, die Genugtuung, die sie empfand, zu zeigen. Sie bemerkte sehr genau den Blick, der prüfend über sie hinglitt, sie ungeniert auszog. Sie errötete, als sie die trockene Stimme der Dame ausrufen hörte. »Auf was wartest du, um vor mir niederzuknien? Ist dein Rückgrat so steif, daß es dich hindert, deine Herrin zu grüßen?« Cathérine biß sich auf die Lippen und schalt sich im stillen eine dumme Gans. Wie hatte sie so sehr aus ihrer Rolle fallen können, daß sie die Gräfin um ein Haar als Gleichberechtigte angesprochen hätte? Sie beeilte sich zu gehorchen, neigte den Kopf und murmelte, ihre Verlegenheit mit einer Notlüge bemäntelnd: »Verzeiht mir, edle Dame, aber ich hatte einen Augenblick vergessen, wo ich war. Meine Augen waren geblendet! Ich glaubte mich am Wohnsitz der Königin der Keshaiyi, der Feen unseres Volkes.« Ein hochmütiges Lächeln der Befriedigung hellte das übellaunige Gesicht der Dame auf. Bei ihrer niederen Herkunft gefiel ihr jede Schmeichelei, und mochte sie noch so dick aufgetragen sein. »Steh auf!« sagte sie zu ihr. »Oder setz dich auf dieses Kissen. Was ich dir zu sagen habe, kann lange dauern.« Sie wies auf ein auf den Stufen ihres Bettes liegendes Kissen. Cathérine ließ sich darauf gleiten, während die Gräfin sich aufs Bett setzte. Ihr Blick lag unverwandt auf Cathérines Gesicht, es so eingehend betrachtend, daß es schon peinlich wurde. Nach einem Augenblick, welcher der jungen Frau eine ganze Ewigkeit schien, murmelte die schöne Gräfin: »Du bist wirklich sehr schön … zu schön! Du wirst nicht zum Großkämmerer zurückgehen! Du könntest auf lange Sicht gefährlich werden, denn was die Frauen anlangt, ist er dumm. Und du, du machst mir einen intelligenten Eindruck.« »Was soll ich dann tun?« wagte Cathérine zu fragen. »Wenn ich nicht zurückkehre, riskiere ich …« »Nichts riskierst du! Wenn du mir angemessen dienst, werde ich dich vielleicht behalten, und du wirst nichts zu befürchten haben. Wenn nicht …« Der in der Schwebe gelassene Satz klang so drohend, daß es Cathérine nicht danach verlangte, sein Ende wissen zu wollen. Sie mußte sehr aufpassen, geschickt manövrieren und keine Fehler begehen. Sie begnügte sich, demütig den Kopf zu senken und darauf zu warten, was folgte. »Ich werde mein Bestes tun«, sagte sie nur. Die Dame de La Trémoille nahm sich Zeit. Nachdenklich griff sie nach einem mit Wein gefüllten Pokal, der auf den Stufen ihres Bettes stand, und leerte ihn langsam bis auf den letzten Tropfen. Dann stellte sie den leeren Pokal wieder zurück, wandte ihr vom Wein leicht gerötetes Gesicht Cathérine zu, und ihre Augen funkelten. »Es heißt, daß die Frauen deiner Rasse in der Zauberei, im Wahrsagen und im Zusammenstellen seltsamer Arzneitränke bewandert seien. Es heißt, ihr könntet in die Zukunft sehen, ihr könntet das Unglück und den Tod berufen … oder die Lieb. Stimmt das?« »Vielleicht …«, antwortete Cathérine vorsichtig. Sie begann zu verstehen, worauf die andere hinauswollte, und dachte, daß da vielleicht eine Chance für sie läge. Wenn diese habsüchtige und perverse Frau an ihre Geschicklichkeit und Ergebenheit glaubte, konnte sie sie vielleicht dahin bringen, wohin sie sie haben wollte, und ihren Mann dazu. »Kennst du«, nahm die Gräfin das Gespräch mit leiserer Stimme wieder auf, »den Zaubertrank, der die Liebe gibt, der das Feuer durch die Adern rinnen läßt, der den Verstand, die Scham, ja selbst den Widerwillen ausschaltet? Kennst du diese magische Mixtur, die ein Wesen einem anderen ausliefert?« Cathérine hob den Kopf und zwang ihren Blick, sich mit dem ihrer Feindin zu kreuzen. Sie erinnerte sich an das glühende Erlebnis, das sie in den Armen Feros gehabt hatte, und brauchte kaum zu lügen, als sie bejahte. »Ja, ich kenne sie. Das Liebesbedürfnis, das sie erweckt, wird zur Qual und verzehrt den ganzen Körper, wenn man es nicht befriedigt. Es gibt niemand, Mann oder Frau, der ihm widerstehen könnte.« Ein triumphierendes Leuchten glitt über das gierige Gesicht, das sich ihr zuwandte. Plötzlich schnellte die Gräfin hoch, eilte zur anderen Seite des Zimmers, öffnete eine Truhe, wühlte darin und zog die mit Goldstücken gefüllten Hände wieder heraus. »Sieh her, Zigeunermädchen! Dieses ganze Gold wird dir gehören, wenn du mir diesen Zaubertrank verschaffst!« Langsam schüttelte Cathérine den Kopf. Ihr geringschätziges Lächeln bewirkte, daß die Dame La Trémoille den Goldregen klirrend in die Truhe zurückrieseln ließ. »Du willst nicht?« fragte sie ungläubig. »Nein! Gold kommt und vergeht mit dem Wind. Viel kostbarer, edle Dame, ist Euer Schutz. Schenkt mir Euer Vertrauen, laßt mich Euch dienen … und ich werde viel besser bezahlt sein!« »Beim Haupte meiner Mutter! Zigeunermädchen, du sprichst kühn, und du gefällst mir! Wie heißt du?« »Man nennt mich Tchalaï. Für Euch ein barbarischer Name!« »Ein fremder Name! Hör zu, ich habe dir gesagt, daß du mir gefällst. Gib mir den Trank, um den ich dich bitte.« »Ich habe ihn nicht bei mir, und um ihn zusammenzustellen, sind zwei Dinge nötig.« Die Gräfin stürzte sich auf sie, drückte der jungen Frau heftig die Hände, wie von einer geheimnisvollen Leidenschaft besessen. »Sprich! Du sollst alles haben, was du willst!« »Ich muß zu den Meinen zurückkehren … oh, nicht lange«, fügte sie schnell hinzu, als sie sah, wie die andere die Stirn runzelte, »nur kurz, um gewisse Dinge zu holen …« »Einverstanden! Bei Tagesanbruch, wenn die Tore geöffnet werden, lass' ich dich zum Lager eskortieren. Nimm dich in acht, versuche nicht zu entfliehen. Die dich begleitenden Bogenschützen werden den Befehl haben zu schießen!« Cathérine hob geringschätzig die Schultern. »Wozu? Mir gefällt es in diesem Schloß …« »Sehr gut. Und die andere Bedingung?« »Ich muß wissen, für wen dieser Trank bestimmt ist. Damit er seine ganze Wirkung tut, muß man eine Beschwörung hinzufügen, in die man den Namen dessen mischt, der ihn trinken soll!« Es folgte Schweigen. Cathérine erriet, daß dieser Teil ihrer Forderungen mißfiel, aber da sie ihre Gegnerin kannte, wollte sie wissen, welcher Mann in der Gräfin eine Leidenschaft hatte wecken können, die so übermächtig war, daß sie sich um die Hilfe einer Zigeunerin bemühte. Möglicherweise gab es eine wirksame Waffe ab. Im nächsten Moment schon zerrte die Dame de La Trémoille einen schwarzen Samtumhang aus einer Truhe und warf ihn sich um die Schultern. Dann nahm sie hastig ihr Haar zusammen, steckte es fest und legte einen Silberschleier darüber. Darauf drehte sie sich zu Cathérine um. »Komm mit! Du sollst sehen!« Eine Fackel ergreifend, zog sie Cathérine mit sich aus dem Zimmer. Im Flur fand die Gräfin die treu auf ihrem Posten ausharrende Violaine und schickte sie schlafen, dann ging sie der Treppe zu. Doch statt zum großen Saal hinunterzusteigen, stieß sie eine in die Mauer eingelassene kleine Pforte auf und glitt, Cathérine auf den Fersen, in einen schmalen, in die mächtige Mauer eingelassenen schlauchartigen Gang, der der jungen Frau endlos lang vorkam. Er schien in seiner ganzen Länge am Deckengewölbe des großen Saals entlangzuführen. Die Luft in ihm war kalt, feucht, und die Fackel in der Hand der Gräfin rauchte. Beinah am Ende angelangt, blieb sie stehen, reichte Cathérine die Fackel und tastete suchend über die Mauer. Eine kleine Platte glitt zur Seite und legte eine schmale Öffnung bloß, die kunstvoll aus dem Gewölbe herausgehauen und ohne Zweifel gut versteckt war. Das Gelärm des Festes, das schon gedämpft bis in den Gang gedrungen war, wurde betäubend. Die Gräfin zog Cathérine am Arm. »Schau zum Kamin hin. Siehst du König Karl?« Cathérine beugte sich vor und sah in der Tat auf einem hohen, vergoldeten Sessel unter einem blauen Thronhimmel einen Mann, der über seinem braunen Filzhut eine goldene Krone trug, und sie er kannte den König. Er hatte sich seit der Zeit der Jungfrau von Orléans nicht viel verändert. Sein langgezogenes, trübseliges Gesicht und die meergrünen, vorquellenden Augen waren noch immer die gleichen, aber er wirkte weniger mager. Seine Figur war fülliger, und sein Blick hatte den gehetzten, bei einem König so tragischen Ausdruck verloren. In diesem Augenblick lächelte er einem sehr schönen jungen Mann zu, achtzehn oder neunzehn Jahre alt, der, auf Kissen halb hingelagert, zu seinen Füßen auf den Stufen des Thrones saß. Cathérine fand diesen Jungen ungewöhnlich schön, aber sie fand auch etwas Feminines in seiner Vollkommenheit. Zweifellos war das auf seine Jugend zurückzuführen, denn er schien groß, kräftig und wohlgeformt, wenn auch allzu anmutig. Das Lächeln war ein Wunder an Verführung … Hinter ihrem Rücken hörte sie die drängende Stimme der Gräfin, die ihr zuflüsterte: »Siehst du den Jüngling zu Füßen unserer Majestät?« »Ich sehe ihn. Ist es …« »Ja, das ist er! Er ist der Bruder der Königin: Charles d'Anjou, Graf von Maine.« Cathérine unterdrückte noch rechtzeitig einen Ausruf der Verblüffung. Der Bruder der Königin, also der letzte der Söhne Königin Yolandes. Der berühmte Graf von Maine, dessen Charme und Tapferkeit sie in Angers hatte rühmen hören! Und in diesen jungen Mann, noch kaum dem Jünglingsalter entwachsen, hatte sich die Dame de La Trémoille verliebt? Sie war mindestens zwanzig Jahre älter als er … Eine Schar von Tänzern in buntschillernden Kostümen flutete gegen die Stufen des Throns, doch schon glitt die kleine Platte zurück. Das Fest entschwand den Augen Cathérines. Sie hatte nicht einmal La Trémoille gesehen. Sie war mit der Gräfin wieder allein in dem engen Gang. Deren Gesicht, durch die Leidenschaft verzerrt, kam ihr in dem unsicheren Licht der Fackel plötzlich häßlich vor. Unwillkürlich stellte sie sich vor, was aus dieser Frau werden würde, wenn das Alter bei ihr seine Verwüstungen angerichtet hätte. Eine abscheuliche Hexe! … Aber das Spiel war schon zu weit gediehen, sie mußte es zu Ende spielen. Sie blickte die Gräfin unschuldig an. »Und … er liebt Euch nicht?« fragte sie in naivem Ton, der durchblicken ließ, wie unverständlich sie das fand. »Nein. Er spielt mir eine Komödie großer Gefühle vor, spricht von Ritterehre und schiebt immer meinen Gatten vor … als ob diese Leute der Königin Yolande jemals etwas anderes für ihn empfunden hätten als Haß! … ich fürchte, er hat irgendein Jüngferchen im Kopf. Und ich will, daß er mich liebt, verstehst du, Tschalaï! Ich will, daß er mir gehört … wenigstens eine Nacht! Dann wüßte ich schon, wie ich ihn an mich fesseln könnte!« Cathérine antwortete nicht. Gewiß, der höllische Trank Tereinas könnte der Dame de La Trémoille die Liebesnacht verschaffen, die sie wünschte, aber sie empfand plötzlich einen Widerwillen, ihn ihr zu besorgen. Dieser frische, charmante Junge, so jugendlich, heiter und rein – sie konnte ihn sich nur mit Entsetzen in den Armen dieser überreifen Frau vorstellen! Ihr kam es wie eine Schändung, eine Entweihung vor … Aber die andere drängte von neuem. »Ich habe getan, um was du mich batest, Zigeunermädchen. Morgen, beim Morgengrauen, wird man dich zu deinem Lager führen, damit du holst, was du brauchst. Halte also dein Versprechen.« Cathérine schüttelte mit einer Willensanstrengung den peinlichen Eindruck ab, von dem sie befallen wurde. Was machte es schon alles in allem aus, wenn der Junge eine Nacht mit dieser Frau verbrachte? Zweifellos war es die Liebe der Gräfin, die ihn bislang vor dem Zorn La Trémoilles bewahrt hatte, denn sie wußte sehr wohl, wie lästig die Anwesenheit des jungen Grafen in des Königs Nähe dem Großkämmerer war. Sie hob den Kopf und blickte der Dame direkt ins Gesicht. »Ich werde mein Versprechen halten«, versicherte sie. »Gut, gehen wir zurück! Du wirst bis zum Morgengrauen auf Kissen am Fuße meines Bettes schlafen.« Eine hinter der anderen verließen sie den schmalen Steingang. Auf dem Lager, das man ihr aus Kissen zurechtgemacht hatte, damit rechnend, daß man sie im Ankleidekabinett der Gräfin unterbringen würde, schlief Cathérine schlecht. Sie war nervös und unruhig, machte sich Sorgen, wie La Trémoille reagieren würde, wenn er ihr Verschwinden entdeckte, und dann war es zu heiß, zu drückend in dieser luftlosen, von starken Parfümen durchtränkten Kammer. Trotz allem schlief sie schließlich ein, doch als am frühen Morgen Violaine hereinkam, um sie zu wecken, hatte sie Kopfschmerzen und fühlte sich vor Müdigkeit ganz zerschlagen. Sie brauchte einen Augenblick, um sich zu erinnern, was sich zuvor zugetragen hatte. »Los!« sagte die Ehrendame trocken. »Aufstehen! Unten warten ein Sergeant und zwei Bogenschützen, um dich zum Lager deiner Leute zu begleiten.« Cathérine stand auf und wusch sich mit etwas Wasser die Augen. Der unverschämte Ton Violaines reizte sie, aber womit könnte sie sie zurechtweisen? Ganz offensichtlich hatte die Favoritin der Gräfin keine Sympathien für sie. Diese Neue, außerdem noch aus den Niederungen der Gesellschaft kommend, erregte ihren Zorn. Die Dame La Trémoille schlief noch, und nicht gerade darauf erpicht, sie durch den Lärm eines Streites zu wecken, beeilte Cathérine sich. Einen Augenblick später trottete sie neben einem großen, bärtigen, mürrischen und von seinem Auftrag durchaus nicht erfreuten Sergeanten, den zwei Bogenschützen begleiteten, durch den großen Hof in Richtung der Auffahrtsrampe. Das Morgenrot zündete den Himmel der aufgehenden Sonne entgegen an, und von der feuchten Erde stieg erquickende Frische auf. Sofort fühlte Cathérine sich besser, ihr Kopf war klarer und ihr Geist frei. Der Morgenwind schien gut nach den Tagen, in denen sie eingesperrt gewesen war … Jedoch im Augenblick beschäftigte sie ein Problem. Würde es ihr gelingen, Tereina zu sehen, ohne daß Fero von ihrer Anwesenheit erfuhr? Dies schien ziemlich unwahrscheinlich, und in diesem Fall müßte sie sich bestimmt aufs Verhandeln verlegen. Die Narrheit, die er begangen hatte, als der Zigeuner tags zuvor auf der Suche nach ihr in die Umwallung des Schlosses eingedrungen war, ließ vermuten, daß noch weitere Verrücktheiten folgen würden. Würde er nicht versuchen, sie den Bewaffneten, die den Auftrag hatten, sie zu bewachen, zu entreißen? Die Strecke zum Lager der Zigeuner war nicht lang. Wenn man einmal die Schießscharten des Eingangs passiert hatte, brauchte man nur in den Schloßgraben hinunterzuklettern, und Cathérine hatte nicht mehr viel Zeit, sich Fragen zu stellen. Außerdem wurden Cathérines Gedanken sofort abgelenkt. Sie glaubte, in dieser frühen Morgenstunde das Lager noch schlafend vorzufinden. Aber es herrschte eine ungewöhnliche Betriebsamkeit. Die Frauen waren schon dabei, die Feuer anzuzünden und Wasser aus dem Fluß zu holen, doch die Alten und die Männer waren um den Karren der alten Phuri Daï versammelt. Sie bildeten eine schweigsame, trübsinnige Gruppe, von der drückende Traurigkeit ausging. Einen Augenblick glaubte Cathérine, die Alte sei gestorben, aber bald erblickte sie sie, in einen Haufen Lumpen gehüllt und auf dem Boden sitzend. Alle hatten den Kopf erhoben und blickten mit offensichtlicher Furcht zum Schloß empor. Fero war nicht dabei. Cathérines Ankunft, die gut gekleidet und von Bewaffneten eskortiert war, rief Verblüffung und Angst unter den Zigeunern hervor. Was wollte sie von ihnen, diese Unbekannte, durch Barmherzigkeit im Stamm Wiederaufgenommene, die es wagte, sich mit den Soldaten hier zu zeigen? Schon gingen einige Männer mit drohenden Blicken auf sie zu, aber Tereina, die neben einem Kochkessel, unter dem sie das Feuer angefacht hatte, saß, hatte sie auch erkannt, sie, die sie ihre Schwester nannte, und eilte mit freudestrahlendem Gesicht auf sie zu. »Tchalaï! Du bist wieder da! Ich habe nicht erwartet, dich wiederzusehen!« »Ich bin nur auf einen Augenblick zurückgekommen, Tereina! Und einzig allein, um dich zu sehen. Ich muß dich um etwas bitten, und … wie du siehst, werde ich bewacht.« Tatsächlich mußte die Aufregung des Zigeunerlagers dem Sergeanten wenig gefallen, denn er betrachtete die braunen Gesichter mit sichtlichem Mißtrauen, die Hand auf seinen Degen gelegt. Was die Bogenschützen anlangte, so übersahen ihre scharfen Augen keine Bewegung der Menge, und schon waren die Pfeile aus den Köchern gezogen. Tereina warf ihnen einen ängstlichen Blick zu und sagte betrübt: »Ach! Ich hoffte, du würdest uns Nachricht über Fero bringen!« Trotz der drohenden Haltung der Bewaffneten hatten sich die Zigeuner den beiden Frauen genähert, so weit jedenfalls, um zu hören, was sie sagten. Einer rief: »Ja, Fero, unser Anführer! Sag uns, was ihm zugestoßen ist, sonst …« »Schweigt«, unterbrach Tereina sie zornig. »Droht ihr nicht! Vergeßt ihr, daß sie nach dem Gesetz seine Frau ist? …« »Und daß meine Leute gut schießen!« brummte der Sergeant. »Zurück, ihr anderen! Nichts darf dieser Frau geschehen, außer, sie versucht zu fliehen!« Schon zog er seinen Degen. Die Zigeuner traten zurück, bleckten die Zähne wie geschlagene Hunde. Der Kreis um die beiden Frauen und die Soldaten erweiterte sich. »Ich weiß nicht, wo Fero ist«, sagte Cathérine. »Gestern habe ich ihn im Schloßhof gesehen. Die Wachen haben ihn hinausgeworfen!« »Er ist gestern abend zurückgegangen. Er wußte, daß es im Schloß ein Fest gab. Er ist mit einem der Bären hinaufgestiegen, in der Hoffnung, während des königlichen Festessens eine Vorführung machen zu können. Der Bär ist in der Nacht zurückgekommen … allein … und verletzt!« »Ich schwöre dir, Tereina, ich wußte nicht, daß Fero ins Schloß zurückgestiegen ist. Was für ein Wahnsinn, zurückzugehen! …« Das junge Mädchen senkte den Kopf. Eine dicke Träne rann auf den roten Stoff, den sie anhatte. »Er liebt dich so! Er wollte dich um jeden Preis zurückholen. Und jetzt … Ich möchte gerne wissen, was ihm zugestoßen ist!« Vielleicht rührten die tränenerfüllten Augen der kleinen Zigeunerin das rauhe Herz des Sergeanten, denn er murmelte: »Der Mann mit dem Bären? Man hat ihn überrascht, wie er im Schloßturm durch ein Fenster steigen wollte. Als man ihn festnahm, hat er sich wie ein Teufel gewehrt, und sein Tier ist verrückt geworden … Es hat einen Mordskrakeel gegeben. Und dann ist der Bär entwischt …« »Und Fero? Und mein Bruder? …« »Man hat ihn ins Gefängnis geworfen, wo er seine Verurteilung erwartet.« »Warum ihn verurteilen?« rief Cathérine. »Man hat ihn verhaftet, als er versuchte, in den Schloßturm einzusteigen, gut! Ist das ein so großes Verbrechen, daß man ihn einsperren und verurteilen muß? Hätte es nicht genügt, ihn einfach hinauszuwerfen?« Das Gesicht des Mannes wurde verschlossen, und seine Augen wurden hart. »Er war bewaffnet. Er hat einen der Wachsoldaten getötet! Es ist ganz richtig, daß man ihn verurteilt. Jetzt aber, Mädchen, tu, wozu du hergekommen bist, und zwar schnell, und dann zurück! Ich habe keine Lust, mich hier noch lange aufzuhalten …« Cathérine antwortete nicht und zog Tereina mit sich, die in Schluchzen ausgebrochen war. Das junge Mädchen hatte begriffen, genau wie Cathérine, welches Schicksal Fero erwartete. Der Zigeuner hatte getötet, er würde gehängt werden! … Oder schlimmer! Trotz aller Anstrengung fühlte Cathérine, wie ihr die Tränen in den Augen brannten, während sie die kleine Zigeunerin in ihren Karren zurückbrachte. Was sie zu sagen hatte, konnte nicht vor aller Welt gesagt werden. Die Soldaten begnügten sich, ihnen auf dem Fuß zu folgen und sich in respektvoller Entfernung von dem Fahrzeug zu postieren. Tereina weinte noch immer verzweifelte Tränen, und Cathérine suchte trostlos nach Worten, um ihren Schmerz zu lindern. Trotzdem wurde ihr bei der Nachricht vom bevorstehenden Tode Feros schlecht. Dieser Mann hatte sie bis zum Wahnsinn geliebt, und für eine unfreiwillige Liebesnacht, die sie ihm geschenkt hatte, hatte er alles für sie aufs Spiel gesetzt. Und jetzt sollte er sterben, dieser unsinnigen Liebe wegen … Man mußte etwas tun! Wenn sie der Dame de La Trémoille den gewünschten Liebestrank brächte, würde sie sich vielleicht nicht weigern, den Zigeuner zu begnadigen. Aber man mußte schnell handeln. Schroff packte sie Tereina an den Schultern und schüttelte sie heftig. »Hör zu. Hör auf zu weinen! Ich muß wieder hinauf und versuchen, ihn zu retten. Aber zuerst mußt du mir geben, weshalb ich hergekommen bin.« Tereina trocknete ihre Tränen und bemühte sich um ein schüchternes Lächeln. »Alles, was ich habe, gehört dir, meine Schwester! Weshalb bist du hergekommen?« »Ich brauche den Trank, den du mir in jener Nacht zu trinken gabst, in der … Erinnerst du dich? Die Nacht, in der Fero mich rufen ließ! Bring mir bei, wie man ihn zusammenstellt. Unser aller Leben hängt vielleicht von dieser Droge ab. Ich brauche sie um jeden Preis und so schnell wie möglich. Kannst du mich lehren, sie zusammenzustellen?« Das Mädchen sah sie erstaunt an. »Ich weiß nicht, in welcher Absicht du das von mir verlangst, Tchalaï, aber wenn du sagst, daß Menschenleben von dem Trank abhängen können, werde ich dir keine weiteren Fragen stellen. Merke dir nur, daß es lange dauert, diesen Trank zu mischen, und daß sein Rezept nicht weitergegeben werden kann. Um ihn zu machen, bedarf es außer der Kenntnis noch einer anderen Sache … einer Art Veranlagung, sonst kommt er nicht voll zur Wirkung. Man muß einige Zauberformeln sprechen und …« »Kannst du mir also ein wenig davon machen?« unterbrach Cathérine ungeduldig. »Es ist sehr ernst … sehr eilig!« »Brauchst du viel? Willst du ihn bei mehreren Personen anwenden?« »Nein, nur bei einer!« »In diesem Fall weiß ich, was du brauchst!« Tereina glitt in den hinteren Teil ihres Wagens, wühlte in einer unter dem Gerümpel verborgenen Schachtel, zog ein rundes Fläschchen aus braunem Ton hervor, gab es Cathérine in die Hände und schloß zärtlich die Finger ihrer Freundin darüber. »Da! Ich hatte es für dich präpariert … für deine Hochzeitsnacht! Es gehört dir also. Mache den Gebrauch davon, den du willst. Ich weiß, daß er in jeder Hinsicht gut sein wird!« Von einem plötzlichen Impuls getrieben, packte Cathérine die kleine Zauberin an den Schultern und umarmte sie lebhaft. »Selbst wenn es mit Fero nicht gutgeht, werde ich deine Schwester bleiben, Tereina … Ich würde dich gern mitnehmen, aber im Augenblick kann ich es nicht!« »Und ich muß hierbleiben. Man braucht mich, weißt du!« Indessen verging der Sergeant der Bewaffneten draußen vor Ungeduld. Er schlug mit seiner gepanzerten Faust das Filztuch beiseite, das den Karren verschloß, und steckte den Kopf hinein. »Beeil dich ein wenig, Frau! Ich habe meine Befehle! Genug geredet!« Als einzige Antwort umarmte Cathérine Tereina noch einmal und steckte das Fläschchen in ihren Almosenbeutel. »Danke, Tereina, und paß auf dich auf. Ich werde sehen, ob ich etwas für Fero tun kann. Leb wohl!« Behende glitt sie aus dem Karren und ging zu den Bewaffneten. »Gehen wir zurück. Ich bin fertig!« Sie umringten sie von neuem, schritten durch den versammelten, schweigsamen Stamm und stiegen den Graben zur Zufahrtsrampe wieder hinauf. Im Vorbeigehen erkannte Cathérine Dunicha, das Mädchen, das sie zum Zweikampf herausgefordert hatte, und wandte den Kopf ab. Aber nicht so schnell, um nicht aus dem Augenwinkel den vor Haß brennenden Blick der Zigeunerin zu erhaschen. Wahrscheinlich machte Dunicha sie für die Verhaftung Feros verantwortlich und haßte sie jetzt ohne Zweifel hundertmal mehr als zur Zeit des Kampfes … Cathérine andererseits zürnte ihr nicht … da Dunicha Fero liebte, hatte sie jedes Recht, die zu hassen, die ihn ihr weggenommen hatte und für die er jetzt sterben sollte! Trotzdem nahm sie sich vor aufzupassen; Dunicha war nicht die Frau, nur passiv zu hassen und nicht nach einer Gelegenheit zur Rache zu suchen. Ein Trompetenstoß hinter ihr ließ sie sich umwenden. Der Tag war jetzt sehr klar … Unter den Sonnenstrahlen flimmerte die Loire zwischen ihren grünen Ufern wie ein Feuerstrom, und von diesem unter den Brücken vorbeifließenden blendenden Grund hoben sich die prächtigen Farben eines imposanten Zuges ab. Ritter in Kriegsharnischen, die sich deutlich von einer Schar Damen in hellen Kleidern im Sattel friedfertiger Zelter unterschieden, umgaben eine große Sänfte, deren blauseidene Vorhänge, mit Goldlilien bestickt, zurückgeschlagen waren. Darin saßen, sorgsam in weißes Musselin gehüllt, eine Dame, eine Amme, die ein Baby trug, zwei Kammerzofen und drei kleine Mädchen zwischen drei und acht Jahren. Eine Kompanie Arkebusiere, Pagen und Herolde gingen dem großen Gefährt voraus, dem voran ein Standartenträger ein großes Banner schwang, auf dem Cathérine mit plötzlich stärker klopfendem Herzen das Wappen Frankreichs verschlungen mit dem von Anjou bemerkte. Unwillkürlich war sie stehengeblieben, aber der Sergeant drängte sie schon mit den Bogenschützen auf die grüne Böschung. »Die Königin! Platz für die Königin! Und vergiß nicht niederzuknien, Zigeunerin, wenn unsere Gute Dame vorüberkommt!« Cathérine bedurfte dieser Mahnung nicht. Marie d'Anjou, Königin von Frankreich, war eine furchtsame, schüchterne Frau, aber sie hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis, und Cathérine war lange Monate eine ihrer Ehrendamen gewesen. Es war zwar höchst unwahrscheinlich, daß sie sie in ihrer Vermummung als Zigeunerin wiedererkennen würde, doch in der Kleidung der Dienerin eines hochgestellten Hauses, in der Linnenhaube, die ihr Haar verbarg, blieben als Maskierung nur noch ihr etwas dunklerer Gesichtsteint und ihre schwarzen Augenbrauen übrig. Schon in der vergangenen Nacht, während sie sich aufs Bett setzte, hatte die Dame La Trémoille ihre neue Kammerzofe mit nachdenklichen Augen betrachtet. »Komisch!« hatte sie gesagt. »Mir scheint, daß ich dich schon irgendwo gesehen habe. Du erinnerst mich an jemand … aber ich weiß nicht, an wen!« Cathérine hatte diese glückliche Gedächtnislücke gesegnet und schnell geantwortet, daß die edle Dame sich wahrscheinlich an eine ihrer Schwestern erinnere, die zum Tanzen ins Schloß gekommen sei. Es war nicht nötig, daß die Gräfin zu lange in ihrem Gedächtnis nachforschte. Und tatsächlich schien sie nicht mehr darüber nachzudenken. Dies jedoch wäre eine Katastrophe, wenn die Königin sie wiedererkennen würde! … Als die königliche Kavalkade, von den Freudenrufen der aus Amboise herbeigeeilten Leute verfolgt, in ihrer Nähe vorbeikam, beeilte sie sich, niederzuknien und höchst demütig den Kopf zu senken … um so mehr als im selben Augenblick ein Trupp von Herren aus dem Schloß ritt, um die Herrscherin willkommen zu heißen, und dieser Trupp von Gilles de Rais angeführt wurde. Glücklicherweise schenkte er ihr keinerlei Aufmerksamkeit, und als die Sänfte hinter den Vorwerken der Festung verschwunden war, glaubte Cathérine, den Kopf wieder heben zu können. Nur um die Beine eines vor ihr haltenden Pferdes zu sehen, während eine jugendliche Stimme trocken fragte: »Was hat diese Frau getan, Sergeant? Und warum hast du sie verhaftet?« Der hochmütige Ton ließ Cathérine erröten, die sich, ohne eigentlich zu wissen, warum, schuldig fühlte. Außerdem konnte der Fragende kaum älter als zehn Jahre sein. Mager, mit gelbem Teint, schwarzem, glattem Haar, war dieser Junge mit breiten, knochigen Schultern, einer großen Nase und einem Paar kleiner schwarzer, seltsam lebhafter und für ein so junges Wesen scharfsinniger Augen versehen. Er hatte nichts Verführerisches an sich, aber aus der hochmütigen Art, wie er den Kopf hielt, aus der Schönheit des Pferdes, dessen Zügel er fest mit den nervösen Händen umfaßte, und besonders aus seiner teils roten, teils schwarzweißen Kleidung, Leibgedinge der Prinzen königlichen Blutes, schloß Cathérine, daß sie den Dauphin Louis, den ältesten Sohn des Königs, vor sich hatte. Schnell beeilte sich der Sergeant, rot vor Stolz zu antworten: »Ich habe sie nicht verhaftet, Monseigneur, ich begleite sie lediglich auf Befehl der Sehr Hohen und Sehr Edlen Dame de La Trémoille.« Mit offenem Mund sah Cathérine den Dauphin die Schultern zucken, sich hastig bekreuzigen und dann ungeniert auf den Boden spucken. »Zweifellos irgendeine maurische Sklavin! Ich hasse dieses verfluchte Gelichter, aber bei dieser Dame erstaunt mich nichts! Die ähnelt …« Er beendete den angefangenen Satz nicht, denn ein anderer Kavalier war herbeigeeilt und flüsterte ihm jetzt ins Ohr, ohne Zweifel, um ihm mehr Mäßigung in seinen Äußerungen anzuraten. Der Anblick dieses Kavaliers ließ Cathérine bis zu den Wurzeln ihres Haares erröten und verwandelte ihre Unruhe in Panik. Trotz des Panzers, der den Mann völlig umschloß, hatte sie das auf das Panzerhemd gestickte Kreuz von Jerusalem erkannt und besonders das schöne, helle Gesicht unter dem hochgeschobenen Visier des Helmes. Pierre de Brézé! Der Mann, der sich in Angers auf den ersten Blick in sie verliebt und auf der Stelle um ihre Hand angehalten hatte! Er war in das Komplott gegen La Trémoille verwickelt und stellte Cathérine nicht bloß. Aber sie mußte eine überraschte Bewegung bei ihm befürchten, da er sie so unerwartet am Wegrand wiedertraf! Trotzdem, als sie ihn wiedersah, empfand sie eine plötzliche, unerklärliche Freude und konnte sich nicht bezähmen, ihn mit Bewunderung anzublicken. Er war wirklich sehr schön, dieser Pierre de Brézé, und von sehr edler Gestalt auf seinem großen grauen Schlachtroß! Der starke Eisenpanzer schien seine großen Schultern nicht zu drücken, auch nicht die lange Eschenlanze, die er auf seinen Schenkel gestützt hatte. Die Stimme des jungen Mannes riß sie aus ihren Gedanken. »Monseigneur«, sagte Brézé, »wir verspäten uns, und die Königin wartet auf uns!« Aber während er noch sprach, blieb sein blauer Blick an dem Cathérines hängen, zur selben Zeit, in der ein leises Lächeln um die festen Lippen des Ritters spielte. Es war nur ein kurzer Blick, ein flüchtiger Augenblick, aber die junge Frau las darin die ganze Leidenschaft, die er für sie empfand! Er war nur ihretwegen hier, dem Mißfallen des Königs und dem Haß La Trémoilles die Stirn bietend, indem er mit der Eskorte der Königin in dieses Schloß kam, wo er alles andere als erwünscht war! Er hatte sie nicht nur wiedererkannt, sondern fand auch noch ein Mittel, ihr ohne ein Wort, ohne eine Bewegung seine Liebe von neuem zu gestehen. Doch so diskret sein Lächeln auch gewesen war, es war dem scharfen Blick des Prinzen Louis nicht entgangen, der dem Ritter einen spöttischen Blick zuwarf. »Hm! Es scheint, Herr Ritter, daß Ihr einen ebenso schlechten Geschmack habt wie die Dame de La Trémoille! Gehen wir!« Ohne sich weiter um Cathérine zu kümmern, gab der Dauphin seinem Pferd die Sporen und zwang Brézé auf diese Weise, ihm zu folgen. Er wandte sich nicht um, aber Cathérines Blick folgte der Gestalt des jungen Mannes, bis sie unter dem Gewölbe verschwunden war. Als sie sich einen Augenblick später wieder auf den Weg machte, füllte sich ihr Herz mit Vertrauen und neuem Mut! Hatte sie nicht am Arm Brézés eine Schärpe aus schwarz-silberner Seide bemerkt, die Trauerfarben, die sie ihm als die ihren bezeichnet hatte und die er treu trug? Er hatte sich zu ihrem Ritter erklärt, und offensichtlich wollte er es bleiben. In Zukunft würde sie in diesem Schloß, in dem ihr alles Angst einjagte, seine Anwesenheit als Beruhigung und Ermutigung empfinden. Wenn es sein mußte, würde sie ohne Furcht zu sterben wissen, in der Gewißheit, gerächt zu werden, denn sie erinnerte sich des Schwurs, den er ihr auf den Knien geleistet hatte. Wenn sie scheiterte, würde er La Trémoille mit eigenen Händen töten, bereit, dafür seinen Kopf dem Henker auszuliefern. Trotzdem zwang sich Cathérine, während sie über die Kettenbrücke schritt, diese süßen Gedanken zu verjagen, so tröstlich sie auch waren! in diesem selben Schloß gab es noch einen zweiten Mann, der möglicherweise ihretwegen sterben würde … Zehntes Kapitel Als Cathérine und ihre Wächter in den Schloßhof traten, wimmelte er von Menschen. Diener des Schlosses hatten sich zum Gefolge der Königin gesellt, luden das Gepäck ab und halfen den Offizieren und Würdenträgern beim Absteigen. Sie gewahrte sogar die dürftige Gestalt des Königs, der seine Gemahlin zeremoniös zur Treppe geleitete. Unwillkürlich suchte sie in der Menge der Damen und Ritter ein kühnes Profil, breite Schultern, einen heißen Blick, doch schon führten die Bogenschützen sie zu der kleinen Turmtreppe, die zum Zimmer der Dame de La Trémoille hinaufführte. Sie fand die Tür verschlossen und davor Violaine, in einen weiten Mantel gehüllt. Mit einem Zeichen schickte das junge Mädchen die Soldaten fort, trat aber nicht zur Seite, um Cathérine vorbeizulassen. »Du kannst nicht eintreten, Zigeunerin!« »Warum nicht?« Violaine würdigte sie keiner Antwort, sondern begnügte sich, mit den Schultern zu zucken. In der Tat drang trotz des dicken Eichenholzes, aus dem die Tür bestand, ein heftig geführter Wortwechsel ans Ohr der jungen Frau. Sie erkannte die erregte, schrille Stimme der Gräfin. »Ich werde dieses Mädchen behalten, solange es mir paßt! Und ich rate Euch, mich nicht daran zu hindern!« »Welche Fliege hat Euch gestochen, daß Ihr Euch in meine Angelegenheiten mischt? Wozu braucht Ihr dieses Mädchen?« »Das ist meine Sache! Habt Geduld … Ich werde sie Euch zurückgeben, wenn ich sie nicht mehr brauche.« Die Stimmen wurden gedämpfter, aber Cathérine hatte verstanden. Die beiden Gatten waren sich ihretwegen in die Haare geraten … und sie hatte nichts von der Frau zu erwarten, die sie zu beherrschen geglaubt hatte. Auf Violaines Gesicht spiegelte sich dieser Gedankengang wider, und sie brach in ein Lachen, ein böses Lachen aus, dann sagte sie leise: »Überrascht dich das? Was hast du dir eigentlich erhofft? Wolltest du Ehrendame werden?« Nun zuckte Cathérine mit unechter Ungezwungenheit die Schultern: »Ich hoffte, daß noble Damen die Dienste anerkennen, die man ihnen leistet … Aber was spielt es schon nach allem für eine Rolle!« Die Gelassenheit, die sie vortäuschte, mußte die Ehrendame beeindruckt haben, denn sie hörte auf zu lachen und warf Cathérine von unten einen mißtrauischen Blick zu, ehe sie sich hastig bekreuzigte, als hätte sie plötzlich den Teufel getroffen. Die Unterhaltung stockte, überdies öffnete sich die Tür, La Trémoille stürzte heraus, in weitem rotem, goldbesticktem Mantel, der im Zugwind seiner wütenden Hast klatschte. Als er Cathérine erkannte, blieb er kurz stehen, maß sie mit funkelnden Augen von oben bis unten und rannte dann, ohne ein Wort zu sagen, mit einer für einen Mann seines Umfangs unglaublichen Wendigkeit die Treppe hinunter. Cathérines Blick kreuzte sich mit dem Violaines mit der Unversöhnlichkeit zweier Degenklingen. Das Geräusch der Schritte des dicken Kammerherrn auf der Treppe nahm ab. Ein verächtliches Lächeln krümmte die vollen Lippen der Ehrendame, die mit einer nachlässigen Bewegung die eichene Flügeltür aufstieß. »Jetzt kannst du eintreten.« Mit erhobenem Kopf ging Cathérine an ihr vorüber und hatte die Befriedigung, die Tür hinter ihrem Rücken zuschlagen zu hören … »Nicht soviel Krach, Violaine«, rief die Dame La Trémoille gereizt. »Ich habe scheußliche Kopfschmerzen!« Schon angezogen, aber noch nicht frisiert, durchmaß sie ihr Zimmer, das in einer fürchterlichen Unordnung war. Mit einem Blick sah Cathérine eine Fülle von Kämmen, Fläschchen, Haarnadeln und Salbennäpfchen, alles vor dem Eintritt des Großkämmerers stehen- und liegengelassen. Der Streit zwischen den Gatten mußte alles durcheinandergebracht haben. Mit innerem Lächeln hatte sie das erregende Gefühl, in den Käfig des einen der beiden wilden Tiere eingedrungen zu sein, die die großen Herren und die Prinzen in ihrem Zwinger so sorgsam behüteten. Der Schakal war fort, blieb also nur noch das böse Weibchen, hundertmal gefährlicher als er; aber Cathérine hatte sich geschworen, dieser Frau nicht das Vergnügen zu machen, sie zittern zu sehen. Sofort wandte sich der Zorn der Gräfin gegen sie. »Mein edler Gatte ist mehr in deine dunkle Haut verschossen, als ihm guttut! Jedenfalls scheint mir das so! Meine Güte, er führt sich auf wie ein brünstiges Tier …« »Wenn er in meine Haut verliebt ist«, sagte Cathérine kalt, »dann hat er sie dennoch nicht genossen. Euer Ruf, edle Dame, hat mich davor gerettet …« »Gerettet? Was soll das heißen? Was kann ein Mädchen wie du besseres erhoffen als einen großen Herrn? Vergißt du, daß ich seine Frau bin?« »Ich bin Eure Dienerin. Und die Befehle, die ihr mir gegeben habt, lassen mich annehmen, daß ich es vergessen könnte.« Der Zorn der Dame ließ sofort nach, durch die Kälte ihrer Gesprächspartnerin gedämpft. In diesem Augenblick, auf dem Höhepunkt ihres Wutanfalls, hatte sie versucht, an der ersten Person, die ihr unter die Krallen kam, ihr Mütchen zu kühlen. Aber die Frau, die sich so selbstsicher benahm, hatte keine Furcht, und in diesem Moment erinnerte sie sich, daß sie ihre Dienste brauchte. Mit fieberhafter Stimme fragte sie: »Hast du, worum ich dich bat?« Cathérine nickte zwar zustimmend, kreuzte aber die Arme über der Brust, als wollte sie das verteidigen, was sie in ihr Mieder gesteckt hatte. »Ich habe es, aber ich habe noch einiges zu sagen …« Die Hand der Gräfin streckte sich schon aus, während ihre habsüchtigen Augen zwischen den dicken, braungetönten Lidern funkelten. »Sag's schnell … und gib her! Ich bin in Eile!« »Gestern habt Ihr mir für diesen Trank Gold angeboten. Ich habe abgelehnt, ich lehne nach wie vor ab … aber ich will etwas anderes!« Ein leises Lächeln verzog die Lippen der Dame, aber ein unheimliches Licht flackerte in ihrem Blick. »Du hast es ja bereits gesagt: Du willst mir dienen. Gib her!« »Jawohl, ich habe es gesagt, und ich wiederhole es, aber heute morgen haben sich die Dinge geändert. Unser Stammesführer ist Gefangener in diesem Schloß. Er hat den Tod zu gewärtigen. Ich möchte sein Leben!« »Was geht mich das Leben eines Wilden an? Gib dieses Fläschchen her, wenn du nicht willst, daß ich es dir durch meine Frauen entreißen lasse.« Langsam zog Cathérine das Fläschchen aus ihrem Brustschleier und nahm es in die Hand. Ihre Augen trotzten dem Zorn der Gräfin, während über ihre roten Lippen ein unmerkliches Lächeln glitt. »Hier ist es! Wenn man aber auf mich losgeht, werfe ich es zu Boden, wo es zerbrechen wird. Wir haben keine Flaschen aus Gold oder Silber, wir Zigeuner … nichts als Ton! Und Ton ist zerbrechlich. Eure Frauen werden nicht die Zeit haben, es mir zu nehmen. Ich werde es entzweimachen … ebenso, wie ich es zerbrechen werde, wenn Fero den Seinen nicht zurückgegeben wird!« Auf dem verkrampften Gesicht ihrer Gegnerin konnte sie den Kampf sehen, den die Wut, die Leidenschaft und die Begierde gegeneinander führten. Das letzte gab den Ausschlag. »Warte einen Augenblick. Ich werde sehen, was sich machen läßt.« Ohne sich die Mühe zu machen, ihr Haar hochzustecken, hüllte die Gräfin Kopf und Schultern in ein grünes Seidentuch und ging hinaus. Allein geblieben, setzte Cathérine sich auf die am Kamin aufgehäuften Kissen. Die Luft dieses Raumes erstickte und ängstigte sie gleichzeitig. Alle diese zu schweren Parfüme kamen ihr wie die Ausdünstung der giftigen Frau vor, die hier wohnte. Ihre fiebrigen Finger suchten unter ihrem Kleid die harten Umrisse des Dolches, liebkosten den ziselierten Griff, als wollte sie Hilfe von ihm erbitten. Wie oft hatte die Hand Arnauds sich um diese Waffe geschlossen, so daß sie etwas von seiner Kraft auf sie übertragen haben mußte … Doch als sie die straffe Gestalt ihres Gatten wieder heraufbeschwor, stiegen ihr die Tränen in die Augen, brennend und groß vor Schmerz … Was war zu dieser Stunde von seinem kräftigen Körper, seinem schönen Gesicht noch übrig? Wie weit hatte die Lepra sie schon verwüstet? … Eiskalter Schrecken durchfuhr sie, als sie an die Leprakranken dachte, die sie auf seinem Weg getroffen hatte, fürchterliche Ruinen von grauem Fleisch, die nichts Menschliches mehr an sich hatten und die mitunter zum Grab der Heiligen pilgerten, um eine unmögliche Heilung zu erflehen … Diese Frau, die soeben hinausgegangen war, war die Ursache allen Übels, das über Arnaud gekommen war und das ihr das Herz brach. Mit welcher Lust hätte sie ihr die Klinge ins Herz gebohrt, die jetzt bei der Berührung mit ihrem Fleisch warm geworden war! Aber sie mußte warten … immer noch warten! Mit Überdruß vergrub Cathérine den Kopf in ihren Händen und versuchte, die schmerzlichen Bilder zu verdrängen, die ihren Mut brachen. Plötzlich stellte sich eine andere Gestalt vor ihrem geistigen Auge ein: die eines blonden Mannes, dessen helle Augen sie zärtlich anblickten und der am Arm eine schwarzweiße Binde trug. Dieses Bild war schön, beruhigend und süß. Dennoch vertrieb Cathérine es auch, wie eine Entweihung, als hätte Pierre de Brézé versucht, ihr Herz zu zwingen, das Bild Arnauds daraus zu verbannen … Die Rückkehr der Dame de La Trémoille riß sie aus ihren Gedanken. Die Gräfin musterte die kauernde junge Frau einen Augenblick von oben bis unten und lächelte dann, doch aus diesem Lächeln las Cathérine eine Grausamkeit heraus, die sie aufmerken ließ. »Komm«, sagte sie. »Du wirst zufrieden sein!« Wie in der vergangenen Nacht gingen sie eine hinter der anderen hinaus, aber es gab keine Mauertür. Sie stiegen zum Hof hinunter, überquerten ihn und umgingen den Schloßturm, um zum Gefängnisturm zu gelangen. Auf dem Weg erkannte Cathérine Tristan l'Hermite bei einer Gruppe von Stallknechten, die auf einem großen Stein Würfel spielten. Als sie vorüberkam, wandte er sich um und folgte ihr mit den Augen. Sein Blick war so gleichgültig und unbewegt wie üblich, aber aus seiner Beharrlichkeit schloß die junge Frau, daß er sich fragte, was sie in dieser Gesellschaft in den Gefängnissen zu suchen habe. Eine Pforte im Rundgewölbe, so niedrig, daß man sich bücken mußte, um durchzugehen, öffnete sich am Fuß des Turmes. Kaum über die Schwelle getreten, spürte Cathérine, wie eine plötzliche Kälte ihre Schultern einhüllte. Die Sonne, die Wärme hielten sich draußen, außerhalb dieser Welt der Finsternis und der Leiden. Im hinteren Teil eines niederen Gewölbes, das als Wachstube diente, wo einige Bewaffnete im rauchigen Licht einer Öllampe Karten spielten, ging eine Treppe nach unten … Auf ein kurzes Händeklatschen der Gräfin stand einer der Soldaten auf, nahm eine Fackel, zündete sie an der Öllampe an und ging die Treppe hinunter voran. Aber auf diese Einzelheiten achtete Cathérine nicht, denn seit sie in die Wachstube getreten war, war ein fürchterliches Geräusch an ihre Ohren gedrungen, so daß ihr das Blut in den Adern gerann: das Echo eines menschlichen Stöhnens, das seltsamerweise gleichzeitig deutlicher und schwächer wurde, je weiter man hinabstieg. Als die beiden Frauen auf dem ersten Absatz angekommen waren, war dieses Stöhnen zu einem Röcheln geworden. Mit zusammengeschnürter Kehle und entsetzt erblickte Cathérine die schmale, aus reinem Eisen gemachte und mit riesigen Sperriegeln ausgerüstete Tür, die sich auf diesen Absatz öffnete. Durch ein vergittertes Guckloch drang ein unheilverkündendes rötliches Licht. Von da kamen die Wehklagen, gleichzeitig auch die regelmäßigen dumpfen Schläge, die mit dem Röcheln im selben Rhythmus zu fallen schienen. Wortlos stieß der Soldat mit der Fackel die unverriegelte Tür auf. Cathérine konnte einen Ausruf des Schreckens und Abscheus nicht unterdrücken … Vor ihr wechselten sich zwei in Leder gekleidete Folterknechte, die rasierten Schädel schweißnaß vor Anstrengung, bei der Auspeitschung eines Mannes ab, der mit den Handgelenken an das Kapitell einer Säule gebunden war … Die junge Frau sah La Trémoille nicht sofort, der in einem Winkel auf einem klobigen Holzsessel saß und zusah, das dreifache Kinn in die Hand gestützt. Seine Augen lagen gespannt auf dem Gefolterten, der noch schwach stöhnte. Die schlaff gewordenen Beine des Mannes trugen ihn nicht mehr, und das gesamte Gewicht seines Körpers hing an den gefesselten Handgelenken. Der Kopf mit dem langen schwarzen Haar hing kraftlos herunter, und der Rücken war ein einziger Brei, in den die Peitschen mit einem schrecklichen Geräusch klatschten. Der Boden war mit Blutflecken übersät … Krank vor Grauen, wich Cathérine gegen die Mauer zurück, konnte aber einen Blutspritzer auf die Wange nicht vermeiden. Ihr Blick suchte den ihrer Begleiterin, doch die Dame de La Trémoille sah sie gar nicht an. Mit geblähten Nüstern und aufgerissenen Augen genoß sie so offensichtlich das Spektakel, daß es Cathérine zutiefst übel wurde. Der Mann stöhnte nicht mehr. Die Henker hörten auf zu schlagen, doch bevor noch einer der beiden mit einer brutalen Bewegung die langen schwarzen Locken, die über das Gesicht des Opfers hingen, beiseite schob, hatte die junge Frau Fero erkannt … Und plötzlich drängte sich ihr eine entsetzliche Vision auf. Statt des Zigeuners sah sie Arnaud, wie dieser an eine Säule gebunden, stöhnend und blutend unter der Peitsche eines Folterknechts, und hinter ihm diese ekelhafte Frau, die sich mit ihrer langen, spitzen Zunge über die trockenen Lippen fuhr. Dieser Folter war Arnaud in den Verliesen von Sully unterworfen worden, bevor Xaintrailles ihn aus der Haft befreite. Und die Vision war so erschreckend deutlich, daß eine Woge wilden Hasses in Cathérine aufwallte … Voll blinder, unbeherrschter Wut suchte sie in ihrem Mieder Arnauds Dolch. Aber ihre zitternde Hand traf zuerst auf das Tonfläschchen und verhielt dort, überdies meldete die dumpfe Stimme des einen Folterknechts: »Der Mann ist tot, Monseigneur …« La Trémoille stieß einen gelangweilten Seufzer aus und wuchtete dann mit einiger Anstrengung seinen riesigen Körper aus dem Sessel. »Er war weniger widerstandsfähig, als es den Anschein hatte. Werft ihn in den Fluß …« »Keinesfalls!« mischte seine Frau sich ein. »Ich habe diesem Mädchen hier versprochen, daß er den Seinen wiedergegeben würde. Man schaffe ihn also zu ihnen zurück … und jage sie dann davon!« Ihr verschleierter, mit böser Freude geladener Blick wandte sich nun Cathérine zu, die sich, bleich und mit zusammengebissenen Zähnen, an die Mauer lehnte. »Du siehst«, sagte sie mit gefährlicher Freundlichkeit, »ich tue alles, was du willst …« Cathérines düstere Augen richteten sich auf sie, bohrten sich in den unverschämten, beleidigenden Blick, von so viel Haß und Verachtung brennend, daß die andere, widerwillig beeindruckt, einen Schritt zurücktrat. Langsam zog sie ihre Hand aus dem Mieder, die noch immer das Fläschchen umklammerte. Ihre Finger preßten sich mit einer allein aus ihrem Zorn geborenen Kraft zusammen, bis das leicht zerbrechliche Fläschchen zermalmt war. Dann schleuderte sie die Scherben mit einer heftigen Bewegung ihrer Feindin ins Gesicht: »Und ich gebe, was ich versprochen habe …«, sagte sie tonlos. Furchtbarer Zorn verzerrte das blasse Gesicht der Gräfin. Eine der Scherben hatte sie leicht an der Lippe verletzt, die ein wenig blutete und ihr das schreckliche Aussehen eines Vampirs verlieh. Sie wies mit einem vor Wut zitternden Finger auf Cathérine: »Ergreift diese Frau, bindet sie an die Stelle ihres Genossen und schlagt, schlagt … bis auch sie krepiert!« Cathérine begriff, daß sie verloren hatte, daß sie in einer Sekunde blinder Wut alles verdorben und zerstört hatte, ihre Rache und die Pläne der Königin Yolande. Sie begriff weiter, daß sie aus dieser Höhle nicht lebend herauskäme, doch seltsamerweise bereute sie mit keinem Gedanken, was sie getan hatte. Sie würde sich zweifellos als Preis für Arnauds Leiden und für die Leiden, die ihr bevorstanden, mit dem winzigen Blutstropfen der verletzten Lippe und der Wut dieser Frau zufriedengeben müssen, aber wenigstens lief der junge Graf von Maine nicht mehr Gefahr, und sei es auch nur für eine einzige Nacht, in die Klauen dieses abscheulichen Geschöpfs zu geraten. Schon packten die beiden Folterknechte Cathérine, aber La Trémoille, der eben hatte hinausgehen wollen, war stehengeblieben, als die falsche Zigeunerin seine Frau attackiert hatte. Mit einer Neugier, die Vergnügen nicht ausschloß, hatte er ihren Streit verfolgt, hatte sich sogar gebückt, um einen Finger in die auf den Boden vergossene Flüssigkeit zu tauchen, und hatte daran gerochen. Er griff ein. »Einen Augenblick, wenn ich bitten darf. Diese Frau ist mir übergeben worden. Also steht mir es zu, über sie zu verfügen … Ihr erinnert Euch, meine Teure, daß ich sie Euch nur … geliehen habe?« Doch die Dame übertrug jetzt ihren Zorn auf ihren Gatten und ging mit geballten Fäusten auf ihn los: »Sie hat mich beleidigt, hat mich angegriffen, diese Zigeunerhündin, diese dem Scheiterhaufen bestimmte Kreatur! Und Ihr zögert, sie zu bestrafen?« »Ich zögere durchaus nicht. Sie wird bestraft werden … aber zu gegebener Zeit! Im Augenblick müßt Ihr Euch damit zufriedengeben, daß sie in den Kerker geworfen wird. Es ist da einiges, was ich gerne klären möchte.« »Was noch?« »Zum Beispiel … was in diesem Fläschchen war, dessen Verlust Euch so großen Kummer zu bereiten scheint!« »Das geht Euch nichts an!« »Um so mehr interessiert's mich. Los, ihr da, sperrt diese Frau ins Verlies. Und merkt euch, daß keiner sie ohne meinen ausdrücklichen Befehl anrühren darf. Ihr haftet mir mit eurem Leben.« »Was für Vorsichtsmaßregeln!« zischte die Gräfin haßerfüllt, aber gebändigt. »Man könnte meinen, Gott verzeihe mir, daß Euch sehr viel an diesem Mädchen liege.« »Gott kümmert sich nicht um Euch, meine Teure, ebensowenig, wie Ihr Euch um ihn kümmert. Was diese Frau betrifft, gewiß, sie ist mir wertvoll. Hat sie Euch nicht schaden wollen? Um ihren Haß zu erklären, muß es einen gewichtigen Grund geben. Ich liebe Euch zu sehr, um nicht zu versuchen, ihn kennenzulernen … mit allen Mitteln. Kommt Ihr?« Er bot ihr mit einem spöttischen Lächeln die Hand. Cathérine schien es, als fürchte sich der dicke Kämmerer plötzlich weniger vor seiner Frau als sonst. Er hatte soeben eine Waffe gegen sie entdeckt und verstand es offenbar gut, sich ihrer zu bedienen. Sie gingen zur Tür, ein merkwürdiges, durch die soliden Ketten der Habsucht und des Hasses stärker als durch zärtliche Liebe aneinandergefesseltes Paar, unheilvolle Schemen aus einem Alptraum, und sie dachte, daß es vielleicht die schlimmste Strafe für sie wäre, wenn man sie zusammen in ein kleines Zimmer sperrte, den Schakal mit der Hyäne, und sie sich dort in alle Ewigkeit gegenseitig zerreißen müßten … Was für eine Verdammnis wäre ein solches Tête-à-tête! Aber es blieb ihr keine Zeit, sie verschwinden zu sehen. Einer der Folterknechte hatte ihr seine grobe, haarige, in einen Lederhandschuh gepreßte Pfote auf die Schulter gelegt und zog sie jetzt in den Hintergrund des Folterraums. »Hier entlang, meine Schöne!« Sein Kamerad band inzwischen den leblosen Körper Feros los, der mit einem dumpfen Geräusch zu Boden glitt. Cathérine fühlte, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten. Dieser Mann hatte sie geliebt, dieses gefolterte Fleisch hatte heiß und voller Lebenslust an dem ihren gebebt, diese blutlosen, im Todeskampf zerbissenen Lippen hatten Worte der Liebe gestammelt und sie rasend geküßt … und jetzt war Fero nichts weiter als ein blutiger Fleischklumpen, der in kurzem ins Lager hinuntergeschafft werden würde. Bei dem Gedanken an Tereinas Schmerz stieg ein Schluchzen in ihr auf und drang über ihre Lippen. Der Mann, der sie abführte, täuschte sich über seine Bedeutung. »Jetzt kannst du weinen, nachdem du dir dein Todesurteil gesprochen hast, arme Idiotin! Welche Mücke hat dich gestochen, diese fürchterliche Frau anzugreifen?« Und als Cathérine nicht antwortete, senkte er den dicken Kopf, der ohne Hals direkt in die massigen Schultern überzugehen schien. »Es wird mir Schmerz bereiten, dich zu foltern, weil es schade ist, ein schönes Mädchen wie dich zugrunde zu richten! Aber wahrscheinlich wirst du für das, was du ihr angetan hast, grausam bezahlen müssen.« »Was kann sie schon anderes tun als mich töten!« sagte Cathérine verächtlich. »Es gibt töten und töten! Mir wär's am liebsten, wenn ich dich nur hängen müßte, aber damit wird sie sich garantiert nicht zufriedengeben! Nun … ich werde versuchen, mich unbeholfen zu stellen, damit es nicht zu lange dauert!« Die Absichten des Mannes waren gut, aber die Vorstellung, die seine Worte beschworen, war entsetzlich, und Cathérine preßte die Zähne zusammen, um nicht zu schaudern. »Danke!« sagte sie nur. Beim Verlassen des niedrigen Raums waren der Folterknecht und seine Gefangene auf einen schmalen Gang getreten, auf den sich drei eisenbeschlagene Türen öffneten. Eine davon war offen. Der Mann stieß Cathérine in ein enges, feuchtes Verlies. Ein modriggrüner Wasserkrug, ein Haufen faules Stroh und ein Paar eiserner Handschellen, die mit rostigen Ketten an der Mauer befestigt waren, bildeten seine ganze Einrichtung. Durch ein winziges Kellerfenster, kaum größer als eine Hand und zu hoch angebracht, als daß man es hätte erreichen können, drang dürftiges Tageslicht herein. Schmutziges Wasser rieselte unter ihm an der Wand herunter. »So, da bist du fürs erste zu Hause«, sagte der Folterknecht. »Gib deine Hände her!« Sie reichte sie ihm widerstandslos, und die dicken Handschellen klappten über den zerbrechlichen Gelenken zu. Der Mann zögerte einen Augenblick. »Du hast hübsche Hände«, sagte er, »Damenhände … Schade! Es gibt Tage, wo mein Beruf reichlich traurig ist.« »Warum übt Ihr ihn dann aus?« Über das stumpfe Gesicht des Folterknechts glitt flüchtig ein Ausdruck naiver Überraschung, während eine Art Lächeln seine gelben Zähne entblößte. »Aber … weil ich keinen anderen kenne! Mein Vater hat dasselbe vor mir gemacht und sein Vater vor ihm! Es ist ein schöner Beruf, weißt du, der einen weit bringen kann, wenn man tüchtig ist! Es gibt da Finessen, die einem viel Lob eintragen können. Vielleicht werd' ich eines Tages vereidigter Oberhenker einer großen Stadt! Ah, wenn nur der König nach Paris zurückkehrte, das wäre zu schön!« Mit einem Entsetzen, das sie nicht beherrschen konnte, starrte Cathérine auf die noch frischen Blutflecken, die den groben Oberkörper des Mannes beschmutzten. Er bemerkte ihren Blick und deutete ein verlegenes Grinsen an. »Nun, ich will dir keine Angst einjagen! Du würdest mich für ein brutales Tier halten! Versuch zu schlafen, wenn du kannst.« Sie fürchtete, ihn gekränkt zu haben, und in dem Wunsch, ihn sich nicht zum Feind zu machen, fragte sie: »Wie heißt Ihr?« »Es ist nett von dir, mich danach zu fragen. Das passiert mir nicht oft, mußt du wissen. Ich weiße Aycelin der Rote … ja, Aycelin. Meine Mutter sagte, es sei ein hübscher Name …« »Sie hatte recht«, sagte Cathérine ernst. »Es ist ein hübscher Name.« Cathérines Augen gewöhnten sich ziemlich schnell an die Dunkelheit ihres Verlieses. So winzig das Kellerfenster war, erlaubte es wenigstens, Tag und Nacht und die Dinge zu unterscheiden, die sie umgaben. Die Gefangene dankte dem Himmel, daß sie nicht in eins jener Löcher geworfen worden war, tief unter der Erdoberfläche, in die nie ein Lichtstrahl drang, wie das, welches sie in Rouen kennengelernt hatte. Auf dem verfaulten Stroh ihrer Zelle sitzend, ließ sie die Stunden an sich vorüberrinnen. Trotz ihrer Schwere erlaubten die Fesseln ihren Händen jede Bewegung, und bald merkte sie, daß sie sie mit ein wenig gewaltsamer Nachhilfe vielleicht von ihren Gelenken streifen könnte. Ihre Hände waren so schmal, so zart … Doch besser wär's, es im Augenblick nicht zu versuchen, denn es mußte Schmerzen mit sich bringen, die es ihr nicht gestatten würden, sich die Eisen wieder anzulegen. Und es gab noch einen weiteren Grund, zufrieden zu sein: Man hatte sie nicht durchsucht, und der Dolch war immer noch da, ermutigend und hart zwischen ihren Brüsten. Gelobt sei Gott, daß er sie gehindert hatte, ihn vorhin zu ziehen! Man hätte ihn ihr entrissen, und sie hätte ihn nie mehr zurückbekommen. Ihm würde sie es zu verdanken haben, daß sie den Folterungen mit Gewißheit entginge, die die Gräfin ihr zugedacht haben mußte. Ein schneller Stoß, und alles wäre vorüber. Sie würde unter dem höhnischen Blick ihrer Feindin nicht vor Schmerzen schreien … Trotzdem konnte sie die Bangigkeit nicht verscheuchen, die ihr die Kehle zudrückte; was würde wirklich mit ihr geschehen? Die Geräusche des Schlosses drangen kaum zu ihr herunter, gedämpft durch die Tiefe und Dicke der Mauern, und trotzdem schien es ihr, als höre sie in einem bestimmten Augenblick von fern eine Art Wehklage, schauerlich und abgerissen. Sie vermutete, daß es das Geheul des Stammes angesichts des gemarterten Leichnams seines Anführers sein müsse. Sie stellte sich die Schreie der Frauen vor, ihr gelöstes, mit Staub bedecktes Haar, ihre Finger, die blutende Spuren über die tränenüberströmten Gesichter zogen, die monotonen Gesänge eines vom Schmerz gebeugten Volkes, vielleicht die Verwünschungen auch gegen diejenige, für die Fero gestorben war! »Mein Gott!« betete sie stumm. »Gib, daß sie mich verstehen, daß sie mir verzeihen! Besonders Tereina! Es wird ihr solchen Schmerz bereiten! … Hab Mitleid mit ihr …« Würde ihnen wenigstens Zeit bleiben, den Leichnam mit dem Zeremoniell, das sie neulich nachts gesehen hatte, dem Fluß anzuvertrauen? Die Dame hatte befohlen, sie zu verjagen, und La Trémoille hatte keinen Einspruch erhoben. Es schien ihr, als hörte sie die Sergeanten des Königs Befehle brüllen, als hörte sie das Klatschen der Peitschen der Soldaten, die mit der Austreibung der Vaganten beauftragt waren … Doch eine Stimme sang, eine Frauenstimme, tief und schön. Und Cathérine hatte dieses geheimnisvolle, herzzerreißende Lied schon gehört … Plötzlich wurde sie sich bewußt, daß die Stimme nicht in ihrer Phantasie, sondern in Wirklichkeit sang … und sehr nahe! Genau gesagt, auf der anderen Seite der Mauer. Sie verstand sofort, und von einem Freudentaumel mitgerissen, wollte sie zu der Mauer stürzen, durch die der Gesang drang. Aber die Ketten, die sie vergessen hatte, spannten sich brutal und warfen sie mit schmerzenden Handgelenken auf den Boden zurück, während ihr Tränen in die Augen schossen. Doch die Fesseln konnten ihre Stimme nicht unterdrücken: »Sara! Sara! Bist du da? Ich bin's …« Sie biß sich auf die Zunge. In ihrer überschwenglichen Freude hätte sie fast gerufen: »Ich bin's, Cathérine!« Sie hatte gerade noch genug Geistesgegenwart, um sich zu fangen: »Ich! Tchalaï …« Dann lauschte sie mit gespitzten Ohren. Der Gesang in der benachbarten Zelle war verstummt. Noch einmal rief sie: »Sara, ich bin hier!« Wieder ein Augenblick der Stille … und endlich, mit unaussprechlicher Erleichterung, hörte sie: »Gott sei gelobt!« Die Stimme klang schwächer als im Lied, und Cathérine begriff, daß es nicht leicht sein würde zu sprechen. Da man schreien mußte, um gehört zu werden, konnte es sogar gefährlich werden. Nun, um so schlimmer! Es war schon eine große Freude zu wissen, daß Sara in ihrer Nähe war! Und hatte Tristan nicht gesagt, daß er über Sara wachen werde? Vor kurzem erst war er Cathérine mit den Augen gefolgt, als sie die Dame de La Trémoille ins Gefängnis begleitet hatte. Er mußte erstaunt gewesen sein, sie ohne Cathérine wieder zum Vorschein kommen zu sehen, und daraus seine Schlüsse gezogen haben. Ein wenig beruhigt, rappelte sich Cathérine wieder auf und kehrte zu ihrem Strohhaufen zurück. Wenn die Gräfin sie nicht schon in den folgenden Stunden umbringen ließ, hatte sie eine Chance, zu überleben. Ins Herz der finstersten Gefängnisse dringt die Hoffnung am leichtesten ein, und Cathérines Hoffnung erwachte wieder. Dennoch verfolgte sie das Neigen des Tages im Kellerfenster mit einiger Bangigkeit. Wenn die Nacht erst angebrochen wäre, säße sie hier in völliger Finsternis … Tatsächlich verschwammen schon die Einzelheiten ihrer düsteren Umgebung. Das Dunkel verschlang die schwarzen, feucht beschlagenen Mauern, und es kam der Augenblick, in dem Cathérine nicht einmal mehr den hellen Fleck ihrer Hand zu sehen vermochte. Ihr war, als überflutete sie tiefes und gefährliches Gewässer … Doch als hätte sie Cathérines Angst in der Tiefe ihres Kerkers erraten, durchdrang die Stimme Saras die Schwärze der Nacht. »Schlafe! Die Nächte sind jetzt kurz …« Es stimmte. Der Sommer brach an, und der Tag war unendlich länger als die Nacht. Angestrengt nach oben starrend, gelang es Cathérine sogar, das kleine, blassere Viereck des Fensters dicht unter der Decke zu unterscheiden. Ein wenig entspannt, ließ sie sich auf ihr Stroh sinken und schloß die Augen … Hatte sie schon geschlafen, als ein ganz leises Geräusch sie auffahren ließ? Sie war es so gewohnt, mit der Gefahr zu leben, daß ihr Schlaf nie mehr tief war … Sie verhielt sich unbeweglich, spitzte die Ohren und hielt den Atem an. Es war das kaum vernehmbare Knarren ihrer Tür, das sie geweckt hatte. Jemand trat ein oder war schon eingetreten … Sie nahm das hauchzarte Geräusch unterdrückten Atmens wahr, ein leises Knirschen gegen den Stein der Wand, und ihre Herzschläge stockten … Wer war da? Der Gedanke kam ihr, daß es vielleicht Ratten seien, und dabei standen ihr die Haare zu Berge; aber das Geräusch vorhin war von der Tür hergekommen, dessen war sie sicher. Und dann, einen Augenblick später, hörte sie wieder das leise Atmen, näher jetzt … noch näher! In kalten Schweiß gebadet, hob sie vorsichtig die Hand, sorgfältig darauf bedacht, daß ihre Ketten nicht klirrten, schob zwei Finger in ihr Kleid, zog den Dolch heraus, faßte ihn fest und nahm die Hand ebenso vorsichtig wieder herunter. Entsetzliche Angst bohrte in ihren Eingeweiden. Unversehens sah sie sich wieder, Jahre zurückliegend, im alten Schloßturm von Malaien, wo sie sich jede Nacht gegen die Attacken des Rohlings hatte verteidigen müssen, den man ihr als Kerkermeister gegeben hatte. Alles fing von neuem an … Aber diesmal, wer konnte es sein … und in welcher Absicht? Ihre Angst bedrängte sie so, daß sie die Zähne zusammenpressen mußte, um ihre Fassung zu bewahren. Jetzt war der Mann ganz nahe … denn es war ein Mann, sie merkte es am Geruch. Plötzlich warf sich etwas Massiges über sie, und sie stieß einen Schrei aus, der bis in die hintersten Höfe zu hören sein mußte. Das Gewicht, das sie zu Boden drückte, schien ihr ungeheuer, und sie begriff schnell, daß der Unbekannte versuchte, sie zu erdrosseln. Zwei rauhe Hände griffen ihr an die Kehle, umspannten ihren Hals. Saurer, widerlicher Atem strich über ihr Gesicht. Sie wand sich unter dem Mann, um ihren Hals freizubekommen, aber es gelang nicht. Die Hände drückten zu, drückten … Vom Instinkt der Selbsterhaltung, von wildem Lebensdrang getrieben, hob sie schließlich den bewaffneten Arm und stieß ihn mit aller Kraft hinunter. Die Klinge bohrte sich bis zum Heft in einen Rücken. Der auf ihr liegende Körper zuckte jäh zusammen, während ein kurzer Schrei dem Mann entfuhr. Ihrer Kraft beraubt, glitten seine Hände langsam an den Seiten herunter. Etwas Warmes und Klebriges sickerte auf sie … Der Dolch hatte richtig getroffen. Der Mann war mit einem einzigen Stoß getötet worden … Vor Angst mit den Zähnen klappernd, gelang es Cathérine mit einiger Mühe, die Leiche auf die Seite zu schieben. Im selben Augenblick öffnete sich die Tür der Zelle. Zwei Männer, einer mit einer Fackel, stürzten herein und blieben wie versteinert stehen, als sie Cathérine blutüberströmt und in Ketten neben einer Leiche fanden. Sie hob die Augen wie eine Schlafwandlerin, erkannte ohne jede Reaktion Tristan l'Hermite und den Henkersknecht Aycelin. »Er hat versucht, mich zu erdrosseln«, sagte sie mit tonloser Stimme. »Ich habe ihn getötet …« »Gott sei Dank!« murmelte Tristan totenblaß. »Ich fürchtete schon, zu spät zu kommen!« Dann wandte er sich lauter an seinen Kameraden, der Cathérine mit stumpfsinnigem Entsetzen anstarrte: »Du erinnerst dich der Befehle Monseigneurs? Du haftest mit deinem Leben für das dieser Frau …« Der Mann verfärbte sich und hob die verwirrten Augen zu Tristan: »Ja, Messire! Ich … ich erinnere mich!« »Ein Glück für dich, daß ich gekommen bin. Schaff diesen Kadaver weg und sieh zu, daß du dich seiner diskret entledigen kannst. Da keiner außer dir, mir … und ihr darüber Bescheid weiß, braucht niemand etwas davon zu erfahren. Dir ist nichts geschehen, Frau?« Cathérine gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, daß mit ihr alles in Ordnung sei. Aycelin hatte sich gebückt, hob den leblosen Körper des Mordgesellen trotz seiner Kräfte nur mit Mühe an und legte ihn sich über die Schultern. »Ich werd' ihn ins tiefste Verlies werfen«, sagte er. »Es ist ganz in der Nähe!« »Beeil dich, ich warte!« Er schlurfte mit seiner Last hinaus, dem Flamen dabei einen dankbaren Blick zuwerfend, und unterließ es sogar, die Tür wieder zu schließen. Sobald er verschwunden war, beugte Tristan sich zu Cathérine hinunter. »Schnell, wir haben nicht viel Zeit! Ich kam, um mit Sara zu sprechen, wie ich's fast jeden Abend durchs Kellerfenster tue, als ich sah, wie sich dieser Mann, einer der Diener der Dame de La Trémoille, ins Gefängnis schlich. Ich fühlte instinktiv, was geschehen würde, und bin ihm nach. Diese Livree ist geradezu ein Geleitbrief … Und dann hörte ich Euch schreien und rannte her …« »Wolltet Ihr mich holen?« Er schüttelte traurig den Kopf, bekümmert, als er sah, wie die großen Augen der jungen Frau sich mit Tränen füllten. »Noch nicht. Ich kann's nicht. In einer Stunde wird der Großkämmerer herunterkommen, um Euch zu besuchen.« »Woher wißt Ihr das?« »Ich habe gehört, wie er einer der Stummen den Befehl gab, nach Mitternacht in einen Beutel ein Hühnchen und eine Flasche Wein zu packen. Offensichtlich ist er Euch noch wohlgesinnt. Man muß herausbekommen, was er von Euch will. Ich glaube nicht, daß ihn dieses finstere Loch zu erotischen Unternehmungen anregen wird. Und außerdem ist er krank …« »Auf jeden Fall werde ich ihm nichts erlauben. Mein Dolch hat schon einmal zugestoßen, er kann's auch ein zweites Mal.« »Überstürzt nichts! Ihr dürft Euch nicht hinreißen lassen wie vorhin im Folterkeller. Ihr könntet alles verlieren. Jetzt muß ich gehen. Messire de Brézé erwartet mich im Obstgarten …« Er richtete sich wieder auf, bereit zu gehen. Cathérine hielt ihn am Arm zurück. »Wann werde ich Euch wiedersehen?« »Vielleicht morgen nacht … Vorher schon, wenn nötig. Seid nicht allzu ängstlich. Wir wachen, und ich bin sicher, daß Brézé bereit ist, für Euch La Trémoille die Gurgel durchzuschneiden, und sei es zu Füßen des Königs! Mut!« Aycelin kam wieder zurück. Tristan erwartete ihn an der Tür, Cathérine den Rücken zukehrend. Die junge Frau fuhr plötzlich auf. »Messire! Das Blut, das ich an mir habe … Wie soll ich das erklären?« »Du wirst sagen, was passiert ist, und außerdem … daß Aycelin dich gerettet und den Mörder getötet hat. Er wird sich damit eine Beförderung verdienen, und du, du hast durch diese Notlüge nichts zu verlieren!« Der Folterknecht grinste breit. »Ihr seid sehr gütig, Messire! Wenn ich etwas für Euch tun kann …« »Das werden wir später sehen! Schließ die Tür wieder und paß gut auf!« Ohne Cathérine noch einen Blick zuzuwerfen, verließ Tristan den Kerker. Die schwere Tür schloß sich wieder. Dunkelheit hüllte die Zelle von neuem ein, aber Cathérines Nerven waren allzu grausam strapaziert worden. Sie brach in Schluchzen aus. Es tat ihr gut. Sie weinte lange und heftig, doch schließlich war sie erschöpft und fühlte ihren Schmerz gelindert … Im Nachbarkerker war kein Geräusch zu vernehmen. Sara mußte ebenso wie sie Angst ausgestanden haben, aber Tristan hatte sie zweifellos beruhigt … Cathérine mühte sich, ihre Fassung wiederzugewinnen. Sie brauchte sie, brauchte innere Ruhe, um in einer Stunde – zweifellos sehr bald – La Trémoille gegenüberzutreten! Wie um ihr recht zu geben, blitzte ein Lichtschein unter der Tür auf. Schritte, die offenbar nicht verheimlicht wurden, hallten im Gang wider. Die Riegel klapperten in ihren Haltern, die Tür öffnete sich und wurde sofort von der mächtigen Gestalt des Großkämmerers ausgefüllt. Aycelin folgte ihm mit einer Laterne, die das bärtige Profil La Trémoilles auf das Deckengewölbe des Kerkers warf. Als der dicke Mann das aufgelöste Gesicht Cathérines gewahrte und die Blutspuren entdeckte, blieb er jäh stehen. »Was ist das? Bist du verletzt? Was ist hier geschehen? Ich hatte doch befohlen …« Erschrocken zog Aycelin den Kopf, soweit es ging, zwischen die Schultern, doch Cathérine kam ihm gleich zu Hilfe. »Man hat versucht, mich zu ermorden, Monseigneur! Dieser Mann hat mich schreien hören … Er hat mich gerettet.« »Gut gemacht! Da … fang auf! Und verlaß uns!« Mit spitzen Fingern warf er dem Folterknecht ein Goldstück zu, das dieser mit der Geschicklichkeit einer Katze auffing, bevor er sich mit einer tiefen Verbeugung und Danksagung zurückzog. La Trémoille blickte sich um, suchte nach einem Sitzplatz, aber es gab keinen außer dem Strohhaufen, auf dem Cathérine kauerte. Er rümpfte verdrossen die Nase und blieb notgedrungen stehen. Dafür zog er unter seinem Mantel einen Beutel hervor und reichte ihn der Gefangenen. »Da! Du mußt Hunger haben! Iß und trink. Danach unterhalten wir uns! Aber beeil dich!« Cathérine starb vor Hunger. Sie hatte seit dem Tag zuvor nichts mehr gegessen und ließ es sich nicht zweimal sagen. Sie verschlang das Brot und das Geflügel, die in dem Beutel waren, trank den Wein und warf dem dicken Kämmerer einen funkelnden Dankesblick zu. »Dank, Seigneur, Ihr seid gütig …« Eine verrückte Hoffnung stieg in ihrem Herzen auf. Es war das erstemal, daß sie mit ihm allein war, ohne Gefahr. War die Zeit gekommen, ihren Plan zur Ausführung zu bringen? Auf La Trémoilles Gesicht lag ein Lächeln, das es in tausend kleine, fette Fältchen verzog. Seine feiste Hand legte sich auf Cathérines Kopf, und er murmelte mit schmeichelnder Stimme: »Du weißt genausogut wie ich, daß ich dir nichts antun will, Kleine! Du hast keine Schuld an alldem hier. Du bist nicht aus eigenem Antrieb von mir weggegangen, nicht wahr?« »Nein. Ein junges Mädchen hat mich geholt«, antwortete Cathérine, sich naiv gebend. »Ein schönes blondes, junges Mädchen.« »Violaine de Champ chevrier, ich kenne sie nur zu gut. Sie ist die Vertraute meiner Frau; aber du, denke ich, bist meine Freundin. Du erinnerst dich, daß ich immer gut zu dir gewesen bin, nicht wahr?« »Sehr gut, Seigneur, sehr hilfreich!« »Dann ist jetzt der Augenblick gekommen, dich dafür dankbar zu erweisen. Was war das für ein Fläschchen, das du vorhin zerbrachst und dessen Scherben du der Gräfin ins Gesicht geworfen hast?« Cathérine senkte den Kopf, als ob sie mit sich kämpfte, und antwortete nicht sofort. La Trémoille wurde ungeduldig. »Los, sprich! Du hast kein Interesse zu schweigen, ganz im Gegenteil.« Sie hob wieder den Kopf, blickte ihm mit dem Anschein großer Freimütigkeit ins Gesicht. »Ihr habt recht. Ihr habt mir nichts Böses getan! Dieses Fläschchen … es enthielt einen Liebestrank, den die Dame von mir verlangt hatte.« Ein grausamer Zug verzerrte die dicken Lippen La Trémoilles, während seine Augen sich zusammenzuziehen schienen. »Einen Liebestrank, so? Weißt du, für wen?« Diesmal zögerte Cathérine nicht. Ohne jede Frage durfte sie für den jungen Grafen von Maine nicht die geringste Gefahr heraufbeschwören. Sie schüttelte energisch den Kopf. »Nein, Seigneur, ich weiß es nicht!« Die Stirn des Großkämmerers verdüsterte sich. Nervös spielten seine Finger mit dem dicken vergoldeten Gürtel, den er trug; einen Augenblick verharrte er in Schweigen. »Einen Liebestrank!« murmelte er schließlich. »Wozu? Meine Frau sucht nicht die Liebe, sie sucht nur das Vergnügen …« Cathérine holte tief Atem und preßte die gefesselten Hände ineinander, um gegen die Erregung anzukämpfen, die sich ihrer bemächtigte. Der Augenblick war gekommen, alles aufs Spiel zu setzen, die Worte zu sagen, die diesem Mann zu sagen sie von Angers hierhergekommen war, ihn zu überreden, das sichere Amboise zu verlassen … »Es ist ein sehr stark wirkender Trank, Monseigneur. Er macht den, der ihn trinkt, so schwach wie ein Kind in den Händen dessen, der ihn einflößt. Und die Dame wollte damit einem Mann ein großes Geheimnis entreißen … das Geheimnis eines Schatzes!« Sosehr sie damit auch gerechnet hatte, verblüffte sie doch die magische Wirkung ihrer Worte. Das fette Gesicht verfärbte sich, während die Augen des Kämmerers Funken sprühten. Er packte Cathérine an der Schulter und schüttelte sie wild: »Eines Schatzes? Was weißt du davon? Sprich, sprich endlich! Welches Geheimnis? Welcher Schatz?« Sie spielte die Angst bis zur Perfektion, zog sich in sich selbst zurück, indem sie dem dicken Mann furchtsame Blicke zuwarf. »Ich bin nur ein armes Mädchen, Seigneur! Woher sollte ich solche Geheimnisse kennen? Aber ich habe Ohren zu hören, und ich verstehe sehr wohl, was ich höre. In meinem fernen orientalischen Land spricht man immer noch von Mönchssoldaten, die einst kamen, um das Grab des Erlösers zu verteidigen, und die mit großen Reichtümern wieder aufbrachen. Als sie ins Land der Franken zurückkehrten, rottete der König sie damals alle aus …« Mit dem Ärmel wischte sich La Trémoille den Schweiß vom Gesicht. Seine Augen brannten wie Kohlen. »Die Tempelritter …«, stammelte er mit trockener Kehle. »Weiter!« Sie spreizte ihre gefesselten Hände in einer Geste der Ohnmacht. »Man sagt noch, daß sie, bevor sie starben, Zeit gehabt hätten, den größten Teil ihrer Reichtümer zu verstecken, und daß ihre Verstecke mit unverständlichen Zeichen versehen wurden. Der Mann, der die edle Dame interessierte, soll diese Zeichen entziffern können …« Enttäuschung malte sich auf den feucht glänzenden Zügen des dicken Mannes. Er war sichtlich verstimmt und zögerte auch nicht, es zu zeigen. Die Schultern hebend, brummte er: »Also müßte man wissen, wo diese Bezeichnungen sich befinden.« Ein engelhaftes Lächeln huschte über Cathérines Gesicht. Ihr auf den dicken Mann gerichteter Blick war reine, offene Liebenswürdigkeit. »Vielleicht sollte ich's nicht sagen, Seigneur, aber Ihr seid so gut zu mir gewesen … und die Dame so grausam! Sie hatte mir die Begnadigung Feros versprochen und hat ihn unter der Peitsche sterben lassen. Ich glaube, sie weiß, wo diese Zeichen sind … Neulich, in der Nacht, habe ich sie gehört. Sie glaubte, ich schliefe. Sie sprach von einem Schloß, in dem die Führer der Mönchssoldaten gefangengehalten wurden, bevor sie auf dem Scheiterhaufen starben, aber ich erinnere mich nicht mehr an den Namen!« Dies war so raffiniert gesagt, daß La Trémoille alles Mißtrauen verlor und sogar vergaß, daß er je mißtrauisch gewesen war. Wieder packte er Cathérine: »Erinnere dich, ich befehle es dir! … Du mußt dich erinnern! Ist es Paris, im großen Turm des Temple? Ist es da? … Sprich!« Sie schüttelte sanft den Kopf: »Nein … es ist nicht in Paris! Ein Name wie … äh, es ist schwer … ein Name wie Ninon …« »Chinon! Das ist es! Bestimmt Chinon, nicht wahr?« »Ich glaube, ja«, sagte Cathérine, »aber sicher bin ich nicht. Gibt es da einen sehr dicken Turm?« »Riesig! Der Schloßturm von Coudray! Der Großmeister der Tempelritter, Jacques de Molay, ist dort mit anderen Würdenträgern während des Prozesses eingesperrt gewesen!« »Dann sind die Inschriften in diesem Turm«, sagte Cathérine ruhig. Der dicke Mann hatte sich aufgerichtet und schritt jetzt im Übermaß seiner Erregung im Kerker auf und ab. Sie beobachtete ihn mit wilder Freude. Es war Arnaud, der ihr von dieser Geschichte einst berichtet hatte. Eines Abends, nach der Zerstörung von Montsalvy, hatte er über ihr Elend geseufzt und ihr erzählt, wie ein früherer Montsalvy, Ritter des Tempels, zusammen mit zwei anderen Ordensbrüdern vom Großmeister beauftragt worden war, den fabelhaften Schatz zu bewahren. Er war kurze Zeit später gestorben, die Lippen über einem Geheimnis versiegelt, zu dem allein der Großmeister den Schlüssel besaß. »Man erzählt sich«, hatte Arnaud gesagt, »daß der Großmeister in seinem Gefängnis, im dicken Turm von Chinon, verschlüsselte Zeichen niedergeschrieben habe … leider unlesbar. Ich habe sie gesehen, als ich da unten war, habe ihnen aber keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Ich war reich, ohne Sorgen … Jetzt würde ich den fabelhaften Schatz gern finden, um Montsalvy wieder aufzubauen.« An diese Unterhaltung hatte sie sich in Angers erinnert, als es darum gegangen war, einen Köder zu finden, mit dem La Trémoille nach Chinon gelockt werden konnte! Jetzt war der Köder ausgeworfen, der Fisch hatte angebissen … Tiefe Erleichterung bemächtigte sich Cathérines. Selbst wenn sie nicht mehr lebend aus diesem Kerker herauskäme, konnte sie wenigstens sicher sein, daß La Trémoille nach Chinon gehen, daß die Falle hinter ihm zuschnappen, daß sie schließlich gerächt sein würde! Mit leichterem Herzen beobachtete sie, wie er in ihrem Gefängnis wie ein Bär im Käfig auf und ab ging, und glaubte, durch seine Adern das Goldfieber wie ein Gift rinnen zu sehen. Sie hörte ihn murmeln: »Diesen Mann … muß man finden! Ich muß seinen Namen erfahren! Dann werde ich schon wissen, wie ich ihn zum Reden bringe …« »Seigneur«,unterbrach sie leise, »gestattet Ihr mir, Euch einen Rat zu geben?« Er starrte sie an, als sei er erstaunt, sie noch da zu finden. Seine Leidenschaft hatte ihn sie vergessen lassen. »Sag's ruhig! Du hast mir einen großen Dienst erwiesen.« »Wenn ich Ihr wäre, Seigneur, würde ich nichts sagen, um kein Aufsehen zu erregen. Ich würde nach Chinon gehen, mit dem Hof … selbst mit dem König, wenn nötig! Und ich würde die edle Dame überwachen lassen. Es ist unmöglich, daß Ihr den Mann, der sie interessiert, dort nicht entdeckt …« Diesmal hellte sich das feiste Gesicht auf. Ein listiges, grausames Lächeln breitete sich über die schwammigen Züge und glättete die Runzeln wie Öl das Wasser. Er hob seinen leeren Beutel auf, nahm die Laterne und schlug mit der Faust gegen die Tür. »Kerkermeister! He! Kerkermeister …« Er wandte sich zum Gehen, sie stieß einen Schrei aus … »Seigneur! Habt Mitleid mit mir! Ihr werdet mich nicht vergessen, nicht wahr?« Aber er hörte sie kaum noch. Er warf ihr einen zerstreuten Blick zu. »Ja, ja … sei ganz ruhig! Ich werde dran denken! Aber nimm dich in acht und schweige, oder …« Sie hatte verstanden. Sie hatte mit einemmal jeden Wert in seinen Augen verloren. Vor der fabelhaften goldenen Aussicht, die sich vor ihm auftat, hatte er sogar vergessen, wie sehr es ihn noch vor kurzem nach ihr gelüstet hatte. Ob sie lebte oder stürbe, interessierte ihn wenig. Als einziges zählte nur der Schatz … Morgen, vielleicht noch in dieser Nacht, würde er mit dem Hof nach Chinon aufbrechen. Cathérine hatte ihre Aufgabe gelöst, aber sie befand sich in größerer Gefahr als je, denn sie war sicher, daß die Dame de La Trémoille vor ihrem Aufbruch alles tun würde, um sie umbringen zu lassen! Und wer konnte sagen, ob Pierre de Brézé und Tristan l'Hermite Zeit genug haben würden, ihr zu Hilfe zu eilen? Wieder zog sie den Dolch aus ihrem befleckten Kleid, drückte ihn an die zitternden Lippen. »Arnaud«, murmelte sie, »du wirst gerächt werden! Ich habe alles getan, was ich tun mußte! Jetzt erbarme Gott sich meiner!« Aber die letzten Stunden der Nacht verrannen still, ohne daß jemand sie im Kerker aufsuchte. Als Aycelin um Mittag mit einem Napf, in dem in einer Flüssigkeit von undefinierbarer Farbe einige Kohlstrünke schwammen, einem Krug und einem Stück Schwarzbrot in Cathérines Zelle trat, schien er völlig niedergeschlagen. Sein grobes, unausgeprägtes Gesicht unter dem rasierten Schädelrund trug den Ausdruck tiefer Traurigkeit. Er stellte den Napf mit dem Brot und dem Wasser zu Cathérines Füßen nieder. »Hier ist dein Mittagessen«, sagte er mit einem tiefen Seufzer. »Ich hätte dir viel lieber was Besseres gebracht, weil du deine Kräfte brauchst! Iß trotzdem.« Mit dem Fuß schob Cathérine die abscheuliche Suppe beiseite, auf die sie nach dem Hühnchen La Trémoilles keinen Appetit mehr verspürte. »Ich hab' keinen Hunger«, sagte sie. »Aber warum sagst du, ich brauchte meine Kräfte?« »Weil du für heute nacht damit rechnen mußt! Nach dem Abendläuten wird man dich holen, und ich, ich muß … Aber du wirst mir verzeihen, nicht wahr? Es ist nicht meine Schuld, weißt du! Ich muß meine Pflicht tun …« Cathérines Kehle zog sich zusammen. Sie hatte verstanden, was der Folterknecht sagen wollte. In dieser Nacht würde sie unter den Augen der Dame de La Trémoille zu Tode gefoltert werden … Panik bemächtigte sich ihrer wie ein Sturmwind. Dank des Dolches konnte sie sich der Folter entziehen, aber nicht dem Tod, und gerade jetzt wollte sie nicht sterben. Sie wollte es nicht mehr! In ihrer Freude über die Verwirklichung ihres Plans, da sie nun wußte, daß La Trémoille bereit war, nach Chinon zu gehen, hatte sie in dieser Nacht gedacht, nichts anderes mehr sei wichtig und das Sterben müsse ihr leichtfallen in dem Bewußtsein, gerächt zu werden … Jetzt aber, angesichts dieses Henkers, der sich zum tragischen Herold ihrer letzten Stunde machte, wies sie ihr Geschick mit aller Kraft zurück. Sie war jung, war schön, sie wollte leben! Sie wollte aus diesem Loch heraus, die Sonne wiedersehen, den weiten blauen Himmel und alle Pflanzen, die Gottes Willen über die Erde ausstreute. Sie wollte ihren Sohn wiedersehen, ihren kleinen Michel, die Berge der Auvergne und jenen grauenerregenden Ort, an dem ihr Liebster langsam dahinsiechte … Arnaud! Sie wollte nicht so weit von ihm entfernt sterben! Seine Hand noch einmal berühren, nur ein einziges Mal … und dann sterben, ja! Aber nicht vorher! Jäh hob sie den Kopf, den sie gesenkt hatte, um ihn ihre Erregung nicht sehen zu lassen. »Hör zu!« sagte sie mit drängender Stimme. »Du mußt den Mann finden, der gestern nacht hierhergekommen ist … den, von dem du sagtest, du schuldest ihm viel!« »Den Diener Monseigneurs des Großkämmerers?« »Ja, den! … ich kenne seinen Namen nicht, aber du wirst ihn sicherlich mühelos erkennen. Geh und such ihn. Sag ihm, was du mir eben gesagt hast!« »Und wenn ich ihn nicht finde? Monseigneur hat viele Diener …« »Du mußt ihn finden! Unbedingt! Da es dich so sehr bekümmert, mir weh zu tun … Ich flehe dich an, such ihn!« Sie war aufgestanden. Mit ihren zitternden Händen umklammerte sie die riesigen Pranken des Folterknechts; mit ihren tränenfeuchten großen Augen flehte sie ihn an. Er hatte gezeigt, daß er Mitleid mit ihr fühlte. Sie witterte in diesem stumpfen Wesen eine Art Sympathie. Er mußte um jeden Preis Tristan benachrichtigen, sonst würde der Flame in dieser Nacht zweifellos zu spät kommen. Sie wäre schon tot. Hatte der Folterknecht nicht gesagt ›nach dem Abendläuten‹? Das Abendläuten war in der letzten Nacht, als Tristan gekommen war, schon lange vorbei gewesen. »Aus Mitleid, Aycelin … wenn du ein wenig Freundschaft für mich empfindest, such ihn!« Der Folterknecht nickte mit dem großen Kopf, dem die riesigen Ohren das Aussehen eines Kochtopfs gaben. Seine Äuglein blinzelten unter den wimperlosen Lidern. »Ich will's versuchen … aber es wird nicht leicht sein! Es ist ein großes Hin und Her im Schloß heute. Der König hat beschlossen, morgen nach Chinon abzureisen. Man packt die Reisetruhen, ich werd' tun, was ich kann …« Mit müden Gliedern ließ Cathérine sich wieder auf ihren Strohhaufen fallen. Die Nachricht, die Aycelin ihr soeben gebracht hatte, war kostbar, denn sie war der deutliche Beweis ihres Sieges. Der König, das bedeutete La Trémoille! Und er würde sich nach Chinon aufmachen, wo ihn die Männer des Konnetabels von Richemont erwarteten, wo Raoul de Gaucourt kommandierte, von den Verschwörern gewonnen. Der alles verheerende Eber, der schon zu lange über die Erde Frankreichs galoppiert war, ging seinem letzten Gehege entgegen. Aber wenn Aycelin Tristan nicht fände, würde Cathérine den Tag ihres Sieges nicht anbrechen sehen … Lange Stunden verharrte sie auf ihrem Strohlager, ins Leere starrend, die Hände um die Knie geschlungen, ihren Herzschlägen lauschend und mit aller Macht gegen die Verzweiflung ankämpfend. Jenseits der Wand, ganz nah, war Sara, ihre alte Sara, die tröstende Zuflucht grausamer Stunden, und sie konnte nicht zu ihr. Sie hätte rufen müssen, um von ihr gehört zu werden, aber dazu besaß sie nicht mehr die Kraft! … Doch die Angst überfiel sie noch grausamer, als der Tag zu Ende ging. Draußen im Schloßhof herrschte lebhafte Bewegung. Von ihrer Höhle aus konnte sie die Befehle, die Rufe der Diener, die Anweisungen, das ganze fröhliche Gelärm eines bevorstehenden Aufbruchs hören. Da, ganz nahe, waren die Geräusche des Lebens, die die Todgeweihte grausam verhöhnten. Und einen Augenblick fragte sie sich, ob die Toten in ihren Gräbern das Getöse der Lebenden hören könnten … Das öffnen des Gucklochs in ihrer Tür ließ sie zusammenzucken. Durch das Gitter bemerkte sie das rote Gesicht Aycelins, von einer Kerze angestrahlt. Und die Worte, die er sprach, fielen wie schwere Steine auf ihr Herz: »Ich hab' den Mann nicht gefunden … Verzeih mir!« »Such weiter!« »Kann ich nicht! Hab' nicht die Zeit dazu. Ich muß mich vorbereiten …« Das Guckloch klappte zu. Cathérine fand sich in die Dunkelheit der anbrechenden Nacht zurückgeworfen. Eine Dunkelheit, der sie nur entrinnen würde, um in eine noch tiefere Nacht zu tauchen. Nun war alles beschlossen! Die Hoffnung war tot, von den Menschen war nichts mehr zu erhoffen. Man mußte sich Gott zuwenden … Langsam ließ Cathérine sich auf die Knie sinken und barg ihr Gesicht in den Händen. »Mein Gott!« murmelte sie. »Da es nun einmal dein Wille ist, daß ich heute nacht sterbe, gewähre mir wenigstens die Gnade, die Folter nicht erleiden zu müssen. Gib, daß ich Zeit habe, mein Leben selbst zu beenden …« Sachte zog sie den Dolch aus ihrem Brusttuch, hielt ihn fest an sich gedrückt, von einer plötzlichen Versuchung ergriffen. Warum nicht jetzt Schluß machen? Wenn die Folterknechte in ihr Gefängnis kämen, würden sie nur einen leblosen Körper vorfinden. Das wäre viel einfacher … In ihrer Hand fühlte sich der Griff des Dolchs warm wie ein lebender Vogel an, beruhigend wie ein treuer Freund. Sie wußte genau, wohin sie stoßen mußte, um ihr Herz zu treffen. Da, genau unter die linke Brust … Mit der Spitze der Waffe suchte sie die Stelle, stieß zu … Die scharfe Spitze drang durch ihre Haut, unter das Zellgewebe, und weckte Cathérine aus der todesähnlichen Betäubung, die sie überkommen hatte. Diese so zarte Haut zu durchstoßen wäre leicht. Sie brauchte nur noch etwas stärker zu drücken. Aber ein unerklärlicher Instinkt hielt die Hand der jungen Frau zurück. Wenigstens wollte sie die letzten Minuten, die ihr blieben, durchleben. Und außerdem wollte sie nicht in diesem Loch sterben. Sie wollte im Licht sterben, und sei es auch im Folterkeller. Sie wollte im Angesicht ihrer Feindin sterben, ihre Wut genießen, wenn sie sich ihrer Rache entzöge, ihren haßerfüllten Schrei vernehmen, bevor sie ihre Seele aushauchte … Jawohl, sie mußte bis dahin warten … Das war besser! Die Hörner des Schlosses antworteten den Glocken der Stadt und kündeten den Abend an! Sie ließen Cathérines Blut gerinnen. Waren es bereits die Posaunen des jüngsten Gerichts, die der Totenglocke antworteten? Die letzten Minuten verstrichen in der Sanduhr ihres Lebens … Bald … Im Flur klangen eisenklirrende Schritte, Füßescharren von Stahl auf Stein. Cathérine schloß die Augen, betete von ganzem Herzen um den Mut, den sie so dringend brauchte. Jemand blieb vor ihrer Tür stehen. Die Riegel knirschten … »Adieu!« murmelte sie. »Adieu, mein Kindchen! … Adieu, mein vielgeliebter Mann! ich werde dich im Paradies erwarten!« Die Tür ging auf, die Gefangene gewahrte vier Soldaten, die draußen warteten. Der Folterknecht trat ein, allein, und Cathérine überlief ein Schauer. So abstoßend Aycelins Physiognomie auch sein mochte, zog sie sie doch dem Anblick vor, den er in diesem Moment bot. Die groben Züge des Folterknechts waren unter einer roten Kapuze verborgen, die nur zwei Schlitze für die Augen aufwies und bis auf die Schultern herabfiel. Er sah furchterregend aus … Ohne ein Wort zu sagen, ließ er die eisernen Handschellen zu Boden fallen und packte Cathérines Handgelenke, um sie ihr auf den Rücken zu legen. Sie bat flehentlich: »Eine einzige Gunst, Freund Henker, die letzte … Binde meine Hände vorn zusammen!« Durch die Schlitze der Maske sah sie die Augen des Henkersknechts. Sie schienen ihr ungewöhnlich glänzend. Aber er sagte nichts, begnügte sich zu nicken. Cathérines Hände wurden vorn zusammengebunden, und sie stellte mit Freuden fest, daß er die Stricke nicht fest zuzog. Sie würde keine Mühe haben, den Dolch zu ergreifen, sobald es soweit war … Mit festem Schritt trat sie durch die Tür und stellte sich mit hocherhobenem Kopf zwischen die Soldaten. Der Folterknecht bildete die Nachhut. Sie wandte sich nicht um, als sie von neuem die Riegel zuschnappen hörte. Was kümmerte es sie, daß man die Kerkertür wieder sorgfältig schloß? Sie hatte nicht einmal den Mut, einen Blick auf die Tür zu Saras Zelle zu werfen. Aber ihre Stimme mit aller Kraft erhebend, rief sie: »Adieu, adieu, meine gute Sara! Bete für mich!« Die Antwort drang bebend an ihr Ohr: »Ich habe gebetet! Mut!« Sekunden später öffnete sich vor ihr die niedrige Pforte zu dem verhängnisvollen Raum, und sie mußte allen Mut zusammennehmen, wie Sara es ihr empfohlen hatte, um nicht schwach zu werden, so sehr hatte sie den Eindruck, in die Hölle zu treten … Aufrecht, mit gekreuzten Armen neben brennenden Kohlenöfen, in denen Kneifzangen, Haken und Stahlklingen zum Glühen gebracht wurden, standen wartend zwei Folterknechte; ihre Oberkörper waren nackt, und beide trugen eine Kapuze ähnlich der Aycelins. Cathérine betrachtete mit Grauen ihre muskulösen Arme, die von breiten Lederarmbändern umspannt wurden. In die Mitte des Raums war eine Folterbank geschoben worden, deren herunterhängende Ketten das Opfer erwarteten, und im roten Schein der Kohlenöfen zeigten andere Folterwerkzeuge ihre entsetzlichen Formen … Doch Cathérine überwand sehr schnell den Schauder des Schreckens, der ihr über die Haut gelaufen war, und wandte die Augen von der Foltermaschine ab. Auf dem Sessel, den in der Nacht zuvor ihr Gatte eingenommen hatte, thronte, prächtig in grünen Goldbrokat gekleidet, die Dame de La Trémoille und sah ihr mit einem grausamen Lächeln auf den roten Lippen entgegen. Violaine de Champchevrier saß graziös zu ihren Füßen auf einem schwarzen Samtkissen und roch lässig an einer mit Parfüm gefüllten goldenen Kugel, die sie in ihren hübschen Händen hielt. Der Anblick dieser wie zu einem Fest herausgeputzten beiden Frauen, die in die Folterkammer gekommen waren, um mit anzusehen, wie eine andere gemartert wurde, hatte etwas Empörendes an sich, doch Cathérine begnügte sich damit, sie mit Verachtung zu strafen. Die Dame brach in Gelächter aus: »Wie hochmütig du bist, mein Mädchen! Aber das wird sich gleich geben, wenn dieser wackere Aycelin seine raffinierten Künste an dir praktiziert. Weißt du, was er mit dir machen wird?« »Unwichtig! … Das einzige, was zählt, ist, daß ich keinen Priester hier sehe!« »Einen Priester? Für eine Hexe wie dich! Die Helfershelfer des Satans brauchen keinen Priester, um sich mit ihrem Herrn und Meister zu vereinigen! Was würde dir ein priesterlicher Segen auf dem Weg zur Hölle nützen? Mich interessiert nur zu erfahren, wie eine Hexe die Folter erträgt. Hast du einen Zauber, Zigeunerin, der dich vor Schmerz behütet? Wirst du fest bleiben, wenn der Folterknecht dir die Nägel ausreißt, dir Nase und Ohren abschneidet, dir bei lebendigem Leib die Haut abzieht und die Augen aussticht?« Cathérines Blick blieb fest, während sie der sadistischen Ankündigung der Dinge lauschte, die man ihr zugedacht hatte. Nur noch einen Augenblick, und sie würde nichts weiter als ein Stück lebloses Fleisch sein … »Ich weiß es nicht! Aber wenn Ihr eine wahre Christin seid, werdet Ihr mir Zeit für ein letztes Gebet geben. Danach …« Die Gräfin zögerte. Offensichtlich hatte sie große Lust, Cathérines Bitte abzuschlagen. Aber ihr Blick glitt zu den Bewaffneten hinüber, die sich im Hintergrund zusammengedrängt hatten. Sie hatte nicht das Recht, die Bitte einer Verurteilten abzuschlagen, sonst lief sie Gefahr, selbst der Gottlosigkeit geziehen zu werden. Und das war immer gefährlich. »Es sei!« stimmte sie widerwillig zu. »Aber mach schnell! Nehmt ihr die Fesseln ab.« Der Folterknecht trat vor und knüpfte die Stricke auf. Cathérine kniete am Fuß einer der Säulen nieder, den Rücken ihrer Feindin zugekehrt. Sie kreuzte die Hände auf der Brust, senkte den Kopf, krümmte den Rücken und zog sachte den Dolch heraus. Ihr Herz klopfte wie rasend. Sie war sich bewußt, daß die anderen Folterknechte sich in den hinteren Teil der Kammer zurückgezogen hatten. Zweifellos wollten sie das Spektakel ihres letzten Gebetes genießen. Sie umspannte fest die Waffe und richtete die Spitze gegen ihr Herz, wollte zustoßen, tief … Ein Verzweiflungsschrei entfuhr ihr. Aycelin hatte sie brutal herumgedreht und ihr die Waffe entrissen. Sie glaubte sich verloren. Doch in der Folterkammer geschahen jetzt einige merkwürdige Dinge. Ihrem Schrei hatten Schreckensrufe der Gräfin und ihrer Ehrendame geantwortet … Wie im Traum sah Cathérine sie kreischend aneinandergeklammert, während die drei Folterknechte sich mit den Bewaffneten herumschlugen. Verblüfft stellte die Verurteilte fest, daß sie gute Arbeit leisteten. Aycelin hatte den Cathérine entrissenen Dolch schon in die Kehle eines der Soldaten gestoßen. Seine beiden Gehilfen fochten bereits mit Degen, die sie, man wußte nicht, woher, zum Vorschein gebracht hatten. Der Kampf war kurz, die Folterknechte handhabten ihre Waffen mit diabolischer Fertigkeit. Bald lagen vier Leichen auf den abgewetzten Fliesen, und zwei der Angreifer richteten ihre Degenspitzen auf die bloßen Kehlen der beiden Frauen. »Banditen!« brüllte die Gräfin. »Kanaillen! Was wollt ihr?« »Nichts Besonderes von Euch, edle Dame«, sagte Aycelin unter seiner Kapuze mit der gedehnten Stimme Tristan l'Hermites. »Nur Euch daran hindern, ein weiteres Verbrechen zu begehen.« »Wer seid Ihr?« »Gestattet mir, Euch zu sagen, daß Euch das nichts angeht … Fertig, ihr andern?« Der eine der Folterknechte hatte Cathérine aufgehoben, während ein anderer, der einen Augenblick verschwunden war, mit Sara wiederkehrte. Die beiden Frauen fielen sich wortlos in die Arme. Sie waren unfähig zu sprechen, so sehr schnürte ihnen die Erregung die Kehle zu. Ohne seine Gefangenen aus den Augen zu lassen, befahl Tristan: »Knebelt diese edlen Damen, und zwar fest! Dann sperrt jede in eine Einzelzelle!« Der Befehl wurde mit bewundernswerter Schnelligkeit ausgeführt. Die wutschnaubende Dame de La Trémoille und Violaine verschwanden in ihre Kerker. »Ich würde ihnen gern die Kehle durchschneiden«, meinte Tristan, »aber sie haben noch ihre Rolle zu spielen. Ohne seine Frau ginge La Trémoille zweifellos nicht nach Chinon!« Während er noch sprach, nahm er die Kapuze Aycelins ab, die er sich geborgt hatte, und ging mit einem breiten Lächeln auf Cathérine zu. »Ihr habt gut gearbeitet, Dame Cathérine. Jetzt ist es an uns, Euch hier herauszubringen!« »Was habt Ihr mit Aycelin gemacht?« »Der schläft augenblicklich seinen Rausch aus, den er sich mit dem mit einem Schlafmittel versetzten Wein angetrunken hat, um sich Mut für Eure Folterung zu machen.« »Aber die anderen Folterknechte? Wer sind sie?« »Ihr werdet sehen!« Eben kamen die beiden Knechte zurück und nahmen wie auf Befehl gleichzeitig die Kapuzen ab. Plötzlich feuerrot geworden, erkannte Cathérine Pierre de Brézé, aber der andere – ein brauner, stämmiger, vierschrötiger Mann mit intelligentem Gesicht – war ihr unbekannt. Der junge Seigneur kniete, als sei es die natürlichste Stunde und der natürlichste Ort der Welt, vor Cathérine nieder und küßte ihr die Hand. »Wenn ich Euch nicht hätte retten können, wäre ich jetzt tot, Cathérine.« Mit einer spontanen Bewegung streckte sie ihre Hände nach ihm aus und umschloß sein Gesicht mit einer leidenschaftlichen Gebärde. »Wie ich Euch Dank schulde, Pierre … Wenn ich bedenke, daß ich eben noch an Gott und den Menschen verzweifelte!« »Ich wußte, daß Ihr Euch mit dem Dolch vor der Folter töten würdet«, sagte Tristan, damit beschäftigt, den toten Soldaten die Uniformen auszuziehen. »Ich habe Euch überwacht und fürchtete, daß Ihr den Todesstoß zu früh ausführen würdet.« Sara war vor Freude in Schluchzen ausgebrochen, als sie Cathérine wiedergefunden hatte, aber nun faßte sie sich allmählich. Mit dem Ärmel über ihre Augen wischend, fragte sie: »Wir sind noch nicht draußen. Was machen wir jetzt?« »Ihr und Cathérine, desgleichen Tristan, werdet die Uniformen der Soldaten anziehen. Ich und Jean Armenga, den ich Euch hiermit als Stallmeister Ambroise de Lores vorstelle, wir werden wieder unsere übliche Kleidung anlegen«, sagte Brézé. »Darauf gehen wir in den Hof hinaus. Neben dem Tor stehen schon die gesattelten Pferde. Wir steigen auf, und ich setze mich an die Spitze des Trupps, um Euch aus dem Schloß herauszuführen. Ich habe einen Passierschein.« »Wer hat Euch den gegeben? La Trémoille?« fragte Cathérine lächelnd. »Nein. Die Königin Marie. Sie ist eine der Unsrigen … und viel weniger langweilig, als man glaubt. Ich führe Euch bis zur Grenze des Gebiets von Amboise, dann kehren wir, Armenga und ich, ins Schloß zurück, während Ihr Euren Weg fortsetzt. Die Dame wird sich mit ihrem Los inzwischen abgefunden haben, aber wir müssen uns jetzt beeilen! Man weiß nicht, was noch alles passieren kann. Ich darf Euch bitten, Euch umzukleiden, Cathérine, und auch Euch, gute Dame!« Schon schnürte Cathérine ihr Kleid auf und drängte Sara zur Eile, die schon bei dem Gedanken, sich in Männerhosen zwängen zu müssen, knurrte, denn das verabscheute sie über alles. Aus einer Truhe förderten die drei Männer die Kleidungsstücke zutage, die Brézé und der Stallmeister dort versteckt hatten, während Cathérine und Sara sich in den Schatten zurückzogen, um ihre Kleidung zu wechseln. Es ging sehr schnell. Sie begnügten sich mit dem enganliegenden Lederwams und ließen die schweren Kettenhemden zurück. Die mit dem königlichen Wappen versehenen Überhänge würden genügen, um die Illusion zu vervollständigen. Die Helme, die Hals- und Schulterpanzerung und die festen Schuhe, viel zu groß natürlich, waren schon unförmig genug … Als Pierre de Brézé sie so ausstaffiert wiedererscheinen sah, konnte er sich eines Lachens nicht enthalten. »Ein Glück, daß es Nacht sein wird … und daß andere Kleider Euch zwei Meilen von hier erwarten werden. So würdet ihr nicht weit kommen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.« »Wir werden unser Bestes tun«, sagte Sara. »So einfach ist das nicht!« Inzwischen trat Pierre auf Cathérine zu und nahm eine ihrer Hände in die seinen. Tiefe Bewegung zeigte sich in seinem klaren Blick. »Wenn ich dran denke, daß ich Euch sofort verlassen muß, Cathérine! Ich würde so gern über Euch wachen! Aber ich muß im Schloß bleiben … Man würde meine Abwesenheit bemerken und sich darüber wundern.« »Wir werden uns wiedersehen, Pierre, in Chinon!« »Ihr werdet euch nie wiedersehen, wenn ihr euch nicht beeilt!« wandte Tristan ein. »Vorwärts … Geht voraus, Messire!« Pierre de Brézé und der Stallmeister setzten sich an die Spitze des kleinen Trupps. Vorsichtig nahm man die abschüssige Treppe, die zur Wachstube führte. Trotz des Gewichts ihrer Ausrüstung, die schwer auf ihr lastete, glaubte Cathérine, ihr Herz singen zu hören. Noch nie hatte sie sich so erleichtert, so glücklich gefühlt! Obwohl sie dem Tod schon so nahe ins Angesicht geblickt hatte, würde sie weiterleben … Gab es ein wunderbareres, berauschenderes Gefühl? … Ihre viel zu großen Stiefel glitten auf den feuchten, ausgetretenen Stufen aus. Sie stolperte, tat sich weh, aber sie achtete nicht darauf … Es kam ihr nicht einmal der Gedanke, daß sie sich möglicherweise der langen, schweren Pike würde bedienen müssen, die sie mitschleppte … Es schien ihr, als brauche sie nichts anderes zu tun, als nur Pierre de Brézé zu folgen. Den blanken Degen in der Hand, ging er voran. In der Wachstube waren zunächst zwei Soldaten außer Gefecht zu setzen … Es wurde schnell und lautlos erledigt. Geknebelt und gefesselt wurden die Soldaten auf den Boden gelegt. »Jetzt hinaus!« sagte Pierre. »Und möglichst ohne viel Geräusch!« Im Hof brannten nur einige wenige Feuertöpfe, die zu nichts dienten, als die Nacht noch schwärzer erscheinen zu lassen. Doch kaum aus dem Turm getreten, hob Cathérine in einem Gefühl der Dankbarkeit die Augen gen Himmel. Er sah wie dunkler Samt aus, den die fahlen Streifen der Milchstraße durchzogen. Nie war ihr die Luft süßer und köstlicher vorgekommen … Von Tristan und Sara flankiert, sah sie vor sich die breiten Schultern Pierres, der voranschritt. Er hatte den Degen in die Scheide geschoben, aber die Waffe war jederzeit griffbereit … Jean Armenga bildete den Schluß. Er ging dicht hinter ihr, vielleicht um zu verhindern, daß den auf der Mauer wachenden Soldaten ihre für einen Kriegsmann ungewöhnlich kleine Statur auffiel. Man kam nah am Schloßturm vorüber, vor dessen Pforte zwei schwer auf ihre Piken gestützte Soldaten vor sich hin dösten, und Cathérine hob instinktiv die Augen zu den Stockwerken empor. Bei Gilles de Rais war alles dunkel, doch bei La Trémoille brannten Kerzen … Das Goldfieber schien den dicken Mann wach zu halten … Die Aufregung des Tages war einer tiefen Ruhe gewichen. Die Anwesenheit der Königin hatte den zu lauten Vergnügungen eine Grenze gesetzt, und die Reisevorbereitungen hatten jedermann ermüdet … Der riesige Hof war leer, mit Ausnahme der Zugänge zu den Wachstuben, wo man die Umrisse einiger Soldaten bemerkte. Im Gehen flüsterte Cathérine Tristan zu: »Diese Soldaten da drüben … werden sie uns nicht festnehmen?« »Das würde mich wundern. Es sind Wachen der Königin, die wir heute abend auf Posten ziehen ließen. Ich weiß nicht, was Ihr La Trémoille erzählt habt, aber Ihr habt ihn derart aus der Fassung gebracht, daß alles heute nacht im Schloß kopfsteht.« »Wird unsere Flucht nicht zur Folge haben, daß er seinen Entschluß, nach Chinon zu gehen, wieder umwirft?« »Bestimmt nicht! Er wird annehmen, dies sei das Werk Eurer Zigeunerbrüder. Die Dame de La Trémoille hat unsere Gesichter nicht gesehen, wenn Ihr Euch erinnert, und der Gedanke, daß man sie eine Nacht in den Kerker gesperrt hat, wird ihrem zärtlichen Gatten durchaus nicht mißfallen!« »Still!« befahl Pierre de Brézé. Sie näherten sich jetzt dem Torgewölbe und der Wachstube. Das Fallgatter und die Zugbrücke mußten noch überwunden werden, aber Cathérine hatte keine Angst mehr. Der Mann, der vor ihr herging, mußte ihr Schutzengel sein. Unter seiner Obhut, dessen war sie sicher, konnte ihr nichts Böses geschehen … Pferde standen, neben dem Brunnen angebunden, bereit, und Cathérine fragte sich besorgt, ob es ihr je gelingen würde, sich in ihrer schweren Ausrüstung in den Sattel eines dieser Tiere zu schwingen. Aber Brézé hatte auch das vorausgesehen. Während er sich allein den Bogenschützen der Wache näherte, um mit ihnen zu sprechen, nahm Jean Armenga Cathérines Pike, lehnte sie gegen die Mauer, dann faßte er die junge Frau um die Taille, hob sie leicht wie eine Feder und setzte sie in den Sattel. Danach, diesmal jedoch von Tristan unterstützt, wiederholte er die Prozedur mit Sara. Eine unbändige Lust zu lachen überkam Cathérine, als sie sich die Überlegungen der Posten ausmalte, falls sie hätten sehen können, wie ein Herr zwei einfachen Soldaten so zuvorkommend in den Sattel half. Aber es war sehr dunkel in der Ecke des Brunnens … Plötzlich hörte sie die Stimme Pierres. »Öffnet lediglich das Ausfalltor, wir sind nur zu fünft, im Dienste der Königin!« »Zu Befehl, Monseigneur!« antwortete jemand. Langsam hob sich unter den aufmerksamen Augen Cathérines das kleine Fallgatter, die leichte Brücke senkte sich. Offensichtlich hatte Pierre den rasselnden Lärm der Hauptbrücke vermeiden wollen … Jetzt bestieg auch der junge Mann sein Pferd. »Vorwärts!« befahl er, als erster unter dem Gewölbe durchreitend. Die drei falschen Soldaten folgten ihm. Als Cathérine und Sara die vom Wachkorps freigegebene Zone durchquerten, drückten sie die Helme, so tief sie konnten, ins Gesicht und bemühten sich, die lässige Haltung von Männern nachzuahmen … Unwillkürlich machten sie sich auf einen Ruf, einen Protest, vielleicht sogar auf einen Scherz gefaßt. Aber nichts dergleichen … Und plötzlich gab es vor ihnen keine Schranken, kein Hindernis mehr, nichts als den großen, mit Sternen übersäten Himmel, unter dem die Schieferdächer der Stadt und die große Wasserader des Stroms zart glitzerten … Trunken vor Begeisterung, atmete Cathérine die Nachtluft ein, füllte sich die Lungen und schmeckte sie wie einen köstlichen Likör. Er war so gut, dieser leise Wind, der den Duft der Rosen und des Geißblattes mit sich trug, nach den ekelhaften Dünsten des Kerkers und dem widerlichen Parfüm der Gräfin … Wieder hörte sie die Stimme Brézés, der den Posten des Fallgatters zurief: »Schließt noch nicht! Ich komme in ein paar Minuten zurück! Diese Leute sind Verstärkung für das Südtor … Auf, im Galopp, Leute!« Die Zufahrtsrampe wurde in sausendem Tempo bewältigt. Die fünf Reiter galoppierten an den felsigen Außenwerken des Schlosses entlang, um zu dem befestigten Tor zu gelangen, das die Stadt gegen den nahen Wald schützte. Im schlafenden Amboise rührte sich nichts … nur hin und wieder war der durchdringende Schrei einer Katze auf Freiersfüßen auf einem Dach oder das Gebell eines aufgestörten Hundes zu hören. Der Passierschein Brézés öffnete ihm das Stadttor, wie er ihm die Schloßpforte geöffnet hatte, und auch diesmal unterrichtete er die Wachen, daß er zurückkäme. Jetzt war es ein Forsthaus, zu dem er seine Soldaten führte. Der Leutnant, der am Tor das Kommando hatte, erhob keine Einwände. Endlich öffnete sich die große Straße vor den Flüchtigen … Man ließ die Pferde im Schritt gehen. Der Weg stieg zu dem dichten schwarzen Waldgelände an. Solange man sich noch nicht im Schutz der Bäume befand, ritten sie schweigend dahin. Aber kaum hatte das dichte Unterholz sich hinter ihnen geschlossen, als Pierre de Brézé auch schon die Hand hob und sich vom Pferd schwang. »Hier werden wir uns trennen«, sagte er. »Ihr werdet allein weiterreiten, denn Armenga und ich kehren ins Schloß zurück. Wir müssen an der Seite der Königin sein, wenn sie Amboise verläßt. Und was Euch betrifft …« »Ich weiß«, unterbrach Tristan. »Wir reiten bis zum Kastell Mesvres, zwei Wegstunden von hier, wo wir erwartet werden.« Im Wald herrschte Dunkelheit, doch ein fahler Schein der noch schmalen Mondsichel drang in die Schneise, auf der die Reisenden hielten. Er genügte Cathérine, um die blitzenden Zähne Brézés zu erkennen. Er lächelte. »Ich hätte wissen müssen, Sire Tristan, daß Ihr niemals etwas vergeßt! Ich vertraue Euch also Dame Cathérine an. Ihr wißt, wie teuer sie mir ist und wie kostbar ihre Sicherheit. Das Kastell Mesvres gehört meinem Vetter Louis d'Amboise. Ihr habt nichts zu befürchten. Ihr könnt Euch dort ausruhen, erholen und diesen Damen die ihrem Rang zukommende Kleidung verschaffen.« Um alles in der Welt hätte Cathérine nicht erklären können, welches Gefühl sie trieb, auf Pierre zuzugehen und ihn ängstlich zu fragen: »Wohin reiten wir dann, Messire Pierre? Wo werden wir uns wiedersehen? Kann ich jetzt nach Chinon? Ich will das Ende La Trémoilles miterleben.« Er beugte sich zu ihr hinunter, nahm ihr den schweren Helm ab, der sie drückte, und warf ihn in ein Dickicht: »So sehe ich wenigstens Euer süßes Gesicht, bevor ich Euch verlassen muß! Sicher geht Ihr nach Chinon, wo Königin Yolande mit ihrem Schwiegersohn zusammentreffen wird. Nach Eurem Erfolg werdet Ihr sie, wenn alles vorbei ist, dort wiederfinden. Gewiß könntet Ihr auch zu ihr nach Angers gehen, aber Ihr werdet müde sein. In Chinon werdet Ihr Euch ausruhen. Geht in die Herberge ›Zum Kreuz des Großen Saint-Mexme‹ gleich neben dem Grand Carroi. Sagt, ich schicke Euch, und der Wirt wird Euch zu Füßen liegen. Er ist gut und ein treuer Untertan des Königs, und da er einst die Jungfrau von Orléans beherbergt hat, wird er sich im Andenken an sie besonders anstrengen. Bittet Meister Agnelet um Diskretion, und Ihr werdet keine Seele zu Gesicht bekommen. Eure Trauerkleidung übrigens wird Euch Achtung und Ungestörtheit verschaffen …« Es folgte ein Schweigen, so tief, daß Cathérine und Pierre ihre Herzschläge hätten hören können … Die anderen hatten sich taktvoll ein wenig zurückgezogen. Sie warf ihm einen strahlenden, dankbaren Blick zu und reichte ihm ihre Hände, die er kniend ergriff wie vor kurzem in der Folterkammer. »Danke, mein Ritter«, murmelte Cathérine, von ihrer Erregung erstickt. »Vielen Dank für alles! Wie kann ich Euch sagen, was ich in diesem Augenblick empfinde? Es würde so vieler Worte bedürfen, die mir jetzt fehlen.« »Meine süße Dame, mich leitet nur meine Liebe zu Euch! … Wenn Ihr ums Leben gekommen wäret, hätte es meinen Tod bedeutet! Sucht nicht nach Worten …« Er preßte die Lippen auf beide Hände, worauf Cathérine sich lebhaft niederbeugte und einen Kuß auf das kurze blonde Haar des jungen Mannes drückte. Dann zog sie sanft ihre Hände zurück. »Auf bald, Messire! Und Gott schütze Euch! Steht mir bei, Herr Junker.« Sie wandte sich zu Armenga, der ihr wieder in den Sattel half. Auch ihm sagte sie Dank, was er mit einem verbindlichen Lächeln quittierte. Sara und Tristan näherten sich. Sie hob die Hand, grüßte Pierre fröhlich, der sie nicht aus den Augen ließ. »Wenn wir uns wiedersehen, bin ich wieder Cathérine geworden«, sagte sie freudig. »Vergeßt die Zigeunerin so schnell wie möglich … so schnell, wie ich sie vergessen will. Nochmals vielen Dank Euch beiden!« Die Schneise öffnete sich in einen lichten Graben zwischen den schwarzen Mauern des Waldes. Er schien ins Unendliche zu führen. Tristan und Sara auf den Fersen, gab Cathérine ihrem Pferd die Sporen und jagte im Galopp dem Horizont zu. Elftes Kapitel Die Sonne ging in hochroter Pracht unter, die die hohen grauen Mauern Chinons, die Schieferdächer der Stadt und die sie umschließenden, scheinbar direkt aus der Vienne aufsteigenden Wälle mit ihrem Purpurschein überzog. Auf dem in rotem Feuer glühenden Fluß glitten die Barken der Schiffer unter den Schreien der Eisvögel und dem schnellen Flug der Schwalben geräuschlos auf die schwarzen Bogen der alten Brücken zu. Es war ein schöner Abend, sanft und mild, schon vom Duft des frischen Grases erfüllt, als Cathérine, von Sara und Tristan l'Hermite gefolgt, die erste Umwallung am Tor de Bessé durchquerte und an den Mauern der Stiftskirche von Saint-Mexme entlangritt. Etwas weiter zeigten sich ein neues Tor und eine neue Zugbrücke: das Tor von Verdun, das den eigentlichen Zugang zur Stadt bildete. Hoch oben, das Ganze krönend, erstreckte sich das Drillingsschloß in einer Perspektive, die unendlich schien: das Fort Saint-Georges, einst von den Plantagenets erbaut, das Mittelschloß und ganz hinten Coudray, das der fünfundzwanzig Meter dicke riesige, zylindrische Schloßturm beherrschte … Wahrhaftig, Chinon-la-Villeforte verdiente wohl seinen Beinamen, und Cathérine betrachtete mit tiefer Freude die majestätische Falle aus Stein, in die sich ihr Feind bald begeben würde. Aber wie schnell die Zeit verging! Schon schien ihr das Abenteuer von Amboise mit seinen tragischen oder nur schmerzhaften Höhepunkten weit entfernt. Und dabei war es erst drei Tage her, drei Tage, seit Tristan und Pierre de Brézé sie dem Tod in den Kellern des königlichen Schlosses entrissen hatten. Nach der Trennung im Wald hatten Cathérine, Sara und Tristan, noch immer in Soldatenuniform, das kleine Schloß Mesvres erreicht, wo Cathérine endlich wieder sie selbst hatte werden können. Nach einem Bad, nach kräftigem Einseifen und Bürsten ihres Körpers hatte sie sich mit Weingeist abgerieben, dann mit einer Creme aus Schweinefett behandelt, wieder gewaschen und die Freude gehabt, ihre Haut wieder fast so hell werden zu sehen wie früher. Es blieb nur noch eine leichte goldene Bräune, viel mehr auf das Leben in frischer Luft zurückzuführen als auf die Künste des armen Malers Guillaume. Auch hatte sie die falschen Zöpfe abgelegt, die sie getragen hatte, sich das Haar gewaschen, das jetzt einen ziemlich breiten goldenen Streifen zeigte, nachdem es einmal von der schwarzen Paste befreit war, mit der sie die Wurzeln bestrichen hatte. Leider mußte es noch einmal geschnitten werden, und zwar sehr kurz, um seine normale Farbe wiederzuerhalten. Cathérine hatte nicht gezögert. Sie hatte sich auf einen Schemel gesetzt und Sara eine Schere gereicht. »Los, schneid alles heraus, was schwarz ist!« Mit einer wahren Flut von Seufzern hatte sich Sara ans Werk gemacht. Als sie fertig war, trug Cathérines Kopf nur noch ein dichtes goldenes, an den Spitzen einen Hauch dunkler getöntes Stoppelfeld, das sie nach Knabenart frisierte. Sie sah mit dieser kurzen Haartracht wie ein junger Page aus, verlor jedoch seltsamerweise nichts von ihrer Weiblichkeit. »In ein paar Monaten werde ich wieder präsentabel sein«, sagte sie, sich mit lustigem Lachen im Spiegel betrachtend. »Bis dahin wird niemand etwas merken. Dem Himmel sei Dank, daß die Kopfbedeckungen und Hauben, die man zur Zeit trägt, das Haar völlig verstecken. Gewisse Damen rasieren sich sogar über der Stirn und an den Schläfen.« »Das ist abscheulich!« stellte Sara fest. »Und ich will dich nicht so sehen.« »Hab keine Angst, ich mich auch nicht!« Nun in eine schwarzseidene Robe unter einem Damastumhang von derselben Farbe gekleidet, war Cathérine mit ihrer hohen, halbmondförmigen Haube aus gestärktem schwarzem Musselin, die ihr Gesicht einrahmte, wieder eine Edeldame geworden, während Sara die bequemen Kleider einer Dienerin aus gutem Hause angelegt hatte und Tristan sein schwarzes Wildlederwams trug. Die Passanten und Klatschweiber unter den Türen drehten sich um, als die so schöne und strahlende Frau in ihrer strengen Trauerkleidung vorbeikam. Nachdem sie durch das Tor von Verdun geritten waren, folgten die drei Reisenden einer belebten Straße. Da der Tag sich seinem Ende zuneigte, lungerte alle Welt friedlich zwischen Fleischbänken und Werktischen herum, während Kinder, mit Krügen bewaffnet, Wein oder Senf holen gingen. Eine leichte Brise ließ die an ihrem Eisengestänge hängenden bunten Schilder knarren. Durch die geöffneten Fenster konnte man die Herdfeuer in den Küchen sehen, um die sich die Hausfrauen an den Kochtöpfen zu schaffen machten. Gewiß, die Boutiquen waren nicht so reichlich wie sonst mit Waren versehen. Der Krieg hatte dem Königreich so verheerend zugesetzt, daß nichts aus dem Ausland hereinkam und die Lebensmittelversorgung schlecht war, aber die schöne Jahreszeit war angebrochen, und die Erde brachte in diesem Land, durch das der Engländer nicht gekommen war, trotz allem noch vieles hervor. Die Tuchmacher, Kürschner und Spezereiwarenhändler waren am meisten betroffen, da sie der großen Messen von einst beraubt waren, doch die Obst- und Gemüsehändler boten schönes Gemüse und sogar frische Blumen an. Der Fluß gab seinen Fisch, das Land sein Geflügel … Ein feiner Duft nach Kohl und Speck erfüllte die Straße, und Cathérine mußte lächeln. »Ich habe Hunger!« sagte sie fröhlich. »Und Ihr?« »Ich könnte mein Pferd verspeisen«, erwiderte Tristan mit einer fürchterlichen Grimasse. »Ich hoffe nur, daß diese Herberge gut ist.« Alle drei genossen die Atempause dieser friedlichen Reise nach den tragischen Ereignissen von Amboise und vor den Gewalttätigkeiten, die sie hier erwarteten. Es war wie eine Aufheiterung zwischen zwei Gewittern, der Zwischenakt eines Dramas. Sie gelangten an eine Kreuzung, wo Frauen schwatzend um einen Brunnen standen. Nicht weit von ihnen spielten Kinder Wurfscheibe, und auf einem Stein unter dem Vordach eines Hauses predigte ein Mönch in schwarzer, abgewetzter Kutte, gestikulierte heftig mit den Armen und verkündete lauthals, daß der Stein, auf dem er stehe, einst der guten Jungfrau von Orléans zum Absteigen vom Pferd gedient habe, als sie wie von Gott gesandt gekommen sei, um den edlen Dauphin zu finden, und daß sie eines Tages wiederkommen würde, um den Antichristen zu verjagen … Eine Gruppe von Frauen und Männern umstand ihn und sagte zu allem ja und amen. Die Häuser hier schienen schöner, mit höheren Giebeln, neuerem Fachwerk und edler geformten Türmchen versehen zu sein als in der übrigen Stadt. Cathérine begriff, daß dies der Grand Carroi war, das Herz Chinons, und Tristan machte sich auf die Suche nach dem Gasthof. Er war ein wenig weiter entfernt, und man konnte von der Straßenkreuzung aus sein prächtiges Schild sehen, bei dessen Bemalung mit Farben nicht gespart worden war und auf dem der große Saint-Mexme unter seinem Heiligenschein äußerst würdig aussah, aber entsetzlich schielte. Sie ritten dem Eingang zu. Cathérine und Sara blieben im Sattel, während Tristan hineinging, um nach dem Wirt zu fragen. Es war wahrhaftig ein schöner Gasthof, blitzend vor Sauberkeit. Die kleinen, mit Blei eingefaßten Scheiben glänzten wie winzige Sonnen, spiegelten die Flammen in den Kaminen drinnen wider, und die schönen geschnitzten Balken über der Tür schienen blitzblank abgestaubt zu sein. Bald kehrte Tristan zurück, von einem stattlichen Individuum mit einem riesigen, fast das ganze Gesicht bedeckenden Bart begleitet. Aus dem Gestrüpp von Bart, Augenbrauen und Schnurrbart in einem schönen Mausgrau, das den Mann recht gut kleidete, sprang eine imposante Nase hervor, die die graziöse Form einer Stülpnase annahm, und darüber funkelte ein schwarzer, nicht eben beruhigender Blick. Aus dem peinlich sauberen weißen Linnen, das ihn umhüllte, aus der hohen Mütze und dem mächtigen Messer, das er vor dem Bauch trug, schloß Cathérine jedoch, daß es Meister Agnelet, der Besitzer des Gasthofs ›Zum Kreuz des Großen Saint-Mexme‹, sein müsse, und unterdrückte ein Lächeln. Dieser Agnelet erinnerte ganz gewaltig an einen alten Luchs! … Die imposante Persönlichkeit verbeugte sich vor ihr mit allen Anzeichen tiefen Respekts, und dem weißen Aufleuchten inmitten seines Bartes entnahm Cathérine, daß sie lächelte. »Es ist mir eine große Ehre, edle Dame, Euch unter meinem Dach zu bewillkommnen. Die Freunde des Herrn de Brézé sind hier zu Hause … Aber ich fürchte, ich kann Euch nur ein kleines Zimmer geben, wenn auch gut eingerichtet. Gestern kam die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft des Königs, unseres Herrn, und bestimmte Zimmer sind im voraus dafür reserviert worden.« »Macht Euch keine Sorgen, Meister Agnelet«, entgegnete Cathérine, die dargebotene Hand ergreifend, die ihr vom Pferd helfen wollte, »solange Ihr uns nur beherbergt, meine Begleiterin und mich, und wir bei Euch ungestört sind, wird alles gut sein. Was nun Messire Tristan betrifft, meine ich, daß ihr …« »Sorgt Euch nicht um mich, Dame Cathérine«, unterbrach der Flame. »Ich reite gleich nach dem Abendessen weiter.« Cathérine hob die Brauen. »Ihr reitet weiter? Wohin?« »Nach Parthenay zum Konnetabel, zu meinem Herrn! Es ist keine Zeit mehr zu verlieren. Aber ich werde nur hinreiten und wiederkommen. Meister Agnelet, Ihr wißt, was Ihr zu tun habt?« Der Wirt kniff ein Auge zu und lächelte verschmitzt wie ein Komplice: »Ich weiß, Messire … Die Herren werden benachrichtigt werden, und die edle Dame ist bei mir völlig in Sicherheit. Macht Euch die Mühe einzutreten, Ihr werdet augenblicklich in Eurem Zimmer bedient werden.« Von Meister Agnelet geleitet, traten die drei Reisenden in die Herberge, während zwei Bedienstete die Pferde in den Stall führten und ein dritter sich um das Gepäck kümmerte. Eine beleibte Frau, deren rote Wangen gelackt zu sein schienen und auf deren fleischigen Lippen der Schatten eines Schnurrbärtchens prangte, die aber ein Goldkreuz um den Hals und ein Kleid aus schönem, feinem Barchent trug, kam eiligst herbei, um Cathérine ihre Reverenz zu erweisen. Agnelet stellte sie mit echtem Stolz vor. »Meine Frau Pernelle! Sie ist Pariserin!« Mit viel geziertem Getue führte die Pariserin Cathérine durch den Speisesaal und öffnete eine kleine Tür, die auf einen schönen, mit Steinfliesen belegten und mit Blumen geschmückten Hof hinausging. Von ihm aus strebte eine Holztreppe zur gedeckten Galerie hinauf, auf welche die Zimmer gingen. Sie schritt bis ganz ans Ende der Galerie und öffnete eine hübsche, geschnitzte Eichentür. »Ich glaube, Madame wird sich hier wohl fühlen! Zumindest wird es ruhig sein.« »Habt Dank, Dame Pernelle«, erwiderte die junge Frau. »Ich bin, wie Ihr seht, in Trauer und wünsche vor allem Ruhe und Frieden.« »Gewiß, gewiß!« sagte die Wirtin. »Ich weiß, wie das ist … Aber wir haben ganz in der Nähe die Kirche Saint-Maurice, deren Pfarrherr voll Verständnis und Zuvorkommenheit ist. Man muß ihn hören, in der Predigt oder bei der Beichte! Seine Stimme ist eine Linderung für die gemarterte Seele und …« Offenbar kannte Meister Agnelet, der unten geblieben war, sein Ehegespons nur allzu gut, denn er rief dröhnend: »Holla, Frau! Kommt herunter, und laßt die edle Dame sich ausruhen!« – und schnitt so den Wortschwall der Dame Pernelle ab. Cathérine lächelte ihr zu: »Schickt mir meinen Begleiter, Dame Pernelle, und richtet uns schnell das Abendessen her. Wir sind müde und ausgehungert.« »Sofort, sofort …« Nach einem letzten Knicks verschwand die gute Dame und ließ Cathérine und Sara allein. Die Zigeunerin inspizierte bereits das Zimmer, prüfte die Weichheit der Matratzen, das Türschloß und den Fensterverschluß. Das Fenster ging auf die Straße hinaus und erlaubte einen Blick auf das Kommen und Gehen der Passanten. Das Mobiliar war einfach, aber von guter Qualität, aus Eiche und Gußeisen. Und was die freundliche hellrote Tapete betraf, so machte sie aus diesem kleinen Raum einen Ort, in dem es sich angenehm wohnen ließ. »Hier sind wir gut untergebracht«, meinte Sara befriedigt. Doch als sie Cathérine aufrecht am Fenster stehen und abwesend hinausblicken sah, fragte sie: »Woran denkst du?« »Ich denke«, erwiderte die junge Frau lächelnd, »daß ich Eile habe, hier fertig zu werden, und daß, so komfortabel diese Herberge auch sei, ich mich nicht verspäten möchte. Ich … ich möchte meinen kleinen Michel wiedersehen! Du kannst nicht wissen, wie er mir fehlt! Es ist schon so lange her, daß ich ihn gesehen habe!« »Vier Monate!« sagte Sara näher tretend erstaunt. Es war das erstemal, daß Cathérine solche Sehnsucht nach ihrem Kind bekundete. Sie hatte nie von ihm gesprochen, vielleicht in der Furcht, daß ihr Mut durch das Mitleid mit dem kleinen Jungen und die Erinnerung an ihn nachlassen könne. Doch an diesem Abend glitzerten Tränen in ihren Augen. Und Sara bemerkte, daß sie draußen eine Frau beobachtete, die ein blondes Baby, ungefähr in Michels Alter, in den Armen trug. Diese Frau war jung, frisch, sie lachte und hielt dem Kind ein Cremetörtchen hin, nach dem es begierig die kleinen Hände ausstreckte. Es war ein einfaches, zauberhaftes Bild, und Sara begriff die Sehnsucht, die Cathérines Herz erfüllte. Sie legte der jungen Frau den Arm um die Schultern und zog sie an sich. »Nur noch ein wenig Mut, mein Herz! Du hast soviel davon bewiesen! Und du bist kurz vor dem Ziel!« »Ich weiß! Aber ich werde nie wie diese Frau sein … Sie hat bestimmt einen Gatten, weil sie so fröhlich ist! Sie muß ihn lieben. Sieh, wie ihre Augen glänzen … Wenn ich einmal aufhören werde, eine Vagabundin zu sein, dann nur, um mich in ein Schloß einzuschließen und dort einzig für Michel zu leben, zuerst wenigstens; danach, wenn er mich verlassen haben wird, für Gott und in der Erwartung des Todes, wie meine Schwiegermutter gelebt hat …« Sara spürte, daß sie diesen unheimlichen Nebel zerreißen mußte, der sich nach und nach eisig um Cathérines Herz legte. Man durfte sie sich nicht einer Schimäre hingeben lassen. Sie riß sie vom Fenster weg, zwang sie, sich auf eine mit Kissen belegte Fußbank zu setzen, und brummte bärbeißig: »Jetzt aber genug! Denk daran, was du noch zu tun hast, und überlaß die Zukunft sich selbst! Gott allein ist ihr Herr, und du weißt nicht, was er dir beschieden hat. Im übrigen, Schluß jetzt damit! Hier ist Messire Tristan!« Tatsächlich trat der Flame, nachdem er angeklopft hatte, von zwei Dienern begleitet ein, deren einer mit weißen Servietten bedeckte Platten trug, während der andere mit allem Nötigen, Geschirr und Besteck, zum Decken des Tischs beladen war. Im Nu war alles bereit, und die drei Kameraden setzten sich um eine Platte mit Bratwürsten und Bohnen und eine zweite mit Hammelbraten in gelber Sauce, die herrlich duftete. Cathérine, aufgeheitert, spürte, wie ihre düsteren Gedanken sich verflüchtigten, als sie einen Kelch hellen roten Landwein trank, der eine außerordentlich stärkende Wirkung zu haben schien. Als die Mahlzeit beendet war, stand Tristan, der fast gar nicht gesprochen hatte, auf, um sich zu verabschieden. »Ich gehe jetzt, Dame Cathérine. Ich muß morgen abend in Parthenay sein, um die letzten Befehle zu empfangen. Ihr bleibt hier. Der König wird morgen eintreffen, aber bei Tagesanbruch werden Messire Prégent de Coétivy und Messire Ambroise de Lore in der Herberge sein, wo sich alle Verschworenen versammeln. Messire Jean de Bueil wird ebenfalls von seinem Schloß Montrésor herunterkommen, vielleicht morgen im Laufe des Tages. Wenn alle da sind, wird man an Ort und Stelle eine Versammlung abhalten können. Hinten im Hof, in dem Felsen, auf dem das Schloß ruht, gibt es ausgezeichnete Keller für den Wein … oder für Verschwörungen. Ihr braucht bloß daran teilzunehmen und aufzupassen. Aber vergeßt nicht: Sobald der König angekommen ist, dürft Ihr Euch nicht mehr draußen sehen lassen! Die Dame de La Trémoille hat scharfe Augen!« »Seid beruhigt«, erwiderte Cathérine, während sie ihm ein letztes Glas Wein reichte. »Ich habe seit geraumer Zeit meine Ansichten geändert, ich bin nicht völlig verrückt geworden! Zum Wohl! Der Abschiedstrunk!« Er trank das Glas mit einem Zuge aus, grüßte und verschwand wie ein Schatten. Der normale Straßenverkehr der Stadt geriet in heftige Bewegung, als am anderen Tag, gegen Mittag, der Zug des Königs in Chinon einritt. Als das Schmettern der Trompeten die friedliche Stille über den Dächern zerriß und alle Glocken zu läuten begannen, hüllte Cathérine trotz aller Mahnungen zur Vorsicht den Kopf in einen Schleier und beugte sich aus dem Fenster, über den dichtgedrängten Köpfen im Grand Carroi sah sie die Banner, die Paniere, die Feldzeichen der Bewaffneten, die Lanzen und Piken, die eisengepanzerte Schwadron der den König umgebenden Ritter, auch er in der Rüstung, und die Sänften, in denen die Königin und das Paar La Trémoille Platz genommen hatten. Es war schon lange her, seitdem ein Pferd den Großkämmerer hatte tragen können. Als sie seine Farben bemerkte, zog Cathérine sich instinktiv vom Fenster zurück. Obgleich sie sich in dieser Herberge sicher fühlte, konnte sie sich eines heftigen Widerwillens bei der Ankunft ihrer Feinde nicht erwehren. Bis zu diesem Augenblick hatte sie übrigens an ihrem Sieg gezweifelt, und ihre Phantasie hatte ihr eine ganze Menge Hindernisse vorgegaukelt. Doch endlich war der dicke La Trémoille gekommen! Der Zug überquerte die Kreuzung inmitten des Volkes, das »Heil!« und »Gott schütze Euch!« rief, und verschwand allmählich auf der steil ansteigenden Straße, die zum Schloß hinaufführte. Als das letzte Fuhrwerk mit dem letzten Diener verschwunden war, drehte Cathérine sich mit triumphierenden Augen zu Sara um. »Er ist gekommen! Ich habe gewonnen!« »Ja«, lächelte die Zigeunerin, »du hast gewonnen! Jetzt ist es Sache der Ritter der Königin Yolande, das Wild abzuschießen …« »Aber nicht ohne mich!« rief die junge Frau. »Ich möchte dabeisein, um, falls wir scheitern, das Schicksal der Verschwörer zu teilen. Ich hab' ein Recht darauf.« Sara erwiderte nichts und machte sich daran, einen Riß in Cathérines Reisemantel auszubessern. Es waren noch keine vierundzwanzig Stunden vergangen, seitdem die beiden Frauen diese Herberge betreten hatten, doch schon drehte und wendete Sara sich unruhig wie ein Tier im Käfig und suchte sich zu beschäftigen. Auch für Cathérine war diese Untätigkeit beschwerlich. Sie verbrachte fast ihre ganze Zeit hinter der Scheibe ihres Fensters und beobachtete den Verkehr auf der Straße. Die Stunden verrannen zu langsam für ihre Ungeduld. Sie hatte zu viel Angst ausgestanden, hatte zu oft am Gelingen gezweifelt, um daran glauben zu können, bevor sie mit eigenen Augen die Ankunft La Trémoilles gesehen hatte. Und jetzt, da er hier war, brannte sie darauf, sich wieder in den Kampf zu stürzen. Als die Nacht angebrochen war und hoch oben im Schloß, im großen Uhrenturm, die Marie Javelle genannte Glocke, durch deren Schlag das Leben der Stadt seinen Rhythmus erhielt, das Abendgeläut angestimmt hatte, war Stille auf der Straße eingetreten. Cathérine riskierte es, ihr Fenster zu öffnen und sich hinauszulehnen, ohne sich mit einem Schleier zu bedecken. Statt des Schleiers mußte die Nacht genügen, obgleich sie nach Saras Meinung noch viel zu hell war … Es war wahr. Die Nacht war herrlich, von einem dunklen, zarten und tiefen Blau und von funkelnden Sternen übersät … Eine Nacht, für die Liebe geschaffen, nicht für die Intrige. Gewiß, die Sicht reichte nicht weiter als bis zur gegenüberliegenden Straßenseite, wo festverschlossene Fensterläden und tiefe Stille von dem Schlaf der guten Bürger kündeten, die dort wohnten, eines Helmschmieds, dessen Lärm die Straße den ganzen Tag erfüllte, und eines Apothekers, dessen Erzeugnisse sie mit ihren Düften durchzogen. Jetzt jedoch, nachdem die Tagesgeräusche verstummt waren, breitete sich über die schlafende Stadt etwas wie ein Mysterium. Cathérine schien es, als befinde sie sich im Inneren eines festen und kostbaren Reliquienschreins, einer Art unverletzlichen Zufluchtsorts, und fragte sich, ob dies nicht auf den Schatten Johannes zurückzuführen sei. Im leisen Plätschern des Flusses, in dem entfernten, fast unhörbaren Gesang der rauschenden Bäume, selbst im Ruch der fruchtbaren Erde, der zu ihr drang, vermischt mit einem vagen Duft von Wasser und Jasmin, glaubte Cathérine noch die helle Stimme des großen Mädchens zu hören, das von so weit hergekommen war und durch ihr flüchtiges Auftauchen ihr Leben wie mit einem unauslöschlichen Siegel gezeichnet hatte … Jehanne! Als sei sie immer noch hier, in dieser befestigten Stadt, die sie nie vergessen würde! Diesen Namen, der im ganzen Königreich aus Furcht vor den Spionen La Trémoilles nur flüsternd ausgesprochen wurde, wagte Chinon auf seinen Straßen laut zu verkünden und bewahrte die Erinnerung an seine Trägerin in jedem seiner Steine … Wenn die Nacht sich herabsenkte, gewann das weiße Phantom wieder Leben und spukte in jedem Haus. Mechanisch hob Cathérine die Augen zur Milchstraße am Himmel, als suche sie dort den Widerschein einer silbrigen Rüstung. »Jehanne!« murmelte sie ganz leise. »Helft mir! Weil ich Euch dem Tode habe entreißen wollen, fand ich ein Glück, das ich für unmöglich hielt! Euch verdanke ich's … Gebt, daß die vielen Schmerzen nicht umsonst erlitten wurden! Gebt mir die Liebe zurück, das verlorene Glück …« Etwas Frisches, Duftendes, das sie am Hals traf, unterbrach ihre Träumerei und führte sie wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Unwillkürlich griff sie zu, erwischte den Rosenstrauß in dem Moment, in dem er wieder hinauszufallen drohte, und hob ihn an die Nase. Er duftete herrlich … Sich ins Dunkel der Straße hinausbeugend, suchte die junge Frau festzustellen, woher der Blumengruß gekommen sein mochte, und entdeckte unter dem Vordach des gegenüberliegenden Hauses eine hohe, dunkle Gestalt, die sich langsam aus ihrem Versteck löste. Aber schon bevor sie voll sichtbar geworden war, wußte Cathérine, wer es war. Langsam schritt Pierre de Brézé in die Mitte der Gasse und blieb dort unbeweglich einige Augenblicke stehen, zu dem Fenster aufblickend, das die graziöse Silhouette der jungen Frau einrahmte. Sie konnte seine Gesichtszüge nicht unterscheiden, aber sie hörte, daß er ihren Namen murmelte. »Cathérine …!« Sie antwortete nicht, von plötzlicher Erregung erstickt. Ihr Herz hatte wie rasend zu schlagen begonnen. Sie fühlte, daß sie wie eine Jungfrau errötete, weil Pierre in die vier Silben ihres Namens mehr Liebe gelegt hatte als in ein Gedicht. Sie verspürte das heftige Verlangen, ihm die Hände entgegenzustrecken, um ihn näher heranzuziehen, zu ihr … In diesem Augenblick tauchte der Mond über einem Dachgiebel auf, flimmerte auf den Schiefern, versilberte sie, warf seinen Schein in die Straße und umhüllte mit ihm die reglose Gestalt des jungen Mannes, bevor er das Fenster erhellte und ins Zimmer glitt. Instinktiv hob Cathérine den Arm gegen das allzu helle Licht und trat einen Schritt zurück. Aber sie hatte noch Zeit, zu sehen, wie er ihr eine Kußhand zuwarf … Es war jetzt zu hell, und es war unvorsichtig, sich noch einmal zu zeigen, aber die Versuchung war zu stark. Es verlangte sie danach, sein zu ihr emporgehobenes, von Leidenschaft gezeichnetes Gesicht noch einmal zu sehen … Sie neigte sich vor und konnte ein bedauerndes Lächeln nicht unterdrücken: Die Straße war leer. Pierre war verschwunden … Langsam schloß Cathérine den hölzernen Laden und das Fenster, zündete die Kerze an, nahm den für einen Moment auf dem Tisch abgelegten Strauß wieder auf und roch mit geschlossenen Augen daran, ließ sich vom Duft der Rosen berauschen. Die heiße Stimme, die eben noch aus dem Dunkel zu ihr gesprochen hatte, klang ihr im Ohr … Das Gesicht in den Blumen vergraben, lauschte sie ihr nach, als sie plötzlich die spöttische Stimme Saras vernahm. Die Zigeunerin hatte schon geschlafen und mußte durch das Licht geweckt worden sein. »Erstaunlich, diese Herberge! Ich hatte gar nicht bemerkt, daß Rosen in ihren Mauern sprießen!« Jäh aus ihrem Traum gerissen, warf Cathérine ihr einen wütenden Blick zu, doch nach einem Augenblick mußte sie lachen. Kerzengerade im Bett sitzend, hatte Sara mit ihren dicken, straff auf die Schultern fallenden angegrauten Zöpfen eine ungeheuer komische Würde, die von dem neckischen Funken in ihren Augen Lügen gestraft wurde. »Sie sind schön, nicht wahr?« murmelte die junge Frau. »Sehr schön! Ich wette, sie kommen direkt vom Schloß, und ein gewisser Seigneur hat sie gebracht.« »Du brauchst gar nicht zu wetten. Es stimmt … Er hat sie mir heraufgeworfen.« Das leise Lächeln schwand von Saras Lippen. Sie schüttelte mit einer Andeutung von Traurigkeit den Kopf. »Du bist schon soweit, ihn Er zu nennen?« Cathérine wurde puterrot und wandte sich ab, um ihre Verwirrung zu verbergen, während sie sich zu entkleiden begann. Sie antwortete nicht, aber offenbar wollte Sara eine Antwort haben. »Sag mir ehrlich, Cathérine. Was empfindest du eigentlich für diesen schönen blonden Ritter?« »Was soll ich darauf antworten?« entgegnete die junge Frau gereizt. »Er ist jung, er ist schön, wie du ganz richtig bemerktest, er hat mich gerettet, und er liebt mich … Ich finde ihn charmant, das ist alles.« »Das ist alles …«, äffte Sara nach. »Das ist schon viel. Hör zu, Cathérine: Ich weiß besser als irgend jemand, was du gelitten hast und wie du noch immer unter deiner Einsamkeit leidest, aber …« Sara zögerte, senkte die Nase, sichtlich verärgert über das, was sie sagen wollte. Cathérine stieg aus ihrem Kleid, ließ es um ihre Füße zu Boden gleiten und bückte sich, um es aufzulesen. »Aber?« fragte sie. »Paß auf, daß du nicht wieder dein Herz verlierst. Ich gebe zu, daß dieser schöne Seigneur alles besitzt, was eine Frau verführen kann. Ich bin auch sicher, daß seine Liebe ehrlich ist und daß er deinem Leben eine große Süße geben würde. Ich weiß, daß er dir liebenswert erscheint. Nur – ich kenne dich, ich weiß, daß du nicht lange mit einer anderen Liebe glücklich wärst, weil der Mann, dessen Namen du trägst, dich zu tief gezeichnet hat, als daß du ihn vergessen könntest.« »Wer spricht von vergessen?« murmelte Cathérine mit beunruhigter Stimme. »Wie könnte ich Arnaud vergessen, da ich doch nur für ihn gelebt habe?« »Dadurch, daß du dich von einem anderen überreden ließest, in Zukunft für ihn zu leben. Ich wiederhole: Ich kenne dich. Wenn du dich gehenließest, würde eines Tages, früher oder später, die alte Liebe wieder ihre Rechte fordern, das Bild Arnauds würde den anderen verdrängen, und du würdest dich noch einsamer fühlen, noch verzweifelter und, um das Unglück vollzumachen, voller Gewissensbisse, wortbrüchig geworden zu sein … und du würdest dich deiner schämen.« Sehr aufrecht in ihrem langen weißen Hemd, die Augen ins Weite gerichtet, schien Cathérine abwesend. Aber sie murmelte mit tiefem Schmerz: »Dennoch warst du es, die mir nach der Nacht mit Fero riet, mich ohne Gewissensbisse der Lust hinzugeben. Brachtest du mir damals mehr Nachsicht entgegen, weil es sich um einen Mann deiner Rasse handelte?« Sara erblaßte. Drückendes Schweigen breitete sich zwischen den beiden Frauen aus. Dann stand die Ältere langsam auf, trat zu der anderen. »Nein, nicht weil es sich um einen der Meinen handelte. Sondern weil ich wohl wußte, daß Fero keine Chance hatte, dein Herz zu rühren. Und die Lust ist gut, Cathérine, wenn man jung und gesund ist. Sie befreit den Geist, entspannt den Körper, läßt das Blut schneller und heißer durch den Körper rinnen, während die Liebe knechtet und manchmal – zerstört … Wenn ich wüßte, daß dein Herz bei diesem Ritter nichts riskierte, würde ich dich ihm geradezu in die Arme werfen. Einige Nächte der Wollust würden dir guttun, aber du gehörst nicht zu denen, die sich ohne Zärtlichkeit hingeben. Und das würde … dem Einsiedler von Calves, deinem Gatten, großen Schmerz bereiten! Er braucht dich, muß wissen, daß du ihm beistehst, sein Martyrium zu ertragen. Jeder hält dich für eine Witwe, und deine schwarzen Schleier täuschen dich selbst. Für alle, selbst für das Gesetz, für die Kirche, bist du Witwe, da er beim Eintritt ins Siechenhaus aus der Reihe der Lebenden gestrichen worden ist. Aber er lebt, Cathérine, er lebt noch, und in deinem Herzen lebt er noch am meisten. Wenn du ihn daraus verjagst … dann, ja dann wird er wirklich tot sein! Aber du wirst immer wissen, daß er es nicht ist!« Hinter Cathérine stehend, vermochte Sara ihr Gesicht nicht zu sehen. Doch während sie sprach, bemerkte sie, daß der Kopf mit dem zu kurzen blonden Haar sich senkte und die schmalen Schultern sich beugten. Das Echo ihrer Worte hallte in der Tiefe des Herzens der jungen Frau wider, die kaum vernarbte Wunde wieder aufreißend. Schmerzlich murmelte Cathérine: »Du bist grausam, Sara! Ich habe schließlich nichts anderes getan als an den Rosen gerochen …« »Nein, mein Herz. Du warst immer offen und ehrlich dir und anderen gegenüber. Sei es auch jetzt. Du hast dich von der Dankbarkeit auf einen gefährlichen Weg führen lassen, der nicht der deine ist. Der deine wird dich zu den Bergen der Auvergne zurückführen, zu Michel und nach Montsalvy.« Ganz sachte zog sie die junge Frau an sich, bettete deren Kopf in die Höhlung ihrer Schulter und streichelte zart die Wange, über die eine Träne rollte. »Zürne deiner alten Sara nicht, Cathérine. Sie würde dir ihr Leben und ihren Anteil am Paradiese geben, um dich glücklich zu sehen. Sie liebt dich wie ihr eigenes Fleisch. Aber«, fügte sie mit bebender Stimme hinzu, »du mußt wissen, daß sie einen Teil ihres Herzens deinem Gatten geschenkt hat, diesem Arnaud, voller Dünkel, Leidenschaft und Schmerz, den sie eines Nachts wie ein Kind, dessen Leben zerstört und dessen Liebe verdammt war, hat weinen sehen … Erinnerst du dich?« »Schweig«, schluchzte Cathérine. »Schweig … Du weißt genau, daß kein anderer Mann jemals seinen Platz einnehmen könnte … daß ich nie jemand so lieben könnte, wie ich ihn geliebt habe … wie ich ihn noch liebe!« Gewiß war sie ehrlich. Und doch konnte sie aus ihren Gedanken den Widerschein eines Lächelns, das Blitzen blauer Augen nicht verbannen … Oben, auf dem Turm, schlug Marie Javelle Mitternacht. Sanft, aber fest führte Sara Cathérine zum Bett. Der Rosenstrauß blieb unbeachtet auf dem Tisch … Am nächsten Abend spielte die Frage der Liebe keine Rolle mehr, und Cathérine dachte auch gar nicht mehr daran, denn die Stunde des Handelns rückte heran. Gegen Ende des Tages war Meister Agnelet bei Cathérine erschienen und hatte ihr respektvoll, doch ohne unnütze Umschweife mitgeteilt, daß er sie Schlag Mitternacht holen werde. »Wohin werden wir gehen?« fragte die junge Frau. »Nicht weit, gnädigste Dame. In meinen Hof, um es genau zu sagen, aber ich muß Euch bitten, sowenig Geräusch wie nur möglich zu machen. Es sind nicht alle Gäste dieser Herberge eingeweiht!« »Ich weiß, Meister Agnelet. Darf ich Euch fragen, ob diejenigen, die Ihr erwartet habt, inzwischen eingetroffen sind?« »Alle, Madame. Monseigneurs de Lore und de Coétivy spielen seit gestern morgen Schach, und der Seigneur de Bueil ist soeben in der Stadt angekommen. Aber er ist zum Schloß hinaufgegangen …« »Warum das?« »Er ist der Neffe des Großkämmerers, und obgleich er der Königin Yolande dient, wird er noch empfangen. Vergeßt es nicht, edle Dame! Um Mitternacht!« Der Rest des Tages kam Cathérine weniger lang vor. In kurzem würde sie wissen, woran sie war. Entweder hatte der Anschlag Erfolg, dann wäre es zweifellos ein leichtes für den jungen Karl von Anjou, La Trémoille beim König zu ersetzen. Es würde außerdem die Rückkehr in Gnaden bedeuten und das Recht, endlich ohne Maske und am hellichten Tage zu leben. Oder der Anschlag mißlang … dann würde nichts die Verschwörer vor dem Zorn des Großkämmerers retten. Es würde den Tod aller bedeuten, ohne Ansehen des Geschlechts und des Ranges … Nachdem das Abendläuten verklungen war, trat Cathérine mechanisch ans Fenster, öffnete es jedoch nicht, übrigens würde Pierre de Brézé in dieser Nacht nicht den Verliebten unter dem Fenster seiner Schönen spielen. Er hatte Besseres zu tun, und sie würde ihn im Kreise der anderen Ritter wiederfinden. Außerdem fühlte sich Cathérine zu angespannt, um noch Gedanken daran zu verschwenden. Es schlug Mitternacht, als ein leises Kratzen an der Tür die völlig angekleidete Cathérine sich vom Fußende des Bettes erheben ließ, in das sich zu legen sie Sara gezwungen hatte. Rasch ging sie zur Tür, um zu öffnen, und gewahrte eine dunkle Gestalt auf der Schwelle. Im Hause war alles Licht gelöscht, die Küchenfeuer hatten, wie jeden Abend, mit Asche bedeckt werden müssen, doch in den Hof warf der Mond einen milchigen Schein, gegen den sich die Holzpfeiler der Galerie und die Silhouette des Wirtes schwarz abzeichneten. Der Wirt hatte für diese Gelegenheit seine makellos weiße Berufsgewandung mit einem dunklen Wollwams vertauscht. Man hörte keinerlei Geräusch. Wortlos nahm Agnelet Cathérine an der Hand, führte sie in den Hof hinunter und dort an den Gebäuden entlang, um nicht die helle Fläche überqueren zu müssen, und gelangte so zum rückwärtigen Teil, dessen Begrenzung von dem Felshang gebildet wurde, über dem sich das Schloß erhob. Vereinzelt wuchsen hier Büsche, und ab und zu tauchten dunkle Löcher auf. »Uralte Höhlenwohnungen«, flüsterte Agnelet, als er sah, daß Cathérine einen Augenblick stehenblieb, um sie zu betrachten. »Einige sind noch bewohnt, andere dienen als Keller, wie bei mir … oder als Zufluchtsort!« Während er sprach, stieß er eine runde Pforte aus dickem, kreuzweise übereinandergezimmertem Kantholz auf, die einen Grotteneingang verschloß. Nachdem sie die Pforte hinter sich hatten, nahm Agnelet eine Öllampe aus einer Vertiefung des Felsens, schlug Feuer und zündete sie an. Eine große Höhle wurde sichtbar, in den Kreidefels gehauen und mit Gestellen und Fässern jeder Größe ausgestattet. Starker Weingeruch ging von ihnen aus. Böttcherwerkzeuge lagen auf einem Werktisch aufgereiht, neben einem Bottich, in dem sich leere Flaschen befanden. Das Ganze machte einen so gemütlichen Eindruck, daß Cathérine ihren Gastgeber fragend ansah. War das der Hintergrund für eine Verschwörung? Statt einer Antwort lächelte Agnelet, ging bis zur Wand, die den Keller abschloß, und schob ein Faß beiseite, das nicht allzu gewichtig aussah. Eine ovale Öffnung zeigte sich. Sie führte durch die Wand. »Tretet durch, edle Dame!« sagte der Wirt. »Ich werde das Faß hinter uns wieder an seinen Platz rücken. Dieser Eingang muß verborgen bleiben. Wir befinden uns jetzt unter dem Mittelschloß. Der König schläft genau über unseren Köpfen!« Ohne Zögern betrat Cathérine einen kleinen, von einer Fackel erleuchteten Gang, an dessen Ende sich ein Raum öffnen mußte. Dieser Gang war nur ein paar Schritte lang, die, einmal zurückgelegt, Cathérine und ihren Führer zum Eingang einer viel größeren Grotte brachten, an deren jenseitigem Ende eine rohe, aus dem kreidehaltigen Fels herausgehauene Treppe emporführte und sich im Schatten des Gewölbes verlor. Auch hier standen einige Fäßchen, aber sie waren umgestülpt, und vier Männer hatten auf ihnen Platz genommen. Sie sprachen kein Wort. Unbeweglich wie Statuen, schienen sie um eine Öllampe herum zu warten. Aber alle drehten sich gleichzeitig nach den Ankömmlingen um. Neben Pierre de Brézé erkannte Cathérine das rote Haar und das Gesicht ohne Lächeln Ambroise de Lores, die elegante, schmale Gestalt Jean de Bueils, die breiten Schultern und eigenwilligen Züge des Bretonen Prégent de Coétivy und erwies ihnen allen, als sie sich erhoben, eine artige Reverenz. Pierre nahm ihre Hand, um sie zum Kreis der Fässer zu führen. Jean de Bueil empfing sie freundlich, nachdem er Meister Agnelet empfohlen hatte, draußen Posten zu stehen. »Wir sind glücklich, Madame, Euch wiederzusehen, und noch glücklicher, Euch beglückwünschen zu können. Die Anwesenheit La Trémoilles in Chinon ist der deutliche Beweis Eures Erfolgs. Wir sind Euch sehr verbunden.« »Dankt mir nicht zuviel, Seigneur de Bueil. Gewiß, ich habe für Euch gearbeitet und für das Wohl des Königreichs, aber ich habe auch für mich und dafür gearbeitet, daß mein vielgeliebter Gatte gerächt werde. Unterstützt mich in dieser Rache, und wir sind quitt!« Während sie sprach, zog sie sanft die Hand zurück, die Pierre nicht losgelassen hatte, trat auf die drei anderen Männer zu und fügte hinzu: »Bedenkt, daß es um die Ehre geht … und um das Leben der Montsalvy, Messires! Daß der Name, den ich trage, weiterlebe, dafür muß La Trémoille sterben!« »Es soll nach Eurem Wunsche geschehen!« warf Coétivy schroff ein. »Aber wie, zum Teufel, habt Ihr's erreicht, dieses Schwein hierherzulocken? Ich gebe zu, daß es schwierig ist, einer schönen Frau wie Euch etwas zu verweigern, aber anscheinend verfügt Ihr noch über Waffen, von denen wir uns nichts träumen lassen.« Der von dem bretonischen Edelmann angeschlagene Ton war nicht gerade schmeichelhaft und ließ eine ganze Menge Dinge durchblicken. Cathérine täuschte sich nicht darüber. Trocken gab sie zurück: »Ich glaube in der Tat, nicht ganz dumm zu sein, Messire, aber ich habe mich nicht der Waffen bedient, auf die Ihr anspielt, sondern nur einer Erinnerung … einer Sache, die mein Gatte, Arnaud de Montsalvy, mir einst erzählt hatte.« Der Name des Verschwundenen tat seine übliche Wirkung. Die Persönlichkeit Arnauds war so mächtig, daß sie alsbald im Geiste dieser Männer wiedererstand, die seine Kampfgenossen gewesen waren, und ihre Ehrerbietung der Frau gegenüber erzwang, die seinen Namen trug und einen so großen Beweis ihres Mutes geliefert hatte. Coétivy errötete, sich seiner Gedanken schämend, und bekannte sich auch ohne Zögern schuldig. »Verzeiht! Ihr verdient solche Anspielungen nicht!« Sie lächelte ihn an, ohne zu antworten. Nachdem sie das Fäßchen, das man ihr zuschob, akzeptiert hatte, berichtete sie sodann den aufmerksam lauschenden Männern von ihrer letzten Unterhaltung mit La Trémoille. Sie hörten ihr mit dem erstaunten Ausdruck von Kindern zu, denen man eine schöne Geschichte erzählt. Das Wort ›Schatz‹ verzauberte sie. Dazu kamen die von Mysterien umgebenen Phantome der Tempelritter, phantastische, schattenhafte Gestalten, die sich in ihrer Vorstellung mit den Geheimnissen des Orients verbanden. Etwas belustigt sah Cathérine, wie sich ihre Augen träumerisch verklärten und zu funkeln begannen. »Inschriften!« murmelte Ambroise de Lore schließlich. »Wenn man nur wüßte, ob sie wirklich existierten …« »Mein Gemahl hat sie gesehen, Seigneur«, sagte Cathérine leise. Eine Stimme, die hallend aus dem Kreidegewölbe klang, erklärte: »Ich auch, ich kenne sie! Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, was sie bedeuten!« Zwei Männer in Rüstungen stiegen die rohe Treppe herunter, die sich in der Höhe der Grotte verlor. Der erste, barhäuptig, war ein schon bejahrter Mann, dessen besonders kräftige körperliche Verfassung ihn vor dem Altern bewahrte. Cathérine erkannte den Kranz grauer Haare, das füllige Gesicht, die schweren Züge und die inquisitorischen Augen Raoul de Gaucourts, des gegenwärtigen Gouverneurs von Chinon, den sie schon als Gouverneur von Orléans gekannt hatte. Seit bald sechzig Jahren, die Gaucourt auf Erden wandelte, hatte er immer gegen den Engländer gekämpft, der ihn nach der Belagerung von Harfleur, das 1415 von ihm so prächtig verteidigt worden war, ein Jahrzehnt in seinen Gefängnissen gehalten hatte. Er war ein schwerfälliger Mensch, dickköpfig wie die Ochsen seiner Felder, eigensinnig und tapfer, aber nicht ohne Zartgefühl. Dem König blind ergeben, konnte er nicht heucheln. Jehanne d'Arc hatte ihm anfänglich Mißtrauen eingeflößt, und er hatte gegen sie gekämpft, aber Gaucourt war zu grundanständig, um einen Irrtum nicht einzugestehen. Seine Anwesenheit in dieser Nacht im Keller Agnelets war der beste Beweis dafür. Der Mann, der ihm folgte, war unendlich viel jünger und hagerer. Seine Physiognomie hatte nichts Bemerkenswertes an sich und wäre ohne den unerbittlichen Blick seiner grauen Augen gar nicht aufgefallen. Er war der Stellvertreter des Gouverneurs und hieß Olivier de Frétard. Drei Schritte hinter seinem Vorgesetzten gehend, trug er den Helm, den Gaucourt abgenommen hatte, und schien die Versammlung nicht zu beachten. Doch Cathérine hatte den Eindruck, daß diesem Mann mit den eisigen Augen keine Geste, kein Ausdruck ihrer Gesichter entging. Inzwischen war Raoul de Gaucourt die Treppe vollends hinuntergestiegen. Er grüßte die Verschwörer mit einer Geste und baute sich vor Cathérine auf. Der Schatten eines Lächelns glitt über sein verschlossenes Gesicht. »Es bereitet mir unendlich mehr Vergnügen, Madame de Montsalvy in Chinon willkommen zu heißen, als einst in Orléans Madame de Brazey zu empfangen!« sprudelte er ohne lange Vorrede heraus. »Hol' mich der Teufel, wenn ich auf die Idee gekommen wäre, daß Ihr aus Liebe zu Montsalvy in dieses Wespennest gestochen habt! Zumal er alles getan hat, um Euch an den Galgen zu liefern, Euer edler Gemahl!« Wider ihren Willen errötete Cathérine. Es stimmte. Ohne Johannes Dazwischenkunft, die sie auf dem Weg zum Schafott gerettet hatte, hätte sie ihre Tage am Ende eines Stricks beschlossen, auf Befehl eines Tribunals unter dem Vorsitz Gaucourts, das gegen sie aufzuwiegeln Arnaud nicht müde geworden war. Blind vor Haß, hatte er nur davon geträumt, sich von ihr zu befreien … Trotz dieser schrecklichen Erinnerungen hegte sie keine Bitterkeit. Was blieb, war … jawohl, ein leises Bedauern! Sie hielt dem Blick des alten Mannes unbeirrt stand. »Werdet ihr mir glauben, Messire, wenn ich Euch sage, daß ich diese Zeit bedaure? Der, der mein vielgeliebter Gatte geworden ist, lebte damals noch in voller Kraft, selbst wenn er diese Kraft gegen mich anwendete. Wie sollte ich es nicht bedauern?« Etwas besänftigte den Blick, mit dem er sie musterte. Plötzlich ergriff Gaucourt ihre Hand, hob sie an die Lippen und ließ sie unsanft wieder fallen. »Also«, murmelte er, »Ihr seid seine würdige Frau! Und Ihr habt gute Arbeit geleistet! Aber genug der Schmeicheleien! Jetzt. Messieurs, müssen wir unser Unternehmen organisieren. Die Zeit eilt. La Trémoille mag dieses Schloß nicht und wird hier nicht lange bleiben. Wenn ihr einverstanden seid, werden wir morgen nacht handeln!« »Sollten wir nicht auf die Befehle des Konnetabels warten?« warf Brézé ein. »Die Befehle? Welche Befehle?« knurrte Gaucourt. »Wir haben zu arbeiten, und zwar schnell, übrigens … wo ist eigentlich Meister Agnelet geblieben? Er muß noch eine stattliche Menge Wein hier in seinem Keller haben. Ich sterbe vor Durst!« »Er ist draußen«, sagte Jean de Bueil. »Auf Wache …« Aber es blieb ihm keine Zeit, seinen Satz zu beenden. Der Wirt in Person trat bereits ein, mit seiner Öllampe bewaffnet, hinter sich zwei staubbedeckte und offensichtlich erschöpfte Männer, deren Anblick Cathérine einen Ausruf der Freude entlockte, denn der erste der beiden war kein anderer als Tristan l'Hermite. Es war Prégent de Coétivy, der sie begrüßte. »Ah! L'Hermite! Rosnivinen! Wir erwarten euch. Ich nehme an, ihr bringt uns die Befehle des Konnetabels?« »In der Tat«, erwiderte Tristan. »Hier ist Messire Jean de Rosnivinen, der ihn bei der … Ausführung … vertritt! Denn, wohlverstanden, es kann keine Frage sein, daß er etwa selbst käme. Ihr kennt alle die Feindschaft, die der König für ihn hegt. Unser Herr darf nicht an einen Racheakt glauben, sondern an eine Maßnahme der öffentlichen Gesundheitspflege!« Während er sprach, näherte er sich Cathérine und verneigte sich respektvoll vor ihr. »Monseigneur der Konnetabel hat mich beauftragt, Madame, an seiner Stelle die schöne Hand zu küssen, die uns Chinon geöffnet hat. Er ist Euch zutiefst verbunden und hofft, daß Ihr ihn in Zukunft zu der Zahl Eurer ergebensten Diener rechnet!« Diese kleine Ansprache hatte eine außergewöhnliche Wirkung. Cathérine spürte sofort, daß die Atmosphäre sich wandelte. Bislang, trotz ihrer höflichen Worte, hatte sie sich inmitten dieser Männer unbehaglich gefühlt. Sie spürte vage, daß die ihr erwiesene Ehrerbietung vor allem dem Namen Arnauds und der Erinnerung an ihn galt, nicht der Frau, die sie war. Ihr Verhalten mußte ihnen seltsam erscheinen, zu unüblich. Zweifellos waren sie der Meinung, daß sie, dem Brauch gemäß, die Durchführung ihrer Rache irgendeinem Kämpen hätte überlassen und das Ergebnis in Gebet und andächtiger Versenkung in einer Klosterzelle abwarten sollen. Aber sie hatte beschlossen, die Rolle, die sie sich zugeteilt hatte, bis zu Ende zu spielen. Was hatte es schon zu bedeuten, was die Männer dachten! Ohne etwas zu sagen, nahm Raoul de Gaucourt ihre Hand und führte sie in den Kreis der Fässer, bat sie, sich zu setzen, und ließ sich neben ihr nieder. »Nehmt Platz, Messeigneurs, und werden wir uns erst einmal einig. Es ist Zeit! Agnelet, bringt uns etwas zu trinken und verschwindet!« Der Wirt beeilte sich zu gehorchen, stellte Becher und Krüge auf ein über zwei Fässer gelegtes Brett und verzog sich dann. Während er sich geschäftig tummelte, hatte Schweigen in der Grotte geherrscht. Erst als er verschwunden war, sah sich Gaucourt im Kreis der Versammelten um. »Ihr wißt alle schon das Wesentliche. La Trémoille bewohnt den Turm von Coudray, von fünfzehn Armbrustschützen bewacht. Das heißt, daß ihr ohne mich euch ihm nicht nähern könntet. Unter meinem unmittelbaren Kommando habe ich die dreißig Mann, die die normale Garnison des Schlosses bilden. Mit dem König sind an die dreihundert Bewaffnete gekommen, alle dem Befehl des Kämmerers unterstehend, wohlgemerkt. Erste Frage, habt ihr Soldaten?« »Ich habe fünfzig Mann, im Wald untergebracht«, antwortete Jean de Bueil. »Das wird genügen«, entgegnete Gaucourt. »Wir werden uns die Überraschung zunutze machen, die wichtige Tatsache, daß das Schloß dazu zwingt, die Truppen auf dem ganzen Gelände zwischen dem Fort Saint-Georges und Coudray zu zersplittern, und daß ich, der Gouverneur, an eurer Spitze stehen werde. Andererseits liegt die Pforte, die ich euch, wenn wir uns einigen, morgen um Mitternacht öffnen werde und die sich dem Schloßturm am nächsten befindet, zwischen dem Mühlenturm und dem Vieleckturm … wo die stärkste Stütze La Trémoilles wohnt, anders ausgedrückt, der Marschall de Rais.« Bei der Erwähnung Gilles' zuckte Cathérine zusammen und wurde blaß. Sie mußte die Zähne zusammenpressen, auf die Lippen beißen, um gegen die Furcht anzukämpfen, die in ihr aufstieg. In ihrer Freude, sich endlich ihrem Ziel zu nähern, hatte sie den schrecklichen Sire Blaubart vergessen … Doch Jean de Bueil antwortete: »Auch ich wohne im Vieleckturm. Ich werde die Männer ins Schloß einlassen und dann mit Ambroise de Lore, zum Beispiel, in den Turm eindringen. Wir beide werden Gilles de Rais lahmlegen. Er wird sein Quartier nicht verlassen können.« Das war so ruhig gesagt, daß ihre Furcht sich legte. Gilles de Rais hatte für diese Ritter nichts Erschreckendes. Der Gouverneur machte ein Zeichen der Zustimmung. »Sehr gut! Ihr habt euch also mit de Rais zu beschäftigen. Ich selbst und Olivier Frétard, mein Stellvertreter hier, werden dafür sorgen, daß die Wachen soweit wie möglich ausgeschaltet werden, indem wir sie von Coudray ablenken. Die fünfzig Mann von Bueil, von Brézé und Coétivy angeführt, werden mit Rosnivinen und l'Hermite den Großkämmerer angreifen, der allein im Schloßturm wohnt.« »Wo ist der König untergebracht?« fragte Cathérine. »Im Mittelschloß, im Gemach, das hinter dem Großen Saal liegt. Die Königin wird ihn bitten, die Nacht bei ihr zu verbringen, was er ihr nie abschlägt, denn auf seine Art liebt er seine Frau ob ihrer Sanftmut und der Ruhe, die er bei ihr findet. Die Königin wird alles tun, ihn im Falle eines Alarms zu beruhigen … Die größte Schwierigkeit wird die Annäherung ans Schloß sein. Die Nächte sind hell, und die auf den Wällen stehenden Posten könnten sehr wohl Alarm schlagen … in welchem Falle alles verloren wäre. Ihr werdet also genauestens aufpassen, Messieurs, daß eure Leute keinerlei Rüstung tragen, keinen Harnisch, dessen Geräusch gefährlich sein könnte. Nichts als Leder oder Wolle …« »Und die Waffen?« fragte Jean de Bueil kurz. »Dolch und Degen für die Edelleute, Axt und Dolch für die Soldaten. Also wohlverstanden: Um Mitternacht werden wir das Pförtchen öffnen. Ihr dringt ein. Dann wenden Bueil und Lore sich zum Turm de Boisy, während die anderen sich mit dem Schloßturm beschäftigen. Coétivy und Tristan l'Hermite werden ihn mit zwanzig Leuten gegen jede Störung von außen abschirmen, während Brézé und Rosnivinen in den ersten Stock hinaufsteigen und La Trémoille erledigen!« Mit einem Kopfnicken stimmten die Verschwörer zu. Dann erhob sich die helle Stimme Cathérines. »Und ich?« fragte sie kalt, der Sprechweise Gaucourts entsprechend. Unmut schwoll in ihrem Herzen, als sie feststellen mußte, daß ihr keine Rolle zugewiesen worden war. Sie konnte nicht mehr schweigen. Stille trat ein. Alle Blicke richteten sich auf sie, und sie las in allen die gleiche Mißbilligung, auch in dem Pierre de Brézés. Es war wieder Gaucourt, der sich zum Sprecher der allgemeinen Meinung machte. »Madame«, sagte er höflich, aber fest, »wir haben Euch gebeten, heute nacht hierherzukommen, damit Ihr erfahrt, was unternommen werden wird. Das war ganz normal, und wir schulden es Euch. Was aber sonst zu tun bleibt, betrifft uns, uns Männer. Ihr habt unsere Dankbarkeit reichlich verdient, gewiß, jedoch …« »Einen Augenblick, Herr Gouverneur«, unterbrach ihn die junge Frau und erhob sich. »Ich bin nicht nach Chinon gekommen, um nur Komplimente entgegenzunehmen, mir schöne Worte anzuhören und darauf ruhig in meinem Bett zu schlafen, während ihr euer Wild angreift. Ich möchte dabeisein!« »Das ist nichts für eine Frau!« rief Lore. »Weg mit den Unterröcken beim Kampf!« »Vergeßt, daß ich eine Frau bin! Seht in mir nur die Vertreterin Arnaud de Montsalvys!« »Die Soldaten werden Eure Anwesenheit nicht begreifen!« »Ich werde mich als Mann verkleiden! Noch einmal, Messeigneurs, ich möchte dabeisein! Das ist mein unbedingtes Recht! Ich beanspruche es!« Wieder folgte Schweigen. Cathérine sah, wie sie sich mit Blicken berieten. Selbst Brézé war gegen ihre Anwesenheit, sie merkte es an seiner Haltung. Nur Tristan wagte es, für sie einzutreten. »Ihr könnt es ihr nicht verweigern«, sagte er ernst. »Ihr habt die ungeheuerliche Gefahr akzeptiert, die sie auf sich genommen hat, um euch diesen Angriff zu ermöglichen. Und nun weist ihr sie zurück! Sie um den Genuß des Sieges zu bringen wäre ungerecht!« Ohne zu antworten, wandte Raoul de Gaucourt sich der in den Felsen gehauenen Treppe zu, setzte den Fuß auf die erste Stufe und drehte sich um. »Ihr habt recht, Tristan! Es wäre ungerecht. Auf morgen also alle! Um Mitternacht!« Es folgte keine Erwiderung. Niemand wagte den geringsten Einwand. »Um Mitternacht!« riefen sie einstimmig. Pierre de Brézé übersehend, der ihr die Hand bot, um sie zu ihrem Zimmer zurückzugeleiten, nahm Cathérine Tristans Arm. »Kommt, mein Freund! Es ist Zeit für Euch, ein wenig auszuruhen!« sagte sie liebevoll, ihn zum Ausgang der Grotte ziehend. Sie lehnte es sogar ab, den unglücklichen Blick Pierres zur Kenntnis zu nehmen. Er hatte sie eben nicht unterstützt. Sie war böse auf ihn wie auf einen Verräter. Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, stützte Sara sich auf einen Ellbogen auf und sah sie an. »Nun?« fragte sie. »Morgen um Mitternacht …« »Das ist nicht zu früh! Wir werden das Ende dieses verrückten Abenteuers erleben!« Und zufrieden mit dieser Schlußfolgerung, drehte Sara sich auf die andere Seite und nahm ihren unterbrochenen Schlaf wieder auf. Die Juninacht war klar und mild. In dem dunklen, eng geschnürten wollenen Wams, das sie trug, wurde es Cathérine zu heiß, während sie inmitten der anderen zum Schloß hinaufstieg. Neben ihr, in Tuchfühlung, gingen Bueil, Loré, Coétivy, Brézé und Rosnivinen. Tristan war der letzte, der mit den Bewaffneten den Zug schloß … Der Trupp von mehr als fünfzig Mann bewegte sich, ohne mehr Geräusch zu verursachen als eine Armee von Schatten. Die Befehle Jean de Bueils waren deutlich und genau, kein Harnisch, dessen Stahl hätte klirren können. Die Männer trugen nur Lederzeug, aber an allen Gürteln hingen Dolche und Äxte. Es war unmöglich, auf ihren verschlossenen Gesichtern etwas zu lesen. Schweigend, diszipliniert wie eine gut geölte Kriegsmaschine, stiegen sie im Gleichschritt zu den immer näher rückenden Umfassungsmauern hinauf. Der Schatten des Vieleckturms fiel über sie und bot ihnen Schutz. Als Kulisse für einen Mord kam diese schöne, klare und blaue Nacht Cathérine seltsam vor. Sie hätte sie sich schwarz, undurchdringlich und ein wenig neblig gewünscht; trotzdem war sie von stolzer Freude erfüllt. Sie war diejenige, die diese Männer in Marsch gesetzt hatte! Wenn sie hier waren, angesetzt zu dieser tödlichen Jagd, bei der jeder den Kopf riskierte, dann nur, weil sie es mit verbissener Beharrlichkeit so gewollt hatte. In wenigen Minuten würde sie siegreich oder unwiderruflich besiegt sein, und als sie vor kurzem aus der Herberge aufgebrochen war, hatte sie sich mit letzten Ermahnungen von Sara verabschiedet. »Wenn ich nicht wiederkomme, kehrst du nach Montsalvy zurück und wirst meinem Gatten sagen, daß ich für ihn gestorben bin. Und dann wirst du über Michel wachen.« »Unnötig«, hatte Sara ruhig erwidert. »Du wirst zurückkehren!« »Woher weißt du das?« »Deine Stunde ist noch nicht gekommen, ich fühl's!« Doch je mehr sie sich dem Schloß näherte, desto mehr schien es Cathérine, als ob Sara zur Abwechslung auch einmal unrecht haben könne. Der Trupp, der ihr beim Aufbruch kolossal vorgekommen war, schien zusammenzuschrumpfen, je höher die neue Mittelfeste unter ihrer Verkleidung aus glänzendem blauem Schiefer aufstieg. Sie ließ sich einen bangen Seufzer entschlüpfen, und schon wollte Pierre de Brézé, der neben ihr ging, ihre Hand ergreifen. Aber sie zog sie brüsk zurück … Es war nicht die Stunde für liebevolle Zärtlichkeiten; in diesem Augenblick wollte sie für diese Männer nur ein Waffengenosse sein. »Cathérine«, sagte der junge Mann vorwurfsvoll, »weshalb flieht Ihr mich?« Sie brauchte nicht zu antworten. Coétivy übernahm es für sie: »Still!« befahl er. »Wir sind bald da.« In der Tat waren sie auf dem Gipfel des Hügels angelangt, am Fuß des Walles, auf dem man die Wachen unterscheiden konnte. Im Schloß brannte kein Licht. In den königlichen Gemächern schlief der König ohne Zweifel in seinem großen Bett neben Königin Marie, die die Augen wahrscheinlich weit geöffnet hielt. Sie hatte versprochen, wach zu bleiben, um ihren Gemahl im Falle des Alarms zu beruhigen … Und dann, wie hätte sie auch schlafen können, da sie wußte, was passieren würde? Auf eine gebieterische Bewegung de Bueils hin drückte sich der gesamte Trupp an die Festungsmauer und wurde so von den Wehrgängen aus unsichtbar, während der junge Hauptmann allein auf das verschlossene Pförtchen zuschritt. Unwillkürlich hielt Cathérine den Atem an. Zu ihren Füßen konnte sie die Stadt und ihre Spitzdächer im Mondschein schimmern sehen, in den Steingürtel der Umfassungsmauer gedrückt, die dem im Mondlicht flimmernd dahinziehenden Flusse folgte. Die tiefe Stimme Marie Javelles, die Mitternacht schlug, ließ sie zusammenfahren. Hinter dieser hohen, verschlossenen Pforte mußten Gaucourt und Frétard bereitstehen … »Die Pforte öffnet sich«, flüsterte jemand. Tatsächlich drang zitterndes gelbes Licht durch den Spalt. Der, welcher öffnete, trug eine Laterne. Cathérine gewahrte zwei in Eisen gekleidete Silhouetten. Der Gouverneur und sein Stellvertreter brauchten sich nicht zu verbergen und konnten ihre Harnische tragen. Einer hinter dem anderen glitten die Verschwörer durch den Eingang, den Frétard offenhielt. Cathérine kam nach Brézé, der sie mit einer nervösen Bewegung am Arm genommen und hinter sich hineingezogen hatte. Ärgerlich machte sie sich frei. Sie befand sich im Hof von Coudray, auf der anderen Seite des Mühlenturms, des westlichsten Werks des Festungskomplexes. Einige Klafter vor ihr ragte der riesenhafte, runde Turm empor, in dem ihr Feind schlief –, der Schloßturm, hinter dem man die Kapelle Saint-Martin bemerkte. Endlich am Ziel! Gaucourt musterte jeden der Männer, die an ihm vorübergingen, hob die Laterne und zählte sie. Als der letzte vorbei war, schloß sich die Pforte ebenso leise, wie sie geöffnet worden war, dann setzte sich der Gouverneur an die Spitze des Trupps. Mit seinem Eisenhandschuh wies er auf den stumm aufragenden Schloßturm, über ihrem Kopf konnte Cathérine die langsamen, abgemessenen Schritte der Wachen auf dem Wallgang hören. Keiner blieb stehen. Das Unternehmen lief in eindrucksvoller Stille ab. Bueil und Lore wandten sich einem der Türme zu, während Coétivy und Tristan mit dem größten Teil der Männer lautlos im Schatten des Schloßturms untertauchten. Als Cathérine durch eine schmale Pforte den Turm betrat, mußte sie mehrere Male tief atmen, denn die Schläge ihres Herzens erstickten sie. Instinktiv griff sie nach dem Dolch in ihrem Gürtel und umspannte das Heft fest mit der linken Hand. Schon glitten die Verschwörer wie die Glieder einer großen schwarzen Schlange im unsicheren Licht der rauchenden Öllampen zum oberen Stock hinauf, wo der Großkämmerer wohnte. Die Wachen vor seiner Tür zuckten nicht mit der Wimper, als sie den Gouverneur erkannten. Sie wurden überwältigt, bevor sie auch nur den Mund öffnen konnten. Dann zersplitterte die Stille. Durch die gewaltsam geöffnete Tür stürzten sich die Verschwörer in den großen Raum, in dem La Trémoille hinter Samtvorhängen schnarchte. Eine einzige goldziselierte Nachtlampe brannte, und im Dunkel der Vorhänge war undeutlich eine auf dem Rücken liegende Gestalt zu erkennen. Es ging schnell. Vier Mann warfen sich über den unförmigen Leib, knieten sich auf ihn und überwältigten ihn. Unsanft geweckt, aber unfähig, sich aufzurichten, begann La Trémoille zu brüllen. Ein Degenknauf traf roh seinen Kopf und öffnete eine Schläfe. Aus der Wunde rieselte Blut. »Tötet ihn!« schrie Cathérine, trunken von einer so intensiven rachsüchtigen Freude, daß sie sich nicht wiedererkannte. Sie riß den Dolch aus dem Gürtel, wollte vorstürzen, aber ein Mann, in dem sie Jean de Rosnivinen erkannte, entriß ihn ihr. »Das ist keine Sache für Frauen!« knurrte der Bretone. »Gebt mir das!« Mit einem Schritt war er am Bett und stieß La Trémoille mit aller Kraft die Waffe in den Leib. Der Kämmerer heulte auf. Auch andere Waffen schlugen zu, doch ohne den dicken Mann, der wie ein abgestochenes Schwein brüllte, zum Schweigen zu bringen. Im Schloß war man durch seine Schreie aufgewacht. Besorgniserregende Geräusche wurden vernehmlich. In wenigen Minuten würden die Wachen herbeieilen. »Er ist zu fett«, stieß Gaucourt angewidert hervor. »Die Dolche dringen nicht zum Herzen durch! Fesselt ihn, knebelt ihn und schafft ihn weg … Er muß das Schloß in weniger als fünf Minuten verlassen haben.« »Wegschaffen?« wandte Cathérine ein. »Hängen wir ihn!« »Dazu haben wir nicht die Zeit«, sagte der Gouverneur. »Auch keinen festen Strick. Bringen wir ihn nach Montrésor, ich habe draußen für jeden Fall Pferde bereitstellen lassen. Jemand muß Bueil unterrichten. Er soll Gilles de Rais fesseln und knebeln und unten zu uns stoßen!« Im nächsten Augenblick war La Trémoille nur noch ein unförmiges, stöhnendes Bündel, über dem Knebel schienen seine Augen vor Angst aus ihren Höhlen zu quellen. In diesem Moment tauchte Olivier Frétard, der unten geblieben war, im Türrahmen auf: »Der König ist erwacht! Er verlangt zu wissen, was dieser Lärm bedeutet. Er schickt seine Wachen!« »Schnell, tragt ihn weg!« rief Gaucourt. »Ich gehe zum König …« In wenigen Sekunden war unter Cathérines verblüfften Augen alles erledigt. Sechs Männern gelang es, den leblosen, blutenden Körper des dicken Mannes anzuheben und die Treppe hinunterzuschaffen. Im Nu wurde der Hof überquert, die Pforte erreicht. Pierre de Brézé hatte Cathérine hinter den anderen herziehen wollen, aber das wütende Gemetzel, der Geruch des vergossenen Blutes hatten ihre Widerstandskraft erschöpft. Ganz sanft sank sie neben dem großen Bett in Ohnmacht. Der junge Mann fing sie eben noch zur rechten Zeit auf und trug sie eiligst davon. Die frische Nachtluft im Hof belebte sie wieder. Sie schlug die Augen auf, sah Brézés Gesicht ganz nahe dem ihren und blickte ihn verständnislos an. Doch alsbald kehrte ihre Erinnerung wieder, und mit einer geschmeidigen Bewegung der Hüften ließ sie sich aus den Armen gleiten, die sie hielten. »Laßt mich los!« rief sie. »Dank, Messire … Wo ist La Trémoille? Was hat man mit ihm gemacht?« Mit einer Geste wies Pierre auf den Trupp, der sich wie ein riesiger Tausendfüßler den Pfad zur Stadt hinunterbewegte. »Da! Man trägt ihn weg! Nach Montrésor. Dort wird er gerichtet!« Eine Blutwelle stieg der jungen Frau ins Gesicht. »Und sie?« fragte sie zornig. »Seine Frau? Wollt ihr sie hier in Frieden lassen? Sie ist schlimmer als er, und ich hasse sie mehr, als ich ihren Mann gehaßt habe.« »Man kann nicht zu ihr, Cathérine. Sie hat ihre Gemächer im Mittelschloß, neben denen des Königs … Wir müssen jetzt gehen.« »Ah, wirklich?« schrie Cathérine wütend. »Nun, geht, wenn Ihr wollt! Ich bleibe hier! Es wird mir keine Ruhe lassen, bevor ich nicht mit ihr Schluß gemacht habe … Ich habe noch eine Rechnung zu begleichen!« Während sie sprach, tastete sie nach der Scheide ihres Dolchs und war erstaunt, sie leer zu finden. Dann erinnerte sie sich, daß Rosnivinen ihn ihr entrissen hatte. Die Waffe war im Fett des dicken Kämmerers steckengeblieben. Der Bretone hatte sie wieder herausgezogen und weggeworfen. Sie mußte noch auf dem Steinboden des Zimmers liegen. »Ich muß wieder hinauf«, sagte sie. »Ich habe meinen Dolch verloren.« »Was bedeutet schon ein Dolch, Cathérine?! Ihr seid verrückt! Die Wachen werden Euch festnehmen.« »Na und? Sollen sie mich nur festnehmen, wenn sie wollen! Auf jeden Fall habe ich nicht mehr die Absicht, mich zu verstecken. Laut und in aller Öffentlichkeit werde ich vom König unsere Rehabilitierung verlangen. Königin Yolande hat sie mir versprochen. Benachrichtigt sie, wenn ich ergriffen werde. Und was den Dolch betrifft, so ist es der, der meinen Gatten nie verlassen hat … Ich hänge an ihm und werde in holen!« Sie stürmte von neuem dem Schloßturm zu, vor dessen Pforte sich ein Häuflein unentschlossener Bewaffneter drängte, die nicht wußten, was sie tun sollten. Sie warf sich in ihre Mitte, Pierre de Brézé auf den Fersen, und wäre ohne Zweifel verhaftet worden, wenn nicht in eben diesem Moment Raoul de Gaueort vom königlichen Quartier zurückgekehrt wäre. Brézé rief ihn an und erklärte ihm mit einigen Worten, was sich zutrug. Er trieb seine Soldaten mit einer Bewegung seines blanken Degens auseinander. »Laßt diese … diesen Jungen in Ruhe«, sagte er rauh. »Ich kenne ihn … Geht in eure Quartiere zurück!« Gehorsam, wenn auch zögernd, setzten sich die Bewaffneten in Bewegung wie Leute, die jäh aus tiefem Schlaf gerissen wurden. Am Fuß des Schloßturms blieben nur noch Brézé, Cathérine und Gaucourt zurück. Das Gesicht des Gouverneurs wirkte ernst und verschlossen. Pierre schloß daraus, daß es nicht gut stand, und fragte: »Der König? Weiß er's jetzt? Was tut er?« Gaucourt hob mit einem dürren Lächeln die Schultern. »Der König? Er ist wieder eingeschlafen! Die Königin hat ihm versichert, daß der Tumult, der ihn geweckt habe, nur zu seinem Besten gewesen sei, und er hat ihr ohne weitere Erklärungen geglaubt. Er hat nur gefragt, ob der Konnetabel da sei. Man hat es verneint. Das gibt uns für die Erklärungen Zeit bis zum Tagesanbruch … Er reagierte genau, wie er auf den Tod Giacs reagiert hat.« »Der seltsame König!« murmelte Pierre. »Die Männer, die seine besondere Gunst genießen, seine unentbehrlichen Favoriten, vergißt er in einer Minute …« Aber Cathérine war nicht da, um zu philosophieren. Sie fand, daß sie noch einiges zu tun habe, ließ die beiden Männer bei ihrem Gespräch und wandte sich der Turmpforte zu. Gaucourt hielt sie zurück. »Augenblick! Wohin geht Ihr?« »Nach oben, den Dolch meines Gemahls suchen.« »Das überlaßt mir. Ich habe ohnehin noch einiges bei La Trémoille zu tun«, warf der Gouverneur trocken ein. »Dann gehe ich mit Euch. Was hätte ich zu fürchten? La Trémoille ist schon auf dem Weg nach Montrésor. Wenn man mich verhaftet, werdet Ihr mich befreien!« »La Trémoille ist weg, das stimmt! Aber seine Frau ist noch hier. Sie ist durch den Lärm geweckt worden. Wer übrigens nicht? Als ich aus den Gemächern des Königs kam, sah ich sie wie eine Verrückte halbnackt durch die Korridore des Schlosses rennen. Ich wollte hinter ihr her, aber sie hatte zuviel Vorsprung. Ich habe sie auf der kleinen Brücke die Wassergräben des Schloßturms überqueren sehen. Sie ist da oben …« »Und Ihr wollt mich hindern hinaufzugehen?« rief Cathérine. »Verrechnet Euch nicht, Herr Gouverneur!« Ihren Arm gewaltsam aus Gaucourts Griff lösend, lief sie der schmalen Steintreppe zu. Mehrere Stufen auf einmal nehmend, sprang sie mit der Wendigkeit einer Katze hinauf. Ihr Haß gab ihr Flügel. In ihrer Freude, ihrer Feindin endlich mit gleichen Chancen gegenübertreten zu können, dachte sie kaum daran, daß sie waffenlos war. Auch die andere würde zweifellos keine Waffe haben … Die Glocken des Triumphes läuteten in ihren Ohren und hoben sie über sich selbst hinaus. Sie hörte nur noch den Gesang des Sieges. Auf der Schwelle des Zimmers blieb sie außer Atem und von dem Bild gepackt stehen, das sich ihren Augen bot. Spärlich in ein Hemd gekleidet, das Schultern und Brust großenteils frei ließ, durchwühlte die Dame de La Trémoille ein Kästchen und nahm Juwelen heraus, die sie in ein neben ihr liegendes Seidentuch häufte. Nach der unbeschreiblichen Unordnung zu schließen, die im Zimmer herrschte und nicht nur auf das Attentat zurückzuführen sein konnte, hatte sie schon andere Kasten und Truhen durchsucht. Ein verächtliches Lächeln trat auf Cathérines Lippen … Diese Frau würde sich nie ändern! Man mochte ihren Mann töten, und doch würde sie sich stets und vor allem erst um ihr Erbe kümmern, danach erst um sein Schicksal … Ganz in ihre Plünderung versunken, sah die andere sie nicht. Cathérine trat leise ein und ergriff den einige Schritte von ihr entfernt auf dem Boden liegenden Dolch, eine Grimasse des Ekels unterdrückend. Er war noch blutbeschmiert … Plötzlich fuhr sie auf. Die Gräfin war reglos stehengeblieben und keuchte leise, als sei ihr plötzlich die Luft ausgegangen. Cathérine sah, wie sie etwas, das wie tausend dunkle Feuer funkelte, dicht an das noch immer brennende Nachtlicht hielt. Den schwarzen Diamanten! ihren schwarzen Diamanten, der ihr, Cathérine, gehörte! … Noch nie hatte sie auf einem menschlichen Gesicht einen Ausdruck von solcher Habsucht gesehen. Die Augen der Frau waren weit aufgerissen, die Lippen trocken: Das war es, was sie vor allem gesucht hatte! Sie zitterte vor Erregung … Die eisige Stimme Cathérines ließ sie zusammenzucken. »Gebt mir das zurück!« sagte sie kalt. »Dieser Diamant gehört mir!« Die andere warf ihr einen stumpf-verblüfften Blick zu, aber ihre Augen verengten sich langsam zu Schlitzen, aus denen bald Habgier und Grausamkeit blitzten. »Euch? Wer seid Ihr?« Cathérine lachte trocken auf und trat in die Mitte des Zimmers. Der Schein der Nachtlampe hüllte sie ein und hob ihre schmale, in die männliche Tracht gepreßte Gestalt aus dem Dunkel. »Seht mich an! Seht mich genau an! Habt Ihr mich noch nie gesehen?« Mißtrauisch, den Diamanten an ihre nackte Brust drückend, kam die Gräfin näher, scharf diese Züge musternd, dieses Antlitz, das die schwarze Kappe eng umrahmte. Zweifellos durch die männliche Kleidung irregeführt, schüttelte sie den Kopf. »Man nannte mich Tchalaï …«, begann Cathérine spöttisch. Die andere brach in Gelächter aus und wandte sich zornig ab. »Das ist gut möglich! Dein Gesicht war mir äußerst unwichtig! Du hast das Glück gehabt, mir zu entwischen, aber jetzt raus mit dir, Mädchen, ich habe zu tun! Was diesen Diamanten betrifft …« Das Lächeln verschwand von Cathérines Lippen. Sie packte ihre Feindin am Handgelenk, drehte es um und zwang sie, ihr ins Gesicht zu blicken: »Hör mir gut zu, Verfluchte! Ich habe gesagt, dieser Diamant gehört mir, weil ihr ihn mir gestohlen habt, du und dein schuftiger Mann …« »Raus!« wiederholte die Gräfin wütend. »Seit wann haben Mädchen deiner Sorte überhaupt Diamanten?« »Ich bin keine Zigeunerin! Ich habe es nur vorgetäuscht, um deinen und deines Mannes Untergang herbeizuführen. Schau mich genauer an! Ich habe nichts mehr von einer Zigeunerin an mir … Mein Haar ist hell, auch meine Augenbrauen.« »Wer bist du also? Sag's und geh zum Teufel … Du machst mich krank!« Langsam setzte Cathérine die Spitze des Dolches an die weiße Kehle. »Du wirst zum Teufel gehen! Und ich, Cathérine de Montsalvy, werde dich in die Hölle schicken!« »Montsalvy?« Die Gräfin hatte den Namen gestammelt, während gemeine Furcht in ihren meergrünen Augen aufglomm. Die Dolchspitze stach zu. Blut trat aus. Cathérines Finger umspannten nervös das Handgelenk der anderen, die vor Schmerz wimmerte. Die junge Frau preßte die Zähne zusammen. »Auf die Knie!« zischte sie. »Auf die Knie! Und bitte Gott um Verzeihung für das Böse, das du begangen hast, für die Folterung meines Gatten, für die Auslieferung Jehannes, für die Ausplünderung des Königreichs, für die vielen unschuldigen Opfer …« »Gnade!« rief die andere. »Tötet mich nicht. Ich war es nicht …« »Und feige bist du auch noch!« sagte Cathérine angewidert. »Los, auf die Knie!« Der Zorn verlieh ihren Fingern ungeahnte Kräfte. Langsam knickten die Knie der großen Frau ein. Sie klapperte mit den Zähnen … Unglücklicherweise lenkte die Stimme Gaucourts hinter ihr Cathérine einen Augenblick ab. »Ihr könnt diese Frau nicht töten, Dame Cathérine, sie gehört uns …« So geringfügig die Ablenkung auch gewesen war, ihre Gegnerin machte sie sich zunutze. Sich mit der Geschmeidigkeit einer Natter dem Griff Cathérines entwindend, packte sie ihre Hand und entriß ihr den Dolch. Cathérine fand sich allein und entwaffnet einer wahren Furie gegenüber. Die Augen der Frau blitzten, ihre Zähne knirschten. »Diesmal wirst du mir nicht entwischen«, zischte sie. Die Augen fest auf die ihrer Gegnerin gerichtet, wich Cathérine einen Schritt zurück. Den Sprung der beiden Männer vorausahnend, die sich auf die Gräfin werfen wollten, hielt sie sie mit einem Wort zurück: »Halt! Obgleich ihr anderer Meinung seid, gehört sie mir!« Hinter sich fühlte Cathérine den Dreifuß, auf dem die Nachtlampe stand. Vor sich sah sie das verzerrte Gesicht der Dame de La Trémoille, die sich, den Dolch schon gezückt, näherte. Ihre Hand glitt nach hinten, ergriff die Lampe – und schleuderte sie mit aller Kraft ihrer Feindin ins Gesicht. Ein grausiger Schmerzensschrei antwortete ihr. Die andere taumelte zurück, die Hände vors Gesicht geschlagen, das das kochende Öl versengte. Durch ihr Haar leckte eine Flammenzunge, eine zweite fraß sich gierig durch ihr durchsichtiges Hemd. Die Frau schrie vor Schmerz … Mit geweiteten Augen sah Cathérine, wie Gaucourt die Bettdecke herunterriß, sie über die Flammen warf und die Gräfin fest in sie hüllte. Langsam bückte sie sich und hob den Dolch auf, der der anderen entglitten war. Ihre Beine zitterten, nun da alles vorüber war. Pierre de Brézé mußte ihr aufhelfen, sonst wäre sie in die Knie gesunken. Unter der Decke waren die Schreie zu Klagen geworden. Die Verletzte winselte wie ein krankes Tier. Cathérine hob ihren leeren Blick zu Gaucourt. »Ich verlasse Euch jetzt. Was wollt Ihr mit ihr machen?« fragte sie. Er bückte sich, lud sich das wimmernde Bündel auf die Schulter und sah Cathérine dann gerade ins Gesicht: »Das müßt Ihr entscheiden! Es stimmt, dieses Recht stand Euch zu. Brézé hat mir gesagt … Ich wollte sie zu ihrem Mann schicken, aber ich werde sie im tiefsten Verlies für immer verschwinden lassen, wenn das Euer Wunsch ist. Das ist alles, was sie verdient!« Die junge Frau schüttelte den Kopf, plötzlich ausgepumpt und kraftlos. »Nein, laßt sie leben … Laßt beide leben, wie sie jetzt sind, da Gott sein Richterwort gesprochen und nicht gewollt hat, daß sie durch unsere Hand sterben! Sie sollen zusammen leben, einer mit dem anderen, mit der Pest ihrer Seelen und dem Grauen darüber, was aus ihnen geworden ist. Sie ist entstellt … er bewegungsunfähig durch sein Fett, vielfach verwundet. Vielleicht wird er nicht mehr genesen … Laßt sie sich selbst ihre Hölle bauen! Die Welt mag sie vergessen. Ich bin gerächt!« Ihre angespannten Nerven ließen plötzlich nach. Sie packte den Arm Brézés, klammerte sich an ihn und bat: »Führt mich fort, Pierre! Führt mich von hier fort!« »Wollt Ihr zu den anderen nach Montrésor?« fragte er sanft. Sie machte ein verneinendes Zeichen. »Ich möchte sie nicht mehr sehen! Beendet Eure Aufgabe ohne mich. Die meine ist getan … Ich kehre in die Herberge zurück.« Doch in dem Augenblick, in dem sie das verwüstete Zimmer verlassen wollte, bemerkte sie auf den Fliesen des Bodens den schwärzen, unheilvoll funkelnden Diamanten Garins. Sie streckte die Hand aus und ergriff ihn. Der verfluchte Stein schmiegte sich wie ein Haustier in ihre Handfläche. »Er gehört mir!« murmelte sie. »Ich nehme ihn zurück …« Brézés Arm schlang sich um ihre fröstelnden Schultern und drückte sie sanft an sich. »Es heißt, daß dieses wunderbare Juwel verflucht sei und Unglück bringe. Ihr habt nichts damit zu tun, Cathérine.« Sie blickte einen Augenblick auf den unheilvollen Stein, der dunkel blitzend auf ihrer Hand lag. »Es ist wahr«, sagte sie ernst. »Dieser Stein bringt Tod und Unglück. Doch die, der ich ihn anbieten werde, hat die Macht, das Unglück abzuwenden und den Tod zum Rückzug zu zwingen …« Von dem jungen Mann gestützt, verließ Cathérine den Schloßturm von Coudray. Auf dem Hof blieb sie stehen, hob die Augen zum Firmament empor. Die Sterne waren erloschen. Nur einer war geblieben, ein außergewöhnlich funkelnder, und im Osten zeichnete sich ein schmaler, hellerer Streifen ab. Die Frische der Morgendämmerung machte sich bemerkbar. Pierre legte Cathérine mit zärtlicher Fürsorge einen Mantel um. »Kommt!« bat er sie. »Ihr werdet Euch noch erkälten.« Aber sie rührte sich nicht, hielt ihn im Gegenteil zurück, ohne die Augen vom Firmament zu wenden. »Gleich wird der Tag geboren«, murmelte sie, »ein neuer Tag! Für mich ist alles beendet, die Seite ist umgeschlagen!« »Alles kann wieder neu beginnen, Cathérine«, flüsterte er inbrünstig. »Dieser Tag könnte der erste eines neuen Lebens sein, voller Freude und Sonne, wenn Ihr nur wollt! Cathérine, sagt mir …« Sanft, aber fest verschloß sie ihm mit der Hand den Mund, lächelte traurig in das schöne, bangende Gesicht, das sich ihr zuneigte. »Nein, Pierre, sprecht nicht weiter … Ich bin müde, sterbensmüde. Bringt mich nur zurück, ohne zu sprechen.« Mit kleinen Schritten, aneinandergedrückt wie zwei Liebende, stiegen sie wieder in die schlafende Stadt hinunter. Zwölftes Kapitel Nachdem Cathérine die hohe Pforte mit den eisenbeschlagenen Flügeltüren durchschritten hatte, sah sie den riesigen Hof des Schlosses von Chinon vor sich. Schottische Bogenschützen, in zwei Reihen angetreten, bildeten Spalier, unbeweglich wie Statuen, nur die Reiherfedern ihrer Mützen bewegten sich leise im Abendwind. Auf der achtzehnstufigen Freitreppe, die zum Großen Saal führte, wo der König sie erwartete, standen zehn Herolde, die Trompeten an der Hüfte … Cathérines Herz hämmerte dumpf in ihrer Brust. Es waren jetzt zehn Tage vergangen, daß der kühne Handstreich gegen den Großkämmerer gelungen war. Als Gefangener in Montrésor erwartete La Trémoille die unnachgiebigen Bedingungen für sein gerettetes Leben: ein ungeheures Lösegeld, Rücktritt von allen seinen Ämtern, zukünftiger Zwangsaufenthalt in seinem Schloß Sully, dem einzigen, das man ihm ließ. Aber sie wollte das Ungeheuer von einem Tyrannen vergessen, der sie und die Montsalvys so grausam bedrückt hatte. Heute war die Stunde ihres Triumphs. Königin Yolande hatte sie wissen lassen, daß der König sie an diesem Abend des 15. Juni in großer Gala empfangen werde. Diesen Augenblick hatte sie ungeduldig in Meister Agnelets Herberge erwartet, nun nicht mehr im Verborgenen wie zuvor, sondern frei, nach ihrem Belieben auszugehen oder Besucher zu empfangen. Keine Gefahr bedrohte sie mehr … Hatte sie nicht am Tage nach dem Sturz La Trémoilles Gilles de Rais in aller Herrgottsfrühe Chinon mit seinen Leuten verlassen sehen? Ein fast heimlicher Aufbruch war es gewesen. Noch immer war die alte Arroganz nicht vom Gesicht des Marschalls gewichen, aber es war nichtsdestoweniger ein Besiegter, der sich da auf seine Güter bei Angers zurückzog. Ein trübes Lächeln war über ihre Lippen gehuscht, als sie ihn vorüberziehen sah. »Eines Tages«, hatte sie zwischen den Zähnen gemurmelt, »wirst auch du für das büßen, was du mir angetan hast! Ich werde dich nicht vergessen!« Als sie sich der Freitreppe näherte, setzten die Herolde die langen silbernen Trompeten an die Lippen, deren schmetternde Klänge die Luft erfüllten und Cathérine vor Erregung beben ließen. Instinktiv suchte sie hinter sich die Gestalt Tristan l'Hermites, der ihr respektvoll im Abstand von drei Schritten folgte. Indessen mischte sich eine leise Bitternis in die Freude dieses Abends … Sie hatte gehofft, in dieser so wichtigen Minute Pierre de Brézé bei sich zu haben. Aber seit er mit ihr den Schloßturm von Coudray verlassen und sie nach Hause gebracht hatte, war er wie vom Erdboden verschwunden. Niemand hatte ihr sagen können, was aus ihm geworden war. Nur Tristan hatte geglaubt, ihn gesehen zu haben, wie er noch am selben Tage in gestrecktem Galopp aus Chinon hinausgeritten war. Niemand hatte ihn wiedergesehen … Die Trompeten schwiegen, doch als Cathérine langsam die Stufen der Freitreppe hinaufschritt, öffneten sich die hohen Türflügel des strahlend erleuchteten Großen Saals. Hundert Fackeln brannten in dem riesigen Raum, dessen über sechs Meter hohe Wände vollständig mit Gobelins bekleidet waren. Frische Blüten bedeckten die Fliesen bis hin zum großen Kamin im Hintergrund. Eine farbenprächtige Menge war dort versammelt, die still wurde, als die Tür sich öffnete. Nahe dem Kamin bemerkte Cathérine den hohen, von einem blau-goldenen Baldachin gekrönten königlichen Sessel, in dem der König saß, neben ihm stehend der junge Mann, den sie in der Nacht von Amboise gesehen hatte, Charles d'Anjou, strahlend vor Jugend in seinem golddurchwirkten Kostüm. In einer Fensternische sah sie die Königin, von ihren Damen umgeben, aber ihr Blick kehrte zu einem bejahrten, hochgewachsenen Mann zurück, der sie, auf einen weißen Stab gestützt, am Saaleingang erwartete: der Graf de Vendôme, Zeremonienmeister und Erster Verwalter des königlichen Hauses. Schon verneigte er sich vor ihr und bot ihr die Hand, um sie zum Thron zu führen, als eine weibliche Gestalt in prächtiger Trauerkleidung schnell zwischen den sich verneigenden Gruppen der Herren und Damen vorschritt. Von Bewegung ergriffen, erkannte Cathérine die Königin Yolande. Diese wandte sich liebenswürdig an Louis de Vendôme, der schon das Knie beugte. »Wenn es Euch recht ist, Vetter, werde ich selbst Madame de Montsalvy zum König führen!« sagte sie. »Das Protokoll hat zu schweigen, wenn die Königin befiehlt!« erwiderte der Großmeister lächelnd. Yolande reichte Cathérine, die in einen tiefen Hofknicks vor ihr versank, die Hand. »Kommt, meine Kleine!« Seite an Seite, inmitten tiefer Stille, schritten die beiden Frauen durch die ganze Länge des Saals, die eine imposant und schön unter der hohen Krone, die ihre dunklen Flechten wie eine Aureole umrahmte, die andere von Schönheit strahlend trotz der Strenge ihrer düsteren Kleidung. Beide in Trauer, doch Yolandes Kleidung war aus Samt und Seide, während Cathérine sich nur feine Wolle erlaubt und ihren blonden Kopf in einen Trauerflor gehüllt hatte. Je mehr sie sich dem Thron näherten, desto mehr schnürte ihr die Feierlichkeit des Augenblicks das Herz zusammen. Die dürftige Gestalt des Königs in dunkelblauem, diskret mit Gold verziertem Samtgewand wuchs und wuchs, und Cathérine dachte schmerzlich, daß die freundschaftliche Hand, die sie führte, die Arnauds hätte sein müssen. Ohne das verfluchte Leiden wären sie diese Triumphstraße zusammen entlanggeschritten und bestimmt nicht in Trauerkleidung. Ihm, ihrer verlorenen Liebe, widmete sie diese Minute, denn ihm gehörte sie. In den Tiefen ihrer Erinnerung sah sie ihn wieder wie eine vom Blitz gefällte Eiche vor den Trümmern seines zerstörten Heims, das auf Befehl dieses selben Königs in Brand gesteckt worden war, der sie jetzt erwartete. Sie glaubte, das Schluchzen dieses starken und heldenmütigen Mannes noch zu hören, und mußte die Augen schließen, um ihre Tränen zurückzuhalten. Doch plötzlich, aus ihren qualvollen Träumen gerissen, wurde ihr die unglaubliche Ehre bewußt, die Yolande ihr erwies, denn auf ihrem Wege verneigten sich die Herren und Damen oder beugten das Knie, und die der Königin dargebrachte Huldigung strahlte auch auf ihre junge Begleiterin aus. Sie sah, wie selbst Prinzen von königlichem Geblüt sich verbeugten, und als sie an den Stufen des Throns angelangt waren, erhob sich der König. Seine braunen, glanzlosen Augen richteten sich mit Interesse auf Cathérines Antlitz. Die junge Frau fühlte, daß sie errötete. So stiefmütterlich Karl VII. von der Natur auch behandelt worden war, strömten seine schwächliche Gestalt und sein unschönes Gesicht dennoch Majestät aus. Er war eben der König, jener König, dem man, wenn man Montsalvy hieß, uneingeschränkt sein Blut, sein Leben und sein Vermögen zu Füßen legte. Ohne den Blick zu senken, den sie fest auf den des Herrschers gerichtet hatte, beugte Cathérine langsam das Knie, während die Stimme der Königin Yolande sich erhob. »Majestät, mein Sohn«, sagte sie, »möge es Eurer Gerechtigkeit und Eurem großmütigen Herzen gefallen, Cathérine, Gräfin de Montsalvy, Dame de là Châtaigneraie in Gnaden zu empfangen, die vor Euch kniet, um Eure Hilfe zu erflehen und um die Wiedergutmachung des vielfachen Unrechts und der grausamen Leiden zu bitten, die sie durch den ehemaligen Großkämmerer zu erdulden hatte.« »Majestät«, fügte Cathérine sogleich mit Leidenschaftlichkeit hinzu, »ich fordere Gerechtigkeit für meinen in der Verzweiflung gestorbenen Gatten, für Arnaud de Montsalvy, der Euch stets treu diente, nicht für mich! Ich bin nur seine Frau!« Der König lächelte, stieg zu der jungen Frau hinunter, nahm ihre beiden Hände, um ihr aufzuhelfen. »Dame«, sagte er sanft, »eigentlich müßte der König zu Euren Füßen um Gnade bitten. Ich kenne all das Böse, das dem treuesten meiner Hauptleute zugefügt worden ist, und ich empfinde große Scham und großen Schmerz darüber. Heute kommt es darauf an, daß für Euch und Euren Sohn alles wieder wird wie früher und daß das Haus Montsalvy wieder hoch zu Ehren und zu Vermögen komme. Man rufe unseren Kanzler!« Von neuem teilte sich die schillernde Menge, um Regnault de Chartres, Erzbischof von Reims und Kanzler von Frankreich, durchzulassen. Cathérine erkannte nicht wenig erstaunt den hochmütigen Prälaten, der einst ein Todfeind Jehanne d'Arcs gewesen war und sich zweifellos nur aus Vorsicht von La Trémoille losgesagt hatte. Instinktiv empfand sie eine Aversion gegen ihn, vielleicht seines hochmütigen Blicks und des berechnenden Zuges um seine Lippen wegen. Aber plötzlich fühlte sie, wie eine tiefe Röte ihre Wangen überzog. Einige Schritte hinter dem Kanzler ging ein Mann in staubbedeckter Kleidung und mit abgespannten Zügen: Pierre de Brézé. Er lächelte ihr zu, als er sie bemerkte, und Cathérine mußte, ob sie wollte oder nicht, das Lächeln zurückgeben. Aber sie hatte keine Zeit, sich Fragen zu stellen. Karl VII. wandte sich an Regnault de Chartres. »Seigneur Kanzler, habt Ihr, was Messire de Brézé aus Montsalvy holen sollte?« Statt einer Antwort streckte der Erzbischof die Hand aus, ohne Pierre anzusehen. Der junge Mann reichte ihm eine sichtlich beschmutzte, unansehnliche Pergamentrolle. Regnault de Chartres rollte das an allen vier Ecken durchlöcherte Pergament auf. Eine Blutwelle überflutete Cathérines Hals. Dieses Pergament, an den Rändern zerfetzt, beschmutzt, durchlöchert, halb vergilbt, kannte sie. Es war mit vier Pfeilen an die noch rauchenden Ruinen von Montsalvy geheftet worden; es war das Edikt, das Arnaud de Montsalvy zum Verräter an König und Königreich, zum Treubrüchigen und für immer Geächteten erklärte … Sie sah es zwischen den Fingern des Kanzlers zittern, wie sie es einst in Montsalvy im Abendwind hatte leise flattern sehen … Und dann geschah etwas: Ein in Rot gekleideter Mann trat vor, dem zwei Diener folgten, die einen mit glühenden Kohlen gefüllten eisernen Ofen trugen. Cathérine erkannte den Scharfrichter! Ihre Augen blickten verstört, während unkontrollierbare Angst sie befiel. Diese makabre rote Gestalt erinnerte sie an Vorkommnisse, die noch zu frisch und zu sehr mit Entsetzen geladen waren! Aber es war kein Mensch, den er hinrichten sollte. Regnault de Chartres trat vor, die Pergamentrolle in den Händen. Seine Stimme durchdrang die Stille. »Wir, Karl, der Siebente dieses Namens, durch die Gnade des allmächtigen Gottes König von Frankreich, befehlen, daß das Edikt, das den hochwohlgeborenen und hochedlen Seigneur Arnaud, Graf von Montsalvy, Seigneur de la Châtaigneraie im Lande der Auvergne, ebenso wie seine Nachkommen wegen Verrates mit dem Bann bestrafte, auf ewig hinfällig sei. Wir befehlen, daß besagtes Edikt als falsch, wahrheitswidrig und niederträchtig erklärt und an diesem heutigen Tage unter unseren Augen durch die Hand des Scharfrichters als Schandmal vernichtet werde …« Der Kanzler zog eine Schere aus der Tasche, schnitt das abgenutzte rote Band ab, an dem das Große Staatssiegel Frankreichs hing, und reichte es dem König, nachdem er es respektvoll geküßt hatte. Dann übergab er die Pergamentrolle dem Scharfrichter. Dieser nahm sie mit einer Kneifzange und warf sie in den Ofen. Die feine Schafshaut krümmte sich, als sei sie mit einem eigenen Leben begabt, wurde dann schwarz und verbrannte mit einem unangenehmen Geruch, aber solange noch ein Stück davon übrigblieb, ließ Cathérine sie nicht aus den Augen. Erst als sie völlig von den Flammen verzehrt war, hob sie den Kopf und traf auf den Blick des Königs, der ihr zulächelte. »Euer Platz ist bei uns, Cathérine de Montsalvy, bis Euer Sohn alt genug ist, um uns zu dienen. Seid in diesem Schloß willkommen, in dem Ihr heute abend Wohnung nehmen werdet. Morgen wird Euch unser Kanzler die Urkunden aushändigen, nach denen Euch Euer Vermögen und Eure herrschaftlichen Güter voll und ganz zurückgegeben werden. Dann wird unser Schatzkanzler Euch eine Summe Goldes auszahlen, die dazu bestimmt ist, Euch für das Unrecht, das Euch angetan worden ist, zu entschädigen. Leider kann das Gold nicht alles wiedergutmachen, und der König hat es nie zuvor so sehr bedauert.« »Sire«, murmelte sie mit heiserer Stimme, »so Gott will, werden die Montsalvy fortfahren, Euch zu dienen, wie sie Euch immer gedient haben. Mein Dank an Euch sei mir verstattet, daß Ihr es ihnen von neuem vergönnt!« »Geht nun und begrüßt Eure Königin. Sie erwartet Euch.« Cathérine wandte sich zu Marie d'Anjou, die einige Schritte hinter ihr inmitten ihrer Hofdamen stand und ihr zulächelte. Spontan kniete sie zu Füßen dieser häßlichen und gütigen Frau nieder, die nicht wußte, was böse ist. Marie empfing Cathérine mit offenen Armen. »Meine teure Cathérine«, sagte sie zu ihr, während sie sie umarmte, »ich bin so glücklich, Euch wiederzusehen! Ich rechne damit, daß Ihr Euren Platz unter meinen Damen wieder einnehmen werdet.« »Eine gewisse Zeit, Madame … denn ich werde zu meinem Sohn zurückkehren müssen!« »Das eilt nicht. Ihr werdet ihn holen lassen. Platz, meine Damen, für die Gräfin de Montsalvy, die zu uns zurückkehrt!« Der Empfang, der Cathérine zuteil wurde, war schmeichelhaft. Sie kannte bereits einige unter ihnen und fand mit Freuden die hübsche Anne de Bueil, Dame von Chaumont, wieder, die sie in Angers getroffen hatte. Auch Jeanne du Mesnil sah sie, die sie noch von der Zeit her kannte, als sie Edeldame in Bourges gewesen war, und die Dame de Biosset; doch war sie bisher weder Madame de la Roche Guyon begegnet noch der Prinzessin Jeanne d'Orléans, der Tochter des lebenslänglichen Gefangenen von London. Sie war erstaunt, Marguerite de Culan nicht wiederzutreffen, die ihre Freundin gewesen war, und ein wenig bekümmert, als sie hörte, das junge Mädchen habe den Schleier genommen, aber sie war so glücklich, wieder in den ihr zukommenden Kreis, auf ihren richtigen Platz zurückzukehren, daß nichts sie allzusehr treffen konnte. Sie war wie ein Stein, den ein heftiger Sturmwind aus seiner Mauer gerissen und ein sorgfältiger Maurer wieder an Ort und Stelle unter seinesgleichen zurückgesetzt hat. Es war gut, sich wieder von Freunden umgeben zu fühlen, die hübschen, lächelnden Gesichter wiederzusehen, liebenswürdige Worte zu hören nach so vielen ermüdenden Ritten, so vielen dunklen Tagen! Einige Männer mischten sich jetzt unter die Damen, begierig, sich der Heldin des Tages zu nähern. Etwas berauscht sah sie den schönen Herzog von Alençon auf sich zukommen, dann den Bastard von Orléans, Jean de Dunois, der sie einst vor der Folter gerettet hatte, den Marschall de La Fayette und andere mehr. Sie wußte gar nicht, wem sie zuerst antworten, wem sie zulächeln sollte, und suchte unter den Männern Pierre, Pierre, der aus der Auvergne zurückkam und den sie dringend ausfragen wollte. Doch plötzlich hörte sie eine Stimme, deren Gaskogner Akzent fröhlich hinter ihr aufklang, und drehte sich um. »Hatte ich nicht vorausgesagt, daß man Euch am Hof des Königs wiedersehen würde? Habt Ihr auch ein Lächeln für einen alten Freund übrig?« Sie streckte dem Neuangekommenen beide Hände entgegen und kämpfte gegen das Verlangen an, sich ihm an den Hals zu werfen. »Bernard der Jüngere!« sagte sie liebevoll. »Wie gut, Euch wiederzusehen! Ihr habt uns also nicht vergessen?« »Ich vergesse meine Freunde nie«, erwiderte Bernard d'Armagnac mit plötzlichem Ernst, »besonders nicht, wenn sie Euren Namen tragen. Kommt mit …« Er hatte sie am Arm genommen und zog sie beiseite. Man machte ihnen Platz. Die Gruppen formierten sich um den König und die Königinnen, das Hofleben nahm wieder seinen Gang, während man darauf wartete, daß zum Souper geblasen wurde. Cathérine, von nun an zugelassen, war in die Gemeinschaft aufgenommen worden. Neben ihm gehend, betrachtete Cathérine prüfend das faunhafte Gesicht des Grafen de Pardiac. Dieses braune Gesicht mit den grünen Augen und den spitzen Ohren, fein und durchgeistigt, erinnerte sie an die grausamen und zärtlichen Stunden von Montsalvy. Bernard hatte sie vor dem Tod gerettet, Arnaud und sie, hatte ihnen in Carlat Zuflucht gewährt. Ohne ihn – weiß Gott, was aus ihnen geworden wäre! … In einer Fensternische angelangt, blieb Bernard stehen, blickte Cathérine ins Gesicht und fragte plötzlich ernst: »Wo ist er? Was ist aus ihm geworden?« Sie erbleichte und sah ihn mit verstörter Miene an. »Arnaud? Aber … wißt Ihr es denn nicht? Er ist nicht mehr …« »Das glaube ich nicht!« erwiderte er mit einer heftigen Bewegung, die das unheilvolle, einen Augenblick heraufbeschworene Bild verscheuchte. »In Cariât haben sich Dinge ereignet, die ich nicht verstehe. Hugh Kennedy, den ich gesprochen habe, ist stumm wie ein Fisch, und jeder hier schwört, Arnaud sei tot. Aber ich, ich bin vom Gegenteil überzeugt. Sagt mir die Wahrheit, Cathérine, Ihr schuldet sie mir!« Sie schüttelte traurig den Kopf, schob mechanisch mit dem Finger den schwarzen Flor zurück, der ihre Wange gestreift hatte. »Es ist eine furchtbare Wahrheit, Bernard, schlimmer als der Tod … Ich schulde sie Euch natürlich, und trotzdem wünschte ich, Ihr würdet mich nicht danach fragen. Sie ist so grausam. Wisset also, daß mein Gatte für die ganze Welt tot ist!« »Für die ganze Welt, aber nicht für mich! Cathérine, mir geht es wie Euch, es sind nur einige Tage her, seit ich wieder an diesem Hof bin. Vorher habe ich nördlich der Seine Krieg geführt, mit La Hire und Xaintrailles. Auch sie weigern sich, an diesen unerklärlichen, unaufgeklärten Tod Montsalvys zu glauben.« »Wie kommt es, daß sie nicht hier sind?« fragte Cathérine in dem Bestreben, vom Thema abzuschweifen. »Ich hoffte, sie wiederzusehen!« Aber der Graf de Pardiac ließ sich nicht ablenken. Er antwortete kurz: »Sie kämpfen gegen Robert Willoughby an der Oise. Wenn ich nicht bei ihnen gewesen wäre, wäre ich nach Carlat zurückgekehrt. Ich bin der Lehnsherr dort, erinnert Euch, und ich hätte den Leuten des Schlosses sehr wohl die Wahrheit entreißen können, und sei es durch die Folter.« »Die Folter, die Folter! Ihr kennt also nichts anderes als dieses entsetzliche Mittel?« entgegnete Cathérine mit Schaudern. »Die Mittel sind, wie sie sind«, antwortete er ruhig. »Das Wichtige ist das Ergebnis. Sprecht, Cathérine, Ihr wißt genau, daß ich es früher oder später herausbekommen werde. Und ich gebe Euch mein Wort als Edelmann, daß Euer Geheimnis bei mir wohlverwahrt ist. Ihr wißt, daß es nicht eitle Neugier ist, was mich bewegt.« Sie musterte ihn einen Augenblick scharf. Wie sollte sie an seiner Ehrlichkeit zweifeln, nach allem, was er für sie getan hatte? Sie machte eine Bewegung des Überdrusses. »Ich werde es Euch sagen. Ohnehin, was spielt es für eine Rolle?« Sie brauchte nur wenige Worte, um ihm die furchtbare Wahrheit über Arnaud zu berichten. Doch als sie schwieg, war der gaskognische Edelmann leichenblaß. Er wischte sich mit seinem Ärmel aus Goldbrokat den Schweiß von der Stirn. Und plötzlich wurde er rot vor Zorn, warf der jungen Frau einen wütenden, giftigen Blick zu. »Und Ihr habt ihn in diesem Drecknest gelassen, unter diesen Bauernlümmeln, damit er langsam verreckt? Ihn, den edelsinnigsten von uns allen?« »Was konnte ich tun?« rief Cathérine, sofort empört. »Ich stand allein gegen die Besatzung, gegen das Dorf … Es mußte sein. Er hat es selbst so gewollt. Vergeßt Ihr, daß wir nichts mehr hatten, kein anderes Asyl als das, welches wir Euch verdanken?« Bernard d'Armagnac wandte den Kopf ab, hob die Schultern und warf Cathérine dann einen unsicheren Blick zu. »Das ist wahr! Verzeiht mir … aber dabei kann es nicht bleiben, Cathérine! Kann man ihn nicht in irgendeinem entlegenen Schloß unterbringen und dort von ein paar ergebenen Dienern versorgen lassen?« »Wer würde sich dazu bereit finden, da es sich um Lepra handelt?« murmelte Cathérine. »Und dennoch glaube ich, daß es möglich wäre. Aber wo? Er will sich nicht von Montsalvy entfernen.« »Ich werde etwas finden, ich werd's Euch dann sagen … Allmächtiger Gott! Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, ihn da zu wissen, wo er ist.« Cathérine stiegen die Tränen in die Augen, aber die Freude war bald verflogen, und sie stammelte: »Und ich? Glaubt Ihr, ich könnte es ertragen? Seit Monaten quält mich dieser Gedanke! Wenn ich keinen Sohn hätte, wäre ich bei ihm geblieben, hätte ihn nie allein gelassen. Was macht es mir schon aus zu sterben, selbst an dieser entsetzlichen Krankheit, wenn es nur mit ihm wäre? Aber ich habe Michel … Und Arnaud hat mich verstoßen! Ich hatte eine Aufgabe zu bewältigen. Jetzt ist sie es, um die Wahrheit zu sagen.« Bernard biß sich auf die schmalen Lippen und sah sie neugierig an. »Was werdet Ihr also tun?« Sie hatte keine Zeit zu antworten. Eine hohe, blaugekleidete Gestalt trat zu ihnen, und eine trockene Stimme fragte: »Solltet Ihr Madame de Montsalvy Anlaß zum Weinen gegeben haben, Graf? In ihren Augen stehen Tränen.« »Ihr habt einen scharfen Blick, wie mir scheint«, gab Bernard hochmütig und ungehalten über die Störung zurück. »Dürfte ich fragen, was Euch das angeht?« Doch wenn die Einmischung Brézés Bernard d'Armagnac höchlichst befremdet hatte, schien Bernards Ton dem Herrn aus Angers noch viel weniger zu gefallen. »Kein Freund Dame Cathérines sieht sie gern leiden.« »Ich bin einer ihrer Freunde, mehr, als Ihr es je sein werdet, Messire de Brézé, und, was noch wichtiger ist, ich bin auch der Freund ihres Gatten.« »Wart Ihr«, berichtigte Brézé. »Wißt Ihr nicht, daß der edle Arnaud de Montsalvy ruhmvoll gestorben ist?« »Eure fürsorgliche Haltung seiner – Witwe gegenüber läßt darauf schließen, daß Euch das wenig Kummer bereitet. Was mich betrifft …« Der Ton wurde schärfer. Cathérine, erschrocken über den Streit, den sie kommen sah, griff vermittelnd ein. »Messeigneurs! Ich bitte Euch! Ihr werdet doch meine Rückkehr in Gnaden nicht mit einem Zank brandmarken. Was würde der König, was würden die Königinnen sagen?« Die plötzlich aggressive Haltung Bernards erstaunte sie. Aber sie wußte schon lange, daß die alte Rivalität zwischen den Herren des Nordens und denen des Südens nach wie vor bestand. Diese beiden mußten sich hassen, wofür sie zweifellos nur einen Vorwand abgab. Die Männer schwiegen, aber die Blicke, die sie tauschten, bewiesen, daß sie mehr als schlechter Stimmung waren. Sie standen sich schweigend gegenüber, wie Kampfhähne. Cathérine begriff, daß sie darauf brannten, ihren Streit auszutragen, und daß sie sie nicht mehr lange zurückhalten könnte. Instinktiv sah sie sich nach Unterstützung um, bemerkte Tristan l'Hermite, der sich bescheiden in eine Ecke verzogen hatte, und warf ihm einen stummen, hilfesuchenden Blick zu. Er eilte lächelnd, liebenswürdig herbei. »Königin Yolande sucht Euch, Dame Cathérine. Darf ich Euch zu ihr führen?« Aber ach, Pierre de Brézé war fest entschlossen, Cathérine für sich zu behalten. Er warf Tristan ein knappes Lächeln zu. »Ich werde sie selbst hinführen!« sagte er lebhaft. Und als Cathérine sah, daß Bernard schon den Mund öffnete, begriff sie verzweifelt, daß alles wieder von vorn anfangen würde. Und dabei starb sie vor Verlangen, Pierre auszufragen. Er kam aus Montsalvy zurück, müßte ihr so vieles zu sagen haben! Aber wie konnte sie sich mit ihm unter dem verächtlichen Blick Bernards absondern, der sich zum Verteidiger der Rechte Arnauds aufgeschwungen zu haben schien? Glücklicherweise kündigten genau in diesem Augenblick Hornstöße den Beginn des Soupers an, und gleichzeitig näherte sich der Zeremonienmeister Cathérine. »Es ist der Wunsch unserer Majestät, daß Ihr an seinem Tisch speist, Madame. Erlaubt mir, Euch hinzuführen.« Ein Seufzer der Erleichterung drang aus Cathérines Brust. Sie warf dem Grafen von Vendôme ein dankbares Lächeln zu, entbot, die Hand des alten Edelmannes annehmend, den beiden Streithähnen einen kurzen Gruß, schenkte Tristan ein Lächeln und wandte sich dem Bankettsaal zu. Das königliche Souper war für Cathérine gleichzeitig ein Triumph und eine Prüfung. Ein Triumph, weil sie, zur Rechten der Königin Marie sitzend, das Ziel aller Blicke war. In ihrem strengen schwarzen Flor leuchtete ihre Schönheit inmitten heller Seidenstoffe, milchweißer Dekolletés, blumenbestickter Wämser und kostbaren Schmucks, wie einst der unglückbringende schwarze Diamant unter den Edelsteinen Garins gefunkelt hatte. Wiederholt kehrte der Blick des Königs zu ihr zurück. Er ließ ihr Kostproben von seinem eigenen Teller hinübergeben, und der königliche Mundschenk servierte ihr denselben Wein wie dem Herrscher, den Landwein aus Anjou, den er über alles liebte. Aber es war auch eine Prüfung, denn sie konnte die drohenden Blicke sehen, die Bernard d'Armagnac und Pierre de Brézé über die wenigen sie trennenden Plätze hinweg einander zuwarfen. Und Cathérines Vergnügen wurde gedämpft durch die Furcht, daß nicht einmal die Anwesenheit des Königs die beiden Männer zurückhalten würde, wenn ihr Zorn sich neu entfachte. Sie hatte den unerfreulichen Eindruck, auf einem Pulverfaß zu sitzen. Daher war sie zufrieden, als das Souper ein Ende nahm und man wieder in den Großen Saal zum Tanz ging. Ihre Trauer entband sie leicht von dieser Verpflichtung. Sie bat Königin Marie und Königin Yolande, sich zurückziehen zu dürfen, was ihr sofort gestattet wurde, während zwei Fackelträger angewiesen wurden, sie in ihr neues Quartier zu geleiten. Erhobenen Hauptes verließ sie den Saal, von vielen bewundernden Blicken verfolgt. Das ihr zugewiesene Zimmer befand sich im Schatzturm, und Sara erwartete sie bereits. Sie war zur selben Stunde wie das Gepäck angekommen. Die sorgenvolle Miene Cathérines beunruhigte sie. »Du bist heute abend Königin gewesen. Warum diese bekümmerte Miene?« Sie sagte es ihr, erklärte ihr ihren natürlichen Wunsch, einen Augenblick mit dem aus Montsalvy Zurückgekehrten zu plaudern, und daß der Graf d'Armagnac sie daran gehindert habe. »Schließlich wollte ich nur wissen, wie es meinem Sohn geht!« rief sie endlich. »Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, daß es ein Duell herausfordern könnte.« »Manchmal bist du wirklich recht unüberlegt!« entgegnete Sara. »Oder du hältst den Grafen d'Armagnac für dümmer, als er ist. Wie sollte er nicht überrascht sein, einen Grandseigneur wie Brézé Tag und Nacht, ich weiß nicht wie lange, galoppieren zu sehen, um ein altes, vergilbtes Pergament zu holen, obwohl irgendein königlicher Reiter mit einem entsprechend unterzeichneten Befehl des Kanzlers durchaus dafür genügt hätte? Es war eine Liebeserklärung, dieser Streich, und nichts anderes bedeuten die schwarzweißen Bänder, die der junge Brézé mit einem Hochmut spazierenträgt, als trüge er Unsern Herrn persönlich.« »Na und?« begehrte Cathérine ärgerlich auf. »Daß Pierre de Brézé sich als mein Ritter erklärt und öffentlich seine Liebe bekennt, geht Messire Bernard d'Armagnac gar nichts an. Die Tatsache, daß er ein Vetter des Königs ist, gibt ihm nicht das Recht, sich in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen, möchte ich annehmen!« Saras Augen verengten sich, während sie Cathérine scharf ansah. »Es ist nicht der Vetter des Königs, der sich in deine Angelegenheiten eingemischt hat. Es ist der Jugendfreund deines Gatten, Cathérine! … Ich hab' dich schon einmal vor deiner Neigung für den jungen Brézé gewarnt. Schon verführt sie dich zur Undankbarkeit. Als Bernard dich in Montsalvy vorm Scheiterhaufen rettete, als er dir Carlat als Zufluchtsort bot, hast du ihm nicht vorgeworfen, daß er sich in deine Angelegenheiten mische. Erinnere dich an die echte, tiefe Liebe, die ihn an Messire Arnaud bindet. Dieser Mann wird es nie überwinden, dich einem anderen zugehörig zu sehen. Er hat den Instinkt eines Wachhundes, der in Abwesenheit seines Herrn dessen Gut behütet. Du gehörst seinem Freund, und nichts wird ihn das vergessen machen.« »Wenn es mein Wunsch wäre, hätte niemand etwas dazu zu sagen!« erwiderte Cathérine trocken. Sie fühlte sich unbehaglich, innerlich und äußerlich, denn die Juninacht war warm, und sie glaubte in dem schwarzen Flor, der ihr Gesicht umschloß, zu ersticken. Gereizt wollte sie einen der Schleier lösen, aber ihre nervösen Finger waren ungeschickt; sie stach sich, riß ein Stück aus dem zarten Stoff. »Hilf mir doch!« sagte sie ärgerlich. »Du siehst doch, daß es mir nicht gelingt.« Sara lächelte und machte sich ruhig daran, die Stecknadeln eine nach der anderen herauszuziehen. Sie hatte Cathérine auf einen Schemel gesetzt und verhielt sich für ein Weilchen still. Wenn der Zorn sich dieses überempfindlichen Wesens bemächtigte, war es besser zu schweigen, bis es sich wieder beruhigte. Nachdem sie sie von ihrem zarten Schleierkopfputz befreit hatte, schnürte sie ihr das Kleid auf und zog es ihr aus. Als Cathérine nichts mehr auf dem Leib hatte als ein dünnes Batisthemd, begann sie, das kurze Haar zu bürsten, das sich bereits auf dem Kopf der jungen Frau lockte und ihr das fremde, zauberhafte Antlitz eines griechischen Hirten verlieh. Erst als sie merkte, daß Cathérine sich allmählich entspannte, erkundigte sie sich vorsichtig: »Darf ich dir eine Frage stellen?« »Aber … natürlich!« »Wie, glaubst du wohl, hätte sich Messire de Xaintrailles gegenüber Brézé verhalten … oder auch der Hauptmann La Hire?« Cathérine antwortete nicht, und Sara gab sich mit diesem Schweigen zufrieden, das ihrer Meinung nach die beste Antwort war. Gewiß hätte der jähzornige La Hire an Ort und Stelle, König hin, König her, den Unvorsichtigen gefordert, der es wagte, eine von ihm sicher als ungehörig betrachtete Liebe für die Frau seines Freundes zur Schau zu tragen. Was Xaintrailles betraf, konnte Cathérine sich mühelos seine zornblitzenden braunen Augen und das drohende Lächeln vorstellen, das seine Lippen wie die Lefzen eines Wolfs zurückzog. Und sie war zu ehrlich, um sich nicht einzugestehen, daß das Recht auf ihrer Seite gewesen wäre, aber sie wollte es nicht zulassen, daß man sie wie ein verantwortungsloses kleines Mädchen behandelte, das sich nicht zu benehmen wußte und auf das man aufpassen mußte. Das Bedürfnis, sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren, bemächtigte sich ihrer gebieterisch und trieb sie zur Herausforderung. Nachdem sie frisiert war, ließ sie sich ein leichtes, knisternd frisches weißes Hauskleid geben, das ein breiter Silbergürtel unter der Brust zusammenhielt, legte etwas Rot auf die Lippen, drehte sich dann zu Sara um und warf ihr einen herrischen Blick zu. »Hol mir Messire de Brézé!« befahl sie. Vor Verblüffung blieb Sara stumm. Dann wurde sie puterrot und wiederholte: »Ich soll …« »Ihn mir holen, jawohl!« sagte Cathérine lächelnd. »Ich möchte ihn augenblicklich sprechen. Und sorge dafür, daß Bernard ihm nicht wie ein Spürhund folgt. Beruhige dich, du wirst bei unserer Unterhaltung dabeisein!« Sara zögerte einen Augenblick. Sie hatte große Lust, sich zu weigern, aber sie wußte nur zu gut, daß Cathérine imstande war, selbst zu gehen. »Warum nicht?« erwiderte sie endlich. »Schließlich ist es deine Angelegenheit! Es betrifft dich!« Voller Würde begab sie sich hinaus, was der jungen Frau ein neues Lächeln entlockte. Ihre alte Sara beherrschte die wunderbare Kunst der Haltungen und kultivierte die Tragödie mit seltenem Geschick. Es war ihre Methode, sich gegen sie aufzulehnen. Einige Augenblicke später kehrte die Zigeunerin mit einem vor Freude blassen Pierre de Brézé zurück, der, kaum über die Schwelle getreten, sich Cathérine zu Füßen warf, ihre Hände ergriff und sie mit Küssen bedeckte. »Meine süße Dame! Der Wunsch, Euch zu sehen, hat mich verzehrt. Ihr habt es gefühlt und mich gerufen! Wie glücklich ich bin!« Er brannte vor Leidenschaft, von neuem zu allen Verrücktheiten bereit, und Cathérine genoß einen Augenblick das Vergnügen, diesen jungen Löwen, dessen Kraft sich mit Schönheit paarte, so innig unterworfen zu ihren Füßen zu sehen. Welcher Frau würde es nicht schmeicheln, einen solchen Mann zur Liebe zu inspirieren? … Dabei entging ihr keineswegs, daß Sara sich trotz ihrer Bereitschaft, sich zu fügen, die sie beim Hinausgehen hatte erkennen lassen, im Hintergrund des Zimmers im Schatten der Bettvorhänge verborgen hielt, die Hände über dem Bauch gefaltet, fast unsichtbar, aber dennoch anwesend, und das in einer zu allem entschlossenen Haltung, die nichts Gutes ahnen ließ. Es war besser, nicht ihren Zorn zu erregen. »Steht auf, Messire«, sagte sie sanft, »und setzt Euch neben mich auf diese Bank. Ich wollte Euch ohne Zeugen sprechen … zuerst, um Euch zu danken, daß Ihr nach Montsalvy geritten seid, denn Ihr hättet auch einen Reiter des Großen Marstalls schicken können. Das war sehr liebenswürdig von Euch, und ich weiß Euch Dank dafür.« Pierre de Brézé schüttelte den blonden Kopf und lächelte. »Ihr hättet sicher nicht gewollt, daß ich einen Fremden beauftragt hätte, sich mit etwas zu beschäftigen, was Euch so unmittelbar betrifft. Ich wollte, daß Ihr außer dieser Pergamentrolle aus meinem Munde Nachrichten von Eurer Familie empfangt, nach denen Ihr Euch sicherlich gesehnt habt.« Ein glückliches Lächeln öffnete halb die Lippen Cathérines. »Das ist wahr!« sagte sie freundlich. »Erzählt mir von meinem Sohn! Wie geht es ihm?« »Wunderbar! Er ist schön, kräftig, fröhlich … Er spricht schon ganz gut, alle gehorchen ihm … angefangen mit einem rothaarigen Riesen, der sich Gauthier nennt und ihm überallhin folgt! Euer Sohn ist das schönste Kind, das ich je gesehen habe. Er ähnelt Euch!« Aber Cathérine schüttelte den Kopf. »Haltet Euch nicht zu lügen verpflichtet, wie sie Eltern immer zu verlangen scheinen, mein Freund. Michel ist Montsalvy von Kopf bis Fuß!« »Er hat Euren Charme … das ist das Wichtige!« »Um ein wahrer Ritter zu sein, wäre es für ihn besser, wenn er den seines Vaters hätte!« brummte Sara hinter ihren Bettvorhängen. »Hübsches Kompliment für eine Frau, ihr zu sagen, ihr Sohn sei ihr lebendes Ebenbild!« Verdutzt warf Pierre einen Blick zum Bett hinüber. Cathérine lachte – nicht ganz ungezwungen, um die Wahrheit zu sagen. Sie sah das Gewitter heraufziehen. Sara war nicht die Frau, ihre Gefühle für sich zu behalten. »Sara, nörgle hier nicht herum! Messire de Brézé hat mir nur zu Gefallen sein wollen. Komm her!« Die Zigeunerin trat unwillig näher. Sie gab sich sichtlich große Mühe, die Aversion, die sie gegen den jungen Mann hegte, zu verbergen. »Für mich wäre das kein Gefallen! Wie es mir auch nicht gefallen wird, wenn man morgen darüber klatscht, daß Messire de Brézé in diesem Zimmer gewesen ist.« »Ich werde schon wissen, wie ich die bösen Zungen zum Schweigen bringe!« rief der junge Mann. »Ich werde die Urheber zur Zurücknahme ihrer Verleumdungen zwingen, mit dem Degen, wenn's sein muß!« »Von einer Verleumdung bleibt immer etwas zurück! Wenn Ihr Dame Cathérine wirklich liebt, bleibt nicht hier, Messire. Es ist die erste Nacht, die sie in diesem Schloß verbringt, und sie ist Witwe! Ihr hättet gar nicht hierherkommen dürfen!« »Aber Ihr habt mich doch geholt! Und welcher Mann würde auch nur einen Augenblick ein Glück ablehnen, das man ihm anbietet?« fügte er hinzu, Cathérine mit Bewunderung anblickend. »Jedesmal, wenn ich Euch sehe, seid Ihr schöner, Cathérine … Warum weigert Ihr Euch, mich für immer für Euch sorgen zu lassen?« »Weil«, rief Sara, endlich die Geduld verlierend, als sie sah, daß Pierre sich nicht von der Stelle rührte, »meine Herrin erwachsen genug ist, für sich selbst zu sorgen. Außerdem bin ich noch da!« »Sara!« rief Cathérine, rot vor Zorn. »Du gehst zu weit. Ich bitte dich, uns allein zu lassen!« »Und ich lasse es nicht zu, daß du deinen Ruf ruinierst. Wenn dieser Herr so viel von dir hält, wie er behauptet, wird er mich verstehen.« »Du vergißt, daß er uns gerettet hat!« »Wenn es nur geschehen ist, um dich um so tiefer ins Unglück zu stürzen, kann ich ihm nicht dankbar sein!« Pierre de Brézé hatte einen Augenblick geschwankt, was er tun sollte. Er schwankte zwischen der Lust, dieser dicken Frau, in der er nur eine unverschämte Dienerin sah, barsch Schweigen zu gebieten, und der Furcht, Cathérine zu mißfallen. Indes, er zog es vor, die Waffen zu strecken. »Sie hat recht, Cathérine. Es ist besser, wenn ich Euch verlasse, wenn ich auch nicht genau verstehe, wessen sie mich bezichtigt. Ich habe nichts anderes getan, als Euch von ganzem Herzen, mit allem, was ich bin, zu lieben …« »Das ist genau das, was ich Euch vorwerfe«, sagte Sara ernst. »Aber Ihr könnt nicht begreifen! Gute Nacht, Seigneur. Ich werde Euch hinausgeleiten!« Cathérine ergriff die Hand des jungen Mannes. »Verzeiht ihr dieses Übermaß an Ergebenheit, Pierre! Sie wacht ein wenig zu eifersüchtig über mich. Aber Ihr habt mir noch nichts von meiner Schwiegermutter erzählt? Wie geht es ihr?« Brézé runzelte die Stirn. Er antwortete nicht sofort, und sein Zögern fiel Cathérine auf und beunruhigte sie. »Sie ist doch nicht etwa krank? Was ist?« »Nichts, auf Ehre! Gewiß, sie wirkte nicht sehr rüstig, jedoch ihre Gesundheit schien mir gut! Aber welche Schwermut! Es scheint, daß ein inneres Leid an ihrem Herzen nagt … Oh!« beeilte er sich hinzuzufügen, als er sah, daß Cathérines Augen sich mit Tränen füllten. »Das hätte ich nicht sagen sollen. Vielleicht habe ich mich auch getäuscht.« »Nein«, entgegnete Cathérine traurig. »Ihr habt Euch nicht getäuscht. Ein Leid nagt an ihr … und ich kenne dieses Leid. Gute Nacht, Pierre … und vielen Dank! Wir werden uns morgen wiedersehen.« Die Lippen des jungen Mannes preßten sich auf ihre Hände, aber sie blieb kalt unter ihrer Liebkosung. Es war, als wäre die Dame de Montsalvy plötzlich ins Zimmer getreten, als sähe sie ihr Antlitz vor sich, jenen schmerzerfüllten Ausdruck, den es seit dem Tage, an dem Arnaud fortgegangen war, nicht mehr verloren hatte. Sara, die dem Gang der Gedanken auf dem wandelbaren Gesicht Cathérines folgte, zog Brézé mit sich fort. Er ging ohne ein Wort, doch schweren Herzens, suchte noch einen Blick von ihr zu erhaschen, aber ohne Erfolg. Cathérine merkte nicht einmal, daß er gegangen war. Erst als Sara zurückkam, begriff sie, daß er nicht mehr da war, und warf der alten Freundin einen schlafwandlerischen Blick zu. »Ist er gegangen?« Und als Sara nickte, fügte sie bissig hinzu: »Bist du jetzt zufrieden?« »Jawohl, ich bin zufrieden! Vor allem, weil schon der bloße Name Dame Isabelles genügte, um dich abzulenken. Ich flehe dich an, Cathérine, um deinet- und unser aller willen, laß dir durch diesen jungen und verführerischen Burschen nicht den Kopf verdrehen. Glaubst du vielleicht, du könntest dich am Feuer dieser Liebe wärmen? Du wirst daran verbrennen, wenn du nicht aufpaßt …« Aber Cathérine hatte keine Lust, sich zu streiten. Sie zuckte mit den Schultern und lehnte sich ans Fenster, um in die Nacht hinauszublicken. Worte schienen ihr leer und völlig unnütz! Sie hallten in ihrem Kopf wider wie Glockenschläge. Plötzlich hatte sie das Gefühl, Luft und Raum zu brauchen. Der Anblick der zu ihren Füßen friedlich schlummernden Stadt, des sanften blauen Landes, der vom Fluß heraufdringende Ruch nach Wasser und feuchter Erde weckten unversehens eine Art schmerzenden Hungers in ihr, ein Gefühl von Leere und Enttäuschung … Der Triumph des Abends ließ ihr einen bitteren Nachgeschmack zurück. Gewiß, La Trémoille war geschlagen, hart bestraft, und seine Frau nicht minder. Gewiß, die Montsalvys siegten auf der ganzen Linie. Aber wo war ihr, Cathérines, Sieg? Sie war einsamer denn je, und es nützte ihr nichts, daß der König ihr Rang und Vermögen wiedergegeben hatte. In Kürze würde sie in ihre wilde Auvergne zurückreisen, um dort zum Ruhme der Montsalvys zu wirken! Von neuem in der Einsamkeit! An diesem glänzenden, fröhlichen Hofe, wo jeder nur damit beschäftigt schien, den flüchtigen Augenblick zu ergreifen und zu genießen, predigte man ihr Strenge, harte Pflicht. Jung und schön, wurde ihr die Liebe verboten … und das in dem Augenblick, in dem sie ihrer am meisten bedurfte, im Augenblick, in dem der Rachedurst, der sie beseelt und bisher aufrecht gehalten hatte, endlich abgeklungen war. Sich brüsk umdrehend, sah sie Sara ins Gesicht und rief zornig: »Und wenn ich Lust zu leben hätte? Wenn ich Lust hätte zu lieben, nicht mehr eine lebende Leiche zu sein, Gegenstand des Respekts und der Verehrung, sondern bebendes Fleisch, schlagendes Herz, rinnendes Blut! Wenn ich also leben wollte?« Die schwarzen Augen Saras hielten Cathérines Blick wortlos stand, aber das Mitleid darin erregte den Zorn der jungen Frau nur noch mehr. Sie rief: »Also? Was hast du darauf zu antworten?« »Nichts!« entgegnete Sara tonlos. »Niemand wird dich daran hindern, nicht einmal ich!« »Gut, daß ich das höre! Gute Nacht! Laß mich allein! Ich will allein sein, denn das ist alles, was man mir erlaubt!« Zum erstenmal seit langem schlief Sara in dieser Nacht nicht im Zimmer Cathérines, sondern in der benachbarten Kleiderkammer. In den folgenden Tagen wich Pierre de Brézé nicht von Cathérines Seite. Er trug ihr das Gebetbuch, wenn sie zur Kapelle ging, setzte sich bei Tisch neben sie, begleitete sie auf Spaziergängen und plauderte abends in einer Fensternische lange mit ihr, während die Musikanten des Königs spielten und die anderen tanzten. Es wurde vieldeutig gelächelt, wenn sie vorbeigingen, und selbst die Königin Marie hatte zu Cathérine gesagt, die neben ihr an einem Gobelin arbeitete: »Pierre de Brézé ist ein sehr charmanter Junge, nicht wahr, meine Teure?« »Charmant, Madame … Euer Majestät haben völlig recht.« »Er ist auch ein tapferer Mann. Er wird es weit bringen, und ich glaube, daß die, die ihn sich zum Gatten wählt, keine schlechte Wahl treffen wird.« Cathérine war errötet und hatte den Kopf auf ihre Arbeit gesenkt, aber ihre Verlegenheit war nicht von langer Dauer. Es war um sie eine Art Verschwörung. Die Menschen und Dinge schienen sich verschworen zu haben, sie Pierre in die Arme zu treiben und ihnen immer wieder Gelegenheit zu geben, einige Augenblicke allein zu sein. Nur Bernard hätte sich zwischen die beiden jungen Leute stellen können, aber wie durch ein Wunder war der Graf de Pardiac verschwunden. Er hatte sich nach Montrésor zu Jean de Bueil begeben. Was Sara betraf, so wahrte sie bei Cathérine die reservierte Haltung einer gut geschulten Kammerzofe und richtete nur das Wort an sie, wenn unerläßliche Dinge zu besprechen waren. Keine endlosen Plaudereien bei der Toilette mehr, keine Ermahnungen oder Ratschläge! Saras Gesicht war merkwürdig ausdruckslos geworden. Es schien starr, doch manchmal, am Morgen, entdeckte Cathérine in ihm die Spuren von Tränen, die einen Augenblick Gewissensbisse in ihr weckten. Aber das hielt nicht lange an. Pierre erschien wieder mit seinem Lächeln, seinen vor Liebe strahlenden Augen, und die junge Frau schob alles beiseite, was ihr neues Hochgefühl trüben konnte, und wandte sich begierig dieser Quelle der Jugend und Sorglosigkeit zu, die er für sie geworden war. Nachts, in der Stille ihres Zimmers, gestand sie sich ein, daß es ihr immer schwerer fiel, sich gegen das drängende Werben Pierres zu wehren, gegen seine Liebesworte, gegen die Liebkosung seiner Lippen auf ihrer Hand, gegen seine Blicke, die unaufhörlich mehr verlangten. Es war wie ein sacht abschüssiger, glitschiger Grashang, der so üppig mit Blumen bewachsen war, daß man sich gerne gehenließ. Und für das wunde Herz Cathérines hatte diese Sommerliebe die Frische eines wohltuenden Taus, unter dem es von neuem erblühen konnte. Eines Abends, als sie zusammen unter den Bäumen des Obstgartens in der Süße der Nacht, im Schatten der dicken, mit Blattwerk und reifenden Früchten beladenen Äste promenierten, trieben die leidenschaftlichen Worte, die Pierre ihr ins Ohr flüsterte, Cathérine zu einer halben Hingabe. Sie ließ den Kopf auf die Schulter des jungen Mannes sinken, erlaubte ihm, ihre Taille zu umfassen … Sachte drückte er sie an sich, und so standen sie einen langen Augenblick, wagten nicht, sich zu rühren, hörten ihre einander so nahen Herzen schlagen. Cathérine ließ sich von dem köstlichen Gefühl einlullen, endlich in Sicherheit zu sein, beschützt und verteidigt zu werden. Er liebte sie, er gehörte ihr ganz … Mit einem einzigen Wort könnte sie ihn fürs Leben gewinnen, und genau dieses Wort forderte er von ihr … Sie hob den Kopf, um durch die Zweige das bestirnte Firmament zu suchen, aber ein Frösteln überkam sie: Die Lippen des jungen Mannes hatten sich der ihren bemächtigt, zuerst zart, dann mit fordernder Schärfe. Sie spürte, wie er zitterte, und klammerte sich fester an seine breiten, seidenumhüllten Schultern. Obgleich dieser Kuß noch furchtsam war, fühlte Cathérine, daß Pierre sich zwang, sie nicht in seinen Armen zu erdrücken und sie mit sich auf das duftende Gras zu ziehen … An ihrem Ohr hörte sie ihn flehen: »Cathérine, Cathérine! Wann werdet Ihr mein sein? Ihr seht doch, daß ich vor Verlangen sterbe!« »Habt Geduld, mein Freund … Ihr müßt mir noch ein wenig Zeit lassen.« »Warum? Ihr werdet mir gehören, ich fühl's, ich bin dessen sicher! Ihr bebtet eben, als ich Euch umarmte, Cathérine: Wir sind beide jung, beide feurig … warum warten, warum die so schönen Stunden, die die Zeit uns schenkt, vergeuden? Bald muß ich aufbrechen. Viele meiner Kameraden sind schon in den Kampf zurückgekehrt, ich bin fast der einzige, der sich verspätet, und der Engländer hält immer noch die besten Plätze von Maine und der Normandie besetzt. Heiratet mich, Cathérine!« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Pierre … noch nicht! Es ist zu früh …« »Dann gehört mir wenigstens an. Ich werde warten können, bis Ihr mir Eure Hand gebt. Denn Ihr werdet sie mir geben. Ihr werdet meine Frau sein, und ich werde mein ganzes Leben damit hinbringen, Euch anzubeten! Cathérine, laßt mich nicht gehen, ohne die Meine geworden zu sein … Euer Bild, das ich bewahre, dieses Bild unserer ersten Begegnung, es brennt in mir, jedesmal, wenn ich die Augen schließe.« Cathérine spürte, daß sie errötete. Auch sie erinnerte sich an den lärmenden Eintritt Pierres in ihr Zimmer, während sie ihr Bad nahm. Er hatte sie schon ohne Kleider gesehen, und, seltsam, es brachte ihn ihr näher, als hätte er sie schon seit langem gekannt … Sie ließ sich noch widerstandsloser an seine Brust sinken. Er küßte sie wieder auf die Lippen, und sie wehrte sich nicht. Mit der einen Hand preßte er sie an sich, doch die andere, freie, löste sanft die schmalen Silberbänder ihrer Halskrause, um das strenge Dekolleté ihrer Robe zu erweitern und die Süße ihrer Haut zu suchen. Sie ließ ihn gewähren, passiv, schon glücklich, nur auf die Verwirrung achtend, die, sie überflutend, aus den geheimnisvollen Tiefen ihres Fleisches aufstieg. Mit einer schnellen Bewegung entfernte er den Halskragen und entblößte ihre Schultern. Das Kleid öffnete sich über ihren runden Brüsten, die er langsam zu liebkosen begann, um die Lust in diesem so lange ersehnten Körper zu wecken. Er bückte sich, zog sie sanft auf den Boden nieder und streckte sich neben ihr aus … Alle Düfte des Sommers vereinten sich gegen Cathérines Scham, und sie ließ sich im süßen Grase gehen, mit geschlossenen Augen, schon unter den Küssen Pierres bebend, die von ihren Augen zu ihrer Brust hinunterglitten. Er versuchte, den breiten Gürtel ihres Kleides zu lösen, aber seine ungeduldigen, ungeschickten Hände kamen nicht ans Ziel. Leise begann sie zu lachen, richtete sich auf, um ihm zu helfen. Doch ihr Lachen erstarb und wurde zum Entsetzensschrei. Eine männliche Silhouette stand vor ihnen, den gezückten Degen in der Hand. Sie erkannte die Faunsohren wieder, den kurzen Bart Bernard d'Armagnacs … Sie hatte keine Zeit mehr, Pierre zu warnen. Die jähzornige Stimme des Gaskogners grollte: »Steht auf, Pierre de Brézé, und gebt mir Rechenschaft!« »Wofür?« fragte der junge Mann, sich auf ein Knie erhebend. »Cathérine ist nicht Eure Frau, soviel ich weiß, auch nicht Eure Schwester!« »Für die Verletzung der Ehre Arnaud de Montsalvys, meines Waffenbruders, meines ewigen Freundes! In seiner Abwesenheit kommt es mir zu, über sein Gut zu wachen.« »Das Gut eines Toten?« entgegnete Brézé verächtlich. »Cathérine ist frei, sie wird meine Frau. Laßt uns in Frieden!« Cathérine ahnte die Spannung, die dem Gaskogner das Herz zusammenschnürte und ihn hinderte, alles zu sagen, die Wahrheit hinauszuschreien. Sie hatte Angst, flehte: »Bernard, um Himmels willen!« Es lag noch ein leichtes Zögern in der trockenen Stimme des Grafen, aber er sagte mit einer gewissen Überdrüssigkeit: »Ihr wißt nicht, was Ihr sagt! Schlagt Euch, wenn Ihr nicht wollt, daß ich Euch der Feigheit bezichtige!« »Bernard!« wiederholte Cathérine erschrocken. »Ihr habt nicht das Recht … Ich verbiete es Euch!« Sie klammerte sich an Pierres Hals, sich ihrer halben Nacktheit nicht bewußt, im voraus schon bei dem Gedanken wahnsinnig, daß Blut fließen würde. Aber er schob sie fest beiseite. »Laßt mich, Cathérine! Dies betrifft Euch nicht mehr! Ich bin beleidigt worden …« »Noch nicht! Und ich verbiete Euch, Euch zu schlagen! Bernard kann Euch nichts anhaben. Ich bin frei, mich Euch zu geben, wie es mir gut erscheint.« »Ich wünschte«, knurrte Bernard wütend, »La Hire oder Xaintrailles könnten Euch sehen, halbnackt wie eine Dirne, am Hals des Mannes hängend, um dessen Leben Ihr zittert! Sie würden Euch auf der Stelle erwürgen! Mir wart Ihr lieber auf dem Scheiterhaufen in Montsalvy!« »Für diese Beleidigung, Pardiac, werde ich dich töten!« brüllte Pierre in höchstem Zorn. Er griff nach seinem Degen im Gras. »Verteidige dich!« Der erste Zusammenprall der Waffen ließ die Funken sprühen. Zitternd und krank vor Scham, hatte Cathérine sich unter einen Baum zurückgezogen und brachte mechanisch ihre aufgelöste Kleidung wieder in Ordnung. Sie haßte sich in diesem Augenblick, war verwirrt und schämte sich bei dem Gedanken, was Bernard mit angesehen hatte … Der Zweikampf war erbittert. Die beiden Männer schienen sich an Können gleichwertig zu sein. Pierre de Brézé hatte den Vorteil seines größeren Wuchses, seiner zweifellos überlegenen Kräfte, doch Bernard machte diesen Vorteil durch seine erstaunliche Wendigkeit wett. Er stieß vor und wich zurück mit der Schnelligkeit einer Schlange. Der schwere Degen schien die Verlängerung seines mageren Körpers zu sein. Der keuchende Atem der Kämpfenden erfüllte die Nacht … An den rauhen Baumstamm gelehnt, versuchte Cathérine, die unregelmäßigen Schläge ihres Herzens zu beruhigen. Wenn Pierre fiele, würde sie es sich nie verzeihen, und für Bernard traf das gleiche zu. Sie würde sich nie von dem Eindruck lösen können, durch ihn Arnaud getroffen zu haben. Auf jeden Fall, wenn der eine oder andere stürbe, wäre sie entehrt, würde vom Hof gejagt werden. Das ganze Gewicht ihres Fehltritts würde auf ihren Sohn zurückfallen. Die Zukunft Michels wäre durch das Benehmen seiner Mutter ruiniert. Sie rang die Hände, unterdrückte ein Schluchzen. »Habt Erbarmen, Herr!« flehte sie. »Tut etwas, um diesem Kampf Einhalt zu gebieten!« Aber nichts kam vom stummen Schloß herunter, das zu dieser späten Stunde kaum erleuchtet war, obwohl das Klirren der breiten Klingen die Nacht zu erfüllen schien. Es klang in Cathérines verwirrten Ohren wie das Läuten einer Glocke. Mußte solcher Lärm nicht Neugierige anlocken, und sei es auch nur die Wachrunde? Und plötzlich erklang ein schwacher Schrei, den Cathérine wiederholte. An der Schulter getroffen, glitt Pierre ins Gras. Bernard trat zurück und senkte den Degen. Sofort stürzte Cathérine sich auf den Verwundeten. Er hatte die Hand auf die Wunde gedrückt. Blut rann schon an ihr herunter, und sein schönes Gesicht war vor Schmerz verzerrt. »Ihr habt ihn getötet!« stammelte die junge Frau verzweifelt. »Er wird sterben!« Doch Pierre hob sich auf einen Ellbogen und versuchte zu lächeln. »Nein, Cathérine! … Er hat mich nicht getötet! Geht ins Schloß zurück, schnell, und sprecht zu niemand darüber.« »Ich lasse Euch nicht allein.« »Doch, doch! Ich habe nichts zu fürchten … Er wird mir behilflich sein«, fügte er hinzu, indem er eine Kopfbewegung zu seinem Gegner machte. »Warum sollte er Euch behilflich sein, da er doch nur Euren Tod wünscht?« Im Dunkel blitzten die Wolfszähne des Gaskogners. Kalt wischte er seinen Degen ab und schob ihn in die Scheide. »Ihr kennt die Männer wahrlich schlecht, meine Teure! Wollt Ihr andeuten, daß ich ihn umbringen könnte? Haltet Ihr mich für einen Schlächter? Euer Geliebter hat die Lektion bekommen, die er verdiente, ich hoffe, daß er es sich gesagt sein läßt, und das ist alles! Geht zurück und schweigt. Ich werde mich um ihn kümmern.« Er beugte sich schon hinab, um dem Verwundeten aufzuhelfen. Aber Pierre hielt ihn mit einer Bewegung zurück. »In diesem Fall weigere ich mich! Niemals werde ich auf sie verzichten, Sire Bernard! Dann müßt Ihr mich töten!« »Gut, gut, ich werde Euch später töten … wenn Ihr wiederhergestellt seid«, entgegnete Bernard ruhig. »Kehrt endlich ins Schloß zurück, Dame Cathérine«, fügte er trocken hinzu, »und laßt mich nur machen! Ich wünsche Euch eine gute Nacht.« Von der herrischen Stimme gebändigt, entfernte sie sich langsam, verließ den von Mauern umschlossenen Obstgarten, durchschritt das hohe, noch offene Portal, durch das sie in den Schloßhof gelangte, ohne genau zu wissen, wohin sie ging. Sie brannte vor Scham und Demütigung. Nur ihr Instinkt leitete sie, doch als sie ihr Gemach erreichte, traf sie Sara auf der Türschwelle an. Ihre Scham wandelte sich angesichts der Zigeunerin in Zorn. Sie warf ihr einen wütenden Blick zu. »Wer hat Bernard in den Obstgarten geschickt? Du?« Sara zuckte mit den Schultern. »Bist du verrückt? Ich wußte nicht einmal, daß er zurückgekehrt ist! … Dieser Brézé hat dir entschieden den Kopf verdreht! Du faselst, auf mein Wort!« »Erspare dir deine Bemerkungen. Ja, man hat heute abend versucht, ihn mir zu töten. Bernard hat sich mit ihm geschlagen … Er hat ihn verwundet! Aber ihr verliert eure Zeit, alle, wie ihr da seid, weil ihr uns nicht trennen werdet! Ich liebe ihn, verstehst du? Ich liebe ihn und werde ihm angehören, wann es mir paßt! Und je früher, desto besser!« »Das ist genau meine Meinung!« warf Sara kalt ein. »Du führst dich auf wie ein läufiges Tier! Du brauchst einen Mann, du hast den da gefunden. Behalte ihn! Was deine Liebe für ihn betrifft, so glaube ich gar nichts! Du spielst dir selbst eine Komödie vor, Cathérine, und du weißt genau, daß du lügst!« Sich auf dem Absatz umwendend, kehrte Sara in ihre kleine Kammer zurück und schloß vernehmlich die Tür hinter sich zu. Durch die Heftigkeit ihres Abgangs verblüfft, blickte Cathérine wie stumpfsinnig auf die geschlossene Tür. Irgend etwas schnürte ihr die Kehle zu. Sie verspürte Lust, sich auf diese stumme Pforte zu stürzen, mit den Fäusten daran zu rütteln, um Sara wieder herauszuholen … Sie verspürte eine kindliche Lust zu weinen, einen Augenblick wieder in den Armen ihrer alten Freundin sichere Zuflucht zu suchen. Dieser Zwist, der sie trennte, kam sie schwerer an, als sie es sich eingestehen wollte. Sie hatte sich durch Hochmut verteidigt, und nun schien dieser Hochmut plötzlich sehr zerbrechlich! Zu viele Jahre gegenseitiger Zuneigung, zu viele gemeinsam erlittene Prüfungen, zuviel echte Zärtlichkeit verbanden sie! Sara hatte allmählich den Platz ihrer Mutter eingenommen, und Cathérine hatte das Gefühl, als sei ihr ein Glied amputiert worden. Sie näherte sich unschlüssig der Tür, hob die Hand, um anzuklopfen. Kein Geräusch war von der anderen Seite zu hören … Doch vor ihrem inneren Auge sah sie wieder den verwundeten Pierre, in der Erinnerung hörte sie seine Stimme, die von Liebe sprach … Wenn sie Sara gewähren ließ, würde die Zigeunerin Mittel und Wege finden, sie von dem jungen Mann zu trennen, und Cathérine wollte dieses zerbrechliche Glück, das sie nicht mehr erwartet hatte, noch nicht verlieren … Langsam glitt ihre Hand an ihrem Kleid herunter. Morgen würde sie Pierre auf seinem Krankenlager besuchen, würde ihn selbst pflegen, und was bedeutete es schon, sollte man in ihrer Haltung das Vorzeichen einer kommenden Verbindung sehen! Schließlich, wer könnte sie eigentlich hindern, Dame de Brézé zu werden? Pierre würde sie darum anflehen, und sie würde am Ende noch Lust dazu haben, und sei es auch nur, um in ihrem Leben etwas Endgültiges, nicht mehr zu Änderndes zu tun. In ihre Dickköpfigkeit verrannt, ging sie zu ihrem Bett zurück und ließ sich darauf fallen. Der letzte Blick, den sie auf die verschlossene Tür warf, war ein Blick des Trotzes und der Herausforderung. Dreizehntes Kapitel Der Nachmittag war schon weit vorgeschritten, als Cathérine ihr Zimmer verließ und zum Vieleckturm ging, wo Pierre de Brézé wohnte. Sie hatte eine Migräne vorgetäuscht, um Königin Marie und die anderen nicht in den Obstgarten begleiten zu müssen, wo man einige Stunden die Lieder eines Minnesängers anhören und die Sonne genießen wollte … Die Sache mit der Migräne war nicht einmal eine Notlüge. Seit dem Morgen preßte ein Eisenring sich um Cathérines Schläfen. Sie hatte entsetzlich schlecht geschlafen, und das Erwachen, spät am Morgen, war höchst unerfreulich gewesen. Sie hatte so oft nach Sara rufen können, wie sie nur wollte – niemand hatte geantwortet. Und als sie sich, beunruhigt, ohne es sich eingestehen zu wollen, endlich entschlossen hatte, die am Abend zuvor so fest verschlossene Tür zu öffnen, hatte sie die kleine Kleiderkammer leer vorgefunden. Niemand war da, nur auf einer Truhe lag, deutlich sichtbar, ein Stück Pergament. Sie hatte es kaum mit den Fingerspitzen zu berühren gewagt, weil sie sich vor der Botschaft fürchtete, deren Inhalt sie schon erriet. Die wenigen, von Sara in großen, ungelenken Buchstaben hingekritzelten Worte hatten sie kaum überrascht: »Ich kehre nach Montsalvy zurück … Du brauchst mich nicht mehr …« Der Schmerz, der sie durchzuckt hatte, war so grausam gewesen, daß sie sich mit geschlossenen Augen an die Wand hatte lehnen müssen, um sich zu beruhigen. Aber unter den geschlossenen Lidern waren Tränen hervorgequollen, brennend heiß, drängend … Wie einsam sie sich plötzlich fühlte, wie verlassen … fast mißachtet! Gestern hatte sie den giftigen, von Geringschätzung geladenen Blick des Grafen de Pardiac ertragen müssen. Und nun, an diesem Morgen, war Sara geflohen, als ob mit einem einzigen Schlag das Band, das sie aneinanderkettete, durchschnitten worden wäre … Dieses Band, das seine Wurzeln, wie Cathérine jetzt begriff, tief in ihrem Herzen hatte. Mit diesem Bruch war ein Stück von ihr abgetrennt worden … ein Stück, das sehr wohl die Achtung vor sich selbst sein konnte! Ihre erste Reaktion war es gewesen, aus dem Zimmer zu stürzen. Sie wollte Sara verfolgen und, wenn nötig, mit Gewalt zurückbringen lassen. Sie mußte am frühen Morgen geflohen sein, bei Öffnung der Schloßportale, konnte also noch keine große Wegstrecke hinter sich gebracht haben. Doch dann besann sich Cathérine. Die Soldaten des Königs einer solchen Frau auf die Spur hetzen wie einem Verbrecher? Das konnte sie ihr nicht antun. Saras Stolz würde es ihr nie verzeihen, und nichts würde sich zwischen ihnen wieder einrenken. Die einzige Lösung war, sich selbst nach ihr auf die Suche zu machen … Sie war dazu entschlossen. Warum hatte nur in dem Augenblick, als sie sich eben fertig angezogen hatte, ein Page an ihre Tür klopfen müssen, der, das Knie beugend, ihr eine neue Botschaft überbrachte … eine Botschaft diesmal von Pierre? »Wenn Ihr mich ein wenig liebt, meine Vielgeliebte, dann kommt … kommt mich heute nachmittag besuchen. Ich werde alle wegschicken … Aber kommt! Mein Fieber nach Euch verzehrt mich mehr, als meine Wunde schmerzt. Ich erwarte Euch … Schlagt mir die Bitte nicht ab!« Die Worte entflammten ihre Augen wie am Abend zuvor der Atem des jungen Mannes ihre Lippen. Ein heftiges Verlangen überkam sie, sofort zu ihm zu eilen und in seinen Armen zu weinen. Sie unterdrückte es, aber der Zauber des Briefchens hatte gewirkt. Cathérine hatte nicht mehr den Wunsch, Sara schleunigst nachzujagen, und bot alle möglichen Vernunftgründe zu ihrer Entschuldigung auf … Nach allem floh ihre alte Freundin nicht ans Ende der Welt, wo sie sie niemals wiederfinden würde. Ihr Ziel war lediglich Montsalvy … Ihre Verstimmung würde sich eines Tages schon wieder einrenken. Und wenn sie Sara nachliefe, würde sich die Gute natürlicherweise sehr wichtig vorkommen, während sie selbst sich unnötig kleiner machte. Dasselbe Gefühl, das sie abends zuvor daran gehindert hatte, an die Tür zu klopfen, hielt sie jetzt zurück, ein Pferd satteln zu lassen. Um die Wahrheit zu sagen, vermied es Cathérine, sich allzu genau zu prüfen. Unbewußt war sie keineswegs stolz auf sich, aber je mehr ihre wahre Natur protestierte, desto mehr versteifte sie sich in ihre Auflehnung. Das Lächeln Pierres hatte ihr eine Binde vor die Augen gelegt. Er repräsentierte etwas, wovon sie glaubte, daß es ihr nie mehr widerfahren könnte: Liebe, Genuß, das süße Gefühl, sich anbeten zu lassen, in einer Welt ohne Leiden angenehm zu leben, kurz und gut, alles, was zum Erbe der frühen Jugend gehörte. Sie war wie die vom glitzernden Spiegel faszinierte Lerche. Ihre Augen wollten, konnten nichts anderes mehr sehen … Auf der Schwelle des Turms, in dem Brézé logierte, erwartete sie derselbe Page wie am Morgen, um sie zu seinem Herrn zu führen. Er grüßte sie mit einer tiefen Verbeugung und entledigte sich dann schweigend seines Auftrags. Eine Tür öffnete sich unter seiner Hand, und Cathérine fand sich ein wenig geblendet in einem von den Strahlen der untergehenden Sonne durchfluteten Zimmer, in dem Pierre auf seinem Bett ausgestreckt lag. »Endlich!« rief er, ihr beide Hände entgegenstreckend, während der Page sich diskret zurückzog und die junge Frau aufs Bett zutrat. »Ich habe schon Stunden auf Euch gewartet!« »Ich zögerte zu kommen«, murmelte sie, bestürzt, ihn im Bett zu finden. Noch nie war er ihr schöner, anziehender vorgekommen als in diesem Augenblick. Sein kräftiger nackter Oberkörper hob sich von der Steppdecke und den Kopfkissen aus roter Seide ab. Ein Verband lag um seine linke Schulter, aber er schien nicht übermäßig zu leiden. Sein Gesicht war vielleicht ein wenig blaß, doch seine Augen strahlten. Und wenn das Fieber zweifellos seinen Anteil an der ungewöhnlichen Wärme seiner Hände hatte, die Cathérines Hände hielten, so war es sicherlich nicht die einzige Ursache. »Ihr zögertet?« fragte er vorwurfsvoll und versuchte, sie zu sich zu ziehen. »Warum?« Sie widerstand, plötzlich gehemmt. Das Ungewöhnliche ihrer Anwesenheit im Gemach eines Mannes wurde ihr auf einmal bewußt. »Weil ich gar nicht hiersein dürfte. Bedenkt, was man sagen würde, wenn man mich hier überraschte! Nach allem, was gestern geschehen ist …« »Nichts ist gestern geschehen. Ich bin eine Treppe hinuntergefallen und habe mir dabei die Schulter aufgeschlagen. Ich habe ein wenig Fieber und bin deshalb auf meinem Zimmer geblieben. Was gibt es Normaleres? Ihr habt mich besucht, barmherzig wie ein Engel, um Euch nach meinem Befinden zu erkundigen. Was gibt es Natürlicheres?« »Und … Bernard?« »Ist mit dem König seit heute morgen auf der Wildschweinjagd, wie Ihr zweifellos wißt. Und glaubt Ihr vielleicht, ich lasse mich durch ihn einschüchtern? Setzt Euch neben mich, Ihr seid zu weit weg … Und nehmt vor allem diesen Schleier ab, der Euer entzückendes Gesicht verbirgt.« Sie gehorchte ihm lächelnd, gerührt über dieses Verlangen eines verwöhnten Kindes, das so sehr von seiner stolz zur Schau getragenen Männlichkeit abstach. »Da«, sagte sie. »Aber ich bleibe nur einen Augenblick. Der König wird bald zurückkehren und Bernard mit ihm.« »Ich möchte seinen Namen nicht mehr hören, Cathérine!« rief der junge Mann, rot vor Zorn. »Ihr seid wieder frei, und er hat nichts zwischen uns zu suchen. Er hat Euch unwürdig behandelt. Er wird mir noch Rechenschaft geben müssen! … Süße Freundin«, fügte er zärtlich hinzu, als er sah, wie Cathérines Gesicht sich verfinsterte, »gebt mir das Recht, über Euch zu wachen.« »Aber … ich hindere Euch ja nicht!« entgegnete Cathérine seufzend. »Wacht über mich, mein Freund … Ich habe es dringend nötig!« »Und ich ersehne es mit aller Kraft! Ihr habt noch nicht begriffen, wie sehr ich Euch liebe, Cathérine, sonst hättet Ihr mir schon Euer Jawort gegeben.« Während er sprach, zog er sie unmerklich an sich und drückte ganz zart seine Lippen auf ihre gesenkten Lider. Seine Stimme klang einschläfernd, fast schnurrend. »Warum warten? Seit Eurer Wiederaufnahme in Gnaden gibt es hier niemand, der nicht erwartet, daß wir unsere Verlobung bekanntgeben. Selbst der König …« »Der König ist sehr gut. Aber ich könnte nicht, so bald …« »So bald? Viele Frauen heiraten kaum einen Monat nach dem Tod ihres Gatten wieder. So könnt ihr nicht bleiben, allein der Welt gegenüber, vergebens schön. Ihr braucht einen Degen, einen Verteidiger und einen Vater für Euer Kind.« Seine Lippen glitten in kleinen schnellen Küssen zu denen der jungen Frau hinunter. Er riß sie leidenschaftlich an sich, und sie schloß unter seinem Kuß die Augen, eingehüllt von einem köstlichen Wohlbefinden. All ihre Traurigkeit war verflogen. »Sagt, was Ihr gern wollt, meine Liebe«, bat er zärtlich. »Laßt mich Euch zu der Meinen machen und allen die Stirn bieten! Sagt ja, Cathérine, meine Kleine …« Das zärtliche Wort durchbrach den Zauberkreis, in dem Cathérine sich glücklich hatte gehenlassen. Meine Kleine! So hatte Arnaud sie genannt … und mit welcher Liebe! Sie glaubte noch, die Stimme ihres Gatten zu hören, wenn er ihr diese Worte ins Ohr flüsterte. Cathérine, meine Kleine! Niemand konnte es sagen wie er … Mit plötzlich feuchten Augen, aber trockenen Lippen stammelte sie. »Nein, es ist unmöglich!« Sie riß sich von ihm los, zwang ihn, seine Arme von ihr zu lösen, die sie einen Augenblick zuvor so fest gedrückt hatten. Er klagte mit einem Anflug von Gereiztheit: »Aber warum unmöglich? Warum nicht? Es würde niemand überraschen, das habe ich Euch schon gesagt! Nicht einmal Eure Familie! Selbst die Dame de Montsalvy erwartet, daß Ihr meine Frau werdet. Sie versteht, daß Ihr nicht allein bleiben könnt …« Brüsk war Cathérine auf gestanden! Blaß bis zu den Lippen, starrte sie Pierre mit ebenso ungläubigen wie entsetzten Augen an. »Was habt Ihr da gesagt? Habe ich richtig gehört?« Er begann zu lachen, streckte ihr von neuem die Hände entgegen: »Wie außer Euch Ihr seid! Mein Herz, Ihr macht aus einer ganz natürlichen Sache ein Problem und …« »Wiederholt, was Ihr gesagt habt!« sagte Cathérine hart und bestimmt. »Was hat meine Schwiegermutter mit alldem zu tun?« Pierre antwortete nicht sofort. Das Lächeln war von seinen Lippen geschwunden, und er runzelte leicht die Stirn. »Ich habe nichts Besonderes gesagt! Aber was für einen Ton Ihr anschlagt, meine Teure!« »Laßt den Ton, und um der Liebe Gottes willen antwortet mir. Was hat das mit der Dame de Montsalvy zu tun?« »Eine Kleinigkeit nur! Ich habe Euch lediglich gesagt, sie erwartet, daß Ihr meine Frau werdet. Anläßlich meiner Reise da hinunter habe ich ihr die große Liebe gestanden, die ich für Euch empfinde, habe ihr gesagt, daß es mein glühender Wunsch sei, Euch zu heiraten, und daß ich fest glaube, den Sieg bei Euch davonzutragen. Das war normal … Ich fürchtete so sehr, sie wolle Euch zwingen, in der Erinnerung und in dieser alten Auvergne zu leben. Aber sie hat mich sehr gut verstanden …« »Sie hat verstanden«, wiederholte Cathérine schmerzlich. »Aber was dachtet Ihr Euch eigentlich, als Ihr es wagtet, ihr das zu sagen? Wer hat Euch erlaubt, so etwas anzukündigen?« Das aufgelöste Gesicht der jungen Frau beeindruckte Pierre. In dem instinktiven Gefühl, sich gegen eine unvorhergesehene Gefahr verteidigen zu müssen, hüllte er sich in die Steppdecke und schwang sich auf den Bettrand. Cathérine hatte sich auf eine Fußbank sinken lassen, die Augen voll zurückgehaltener Tränen, die Finger kalt und zitternd. Sie wiederholte: »Warum … warum habt Ihr das getan? Ihr hattet nicht das Recht dazu!« Er kniete vor ihr nieder, nahm ihre kalten Hände in die seinen. »Cathérine«, flüsterte er, »ich verstehe Eure Betrübnis nicht. Ich gebe zu, ich war etwas zu voreilig, aber ich wollte wissen, ob Ihr keine Hindernisse haben würdet im Falle, daß Ihr einwilligtet, mich zu heiraten. Und dann, etwas früher, etwas später …« Er war wirklich untröstlich, sie spürte es und hatte fürs erste nicht den Mut, ihm böse zu sein. Jäh aus dem Traumzustand gerissen, in dem sie seit Wochen gelebt hatte, machte sie sich nur selbst Vorwürfe … Aber sie blickte ihn mit bekümmerten Augen an: »Und was hat meine Schwiegermutter darauf gesagt?« »Sie hoffe, wir würden sehr glücklich sein und daß ich Euch den Rang und das Leben werde geben können, das Euch gebührt.« »Das hat sie zu Euch gesagt?« entgegnete Cathérine mit erstickter Stimme. »Aber ja … Ihr seht also, daß Ihr Euch um nichts Kummer macht!« Cathérine schob die Hände zurück, die sie halten wollten, und stand auf. Sie stieß ein trockenes Lachen aus. »Um nichts? … Hört mir genau zu, Pierre: Ihr habt kein Recht gehabt, das zu sagen, weil ich Euch nie heiraten werde! Ihr habt dieser edlen Dame grundlos Leid zugefügt.« Mit einem Sprung stand er auf. Diesmal war er wütend und packte sie an den Schultern. »Laßt diesen schlafwandlerischen Ton! Seht mich an! Was Ihr sagt, ist dumm! Ich habe ihr kein Leid angetan, und Ihr habt kein Recht, uns beide deswegen zu bestrafen. Das ist Überheblichkeit von Euch, Cathérine! In Wahrheit fürchtet Ihr, falsch beurteilt zu werden! Aber Ihr habt unrecht: Ihr seid frei, das habe ich Euch schon hundertmal gesagt. Euer Gatte ist tot.« »Nein!« sagte Cathérine leidenschaftlich. Jetzt war es an Pierre, unter dem Schock zusammenzuzucken. Seine Hände fielen kraftlos herunter, während er die junge Frau vor ihm mit zusammengepreßten Zähnen und geballten Fäusten ansah. »Nein? Was wollt Ihr damit sagen?« »Nichts anderes als das, was ich sage. Wenn mein Gatte auch nach dem menschlichen Gesetz für alle Menschen dieser Welt tot ist, ist er es nicht in Gottes Augen.« »Ich verstehe nicht … Erklärt Euch!« Wieder einmal erzählte sie die traurige Geschichte, gestand die fürchterliche Wahrheit ein, aber je weiter sie sprach, desto mehr empfand sie eine Art von Befreiung. Es war, als streifte sie den Rausch der letzten Zeit von sich ab, den gleichermaßen romantischen wie sinnlichen Reiz, der sie für wenige Augenblicke in die Arme dieses Jungen getrieben hatte. Indem sie die lebende Wirklichkeit Arnauds bestätigte, wurde sie sich auch wieder ihrer Liebe zu ihm bewußt. Sie hatte geglaubt, sich von ihm abwenden, ihn vergessen zu können, aber nun stellte er sich von neuem, unglaublich gegenwärtig, zwischen sie und den Mann, den zu lieben sie sich eingebildet hatte. Als alles gesagt war, bohrte sie ihren veilchenblauen Blick in den Pierres. »Das ist es! Jetzt wißt Ihr alles … Ihr wißt außerdem, daß Ihr einen großen Fehler begangen habt, als Ihr zu dieser armen Frau von Heirat spracht … aber daran bin ich ganz allein schuld. Ich hätte Euch nicht die geringsten Hoffnungen machen dürfen!« Er wandte sich ab, zog mechanisch die rote Decke um die Lenden zusammen, die ihm wie zum Hohn hinunterzugleiten drohte, was ihm etwas Rührendes gab. Plötzlich schien er um zehn Jahre gealtert zu sein. »Es ist mir zu spät klargeworden, Cathérine, und ich bedaure es … Das ist eine abscheuliche Geschichte! Aber ich wage, Euch zu sagen, daß dies nichts an meinem Entschluß ändert, Euch früher oder später zu heiraten … Meine Kleine … Ich werde so lange, wie es sein muß, auf Euch warten!« »Meine Kleine!« murmelte sie. »So hat er mich genannt … Und er hat es so gut gesagt!« Er richtete sich trotzig auf bei diesem Vergleich, der ihm zu seinem Nachteil auszufallen schien. »Ich sage es von ganzem Herzen, Cathérine«, erklärte er in beleidigtem Ton. »Wacht auf! Ihr habt entsetzlich gelitten, aber Ihr seid jung und lebenslustig. Ihr habt Euren Gatten geliebt, wie man nur lieben kann. Aber Ihr könnt nichts mehr für ihn tun … und Ihr liebt mich!« Worauf Cathérine zum zweitenmal mit derselben Bestimmtheit antwortete: »Nein!« Und als er mit verzerrtem Gesicht und einem leisen Zornesfunkeln in den Augen einen Schritt zurücktrat, wiederholte sie: »Nein, Pierre, ich liebte Euch nicht wirklich … Ich habe es einen Augenblick geglaubt, ich gebe es zu, und noch vor einer Stunde glaubte ich's. Aber ohne es zu wollen, habt Ihr mir die Augen geöffnet. Ich habe geglaubt, Euch lieben zu können, ich täuschte mich … Niemals werde ich einen anderen Mann lieben als ihn!« »Cathérine!« murmelte er schmerzlich. »Ihr könnt mich nicht verstehen, Pierre. Ich habe immer nur ihn geliebt, nur für ihn und durch ihn geatmet … Ich bin Fleisch von seinem Fleisch, und was immer ihm zustoßen wird, wie sehr die verfluchte Krankheit ihn auch verwüsten mag, er wird für mich stets der Unvergleichliche bleiben … der einzige Mann auf der Welt! Meine alte Sara, die mich heute morgen Euretwegen verlassen hat, hatte sich nicht getäuscht. Ich gehöre Arnaud, ihm allein … Solange noch ein Atemzug in mir lebt, wird es so sein.« Es folgte Stille. Pierre hatte sich von ihr entfernt und trat ans Fenster. Die Sonne ging jetzt unter, das goldene Licht wurde allmählich violett. Von jenseits des Flusses erklang ein Jagdhorn, dann ein zweites, denen das Gebell einer Meute antwortete. »Der König!« sagte Pierre mechanisch. »Er kommt zurück …« Seine Stimme hatte einen brüchigen Klang, der Cathérine zusammenfahren ließ. Sie wandte sich ihm zu. Er sah sie nicht an … Aufrecht vor dem Fenster stehend, gegen dessen Helligkeit sich seine kräftige Gestalt scharf umrissen abhob, rührte er sich nicht. Den Kopf gesenkt, schien er nachzudenken, doch plötzlich sah Cathérine seine Schultern beben. Sie begriff, daß er weinte. Tiefes Mitleid bemächtigte sich ihrer. Zögernd näherte sie sich ihm und hob die Hand, um sie dem jungen Mann auf die Schulter zu legen, wagte es aber nicht. »Pierre«, murmelte sie, »ich möchte Euch keinen Schmerz zufügen.« »Ihr könnt nichts dafür!« erwiderte er hart. Wieder breitete sich Stille über sie, dann, immer noch ohne sich umzuwenden, fragte er: »Was werdet Ihr tun?« »Nach Hause reisen!« antwortete sie ohne Zögern. »Nach Hause und ihnen allen sagen, daß ich mich nicht geändert habe, daß ich immer noch ›seine‹ Frau bin …« »Und dann?« fragte er bitter. »Werdet Ihr Euch in Eure Berge einschließen, um auf den Tod zu warten?« »Nein … Dann werde ich Arnaud aus dieser grauenhaften Leprastation herausholen, in die ich ihn habe gehen lassen müssen, werde ihn an einen zurückgezogenen, ruhigen Ort bringen und bei ihm bleiben, bis …« Ein kalter Schauer schüttelte Brézé. Er drehte sich brüsk um und zeigte der jungen Frau sein verwüstetes Gesicht: »Das könnt Ihr nicht tun! … Ihr habt einen Sohn, Ihr habt nicht das Recht, Selbstmord zu begehen, besonders nicht auf diese entsetzliche Art!« »Das Leben ohne ihn ist Selbstmord … Ich habe meine Aufgabe hier erfüllt. Die Montsalvys haben sich wieder den Platz erobert, den sie nie hätten verlieren dürfen. La Trémoille ist geschlagen … Jetzt kann ich an mich denken … an ihn!« Lautlos ging sie zur Tür und öffnete sie. Draußen wartete der Page, doch auf der Schwelle drehte sie sich um. Immer noch vor dem Fenster stehend, hob Pierre noch einmal die Arme, als wolle er sie halten. »Cathérine«, flehte er. »Kommt zu mir zurück!« Aber sie schüttelte den Kopf und lächelte ihm mit einer Art Zärtlichkeit zu. »Nein, Pierre … Vergeßt mich! Es ist besser so.« Und als fürchte sie trotz allem, sich durch diese Stimme, die sie so gefährlich aufzuwühlen vermochte, noch einmal erweichen zu lassen, wandte sie sich auf den Fersen um und lief eilends die Treppe hinunter. Als sie auf den Hof hinaustrat, kamen die Jäger eben mit schmetterndem Hörnerklang durchs Torgewölbe geritten. Mitten unter ihnen gewahrte sie den König und neben ihm die sehnige, schmale Gestalt Bernard d'Armagnacs. Er lachte. Mit einem Schlage wimmelte der weite Platz von heißem, pittoreskem Leben. Einige Damen liefen herzu, andere lehnten sich aus den Fenstern und wechselten Scherze mit den Jägern. Rufe ertönten, Gelächter erscholl. Doch diesmal hatte Cathérine kein Verlangen, sich unter sie zu mischen. Arnaud hatte sie wiedergewonnen. Zwischen ihr und diesen Leuten hatte sich eine Kluft aufgetan, zu tief, als daß sie sie überschreiten konnte. Eine einzige Hand hätte sie in diese Welt zurückführen können, von der sie sich schon gelöst fühlte. Und diese Hand hatte weder das Recht noch die Möglichkeit dazu. Aber im Grunde war dies ohne Bedeutung! Sie mußte dorthin, wo ihr Schicksal lag, und sie hatte jetzt Eile, zu den Ihren zurückzukehren. Am nächsten Morgen verabschiedete sie sich vom König, nachdem sie nicht ohne Mühe von der Königin Maria die Erlaubnis zum Aufbruch erhalten hatte, da diese ihre Eile, den Hof zu verlassen, nicht begriff. »Ihr seid eben erst angekommen, meine Teure!« sagte sie zu ihr. »Seid Ihr unserer schon überdrüssig?« »Nein, Madame … aber ich sehne mich nach meinem Sohn, und ich gehöre nach Montsalvy.« »Gut, dann geht! Aber kommt zurück, sobald es Euch mit dem Kind möglich sein wird. Ihr gehört zu meinen Ehrendamen, und der Dauphin wird bald Pagen brauchen.« Karl VII. sagte ungefähr dasselbe zu der jungen Frau, fügte aber hinzu: »So hübsche Frauen wie Ihr sind selten, und jetzt wollt Ihr abreisen? Was gibt es denn so Anziehendes in dieser Auvergne, daß Ihr den sehnlichen Wunsch habt, dorthin zurückzukehren?« »Es ist ein bewundernswertes Land, Sire, und Ihr würdet es lieben. Und was die Frage betrifft, was mich dahin zieht, so bitte ich Euer Majestät um Verzeihung, wenn ich sage, daß es vor allem mein Sohn und sodann die Ruinen sind …!« Eine Falte furchte die Stirn des Königs, aber er glättete sie sofort mit einem Lächeln. »Und Ihr fühlt die Seele eines Baumeisters in Euch? Ausgezeichnet, Dame Cathérine! Ich sehe es gern, wenn eine Frau Entschlossenheit und Energie mit soviel Schönheit verbindet. Aber … was wird bei alldem aus meinem Freund Pierre de Brézé? Plant Ihr, ihn mitzunehmen? Ich muß Euch nämlich sagen, daß ich ihn hier sehr brauche.« Cathérine wurde steif, senkte jedoch die Augen, um die Erregung, die sich ihrer bemächtigte, zu verbergen. Sie war ja kaum von dem für einen Augenblick geträumten Traum geheilt. Der Name Pierres verursachte ihr noch immer Schmerz. »Ich nehme ihn nicht mit, Sire! Der Seigneur de Brézé hat sich mir als ein treuer Freund erwiesen, als echter Ritter. Aber er lebt sein Leben, wie ich das meine lebe. Der Kampf ruft ihn, und ich muß mein Haus wiederaufbauen …« Karl VII. mangelte es nicht an Scharfsinn. Dem leisen Tremolo, das in der Stimme der jungen Frau schwang, entnahm er, daß etwas geschehen sein müsse, und bestand plötzlich nicht mehr darauf, sie noch weiter zurückzuhalten. »Die Zeit heilt vieles, schöne Dame … Ich habe einen Augenblick geglaubt, daß wir in kurzem eine Verlobung feiern würden, aber offenbar habe ich mich geirrt. Trotzdem, Dame Cathérine, würdet Ihr Eurem König erlauben, Euch einen Rat zu geben? überstürzt nichts … Brecht nicht alle Brücken ab! Ich sagte Euch, die Zeit heilt alles, die Zeit ändert die Männer und Frauen. Ihr sollt eines Tages nichts zu bereuen haben! Das wäre ungerecht!« Mehr, als sie eingestehen wollte, durch die königliche Fürsorge bewegt, kniete Cathérine nieder, um die Hand zu küssen, die Karl ihr reichte. Sie lächelte ihm tapfer zu. »Ich werde nichts bereuen! Aber ich weiß Eurer Majestät für Ihre Güte tiefen Dank. Ich werde sie nie vergessen.« Er gab ihr ihr Lächeln zurück, mit jener Schüchternheit, die ihn immer angesichts einer sehr schönen Frau befiel. »Es kann sein, daß ich eines nahen Tages auch einmal in die Auvergne reise«, sagte er sinnend. »Geht jetzt, Gräfin de Montsalvy! Geht zu dieser Pflicht, die Ihr so gern übernommen habt. Wißt nur, daß Euer König Euch vermissen wird, daß er hofft, Euch an einem nicht zu fernen Tag wiederzusehen … und daß Ihr seine Hochachtung mitnehmt!« Er war es, der sich entfernte und Cathérine inmitten des Großen Saals, in dem nur die unbeweglichen Posten standen, kniend zurückließ. Sie hörte seinen Schritt verhallen und erhob sich leise. Sie fühlte sich weniger traurig, eine Art Stolz erfüllte sie darüber, daß Karl mit ihr nicht wie mit einer Frau, sondern wie mit einem seiner Feldhauptleute gesprochen hatte! Wie er zweifellos mit Arnaud selbst gesprochen hatte. Blieb noch, der Königin Yolande adieu zu sagen. Cathérine begab sich alsbald zu ihr, darauf vorbereitet, ein drittes Mal dieselbe Erklärung abgeben zu müssen. Aber es war nicht nötig. Die Herrscherin der Vier Königreiche begnügte sich damit, sie zu umarmen. »Ihr handelt richtig!« sagte sie zu ihr. »Ich habe nichts anderes von Euch erwartet! Der junge Brézé hätte nicht zu Euch gepaßt … weil er eben zu jung ist!« »Wenn Ihr so dachtet, Madame und meine Königin, warum habt Ihr mir dann nichts gesagt?« »Weil es sich um Euer Leben handelt, meine Schöne! Und weil niemand das Recht hat, das Schicksal anderer zu bestimmen. Nicht einmal … was sage ich? … schon gar nicht eine alte Königin! Geht in Eure Auvergne zurück! An Arbeit wird es nicht fehlen, denn wir müssen dieses schöne Königreich jetzt wieder zusammenflicken. Wir werden in den Provinzen Leute wie die Montsalvys brauchen. Ihr von Eurer Rasse, meine Teure, seid wie die Berge Eures Landes: Man bedient sich ihrer, aber zerstört sie nicht! Trotzdem … möchte ich Euch nicht ganz verlieren!« Mit einer Bewegung rief Yolande Anne de Bueil zu sich, die, dem Brauch gemäß, in einer Ecke über einer Stickerei saß. »Bringt mir meine Elfenbeinkassette!« befahl sie. Als die junge Frau sie ihr gebracht hatte, griff sie mit ihren schlanken Fingern hinein und zog einen wunderbaren Smaragd mit ihrem eingravierten Wappen heraus, den sie der verwirrten Cathérine auf den Finger streifte. »Der Emir Saladin hat diesen Smaragd einst einem meiner Vorfahren geschenkt, der ihn vor dem Tod errettet hatte, ohne übrigens zu wissen, wer er war. Ich habe ihn gravieren lassen … Behaltet ihn, Cathérine, als Erinnerung an mich, an meine Freundschaft und an meine Dankbarkeit. Dank Euch werden wir endlich regieren, der König und ich!« Cathérine schloß die zitternde Hand über den wunderbaren Edelstein. Auch hier kniete sie nieder, um die Hand ihrer Monarchin zu küssen. »Madame … Ein solches Geschenk! Wie kann ich sagen …« »Sagt nichts! Ihr seid wie ich. Wenn Ihr tief bewegt seid, findet Ihr keine Worte, und das ist besser so. Dieser Ring wird Euch Glück bringen und Euch vielleicht auch helfen. Alle von mir Abhängigen in Frankreich wie in Spanien, in Sizilien wie auf Zypern oder in Jerusalem werden Euch beim Anblick dieses Juwels Beistand leisten. Es ist eine Art Geleitbrief, den ich Euch gebe, denn ich habe ein Vorgefühl, daß Ihr ihn brauchen könntet. Und ich rechne damit, Euch eines Tages wiederzusehen … bei bester Gesundheit!« Die Audienz war beendet. Ein letztes Mal verneigte sich Cathérine. »Adieu, Madame …« »Nein, Cathérine«, lächelte die Königin. »Nicht Adieu! Auf Wiedersehen! Und Gott behüte Euch!« Wenn Cathérine glaubte, sie habe sich nun überall verabschiedet, so täuschte sie sich. Als sie auf den großen Hof hinaustrat, um sich in die Staatskanzlei zu begeben, wo man ihr die Papiere ihrer Rehabilitierung überreichen sollte, die sie noch nicht hatte holen lassen, stieß sie auf Bernard d'Armagnac, der ungeduldig auf und ab schritt, als warte er auf jemand. Seit der Szene im Obstgarten hatte sie nicht mehr mit ihm gesprochen, und das Zusammentreffen bereitete ihr durchaus kein Vergnügen. Sie versuchte vorbeizugehen, indem sie so tat, als sähe sie ihn nicht, aber er stürzte sich auf sie. »Ich erwartete Euch!« sagte er. »Man spricht in diesem Schloß nur von Eurer Abreise, und als ich hörte, daß Ihr bei der Königin Yolande seid, dachte ich mir gleich, daß Ihr bald wieder herauskommen würdet. Ihr seid nicht die Frau, die Abschiedsbesuche in die Länge zieht, und sie ist es auch nicht.« »Ihr habt recht. Adieu, Graf«, entgegnete Cathérine kalt. Ein reumütiges Lächeln fältelte das intelligente Gesicht des gaskognischen Edelmanns. »Hm! Ihr zürnt mir, wie es scheint! Und da dürftet Ihr im Recht sein! Aber ich bin gekommen, Eure Verzeihung zu erbitten, Cathérine. Neulich habe ich rot gesehen. Ich hätte Euch beide töten können!« »Aber Ihr habt nichts dergleichen getan. Seid versichert, daß ich Euch dafür sehr dankbar bin.« Sie glaubte, daß ihre würdevolle Haltung Bernard beschämen würde. Zu ihrer großen Überraschung war er es durchaus nicht. Der Gaskogner brach in Gelächter aus. »Gottes Blut! Cathérine, laßt diesen gespreizten Ton! Er steht Euch nicht, glaubt mir!« »Ob er mir nun steht oder nicht, ich habe keinen anderen für Euch zur Verfügung. Dachtet Ihr etwa, ich würde Euch um den Hals fallen?« »Ihr müßtet es eigentlich! Schließlich habe ich Euch vor einer gewaltigen Dummheit bewahrt! Wenn Ihr dem Vorhaben dieses Stutzers nachgegeben hättet, würdet Ihr's jetzt von ganzem Herzen bereuen.« »Woher wißt Ihr das?« »Aber geht! Brézé ist nicht an meinem Degenhieb gestorben, weit entfernt davon! Wenn Ihr wirklich zu ihm gehalten hättet, wäret Ihr noch in derselben Nacht zu ihm aufs Zimmer gegangen. Aber das habt Ihr nicht getan!« »Ich bin am anderen Tag zu ihm gegangen …« »Und seid mit roten Augen wieder herausgekommen, mit der entschlossenen Miene eines Menschen, der eine ernste Entscheidung getroffen hat. Ihr seht, ich bin gut unterrichtet.« »Etwas sagt mir, daß Eure Spione Euch belügen! Sie haben Euch nicht alles gesagt!« erwiderte Cathérine, gezwungen lächelnd. Aber sofort war Bernard wieder ernst geworden: »Doch, Cathérine! Ihr habt mit ihm gebrochen, und die Erinnerung an Euren Gatten hat Euch zur Besinnung gebracht. Wenn das nicht so wäre, warum reist Ihr dann ab? Warum hat Brézé vor einer Stunde an der Spitze seiner Lanzenreiter die Zugbrücke dieses Schlosses passiert? Er bricht zur Unterstützung Lores auf, dessen Festung Saint-Ceneri die Engländer angegriffen haben.« »Ah!« sagte die junge Frau mit ganz leiser Stimme. »Er ist fort?« »Ja, er ist fort! Weil Ihr ihn abgewiesen habt! Ich habe mich nicht in Euch getäuscht, Cathérine, Ihr seid ganz die, die der große Montsalvy sich erwählt hat! Nur neulich nacht hab' ich mich irreführen lassen. Wollen wir nicht Frieden schließen? Ich habe den großen Wunsch, wieder Euer Freund zu werden.« Seine Zerknirschung und sein Bedauern waren echt. Und Cathérine konnte gegen jemand, der seine Fehler so freimütig eingestand, keinen Groll hegen. Plötzlich lächelte sie und streckte dem jungen Mann beide Hände entgegen. »Ich täuschte mich auch. Vergessen wir das alles, Bernard … und kommt nach Montsalvy, wenn Ihr nach Lectoure zurückkehrt! Ihr werdet immer willkommen sein! Später werde ich Euch Michel anvertrauen, wenn die Zeit gekommen sein wird, einen Pagen aus ihm zu machen. Ich glaube, Ihr werdet das aus ihm zu machen verstehen, was Arnaud erwartet hätte. Und jetzt sagt mir auf Wiedersehen!« »Verlaßt Euch auf mich! Auf Wiedersehen, schöne Cathérine!« Ehe sie sich's versah, packte er sie an den Schultern und versetzte ihr auf beide Wangen einen schallenden Kuß. Dann ließ er sie los. »Ich werde Xaintrailles und La Hire erzählen, was für eine tapfere Kameradin Ihr seid! Ich wollte Euch eine Eskorte auf den Heimweg mitgeben, aber anscheinend hat der König da schon vorgesorgt.« »Gott sei Dank«, sagte Cathérine lachend. »Ich möchte auch lieber etwas Friedfertigeres um mich haben als Eure Teufel aus der Gascogne. Um die im Zaum zu halten, muß man eine Führernatur sein, und ich bin nicht Arnaud de Montsalvy!« Schon im Begriff, sich zu entfernen, blieb Bernard stehen, machte kehrt und sah Cathérine einen Augenblick prüfend an. Dann, ernst: »Ich glaube doch!« sagte er. Die Morgenröte ließ die Dächer von Chinon und das ruhige Wasser der Vienne aufglühen, als Cathérine in der Frühe des folgenden Tages unter dem Fallgatter des Uhrenturms hindurchritt. Alle Glocken der Stadt läuteten zum Morgengebet, und ihr Klang stieg in die reine Luft bis zu der kleinen Reitergruppe hinauf, die das Schloß verließ. Die Eskorte, die der König zu Cathérines Verfügung gestellt hatte, bestand aus Bretonen, wie die mit Hermelinschwänzen gesprenkelten Wappenröcke der Soldaten bezeugten. Tristan l'Hermite befehligte sie, und als er am Abend zuvor zu Cathérine gekommen war, um ihr zu sagen, daß er sie nach Montsalvy begleiten würde, bevor er zum Konnetabel de Richemont nach Parthenay gehe, hatte sie große Freude darüber empfunden. Der König hätte keine bessere Maßnahme zu ihrem Schutze treffen können, als ihr diesen schweigsamen Flamen mitzugeben, dessen Tapferkeit sie schätzengelernt hatte. Er besaß gelassene Schlauheit, ruhigen Mut und eine Begabung für Verwaltung und Regierungsgeschäfte. Sie hatte zu ihm gesagt: »Ihr werdet es weit bringen, Freund Tristan. Ihr habt alle Eigenschaften eines Staatsmannes.« Worauf er lachte. »Das hat man mir auch schon gesagt … sogar erst gestern! Wißt Ihr, Dame Cathérine, daß unser zehnjähriger Dauphin sich für meine Person interessieren will? Er hat mir versprochen, mein Glück zu machen, wenn er einmal König sein wird. Offenbar haben ihn unsere Taten gegen La Trémoille beeindruckt. Wohlverstanden, ich werde dieser Art Versprechungen nicht allzuviel Glauben schenken. Die Fürsten, besonders, wenn sie so jung sind, haben ein schlechtes Gedächtnis.« Aber Cathérine hatte den Kopf geschüttelt. Sie erinnerte sich an den forschenden, bis zur Unerträglichkeit scharfen Blick des Dauphins Louis. Ein Blick, der bestimmt nicht vergessen würde. »Ich glaube, er wird sich erinnern!« sagte sie nur. Tristan hatte sich damit begnügt, zweifelnd den Kopf zu schütteln. Und nun ritt er ruhig an ihrer Seite, lässig im Sattel hängend wie jemand, den man über die Eintönigkeit langer Ritte nicht mehr zu belehren braucht und der es sich angewöhnt hatte, im Sattel zu schlafen. Seine Kappe hatte er auf die Augen heruntergezogen, um sie gegen die Strahlen der aufgehenden Sonne zu schützen, und überließ sich dem ausgewogenen Gang des Pferdes. Cathérine war wieder in das Jünglingskostüm geschlüpft, das sie beim Verlassen Angers' getragen hatte. Sie liebte es, sich als Mann anzuziehen, der größeren Bewegungsfreiheit wegen und weil es sie mit einer Art von Verwegenheit erfüllte. Gut in ihre Steigbügel gestützt, betrachtete sie die Stadt, als sähe sie sie zum erstenmal. In ihr hatte sie den Sieg davongetragen, den sie sich wünschte, und dazu noch einen weiteren, unerwarteten, über sich selbst. In dem Augenblick, in dem sie Chinon verließ, wurde es ihr plötzlich teuer. Die guten Leute begannen ihren Tag. Überall knarrten die Fensterläden, die Boutiquen wurden geöffnet, und die Hausierer mit Blumen und Gemüse setzten sich in Bewegung. Ein starker Regen hatte abends zuvor die kleinen, runden Pflastersteine frisch gewaschen. Als sie zum Grand Carroi kamen, sah Cathérine neben dem Brunnen ein junges Mädchen von etwa fünfzehn Jahren, das, auf dem Brunnenrand sitzend, Rosensträuße band. Sie waren so frisch, diese Rosen, und sie erinnerten Cathérine an einen anderen Strauß, den man ihr eines Abends durchs Fenster von Meister Agnelets Herberge geworfen hatte. Sie hielt ihr Pferd neben dem Blumenmädchen an. »Deine Rosen sind hübsch!« sagte sie. »Verkauf mir einen Strauß!« Die Kleine reichte ihr sofort das schönste ihrer duftenden Gebilde. »Das macht einen Sou, edler Herr!« sagte sie lächelnd und knicksend. Aber gleich wurde sie rot wie eine Kirsche und rief freudig: »Oh, danke, edler Herr!«, als sie von Cathérine ein Goldstück für den Strauß bekam. Cathérine setzte ihr Pferd wieder in Bewegung und ritt auf die befestigte Brücke zu, die über die Vienne führte. Sie hatte ihr Gesicht in den Blumen vergraben und roch mit geschlossenen Augen den köstlichen Duft. Tristan begann zu lachen: »Das sind zweifellos die letzten Rosen, die wir lange Zeit zu sehen bekommen werden. In Eurer armen Auvergne gedeihen sie nicht. Hier sind sie zu Hause. Die Touraine ist ihre Domäne!« »Aus diesem Grund habe ich sie auch gekauft. Sie repräsentieren für mich dieses schöne Land der Loire und einige Erinnerungen … Spuren, die vielleicht verwehen, wenn sie verwelkt sind.« Der Bewaffnetentrupp ritt über die Brücke, von den Soldaten der Wache gegrüßt, die das Wappen des Konnetabels erkannten. Nachdem man den Fluß hinter sich hatte, setzte man die Pferde in Galopp. Cathérine und ihre Eskorte verschwanden in einer Staubwolke.  Dritter Teil  Die Straße nach Compostela  Vierzehntes Kapitel Es war nach zehn Uhr abends und dunkle Nacht, als Cathérine, Tristan l'Hermite und ihre Eskorte am Ende einer ermüdenden Reise vor Montsalvy ankamen. Das freundliche Sommerwetter hatte den Schlamm der Straßen ausgetrocknet, ihn aber auch in ebensoviel Staub verwandelt. Glücklicherweise hatte es den Reisenden auch ermöglicht, die Nächte unter freiem Himmel zu verbringen und täglich lange Wegstrecken zurückzulegen. Man hatte reichlich Verpflegung mitgeführt, und die Aufenthalte in Herbergen waren selten gewesen. Die meisten von ihnen hatten ohnehin nicht viel zu bieten. Je mehr sie sich ihrem Ziel näherte, desto mehr schien Cathérines Ungeduld zu wachsen, und gleichzeitig verdüsterte sich ihre Stimmung. Sie wurde immer einsilbiger und ritt ganze Stunden lang, ohne ein Wort zu sprechen, die Augen auf den Weg vor ihr gerichtet, von fiebriger Eile besessen. Tristan beobachtete sie insgeheim, ohne freilich zu wagen, ihr Fragen zu stellen. Sie forcierte das Tempo soweit wie möglich und zeigte sich ärgerlich, wenn eine Rast eingelegt werden mußte. Aber die Pferde brauchten nun einmal Atempausen. Indes, als man Aurillac passiert hatte, ließ die große Hast unversehens nach. Cathérine ließ das Tempo mehr und mehr verlangsamen, als fürchtete sie, sich den Bergen zu nähern, in denen Arnaud immer noch lebte. Und als die Wälle und Türme von Montsalvy auf der Hochebene auftauchten wie eine dunkle, der Nacht aufgesetzte Krone, zügelte die junge Frau ihr Pferd und hielt einen Augenblick an, mit schwerem Herzen diese Landschaft betrachtend, die kennenzulernen sie allzuwenig Zeit gehabt hatte. Tristan lenkte beunruhigt sein Pferd neben sie. »Dame Cathérine, was habt Ihr?« »Ich weiß nicht … Freund Tristan, mir scheint, ich habe plötzlich Angst.« »Wovor?« »Ich weiß nicht!« wiederholte sie mit müder Stimme. »Es ist wie … eine Vorahnung.« Niemals hatte sie etwas Ähnliches wie diese erstickende Furcht vor dem empfunden, was sie hinter diesen stummen Mauern erwartete. Sie versuchte, vernünftig zu sein. Da drüben waren Michel, Sara, ohne Zweifel auch Gauthier. Aber selbst das Bild ihres kleinen Sohns vermochte das bedrückende Gefühl in ihrer Brust nicht zu lösen. Sie warf Tristan einen tränenfeuchten Blick zu. »Reiten wir weiter«, sagte sie schließlich. »Die Männer sind müde!« »Und Ihr auch!« brummte der Flame. »Vorwärts, Leute!« Die Stadttore waren zu dieser späten Stunde geschlossen, aber Tristan setzte das Horn, das an seinem Gürtel hing, an den Mund und stieß dreimal hinein. Nach einem Weilchen beugte sich ein Mann mit einer Laterne über die Zinne. »Wer ist da?« »Öffnet!« rief Tristan. »Es ist die edle Dame Cathérine de Montsalvy, die vom Hofe zurückkehrt, öffnet! Im Namen des Königs!« Der Wächter stieß einen unartikulierten Schrei aus. Das Licht verschwand, aber einige Augenblicke später öffnete sich knarrend das Tor der kleinen befestigten Stadt. Der Mann mit der Laterne erschien wieder, die Kappe in der Hand, und trat bis unter die Köpfe der Pferde heran, seine Laterne hebend. »Wahrhaftig, es ist unsere Dame!« rief er freudig. »Gott segne sie, daß sie zu so gelegener Zeit ankommt. Man hat nach dem Amtmann geschickt, um sie würdig zu empfangen.« In der Tat kam auf der einzigen schmalen Gasse eine schwankende Gestalt eilends angelaufen. Cathérine, plötzlich erleichtert, erkannte den alten Saturnin. Er kam mit der ganzen Schnelligkeit, die seine alten Beine ihm erlaubten, und rief: »Dame Cathérine! Dame Cathérine kehrt zu uns zurück! Gott sei gelobt! Willkommen unserer Herrin!« Er war ganz außer Atem. Bewegt und ein wenig belustigt, wollte Cathérine absteigen, um ihn zu begrüßen, aber er warf sich buchstäblich gegen das Pferd. »Bleibt im Sattel, Herrin! Der alte Saturnin will Euch zur Abtei führen, wie er Euch damals zu seiner Meierei geführt hat.« »Ich bin so glücklich, Euch wiederzusehen, Saturnin … und Montsalvy wiederzusehen!« »Nicht so glücklich wie Montsalvy, Euch wiederzusehen, gnädige Dame. Seht!« Wirklich öffneten sich wie durch ein Wunder sämtliche Fenster und Türen, Köpfe lugten heraus, Männer und Frauen traten über die Schwellen, Fackeln wurden geschwenkt. Im Augenblick war das Gäßchen festlich erleuchtet, während von überallher freudige Stimmen riefen: »Heil! Heil unserer Dame, die zu uns zurückkehrt!« »Ich beneide Euch«, murmelte Tristan. »Ein solcher Empfang muß ungeheuer labend sein.« »Das ist wahr! So habe ich ihn nicht erwartet, und ich bin sehr glücklich darüber … sehr glücklich!« Sie hatte Tränen in den Augen. Saturnin, hochaufgerichtet vor Stolz, hatte die Zügel ihres Pferdes ergriffen und führte sie langsam die Straßen entlang, zwischen zwei Reihen strahlender, von Freude und Fackelschein geröteter Gesichter hindurch, überall sah man nur leuchtende Augen, offene Münder, die Freudenrufe ausstießen. »Was fürchtet Ihr noch?« flüsterte Tristan. »Die ganze Welt betet Euch hier an!« »Vielleicht. Und ich weiß noch immer nicht, was ich fürchtete. Es ist wunderbar! Es ist …« Die Worte erstarben auf ihren Lippen. Sie war vor dem Portal der Abtei angelangt, das ebenfalls weit geöffnet war. Auf der Schwelle erhob sich die riesige Gestalt Gauthiers. Cathérine erwartete, daß er bei ihrem Anblick auf sie zueilen würde, wie Saturnin es getan hatte, aber er rührte sich nicht. Statt dessen verschränkte er die Arme, als wollte er ihr den Eintritt verwehren. Sein Gesicht hatte die Unbeweglichkeit von Granit. Kein Lächeln erhellte es. Und als Cathérine dem eisigen Blick seiner grauen Augen begegnete, konnte sie sich eines Fröstelns nicht erwehren. Von Saturnin gestützt, stieg sie vom Pferd und ging auf den Normannen zu. Er verharrte bewegungslos, ohne ihr auch nur einen Schritt entgegenzugehen. Sie versuchte zu lächeln. »Gauthier!« rief sie. »Welche Freude, dich wiederzusehen!« Doch aus dem verkniffenen Mund kam kein Wort des Willkommens. Nichts als ein trockenes: »Seid Ihr allein?« »Wie?« fragte sie verdutzt. »Ich habe gefragt, ob Ihr allein seid«, wiederholte der Normanne ungerührt. »Ist er nicht bei Euch, dieser schöne blonde Galan, den Ihr heiraten wollt? Zweifellos ist er ein wenig zurückgeblieben, um Euch allein Einzug halten zu lassen!« Cathérine errötete jählings, mehr aus tiefer Kränkung als aus Zorn. Die Unverschämtheit Gauthiers verwirrte sie. Er wagte es, sie brutal vor allen Leuten anzugreifen und Rechenschaft von ihr zu fordern! Wenn sie in den Augen ihrer Bauern nicht das Gesicht verlieren wollte, mußte sie zurückschlagen. Ihr kleines Kinn vorschiebend, schritt sie entschlossen dem Portal zu. »Platz!« sagte sie trocken. »Wer hat dir erlaubt, mir Fragen zu stellen?« Gauthier rührte sich nicht von der Stelle. Er versperrte weiter den Eingang mit seiner riesigen Gestalt. Tristan runzelte die Stirn, legte die Hand auf den Degen. Aber Cathérine hielt ihn zurück. »Laßt, Freund Tristan. Das ist meine Sache! Also«, befahl sie scharf, »laß mich durch. Empfängt man so eine Lehnsherrin, die in ihr Haus zurückkehrt?« »Das ist nicht Euer Haus, sondern das des Abtes! Und was die Herrin betrifft, Dame Cathérine, seid Ihr dieses Titels noch würdig?« »Welche Anmaßung!« rief Cathérine außer sich. »Bin ich dir Rechenschaft schuldig! Ich will meine Schwiegermutter sehen!« Wie mit Bedauern trat Gauthier zur Seite. Cathérine schritt hocherhobenen Hauptes an ihm vorbei und betrat den Hof der Abtei. Kalt rief er ihr nach: »Beeilt Euch! Denn sie wird nicht mehr lange leben!« Wie von einem Peitschenhieb getroffen, blieb Cathérine stehen. Einen Moment schien sie wie erstarrt, dann wandte sie sich langsam um und warf dem Normannen einen entsetzten Blick zu. »Wie?« stammelte sie. »Was hast du gesagt?« »Daß sie im Sterben liegt! Aber das wird Euch ja nicht sehr berühren! Ein weiteres hinderliches Band, das nun wegfallen wird!« »Ich weiß nicht, wer du bist, Freund«, warf Tristan wütend ein, »aber du hast ein sonderbares Benehmen! Wieso diese Grobheit deiner Herrin gegenüber?« »Wer seid Ihr?« fragte Gauthier verächtlich. »Tristan l'Hermite, Stallmeister des Herrn Konnetabel, vom König beauftragt, die Gräfin de Montsalvy nach Hause zu geleiten und darüber zu wachen, daß ihr nichts zustößt. Zufrieden?« Gauthier nickte. Aus ihrer Eisenklammer nahm er eine Fackel, die dicht unter dem Kreuzgewölbe brannte, und ging schweigend den Reisenden zum Gästehaus der Abtei voraus. Nach der Aufregung und dem Gelärm des Dorfes war die Stille des Klosters auffallend. Die Mönche hatten sich bereits in ihre Zellen zurückgezogen, der Abt war unsichtbar. Nur einige Kerzen brannten hinter den kleinen Fenstern des Gästehauses. Auf der Schwelle stand niemand, und Cathérine hielt Gauthier plötzlich an, indem sie seinen Arm ergriff: »Und Sara? Ist sie hier?« Er sah sie mit überraschten Augen an. »Warum sollte sie hier sein? Sie hat Euch nie verlassen …« »Doch, sie hat mich verlassen«, entgegnete Cathérine betrübt. »Sie hat mir gesagt, sie kehre nach Montsalvy zurück. Mehr weiß ich nicht, auch unterwegs habe ich sie nicht getroffen.« Gauthier antwortete nicht sofort. Seine grauen Augen hefteten sich für einen Moment prüfend auf die Cathérines. Er hob die breiten Schultern und murmelte mit bitterer Ironie: »Sie auch! Dame Cathérine, wie konntet Ihr uns das alles antun?« Im höchsten Grad erbittert, schrie sie fast: »Was antun? Was habe ich denn getan, um euer aller Mißbilligung zu verdienen? Was werft ihr mir vor?« »Uns diesen Mann geschickt zu haben!« erwiderte Gauthier schroff. »Ihr hättet Euch ihm hingeben können, wenn Euch das richtig erschien, ohne ihn herzuschicken und ihn mit seiner angeblichen großen Liebe hier paradieren zu lassen! Woran, glaubt Ihr, stirbt die Dame de Montsalvy … in Wahrheit? An den vertraulichen Mitteilungen Eures Geliebten!« »Er ist nicht mein Geliebter!« wandte Cathérine wütend ein. »Eures künftigen Gatten also! Das ist dasselbe.« Mit beiden Händen umklammerte Cathérine die riesige Hand des Normannen. Ein unwiderstehlicher Drang, sich zu rechtfertigen, erfüllte sie. Sie konnte es einfach nicht mehr aushalten, noch länger unter dieser Anklage zu stehen. »Hör zu, Gauthier. Wirst du mir glauben, wenn ich dir versichere, daß er es nicht und niemals sein wird, daß ich ihn aller Wahrscheinlichkeit nach niemals wiedersehen werde?« Zunächst antwortete der Riese nicht. Er schien eher in den Augen Cathérines nach einer Antwort zu suchen, doch nach und nach schwand die Härte aus seinem Gesicht. Spontan nahm er beide Hände der jungen Frau in die seinen. »Ja«, sagte er mit neuer Wärme, »ich werde Euch glauben! Und wie gern! Jetzt kommt, kommt schnell und sagt ihr, daß es nicht wahr ist, daß Ihr nie daran dachtet, Messire Arnaud zu ersetzen! Sie hat so sehr darunter gelitten!« Tristan l'Hermite beobachtete sie erstaunt. Offensichtlich begriff er nichts von dem, was sich vor ihm abspielte. Daß Cathérine, eine große Dame, sich dazu hergab, sich vor diesem Bauernlümmel zu rechtfertigen, ging nun wirklich über sein Verständnis! Cathérine bemerkte es, wandte sich ihm mit der Andeutung eines Lächelns zu und sagte kurz: »Ihr könnt nicht verstehen, Freund Tristan! Ich werde es Euch erklären!« Er verneigte sich, ohne zu antworten, dachte, daß er bis auf weiteres zweifellos überflüssig sei, und fragte, ob man ihn freundlicherweise an einen Ort führen würde, wo er seine Männer für die Nacht unterbringen und sich selbst ausruhen könne. Gauthier wies auf einen dicken, schläfrigen Mönch, der ein paar Schritte hinter ihnen gähnte, als ob er sich gleich die Kinnlade ausrenken würde. »Das ist Bruder Eusebius, der Pförtner, der sich um Euch kümmern wird. Die Tiere kommen in den Stall, die Männer finden ein Strohlager in einer Scheune, und Ihr bekommt eine Zelle.« Wieder verneigte sich Tristan vor Cathérine und folgte dann Bruder Eusebius an der Spitze seiner Männer. Die junge Frau schritt nicht ohne Bewegung über die Schwelle dieses Gästehauses, das sie vor so vielen Monaten mit Arnaud und Bernard verlassen hatte, um nach Carlat zu gehen und dort das zu finden, was sie für das Glück hielt. Aber mit aller Kraft verjagte sie diese niederdrückenden Bilder, denn das, was sie jetzt erwartete, erforderte ihren ganzen Mut. In der kleinen Halle mit ihrer niedrigen, gewölbten Decke blickte sie Gauthier an: »Mein Sohn?« »Er schläft zu dieser Stunde.« »Laß mich ihn sehen! Es ist so lange her!« Ein kurzes Lächeln spielte um Gauthiers Lippen, und er nahm Cathérine bei der Hand. »Kommt! Das wird Euch Mut machen.« Er zog sie in ein kleines dunkles Zimmer, von dem eine offene Tür in einen anderen, schwach erleuchteten Raum führte, in dem Cathérine Donatienne, die Frau Saturnins, bemerkte. Sie hockte auf einem Bänkchen und schien eingeschlafen zu sein. Der Schein der Kerze zuckte über die verbrauchten Züge der alten Frau und verriet ihre Müdigkeit. Gauthier zeigte mit einer Bewegung auf sie und murmelte: »Seit drei Nächten schon wacht sie über unsere Dame. Gewöhnlich schläft sie neben dem kleinen Herrn. Sie ist eingeschlafen …« Während er sprach, nahm er eine Kerze von einer Truhe, ging leise zu einer draußen neben der Tür brennenden Fackel und zündete die Kerze an der rauchigen Flamme an. Dann kam er zurück, begab sich ans Kopfende des Bettes, in dem der kleine Michel schlief, und hob das zitternde Licht über den Kopf des Kindes. In größtem Erstaunen ließ Cathérine sich auf die Knie fallen und faltete die Hände wie vor dem Tabernakel. »Mein Gott!« stammelte sie. »Wie schön er ist! Und … wie er ihm schon ähnlich sieht!« fügte sie mit heiserer Stimme hinzu. Es stimmte. Unter dem dichten Gewirr seiner zerzausten goldenen Locken hatte der kleine Michel schon das klare Profil seines Vaters. Seine runden, rosigen Wangen, auf die die gebogenen Wimpern einen zarten Schatten warfen, waren noch ganz von kindlicher Süße, aber das Naschen hatte etwas Stolzes an sich, und eine eigenwillige Falte zeichnete den fest geschlossenen Mund. Cathérines Herz schmolz vor Zärtlichkeit, doch sie wagte nicht, sich über den Kleinen zu beugen. Er sah wie ein schlafendes Engelchen aus, und sie fürchtete, daß die geringste Bewegung ihn wecken würde. Gauthier, der das Kind gleichfalls mit einer Art Stolz betrachtete, bemerkte es. »Ihr könnt ihn umarmen«, sagte er lächelnd. »Wenn er einmal schläft, kann neben ihm der Blitz einschlagen. Er zuckt nicht mit der Wimper.« Darauf beugte sie sich hinunter und drückte die Lippen mit Entzücken auf die kleine, ein wenig feuchte Stirn. Tatsächlich wachte Michel nicht auf, aber ein Lächeln huschte über seinen kleinen, fest zusammengepreßten Mund. »Mein Kleiner!« flüsterte Cathérine, von Liebe erstickt. »Mein ganz Kleiner!« Sie hätte ohne weiteres die ganze Nacht neben dem Bett ihres Sohnes kniend und seinen Schlaf bewachend zugebracht, doch aus dem anschließenden Zimmer drang ein Röcheln. Donatienne fuhr aus ihrem Schlummer auf, hastete in den hinteren Teil des Raums und war nicht mehr zu sehen. »Dame Isabelle muß aufgewacht sein!« flüsterte Gauthier. »Ich gehe hinein!« sagte Cathérine. Jetzt drang ein erschütterndes Atemgeräusch, von trockenem Husten unterbrochen, zu ihr heraus. Rasch betrat sie das Zimmer, das kaum größer als eine Mönchszelle und auch kaum weniger kahl war. Auf dem schmalen Bett in einer Ecke lag, sehr abgemagert, Isabelle de Montsalvy. Donatienne beugte sich über sie und versuchte, ihr etwas dampfenden Heilkräutertee aus einer Schale einzuflößen, die sie von einem kleinen Ölkocher genommen hatte. Aber die alte Frau war unfähig, auch nur einen Schluck hinunterzubringen. Wie sie gealtert und seit ihrer Abreise geschrumpft war, und wie zerbrechlich sie jetzt schien! Ihr Körper wirkte ätherisch, ohne jede Substanz, und im fahlen, völlig blutlosen Gesicht sah man nur noch den eingefallenen Mund, der nach Luft rang, und die zu groß gewordenen Augen. Donatienne wandte sich mit einem entmutigten Seufzer ab, um die Schale wieder zurückzustellen. Und jetzt sah sie Cathérine. Ihre müden Augen begannen zu strahlen, vor Freude und Tränen gleichermaßen. »Dame Cathérine!« stammelte sie. »Gott sei gelobt! Ihr kommt zur rechten Zeit!« Rasch legte Cathérine einen Finger auf die Lippen, um der alten Frau Schweigen zu gebieten, doch diese schüttelte traurig den Kopf. »Oh, wir können sprechen! Sie hört nichts! Das Fieber ist so stark, daß sie nur im Delirium spricht!« Tatsächlich drangen einige unzusammenhängende Worte über die pergamentenen Lippen der Kranken, unter denen Cathérine erschüttert ihren und Arnauds Namen unterscheiden konnte … Der heftige Hustenanfall hatte allmählich nachgelassen, doch die Atemzüge blieben schwer und röchelnd. Der Ausdruck der Augen war ein einziges Flehen. In ihrem Delirium schien Isabelle entsetzlich zu leiden, und Cathérine spürte, daß sie der Grund dieses Leidens war. Sacht nahm sie die brennend heiße Hand, die sich in den rauhen Stoff der Decke krampfte, und drückte ihre Lippen darauf. Dann legte sie sie an ihre Wange, wie sie es früher so oft getan hatte. »Mutter«, bat sie leise, »Mutter, hört mich! Seht mich an! Ich bin da … bei Euch! Ich bin's, Eure Tochter Cathérine … Cathérine!« Etwas schien sich in dem leeren, schmerzlichen Blick zu beleben. Der Mund schloß sich, öffnete sich wieder und hauchte: »Cathérine!« »Ja!« sagte die junge Frau beharrlich. »Ich bin's … Ich bin da!« Die Augen drehten sich in ihren Höhlen, ihr Blick schien etwas zu suchen, glitt zu der jungen Frau, die sich über sie beugte, um die abgezehrten Finger zu drücken. »Es hat keinen Zweck, Dame Cathérine«, murmelte Donatienne betrübt. »Sie ist nicht bei Bewußtsein.« »Aber doch! Sie kommt zu sich! Mutter! Seht mich an! Erkennt Ihr mich?« Sie nahm ihren ganzen Willen zusammen, völlig darauf konzentriert, den schweifenden Geist der Kranken zu erreichen, zu fesseln. Sie wünschte so sehr, ihre Kräfte auf diesen erschöpften Körper übertragen zu können, daß sie den Eindruck hatte, ein warmer Strom vereinige ihre Hände. Noch einmal flehte sie: »Seht mich an! Ich bin Cathérine, Eure Tochter! Die Frau Arnauds!« Bei der Nennung seines Namens lief ein Schauder über die trockene Haut Isabelles. Ihr Blick, diesmal klar, haftete auf dem ängstlichen Gesicht der jungen Frau. »Cathérine!« hauchte sie. »Ihr seid zurückgekommen?« »Ja, Mutter … ich bin zurückgekommen! Und ich werde Euch nicht mehr verlassen … nie mehr!« Die dunklen Augen der Kranken sahen sie mit einer Mischung von Bangen und Zweifel an. »Ihr … bleibt hier? Aber … dieser junge Mann … Brézé?« »Er hat seine Träume für Wirklichkeit gehalten! Ich werde ihn nicht mehr wiedersehen! Ich bin Cathérine de Montsalvy und bleibe es, Mutter. Ich bin ›seine‹ Frau … Nichts als seine Frau!« Ein intensiver Ausdruck der Erleichterung breitete sich über die Züge der Kranken. Ihre Hand, die sich an die Cathérines klammerte, wurde weich und gab nach, und ein leises Lächeln öffnete ihre Lippen. »Gott sei gesegnet!« hauchte sie. »Ich kann in Frieden sterben!« Einen Augenblick schloß sie die Augen, öffnete sie wieder und sah Cathérine zärtlich an. Durch ein Zeichen gab sie ihr zu verstehen, daß sie sich zu ihr herunterbeugen solle, und flüsterte geheimnisvoll: »Ich habe ihn wiedergesehen, wißt Ihr …« »Wen, Mutter?« »Ihn, meinen Sohn! … Er ist zu mir gekommen! … Er ist immer noch so schön! O ja, so schön!« Ein heftiger Hustenanfall schnitt ihr brutal das Wort ab. Ihr Gesicht wurde purpurrot, der Blick flackerte. Die arme Frau fiel zurück und kämpfte gegen das Ersticken an. Der Augenblick der Beruhigung war vorüber. Donatienne näherte sich wieder mit ihrer Tasse: »Der Bader sagt, wenn sie hustet, soll man ihr einen Absud aus Klatschmohn, getrockneten Malven und Veilchen zu trinken geben, aber es ist nicht leicht …« Mit Cathérines Hilfe gelang es ihr trotz allem, der Kranken ein wenig von der Flüssigkeit einzuflößen. Der Husten klang weniger hohl, und langsam entspannte sich der verkrampfte Körper, doch die Augen öffneten sich nicht wieder. »Vielleicht wird sie jetzt ein wenig schlafen«, flüsterte Donatienne. »Legt Euch auch hin, Dame Cathérine. Die lange Reise muß Euch ermüdet haben. Ich werde noch bis gut in den Morgen hinein wach bleiben.« »Ihr seid erschöpft, Donatienne.« »Bah! Ich bin rüstig!« sagte die alte Bäuerin mit einem wackeren Lächeln. »Und Euch nun wieder hier zu wissen gibt mir Mut.« Mit dem Kopf machte Cathérine eine Bewegung zu der Kranken hin, die tatsächlich einzuschlafen schien. »Ist sie schon lange krank?« »Seit über einer Woche, gnädigste Dame! Sie hat unbedingt hinübergehen wollen … nach Calves, mit Fortunat! Sie wollte nicht mehr länger von ihrem Sohn getrennt sein … Unterwegs geriet sie in starke Regengüsse, die drei Tage lang ununterbrochen fielen. Trotzdem wollte sie nirgendwo anhalten. Fortunat ist es nicht gelungen, sie zu bewegen, Schutz zu suchen. Durchweicht, erstarrt und mit den Zähnen klappernd kehrte sie heim. In der folgenden Nacht bekam sie hohes Fieber. Seitdem ist die Krankheit nicht besser geworden …« Mit gerunzelter Stirn hatte Cathérine Donatienne zugehört, ohne sie zu unterbrechen. Die Reue nagte an ihr. Sie verstand die Reaktion Isabelles sehr wohl. In ihrem Mutterherzen hatte sie das Leid, das Cathérine Arnaud angetan hatte, ausgleichen wollen, selbst wenn ihr Sohn nichts davon wußte. Wie hätte er auch in dieser Gruft von einer Leprastation davon erfahren sollen? Machten nicht alle Geräusche der Außenwelt an der Schwelle der lebendig Begrabenen halt, die nur unter der Bedingung geduldet wurden, daß sie sich abseits von allem hielten und sich der Vergessenheit anheimgaben? Mechanisch fragte Cathérine: »Wo ist eigentlich Fortunat?« Gauthier, der in die Betrachtung Michels versunken war, antwortete: »Heute ist Freitag, Dame Cathérine. Fortunat ist gestern nach Calves aufgebrochen, wie er es jede Woche tut. Nicht ein einziges Mal hat er's versäumt … und er geht stets zu Fuß, aus Demut.« »Habt ihr denn genug Lebensmittel hinzuschicken?« »Nein. Manchmal nimmt Fortunat nur ein kleines, rundes Weißbrot oder einen Käse mit und zuweilen sogar überhaupt nichts. Dann setzt er sich auf eine Anhöhe, von der aus man die Krankenstation sehen kann. Dort bleibt er stundenlang und blickt hinüber … Er ist ein seltsamer Bursche, aber ich versichere Euch, Dame Cathérine, ich habe noch niemals solche Treue angetroffen.« Verlegen wandte Cathérine den Kopf ab, um die plötzliche Röte, die ihr in die Wangen stieg, zu verbergen. Sicher, der kleine gaskognische Knappe gab da eine großartige Lektion. Nichts vermochte ihn von seinem Herrn loszureißen, den er nicht vergessen konnte. Und wenn sie ihr eigenes Verhalten mit dem Fortunáis verglich, mußte sie sich eingestehen, daß der Vorzug bei dem Gaskogner lag. »Ich auch nicht«, murmelte sie. »Wer hätte gedacht, daß dieser Gaskogner sich so anhänglich erweisen würde? übrigens, wann kommt er zurück … von da unten?« »Morgen im Laufe des Tages.« Aber am nächsten Tag kehrte Fortunat nicht zurück. Erst gegen Abend merkte es Cathérine, als man sich im Gemeinschaftsraum zum Abendessen versammelte. Den ganzen Tag war sie bei Isabelle geblieben, der es etwas besser zu gehen schien. Außerdem hatte sie mit dem Prior der Abtei eine lange Unterredung gehabt. Es war jetzt Zeit für sie, das Schloß wiederaufzubauen, da ihr die nötigen Mittel dafür zur Verfügung standen. Der königliche Finanzminister hatte ihr eine schöne Summe in Goldtalern ausgezahlt, und sie besaß noch immer ihre Juwelen, abzüglich der wenigen Steine, die von ihr oder von Isabelle für ihren Unterhalt in den vergangenen Zeiten verkauft worden waren. Bernard de Calmont d'Olt, der junge Abt von Montsalvy, war ein energischer und intelligenter Mann. Sie überreichte ihm in Anerkennung des Schutzes, den er ihrer Familie gewährt hatte, einen wundervollen Ordensstern aus Rubinen, den er an seinen Chormantel heften konnte, und begann, die ersten Pläne für den Wiederaufbau zu skizzieren. Einer der Mönche der Abtei, Bruder Sebastian, wurde beauftragt, die Pläne auszuarbeiten, ein anderer, den Steinbruch zu suchen, aus dem man die Bausteine beziehen würde. Wie in allen großen Abteien traf man in Montsalvy fast alle Handwerks- und Gewerbegruppen an. »Auf jeden Fall«, hatte der Abt zu ihr gesagt, »könnt Ihr hier bleiben, solange Ihr wünscht. Das Gästehaus liegt abseits genug vom Klostergebäude, so daß die Anwesenheit einer jungen Frau, selbst für längere Zeit, keinen Stoff zu Skandalen bietet.« Über diesen Punkt beruhigt, hatte sich Cathérine sodann um Tristan l'Hermite und seine Männer gekümmert, die am folgenden Morgen nach Parthenay aufbrechen sollten. Die Soldaten hatten eine großzügige Vergütung erhalten. Was Tristan betraf, so hatte sie ihm eine schwere, mit Türkisen besetzte Goldkette geschenkt, die einst Garin de Brazey gehört hatte. »Sie soll Euch an uns erinnern!« sagte sie zu ihm, als sie sie ihm um den Hals legte. »Tragt sie oft in Erinnerung an Cathérine.« Er hatte sein seltsames Lächeln im Mundwinkel gelächelt und mit zweifellos bewegterer Stimme, als er gewollt hatte, gemurmelt: »Glaubt Ihr, es bedürfte eines königlichen Juwels, um mich an Euch zu erinnern, Dame Cathérine? Und lebte ich zweihundert Jahre, würde ich Euch nicht vergessen! Aber ich werde mit Freuden diese Kette aus großen Tagen tragen. Mit Stolz auch, da sie von Euch kommt.« Das gemeinsam eingenommene Abendessen sollte das letzte vor ihrer Trennung sein. Cathérine empfand echten Schmerz, sich von diesem guten, wortkargen Kameraden trennen zu müssen, der sich so aufopfernd und von so großem Mut beseelt gezeigt hatte. Auch wollte sie, trotz des Zustandes ihrer Schwiegermutter, daß diese Mahlzeit einen festlichen Charakter annehmen sollte. Mit Hilfe Donatiennes und dem guten Willen des Wirtschaftshofes des Klosters gelang es ihr, wenn auch kein prächtiges, so doch ein achtbares Souper zusammenzustellen. In eine der wenigen eleganten Roben gekleidet, die sie noch besaß, setzte sie sich neben ihren Gast unter einen herrschaftlichen Baldachin, und Gauthier servierte das Festmahl mit mehr gutem Willen als Stil. Aber die beiden Freunde sprachen der Kohlsuppe und den gebratenen Kapaunen des Abtes deshalb nicht weniger herzhaft zu. Als man sich von der Tafel erhob, sah Cathérine, daß die Nacht voll hereingebrochen war, und erkundigte sich nach Fortunat. Den ganzen Tag hatte sie auf seine Rückkehr gewartet, mit der absurden Hoffnung auf neue Nachrichten. Als ob er überhaupt Nachrichten haben könnte, wo es sich doch um einen Leprakranken handelte? … Es war eine Enttäuschung zu hören, daß er noch nicht zurückgekommen sei. Und dieser Enttäuschung fügte sich noch eine Unruhe hinzu, als sie feststellte, daß Gauthier besorgt zu sein schien. »Er muß sich verspätet haben«, sagte sie, als er von einem letzten Besuch beim Bruder Pförtner zurückkam. »Dann wird er eben morgen zurückkehren.« Aber der Normanne schüttelte den Kopf. »Fortunat? Der ist pünktlich wie eine Uhr! Er bricht stets in derselben Stunde auf und kehrt stets zur selben Stunde zurück, genau vor dem Abendessen. Es geht nicht mit natürlichen Dingen zu, daß er nicht hier ist!« Sein Blick kreuzte den Cathérines. Beide hatten denselben Gedanken. Etwas war Fortunat zugestoßen, aber was? Ein unglückliches Zusammentreffen war immer möglich, obgleich das Gebiet ziemlich sicher war, seitdem die Armagnacs die Garnison von Carlat verstärkt hatten und der energische Bernard de Calmont der Abtei vorstand. Außerdem räumte der Engländer einen der befestigten Plätze nach dem anderen in der Auvergne. »Warten wir!« sagte Cathérine nur. »Morgen bei Tagesanbruch gehe ich ihm entgegen.« Cathérine hatte Lust zu sagen: »Ich komme mit …«, aber sie besann sich eines Besseren. Sie konnte Isabelle in diesem Augenblick nicht allein lassen. In ihren wenigen lichten Augenblicken verlangte die alte Dame sofort nach ihr und zeigte eine solche Freude über ihre Anwesenheit, daß Cathérine es nicht übers Herz brachte, sie ihrer zu berauben. Sie begnügte sich zu seufzen: »Es ist gut! Du wirst tun, was du für richtig hältst!« Ehe sie schlafen ging, machte sie einen Rundgang im Hause, bedacht darauf, alle ihre Pflichten als Haushaltungsvorstand peinlich zu erfüllen. Da der Abt ihr freie Verfügung über das Gästehaus ließ, sorgte sie dafür, daß alles in bester Verfassung war. Sie ging sogar in den Stall, wo die Pferde der Eskorte standen, doch eher aus einem sentimentalen Grund als der Ordnung halber. Tatsächlich war sie überrascht, Morgane dort wiederzufinden, ihre weiße Stute, die der Schotte Hugh Kennedy, treu seinem ihr gegebenen Versprechen, nach Carlat hatte zurückbringen lassen. Morgane war für sie ebenso eine wichtige Persönlichkeit wie eine Freundin. Beide verstanden sich wunderbar und hatten sich mit großer Freude wiedergefunden. »Es ist uns bestimmt, allmählich zusammen alt zu werden«, sagte Cathérine etwas melancholisch, das schneeige Fell Morganes streichelnd. »Du wirst nichts mehr als der weise Zelter einer noch weiseren Dame sein!« Die großen, gescheiten Augen Morganes blickten sie mit einem Ausdruck an, den Cathérine für diabolisch hielt, und das kampflustige Wiehern, das ihn begleitete, gab deutlich zu verstehen, daß die kleine Stute, was sie betraf, nichts dergleichen glaubte … Dies war so erstaunlich, daß Cathérine lachen mußte. Sie reichte Morgane ein Stück Zucker, das sie extra für sie mitgebracht hatte, und tätschelte ihr dann die Kruppe. »Wir haben Lust auf Abenteuer, wie mir scheint, was? Gut, meine Schöne, wir müssen dir einen Grund dazu finden!« Nachdem sie den Stall verlassen hatte, bekam Cathérine Lust, sich noch etwas im Hof aufzuhalten, weil die Nacht außergewöhnlich schön war, aber Donatienne kam, um ihr zu sagen, sie habe ihr ein Bett in einem Zimmer neben dem Isabelles hergerichtet. »Ich wollte mich neben ihr niederlassen!« protestierte Cathérine. »Ihr habt genug gewacht, Donatienne. Ihr müßt schlafen …« »Bah! Ich schlafe ebensogut auf einer Bank!« sagte die alte Bäuerin gutmütig lächelnd. »Und dann glaube ich, daß sie heute nacht gut schlafen wird. Der Bruder Apotheker hat mir für sie einen Absud aus Klatschmohn gegeben … Ihr solltet eigentlich auch etwas davon trinken. Ihr scheint recht nervös zu sein!« »Ich glaube, ich werde auch ohne das ausgezeichnet schlafen!« Sie ging Michel umarmen, der unter dem gleichmütigen Blick Gauthiers sein Gebet herunterhaspelte. Die Kameradschaft, die das Kind und den riesenhaften Normannen verband, hatte sie gleichermaßen belustigt und überrascht. Beide verstanden sich wunderbar, und wenn Gauthier dem kleinen Herrn gegenüber eine gewisse Nachgiebigkeit zeigte, so ließ er ihm doch nicht alles durchgehen. Was Michel betraf, so betete er Gauthier an, dessen Kräfte er sichtlich bewunderte. Er hatte seine Mutter empfangen, als wäre sie erst tags zuvor abgereist. Er war ihr auf seinen noch etwas unsicheren Beinchen in die Arme geeilt, sobald er sie von weitem erblickte, und hatte, die Händchen um ihren Hals schlingend, seinen blonden Kopf zärtlich an den Cathérines gelegt und einen glücklichen Seufzer ausgestoßen. »Mama!« hatte er nur gesagt. Und Cathérine waren die Tränen gekommen. An diesem Abend brachte sie ihn selbst zu Bett, dann, nachdem sie ihn geküßt hatte, ließ sie ihn die Geschichte anhören, die Gauthier erzählte. Jeden Abend erzählte der Normanne seinem kleinen Freund eine Geschichte, einen Ausschnitt, wenn die Erzählung zu lang war, und es waren die fremden Legenden aus dem Norden, voll von Dämonen, phantastischen Göttern und kriegerischen Jungfrauen. Der Kleine hörte mit offenem Mund zu und schlief schließlich langsam ein … Cathérine zog sich auf Zehenspitzen zurück, während Gauthier begann: »Also, der Sohn Erichs des Roten stieg mit seinen Kameraden auf sein Schiff und fuhr mit ihnen auf das große Meer hinaus …« Gauthiers Stimme hatte etwas Einschläferndes. Das Kind war noch zu jung, um diese Erzählungen aus einem anderen Zeitalter zu begreifen, aber es machte trotzdem große verwunderte Augen, von den melodramatischen, unbekannten Worten und dem Zauber dieser ernsten Stimme gefesselt. In ihrem kleinen, schmalen Bett überließ Cathérine sich ihr auch, empfänglich für die Besänftigung, die die Stimme ihr brachte. Ihr letzter Gedanke galt Sara. Sie waren so schnell geritten, sie und die Bretonen, daß sie sie vielleicht überholt hatten, ohne es zu wissen. Aber jetzt würde sie zweifellos bald eintreffen … Der Gedanke, daß ihr etwas zugestoßen sein könnte, kam ihr gar nicht. Sara war unverwüstlich, kannte die Geheimnisse der Natur, und die Natur war ihre Freundin. Bald würde sie dasein … ja, bald … Der Sohn Erichs des Roten segelte bereits geraume Zeit auf den grünen, endlosen Wellen des Meeres, als Cathérine schon tief schlief … Sie hatte eine merkwürdige Vision, etwa um Mitternacht. Schlief sie noch, oder war sie vielleicht halb aufgewacht? War dies ein Traum? Es war ihr, als ob sie die Augen auf den ihr noch fremden Hintergrund des Zimmers öffnete. Die Stille war vollkommen, aber das Nachtlicht, das neben Isabelle brannte, leuchtete noch. Von ihrem Bett aus konnte Cathérine die schlafende Donatienne sehen, die Nase im Schoß und die Haube quer über ihrer mit Kissen belegten Bank … Plötzlich glitt eine dunkle Gestalt neben das Bett der Kranken … die Gestalt eines schwarzgekleideten Mannes, der eine Maske trug … Der Schreck stieg Cathérine in die Kehle. Sie wollte schreien, aber kein Ton entrang sich ihrem Mund. Sie wollte sich bewegen, aber ihre Glieder, ihr Körper waren so schwer geworden, daß sie den Eindruck hatte, ans Bett gefesselt zu sein. Wie in einem quälenden Alptraum sah sie, wie der Mann sich hinabbeugte, sich noch einmal über das Bett Isabelles beugte, eine Bewegung machte und sich dann wieder aufrichtete. In der Meinung, der Unbekannte sei im Begriff, die Kranke zu ermorden, öffnete Cathérine den Mund, aber wieder kam kein Ton heraus … Der Mann trat jetzt zurück, wandte sich um … die Maske in der Hand … und Cathérines Angst verwandelte sich in eine ungeheure Freude, die sie überflutete. Sie erkannte das kühne Profil, die dunklen Augen und den festen Mund ihres Gatten sehr gut! Arnaud! Es war Arnaud! … Eine wundervolle Glückswelle, wie nur die Träume sie einem gewähren, hüllte Cathérine ein. Er war da, er war zurückgekommen … Gott hatte zweifellos ein Wunder bewirkt, denn das schöne Gesicht, das sie so deutlich in Erinnerung behalten hatte, war unversehrt. Es zeigte keinerlei Spuren der abscheulichen Krankheit. Aber warum war es so blaß, so todtraurig? … Von der Liebe aufgewühlt, die sie einen Augenblick eingeschlummert geglaubt hatte und die nun fordernder denn je wiederkehrte, wollte sie ihn zu sich rufen, die Arme ausstrecken … und fand sich wieder ohnmächtig, unfähig dazu. Der Alpdruck, der Nebel, der sie einhüllte, erstickte sie fast … Und schon sah sie Arnaud unerbittlich in diesem Nebel verschwinden, in Richtung auf Michels Zimmer. Und dann war nichts mehr als ein schreckliches Gefühl der Verlassenheit, der unabänderlichen Einsamkeit … »Er ist verschwunden«, dachte Cathérine verzweifelt. »Diesmal werde ich ihn nicht wiedersehen … nie mehr!« Sie stand bei Sonnenaufgang auf. Draußen stieß Tristan ins Horn und rief die Bretonen in den Sattel. Die Stunde des Aufbruchs war nahe, und Cathérine erhob sich, um dabei behilflich zu sein. Nicht ohne Mühe. Sie fühlte sich schrecklich müde, ihr Kopf war schwer, und die Beine waren schwach. Aber durch das schmale Fenster ihrer Zelle drang ein schöner, zu dieser Morgenstunde noch etwas schüchterner Sonnenstrahl zu ihr, und im anderen Zimmer hörte sie Michel in seinem Bettchen plappern … Sie betupfte sich das Gesicht mit etwas Wasser, beeilte sich beim Ankleiden und kämpfte, so gut sie konnte, gegen einen mehr und mehr peinigenden Eindruck an. Es gelang ihr nicht, den Traum der vergangenen Nacht aus ihrem Gedächtnis zu löschen. Je mehr sie daran dachte, desto mehr fühlte sie sich versucht zu weinen, denn sie erinnerte sich, schreckliche Geschichten von Leuten gehört zu haben, die ihren Lieben zur Stunde ihres Todes erschienen waren, um ihnen dies anzukündigen. War dieser so realistische Traum nicht eine dieser tragischen Vorwarnungen? Und war Arnaud nicht …? Nein, sie konnte sich nicht einmal das Wort vorstellen! Andererseits … die ungewöhnlich lange Abwesenheit Fortunáis? Wenn er etwa da unten eine schreckliche Neuigkeit erfahren hätte? Vielleicht hatte die Krankheit zu schnelle Fortschritte gemacht … »Es ist zum Verrücktwerden!« dachte Cathérine laut. »Ich muß Bescheid wissen, Gauthier muß sofort aufbrechen … oder vielmehr, nein, ich werde mit ihm gehen … Donatienne wird meine Schwiegermutter heute noch gut versorgen, und für die schnellen Beine Morganes sind sechs Meilen hin und ebenso viele zurück eine Kleinigkeit. Bis zum Abend sind wir wieder hier!« Sie eilte, ihren Sohn zu umarmen, stellte nebenbei fest, daß die Dame Isabelle noch schlief, und trat schnell in den Hof. Die Bretonen waren bereits aufgesessen, aber neben dem weit offenstehenden Stall unterhielt Tristan sich mit Gauthier. Sie traten auseinander, als sie Cathérine bemerkten. Sie zwang sich, trotz der Trauer in ihrem Herzen dem Abreisenden zuzulächeln, und streckte ihm die Hand hin: »Gute Reise, Freund Tristan! Sagt Monseigneur dem Konnetabel, wie dankbar ich ihm bin, daß er Euch zu mir geschickt hat.« »Bestimmt wird er wissen wollen, wann wir das Glück haben werden, Euch wiederzusehen, Dame Cathérine!« »Nicht sehr bald, fürchte ich, außer Ihr kommt inzwischen wieder her! Ich habe soviel zu tun in der Auvergne! Es muß alles wieder werden wie früher!« »Bah! Die Auvergne ist nicht so weit! Ich weiß, daß der König plant hierherzukommen, und wenn er sich endlich mit Richemont ausgesöhnt hat, werden wir vielleicht alle bald vereint sein!« »Gebe es Gott! Auf Wiedersehen, mein Freund.« Er küßte die Hand, die sie ihm noch hinhielt, und schwang sich in den Sattel. Die Pforten der Abtei öffneten sich weit vor ihm, gaben den Dorfplatz frei, wo sich die Hausfrauen bereits zusammenrotteten. Tristan l'Hermite setzte sich an die Spitze seiner Truppe, doch im Augenblick, als er über die geweihte Schwelle ritt, drehte er sich um, zog seinen schwarzen Filzhut und schwenkte ihn in die Luft. »Auf bald, Dame Cathérine!« »Auf bald, so Gott will, Freund Tristan!« Einige Augenblicke später waren die schweren Torflügel wieder geschlossen, und der Hof war leer. Cathérine ging auf Gauthier zu, der sich noch neben der offenen Stalltür aufhielt. »Ich habe heute nacht einen seltsamen Traum gehabt, Gauthier … Traurige Gedanken quälen mich … Außerdem habe ich beschlossen, mit dir Fortunat nachzureiten. Selbst wenn wir bis Calves reiten müssen, glaube ich doch, daß wir noch bei Tag zurückkommen können. Nimm dir ein Pferd und sattle mir Morgane!« »Das würde ich gerne tun«, erwiderte ruhig der Normanne, »aber leider ist es unmöglich!« »Und warum?« »Weil Morgane nicht mehr da ist.« »Was heißt das?« »Ich sage die Wahrheit: Morgane ist verschwunden. Seht selbst …« Verblüfft folgte Cathérine Gauthier in den dunklen Stall. Mehrere Pferde standen noch da, aber es war nur zu wahr, daß sich darunter keine weiße Stute befand. Bewegungslos inmitten des Stalles stehend, starrte Cathérine Gauthier an. »Wo ist sie?« »Wie soll ich das wissen? Niemand hat etwas gesehen, niemand etwas gehört … Außerdem fehlt noch ein anderes Pferd, Roland, eins von denen, die der Abt uns gegeben hat.« »Unglaublich! Wie konnten die beiden Tiere hier herauskommen, ohne daß jemand es merkte?« »Ohne Zweifel, weil der, der sie weggeführt hat, die Möglichkeit hatte, sich hier einzuschleichen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Er muß die Abtei gut gekannt haben.« »Und«, sagte Cathérine, sich auf ein Bündel Stroh setzend, »was schließt du daraus?« Gauthier antwortete nicht sofort. Er überlegte. Nach einem Augenblick warf er Cathérine einen unsicheren Blick zu. »Zufällig«, sagte er, »war Roland, das Pferd, das zusammen mit Morgane gestohlen wurde, dasjenige, dessen Fortunat sich gewöhnlich bediente, wenn er nach Aurillac oder sonstwohin ritt …« »Aber nicht nach Calves?« »Nein. Ihr wißt noch, daß er grundsätzlich nur zu Fuß dorthin ging … wegen Messire Arnaud!« Jetzt war es an Cathérine zu schweigen. Sie hatte sich einen Strohhalm herausgezogen und kaute zerstreut daran. Eine Fülle von Gedanken ging ihr durch den Kopf. Schließlich hob sie den Blick. »Ich frage mich, ob ich wirklich geträumt habe!« sagte sie. »Ob es nicht eine dieser Vorahnungen war?« »Was wollt Ihr damit sagen?« »Nichts, ich werde es dir erklären. Sattle zwei Pferde und sage Donatienne, daß wir den ganzen Tag fort sein werden. Ich werde meine Männerkleidung anlegen.« »Wohin reiten wir?« »Nach Calves, los! Und so schnell wie möglich!« Fünfzehntes Kapitel An der Kreuzung der beiden Landstraßen hielten die Reiter ihre Pferde an, unschlüssig, welche sie einschlagen sollten. Das ärmliche Dorf Calves lag jetzt ganz nahe, und am Horizont konnte Cathérine nicht ohne Bewegung den Basaltfelsen von Carlat, gespickt mit Türmen und Mauern, aufragen sehen. Dort hatte sie die quälendsten Stunden ihres ganzen Daseins durchlebt, war aus der bedrohten Feste geflohen, aber nun, angesichts dieses imposanten, vertraut gewordenen Hintergrunds, fühlte sie doch, wie ihr der Mut schwand. Ein von den Feldern kommender Bauer, die Hacke über der Schulter, näherte sich dem Kreuzweg. Gauthier erkundigte sich vom Sattel aus bei ihm. »Weißt du, braver Mann, wo das Haus der Leprakranken ist?« Der Mann bekreuzigte sich bestürzt und zeigte auf eine der beiden Straßen. »Dort hinunter bis zum Fluß … dann werdet Ihr ein großes, verschlossenes Gebäude sehen. Das ist es. Aber kommt hinterher nicht ins Dorf!« Eiligst entfernte er sich in Richtung des Weilers. Cathérine lenkte den Kopf ihres Pferdes in die angezeigte Richtung. »Reiten wir!« sagte sie nur. Die Straße fiel zur Ebene ab, einem kleinen Fluß, der sich weiter entfernt um den Felsen von Carlat wand. Eine Reihe Weiden bezeichnete seinen Lauf. Cathérine ritt schweigend voran, sich ganz dem Schritt ihres Pferdes überlassend. So dicht bei dem Ort, von dem sie so oft geträumt hatte, ohne je zu wagen, sich ihm zu nähern, befiel sie eine beklemmende Erregung. In wenigen Augenblicken würde sie Arnaud ganz nahe sein, nur wenige Schritte von der Stelle entfernt, wo er lebte … Vielleicht würde es ihr gelingen, ihn zu sehen! Der bloße Gedanke ließ ihr Herz wild pochen, doch trotzdem fiel es ihr schwer, sich im Geiste von der bösen Vorahnung loszureißen, die sie seit dem Morgen mit sich herumtrug … Der Weg bog jetzt ab und führte durch ein kleines Gehölz, dessen Zweiggewirr undurchdringlich schien. Der holprige, schwierige, von eingefahrenen uralten Wagenspuren und schlammig gebliebenen Löchern ausgehöhlte Boden konnte nicht oft betreten worden sein. Der Himmel an diesem Tagesende (Cathérine und Gauthier hatten wesentlich mehr Zeit gebraucht, als sie glaubten, um Calves zu erreichen) verschwand hinter dem dichten Gewölbe des Blattwerks. Dieses Gehölz wirkte, als sei es eine von Menschen errichtete Baumschranke zum Schutz vor den Ausgestoßenen der Leprastation … Und dann plötzlich, am Fuß des Abhangs, schwenkten die beiden Reiter um einen steilen Felsen herum und befanden sich wieder am Ufer des Flüßchens. Über dem hier verengten Tal, in dem nur das melancholische Lied des Wassers zu hören war, lastete eine Atmosphäre beklemmender Trauer. Am Rand des Wäldchens hielt Cathérine brüsk ihr Pferd an. Gauthier tat es ihr nach, und beide verharrten nebeneinander, bewegungslos, verblüfft. Einige Klafter vor ihnen ragten die Umfassungsmauern einer Art Meierei empor … nur die Umfassungsmauern, denn in der Mitte gab es nichts als geschwärzte Mauerreste, verkohlte Balken, einen stehengebliebenen Spitzbogen, der der Eingang der Kapelle gewesen sein mußte. Das große Portal, herausgerissen und in seinen Angeln hängend, gab den Blick auf den Innenhof der Leprastation frei, der voll ausgeglühten Schuttes lag. Einzig das unheilvolle Krächzen der Raben, die am Himmel kurvten, und das Rauschen des Flüßchens störten die Stille. Cathérine wurde totenblaß, schloß die Augen und schwankte im Sattel, einer Ohnmacht nahe. »Arnaud ist tot!« stammelte sie. »Es war sein Geist, den ich gestern nacht gesehen habe!« Mit einem Satz sprang Gauthier zu Boden. Seine starken Arme hoben die junge Frau aus dem Sattel. Besorgt, weil sie erschreckend blaß war und mit den Zähnen klapperte, bettete er sie auf die Wegböschung und machte sich daran, ihr kräftig die erstarrten Hände zu massieren. »Dame Cathérine! Vorwärts! … Kommt zu Euch! Habt Mut, ich bitte Euch!« flehte er sie an. Doch ihr war, als entrinne ihr das Leben, als flösse es ihr aus dem Körper wie Wasser, als schwinde mit ihm ihr Bewußtsein. Verzweifelt gab er ihr zwei Ohrfeigen, sich mit aller Gewalt beherrschend, um sie nicht durch ein Übermaß an Kraft zu töten. Die blassen Wangen wurden schnell wieder rot, Cathérine öffnete die Augen und sah ihn verblüfft an. Er lächelte zerknirscht: »Verzeiht mir, ich hatte keine andere Wahl! Wartet, ich werde Euch ein wenig Wasser holen.« Die niedergebrannten Gebäude umgehend, lief er zum Fluß, füllte den Becher, den er am Gürtel trug, und kam zurück, um Cathérine mit der Fürsorglichkeit einer Mutter zu trinken zu geben. Die Wirkung trat sofort und jäh ein; die junge Frau brach in Tränen aus. Vor ihr stehend, ließ er sie weinen, denn er kannte die beruhigende Macht der Tränen. Er sagte kein Wort, tat nichts, um den schrecklichen Tränenstrom aufzuhalten, der aus ihr hervorbrach. Und mählich beruhigte sich Cathérine … Nach einer kurzen Weile hob sie ihr versteinertes Gesicht mit den verweinten Augen zu dem Normannen. »Wir müssen herausbekommen, was passiert ist!« sagte sie mit sich festigender Stimme. Gauthier reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen. Sie ließ sie nicht los, glücklich, diese Kraft, diese Wärme zu spüren, die sie für das Kommende brauchen würde. Von ihm gestützt, schritt sie zum zerstörten Portal, über dem noch das Wappen der Abtei Saint-Géraud d'Aurillac zu sehen war, zu der die Leprastation gehörte. Aber ihr Herzschlag setzte einmal aus, als sie über die Schwelle trat, über die Arnaud eines Tages geschritten war … für immer! Noch liefen ihr Tränen über die Wangen, schwer, unversiegbar, aber sie kümmerte sich nicht darum. Die Zerstörung im Innern war vollkommen, total. Es blieben nur angekohlte, verbogene Trümmer, die Cathérine an die Ruinen von Montsalvy erinnerten. Die Feuersbrunst hatte alles verwüstet, ausgenommen einige besonders dicke Mauern, die dem Brand widerstanden hatten. Aber nirgends war mehr ein Dach, keine einzige Tür, nichts als geborstene Steine, über die Gauthier sich beugte. »Das Feuer muß erst vor kurzem gewütet haben«, sagte er. »Die Steine sind noch warm!« »Mein Gott!« seufzte Cathérine mit schwacher Stimme. »Wenn ich daran denke, daß er da unten liegt … mein vielgeliebter Mann … meine Liebe!« Sie ließ sich zwischen den Trümmern auf die Knie fallen und versuchte, die Steine wegzuräumen, an denen sich ihre zitternden, unbeholfenen Hände verletzten. Gauthier hob sie mit Gewalt auf. »Bleibt nicht hier, Dame Cathérine, kommt mit mir!« Aber sie sträubte sich mit unerwarteter Heftigkeit. »Laß mich … ich will hierbleiben! Er ist hier, sage ich dir!« »Ich glaub's nicht und Ihr auch nicht! … Aber selbst wenn er hier wäre, was würde es Euch nützen, Euch an diesen heißen Steinen die Finger zu verbrennen?« »Ich sage dir, er ist tot!« rief Cathérine außer sich. »Ich sage dir, daß ich seinen Geist gestern nacht gesehen habe … Er ist mir erschienen, maskiert, im Zimmer meiner Schwiegermutter. Er hat sich über ihr Bett gebeugt, und dann ist er verschwunden!« »Und er ist nicht zu Euch ins Zimmer getreten? War die Dame Isabelle wach, oder schlief sie?« »Sie schlief. Sie hat nichts gesehen! Zuerst glaubte ich an einen Traum, aber jetzt weiß ich, daß ich nicht geträumt habe, daß ich den Geist Arnauds gesehen habe …« Sie begann wieder zu schluchzen. Gauthier packte sie an den Schultern, schüttelte sie heftig und brüllte sie an: »Und ich sage Euch, daß Ihr keinen Geist gesehen habt! Daß Ihr auch nicht geträumt habt … Ein Geist wäre zu Euch gekommen! Ganz bestimmt wußte Messire Arnaud nichts von Eurer Rückkehr, also hat er gar nicht versucht, sich Euch zu nähern.« »Was willst du damit sagen?« Mit einem Schlag zur Ruhe gebracht, blieb Cathérine der Mund offen, und sie starrte Gauthier an, als wäre er plötzlich verrückt geworden. »Ich will sagen, daß ein Geist alles, was die Lebenden betrifft, weiß. Er hätte sich zu Euch umgewandt. Und dann, wozu die Maske?« »Du glaubst doch nicht, daß ich Arnaud gesehen haben könnte … Arnaud in Person?« »Ich weiß nichts! Aber es geschehen seltsame Dinge. Angenommen, Fortunat ist zu Messire Arnaud gegangen und hat ihm gesagt, seine Mutter liege im Sterben! Selbst auf der Schwelle des Todes, hat sie von Leprakranken nichts mehr zu fürchten … Vielleicht hat er sie noch ein letztes Mal sehen wollen, während er nicht zu Euch hinüberging, weil er von Eurer Rückkehr nichts wußte. Fortunat wußte ja auch nichts davon …« »Wo kann er also jetzt sein? Und was ist hier vorgegangen? Was bedeuten diese Ruinen, diese Stille, diese Einöde?« »Ich weiß es nicht«, erwiderte Gauthier nachdenklich, »aber ich werde versuchen, es herauszubekommen. Und was die Frage betrifft, wo er ist, so habe ich eine Idee, daß Fortunat es uns sagen könnte … Wie er uns vielleicht auch sagen könnte, wo Morgane und Roland geblieben sind!« Sanft führte er sie aus den Ruinen heraus. Cathérine hängte sich wie ein ängstliches Kind bei ihm ein und sah ihn mit verwunderten Augen an. »Glaubst du wirklich, was du da sagst?« »Hab' ich schon etwas gesagt, was ich nicht glaube? Besonders zu Euch?« Ein zitterndes Lächeln lag auf ihren Lippen, den Tränen noch so nahe, daß der Normanne sein Herz vor Mitleid schmelzen fühlte. Er liebte sie genug, um seine eigene Liebe zu vergessen und nichts anderes zu wünschen, als sie glücklich zu sehen. Ach, das Schicksal bestrafte sie allzu hart. Wie viele gegenwärtige und kommende Tränen für eine Schwäche, deren sie sich schuldig gemacht hatte! »Mach mir nicht zuviel Hoffnung«, bat sie ihn. »Siehst du, ich könnte daran sterben …« »Bleibt stark, wie Ihr es immer gewesen seid. Und bemühen wir uns, es herauszubekommen … Brechen wir auf. Wir werden sicher jemand finden, der wissen wird, was sich zugetragen hat.« Sie nahmen ihre Pferde und verließen das einsame Tal, kehrten zu den bewohnten Gefilden, zum freieren Himmel zurück … Diesmal ritt Gauthier an der Spitze, nach einer Spur von Leben in der verlassenen Landschaft suchend. Cathérine folgte, den Kopf gesenkt, bemüht, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen, die gleichermaßen zwischen Hoffnung und Kummer schwankten. Mit einem Schlag war all das, was bislang für sie von Wichtigkeit gewesen war, unwichtig geworden. Nur eins zählte jetzt noch: herauszubekommen, ob Arnaud tot war oder lebte. Denn es konnte für sie keine Ruhe mehr geben, bevor sie sich darüber nicht Gewißheit verschafft hätte. Als sie das düstere Gehölz hinter sich hatten, hob Gauthier sich in den Steigbügeln, sah sich um und wies dann nach Süden: »Ich sehe den Rauch eines Bauernhauses auf einer Anhöhe … Von da oben muß man die Dächer des Hospitals sehen können. Dann müßte man auch …« Es war ein ganz kleines Haus, bescheiden unter seinem verwaschenen Strohdach. Um den Bewohnern keinen Schreck einzujagen, banden Gauthier und Cathérine ihre Pferde an einen Baum und kletterten zu Fuß den steilen Pfad hinauf, der bis zur Tür führte. Das Geräusch ihrer Schritte rief eine alte Bäuerin in gelber Haube auf die Schwelle. Sie mußte sehr alt sein, denn sie war ganz bucklig und stützte sich mit der freien Hand auf einen Kornelkirschstock, aber die Augen, die sie zu den Fremden emporhob, waren jung und durchdringend geblieben. Cathérine reichte ihr ein Goldstück und fragte, ob sie ihr eine Auskunft geben wolle. »Gold«, sagte sie, »schönes, gutes Gold! Es ist schon sehr lange her, daß ich das gesehen habe! Was wollt Ihr wissen, mein junger Edelknappe?« »Wann ist das Hospital abgebrannt?« Trotz des Goldstücks wandte die Alte den Kopf zur Seite, sichtlich abgeneigt zu sprechen. Sie zögerte, umklammerte mit ihrer runzligen Hand das Goldstück und entschloß sich endlich. »Donnerstag nacht. Die Leprakranken sind närrisch geworden. Das heißt … der Mönch, der sie behütete und über sie wachte … ein Heiliger! … ist abends zuvor gestorben, am Biß einer Viper. Was für einen Heidenlärm sie gemacht haben! Den ganzen Abend konnte man sie weinen und kreischen hören … wie Dämonen! Die Berge hallten davon wider. Es war, als hätte sich die Hölle aufgetan … Die Leute vom Dorf hatten Angst. Sie glaubten, die Leprakranken seien ausgezogen, um sie anzugreifen! Sie sind deshalb nach Carlat gelaufen, um die Besatzung um Hilfe zu bitten. Darauf sind die Soldaten gekommen …« Sie hielt inne und warf, offenbar in Erinnerung an die Schreckensbilder, die sie gesehen hatte, ängstliche Blicke in Richtung der Ruinen. Dann bekreuzigte sie sich. »Und dann?« fragte Cathérine keuchend. »In der Nacht sind sie gekommen«, fuhr die Alte mit abnehmender Stimme fort. »Die Leprakranken schrien unaufhörlich ihren Schmerz hinaus … Es war entsetzlich! Doch danach … war es noch schlimmer!« Cathérine wurde übel. Sie ließ sich auf eine vor der Hütte stehende Steinbank sinken und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. »Um Himmels willen … Weiter, weiter!« »Die Bewaffneten waren alte Landsknechte, richtige Barbaren«, platzte die Alte mit plötzlicher Heftigkeit heraus. »Sie haben das Portal des Hospitals verbarrikadiert … und dann haben sie das Feuer angelegt!« Ein doppelter Entsetzensschrei antwortete ihr. Cathérine, zutiefst getroffen, hatte sich an die Wand gelehnt. »Arnaud!« flüsterte sie. »Mein Gott!« Die Alte war jetzt in Fahrt. Mit einer Art Wut fuhr sie fort: »Die Soldaten waren betrunken, weil die Leute vom Dorf ihnen zu trinken gaben, um ihnen Mut zu machen, zum Hospital zu gehen. Sie brüllten, man müsse dieses Nest der Ausgestoßenen zerstören … das Tal müsse gesäubert werden! … Die ganze Nacht hat es gebrannt. Doch schon vor Mitternacht hörte man nichts mehr schreien … nur noch das Knattern der Flammen!« Sie schwieg, und es war auch Zeit. Cathérine war es schwindlig geworden. Gauthier neigte sich über sie und packte ihren Arm. »Kommt«, sagte er sanft. »Wir gehen …« Aber wie teilnahmslos blieb sie unbeweglich sitzen. Die Alte sah sie neugierig an. »Der junge Herr scheint zu leiden! Kannte er denn einen der Unglücklichen?« »Der junge Herr ist eine Frau«, erwiderte Gauthier kurz. »Sie kannte … tatsächlich einen von ihnen!« Cathérine hörte nichts mehr. Ihr Körper schien ihr wie Stein, und in ihrem leeren Kopf hallte ein einziger Gedanke wie der Schlag einer Glocke: »Er ist tot! Sie haben ihn mir getötet!« Sie hatte alles vergessen, was Gauthier ihr gesagt hatte. Vor ihren Augen war nur noch die flammende Feuersbrunst in der Nacht, und ihr Herz schmerzte, als ob Eisenkrallen es ihr aus der Brust reißen wollten … Die Alte war still ins Haus zurückgegangen und kehrte mit einem Napf wieder zurück. »Da, arme Dame«, sagte sie, »trinkt das! Es sind in Wein eingeweichte Kräuter. Es wird Euch guttun.« Cathérine trank, fühlte sich gleich ein wenig besser und wollte aufstehen, aber die Alte hielt sie zurück. »Nein, bleibt! Die Nacht bricht gleich herein, und die Straßen sind nicht sicher. Wenn Euch niemand erwartet, bleibt hier bis zum Morgen … Ich habe Euch wenig zu bieten, aber ich gebe es Euch gern.« Gauthier blickte fragend in das blasse Gesicht der jungen Frau, die sich nur mit Mühe aufrecht halten zu können schien. In dieser Nacht konnte sie auf keinen Fall nach Montsalvy zurückreiten. »Wir bleiben hier«, sagte er einfach. »Habt Dank!« Die ganze Nacht verbrachte Gauthier am Kopfende der Strohmatratze, auf die Cathérine, vergebens Schlaf suchend, sich ausgestreckt hatte. Die ganze Nacht versuchte er, der wunden Seele der jungen Frau das Vertrauen einzuflößen, das ihn beherrschte. Er sagte es immer wieder, wiederholte unablässig dieselben Dinge! Cathérine hatte keinen Geist gesehen! Sie hatte Arnaud selbst gesehen, der zweifellos mit Hilfe Fortunáis dem Feuer entronnen war … und die beiden Männer hatten fliehen und die Pferde nehmen müssen. Aber sie wollte ihm nicht glauben. Arnaud hatte keinen Grund, von Montsalvy zu fliehen. Er konnte zumindest bei Saturnin Zuflucht suchen, der ihn trotz der Angst vor der Krankheit aufgenommen hätte … Nein, erwiderte Gauthier, der Herr fürchtete, die Seinen zu infizieren. Wenn er sich seiner Mutter genähert hatte, dann nur, weil er wußte, daß sie im Sterben lag … und Fortunat hatte ihn vielleicht in ein anderes Hospital geführt. Bei Conques solle es eines geben … »Verzweifelt nicht, Dame Cathérine … Wir werden nach Montsalvy zurückkehren, und in einigen Tagen werdet Ihr Fortunat wiedersehen. Glaubt mir!« »Ich möchte dir gerne glauben«, seufzte Cathérine, »aber ich wage es nicht! Allzuoft bin ich getäuscht worden!« »Ich weiß! Aber mit Mut und Zähigkeit kann man die Not überwinden! Eines Tages, Dame Cathérine, werdet Ihr auch noch …« »Nein. Sag nichts mehr. Ich werde versuchen, vernünftig zu sein … Ich werde versuchen, dir zu glauben …« Aber es gelang ihr nicht. Als der Tag anbrach, war sie noch ebenso entmutigt, ebenso verzweifelt. Sie bedankte sich großzügig bei der alten Bäuerin für ihre Gastlichkeit und schlug dann im herrlichsten Sonnenschein, der gleichermaßen ihren müden Augen und ihrem schweren Herzen weh tat, mit Gauthier den Weg nach Montsalvy ein. Von der wundervollen Landschaft des Tals der Truyère mit ihren grünen, bewaldeten Bergrücken bemerkte Cathérine nichts. Sie ritt mit gebeugtem Rücken und halbgeschlossenen Augen dahin, in ihre quälenden Gedanken versunken. Die Vision, die ihr neulich nacht zuteil geworden war, hatte sie so nachhaltig vom Tode Arnauds überzeugt, daß die ganze Welt plötzlich ihre Farbe verloren hatte. Es war, als sei etwas in ihr selbst gestorben. Ihr leerer Geist fand nicht einmal mehr ein Gebet, um den Himmel um Hilfe anzuflehen. Der Gotteslästerung nahe, dachte Cathérine nur an Gott, um ihn ungerechter Grausamkeit zu bezichtigen. Welchen Preis ließ er sie für jede der Gunstbezeigungen, die er ihr so knausrig gewährte, bezahlen! Außerdem entdeckte sie, daß sie Arnaud bisher nicht wirklich verloren gegeben hatte. Gewiß, man hatte ihn aus der Liste der Lebenden gestrichen, aber irgendwo unter dem Himmel atmete er, und sie, Cathérine, hielt es für möglich, ihn wiederzufinden, sobald ihre Aufgabe beendet sein würde. Was blieb ihr jetzt? Eine ungeheure Leere und der Geschmack von Asche auf den Lippen … Von Zeit zu Zeit trieb Gauthier sein Pferd neben das ihre und sprach mit ihr, um zu versuchen, sie aus ihrer selbstzerstörerischen Traurigkeit zu reißen. Sie antwortete einsilbig, dann gab sie ihrem Pferd die Sporen und ritt einige Klafter voraus. Für sie war nur noch die Einsamkeit erträglich. Als Cathérine indessen in den Hof von Montsalvy einritt, regte sich eine Empfindung in ihr, die fast ein wenig wie Freude war, denn auf der Schwelle des Gästehauses stand Sara, den kleinen Michel auf dem Arm! Sie stand bewegungslos da, hatte das Kind ans Herz gedrückt und glich in dieser Haltung einer ländlichen Madonna; doch als die Reiter näher kamen, bemerkten die scharfen Augen der Zigeunerin das verwüstete Gesicht und den schlafwandlerischen Blick Cathérines. Der anfangs strenge Ausdruck ihrer Züge milderte sich. Die fast mütterliche Liebe, die Sara für Cathérine empfand, erriet ihr Leid allein aus ihrer gedrückten Haltung. Ohne die Augen von ihr zu wenden, reichte sie Michel Donatienne, die das Klappern der Hufe herbeigelockt hatte, und ging den Ankömmlingen entgegen. Kein Wort wurde gesprochen. Als Sara neben ihrem Pferd angelangt war, ließ Cathérine sich zu Boden gleiten und warf sich schluchzend in die ihr entgegengestreckten Arme. Wie tröstlich sie ihr schien in diesem Augenblick der Verzweiflung, diese vorübergehend verlorene Zuflucht! Aber so jammervoll war der Anblick der jungen Frau, daß nun auch Sara in Tränen ausbrach. Ohne sich voneinander zu lösen, kehrten sie zusammen ins Haus zurück. Drinnen bekam Cathérine ihre Nerven wieder ein wenig in die Gewalt und wandte der alten Freundin ihr tränenüberströmtes Gesicht zu. »Sara! Meine gute Sara! … Daß du zurückgekommen bist! Ich bin also doch nicht ganz verflucht!« »Verflucht? Du? Armes Ding! … Wer hat dir denn diese Idee in den Kopf gesetzt?« »Sie ist überzeugt, daß Messire Arnaud in dem Brand umgekommen ist, der das Hospital von Calves zerstört hat!« sagte hinter ihr die ernste Stimme Gauthiers. »Sie will keinen Trost empfangen, will keinen Zweifel gelten lassen!« »Sieh mal einer an!« sagte Sara, deren Kampflust beim bloßen Anblick ihres alten Feindes sofort wiedererwacht war. »Erzählt mir das!« Und während Cathérine ihren Sohn mit einer Heftigkeit umarmte, die auf ihr übersprudelndes Herz schließen ließ, zog Sara den Normannen zum Kaminsims. In wenigen Worten hatte Gauthier alles berichtet: Cathérines Rückkehr, die Krankheit der Dame Isabelle, die seltsame nächtliche Vision der jungen Frau, das Verschwinden der beiden Pferde und schließlich das Drama von Calves. Sara hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen, mit gerunzelter Stirn, nicht die geringste Einzelheit des Berichts übersehend. Als er geendet hatte, verharrte sie einen Augenblick mit verschränkten Armen, das Kinn in der Hand, stumm auf den Rost des Kamins starrend, wo man Reisig aufgehäuft hatte. Schließlich ging sie zu Cathérine zurück, die sie von ihrem Schemel aus angstvoll beobachtete, während sie Michel mechanisch auf den Knien wiegte. »Was haltet Ihr davon?« fragte Gauthier. »Daß Ihr recht habt, mein Junge! Der Herr ist nicht tot! Das ist nicht möglich!« »Wie hätte er dann entkommen können?« fragte Cathérine. »Ich weiß es nicht! Aber einen Geist hast du nicht gesehen. Geister tragen keine Masken, ich kenne sie!« »Ich will dir gern glauben«, seufzte Cathérine. »Aber nun sag, was ich tun soll?« »Ein paar Tage abwarten, wie Gauthier sagte, um Fortunat Zeit zur Rückkehr zu geben. Wenn er nicht kommt …« »Wenn er nicht kommt?« »Reiten wir mit Saturnin und ein paar kräftigen Männern nach Calves zurück. Wir werden die Trümmer durchwühlen, bis wir Gewißheit haben. Aber was mich betrifft, habe ich diese Gewißheit bereits: Es gibt keine Leiche in Calves … zumindest nicht die, an die du denkst …« Diesmal kehrte ein wenig Hoffnung in Cathérines Herz zurück. So innig waren die Bande, die sie mit Sara vereinten, daß sie, durch mancherlei Erfahrungen bestärkt, in ihr wenn nicht ein Orakel, so doch einen klaren Verstand sah, der sich selten täuschte und sich zuweilen sogar zu Momenten seltsamen Scharfblicks aufschwingen konnte … Sie antwortete nicht, sondern nahm die Hand ihrer alten Freundin und hob sie demütig an ihre Wange wie ein Kind, das um Verzeihung bittet. Saras Augen waren voll Zärtlichkeit, als sie auf den blonden, ihr zugeneigten Kopf hinabsah. Im einbrechenden Abend läutete die Klosterglocke zum Gebet. »Die Mönche gehen jetzt in die Kapelle«, sagte Sara. »Du solltest auch beten gehen …« Cathérine schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Wünsche mehr, Sara! Was nützt es zu beten? Gott erinnert sich meiner nur, um mich zu züchtigen.« »Du bist ungerecht! Er hat dir die bitteren Früchte der Rache und die süßeren des Triumphs geschenkt. Du hast Montsalvy das Recht auf seine Existenz zurückgegeben.« »Aber um welchen Preis?« »Um einen Preis, den du noch nicht kennst … es sei denn, du bedauerst den, den du in Chinon zurückgelassen hast«, fügte sie absichtsvoll hinzu. Sie wollte sehen, wie Cathérine auf die Erinnerung an den Mann reagieren würde, dessentwegen sie beide sich entzweit hatten … Aber sie wurde in dieser Hinsicht sofort beruhigt. Cathérine hob ungeduldig die Schultern. »Was soll ich bedauern, solange ich nicht weiß, was Amaud zugestoßen ist?« Dem gab es nichts hinzuzufügen. Das Fieber, das Isabelle verzehrte, schien nachzulassen. Die alte Dame delirierte nicht mehr, sie hustete weniger, aber sie wurde mählich schwächer wie eine heruntergebrannte Öllampe. »Wir werden sie nicht retten!« sagte Sara, die Cathérine am Krankenbett ablöste, um Donatienne zu erlauben, ein wenig auszuruhen und sich um Saturnin zu kümmern, den sie seit Beginn der Krankheit sehr vernachlässigt hatte. »Man möchte meinen«, bemerkte Cathérine darauf, »daß sie keine Lebenskraft mehr hat.« Alle Arzneien des Klosters, das ganze medizinische Wissen des Baders von Aurillac, der sie wieder am Krankenlager besucht hatte, waren machtlos, den Lebensfluß in diesem erschöpften Körper zu erhalten. Ganz sanft verlosch Isabelle. Sie blieb jetzt stundenlang auf dem Bett ausgestreckt, die Hände um ihren Rosenkranz oder um ein Gebetbuch gefaltet, in dem sie nicht las, schweigend und reglos. Nur ihre Lippen, die sich leise bewegten, deuteten an, daß sie betete. Eines Abends, drei Tage nach dem Ritt Cathérines und Gauthiers nach Calves, hob die alte Dame die Lider und sah Cathérine an, die auf einem Schemel neben ihr saß. »Ich bete für Euch, mein Kind«, sagte sie leise, »für Michel … und für ihn, meinen Sohn! Laßt ihn in seinem Elend nicht allein, Cathérine. Da ich nicht mehr lange dasein werde, wacht aus der Ferne über ihn! Es ist ein so schreckliches Unglück, das ihn befallen hat!« Cathérine preßte die Hände zusammen, dann räusperte sie sich, um zu verhindern, daß ihre Stimme zitterte. Isabelle wußte nichts von dem Drama in Calves, das man ihr sorgfältig verheimlicht hatte; aber wie schwer war es, die Komödie weiterzuspielen, eine beschwichtigende, notwendige Heiterkeit vorzutäuschen, da ihre Seele von Bangigkeit erfüllt war! Jede Minute der drei verflossenen Tage war für Cathérine eine Minute der Qual gewesen. Im Vertrauen darauf, was Sara ihr versichert hatte, wartete sie auf die Rückkehr Fortunáis, und diese Rückkehr stand noch immer aus … Aber es gelang ihr, der alten Frau zärtlich zuzulächeln. »Seid ohne Furcht, Mutter! Ich werde mich nie von ihm lösen. Ich möchte für ihn einen Wohnsitz bauen, nicht weit von hier, wo er abseits der anderen leben kann, aber besser, mehr seinem Geschmack, seinem Rang entsprechend … Ich habe immer davon geträumt, ihn diesem entsetzlichen Hospital zu entreißen!« Die Augen der Kranken strahlten vor Freude. Ihre magere Hand streckte sich aus, um die Cathérines zu drücken. »O ja! Tut das! … Holt ihn aus diesem Ort des Schreckens heraus! Da wir jetzt wieder reich sind …« »Sehr reich, Mutter!« lächelte Cathérine, die Tränen zurückhaltend. »Montsalvy wird wiedererstehen, schöner, mächtiger als zuvor … Bruder Sebastian, der Architekt des Klosters, hat die Pläne für das neue Schloß schon entworfen, während Saturnin, von Bruder Placide angeleitet, sich darauf vorbereitet, nahe der Truyère einen Steinbruch anzuschlagen. Das ganze Dorf wird Arbeit haben, sobald die Feldbestellung beendet ist. Bald werdet Ihr wieder einen Eurer würdigen Wohnsitz haben!« Isabelle schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf. Ihr Blick glitt zu Cathérines Hand, an der der Smaragd der Königin Yolande grün funkelte. Seit sie ihn empfangen hatte, hatte Cathérine diesen Ring nicht abgestreift. Als sie sah, daß die alte Dame ihn betrachtete, nahm sie ihn vom Finger, legte ihn in die abgemagerte, doch noch schöne Hand auf dem Laken, eine Hand, deren fast männliche Form an die Arnauds erinnerte. »Er ist das Unterpfand der Freundschaft Yolandes von Anjou für unsere Familie. Seht ihr Wappen, in den Stein eingraviert. Behaltet ihn, Mutter, er steht Euch so gut!« Isabelle betrachtete das Juwel mit einem entzückten Lächeln, einer fast kindlichen Freude, und warf Cathérine einen liebevollen Blick zu. »Ich nehme ihn nur als Leihgabe. Bald … meine Tochter, werde ich ihn Euch zurückgeben. Doch, doch … keine Einwände! Ich weiß es und bin darauf vorbereitet. Der Tod schreckt mich nicht, im Gegenteil … Er wird mich bald zu denen führen, die ich mein Leben lang beweint habe … zu meinem teuren Gatten, meinem kleinen Michel, den Ihr einst habt retten wollen! Und so ist es gut!« Einen Augenblick blieb sie still, den Smaragd bewundernd, der auf ihre Hand den grünen Schimmer tiefen Wassers warf. Dann fragte sie: »Und der fabelhafte schwarze Diamant? Was ist aus ihm geworden?« Cathérines Gesicht verriet flüchtig Mißbehagen. »Ich hatte ihn verloren und habe ihn wiedergefunden. Aber er hat noch viel Unheil angerichtet. Ich habe geschworen, daß er keins mehr anrichten soll!« »Wie das?« »Bald, in einigen Tagen, werde ich den verfluchten Diamanten der einzigen anbieten, die von seiner teuflischen Macht nichts zu fürchten hat.« »Ist er wirklich so verderbenbringend?« Cathérine stand auf, ihr Blick irrte durch das kleine Zimmer. Wie in jener ersten Nacht sah sie visionär die Feuersbrunst vor sich, die Calves verwüstet hatte … Sie biß sich auf die Zähne, um nicht vor Schmerz zu schreien, und murmelte dann mit einem unüberhörbaren Ausdruck von Haß und Entsetzen: »Mehr, als Ihr glaubt! Das Böse … er hat nie aufgehört, es zu bewirken! Er tut es immer noch, fast jeden Tag, den Gott erschafft, aber ich weiß genau, wie ich ihm seine Macht entreißen kann! Ich werde Satan der zu Füßen legen, die einstmals die Schlange unter ihren nackten Sohlen zermalmte. Am Mantel der Schwarzen Jungfrau vom Berge wird der schwarze Diamant machtlos werden!« Tränen glitzerten nun in den Augen Isabelles, aber ein Licht funkelte in ihnen. »Ihr wart uns vom Schicksal bestimmt, Cathérine! Instinktiv findet Ihr die alte Tradition der Burgfrauen von Montsalvy wieder, die in Zeiten des Krieges und der Gefahr sich zum Berge von Le Poy aufmachen, um göttliche Hilfe bitten und ihre schönsten Kleinode auf den Altar legen! Geht, meine Tochter, Ihr denkt wie eine echte Montsalvy!« Cathérine antwortete nicht. Zwischen Isabelle und ihr bedurfte es keiner Worte mehr! Schweigsamkeit genügte ihnen, sie konnten sich in Zukunft aufeinander verlassen, sie verstanden sich, übrigens trat in diesem Augenblick der Abt Bernard ins Zimmer, um, wie er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, die Kranke abends zu besuchen. Cathérine zog sich zurück, nachdem sie seinen Hirtenring geküßt hatte, und ließ die beiden allein. Sie wollte zu Sara gehen, die in der Küche Michel badete, doch als sie den Gemeinschaftsraum durchschritt, sah sie den Bruder Pförtner herbeieilen. »Dame Cathérine«, sagte er, »der alte Saturnin bittet Euch, sich gütigst zu ihm zu bemühen. Er sagt, es handle sich um etwas Wichtiges!« In seiner Eigenschaft als Amtmann von Montsalvy war Saturnin beauftragt, die Arbeiter für den Wiederaufbau des Schlosses anzuwerben. In der Annahme, es handle sich um Probleme der Anwerbung oder der Bezahlung, hielt Cathérine es für unnötig, Sara von ihrer Abwesenheit zu unterrichten. »Es ist gut, ich komme!« erwiderte sie. »Danke, Bruder Eusebius!« Nachdem sie sich mit einem schnellen Blick in den Spiegel ihres Zimmers vergewissert hatte, daß ihr blaues Barchentkleid proper und ihre hohe Linnenhaube makellos weiß waren, verließ Cathérine das Kloster und wandte sich zu dem Hause Saturnins, das sich, nur wenige Schritte entfernt, in der Hauptstraße befand. Die Bauern kehrten eben nach ihrer Tagesarbeit vom Felde zurück, denn man war mitten in der Ernte. Zum erstenmal seit Jahren hatte es keine Katastrophe gegeben, die Weizen und Hafer am Wachsen hätte hindern können. Die Leute beeilten sich, die Ernte zu bündeln und einzufahren … Auf der Straße traf Cathérine ihre Bauern in fröhlichen Gruppen an, die Gesichter unter den nach hinten geschobenen Strohhüten sonnverbrannt, die Kittel über der schwitzenden Brust weit geöffnet. Die Frauen hatten ihre Kleider geschürzt und gingen mit nackten Beinen, den Rechen oder die Forke auf der Schulter. Alle grüßten Cathérine mit einem Lächeln, einem Lüpfen des Hutes oder einem kurzen Knicks und einem freundlichen »Le bonsoir, not' dame!«, so daß es ihr warm ums Herz wurde. Diese braven Leute hatten sie spontan unter sich aufgenommen, der Leiden wegen, die sie mit ihnen geteilt hatte, und in Erinnerung an Arnaud … Sie war wirklich zu Hause in Montsalvy! Das Haus des Amtmanns Saturnin und seiner Frau Donatienne lag dem Südtor Montsalvys und seinem viereckigen Wehrturm unmittelbar benachbart. Mit seinem hohen Giebel war es eines der schönsten Häuser des Dorfs, fast ein Bürgerhaus, und Donatienne hielt es auf geradezu flämische Weise sauber. Als Cathérine es erreichte, erwartete sie schon der alte Saturnin auf der zwei Stufen hohen Schwelle, die Kappe in der Hand. Die Sorge ließ sein Gesicht noch runzliger erscheinen, und das vorspringende Kinn schien sich um ein Haar mit der langen, messerscharfen Nase zu treffen. Er begrüßte Cathérine respektvoll und reichte ihr die Hand, um ihr beim Eintreten ins Haus behilflich zu sein. »Es ist ein Schäfer hier, Dame Cathérine … Er ist soeben aus Vieillevie eingetroffen, einem Dorf etwa vier Meilen von hier im Tal des Lot, und er hat merkwürdige Dinge zu berichten. Aus diesem Grunde habe ich es vorgezogen, ihn nicht in die Abtei zu bringen, sondern Euch bitten lassen – ich hoffe, Ihr vergebt mir die Kühnheit – hierherzukommen.« »Das habt Ihr gut gemacht, Saturnin«, beeilte Cathérine sich zu erwidern, der es ein wenig den Atem verschlagen hatte, als er vom Tal des Lot sprach. »Was hat er denn so Merkwürdiges zu erzählen?« »Ihr werdet es gleich hören. Tretet nur ein!« In der Küche, in der das Zinn auf dem Kaminsims wie Silber glänzte und der Steinboden so weiß war, daß er wie Samt aussah, saß ein in einen Kittel aus Schafsfell über grobem Leinen gekleideter junger Mann auf einer Bank neben dem Tisch aus dunklem Kastanienholz. Er aß Brot und Käse, die Saturnin ihm hingestellt hatte, sprang aber sofort höflich auf, als er Cathérine eintreten sah, grüßte linkisch und erwartete stehend, daß man zu ihm sprechen würde. »Dieser Junge«, sagte Saturnin, »ist einer der Schäfer des Herrn de Vieillevie. Du, mein Junge, stehst vor der Dame de Montsalvy. Sage ihr, was du am Sonntagmorgen gesehen hast.« Der Schäfer wurde ein wenig rot, zweifellos durch die Anwesenheit dieser großen Dame verschüchtert, und seine Stimme war zuerst kaum hörbar; doch schon bei seinen ersten Worten spürte Cathérine, wie ihr leidenschaftliches Interesse erwachte. »Am Sonntagmorgen hütete ich meine Schafe auf der Ebene über der Garrigue …« »Sprich lauter!« befahl Saturnin. »Man kann dich schlecht hören!« Der Junge räusperte sich und hob die Stimme. »Ich sah zwei Reiter, die aus Montsalvy zu kommen schienen. Der erste, groß und von schöner Gestalt, war ganz in Schwarz gekleidet: er trug sogar eine schwarze Maske, aber er ritt eine wundervolle schneeweiße Stute …« »Morgane!« murmelte Cathérine gefesselt. »Morgane und …« »Der andere war ein kleiner, magerer gelber Mann mit kohlschwarzen Augen und einem Spitzbärtchen. Sie hielten neben mir, und der Kleinere sprach mich an. Von dem anderen … dem Reiter mit der Maske, habe ich kein Sterbenswörtchen gehört. Er sah mich nicht an. Er hielt sich etwas abseits, mit seiner behandschuhten Rechten den Hals seines Tieres tätschelnd, das ungeduldig auf dem Boden scharrte.« »Was hat der Kleinere zu dir gesagt?« fragte Saturnin. »Er hat mich gefragt, ob ich den Amtmann von Montsalvy kenne. Ich habe geantwortet, ich hätte ihn zwei- oder dreimal gesehen und ich sei Schäfer des Herrn de Vieillevie. Dann hat der kleine gelbe Mann gefragt, ob ich bereit sei, Meister Saturnin etwas zu überbringen, ob man mir vertrauen könne. Ich habe ja gesagt, aber ich brauche einen Vorwand, um hierherzukommen. Zufällig hatte ich Käse zu verkaufen. Ich sagte also, daß ich in dieser Woche nach Montsalvy gehen würde. Dann hat er mir noch eine Frage gestellt. Er hat mich gefragt, ob ich lesen könne. Ich habe geantwortet: Nein …« »Und dann?« fragte Cathérine, auf die Folter gespannt. »Was hat er hinzugefügt?« »Nicht viel. Er hat aus seinem Wams ein zusammengefaltetes und versiegeltes Pergament gezogen und mir aufgetragen, es so schnell wie möglich zu Meister Saturnin zu bringen. Und er hat mir einen Taler für meine Mühe gegeben!« »Dieser Brief«, fragte Cathérine, »wo ist er?« »Hier!« antwortete Saturnin, Cathérine die versiegelte Botschaft reichend, die sie mit zitternder Hand in Empfang nahm. »Ihr habt ihn nicht geöffnet?« »Das ist nicht meine Sache«, entgegnete der Amtmann, den Kopf schüttelnd. »Lest nur!« Tatsächlich waren einige Worte auf das Pergament geschrieben: »Für Dame Cathérine de Montsalvy, sobald sie zurück ist.« Plötzlich schien es Cathérine, als drehten sich die gekalkten weißen Wände vor ihren Augen. Diese Worte, daran gab es keinen Zweifel, hatte Arnaud selbst geschrieben! Mit einer instinktiven Bewegung drückte sie das Pergament ans Herz, während sie gegen die Erregung ankämpfte, die in ihr aufstieg. Saturnin bemerkte es, wollte den Schäfer entlassen. »Du hast deine Botschaft gut überbracht, mein Junge. Geh nun und ruh dich aus.« Doch Cathérine hielt ihn zurück: »Warte! Auch ich möchte dir danken, Schäfer …« Sie wühlte in ihrem Almosenbeutel, aber der junge Mann machte eine abweisende Bewegung. »Nein, edle Dame! Ich habe meinen Lohn schon erhalten! Kauft meinen Käse, wenn Ihr wollt, sonst nehme ich nichts an.« »Ich kaufe deinen ganzen Käse, Kleiner! Und Gott segne dich!« In die Hand des sprachlosen Schäfers leerte sie ihre Börse. Der Junge trat zurück, sie mit Segenswünschen überhäufend, die sie nicht einmal mehr hörte. Sie wollte allein sein, um die kostbare Botschaft zu lesen … Als der Schäfer verschwunden war, hob sie die Augen zu Saturnin. »Niemand«, sagte sie, »darf erfahren, wer den Schäfer getroffen hat, niemand in Montsalvy! Und besonders nicht Dame Isabelle!« »Es war Messire Arnaud, nicht wahr?« »Ja, Saturnin, er war es! Das Hospital in Calves ist gestern nacht abgebrannt. Er konnte entrinnen, durch welches Wunder auch immer, aber es ist besser, daß sie es nicht erfährt. Nur Donatienne, Sara und Gauthier dürfen es wissen.« »Seid ohne Furcht. Niemand wird davon erfahren. Für jedermann hier, selbst für den Abt, ist Messire Arnaud in Carlat gestorben. Sie werden weiter daran glauben! Jetzt lasse ich Euch einen Augenblick allein.« »Danke, Saturnin … Ihr seid gut!« Er ging auf Zehenspitzen hinaus und schloß sorgfältig die Tür hinter sich. Cathérine setzte sich auf den blitzsauberen Stein des gelöschten Kamins und öffnete langsam das Pergament. Ihre Hände zitterten vor Erregung und Freude, aber die Tränen brannten ihr derart in den Augen, daß sie zuerst Mühe hatte, die festen Schriftzüge ihres Gatten zu entziffern. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, über die Augen, als wollte sie den Schleier, der sie bedeckte, wegreißen. »Mein Gott«, sagte sie mit einem nervösen Lachen. »Ich werde es nie lesen können! Ich muß mich beruhigen!« Sie zwang sich, zwei- oder dreimal tief zu atmen, und trocknete sich die Tränen. Diesmal wurde der Text klar. »Cathérine«, lautete das Pergament, »ich bin im Gebrauch der Feder nie sehr geschickt gewesen, aber bevor ich für immer verschwinde, wollte ich Dir ein letztes Mal Lebewohl sagen und Dir das Glück wünschen, das Du verdienst. Du hast es gefunden, wie man mir sagt, und mein Wunsch ist belanglos. Bin ich nicht ein Toter, der noch atmet und der – ach! – nicht aufgehört hat zu denken? … Aber ich habe noch die Fähigkeit, Dir zu sagen, daß Du von nun an frei bist, kraft meines eigenen Willens!« Cathérines Herzschlag setzte einen Augenblick aus. Ihre Finger krampften sich um das Pergament, doch tapfer fuhr sie in ihrer Lektüre fort. Das Folgende war noch schlimmer: »Der, den Du auserwählt hast, wird Dir alles geben, was ich Dir nicht habe geben können. Er ist tapfer und Deiner würdig. Du wirst reich, gefeiert und geehrt sein! Doch ich, Cathérine, ich, dem es, obwohl tot, noch nicht gelungen ist, die Liebe in meinem Herzen abzutöten, ich kann nicht mehr in diesem Lande bleiben, in dem Du nicht mehr sein wirst. Was ich ertragen konnte, solange Du in meiner Nähe warst, kann ich nicht mehr, wenn Du Dich entfernst! Ich möchte nicht mehr wie eine Ratte in ihrem Loch krepieren, mich langsam in einer Höhle zum Sterben legen. Ich möchte am hellichten Tage sterben … und allein! Fortunat, der nie aufgehört hat, mit mir in Verbindung zu bleiben, hat mir, bei Gefahr seines Lebens und trotz meiner Gegenwehr, geholfen zu fliehen. Er wird mein letzter Freund gewesen sein … Denkst Du noch an den Pilger, den wir beide getroffen haben? Er hieß Barnabe, glaube ich, und ich höre noch, wie er uns sagte: ›Erinnert Euch in den schweren Stunden, die Euch bevorstehen, an den alten San-Jago-Pilger …‹ Erinnere Dich, Cathérine! An der Gruft des Apostels hat er seine Sehkraft wiedererlangt … So Gott will, werde ich die verfluchte Krankheit in Galicia los. Dann werde ich unter einem angenommenen Namen dem Heiligen Vater meinen Degen gegen die Ungläubigen anbieten. Sollte jedoch die Gnade der Heilung dem Sünder, der ich bin, verweigert werden, werde ich trotzdem eine Gelegenheit finden, als Mann zu sterben. Hier trennen sich unsere Wege für immer. Du gehst dem Glück, ich meinem Schicksal entgegen. Leb wohl, Cathérine, meine Kleine …« Der Brief entglitt den plötzlich eisigen Fingern Cathérines. In ihrer Seele mischte sich unerträglicher Schmerz mit einem Zorn, einem wahnsinnigen Zorn, stürmisch, mörderisch, auf Brézé. Was für Unheil hatte sein Geschwätz angerichtet! Sein großes Leidenschaftsgeschrei! Der nahe bevorstehende Tod Isabelles, Arnauds Flucht und für Cathérine diese entsetzlichen Gewissensbisse! Arnaud war fortgegangen, weit, weit fort, weil er sie für untreu hielt! Er sagte, er liebe sie noch und aus diesem Grunde gehe er fort … aber wie lange würde diese Liebe noch anhalten, die sich nicht vom anderen getragen, vom anderen erwidert fühlte? Zorn auch gegen sich selbst! Wie hatte sie nur den alten Pilger und den Rat, den er ihnen gegeben hatte, vergessen können? Warum hatte sie nicht alles stehen- und liegenlassen, alles aufgegeben, um den Mann, den sie liebte, seiner möglichen Rettung zuzuführen, statt einer lächerlichen Rache nachzujagen! Warum war sie nicht mit ihm fortgegangen, vor Monaten schon, um das Unmögliche zu versuchen? In ihrer Wut vergaß sie, daß Arnaud niemals eingewilligt hätte, sie in ein solches Abenteuer zu verwickeln, er, der sie aus Furcht vor Ansteckung nicht einmal zu berühren gewagt hatte. Und dann ebbte der Zorn ab, und es blieb nur noch der Schmerz. Auf dem Kaminstein zusammengekauert, schluchzte Cathérine hemmungslos, immer wieder den Verlorenen rufend … Der Gedanke, daß Arnaud sich verraten und vergessen glauben konnte, war unerträglich. Er brannte wie glühendes Eisen. Mit Entsetzen sah sie sich im Obstgarten von Chinon wieder in die Arme Pierre de Brézés fallen und verfluchte sich wütend. Mit welchem unmenschlichen Preis mußte sie diesen Augenblick der Tollheit bezahlen? Sie hob den Kopf, sah sich allein in diesem geschlossenen Raum, eingefangen wie in einem Spinnennetz. Ihr verstörter Blick irrte von der Tür zum Fenster. Sie mußte fliehen, auch sie, mußte sich an die Verfolgung Arnauds machen! Sie brau Ate ein Pferd, sofort, das schnellste Pferd … Sie mußte über Mauern, über Ebenen, über Gebirge fliegen … Sie mußte ihn finden! Das war es, ihn finden, koste es, was es wolle, sich ihm zu Füßen werfen, seine Verzeihung erflehen und ihn nicht mehr verlassen … nie mehr! Wie eine Wahnsinnige stürzte sie zur Tür, stieß sie auf und rief: »Saturnin! Saturnin! … Pferde!« Der alte Mann eilte herbei, voller Sorge, als er die in Tränen aufgelöste Frau mit den roten, brennenden Augen gewahrte. »Dame! Was habt Ihr?« »Ich möchte ein Pferd, Saturnin … und zwar sofort! Ich muß fort … ich muß ihn wiederfinden!« »Dame Cathérine, es dunkelt schon, die Tore werden geschlossen … Wo wollt Ihr hin?« »Ihn finden, meinen Herrn … Arnaud!« Sie hatte verzweifelt den vielgeliebten Namen hinausgeschrien. Saturnin schüttelte den Kopf und trat zu der jungen Frau. Noch nie hatte er sie so blaß, so erschüttert gesehen. »Ihr zittert! … Kommt mit mir. Ich werde Euch ins Kloster zurückbringen! Ich weiß nicht, was geschehen ist, aber heute abend könnt Ihr nichts mehr tun. Ihr braucht Ruhe.« Er hob das Pergament auf, legte es ihr wie einem Kind in die Hände und zog sie sanft hinaus. Gleich einer Schlafwandlerin ließ sie es geschehen, protestierte aber trotzdem wie aus der Tiefe eines Traums. »Ihr versteht nicht, Saturnin! Ich muß ihn einholen … Er ist schon weit fort … und für immer!« »Er war schon vorher für immer fort, Dame Cathérine! An einem Ort, von dem man nicht wiederkehrt. Kommt mit mir. Im Kloster sind Dame Isabelle, Gauthier, Sara … Sie lieben Euch, sie werden Euch helfen, wenn sie Euch in dieser großen Not sehen werden. Kommt, Dame Cathérine …« Die frische Abendluft tat der jungen Frau gut und gestattete ihr, sich wieder ein wenig zu fassen. Vom Arm Saturnins gestützt, vermochte sie während des kurzen Weges ihr Hirn zu zwingen, den wahnwitzigen Gedankenwirbel zu beenden, sich zu beruhigen. Mußte sie sich nicht beschwichtigen, mußte sie nicht so vernünftig und kalt denken wie möglich? Saturnin hatte recht, wenn er sagte, Sara und Gauthier würden ihr helfen … Aber es war unumgänglich, daß sie ihre Nerven in der Gewalt hatte, daß sie versuchte, nicht mehr zu denken, Arnaud habe sich für immer von ihr getrennt, habe das Band, das sie noch vereinte, zerschnitten … Sie richtete sich auf, bemühte sich, vor den Leuten, die sie auf der Straße traf, Haltung zu bewahren. Doch als sie im Kloster ankamen, trafen Cathérine und Saturnin den Abt persönlich in der Loge des Bruders Pförtner an … »Ich wollte Euch schon suchen gehen, Dame Cathérine«, sagte er. »Eure Mutter hat einen Rückfall gehabt und das Bewußtsein verloren …« »Dabei ging es ihr vorhin doch so gut!« »Ich weiß. Wir sprachen ruhig miteinander, doch plötzlich sank sie in die Kissen zurück, der Atem ging kurz … Sara ist bei ihr und unser Bruder Apotheker.« Cathérine war gezwungen, ihren eigenen Schmerz zum Schweigen zu bringen, während sie an das Krankenbett der alten Frau eilte. Tapfer schob sie den fatalen Brief in ihren Almosenbeutel und ging zu Isabelle hinein. Die Kranke lag immer noch regungslos auf ihrem Lager, über sie gebeugt, versuchte Sara, sie wiederzubeleben, indem sie sie scharfen Duft eines Fläschchens einatmen ließ, während der Bruder Apotheker ihr die Schläfen mit einem belebenden Wasser einrieb. Cathérine beugte sich hinunter: »Geht es ihr sehr schlecht?« »Sie kommt wieder zu sich!« flüsterte Sara mit gerunzelter Stirn. »Aber ich habe wahrhaftig geglaubt, es gehe zu Ende.« »Auf jeden Fall«, meinte der Mönch, »wird sie es nicht mehr lange machen. Sie hält sich nur mit Mühe aufrecht.« In der Tat kam Isabelle mählich wieder zu sich. Mit einem erleichterten Seufzer richtete Sara sich auf und lächelte Cathérine zu, doch ihr Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen. »Aber … du bist ja blasser als sie! Was ist denn passiert?« »Ich weiß, wo Arnaud ist!« erwiderte Cathérine mit tonloser Stimme. »Du hattest recht, Sara, als du sagtest, daß ich es mein Leben lang bereuen würde, wenn ich Pierre de Brézé erhörte. Die Reue ist sehr schnell gekommen.« »Sprich doch. Was ist?« »Nein. Später. Saturnin wird im großen Saal warten. Bitte ihn zu bleiben. Suche auch Gauthier, schicke jemand zu Ehrwürden Vater Abt und laß ihn bitten, sich zu uns zu bemühen. Ich habe ernste Dinge zu berichten!« Eine Stunde später trat der Rat zusammen, den Cathérine gewünscht hatte, zwar nicht im Gemeinschaftssaal des Gästehauses, sondern im Kapitularsaal der Abtei, in den der Abt seine Gefährten hatte bitten lassen. Von Bruder Eusebius geführt, schritten Cathérine, Gauthier, Saturnin und Sara durch die zu dieser Stunde stille Kirche, in der ein Öllämpchen vor einer Statue Unserer Frau brannte, der die Stiftskirche geweiht war. Dann traten sie in den großen Saal. Er wurde durch vier an zwei das Gewölbe tragenden Säulen angebrachte Fackeln erleuchtet. Der Abt, ein schmales Schemen in seiner langen schwarzen Kutte, war allein. Langsam ging er vor dem Abt-Thron hin und her, die Hände in den weiten Ärmeln vergraben, die Stirn unter dem kurz geschorenen, hellen Haarkranz gesenkt. Das Licht der Fackeln verlieh seinem gelben, asketischen Gesicht die Tönung alten Elfenbeins. Er war gleichermaßen ein Mann der Tat, denn er leitete sein Kloster mit fester Hand, und ein Mann des Gebetes. Seine Liebe zu Gott war unermeßlich, sein Leben ohne Fehl, und wenn seine Jugend ihn zwang, strenge Haltung zu bewahren, ernst auszusehen, um seine Autorität zu sichern, verbarg er unter seinem fast eisigen Benehmen doch großes Mitleid mit den Menschen und ein glühendes Herz. Als er die von ihm Erwarteten eintreten sah, blieb er stehen, setzte einen Fuß auf die Stufe, die den Thron erhöhte, und wies Cathérine mit einer Handbewegung einen Schemel an. »Setzt Euch, meine Tochter! Ich bin hier, Euch anzuhören und Euch mit meinem Rat zu helfen, wie Ihr gebeten habt.« »Seid bedankt, mein Vater, denn ich bin in großer Not. Ein unvorhergesehenes Ereignis hat mein ganzes Leben in Unordnung gebracht. Auch wollte ich Euch um Eure Unterstützung bitten. Dies hier sind meine getreuen Diener, vor denen ich nichts zu verbergen habe.« »Sprecht, ich höre Euch zu!« »Zuerst muß ich Euch die Wahrheit über den angeblichen Tod meines Gatten, Arnaud de Montsalvy, gestehen. Es wird Zeit, daß Ihr sie kennt …« Die blasse Hand des Abtes hob sich, um Cathérine zu unterbrechen. »Spart Euch die Mühe, meine Tochter! Dame Isabelle hat mir in der Beichte dieses schmerzliche Geheimnis bereits anvertraut. Es ist keins mehr, da Ihr nun einmal davon sprechen wollt.« »Dann, mein Vater, wollt Ihr bitte diesen Brief lesen … und lest ihn bitte laut. Gauthier hier kann nicht lesen; und Sara hat große Mühe, ihn zu entziffern.« Bernard de Calmont neigte zustimmend den Kopf, nahm den Brief und begann ihn vorzulesen. Cathérine hatte die Hände gefaltet und die Augen geschlossen. Die ruhige, ernste Stimme des Abtes verlieh den Abschiedsworten einen aufwühlenden Zauber, der sie trotz aller Bemühung, Ruhe zu bewahren, erschütterte. Hinter ihrem Rücken hörte sie die gedämpften Ausrufe ihrer drei Gefährten, wandte sich aber nicht um. Erst als der Abt verstummte, öffnete sie wieder die Augen. Jetzt sah sie, daß aller Augen auf sie gerichtet waren und daß in denen des Abtes tiefes Mitleid lag. Saras Hand legte sich ermutigend auf ihre Schulter. »Welchen Rat soll ich Euch geben, meine Tochter«, fragte der Abt, »und welche Art Hilfe?« »Ich werde aufbrechen, mein Vater. Trotz des Kummers, den mir die Trennung von meinem kleinen Sohn bereiten wird, da ich nur noch ihn habe und er nur mich, muß ich fort und um jeden Preis seinen Vater finden! Ein furchtbares Mißverständnis ist zwischen ihm und mir entstanden. Ich kann es nicht ertragen. Messire de Brézé hat – in gutem Glauben angenommen, weil ich ihm freundschaftlich entgegenkam, daß ich einwilligen würde, seine Frau zu werden. Er kannte die Wahrheit nicht und konnte nicht wissen, daß ich mich um keinen Preis bereit finden würde, einen anderen Namen als den meinen zu tragen. Er hat aus Naivität gehandelt, auch aus Liebe … und hat eine entsetzliche Katastrophe heraufbeschworen. Ich möchte Euch bitten, Euch meines Sohnes anzunehmen, über ihn zu wachen wie ein Vater, mich völlig in der Herrschaft über Montsalvy zu ersetzen und Euch für den Wiederaufbau des Schlosses zu interessieren. Meine Diener bleiben … ich gehe!« »Wohin geht Ihr? Ihm nach?« »Natürlich. Ich möchte ihn nicht für immer verlieren.« »Er ist bereits für immer verloren!« sagte der Abt streng. »Er wendet sich Gott zu. Warum wollt Ihr ihn auf die Erde zurückholen? Die Lepra ist gnadenlos!« »Nur wenn Gott es will! Muß ich Euch, mein Vater, daran erinnern, daß es Wunder gibt! Wer sagt Euch, daß er am Grab San Jagos von Galicia nicht Heilung finden wird?« »Dann laßt ihn dort hingehen, wie er es beabsichtigt! Aber allein!« »Und wenn er gesundet? Soll ich ihn auch dann weiterziehen lassen, fern von mir, um sich im Kampf gegen die Ungläubigen töten zu lassen?« »Was sonst taten die Frauen der alten Kreuzfahrer?« »Einige gingen mit ihnen! Ich möchte den Mann wiederfinden, den ich liebe!« schleuderte Cathérine in wildem, leidenschaftlichem Ton dem Abt entgegen, der die Augen abwandte und leicht die Stirn runzelte. »Und … wenn er nicht geheilt wird?« sagte er schließlich. »Es ist eine seltene Gnade, die einem nicht leicht widerfährt.« Es trat Stille ein. Bis dahin hatten sich die Fragen und Antworten Cathérines und des Abtes in rascher Folge gekreuzt wie die Degen zweier Duellanten. Aber die letzten Worte beschworen das große Entsetzen der verfluchten Krankheit herauf. Ein Frösteln glitt über den Rücken aller Anwesenden. Cathérine erhob sich, schritt zu dem großen gekreuzigten Christus, der seine entfleischten Arme an der Wand des Kapitularsaales ausbreitete. »Wenn er nicht gesundet, bleibe ich bei ihm, so lange lebend, wie er leben wird, an seiner Krankheit sterbend, aber mit ihm!« sagte sie fest, die Augen auf das Kreuz geheftet, als wollte sie es zum Zeugen anrufen. »Gott verbietet den Selbstmord! Mit einem Leprakranken leben heißt willentlich den Tod suchen!« wandte der Abt trocken ein. »Lieber den Tod mit ihm als das Leben ohne ihn … und selbst die Verdammnis, falls man Gott lästert, indem man über alle Maßen liebt!« Die Stimme des Abtes donnerte, während seine magere Hand sich gen Himmel streckte. »Schweigt! Die menschliche Leidenschaft läßt Euch ganz bestimmt noch einmal lästern! Bereut, wenn Euch vergeben werden soll, und bedenkt, daß die Stimme der fleischlichen Liebe eine Beleidigung der Reinheit Gottes ist!« »Verzeiht mir … aber ich kann nicht lügen, wenn es sich um das handelt, was mein Leben ausmacht. Ich kann nicht anders sprechen! Antwortet mir nur, mein Vater. Seid Ihr einverstanden, mich in Montsalvy zu vertreten und meine Familie weiter zu beschützen, gleichzeitig also Herr und Abt bis zu meiner Rückkehr zu sein?« »Nein!« Das Wort kam geradezu knallend, scharf und endgültig. Von neuem trat dumpfe Stille ein. Hinter Cathérine hielten die drei stummen Zeugen den Atem an. Die junge Frau sah das schmale, strenge Gesicht ungläubig an. »Nein? … Mein Vater! … Warum nicht?« Es war ein wahrhafter Schmerzensschrei! Langsam ließ sie sich auf die Knie fallen und streckte die Hände in der instinktiven Bewegung einer Flehenden aus. »Warum nicht?« wiederholte sie mit tränenerstickter Stimme. »Laßt mich gehen! Wenn ich seine Liebe auf immer verliere, wird mein Herz von selbst aufhören zu schlagen. Ich könnte nicht mehr leben!« Die starren Züge drückten plötzlich tiefe Sanftmut aus. Bernard de Calmont beugte sich zu der jungen Frau hinunter, nahm die ihm entgegengestreckten Hände und hob die Kniende behutsam auf. »Weil Ihr jetzt nicht gehen könnt, meine Tochter! Ihr denkt nur an Eure menschliche Leidenschaft, an Euren rechtmäßigen … und vielleicht auch verdienten Schmerz. Hattet Ihr diesen jungen Herrn nicht ermutigt, Eure Liebe zu erhoffen? Nein, antwortet mir nicht! Sagt mir nur, ob diese Liebe Euch nicht zur Grausamkeit treibt, ob es in diesem so völlig vergebenen Herzen nicht noch Mitleid für andere gibt?« »Was wollt Ihr damit sagen?« »Dies: Von Eurem Sohn ganz zu schweigen, der Euch hier zurückhalten sollte, werdet Ihr die alte Frau ohne Eure Liebe allein sterben lassen, diese Mutter, die nur noch Euch hat und deren Leid zweifellos schlimmer ist als das Eure, denn Ihr bewahrt in Eurem Inneren zähe die dunkle Hoffnung, Euren Gatten wiederzusehen. Während sie weiß, daß sie ihren Sohn niemals wiedersehen wird … Werdet Ihr so gefühllos sein?« Cathérine senkte den Kopf. In ihrer Verzweiflung hatte sie Isabelle vergessen, die sich in der schmalen Zelle des klösterlichen Gästehauses zum Sterben legte. Nur bei dem Gedanken an die Trennung von Michel hatte sie gelitten. Er war der Grund für ihr ganzes Bedenken gewesen, für alles, was sie hätte zurückhalten können. An die alte Frau hatte sie nicht gedacht. Jetzt schämte sie sich dessen, aber hinter den Vorwürfen, die ihr Gewissen ihr machte, hörte sie dennoch ihre Liebe protestieren. Niemand zählte, wenn es sich um Arnaud handelte. Trotzdem gab sie sich ohne Zögern geschlagen. »Nein!« sagte sie nur. Aber sie wandte sich um, in Saras Armen Trost suchend, die sie zärtlich an sich drückte. Mit einem Seufzer fügte sie hinzu: »Ich werde bleiben.« Darauf erhob sich die rauhe Stimme Gauthiers. »Ihr müßt hierbleiben, Dame Cathérine, der Sterbenden und Eures Kindes wegen. Aber ich bin frei, wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt zu gehen! Ich kann Messire Arnaud nachreiten! Wer sollte mich daran hindern?« Mit einer heftigen Bewegung wandte er sich an den Abt, den er um einen Kopf überragte: »Gebt mir ein Pferd und ein Beil, Mann Gottes! Vor den großen Landstraßen und den langen Ritten ist mir nicht bang!« Cathérine, die dieser Ausbruch wieder belebt hatte, warf dem Normannen einen von Dank überfließenden Blick zu. »Das ist wahr … Du bist ja da! Du wirst ihm sagen können, daß ich ihn niemals verraten habe, aber er wird nicht einwilligen, zu mir zurückzukehren, das weißt du sehr gut! Niemand hat je seinen Willen beugen können!« »Ich werde tun, was ich kann. Zumindest wird die Pflicht für Euch den bitteren Geschmack verlieren, den Ihr jetzt empfindet. Wenn Messire Arnaud gesundet, werde ich ihn zurückbringen, wenn nötig mit Gewalt. Wenn nicht … komme ich allein zu Euch zurück! Laßt Ihr mich gehen?« »Wie könnte ich es dir verweigern? Du bist meine einzige Chance.« »Also gehen wir!« rief Gauthier, der wie alle Männer der Tat nicht gern viele Worte machte. »Wir haben so schon genug Zeit verloren! Laßt mir die Stadttore öffnen – und aufs Pferd! Bei Odin, ich werde ihn schon zu finden wissen, selbst wenn ich ihm bis zu Mohammed nachreiten müßte!« »Dies ist das Haus Gottes!« empörte sich der Abt. »Götzen haben hier nichts zu suchen! Kommt mit mir, Cathérine, meine Tochter … Bitten wir Unsere Liebe Frau im Himmel, über diesen Wilden zu wachen, der sie nicht einmal kennt! Und dann werden wir ihn zusammen gehen lassen … Ich werde Euch helfen!« Eine Stunde später stand Cathérine zwischen Sara und Saturnin unter dem Südtor von Montsalvy und lauschte dem in Richtung des tiefen Tals des Lot verhallenden Hufgeklapper des Pferdes nach, das Gauthier im Galopp davontrug. Mit etwas Mundvorrat versehen, in festen Kleidern und mit einer vollen Börse ausgerüstet, im Sattel eines kräftigen Percheronpferdes, das durch Kraft wettmachte, was ihm an Rasse fehlte, stürzte sich der Normanne auf die Fährte Arnauds und Fortunats. Als die Huf schlage sich in der Tiefe der von Sternen übersäten Nacht verloren hatten, hüllte Cathérine sich noch enger in den dunklen Mantel, in den sie sich gewickelt hatte, suchte am Firmament die weiße Spur der Milchstraße, die man auch die Straße San Jagos nannte, und seufzte. »Wird es ihm gelingen, ihn zu finden? Diese südlichen Bereiche werden ihm so fremd sein wie das Land des Großen Khan.« »Der Herr Abt hat ihm gesagt, er müsse der von Muscheln gezeichneten Straße folgen. Er hat ihm die Namen der ersten Wegstationen eingetrichtert, da er sie ihm ja nicht aufschreiben konnte«, sagte Saturnin. »Ihr müßt Vertrauen haben, Dame Cathérine! Wenn er auch nicht an sie glaubt, weiß ich doch, daß die Heilige Jungfrau über Gauthier wachen wird! … Sie verläßt diejenigen nie, die ihre Großmut auf die großen Landstraßen treibt!« »Er hat recht!« meinte Sara zustimmend, Cathérines Arm nehmend. »Gauthier hat Kraft, Intelligenz und Verschlagenheit auf seiner Seite. Er hat in sich die Fähigkeit, Berge zu versetzen. Komm jetzt, kehren wir wieder zurück! Dame Isabelle braucht uns, und wenn du deinen Sohn umarmst, wirst du den Mut finden, dich weiter der Aufgabe zu widmen, die deiner wartet.« Cathérine antwortete nicht. Sie unterdrückte den Seufzer des Bedauerns, der ihr auf den Lippen lag, und stieg still wieder zur Abtei hinauf. Aber sie wußte genau, daß sie sich nur der Vernunft gebeugt hatte und daß der Wunsch, gleichfalls der Spur Arnauds zu folgen, sie nicht so bald verlassen würde …! Lange wiegte sie an diesem Abend Michel in den Armen und erwärmte ihr schmerzendes Herz an ihrer Liebe zu dem Kind. Sechzehntes Kapitel Isabelle de Montsalvy starb einen Tag nach Saint-Michael, ohne zu leiden und ohne Todeskampf, fast friedlich. Am Vorabend ihres Todes hatte sie noch eine letzte Freude: Ihr Enkelsohn empfing zum erstenmal die Vasallenhuldigung. In seiner Eigenschaft als Amtmann und in Übereinstimmung mit den Notabeln von Montsalvy hatte Saturnin entschieden, daß das Kind an seinem Namenstag offiziell als Herr der kleinen Stadt anerkannt werden sollte. Da nun der König den Montsalvys alle Titel und Güter zurückgegeben hatte, schien das Datum des 29. Septembers dem ausgezeichneten Mann für eine solche Feierlichkeit besonders geeignet, um so mehr, als es mit dem Fest der Schäfer zusammenfiel, zu dem sich jedes Jahr zur gleichen Zeit die Hüter der Schafe aus der ganzen Gegend auf der Ebene von Montsalvy versammelten. An diesem Tag hatte man auf dem Dorfplatz, vor der Kirchentür, einen von einem Baldachin in den Farben der Familie geschützten Herrenstand errichtet, und nach der von Abt Bernard zelebrierten feierlichen Messe ließen Michel und seine Mutter sich dort nieder, um die Huldigung ihrer Lehnsleute entgegenzunehmen, die für diese Gelegenheit ihre schönsten Kleider angezogen hatten. Saturnin, in feinem braunem Tuch, eine Silberkette um den Hals, hatte auf einem Kissen die Weizenähren der Felder und die Trauben der Weinspaliere dargereicht. Er hatte eine schöne Rede gehalten, vielleicht etwas zu breit, vom Hundertsten ins Tausendste kommend, die aber dennoch jedermann für vortrefflich hielt; dann waren nacheinander alle Bewohner von Montsalvy, alle Bauern der umliegenden Höfe vor der Herrenbank vorbeigezogen und hatten Michel das Händchen geküßt. Das Kind lachte vor Freude, glücklich über den schönen weißen Samtanzug, den Sara ihm zurechtgeschneidert hatte, sich aber sichtlich viel mehr für die Kette aus Gold und Topasen interessierend, die seine Mutter ihm um den Hals gelegt hatte. Die Zeremonie war, um die Wahrheit zu sagen, für einen kleinen Herrn, der noch nicht zwei Jahre alt war, ein wenig lang. Aber die Tänze der Schäfer und die Zweikämpfe, die sie sich darauf mit bloßen Händen lieferten, entfesselten seine Begeisterung. Trotz aller Bemühungen Cathérines, ihn halbwegs still zu halten, kletterte Michel auf seinen Armstuhl und zappelte wie ein kleiner Teufel in einem Weihwasserkessel. Ganz in seiner Nähe lag seine Großmutter, die man auf einer Trage hergebracht und unter ein Zeltdach gestellt hatte, damit sie bei dem Fest anwesend sein konnte, und betrachtete ihn bewundernd … Der Tag endete mit einem großen Freudenfeuer, das von Michel persönlich auf der Ebene angezündet worden war. Natürlich hatte ihm Cathérine das Händchen geführt. Während sodann Jungen und Mädchen auf dem noch grünen Gras muntere Reigen tanzten, brachte man den erschöpften neuen Herrn zu Bett, der übrigens, den blonden Kopf an Saras Schulter gekuschelt, schon schlief. Die ganze Nacht hörte Cathérine ihre Leibeigenen singen und tanzen, glücklich über ihre Freude, die ihr großes Leid offenbar nicht trüben konnte. Sie hatte sich während des Tages bemüht, ihre tiefe Trauer zu verbergen, um ihnen nicht zu zeigen, wie grausam sie dieses Fest berührte. Der Herrschaftsantritt Michels stieß seinen Vater in die Vergangenheit zurück, diesen Vater, von dem seit anderthalb Monaten niemand mehr etwas wußte … Doch am anderen Morgen wurden die guten Leute von Montsalvy, die sich in ihrer Freude und Lebenslust sehr spät schlafen gelegt hatten, vom schauerlichen Geläut der Totenglocke geweckt und erfuhren so, daß ihre alte Burgfrau verschieden war. Als Sara am Morgen ihr eine Schale Milch bringen wollte, fand sie sie tot in ihrem Bett. Isabelle lag ausgestreckt da, die Augen geschlossen, die Hände über dem Rosenkranz gefaltet, und ein Sonnenstrahl, der über ihren blassen Händen flimmerte, ließ den Smaragd der Königin Yolande funkeln. Zuerst war Sara einen Augenblick auf der Schwelle der Kammer stehengeblieben, verblüfft über die außergewöhnliche Schönheit der Toten. Die verwüstenden Spuren der Krankheit waren verschwunden, und das Gesicht, wie Milch und Blut, wirkte entspannt und unendlich viel jünger als am Abend zuvor. Ihr weißes Haar umrahmte es mit zwei dicken Zöpfen, und ihre Ähnlichkeit mit ihren Söhnen war wieder auffallend. Sara hatte sich bekreuzigt, dann war sie, die Schale Milch an der Tür abstellend, bei Cathérine eingetreten, die erst am frühen Morgen eingeschlafen war. Sie hatte sie sanft gerüttelt, und als die junge Frau sich mit einem nervösen Zucken aufgerichtet hatte und sie mit der verstörten Miene jemandes, den man brüsk weckt, ansah, hatte sie gemurmelt: »Dame Isabelle hat aufgehört zu leiden, Cathérine … Du mußt aufstehen! Ich werde den Abt benachrichtigen. Wecke inzwischen Michel im Zimmer nebenan, und übergib ihn Donatienne. Der Tod ist kein Anblick für ein Kind!« Cathérine hatte gehorcht wie eine Schlafwandlerin. Seit ihrer Rückkehr erwartete sie dieses Ende. Sie wußte, daß die alte Dame es als Erlösung herbeisehnte, und ihre Vernunft flüsterte ihr ein, daß sie nicht betrübt zu sein brauchte, wenn Isabelle endlich Frieden gefunden hatte. Doch die Vernunft vermochte nichts gegen den plötzlichen Schmerz, der sie durchdrang … Sie entdeckte, daß Isabelles Anwesenheit ihr viel kostbarer gewesen war, als sie glaubte. Solange die Mutter Arnauds gelebt hatte, hatte Cathérine jemand gehabt, mit dem sie über ihn sprechen konnte, jemand, der ihn besser kannte als sie selbst, dessen Erinnerungen unerschöpflich waren. Und nun, da auch diese sanfte Stimme verstummt war, wurde die Einsamkeit der Hinterbliebenen noch größer … Arnaud war verschwunden, Gauthier hatte sich seit einem Monat ins Unbekannte gestürzt und jetzt … Isabelle … Nachdem sie einen Augenblick später mit Saras Hilfe der Verstorbenen das letzte Kleid angelegt hatte, blieben beide am Fußende des Bettes stehen, auf dem sie ruhte, in das fromme Gewand der Klarissen gekleidet, denn Isabelle hatte vor langer Zeit den Wunsch geäußert, darin ihren letzten Schlaf zu schlafen. Die Strenge der weiten schwarzen Gewänder verlieh ihr eine außerordentliche Majestät, und unter ihren bläulichen Lidern schienen die Augen sich gleich öffnen zu wollen. Ganz sanft hatte Cathérine vom Finger Isabelles den gravierten Smaragd gestreift, dessen profane Herrlichkeit mit dem klösterlichen Kleid nicht zu vereinbaren war. Dann hatte sie mit Sara die Tote lange betrachtet, ehe sie zu den ersten Gebeten niederknieten, genau in dem Augenblick, in dem der Abt eintrat, von zwei Geistlichen begleitet, die das Weihrauchfaß und den Weihwasserkessel trugen. Die darauffolgenden drei Tage vergingen der jungen Frau wie ein schauerlicher Traum. Die Leiche wurde im Chor der Kirche aufgebahrt und von zwei Mönchen bewacht. Cathérine, Sara und Donatienne lösten sich auf dem Kissen zu Füßen des Katafalkes ab. Für Cathérine hatten diese Stunden der Wache in der stillen Kirche etwas Unwirkliches. Die Mönche, die neben der Bahre standen, die Kapuzen tief ins Gesicht herabgezogen und die Hände in ihren weiten Ärmeln vergraben, kamen Cathérine wie Geister vor, und das zitternde Licht der dicken gelben Wachskerzen verlieh ihrer Unbeweglichkeit etwas Erschreckendes. Um dem Schrecken zu entrinnen, den sie empfand, zwang sich Cathérine zu beten, aber die Worte wollten nicht kommen … Sie wußte nicht mehr, wie sie sich an Gott wenden sollte. Sie fand es viel leichter, sich ganz einfach an die Verstorbene zu wenden. »Mutter«, flüsterte sie ganz leise, »da, wo Ihr jetzt weilt, muß alles viel einfacher, viel leichter sein! … Helft mir! … Macht, daß er wiederkommt oder daß er wenigstens erfährt, daß ich nie aufgehört habe, ihn zu lieben! Mich verzehrt mein Kummer!« Aber das wächserne Gesicht blieb unbeweglich, und das halbe Lächeln der geschlossenen Lippen hütete sein Geheimnis. Cathérines Herz wurde immer schwerer, je mehr die Zeit verging. Am Abend des dritten Tages wurde die Leiche Isabelle de Ventadours, Dame von Montsalvy, in Anwesenheit der ganzen Bevölkerung ins Grab hinabgelassen. Hinter dem hölzernen Gitter ihrer Einzäunung sangen die kräftigen Stimmen der Mönche der Abtei das Miserere. Und unter ihren Trauerschleiern, die an diesem Abend eine neue und doppelte Bedeutung annahmen, sah Cathérine unter den Steinfliesen der Kirche die zerbrechliche Gestalt derjenigen verschwinden, die vor fünfunddreißig Jahren dem Mann das Leben geschenkt hatte, den sie anbetete … Beim Verlassen der geweihten Stätte kreuzte sich der Blick der jungen Frau mit dem des Abtes, der die Totenmesse gelesen hatte. Sie sah in ihm gleichermaßen eine Frage und eine Bitte, wandte aber den Kopf ab, als wollte sie einer Antwort ausweichen. Wozu? Der Tod Isabelles befreite sie nicht. Die kleinen Hände Michels hielten sie fest an ihrem Platz. Und sie hatte keinen Grund, ihn zu verlassen, nachdem Gauthier sich zur Verfolgung Arnauds aufgemacht hatte. Solange er ihr keine Nachricht gab, mußte sie hierbleiben und warten … warten! Der Herbst ließ das Gebirge in allen seinen Gold- und Purpurfarben leuchten. Die Umgebung Montsalvys bedeckte sich mit gelbroter Pracht, während am Himmel die niedrighängenden Wolken immer grauer wurden und die Schwalben in schnellen, schwarzen Zügen gen Süden flogen. Cathérine folgte ihnen mit den Blicken von der Höhe der Klostertürme aus, bis sie verschwunden waren. Doch bei jedem über ihrem Kopf dahinziehenden Schwarm fühlte sich die junge Frau etwas trauriger, ein wenig entmutigter. Sie beneidete von ganzem Herzen die sorglosen Vögel, begierig nur nach der Sonne, die in die Länder zogen, in die sie ihnen so gern gefolgt wäre! Nie waren die Tage so langsam, so eintönig vergangen. Jeden Nachmittag, wenn das Wetter es erlaubte, ging Cathérine mit Sara und Michel zum Südportal, wo Mönche und Bauern mit der Ausschachtung des Unterbaues für das neue Schloß begonnen hatten. Auf den Rat des Abtes hatte man beschlossen, die Festung, wo sie früher stand, an den Abhängen des Berges Arbre, nicht wieder aufzubauen, sondern dicht an dem Portal von Montsalvy, wo Schloß und Dorf sich gegenseitig die wirksamste Hilfe geben könnten. Die Verwüstungen durch den alten Praktikus Valette waren noch allen in nachdrücklicher Erinnerung. Die beiden Frauen und das Kind verbrachten immer ein Weilchen auf der Baustelle und gingen dann weiter, um den Holzhauern bei der Arbeit zuzusehen. Tatsächlich mußte man, nachdem die englische Bedrohung nachließ, im Wald das Land zurückerobern, das man in den Zeiten der großen Not hatte verwildern lassen. Das Unterholz, das so viele Male als Zuflucht gedient hatte, war hochgeschossen und fast undurchdringlich. Man mußte es roden, um Weizen oder Viehfutter zu säen. Aber die Augen Cathérines schweiften immer über die Reihe der dunklen Bäume hinweg, in die weiten blauen Fernen, durch die Arnaud gekommen sein mußte. Dann, die kleine Hand Michels fest in der ihren haltend, ging sie langsamen Schrittes wieder ins Haus zurück. Und dann, eines Nachts, wurde der Wind zum Sturm und entblätterte die Bäume. Noch eine Nacht, und der Schnee bedeckte das Land. Die Wolken hingen so niedrig, daß sie sich mit der Erde zu vereinen schienen, und die eisigen Frühnebel brauchten lange, um sich aufzulösen. Es war Winter, und Montsalvy legte sich schlafen. Die Arbeit auf der Baustelle des Schlosses ruhte, jedermann schloß sich in die Wärme seines Hauses ein. Cathérine und Sara machten es wie die anderen. Das von der Klosterglocke geregelte Leben verlief in einer hoffnungslosen Monotonie, in der Cathérines Schmerz trotz allem einschlief. Die Tage folgten einander, einer wie der andere. Man saß in der Kaminecke und sah Michel beim Spielen auf einer Decke zu. Das Land war unwandelbar weiß geworden, und Cathérine begann zu zweifeln, ob es in Zukunft noch andere Tage geben würde. Ob der Frühling überhaupt je wiederkäme? Trotzdem zwang sich die junge Frau, jeden Tag auszugehen. Sie zog sich Überschuhe an, hüllte sich in einen großen Mantel mit Kapuze und verließ das Kloster zu einem Spaziergang, immer dem gleichen … Sie ging bis hinter das Südtor, wenn auch nicht zu dem Zwecke, die Baustelle ihres künftigen Wohnsitzes unter dem Schnee zu betrachten. Sie setzte sich auf einen alten Grenzstein, wo sie lange blieb, unempfindlich gegen Windstöße und den wirbelnden Schnee, und die aus dem Tal des Lot heraufführende Straße beobachtete, mit zäher Hoffnung darauf wartend, endlich eine bekannte Silhouette auftauchen zu sehen. Es war so lange her, daß Gauthier aufgebrochen war! … Weihnachten würden es drei Monate sein! Und niemand war bislang mit der geringsten Nachricht gekommen. Es war, als ob er sich in dieser grenzenlosen Weite aufgelöst hätte … Wenn der Tag sich seinem Ende neigte – die Wintertage sind so kurz! –, kehrte Cathérine langsam nach Hause zurück, das Herz ein wenig schwerer und bekümmerter, ein wenig ärmer an Hoffnung. Weihnachten ging vorüber, ohne ihr Frieden zu bringen. Ihr Geist schweifte unaufhörlich den Abwesenden nach. Zuerst und vor allem Arnaud! Ohne Zweifel hatte er das Land Galicia erreicht. Aber war ihm vom Himmel die erbetene Heilung zuteil geworden? Und Gauthier? Hatte er den Flüchtigen einholen können? Waren sie in dieser Minute zusammen, in der ihr Geist sie vereint sah? So viele Fragen, die, da sie unbeantwortet bleiben mußten, quälend wurden. »Wenn der Frühling kommt«, nahm Cathérine sich vor, »und ich bis dahin keine Nachricht erhalten habe, breche ich auch auf … Ich werde sie suchen gehen.« »Wenn sie zurückkehren, dann im Frühling, nicht früher!« entgegnete Sara eines Tages, als die junge Frau aus Versehen laut gedacht hatte. »Wer würde es sich einfallen lassen, über die Berge zu ziehen, wenn der Schnee die Wege unpassierbar gemacht hat? Der Winter richtet unübersteigbare Schranken auf, die selbst der festeste Wille, selbst die zäheste Liebe nicht überwinden können! Du mußt abwarten!« »Abwarten! Abwarten! … Immer abwarten! Ich habe es satt, dieses Warten ohne Ende!« hatte Cathérine darauf gerufen. »Bin ich denn verdammt, mein Leben in einer Erwartung ohne Ende verrinnen zu sehen?« Auf diese Fragen zog Sara es vor, nicht zu antworten. Es war besser, die Unterhaltung abzubrechen oder von anderen Dingen zu sprechen, denn wenn man versuchte, mit Cathérine zu rechten, führte es nur dazu, daß sie sich noch mehr in ihrem Kummer vergrub. Die Zigeunerin glaubte nicht an die Möglichkeit einer Heilung Arnauds. Sie hatte noch nie davon gehört, daß die Lepra, wenn sie jemanden einmal befallen hatte, ihn je wieder losließ. Es war sogar erstaunlich, daß Saint-Méen de Jaleyrac, der heilige Spezialist der furchtbaren Krankheit, immer noch Patienten hatte. Offensichtlich war der Ruf San Jagos von Compostela groß, aber Saras Christentum war noch zu stark vom Heidentum gefärbt, als daß sie großes Vertrauen darin hätte. Im Gegenteil, sie war überzeugt, daß man, wenn nicht ein verhängnisvoller Zufall eintrat, früher oder später Nachricht von Gauthier bekommen würde. Das hinderte sie nicht zu seufzen, wenn sie Cathérines kleine, schwarze und zerbrechliche Silhouette in den Schnee hinausgehen sah, um zu lauern, ob er nicht auf der Talstraße auftauchte. Eines Abends im Februar, nachdem die junge Frau ihren Beobachtungsposten eingenommen hatte, nach einer durch den Frost erzwungenen beschwerlichen Zeit des Klosterlebens, schien es ihr plötzlich, als könnte sie einen dunklen Punkt auf dem weißen Weg erkennen, einen Punkt, der unter den hohen schwarzen Tannen langsam größer wurde. Sofort stand sie auf, mit klopfendem Herzen und keuchendem Atem … Es war bestimmt ein Mann, der aus dem Tal herauskam … Sie konnte einen Streifen des großen Mantels, der ihn einhüllte, im Wind flattern sehen. Er ging mühselig zu Fuß, den Rücken unter dem Nordwind gebeugt … Unwillkürlich machte sie ein paar Schritte ihm entgegen, aber als sie am Rand der Bäume angekommen war, blieb sie enttäuscht stehen. Das war nicht Gauthier … noch viel weniger Arnaud. Der Mann, den sie jetzt leicht ausmachen konnte, war von kleinem Wuchs, offenbar schmal und sehr braun. Einen Augenblick glaubte sie, es sei Fortunat, aber diese Hoffnung zerrann sofort. Der Reisende war ihr vollkommen unbekannt! Er trug einen grünen Hut, dessen vorn heruntergeklappter Rand hinten hochgeschlagen war und eine Feder trug, die fast nur noch aus dem Kiel bestand, aber das braune Gesicht darunter hatte lebhafte und fröhliche Augen, und der große, geschwungene Mund lächelte, als er die weibliche Silhouette am Wegrand entdeckte. Cathérine konnte sehen, daß sein Rücken unter dem Mantel durch einen ovalen Gegenstand, den er auf der Schulter tragen mußte, entstellt war. »Ein Hausierer«, dachte Cathérine, »oder ein Minnesänger …« Sie entschied sich für den Minnesänger, als er ganz nahe herangekommen war. Unter dem schwarzen Mantel war seine Kleidung grün und rot, lebhaft und lustig, wenn auch strapaziert. Der Mann zog den verblaßten Hut, um sie zu grüßen. »Frau«, sagte er mit einem fremden Akzent, »was für eine Burg ist das, bitte?« »Montsalvy! Wollt Ihr dahin, Sire Minnesänger?« »Dahin will ich noch heute abend! Ma, per la Madona! Wenn alle Bäuerinnen so schön sind wie Ihr, dann ist dies das Paradiso, dieses Montsalvy!« »O nein, das ist nicht das Paradies«, erwiderte Cathérine, durch den Akzent des Jungen belustigt. »Und wenn Ihr den Anblick eines Schlosses erwartet, Sire Minnesänger, dann habt Ihr Euch getäuscht. Das Schloß Montsalvy existiert nicht mehr. Ihr werdet nur eine alte Abtei, wo man sehr wenig Liebeslieder singt, vorfinden.« »Ich weiß!« sagte der Minnesänger. »Aber wenn es kein Schloß gibt, dann gibt es immer noch die Schloßfrau. Kennt ihr die Dame de Montsalvy? Es ist die schönste Dame des Erdkreises, nach allem, was man mir gesagt hat … aber ich glaube, sie wird Euch schwerlich übertreffen!« »Ihr werdet trotzdem enttäuscht sein«, erwiderte Cathérine. »Ich bin die Dame de Montsalvy.« Das Lächeln schwand aus dem fröhlichen Gesicht des Reisenden. Erneut hob er seinen grünen Filzhut und kniete im Schnee nieder. »Hochedle und gnädigste Dame, verzeiht dem Unwissenden seine Vertraulichkeit …« »Ihr konntet das nicht wissen. Die Schloßfrauen eilen selten in einem solchen Wetter auf die Straßen, besonders nicht allein!« Wie um ihr recht zu geben, fegte ein plötzlicher Windstoß den Hut des Minnesängers davon und zwang Cathérine, sich an einen Baumstamm zu klammern. »Bleiben wir nicht hier«, sagte sie, »es ist ein abscheuliches Wetter, und die Nacht bricht an. Das Schloß ist zerstört, aber das Gästehaus des Klosters, in dem ich wohne, kann Euch aufnehmen. Wie kommt es, daß Ihr mich kennt?« Der Minnesänger hatte sich erhoben und klopfte sich mechanisch seine mageren Knie ab. Eine sorgenvolle Falte hatte sich auf seiner Stirn gebildet, und sein Mund fand das fröhliche Lächeln von vorhin nicht wieder. »Ein Mann, den ich in den Hochbergen des Südens getroffen habe, hat mir von Euch gesprochen, edle Dame … Er war sehr groß und stark! Ein wahrer Riese! Er hat mir gesagt, er heiße Gauthier Malencontre …« Cathérine stieß einen Freudenschrei aus und packte, ohne sich um das Zeremoniell zu kümmern, den Minnesänger am Arm, um ihn schnell mitzuziehen. »Gauthier schickt Euch? Oh, seid gesegnet, wer immer ihr seid! Wie geht es ihm? Wo war er, als Ihr ihm begegnet seid?« Eiligst stieg sie, den Minnesänger hinter sich herziehend, der plötzlich sehr unruhig zu werden schien, zum Dorf hinauf, ging durchs Tor und traf dabei auf Saturnin, der einen Fensterladen seines Hauses ausbesserte: »Dieser Mann hat Gauthier gesehen. Er hat Nachrichten!« Mit einem freudigen Ausruf schloß der alte Amtmann sich ihnen an. Der Minnesänger betrachtete sie mit einer Art Entsetzen. »Verzeihung, edle Dame«, ächzte er, »Ihr habt mir ja noch nicht einmal Zeit gelassen, Euch meinen Namen zu nennen und …« »Dann nennt ihn mir«, erwiderte Cathérine fröhlich. »Aber für mich heißt Ihr Gauthier …« Der Mann schüttelte mißbilligend und überwältigt den Kopf. »Ich heiße Guido Cigala … Ich stamme aus Florenz, der schönen Stadt, aber zur Vergebung meiner zahlreichen Sünden wollte ich in Galicia an der Gruft des Apostels beten … Dame!« bat er flehentlich, »freut Euch nicht zu sehr, und bereitet mir keinen so schönen Empfang. Die Nachrichten, die ich bringe, sind nicht gut!« Cathérine und Saturnin blieben wie festgewurzelt mitten auf der Straße stehen. Das freudige Rot, das Cathérine ins Gesicht gestiegen war, machte einer tragischen Blässe Platz. »Ach?« sagte sie nur. Ihr Blick ging vom Minnesänger zu Saturnin, unruhig, fast flehend. Aber dann fing sie sich wieder, straffte sich. »Gut oder schlecht, Ihr braucht trotzdem Ruhe und Erfrischung. Der Empfang bleibt derselbe, Sire Minnesänger. Sagt mir nur, wie es Gauthier geht?« Guido Cigala senkte den Kopf wie ein Schuldiger. »Dame«, murmelte er, »ich glaube, er ist tot!« »Tot?!« Derselbe Schrei entwich den Lippen Cathérines und Saturnins, aber es war der alte Mann, der ihren gemeinsamen Gedanken aussprach: »Das ist nicht möglich! Gauthier kann nicht sterben!« »Ich habe nicht gesagt, daß ich sicher sei«, sagte Cigala verlegen, »ich habe gesagt, ich glaubte es.« »Ihr werdet es uns erzählen! Gehen wir hinein!« Im Gästehaus kümmerte Sara sich um den Ankömmling, wusch ihm die wunden Füße, stärkte ihn mit einer warmen Suppe, mit Brot und Käse und einem Becher Wein und schickte ihn dann in den großen Saal, wo Cathérine ihn mit Saturnin und Donatienne erwartete. Die Gesetze der Gastfreundschaft gingen vor ihrer Ungeduld. Sie lächelte traurig, als sie sah, daß der Minnesänger seine Harfe in der Hand trug. »Es ist schon lange her, daß hier ein Lied gesungen wurde«, sagte sie leise. »Und mir steht der Sinn nicht danach, mir eines anzuhören!« »Die Musik ist gut für die Seele, besonders wenn sie wund ist«, sagte Guido und legte sein Instrument auf eine Bank. »Doch zuerst werde ich Eure Fragen beantworten.« »Wann habt Ihr Gauthier gesehen und wo?« »Es war auf dem Paß von Ibañeta, ein gutes Stück vor dem Hospiz von Roncevaux. Ich war in eine Schlucht gefallen, und dieser Gauthier ist mir zu Hilfe gekommen. Wir haben die Nacht zusammen in einer Bergschutzhütte verbracht. Ich habe ihm erzählt, daß ich in mein Land zurückkehre, aber in jedem Schloß, das ich unterwegs träfe, haltmachen würde. Er hat mich gefragt, ob ich hier vorbeikommen könne, um Euch Nachrichten zu bringen. Natürlich habe ich es ihm versprochen. Nach dem Dienst, den er mir erwiesen hatte, konnte ich ihm nichts verweigern. Und dann, was macht unsereins schon etwas mehr oder weniger Wegstrecke aus? … Dann hat er mir eine Botschaft mitgegeben.« »Welche Botschaft?« fragte Cathérine, sich zu dem jungen Mann vorbeugend. »Er hat gesagt: ›Sagt Dame Cathérine, daß die weiße Stute mir nicht mehr weit voraus ist. Morgen hoffe ich sie einzuholen …‹« »Ist das alles …?« »Das war alles … Damit will ich sagen: Er hat mir nichts weiter mehr anvertraut, aber es hat sich einiges ereignet. Am anderen Morgen haben wir uns getrennt. Er mußte den Weg einschlagen, den ich gekommen war, und ich bin nach Roncevaux weitergegangen, doch der Weg, dem ich folgte, stieg an, und ich habe Euren Freund noch lange sehen können, edle Dame. Ruhig verfolgte er seinen Weg, das Pferd ging im Schritt. Und genau in dem Augenblick, wo er im Begriff stand, meinen Augen zu entschwinden, ereignete sich das Drama … Ich muß noch hinzufügen, daß die Bevölkerung dieses Landes wild und roh ist, es wimmelt dort von Straßenräubern. Mich haben sie nicht angegriffen, weil sie mich ohne Zweifel für ein zu miserables Wild hielten. Aber der große Reisende war gut angezogen und gut beritten … Von weitem habe ich sie plötzlich zwischen den Felsen auftauchen und ihn wie ein Wespenschwarm umschwirren sehen. Er hat sich großartig verteidigt, aber sie waren in der Überzahl … Ich habe ihn unter ihren Streichen fallen sehen, und dann, während einer sein Pferd wegführte und ein anderer das Gepäck fortnahm, haben drei Männer ihn ausgezogen und ihn in eine dieser grundlosen Schluchten geworfen, deren Anblick allein einem schon Schrecken einjagt … Er war tot, ganz sicher, oder der Sturz hat ihn vollends erledigt. Aber beschwören kann ich seinen Tod nicht!« »Und«, empörte sich Saturnin, »Ihr seid nicht wieder zurückgegangen? Ihr habt nicht herauszufinden versucht, ob der, der Euch zu Hilfe geeilt war, noch lebte oder ob er wirklich tot war?« Der Minnesänger schüttelte den Kopf, hob die Schultern und spreizte die Hände in einer ohnmächtigen Bewegung. »Die Banditen mußten in der Nähe ihren Schlupfwinkel gehabt haben, denn sie blieben da, warteten zweifellos noch auf andere Reisende … Was hätte ich ausrichten können, ich, schwach und allein, gegen diese Wilden? Und dann, der Abgrund war fürchterlich. Wie sollte ich da hinuntersteigen? Dame«, fügte er hinzu, sich flehentlich an Cathérine wendend, »ich bitte Euch, mir gnädigst zu glauben, daß ich, wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, Eurem Freund oder Eurem Diener, ich weiß nicht, was er war, zu helfen, es getan hätte, selbst unter Lebensgefahr. Guido Cigala ist kein Feigling … Das müßt Ihr mir glauben!« »Aber ich glaube Euch, Sire Minnesänger, ich glaube Euch«, entgegnete Cathérine überdrüssig. »Ihr konntet nichts tun, das habe ich wohl verstanden … Doch verzeiht mir, wenn ich mich vor Euch dem Schmerz hingebe. Seht, Gauthier war mein Diener, aber sein Leben war mir kostbarer als das eines vertrauten Freundes, und der Gedanke, daß er nicht mehr ist …« Die Erregung schnitt ihr das Wort ab. Die Tränen verdunkelten ihre Augen, und die Kehle schnürte sich ihr zusammen, daß sie kein Wort mehr herausbrachte. Überstürzt den Saal verlassend, eilte sie in ihr Zimmer, ließ sich auf ihr Bett fallen und gab sich schluchzend ihrem Schmerz hin. Diesmal war alles vorbei, endgültig vorbei! Sie hatte alles verloren, denn mit Gauthiers Tod schwand auch die Hoffnung, Arnaud wiederzufinden. Geheilt oder nicht, ihr Gatte würde nie erfahren, daß sie ihm treu blieb und daß ihre Liebe für ihn tiefer war als je … Jetzt war er so vollkommen für sie verschwunden, wie wenn die Platte des Grabes sich über ihm geschlossen hätte. Für Cathérine war dies der letzte Schlag … Lange weinte sie, ohne zu bemerken, daß Sara eingetreten war und vor ihr stand, stumm und ohnmächtig diesmal, sie in ihrem großen Schmerz zu trösten. Nach langen Minuten wagte Sara einzuwenden: »Vielleicht hat der Minnesänger schlecht gesehen … Vielleicht ist Gauthier doch nicht tot.« »Wie sollte er dem Tod entronnen sein?« fragte die junge Frau mit einem nervösen Schlucken. »Und wenn er noch nicht tot war, dann muß er kurz danach gestorben sein …« Schweigen trat zwischen den beiden Frauen ein. Von weitem, im großen Saal, hörte man die leichten Akkorde der Viola, die für einige Diener, für Donatienne und Saturnin und auch für gewisse Notabeln von Montsalvy aufspielte, die um die Gunst gebeten hatten, den wandernden Sänger zu hören, ein Genuß, der ihnen schon lange nicht mehr vergönnt gewesen war … Die weiche und volltönende Stimme des Florentiners drang in die stille Zelle, in der die beiden Frauen sich gegenübersaßen, ohne ein Wort zu sprechen. Guido sang ein altes Zweireimgedicht von der Liebe des Ritters Tristan und der Königin Isolde: »Isolde, meine Dame, Isolde, meine Kleine, für Euch in den Tod, für Euch mein Leben …« Cathérine unterdrückte ein Schluchzen. Das Klagelied des Minnesängers da draußen rief Erinnerungen in ihr wach; sie schien die heiße, leidenschaftliche Stimme Arnauds noch zu hören, der ihr ins Ohr flüsterte: »Cathérine … Cathérine, meine Kleine …« Und der Jammer, der sie durchbohrte, war so stechend, daß sie die Zähne zusammenbeißen mußte, um den Schmerzensschrei zurückzuhalten, der in ihr aufstieg. Wenn sie ihn in ihrem irdischen Leben nicht wiedersehen sollte, dann wäre es viel besser, diese Welt sofort zu verlassen, statt eine Ewigkeit zu leiden … Einen Augenblick schloß sie die Augen, rang die Hände und preßte die Finger zusammen, um sich wieder in Gewalt zu bekommen, und als sie die Augen aufschlug, war es nur, um Sara einen entschlossenen Blick zuzuwerfen. »Sara«, sagte sie so ruhig, daß die Zigeunerin zusammenzuckte, »ich gehe! Nachdem Gauthier tot ist, muß ich mich auf die Suche nach meinem Gatten machen.« »Auf die Suche machen? Aber wo?« »Da, wo ich ihn bestimmt vermute: in Compostela in Galicia. Es ist unmöglich, daß ich dort nicht erfahre, was aus ihm geworden ist. Und unterwegs werde ich versuchen, die Leiche des armen Gauthier zu finden, damit er wenigstens an einem angemessenen Ort ruht. Der Gedanke, daß er zu dieser Stunde und so lange schon ein Raub der Todesvögel ist, ist mir unerträglich.« »Aber der Weg ist lang, gefährlich … Wie willst du das schaffen, armes Ding? Wie soll dir gelingen, woran Gauthier gescheitert ist?« »Das heilige Osterfest ist nicht mehr sehr fern. Herkömmlicherweise bricht eine Pilgergruppe vom Berg in Velay auf, um die Gruft von San Jago aufzusuchen. Ich werde mit ihnen gehen. Auf diese Weise verringern sich die Gefahren der Reise, und ich werde nicht allein sein!« »Und ich?« wandte Sara sofort empört ein. »Gehe ich nicht mit dir?« Cathérine schüttelte den Kopf. Sie stand auf, legte ihrer alten Freundin beide Hände auf die Schultern und sah sie zärtlich an. »Nein, Sara … Diesmal gehe ich allein … Zum erstenmal, wirklich zum erstenmal – denn unser Zerwürfnis in Chinon zählt nicht – werde ich ohne dich gehen! Aber nur, weil du über das Kostbarste, das ich auf Erden habe … über meinen kleinen Michel wachen mußt! Wenn auch du gingest, wer würde sich dann um ihn kümmern? Donatienne ist zu alt, und Saturnin ist nicht jünger. Sie werden dir zwar eine große Hilfe sein, aber dir vertraue ich meinen Sohn an. Du bist so sehr wie ich, Sara, daß ich ihn bei dir so glücklich weiß, so gut versorgt, als wäre ich selbst da. Du wirst mein Gedanke, meine Hände, meine Lippen in einem sein. Du wirst zu ihm von mir, von seinem Vater sprechen. Und wenn Gott wollte, daß ich nicht wiederkehre …« »Schweig!« rief Sara. »Ich verbiete dir, so etwas zu sagen. Das … das tut mir so weh! …« Jetzt hatte sie Tränen in den Augen. Cathérine in ihrem Kummer umarmte sie warm. »Sich auf die Zukunft vorzubereiten hat noch niemanden umgebracht, meine gute Sara. Wenn ich nicht zurückkehre, wirst du Boten an Xaintrailles und Bernard d'Armagnac schicken, daß sie die Vormundschaft über den letzten Montsalvy übernehmen und sich um seine Zukunft kümmern. Aber«, fügte sie mit einem mutigen Lächeln hinzu, »ich hoffe doch, daß ich zurückkehre.« Wütend wischte Sara sich die Tränen ab, löste sich dann von Cathérine und trat einige Schritte zurück. »Gut«, schimpfte sie. »Lassen wir es gelten! Ich bleibe, und du gehst. Und wie wirst du es anstellen, Montsalvy zu verlassen? Glaubst du, der Abt wird dich jetzt leichter gehen lassen als im September?« »Er wird es nicht erfahren. Seit langem habe ich das Gelübde getan, auf den Berg zu gehen und Unserer Lieben Frau den verfluchten Diamanten anzubieten, den ich immer noch in meinem Besitz habe. Ich muß mich von ihm trennen … Und zwar zu jedem Preis, und je früher, desto besser! Sieh, wie das Unglück sich an mich heftet! Gauthier, mein Abgesandter, meine einzige Hoffnung, Gauthier, der Unverwüstliche, ist unterwegs umgekommen. Mein Schicksal wird verflucht sein, solange ich den Stein besitze. Der Abt weiß, wie sehr ich wünsche, dieses Gelübde zu erfüllen. Er wird mich gehen lassen. Das Osterfest ist eine gute Zeit, um Unsere Liebe Frau zu feiern. Er wird meinen Wunsch ganz natürlich finden.« »Du hast auch für alles eine Antwort!« sagte Sara mit ein wenig Bitterkeit. »Und ich kann kaum glauben, daß dieser Plan erst entstand, nachdem dieser verfluchte Minnesänger angekommen ist …« »Nein«, gab Cathérine zu. »Ich habe schon lange daran gedacht. Aber du, wirst du tun, worum ich dich bitte?« Sara zuckte die Schultern und machte sich daran, das Bett aufzuschlagen, in das sie gleich die mit Kohlenglut gefüllte Wärmpfanne legen würde, um die Laken anzuwärmen. »Was ist das für eine Frage! Es wäre wahrhaftig das erstemal, daß ich dir etwas verweigerte. Und außerdem gibt es gar keine andere Wahl! … Gott weiß, was mich das kostet; trotzdem …« Als Sara die Tür öffnete, um mit ihrer Wärmpfanne in die Küche zu gehen, drang die Stimme Guido Cigalas in die kleine Kammer. Er sang jetzt ein altes Lied des Troubadours Arnaud Daniel, und die Worte des alten Laienbruders trafen die beiden Frauen derart, daß sie einen Augenblick unbeweglich stehenblieben und sich wortlos ansahen. »Eher verkauft sich das Gold so billig wie Eisen, als daß Arnaud seine Herzliebste vergißt …« Cathérine war plötzlich wie vom Blitz getroffen. Sie war blaß geworden, bis zu den Lippen, aber in ihren dunklen Augen blitzten Sterne, die funkelnden Sterne der Hoffnung. Die Stimme des Minnesängers antwortete auf geheimnisvolle Weise auf Fragen, die sie sich nicht mehr zu stellen wagte. Sara drückte die Wärmpfanne leidenschaftlich ans Herz. »Ich möchte bloß wissen, wer uns diesen verdammten Sänger schickt? Der Teufel! Oder der liebe Gott? Auf jeden Fall hat er eine Stimme, die mir sehr dem Schicksal zu ähneln scheint …« Cathérine hatte richtig geschätzt, als sie annahm, daß der Abt von Montsalvy sie nicht hindern würde, sich zum Osterfest auf den Berg von Velay zu begeben. Er begnügte sich lediglich damit, ihr als Begleitung Bruder Eusebius, den Pförtner des Klosters, anzubieten, denn es schickte sich nicht, daß eine Edeldame sich allein auf die Straßen begab. Die Gesellschaft eines Mönches würde Gefahren, sowohl irdische wie geistige, von ihr fernhalten. »Bruder Eusebius ist ein sanfter Mann von friedlicher Lebensart«, sagte der Abt, »aber er wird Euch nicht weniger wirksamen Schutz gewähren.« Um die Wahrheit zu sagen, war Cathérine von der Begleitung des würdigen Pförtners gar nicht entzückt. Seine runde, rosige Gestalt schien ihr zu arglos, und sie hatte gelernt, allem zu mißtrauen. Sie fragte sich, ob der Abt Bernard, indem er ihn ihr als Leibwächter mitgab, ihr nicht auch eine Art Spion an die Seite stellte, der ein neues Problem aufwerfen würde: Wie, einmal auf dem Berg angelangt, könnte sie sich von dem heiligen Mann befreien und ihn überreden, ohne sie nach Montsalvy zurückzukehren? Aber die Schwierigkeiten ihres vergangenen Lebens hatten die junge Frau gelehrt, daß jeder Tag seine eigenen Probleme hatte und daß es nichts nützte, sich im voraus Sorgen zu machen. Zu gegebener Zeit würde sie ein Mittel finden, ihrem Schutzengel zu entwischen. Und sie dachte nur noch an diese große Reise, die sie mit unendlich mehr Liebe als Hoffnung antreten würde. Mit der Fastenzeit brach auch die weiße Kruste, die das Land bedeckte, wie von einem Kanonenschlag auf. Schnee und Glatteis schmolzen zu einer großen Zahl dünner Bäche, die nach allen Richtungen flossen und das Hochplateau und die Gebirgsschluchten wie ein Schweif aus Silberfäden durchzogen. Die Erde trat zuerst wieder als schwarze Flecken, dann als große Flächen zutage, die zaghaft grünten. Ein wenig Blau zerriß das ewige Öde Grau des Himmels, und Cathérine dachte, die Zeit sei jetzt gekommen, sich auf den Weg zu machen. Mittwoch nach dem Passionssonntag verließen Cathérine und Bruder Eusebius Montsalvy, beide auf Maultieren, die der Abt ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Das Wetter war mild, leicht regnerisch, und die Wolken eilten, vom Südwind getrieben, schnell am Himmel dahin. Dem Wind, der, nach Saturnin, »den Schafen die Drehkrankheit gab …« Der Abschied zwischen Cathérine und Sara war schnell gewesen. Die eine wie die andere vermied einstimmig die Rührseligkeit, die mutlos macht und den Willen schwächt. Außerdem hätte ein herzzerreißender Abschied gewiß den Argwohn des Abtes Bernard erregt. Man weinte nicht wegen einer vierzehntägigen Trennung … Das Schlimmste war der Abschied von Michel. Mit vor zurückgehaltenen Tränen schweren Augen konnte Cathérine sich nicht genugtun, ihren kleinen Knaben zu umarmen. Sie hatte das Gefühl, daß ihre Arme sich nie mehr öffnen könnten, um ihn loszulassen. Sara mußte ihn hochheben und ihn in die Obhut Donatiennes geben. Von der Bewegung seiner Mutter überwältigt, fing das Kind auch, ohne zu wissen, warum, zu weinen an. »Wann werde ich ihn wiedersehen?« murmelte Cathérine, die sich mit einemmal furchtbar elend fühlte. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte in ihrem großen Kummer das ganze verrückte Unternehmen aufgegeben. »Wenn du willst«, sagte Sara seelenruhig, »wird dich nichts hindern zurückzukehren, falls du dein Ziel nicht erreichst. Und ich flehe dich an, Cathérine, versuche Gott nicht! Überschätze deine Kräfte nicht. Es gibt Fälle, wo es besser ist, sich in sein Schicksal zu fügen, auch wenn es grausam ist. Bedenke, daß nichts, obgleich ich hier bin, eine Mutter ersetzen kann! – Wenn die Hindernisse zu groß sind, komm zurück, ich beschwöre dich! … Und um der Liebe Gottes willen …« »Um der Liebe Gottes willen«, schnitt Cathérine ihr das Wort, unter Tränen lächelnd, ab, »sag nichts weiter! Sonst habe ich in fünf Minuten nicht den geringsten Mut mehr.« Doch als die Pforten der Abtei sich vor den Hufen ihres Maultiers öffneten, empfand Cathérine ein außerordentliches Freiheitsgefühl, eine Art Rausch. Sie hatte keine Angst mehr vor dem, was sie in den kommenden Tagen erwartete. Ihr Wille mußte über alle Hindernisse und Fallen triumphieren. Sie fühlte sich stärker, jünger und tapferer als je … An ihrer Kehle, in einem Lederbeutelchen, das sie mit einem Band um den Hals befestigt hatte, trug sie den schwarzen Diamanten! Er hatte in ihren Augen fast jeden Wert verloren, mit einer Ausnahme! Er war der Schlüssel, der ihr das weite Land öffnete! Wenn sie ihn der Jungfrau vom Berge anbot, so hieß das gleichzeitig freie Bahn auf dem langen Weg, der sie vielleicht zu ihrem Gatten führte. Als sie die Mauern von Montsalvy hinter sich gelassen hatte, warf Cathérine sich den großen, weiten Mantel über die Schultern, mit der uralten Geste des Hausierers, der sein schweres Los auf sich nimmt. Dann hob sie den Kopf. Ungerührt von dem sie noch lange begleitenden Klang der Glocken, die Augen fest auf das noch kurze Grün des Weges geheftet, ritt sie dahin, ohne Schwäche und ohne Tränen. Siebzehntes Kapitel Le Poy-en-Velay! Eine Stadt, die sich wie ein Strom, riesig und vielfarbig, um den Berg herumwand, mit einer großen, von Kuppeln und Türmen gekrönten romanischen Kirche. Als Cathérine und Bruder Eusebius ankamen, hielten sie einen Augenblick an, um das unglaubliche Bild zu betrachten, das sich ihnen bot. Die erstaunten Augen der jungen Frau schweiften von dem heiligen Hügel, dem alten Berg Anis, der sich von dem fernen Blau des gewellten Landes abhob, zu dem riesigen, ihm benachbarten Felsen und weiter zu der seltsam vulkanischen Spitze von Saint-Michel d'Aiguillie, steil wie ein Finger zum Himmel aufragend und die kleine Kapelle fest in sich verankernd. Alles in dieser fremden Stadt schien für den Dienst an Gott gemacht zu sein, alles kam von ihm oder kehrte zu ihm zurück … Aber je mehr Tore sie durchritten und je weiter sie in die Stadt vordrangen, desto mehr verwunderte die Reisenden die Farbenpracht der Straßen und ihr Gedränge, überall sah man nur Fahnen, Lilienbanner, mit Seidentüchern geschmückte Fenster … überall war das königliche Wappen Frankreichs zur Schau gestellt, und mit einer gewissen Verblüffung sah Cathérine plötzlich vor sich einen Trupp lärmender schottischer Armbrustschützen mit ihren Waffen vorbeiziehen. »Die Stadt feiert ein Fest!« erklärte Bruder Eusebius, der sonst während eines ganzen Tages keine zehn Worte sprach. »Wir müssen herausbekommen, warum.« Cathérine hatte sich in seiner Gesellschaft aufs Schweigen verlegt. Sie hielt es für überflüssig zu antworten, rief aber einen kleinen Jungen an, der mit seinem Krug einem nahen Brunnen zustrebte, um Wasser zu schöpfen. »Warum diese Fahnen, diese Behänge, das ganze Gedränge?« Der Junge hob sein mit Sommersprossen übersätes Gesicht, in dem zwei haselnußbraune Augen fröhlich blitzten, zu der jungen Frau und zog höflich die ausgefranste grüne Mütze. »Unser Herr König ist vorgestern mit der Frau Königin und dem ganzen Hof in die Stadt eingezogen, um zu Unserer Lieben Frau zu beten und Ostern zu feiern und dann nach Vienne zu gehen, wo die Stände sich versammeln … Wenn Ihr ein Logis sucht, werdet Ihr's schwer haben. Alle Herbergen sind voll, denn zu allem hin heißt es, daß Monseigneur der Konnetabel heute hier eintreffen soll.« »Der König und der Konnetabel?« fragte Cathérine erstaunt. »Aber sie sind doch verfeindet.« »Genau! Unser Herr hat die Kathedrale erwählt, um ihn da wieder in Gnaden zu empfangen. Sie werden heute nacht zusammen den Abend des Passahfestes begehen …« »Versammeln sich die Pilger nicht hier, die bald nach Compostela aufbrechen werden?« »Doch, gnädige Dame! Das Städtische Hospital neben der Kathedrale ist voll von ihnen. Ihr müßt Euch beeilen, wenn Ihr Euch ihnen noch zugesellen wollt.« Das Kind zeigte Cathérine noch den Weg zum Hospital. Es war ganz einfach: Es genügte, die lange, lange Straße weiterzureiten, die vom Panessacturm, in dessen Nähe sie sich befanden, nach Notre-Dame hinaufführte und schließlich in einer Treppe endete, einer Treppe, die unter dem Portalvorbau mündete. Ehe er seine Gesprächspartnerin verließ, fügte der Junge noch hinzu: »Alle Pilger versorgen sich bei Meister Croizat, gleich neben dem Städtischen Hospital. Dort gibt es die haltbarsten Kleider für die große Reise und …« »Ich danke dir«, unterbrach Cathérine, als sie das Auge des Bruders Eusebius, das gewöhnlich ohne jeden Ausdruck war, mit Neugier auf sich ruhen sah. »Wir werden uns ein Logis suchen.« »Gott helfe Euch, eins zu finden! Aber Ihr habt keine Chance. Selbst das Palais des Bischofs, Monseigneurs Guillaume de Chalençon, ist zum Platzen voll. Der König hält dort Hof.« Der Lausejunge rannte davon. Cathérine überlegte einen Augenblick. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Morgen nach dem Hochamt brachen die Pilger auf, und sie wollte mit ihnen gehen. Sie ließ sich von ihrem Maultier gleiten und wandte sich an Bruder Eusebius, der gelassen ihre Entscheidung erwartete. »Nehmt die Tiere, mein Bruder, und geht ohne mich zum Städtischen Hospital. Dort fragt, ob man uns freundlicherweise ein Logis geben wolle. Hier habt Ihr Gold, um unsere Zeche zu bezahlen. Was mich betrifft, möchte ich sofort zur Kathedrale hinaufsteigen, zum Ziel unserer Pilgerfahrt. Ich habe Eile, Unserer Lieben Frau zu überreichen, was ich für sie bei mir trage, und es schickt sich nicht, daß ich mich dem heiligen Ort beritten nähere. Geht also ohne mich. Ich werde Euch später wieder treffen.« Der würdige Bruder Pförtner von Montsalvy begnügte sich, durch ein Zeichen des Kopfes anzudeuten, daß er verstanden habe, nahm die Zügel ihres Maultiers und ritt ruhig seines Weges. Langsam ging Cathérine die beflaggte Straße mit den zahlreichen Schildern hinauf. Händler mit Devotionalien wechselten mit Herbergen ab, mit Garküchen, mit Verkaufsbuden aller Art, und auf den Steinstufen vor ihren Türen saßen Frauen, vor sich mit Fäden bespannte Kissen, und ließen in ihren flinken Fingern eine Menge kleiner Spindeln hüpfen … Einen Augenblick blieb die Reisende vor einer dieser Spitzenklöpplerinnen stehen, die jung und hübsch war und ihr, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, freundlich zulächelte. Sie wäre keine echte Frau gewesen, wenn die zierlichen Wunder, die unter den Feenfingern entstanden, nicht ihr Interesse erregt hätten. Doch eine Büßerprozession zog, mit voller Stimme Litaneien singend, von der Kathedrale herunter, und Cathérine, an ihr Gelübde erinnert, machte sich wieder an ihren Aufstieg. Und je weiter sie ging, desto mehr vergaß sie allmählich ihre Umgebung. Auf den Stufen der riesigen Treppe, die sich tief im Schatten der hohen romanischen Bogen verlor, staffelten sich die Menschen und stiegen mühsam auf Knien die seit Jahrhunderten durch Inbrunst abgetretenen Stufen hinauf. Das Gemurmel der Anrufungen umgab Cathérine wie Bienensummen, aber sie hörte es gar nicht. Mit erhobenem Haupt sah sie die hohe, vielfarbige Fassade, auf der fremde arabische Muster die fernen Länder, die geheimnisvollen Kunsthandwerker aus uralter Zeit in Erinnerung riefen. Sie wollte nicht niederknien, nicht jetzt! Aufrecht ging sie dem Hochaltar zu, wie sie sich aufrecht der Gruft des Apostels nähern würde. Der Schatten des Portalvorbaus verschlang sie. Bettler, echte oder falsche Krüppel schleppten sich dahin, in monotonem Singsang um Almosen bittend. Andere umlagerten den uralten Stein des Fiebers, wo sich jeden Freitag die Kranken einfanden, lauthals verkündend, erst am Abend vor Karfreitag habe ein Lahmer den Gebrauch seiner Beine wiedererlangt. Aber Cathérine schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Ihr Blick war auf eine Stufe gerichtet, auf der Höhe der großen vergoldeten Pforten der Hochaltarstätte gelegen. Einige lateinisch geschriebene Worte waren da zu lesen: »Wenn du die Sünde nicht fürchtest, so fürchte diese Schwelle, denn die Himmelskönigin will Diener ohne Fehl.« Näherte sie sich wirklich ohne Sünde, sie, die um den Preis einer Lüge ihre Freiheit erringen wollte? Sie blieb einen Augenblick bewegungslos stehen, die Inschrift betrachtend, das Herz von plötzlicher Bangigkeit bedrückt. Doch ihr Elan war zu groß, als daß sie sich durch solche Bedenken hätte hemmen lassen. Sie durchschritt die Pforten und setzte ihren Aufstieg im tiefen Dunkel der Kirche fort. Die Stufen stiegen zu einer Art Tunnel an, in dessen Hintergrund die Kerzen bis zum Chor des Hochaltars schimmerten. Oben war es wie die leuchtende Herrlichkeit der Morgenstunde am Ende einer schwarzen Nacht. Ein ernster Gesang, unheimlich und monoton, erfüllte das Steinschiff. Als sie endlich aus dem Dunkel trat, glaubte Cathérine, diese Welt verlassen zu haben, so fremd war der Dekor. Auf einem zwischen zwei Säulen aus blutrotem Porphyr errichteten Altar, mit einer Vielzahl von Kerzen und Lampen aus rotem Glas umgeben, sah die Schwarze Jungfrau sie aus Emailaugen an … Der Chor war leer, aber an den Wänden schienen hierarchische und byzantinischen Fresken entnommene Personen in dem zitternden Licht der kurzen Flammen wieder Leben anzunehmen. Eine abergläubische Furcht bemächtigte sich Cathérines, die alte Angst vor Himmel und Hölle, die immer im Grunde der Herzen der Männer und Frauen dieses eisernen Jahrhunderts schlummerte. Langsam beugte sie die Knie und ließ sich auf die Stufen des Altars fallen, durch das fremde Standbild fasziniert. Klein, aufrecht auf ihrem mit Edelsteinen besetzten goldenen Mantel sitzend, hatte die Schwarze Jungfrau das hierarchische und erschreckende Aussehen eines barbarischen Idols. Es hieß, die Kreuzfahrer hätten sie einst aus dem Heiligen Land mitgebracht und sie sei so alt wie die Welt … Ihr schwarzes, plumpes Gesicht mit dem starren Ausdruck schimmerte unter der durch eine Taube verzierten Goldkrone. Nur die zu weißen Augen aus Email schienen von unruhigem Leben beseelt, und Cathérine begann, unter ihrem Blick zu zittern, von der barbarischen Majestät des Standbilds erdrückt. Der unheimliche Gesang hatte aufgehört. Stille hüllte die Kirche jetzt ein, die nur durch das leichte Flackern der Kerzen gestört wurde. Langsam nahm Cathérine den Lederbeutel vom Hals, zog den Diamanten heraus und reichte ihn auf ihren beiden zusammengelegten Handflächen der Jungfrau. Die uralte Geste des Opfers ließ den verfluchten Stein voll blutigen Feuers funkeln. Noch nie hatte er so geblitzt wie in diesem Sanktuarium, in dem sich die Größe Gottes entfaltete. Auf Cathérines Händen war er wie eine schwarze, der Gottheit gebotene Todessonne. »Allmächtige Jungfrau«, hauchte die junge Frau, »nehmt diesen Stein des Schmerzes und des Blutes an! Nehmt ihn zu Euch, auf daß ihn der Dämon, der ihm innewohnt, auf immer verlasse, nehmt ihn, auf daß das Unglück sich endlich von uns wende … und das Glück wieder in Montsalvy einkehre! Auf daß ich meinen Gatten wiederfinde!« Sanft legte sie den Stein zu Füßen des Standbildes und warf sich dann nieder. All ihre Angst war verflogen, doch sie wurde von einer neuen Erregung ergriffen. »Gebt ihn mir zurück!« flehte sie schmerzlich. »Gebt ihn mir, barmherzige Jungfrau! … Selbst wenn ich noch viel leiden muß, wenn ich mich Tag und Nacht abmühen muß … Macht, daß ich ihn am Ende des Weges endlich finde! Erlaubt wenigstens, daß ich ihn wiedersehe … ein Mal, ein einziges Mal … auf daß ich ihm sagen kann, daß ich ihn liebe, daß ich nie aufgehört habe, ihm zu gehören, und daß niemand … je … seinen Platz einnehmen wird! Habt Mitleid … o habt Mitleid! Laßt mich ihn wiederfinden … Danach könnt Ihr mit mir machen, was Ihr wollt!« Sie barg das Gesicht in den Händen, die bald von ihren Tränen benetzt wurden, und blieb so einen langen Augenblick, für ihr Kind und Sara betend, still weinend und unbewußt eine Antwort auf ihre heiße Bitte erwartend. Und plötzlich hörte sie: »Frau … habt Vertrauen! Wenn Euer Glaube groß ist, werdet Ihr erhört werden.« Sie hob den Kopf. Vor ihr stand ein Mönch in einer langen weißen Kutte, den grauen Kopf und sein von Milde strahlendes Gesicht ihr zuneigend. Von dieser weißen Gestalt ging ein solcher Friede aus, daß Cathérine überwältigt vor ihm auf den Knien blieb, die Hände gefaltet wie vor einer Erscheinung. Der Mönch streckte seine blasse Hand nach dem neben dem Goldmantel der Jungfrau blitzenden Stein aus, berührte ihn aber nicht. »Dieses fabelhafte Juwel, woher habt Ihr es?« »Es gehörte meinem verstorbenen Gatten, dem Finanzminister von Burgund.« »Ihr seid Witwe?« »Ich war es nicht mehr. Aber der Mann, den ich geheiratet habe, ist, von der Lepra heimgesucht, nach Compostela aufgebrochen, um seine Heilung zu erflehen, und ich möchte auch dorthin gehen, um ihn wiederzufinden!« »Habt Ihr Euch einen Platz unter den Pilgern besorgt? Ihr braucht einen Beichtzettel und die Genehmigung des Leiters der Fahrenden Ritter Gottes. Sie brechen morgen auf.« »Ich weiß … aber ich bin soeben erst angekommen. Glaubt Ihr, mein Vater, daß es zu spät ist?« fragte Cathérine mit plötzlicher Angst. Ein gütiges Lächeln erhellte das Gesicht des weißen Mönches. »Ihr habt den sehnlichen Wunsch zu gehen, nicht wahr?« »Ich wünsche es mehr als alles in der Welt.« »Also kommt! Ich werde Euch die Beichte abnehmen und Euch dann einen Zettel für den Prior des Städtischen Hospitals mitgeben.« »Habt Ihr denn die Macht, mir noch so spät Einlaß zu verschaffen?« »Es gibt keine festgesetzte Stunde, in der man sich Gott nähern kann! Und ich bin Guillaume de Chalençon, Bischof dieser Stadt. Kommt, meine Tochter.« Das Herz von wunderbarer Hoffnung durchdrungen, folgte Cathérine der weißen Gestalt des Prälaten. Als Cathérine die Kirche verließ, schien sie förmlich zu schweben. Sie hatte das Gefühl, daß alles gut werden würde, daß ihre Hoffnungen ihre ganze Kraft wiederfänden, daß nichts mehr unmöglich sein würde. Man brauchte nur Mut zu haben, und Mut hatte sie von jetzt an übergenug. Am Eingang des Städtischen Hospitals, dessen hohes, spitzbogiges Portal, von zwei Steinlöwen bewacht, sich auf die Stufen der Kathedrale öffnete, fand sie Bruder Eusebius wartend vor, der, auf einem Eckstein sitzend, still den Rosenkranz betete. Als er sie bemerkte, sah er sie unglücklich an. »Dame Cathérine, es gibt keinen Platz in den Schlafsälen. Die Pilger schlafen im Hof, und ich habe nicht einmal einen Strohsack für Euch auftreiben können. Ich kann ja immer in einem Kloster Unterkunft bekommen, aber Ihr?« »Ich? Das ist unwichtig. Ich werde auch im Hof schlafen, mit den anderen. Übrigens, Bruder Eusebius, es ist Zeit, daß ich Euch zu dieser Stunde die Wahrheit gestehe. Ich werde nicht mit Euch nach Montsalvy zurückkehren. Morgen werde ich mit den anderen Pilgern nach Compostela aufbrechen … Nichts kann mich daran hindern. Aber ich möchte Euch wegen des Ärgers, den ich Euch verursachen werde, um Verzeihung bitten. Der Herr Abt …« Ein breites Lächeln hellte das runde Gesicht des kleinen Mönchs auf. Unter seiner Kutte zog er eine Pergamentrolle hervor und gab sie Cathérine. »Unser Sehr Ehrwürdiger Vater Abt«, unterbrach er, »hat mich beauftragt, Euch dies zu überreichen, Dame Cathérine. Aber ich sollte es Euch erst geben, nachdem Ihr Euer Gelübde erfüllt habt. Es ist erfüllt, nicht wahr?« »Es ist erfüllt!« »Also, hier!« Mit zögernder Hand nahm Cathérine die Rolle, brach das Siegel auf und entfaltete sie. Sie enthielt nur wenige Worte, aber während sie las, stieg ihr die Freudenröte ins Gesicht. »Geht in Frieden«, hatte Bernard de Calmont geschrieben. »Und Gott begleite Euch! Ich werde über das Kind und Montsalvy wachen …« Der Blick, den sie dem Bruder Pförtner zuwarf, war glückstrahlend. In ihrer Begeisterung küßte sie die Unterschrift des Briefes, bevor sie ihn in ihren Almosenbeutel steckte, dann streckte sie ihrem Gefährten die Hand hin. »Hier trennen wir uns nun. Kehrt nach Montsalvy zurück, Bruder Eusebius, und sagt dem Sehr Ehrwürdigen Abt, daß ich mich schäme, ihm nicht genügend Vertrauen geschenkt zu haben, aber daß ich ihm danke. Bringt ihm die Maultiere zurück, ich brauche sie nicht. Ich werde meinen Weg wie die anderen zu Fuß zurücklegen.« Dann wandte sie sich um und ging schnell davon, leicht wie ein befreiter Vogel, zur anderen Seite der Straße, wo ein schönes Schild hing, das einen Pilger mit einem großen Hut, den Stab in der Hand, zeigte und allen verkündete, daß für ›Die Straße nach Compostela‹ Meister Croizat eine Ausstattungsboutique für die fromme Reise unterhalte. Die zum Aufbruch Gerüsteten zählten an die fünfzig, Männer und Frauen, aus der Auvergne, der Franche-Comté und sogar aus Deutschland. Sie gruppierten sich nach Herkunft oder geistiger Verwandtschaft, doch einige blieben für sich, zogen ihre Einsamkeit und ihre eigene Gesellschaft vor. Inmitten ihrer neuen Gefährten wohnte Cathérine dem österlichen Hochamt bei. Sie sah nur einige Schritte von sich entfernt König Karl VII. vorübergehen und den hohen Sessel einnehmen, der für ihn im Chor aufgestellt war. Neben ihm erkannte sie die mächtige Gestalt Arthur de Richemonts. Der Konnetabel von Frankreich nahm an diesem Ostertag seinen Rang und sein Amt offiziell wieder ein. Zwischen seinen kräftigen Händen sah die junge Frau den großen blauen, mit goldenen Lilien verzierten Degen blitzen. Sie sah auch die Königin Marie, und im Gefolge Richemonts entdeckte sie die hohe Gestalt Tristan l'Hermites … Tristan, ihr letzter Freund! Die Versuchung war groß, die schweigenden Reihen, die sie umgaben, zu durchbrechen, zu ihm zu gehen … Es wäre gut, seine Freudenrufe zu hören, alte Erinnerungen aus vergangenen Tagen wachzurufen … Aber sie unterdrückte ihre Regung. Nein … sie gehörte nicht mehr zu dieser glänzenden, farbigen, prunkvollen Welt. Zwischen ihr und dieser Welt stand jetzt das Versprechen vom Abend zuvor, die weiße Kutte dieses Bischofs, der da unten im erleuchteten Chor die Messe in vollem Ornat zelebrierte. Die unsichtbare Schranke, die sie von diesem Hof trennte, zu dem sie von Rechts wegen noch gehörte, wollte Cathérine nicht durchbrechen. Die Zukunft lag woanders, und weit davon entfernt, sich zu zeigen, machte sie sich ganz klein inmitten ihrer Nachbarn, zwischen einem riesigen, angegrauten und bärtigen Burschen, der mit einer Stimme wie eine große Orgel sang, und einer hageren, blassen Frau, deren fanatischer Blick am schimmernden Altar hing. Als sie sie betrachtete, schwankte Cathérine zwischen Mitleid und Abscheu, aber sie bezweifelte, ob diese Frau, die offensichtlich krank war und von Zeit zu Zeit einen trockenen, dumpfen Husten hören ließ, die Anstrengungen der Wallfahrt aushalten könnte. Was sie betraf, wer hätte denn die Gräfin de Montsalvy, die schöne Witwe von Chinon, die von Pierre de Brézé angebetet worden war, wer hätte sie in dieser Frau, die wie alle ihre Gefährten gekleidet war, erkannt? Ein grobes graues Kleid aus dickem Wollstoff über einem Linnenhemd, feste Stiefel, ein weiter, jedem Wind und Wetter gewachsener Mantel und über dem dünnen, feinen Kopftuch, das ihr Gesicht umschloß, ein großer schwarzer Filzhut, dessen Krempe vorn durch eine Muschelspange aus Zinn aufgebogen wurde. Im Almosenbeutel an ihrem Gürtel hatte sie Gold und natürlich Arnauds Dolch, ihren treuen Kameraden in schweren Tagen und auf gefährlichen Reisen. Schließlich hielt sie in der rechten Hand das Sinnbild des Pilgers, den berühmten Pilgerstab, den langen Stock, an dessen Spitze ein runder Kürbis hing … Nein, niemand hätte sie in diesem Aufzug erkannt, und Cathérine freute sich darüber. Sie war nur eine Pilgerin unter anderen Pilgern … Die Zeremonie ging ihrem Ende zu. Die ernste Stimme des Bischofs hatte seine guten Reisewünsche an die Aufbrechenden ausgesprochen. Jetzt segnete er die Pilgerstäbe, die ihm alle mit derselben Bewegung entgegenstreckten. Die Priester, die, das große Kreuz der Prozession vorantragend, dem Zug das Geleit bis zu den Stadttoren geben wollten, setzten sich bereits in Bewegung. Cathérine warf noch einen letzten Blick auf den Chor, schloß in diesen Blick auch den König, den Konnetabel, den von Bewaffneten bewachten glänzenden Hof ein. Sie schienen sich bereits in die Zeit, in die nebelhafte Welt der Wunder zurückzuziehen. Ganz oben, alles beherrschend, konnte sie Garins verfluchten Diamanten am goldenen Stirnband der starren kleinen Jungfrau im goldenen Mantel schwarze Funken sprühen sehen. Die großen Portale öffneten sich ins Freie, auf einen blaßblauen Himmel, über den die Wolken eilten … Auf der Schwelle hob Cathérine die Brust und holte tief Atem. Sie hatte das Gefühl, daß diese Pforten sich ins Unendliche öffneten, auf eine Hoffnung, so groß wie die ganze weite Welt … Hinter den Priestern und Mönchen stürzten die Pilger, Freudenrufe ausstoßend, die abschüssige Straße hinunter. Auf beiden Seiten drückten sich die guten Leute an die Häuser, um sie vorbeigehen zu sehen. Einige riefen ihnen gute Wünsche zu, andere sagten einem Freund, einem Verwandten ein letztes Lebewohl. Nachdem die Granitwälle, auf denen die königlichen Lilienbanner knatterten, durchschritten waren, trennte sich die letzte Eskorte von den Pilgern. Vor der Kolonne wand sich ein steiler Weg einen Berghang hinauf, der wie die Himmelsleiter aussah. An der Spitze stimmte der Führer der Pilger, ein kräftiger Bursche mit feurigen Augen, mit kraftvoller Stimme das alte Marschlied an, das schon so viele durch zu lange Wegstrecken Entmutigte wiederaufgerichtet hatte, den fremden Gesang in alter Sprache, der einen so guten Takt für den Marschtritt abgab: »E ul treia! (Und weiter!) E sus eia! (Und noch mal!) Deus aîa nos! (Gott hilft uns!)« Das einfache, rhythmische Lied hob den Marschtritt gut hervor. Es pflanzte sich durch die Reihen der Pilger wie ein Lauffeuer fort. Cathérine stimmte es wie die anderen an. Ihr Herz war leicht, ihre Seele in Frieden, ihre Energie stärker als je. Hinter ihr, in der Stadt, die schon langsam verschwand, läuteten die Glocken mit voller Kraft. Ihr Siegesklang löschte die grausame Erinnerung an die Totenglocke von Carlat aus, die so lange in ihrem Herzen widergehallt hatte. Am Ende dieses vor ihr liegenden Weges war Cathérine gewiß, durch einen ebenso großen Glauben über sich selbst erhoben wie jener, der einst die Kreuzfahrer zur Eroberung des Heiligen Landes getrieben hatte, daß sie Arnaud antreffen würde! Und wenn sie bis ans Ende der Welt gehen müßte, um ihn zu finden, und sei es auch nur, um mit ihm zu sterben, würde sie bis dorthin gehen … Oben, nach dem beschwerlichen Aufstieg, empfing ein scharfer, schneidender Wind und feiner, kalter Regen, der in die Gesichter peitschte, die Pilger beim Betreten des Plateaus. Cathérine senkte den Kopf, um sich zu schützen, und ging, auf ihren Stab gestützt, dem Wind entgegen. Aber weil sie den Elementen nicht das letzte Wort in diesem ersten Handgemenge lassen wollte, sang sie lauter als je. Dieser Wind, das war der Südwind. Er war vor ihr durch die unbekannten Lande gefegt, in die sie, Tag um Tag, weiter vordringen würde, um endlich ihre verlorene Liebe wiederzufinden … Er war ihr Freund!